Peterchens Mondfahrt: Ein Märchenspiel
Chapter 1
Produced by Markus Brenner and the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This book was produced from scanned images of public domain material from the Google Print project.)
Peterchens Mondfahrt
Ein Märchenspiel von Gerdt von Bassewitz
Ernst Rowohlt Verlag, Leipzig 1912
Alle Rechte bleiben vorbehalten. Über sie wie über den Bühnenvertrieb zu verfügen, ist allein die Firma Ernst Rowohlt Verlag in Leipzig, Königstraße 10 ermächtigt.
Copyright 1912 by Ernst Rowohlt Verlag, Leipzig.
Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig
Gestalten im Märchen:
Die Mutter Peterchen } die Kinder Anneliese } Minna, das Dienstmädchen
Der Maikäfer Das Sandmännchen Peterchens Sternchen Annelieses Sternchen Drittes Sternchen Viertes Sternchen Fünftes Sternchen Die Nachtfee Das Taumariechen Der Donnermann Die Blitzhexe Die Wolkenfrau Der Sturmriese Die Windliese Der Regenfritz Der Wassermann Der Hagelhans Der Eismax Frau Holle Der Milchstraßenmann Die Sonne Die Morgenröte Die Abendröte Der Morgenstern Der Abendstern Der Weihnachtsmann Das Pfefferkuchenmännchen Der Mann im Mond
_Ort:_
Im Schlafzimmer der Kinder und auf dem Monde.
_Zeit:_
In einer Mainacht, wenn die Kinder schlafen.
1. Bild.
Peterchens und Annelieses Schlafzimmer. In der Ecke links ein großes Bett mit bunten Vorhängen. Vorn links ein Spielzeugschrank, eine Puppenstube und ein Schaukelpferd. In der Mitte des Zimmers ein breiter, niedriger Kindertisch. Rechts vorn eine Tür hinter geblümten Vorhängen. Neben der Tür ein Kleiderschränkchen, Badewanne, Waschtischchen mit zwei Schüsselchen und eine bunte Kommode mit Bilderbüchern darauf. Im Hintergrunde breites Fenster mit Vorhängen und Blumen.
Es ist Abend. Peterchen und Anneliese werden von Minna zu Bett gebracht.
_Peterchen_
(am Waschtisch, im Nachthemdchen, wäscht sich mit einem großen Schwamm).
_Anneliese_
(sitzt auf dem Bettchen, ebenso im Nachthemdchen, und flicht sich ihr Zöpfchen für die Nacht).
_Minna_
(macht das Fenster zu)
So, nun machen wir das Fenster zu, Und dann hat die liebe Seele Ruh. Der Mond kommt gerade über die Wiese.
(dreht sich herum)
Seid ihr fertig, Peterchen? Anneliese? Hurtig, hurtig ins Bettchen hinein; Wenn die Mutter kommt, muß Ordnung sein!
(Sie nimmt Peterchen den Schwamm fort und trocknet ihm mit einem großen Handtuch das Gesicht ab).
_Peterchen_
Au, Minna! meine Nase bricht ab!
_Minna_
Papperlapapp! – Papperlapapp!
_Peterchen_
Au, jetzt hast du mein Ohr geziept!
_Minna_
Was das nicht alles für Sachen gibt, Wenn man den Buben abtrocknen will!
_Peterchen_
(unter den Falten des großen Tuches)
Ja, aber ...
_Minna_
Papperlapapp! – sei still!
_Anneliese_
Minna, mein Zöpfchen ist fertig – – so?
(zeigt das Zöpfchen).
_Minna_
Schön! – Schnell ins Bettchen, du kleiner Floh!
_Anneliese_
(huscht ins Bett)
Ach ja, jetzt will ich mal recht schön schlafen Und will träumen von kleinen, weißen Schafen.
_Peterchen_
Anneliese träumt immer von Schafen, Und ich viel lieber von Pferden und Grafen Und von Prinzen und von Soldaten Und von Bonbons und Kuchen und Braten Und von ...
_Minna_
(kämmt ihn)
Ja, ja, du kleiner Mann; Von allem, was man essen kann.
_Peterchen_
(entrüstet)
Minna, einen Grafen ißt man doch nicht!
_Minna_
(hört nicht)
So, nun ist er sauber, der Wicht. – Schnell, schnell ins Bettchen!
(legt Kamm und Bürste fort).
_Peterchen_
(steht und rührt sich nicht).
