Peter Voß, der Millionendieb

Part 5

Chapter 53,767 wordsPublic domain

Jetzt war ihm alles gleich. Er wankte an Deck auf Peter Voß zu, den Hahn im Korbe der Gesellschaft.

Da standen sich plötzlich zwei Frank Murrels gegenüber. Die beiden Backfische fielen in Ohnmacht.

„Betrüger!“ zischte der echte Murrel und hob die Faust.

Die Passagiere schrien und stoben auseinander wie ein Schwarm Tauben, unter die der Habicht gefahren ist. Sie tobten aufgeregt durcheinander. Aus dem Rauchzimmer stürzte der Obersteward. Man schrie nach dem Kapitän.

Nur die Ruhe kann es machen! dachte Peter Voß und fixierte seinen Doppelgänger.

„Verhaften Sie diesen Menschen!“ sagte er dann kaltblütig zu dem Obersteward. „Er ist der Millionendieb Peter Voß aus St. Louis.“

„Schurke!“ schrie der andere. „Du bist es selbst!“

„Das ist also der Dank!“ brüllte ihn Peter Voß in der ehrlichen Entrüstung eines enttäuschten Wohltäters an. „Sie kriechen in meinen Koffer, zerbrechen mir meine kostbaren Glassachen, und ich habe trotzdem Mitleid mit Ihnen und verberge Sie in meiner Kabine. Und nun besitzen Sie die Kühnheit, mir den Kleiderschrank zu beräubern und hier herauf zu kommen und diese nichtswürdige Komödie zu spielen. Auch ein Millionendieb muß Ehre im Leibe haben.“

Ueber diese Unverschämtheit stand der echte Murrel wie entgeistert da.

Nun erschien Kapitän Siems. Er beschaute sich erst den echten, dann den falschen Murrel und schüttelte dann den Kopf. So etwas war ihm denn doch noch nicht vorgekommen!

„Hier sind meine Papiere!“ schrie der echte Murrel mit wutbebender Stimme und riß ein paar Blätter aus seiner Brusttasche.

„Ha!“ schrie Peter Voß mit noch wutbebenderer Stimme, stürzte sich schnell auf ihn und entriß ihm die Papiere. „Also auch die hast du mir gestohlen. Da schlag doch ein Kreuzhimmeldonnerwetter drein.“

„Kommen Sie mal beide mit!“ sagte der Kapitän und ließ sie voran aufs Bootsdeck steigen. „Das wollen wir geschwind heraus haben. Geben Sie mal die Papiere her.“

„Sie wagen an meiner Identität zu zweifeln?“ rief Peter Voß empört, als sie in der Kapitänskajüte waren.

„I wo!“ tröstete ihn der Kapitän. „Ich will bloß den andern entlarven.“

Da gab Peter Voß die Papiere heraus, und der Kapitän begann den echten Murrel nach allerlei zu fragen, was in den Papieren stand. Wie am Schnürchen wußte er die Angaben herzubeten.

„Was sagen Sie dazu?“ fragte der Kapitän ganz überrascht.

„Er hat als geübter Verbrecher die Papiere auswendig gelernt,“ erklärte Peter Voß wegwerfend.

In diesem Augenblick nahm Frank Murrel vom Tische einen schweren Aschenbecher aus gegossenem Glas, eine Streichholzschachtel und einen abgebrannten Zigarrenstummel und begann zu jonglieren. Und wie konnte er jonglieren! Obwohl der Dampfer vom Grundschwell der nahen Küste stark überholte, fiel kein Stück auf den Boden.

„Donnerwetter!“ rief Kapitän Siems in ehrlicher Bewunderung.

Jetzt sitz ich fest! dachte Peter Voß, steckte aber eine sehr verächtliche Miene auf.

„Na, Sie können das gewiß noch viel besser!“ wandte sich der Kapitän an Peter Voß.

„Gewiß!“ bestätigte er. „Aber ich tu es nicht.“

Kapitän Siems wich zurück, als hätte er einen sehr derben Schlag auf die Kugelweste erhalten. Sein Argwohn wuchs. Der echte Frank Murrel lächelte triumphierend. Die Kabinenfurcht verließ ihn restlos.