_Minna_
(dreht sich herum)
Nun? hörst du nicht?
_Peterchen_
Guck mal den Mond da auf der Wiese! Guck mal den Mond, guck, Anneliese; Er sieht aus wie ein gelbes Gesicht ...
_Minna_
(schiebt ihn zum Bett)
Ja, ja, nun geh nur ...
_Peterchen_
Nein, siehst du nicht Minna? – Kennst du den Mann im Mond, Der dort oben zur Strafe wohnt, Auf dem Rücken ein Bündel Ruten?
_Minna_
Will Er wohl, will Er sich endlich sputen!
(Sie hat ihn bis ans Bett gebracht.)
_Peterchen_
Halt, Minna! da fliegt was in der Stube ...
_Minna_
(hebt ihn ins Bett)
Ins Bettchen, ins Bettchen, kleiner Bube!
_Peterchen_
Minna, ein Maikäfer, ein ganz dicker!
_Minna_
(legt ihn an Annelieses Seite)
Unsinn, schlaf jetzt, mach du deinen Nicker! – So, nun ruf’ ich die Mutter. – Schlaft schön!
(Sie geht hinaus.)
_Peterchen_
(leise)
Anneliese, ich hab’ ihn gesehen! Ganz dick ist er herumgebrumst, Dicht an mir ist er vorbeigesumst.
_Anneliese_
Peterchen, ob uns der was tut?
_Peterchen_
Nein, Anneliese, Maikäfer sind gut. Die tun einem nichts, die brummen nur.
(setzt sich im Bett auf)
Ich hab’ keine Angst, nicht eine Spur!
_Anneliese_
So ein klein bißchen hab’ ich doch Angst ...
_Peterchen_
(kühn)
Weißt du, Anneliese, wenn du dich bangst, Dann mach’ ich ihn mit dem Pantoffel kaputt.
_Anneliese_
Nein Peter, nicht – er ist ja gut! Nicht totmachen, laß’ ihn nur leben. Wir wollen ihm lieber Zucker geben; Ich habe noch in der Puppenstube.
_Peterchen_
Der ißt keinen Zucker, ich glaube es kaum; Die Maikäfer sitzen oben im Baum, Die essen Kastanien.
_Anneliese_
Ja, das kann sein.
_Peterchen_
Wie kam der bloß hier in die Stube herein?
_Anneliese_
Vielleicht hat er sich auf dem Weg verirrt Und ist aus Versehen hereingeschwirrt Und fürchtet sich nun, so ganz allein, Ohne seine Frau und seine Kinderlein.
_Peterchen_
(überlegen)
Aber, Anneliese, ein Maikäferpapa, Der bangt sich doch nicht nach der Maikäfermama; Der fliegt nur so des Abends spazieren Und guckt in die Fenster und in die Türen, Ob’s da für ihn was zu holen gibt.
_Anneliese_
Dann ist er jetzt ganz gewiß betrübt; Er hat doch bei uns nichts gefunden, und Minna hat ihn doch eingespunnt.
_Peterchen_
(nachdenklich)
Nun, man könnte ihn ja befrei’n; Aber, wo mag er jetzt nur sein? Ich glaube, er sitzt an dem Vorhang da ...
(springt aus dem Bett.)
Husch, husch! – Wo bist du, Maikäferpapa?
(Die Mutter kommt herein.)
_Mutter_
(droht)
Aber, Peterchen, sieh mal an! –
_Peterchen_
Mutti, da sitzt ein Maikäfer dran, Ein ganz dicker, den lassen wir fliegen ...
_Mutter_
(sieht nach)
Unsinn! – Ihr sollt jetzt im Bettchen liegen Und schlafen und an gar nichts denken. Wer schläft, dem will ich was Schönes schenken; Fünf Äpfelchen für jedes Kind, Wenn beide hübsch ausgeschlafen sind.
(Sie stellt zwei kleine, bunte Körbchen mit Äpfeln auf den Tisch.)
_Peterchen_
Ei, Mutti, Mutti, ich danke schön!
(hängt sich ihr an den Hals – besichtigt dann die Äpfel.)
_Mutter_
(führt ihn zum Bett.)
Erst schlafen, morgen früh besehen!
_Peterchen_
Anneliese, Äpfel, zwei Körbchen voll!
_Anneliese_
(legt der Mutter die Ärmchen um den Hals.)
Danke schön, Muttchen!
_Mutter_
(küßt sie)
Mein kleiner Troll!
(legt Peterchen ins Bett, deckt beide Kinder zu.)
So, es ist schon furchtbar spät. – Nun sprecht noch schnell euer Nachtgebet!
_Anneliese_
(faltet die Hände.)
Ich bin noch klein, mein Herz ist rein, Soll niemand drin wohnen, als Jesus allein. – Amen.
_Peterchen_
(faltet die Hände.)
Lieber Herr Jesus, mach mich fromm, Daß ich in den Himmel komm’. – Amen.
_Mutter_
(küßt beide.)
_Peterchen_
Mutti, meinen Hampelmann!
_Anneliese_
Und meine Puppe, bitte, bitte!
_Mutter_
(holt beides.)
So, hier zwischen euch in die Mitte.
_Peterchen_
Mutti, nun sing noch, eh’ wir schlafen!
_Mutter_
(setzt sich am Bett.)
Was denn? vom Prinzen, vom Schäfchen, vom Grafen?
_Peterchen_
Nein, vom Maikäfer muß es sein!
_Mutter_
Also, das Lied vom Maikäferlein:
(Sie beginnt.)
War einst ein kleines Käferlein, Summ – Summ – Summ, Hatte zwei braune Flügelein, Summ – Summ – Summ, Und sechs Beinchen hatte es auch Unter seinem schwarzweißen Bauch, Summ – Summ – Summ.
Saß auf einem grünen Baum, Summ – Summ – Summ, Träumte einen schönen Traum, Summ – Summ – Summ, Träumte von Sonne, Mond und Sternen Und von fremden Länderfernen, Summ – Summ – Summ.
Als der dunkle Abend kam, Summ – Summ – Summ, Käferlein sein Ränzel nahm, Summ – Summ – Summ, Wollt’ auf die weite Reise gehn Und die große Welt beseh’n, Summ – Summ – Summ.
Flog über einen breiten Bach, Summ – Summ – Summ, Verlor ein kleines Beinchen, ach – Summ – Summ – Summ, Reiste nur noch mit fünf Beinen, Tat so bitterlich drum weinen, Summ – Summ – Summ.
Flog es nach dem Mond geschwind, Summ – Summ – Summ, Kam ein großer Wirbelwind, Summ – Summ – Summ, Brach ein Flügelchen entzwei, Ach, das gab ein groß’ Geschrei – Summ – Summ – Summ.
Fiel in einen tiefen Wald, Summ – Summ – Summ, Starb an seinem Kummer bald, Summ – Summ – Summ, Muß die Reis’ ein Ende haben, Sandmännchen hat’s eingegraben, Summ – Summ – Summ.
(Refr.) Muß die Reis’ ein Ende haben, Sandmännchen hat’s eingegraben, Summ – Summ – Summ.
(Während des Gesanges der Mutter ist es allmählich dunkel im Zimmer geworden. Sie wiederholt die letzten Zeilen leise, während schon die Melodie von einer Geige aufgenommen wird. – Die Mutter schweigt, und die Geige spielt weiter. Es wird allmählich heller im Zimmer, aber es ist ein anderes, etwas bläuliches Licht. Die Mutter ist verschwunden. Statt ihrer sieht man einen großen Maikäfer mit übergeschlagenen Unterbeinchen auf dem Tische sitzen. Er spielt auf einer kleinen, silbernen Geige. Eines seiner mittleren Beinchen fehlt. Nach einer kleinen Zeit setzt er die Geige ab).