„Das ist sehr verdächtig!“ bemerkte der Kapitän und blätterte in den Papieren. „Wann ist Ihre Mutter geboren?“

Peter Voß sagte das richtige Datum, er hatte es sich genau gemerkt, als Frank Murrel seine Personalien hergebetet hatte.

Der Kapitän schaute ihn plötzlich außerordentlich kritisch an.

„Sagten Sie nicht, Ihre Mutter sei eine geborene Hamburgerin?“ fragte er stirnrunzelnd. „Hier stammt sie aus Boston. Ich denke, Sie geben die Komödie auf und lassen sich einsperren.“

Peter Voß nickte. Der Kapitän drückte auf den Knopf.

„Er hat die Millionen auf der Bank von England liegen!“ rief Frank Murrel.

„Das geht mich nichts an!“ wies ihn der Kapitän zurück und gab dem eintretenden Steward einen Wink, den ersten Bootsmann zu holen.

Michel Mohr kam und schaute sich die beiden Murrels an.

„Da steht der Millionendieb!“ sagte der Kapitän und wies auf Peter Voß. „Setz ihn mal fest.“

„Kommen Sie!“ schnauzte Michel Mohr seinen allerbesten Freund an und packte ihn am Arm.

„Mein Smoking!“ jammerte Frank Murrel, denn natürlich hatte sich Peter Voß zum Kapitänsessen den allerbesten Rock angezogen.

Er wurde in die kleine Kabine zurückgeführt und mußte in seinen alten blauen Anzug kriechen. Wieder packte ihn Michel Mohr am Arm und brachte ihn unter der Bedeckung zweier Stewards aufs Achterdeck, wo er die Isolierzelle des Hospitals aufschloß.

„Marsch, hinein mit dir, du gottverdammichter Millionendieb!“ brüllte er und gab ihm einen Fußtritt, der aber nur die Luft traf.

Der eine Steward grinste, dem andern schlotterten die Knie. Er schlich zu Frank Murrel in die Kabine und beschwor ihn unter Tränen, ihn nicht anzuzeigen.

„Geben Sie die zwanzig Dollar heraus!“ befahl Frank Murrel und nahm das Geld zurück. „Damit ist die Sache für mich erledigt. Sie haben mich wenigstens nicht verhungern lassen.“

Er war alles in allem ein Gemütsmensch.

Peter Voß war gefangen.

Eine ganz gemütliche Bude! dachte er. Nur ein wenig duster!

Denn es war gegen zehn Uhr abends.

Die „Pennsylvania“ hatte durch den Sturm eine solche Verspätung erlitten, daß der Kapitän nicht mehr hoffen konnte, vor Mitternacht den Hafen zu erreichen. Er befahl deshalb, die Maschine auf halbe Kraft zu setzen und ließ nach Plymouth telegraphieren, daß der Millionendieb gefangen sei.

Es war Mitternacht, als der Dampfer ziemlich dicht bei Cowsand vorbeischob.

Um diese Zeit versicherte sich Michel Mohr, daß niemand auf dem Achterdeck war, öffnete die Isolierzelle und schlüpfte hinein.

„Du mußt über Bord!“ flüsterte er Peter Voß zu. „Es ist höchstens eine Seemeile bis hinüber. Schwimmen kannst du ja.“

Damit öffnete er das Bullauge, das mehr als groß genug war, Peter Vossens geschmeidigen Körper durchzulassen. Er drückte Michel Mohr dankbar die Hand und warf den Rock ab. Durch die nächtige Dunkelheit schimmerte in geringer Entfernung an Backbord die Küste.

„Schlecht abkommen!“ meinte er, nachdem er den Kopf durch das Bullauge gesteckt hatte. „Laß mich lieber an Deck!“

„Aber du mußt über Bord springen!“ machte sich Michel Mohr aus.

„Verlaß dich drauf, ich bin gewohnt, große Sprünge zu machen!“ versicherte Peter Voß und holte aus der Tasche seiner Jacke seine Brieftasche. „Hier ist mein Geld. Mach ein Paket daraus und leg es bei der Agentur in Plymouth nieder; wenn die Luft rein ist, hol ich es mir ab.“

Dann flitzte er in elegantem Hechtsprung über die Backbordreling.