_Maikäfer_
Ja, so starb er, der kleine Kerl. Warum war er auch so vorwitzig und wollte nach dem Mond fliegen? Das ist nichts für so kleine Maikäfer, dazu muß man schon ein großer Maikäfer sein. – Ach ja, ich weiß nicht, mir kommen immer die Tränen in die Augen, wenn ich die Geschichte höre; sie ist auch zu rührend. (Er holt ein großes, grünes Blatt hervor und wischt sich die Augen.) Und dann fällt mir auch immer mein eines Beinchen ein, das mir fehlt; und das ist noch viel trauriger. (Er wischt sich wieder die Augen.) Ich möchte aber doch wissen, wo ich hier eigentlich bin? Kam da eben so mir nichts, dir nichts hereingebrumst, und der kleine Junge hat mich natürlich gleich bemerkt; beinahe hätte mich auch die dicke Minna totgequetscht; – na, das war ’ne Angst! (Wischt sich die Stirn.) Und dann sagt die dumme Person immer: »Papperlapapp, papperlapapp, kein Maikäfer ist da!« Als ob ich nicht ein ganz dicker wäre, einer von den allerdicksten! – Darauf ist meine Frau immer so stolz gewesen, die gute Seele. Ein Huhn hat sie neulich gefressen; sie ruhe sanft! – (Er wischt sich die Augen.) Aber, das kann alles nichts mehr nützen; ich bin eben Witwer geworden und habe ihr zu Ehren jetzt schwarze Beine statt rote. Früher sagten die Jungens, ich sei ein König; jetzt sagen sie Schuster zu mir. Aber das ist eine Dummheit; ich trage Trauer – so ist es! (Er geht im Zimmer mit komisch gravitätischen Schritten umher.) Hm, hm, – Puppenstube, Schaukelpferd – na ja – und Äpfel – hm, hm, die mag ich nicht. Ich esse lieber Salat, Lindensalat oder so was dergleichen. (dreht sich herum.) Scheint aber nicht hier zu sein. Übrigens sind die Kinder recht ordentlich. Gegen das Peterchen habe ich eigentlich etwas; er wollte mich mit seinem Pantoffel kaputt machen. – Wo ist denn eigentlich der Pantoffel? – (am Bett) Aha, da haben wir ihn! (Er nimmt ein kleines, rotes Pantöffelchen auf.) So, so – (schlägt damit auf den Tisch, als wolle er eine Fliege klatschen) schwupp, weg war ich! – Na, das wär’ ’ne schöne Geschichte gewesen! (Er wirft das Pantöffelchen an seinen Platz.) Dummes Peterchen! – Die kleine Anneliese ist besser, die hat mir das Leben gerettet. Aber Zucker wollte sie mir geben – Zucker?? (schüttelt sich komisch) Puh!! Na, da hätt’ ich schöne Bauchschmerzen gekriegt! Ein Maikäfer und Zucker! – (Er fängt an, unbändig zu lachen und komisch hin und her zu torkeln.) Als ob ich ’ne Ameise wäre! Nein, ist das komisch, nein, ist das lächerlich! So eine kleine, dumme Anneliese! – ha ha ha! – (Er fällt plötzlich versehentlich und liegt auf dem Rücken.) Hoppla!! – O, das ist eine fatale Situation! – Ja, das durfte mir eigentlich nicht passieren! (Er angelt mit seinen fünf Beinen in der Luft.) Das ist eine sehr peinliche Lage für einen wohlsituierten Maikäfer wie mich. Gut, daß mich keiner sieht. – Aber, was soll man tun? Totstellen, nützt nichts. Die Kinder rufen, nein, die lachen mich aus. Peterchen ist sowieso nicht auf den Mund gefallen. Bis morgen früh liegen bleiben? Dann tritt mich die Minna mit ihren großen Latschen tot. – O, das ist ’ne unangenehme Geschichte! Aber, ich weiß schon, es kommt vom Lachen. – Na, da wollen wir noch mal ’ne tüchtige Anstrengung machen, ob wir uns selber – hoch – rappeln – können! – (Er kreiselt sich während der letzten Worte schnell herum – dann erschöpft:) Nein, so geht’s nicht. Bei dem Karussellfahren wird man außerdem schwindlig. – Halt, ich sehe Rettung! Da ist ein Tischbein (greift mit dem Vorderbeinchen darnach.) So, nun geht’s! – Hopp – hopp – hoppla! – (Er kugelt sich herum, kommt auf die Beine und steht auf.) Uff, das war ’ne Arbeit! – (Er wischt sich mit dem Blatt den Schweiß.) So, wahrscheinlich hat mein schöner, brauner Rock nun wieder Flecken. Aber schließlich, meine Frau ist tot, und da ist es zu ertragen. Die wußte immer gleich, wenn ich mal auf den Rücken gefallen war, und dann schimpfte sie: »Na, du alter Torkelfritze, hast dir wieder einen über den Durst genehmigt? Unanständigkeiten! Unanständigkeiten!« – – Ach ja, das Huhn hat sie gefressen. Schade drum. Sie hielt auf gutes Benehmen. – (Er reckt die Beine energisch.) So, jetzt muß ich mal sehen, ob ich noch fliegen kann. (Er stellt sich in Positur, entfaltet die Flügel, ein lautes Summen beginnt, und er fliegt ein paar Meter über den Boden hin.) Famos, famos, es geht noch! (Er läßt sich wieder zur Erde herab.) – Aber eingesperrt haben sie mich hier. Das Fenster ist zu; dagegen fliegen nützt nichts; so dumm bin ich auch nicht mehr; das machen bloß die kleinen Käferhosenmätze; es gibt scheußliche Kopfschmerzen. Also, man muß sich, so gut es geht, die Zeit vertreiben. Ich werde mir mal ein lustiges Liedchen spielen. (Er nimmt die Geige, spielt eine Tanzmelodie, singt dazu und springt in grotesken Sätzen im Zimmer umher.)
Eins, zwei, drei – eins, zwei, drei, Fiel eine Biene in den Brei; Plumsdibums, Dideldumdei! Alle Käfer sitzen drum herum, Lachen sich schief, Lachen sich krumm, Brumm, brumm!
Vier, fünf, sechs – vier, fünf, sechs, Macht eine Fliege einen Klecks, Putschpitschpatsch, Klickklackklecks! Pfui, ruft jeder rechte Käfermann, Seht sie an, Was sie kann, Heran, heran!
(Peterchen und Anneliese stecken die Köpfe aus den Vorhängen ihres Bettchens und sehen ihm halb erstaunt, halb belustigt zu.)
Sieben, acht, neun – sieben, acht, neun, Tanzen alle kleinen Käferlein! Ringelreih, Dideldudeldei, Um die dicke Linde mit Gesumm, Rechts herum, Links herum, Brumm, brumm!
(Die Kinder lachen hell auf und klatschen in die Hände.)
_Maikäfer_
(hält inne, sieht sie an.)
Nanu? Was gibt es denn da zu lachen? – Das ist ein ganz bekannter Maikäfertanz!
_Peterchen_
Ja, der ist sehr komisch!
_Maikäfer_
So, meinst du? – Ihr braucht mich aber deshalb nicht auszulachen!
_Anneliese_
Nein, Herr Maikäfer, das haben wir auch gar nicht so gemeint. Wir bitten schön um Entschuldigung.
_Maikäfer_
Nun also, da ist mir’s recht. – Aber, sagt mal, warum habt ihr mich denn hier eingesperrt?
_Peterchen_
Das waren wir nicht!
_Anneliese_
Das war Minna, Herr Maikäfer!
_Maikäfer_
Na ja, die ist auch so eine dumme Trine und weiß nicht, was sich gehört. Wenn Besuch da ist, dann schließt man ihn doch nicht ein!
_Peterchen_
Ja, ich hab’ es ihr gleich gesagt, daß du da wärst; aber die Minna, nein, die ist auch wirklich zu dumm!
_Maikäfer_
(tritt ans Bett.)
Höre mal, Peterchen, eigentlich bin ich gar nicht gut auf dich zu sprechen. Du hast mich da vorhin mit deinem Pantöffelchen kaputt machen wollen!
_Peterchen_
(etwas verlegen)
Ach, weißt du, das hab’ ich man bloß so gesagt; getan hätt’ ich es sicher nicht!
_Maikäfer_
So, so, man bloß so gesagt?!
_Peterchen_
(schnell)
Weil Anneliese solche Angst hatte.
_Anneliese_
Jetzt hab’ ich aber gar keine Angst mehr, Herr Maikäfer, nicht ein bißchen!
_Maikäfer_
Gut. – Aber sagt mal, wie komm’ ich denn hier heraus? Die Nacht ist sehr schön, und ich hab’ keine Lust, hier eingesperrt zu bleiben.
_Anneliese_
(huscht aus dem Bettchen zum Fenster.)
Hier, Herr Maikäfer, aus dem Fenster. Soll ich dir aufmachen?
_Peterchen_
(springt ebenfalls aus dem Bett – energisch:)
Nein, Anneliese, nicht aufmachen! – Bitte, Herr Maikäfer, bleib doch noch ein bißchen bei uns und erzähl’ uns was aus deinem Maikäferland! Nachher lassen wir dich auch heraus.
_Maikäfer_
Nun ja, man könnte das wohl tun; aber da ist jetzt nicht viel zu erzählen; es steht schlecht um die Maikäfer; es werden viele totgeschlagen, und wenn ich an meine liebe Frau denke, die von einem Huhn gefressen wurde –
_Anneliese_
O, das tut uns aber leid!