Michel Mohr steckte die Brieftasche ein und ging auf die Brücke.

„Der Millionendieb ist über Bord gegangen!“ sagte er. „Das Bullauge stand offen, und das Schloß ist unversehrt.“

„Himmelbombenelement!“ fluchte der erste Offizier überrascht.

„Ja!“ meinte Michel Mohr. „Es gibt solche Leute, die ersaufen lieber, als daß sie ins Zuchthaus wandern.“

Der Kapitän wurde geweckt und gefragt, ob man ein Boot aussetzen solle.

„Ach was, laß ihn laufen!“ knurrte er und legte sich auf die andere Seite. „Da haben wir wenigstens keine Scherereien.“

Um sechs Uhr morgens ging die „Pennsylvania“ hafenein, nachdem sie draußen drei Stunden vor Anker gelegen hatte. Sie hatte in Plymouth nur dreiviertel Stunden Aufenthalt.

Dodd war schon am Tage vorher mit Polly in Plymouth eingetroffen, nachdem ihn die amerikanische Gesandtschaft in London legitimiert hatte. Die Plymouther Polizeibehörde unterstützte ihn nach Kräften. Noch in der Nacht wurde ihm das letzte Telegramm von der „Pennsylvania“ ins Hotel gebracht. Er ließ es für Polly offen auf dem Tische liegen und erschien gleich mit dem Zollboot an Bord der „Pennsylvania“.

Kapitän Siems zuckte nur die runden Schultern und wies auf Michel Mohr, der Dodd in die Isolierzelle auf dem Achterdeck führte.

„Da hat er drin gesessen!“ sagte er treuherzig. „Hier liegt noch seine Jacke.“

Dodd durchstöberte die Jacke und die Zelle, ohne den geringsten Anhaltspunkt zu entdecken. Nun nahm er Michel Mohr ins Verhör.

„Ich denke mir, er wird an Land geschwommen sein!“ meinte der Bootsmann im Tone des biederen Seemanns. „Bei Cowsand sind wir dicht unter der Küste längs gekommen. Aber das ist schon gut sechs Stunden her.“

Die „Pennsylvania“ war unterdessen von der Gesundheitspolizei freigegeben worden und Polly eilte an Deck. Sie lief Dodd fast in die Arme.

„Wo ist er?“ rief sie außer sich vor Aufregung.

„Ueber Bord gegangen,“ sagte Dodd zerknirscht.

„Er ist ertrunken!“ schrie sie und sank in Ohnmacht.

Dodd bettete sie mit Hilfe des Oberstewards in einen langen Stuhl. Dann flößte er ihr etwas Tee ein, worauf sie wieder zu sich kam.

„Mrs. Voß!“ flehte er sie an. „Sie befinden sich im Irrtum. Er ist dicht unter der Küste über Bord gesprungen und jedenfalls an Land geschwommen. Ein Millionendefraudant begeht keinen Selbstmord.“

„Aber er ist doch geisteskrank!“ stöhnte sie matt.

„Gewiß, gewiß!“ beeilte er sich ihr zu versichern. „Er hat eine Manie, und zwar die Manie, die entwendeten Millionen vor uns in Sicherheit bringen zu wollen. Nur Geduld, wir werden ihn schon fassen.“

Dann nahm er sich Frank Murrel vor, um ein genaues Signalement des Flüchtlings festzustellen, und schickte einen neuen Steckbrief in die Presse und an die Zeitungen, diesmal aber ohne Photographie. Frank Murrel machte ihn auch darauf aufmerksam, daß die Millionen auf der Bank von England lägen. Auf einem Polizeidampfer, den man ihm bereitwilligst zur Verfügung stellte, fuhr Dodd mit Polly nach Cowsand hinaus.

Inzwischen hatte Michel Mohr Peter Voßens Brieftasche mit sehr viel Packpapier verschnürt und suchte nun den Agenten. Auf diesen armen, geplagten Mann stürmten in der kurzen Zeit tausend Sachen gleichzeitig ein.

Es ging alles in rasendem Tempo. Michel Mohr fand ihn im dichtesten Gedränge vor dem Bureau des Zahlmeisters stehen.

„Hier ist ein Paket!“ sagte Michel Mohr und reichte es über drei Köpfe hinweg. „Es wird abgeholt werden.“

Und fort war er. Denn auch er hatte die Hände voll zu tun. Der Agent schaute gar nicht hin und schob das Paket unter den Arm. Eine Viertelstunde später ging die „Pennsylvania“ hafenaus und überholte kurz vor der Ausfahrt einen kleinen Polizeidampfer, auf dessen Verdeck Dodd und Polly standen. Michel Mohr schaute über Bord und erkannte den amerikanischen Detektiv.

„Viel Vergnügen!“ rief er hinunter und schwang seine Mütze.

Der Agent übergab das Paket einem jungen Mann, der in der Expedition der Firma tätig war.

„Da steht kein Name drauf,“ sagte er und drehte das Paket zwischen den Fingern hin und her.

Der Agent öffnete es selbst, stellte mit Hilfe des amerikanischen Bürgerbriefes, der in der Brieftasche lag, den Namen des Eigentümers fest, ließ das Paket, da es 4000 Dollar in bar enthielt, unter seiner Aufsicht versiegeln und befahl, es in den Geldschrank zu legen.

Dodd aber umfuhr mit Polly im Laufe des Tages den ganzen Cowsand und fragte überall nach einem Schiffbrüchigen. Alle Polizisten der Halbinsel brachte er auf die Beine. Seine Zähigkeit und Ausdauer waren verblüffend, und vor seiner Systematik, mit der er alle Möglichkeiten erschöpfte, konnte ihm keine Spur verborgen bleiben. Am Abend hatte er ein vollständig negatives Resultat. Niemand hatte einen fremden Mann gesehen, nirgends fehlte ein Boot.

„Sehen Sie!“ rief Polly, ganz erschöpft von den Anstrengungen und brach in ein herzzerreißendes Schluchzen aus. „Er ist doch ertrunken. Oder ein Haifisch hat ihn verschlungen.“

„Hier gibt es keine Haifische, Mrs. Voß!“ beruhigte er sie. „Ein Millionendefraudant springt nicht ins Meer, wenn er nicht schwimmen kann. Und zwei Seemeilen bei ruhigem Wasser ist gar keine so hervorragende Leistung. Er ist von irgend einem Boot aufgefischt worden.“

Dann gab er Befehl, nach Plymouth zurückzufahren.

Hier war inzwischen der Steckbrief gegen Peter Voß in den Abendzeitungen erschienen, und der Blick des Agenten fiel auf den Namen Peter Voß.

„Aha!“ rief er und meldete das Vorhandensein des Wertpakets bei der Polizei.

Es wurde sofort abgeholt und Dodd ausgeliefert. Der ließ sich bei dem Agenten melden, um genaue Nachforschungen nach dem Auslieferer anzustellen.

„Es tut mir leid!“ sagte er achselzuckend. „Ich weiß nicht einmal, ob es einer von der Besatzung oder von den Passagieren gewesen ist. Der Mann weiß vielleicht gar nicht, um was es sich handelt. Sonst hätte er das Paket nicht unversiegelt abgeliefert. Es ist Geld darin.“

„Ich weiß es!“ erwiderte Dodd. „Wenn jemand nach dem Paket fragt, halten Sie ihn fest und melden Sie es der Polizei.“

„Verlassen Sie sich darauf!“ rief der Agent. „Ich verdiene mir gern 2000 Dollar nebenbei.“

Dodd sauste ins Hotel zurück und fand Polly wieder in Tränen.

„Sie haben ihn in den Tod getrieben!“ schluchzte sie auf.

„Hier der Beweis, daß er noch lebt!“ sagte er und legte das Paket auf den Tisch. „Bitte, öffnen Sie es.“

Es waren an Geld vier Tausenddollarnoten darin und einige Legitimationspapiere.

„Das ist alles?“ rief sie, grausam enttäuscht.