_Peterchen_
War das unser Huhn? Da reiß’ ich ihm dafür mal gleich ein paar Schwanzfedern aus. Ich glaube, das tut mächtig weh!
_Maikäfer_
Ja, liebes Peterchen, ich weiß es nicht genau, welches Huhn es war, und das ist das Schlimme dabei.
_Peterchen_
(nachdenklich)
Na, weißt du, das ist allerdings schlimm. Allen Hühnern kann ich die Schwanzfedern nicht ausreißen; ich glaube, da bekäme ich doch Prügel.
_Maikäfer_
Dann wollen wir es lieber lassen, Peterchen, und ich will meine Frau im stillen beweinen.
(Er wischt sich die Augen mit dem Blatt.)
_Anneliese_
(mitleidig)
Herr Maikäfer, willst du etwas Zucker haben? In der Puppenstube ist welcher.
_Maikäfer_
(Kratzfuß)
Danke schön, danke verbindlichst, Anneliese; aber mein Magen verträgt das Zuckerige nicht.
_Anneliese_
(aufrichtig)
Ach, da tust du mir aber wirklich leid.
_Maikäfer_
(Kratzfuß)
O bitte, bitte, keine Ursache.
_Anneliese_
Aber vielleicht ißt du einen Apfel?
_Maikäfer_
Danke verbindlichst, nur Salat, frischen Salat von Linde oder Kastanie.
_Anneliese_
Ja, den haben wir leider nicht.
_Peterchen_
Na, ich kann ja schnell mal auf die dicke Kastanie klettern.
_Maikäfer_
(Kratzfuß)
Bitte, bemühe dich nicht, ich kann ja fliegen.
_Beide_
(bewundernd)
Ach ja, das ist wahr.
_Peterchen_
(neugierig)
Sag’ mal, wo hast du denn deine silberne Geige her?
_Maikäfer_
O, das ist ein altes Familienerbstück; denn eigentlich spielen die Maikäfer nur den Brummbaß, oder höchstens die Pauke. Aber mein Urgroßvater, er hieß Sumsemann, der wohnte nahe bei einer großen Wiese und war mit einer Grille befreundet, Zirpedirp hieß sie, das steht hier auf der Geige eingraviert; und von der Grille bekam er die Geige geschenkt, weil er ihr einmal das Leben gerettet hatte, als sie zu hoch auf einen Baum gestiegen war und einen Schwindelanfall bekam. Und seitdem spielen wir Sumsemanns die Violine statt der Baßgeige. Das ärgert zwar die anderen Maikäfer; sie meinen, es sei geschmacklos, und die Sumsemanns seien ein entartetes Geschlecht; aber wir finden das vornehmer, weil es etwas Besonderes ist. Man muß auf das Außergewöhnliche halten.
_Anneliese_
Ja, das ist auch wahr.
_Peterchen_
Na, und warum hast du denn nur fünf Beinchen? Das ist wohl auch etwas Außergewöhnliches?
_Maikäfer_
(mit einem tiefen Seufzer)
Ach! – –
_Peterchen_
O Herr Sumsemann, ich wollte dich nicht beleidigen, entschuldige, bitte!
_Maikäfer_
(wie vorher)
Ach! – –
_Anneliese_
(mitleidig)
Ist es so schrecklich, Herr Sumsemann?
_Maikäfer_
Ja, es ist sehr schrecklich.
_Beide_
Das tut uns aber leid.
_Maikäfer_
Ja, es ist der große Fluch, der auf uns Sumsemännern liegt, und das ist eine traurige Geschichte.
_Peterchen_
Wenn es eine Geschichte ist, dann mußt du sie uns erzählen.
_Maikäfer_
Nun ja, wenn ihr sie hören wollt.
(Er setzt sich auf den Tisch. Die Kinder schleppen zwei Schemelchen herbei und sitzen andächtig nebeneinander vor ihm.)
_Maikäfer_
Alle Sumsemänner haben seit vielen hundert Jahren nur fünf Beinchen. Jetzt ist das Geschlecht ausgestorben bis auf mich. Ich bin der letzte Fünfbeinige. Das sechste Beinchen aber, das ist auf dem ..... Mond.
_Die Kinder_
Ach!! –
_Maikäfer_
Ja, wie ist es da hinaufgekommen? so denkt ihr, und das ist es eben.
Vor vielen hundert Jahren war es, als der erste Maikäfer Sumsemann sich gerade verheiratet hatte und des Sonntags abends im Wald mit seiner Frau spazieren flog. Sie hatten viel gegessen und ruhten sich ein wenig auf einem Birkenzweiglein aus, und da sie sehr mit sich selbst beschäftigt waren, denn sie waren jung verheiratet, merkten sie nicht, wie ein böser schwarzer Mann, ein Holzdieb, kam; der schwang plötzlich seine Axt und hieb die Birke um; und so schrecklich schlug er zu, daß er dem Urgroßvater Sumsemann ein Beinchen mit abschlug. – Fürchterlich war es! – Und sie fielen auf den Rücken und wurden ohnmächtig vor Angst. Nach einiger Zeit aber kamen sie zu sich von einem hellen Schein, der um sie leuchtete. Da stand eine schöne Fee vor ihnen im Walde und sagte: »Der böse Mann ist bestraft für seinen Waldfrevel am Sonntag. Ich bin die Fee der Nacht und habe es vom Monde aus gesehen. Zur Strafe ist er nun mit dem Holz, das er umgeschlagen hat, auf den höchsten Mondberg verbannt. Dort muß er bleiben in alle Ewigkeit, Bäume abhauen und Ruten schleppen.«
Aber der Urgroßvater schrie und sagte: »Wo ist mein Beinchen, wo ist mein Beinchen, wo ist mein kleines sechstes Beinchen?« Da erschrak die Fee. »Ach,« sagte sie, »das tut mir sehr leid; es ist wohl an der Birke hängen geblieben und nun mit auf den Mond gekommen.« »O, o, mein Beinchen, mein kleines sechstes Beinchen!« schrie mein Urgroßvater, und seine kleine Frau weinte schrecklich, denn sie wußte, daß nun alle ihre Kinder nur fünf Beinchen haben würden – und das war schlimm.
Und als die Fee den großen Jammer sah, hatte sie Mitleid und sagte: »Ein Mensch ist zwar sehr viel mehr als ein Maikäfer, und deshalb kann ich die Strafe für den bösen Menschen nicht aufheben; aber ich will erlauben, daß gute Menschen, wenn ihr sie findet, euch das Beinchen wiederbringen können. Wenn ihr zwei Kinder findet, die niemals ein Tierchen quälten, dann dürft ihr auf den Mond mit ihnen und das Beinchen wieder holen.«
Da waren sie etwas getröstet. Aber sie fanden keine Kinder, und ihre Kinder und Enkel auch nicht, so viel sie auch suchten. Immer wurden die Sumsemänner, die Fünfbeinigen, totgeschlagen, wenn sie des Nachts in die Stuben kamen, um die Kinder zu bitten; oft von den rohen und unverständigen Dienstmädchen, oft auch von den Kindern selbst. Ach, das ist schrecklich, das ist der Fluch der Familie! Und nun bin ich der Letzte des berühmten Geschlechtes und wäre doch auch fast totgeschlagen worden vorhin vom Peterchen. (Er wischt sich mit dem Blatt die Tränen.)
_Peterchen_
(zu Tränen gerührt)
Ach, lieber Maikäfer, das tut mir jetzt so leid; aber ich habe noch niemals ein Tierchen gequält, ganz gewiß nicht.
_Anneliese_
Nein, und ich auch nicht; und nun weine nicht, lieber Maikäfer, wir meinen es sehr gut mit dir. (Sie streichelt ihn.)
_Peterchen_
(streichelt ihn auch.)
Ja, und wir würden dir dein Beinchen schon wieder besorgen, aber, weißt du, auf dem Mond? Der ist sehr weit, und da muß man fliegen können, und das können wir leider nicht.
_Anneliese_
Nein, das können wir nicht; dann fallen wir ’runter vom Mond und gehen kaputt.
_Maikäfer_
(plötzlich lebendig)
O, wenn ihr wollt, wenn ihr wollt, dann geht das alles, ihr lieben Kinderchen. – Fliegen? Pah, das ist gar nicht so schlimm, wenn man weiß, wie es gemacht wird. Das bring’ ich euch sehr schnell bei.
_Die Kinder_
(erstaunt)
Ja? –
_Maikäfer_
Ganz gewiß, wir können es hier gleich lernen.
_Peterchen_
Na, das ist aber mal herrlich – fliegen? – famos!
Anneliese, jetzt surren wir durch die Luft!
_Anneliese_
(klatscht in die Händchen)
Mitten durch! –
(Der Maikäfer nimmt seine Geige.)
_Maikäfer_