Dodd glaubte selbst nicht daran, daß Peter Voß die 4000 Dollar abholen würde. Was waren einem Millionendieb 4000 Dollar? Das Paket war nur abgegeben worden, um ihn auf eine falsche Fährte zu locken. Aber er fand es nicht für ratsam, dieses Bedenken Polly mitzuteilen.

„Was nun?“ sagte sie ganz verzweifelt.

„Warten und suchen!“ erwiderte er. „Sobald er in die Agentur kommt, wird er gepackt.“

„Aber ich leugne seine Identität!“ rief sie und fuhr empor.

„So lautet unser Kontrakt!“ bestätigte er kopfnickend. „Ich hoffe, Sie werden niemals nötig haben, mich des Kontraktbruches zu beschuldigen.“

Da trocknete sie ihre Tränen und faßte wieder Mut. Eine unerklärliche, aber tiefinnere Zuversicht, daß Peter Voß noch am Leben sei, stärkte sie. Seine Brieftasche ließ sie nicht mehr von sich.

Am nächsten Morgen fuhren sie im Auto an der schönen, englischen Kanalküste entlang, wo Dodd jedes, auch das kleinste Fischerdorf aufsuchte und Nachforschungen anstellte. Doch nirgends fand sich eine Spur. Auch auf der Agentur meldete sich niemand.

Die Nachforschungen bei der Bank in London blieben, wie Dodd vorausgesehen hatte, ohne jeden Erfolg.

Peter Voß war verschwunden, als hätte ihn das Meer oder die Erde verschlungen.

5.

Peter Voß war ein ausgezeichneter Schwimmer. Glücklich war er aus dem Heckstrudel der „Pennsylvania“ herausgekommen und suchte nun mit kräftigen Stößen das nahe Land zu erreichen. Aber die Strömung war stärker und versetzte ihn in den Kanal hinaus. Wohl eine ganze Stunde arbeitete er unermüdlich dagegen an. Er kam nicht vom Fleck.

Na, denn nicht! dachte er und machte kehrt.

Weit draußen leuchtete das Feuer von Eddystone. Darauf hielt er zu. Da er nun mit dem Strome schwamm, machte er flotte Fahrt, ohne daß er sich übermäßig anzustrengen brauchte. Aber allmählich verließen ihn doch die Kräfte. Da sah er plötzlich dicht vor sich einen Zweimastschoner aus der Dunkelheit der Nacht auftauchen. Er hatte ihn nicht eher zu Gesicht bekommen, weil das Fahrzeug mit abgeblendeten Lichtern fuhr. Peter Voß hielt darauf zu. Da es bei Backbordhalsen anlag, konnte er ihm den Weg abschneiden.

„Mann über Bord!“ schrie er, als er in Rufweite war.

Der Matrose am Ruder streckte den Kopf über die Reling.

„Halloh!“ schrie Peter Voß mit dem ganzen Aufgebot seiner Stimme. „Ihr wollt doch einen Christenmenschen nicht ersaufen lassen?“

Da flog ein Rettungsring über Bord. Gleich darauf tauchte ein zweiter Kopf über die Reling. Dieser Mann warf Peter Voß ein Tau zu. Wenige Augenblicke später war er an Bord. Es war die „Queen“ aus Falmouth mit drei Mann Besatzung an Bord, ein Schiffer, der sich Penfold nannte, ein Matrose und ein Schiffsjunge. Der Schiffer schien über den neuen Gast nicht gerade erfreut zu sein. Peter Voß scherte sich nicht viel darum, verlangte zu essen und zu trinken und bekam es auch. Dann besah er sich das Schiff näher.

„Ihr fahrt ohne Lichter, Mann!“ sprach er zu dem Schiffer.

Der knurrte etwas, ging auf die Seite und ließ ihn stehen.

Da ist etwas nicht in Ordnung! dachte Peter Voß und hielt die Augen offen.

Bald darauf, als sie Eddystone querab hatten, ging der Schiffer unter Deck. Peter Voß machte sich an den Matrosen, der am Steuer stand, und wollte ihn aushorchen. Da kam er erst recht an den Unrechten.

Ankunft und Ladung blieben im ungewissen.

„Das ist sicher ein Schmuggler!“ sagte sich Peter Voß und legte sich in die erste beste Koje.

Am folgenden Morgen versuchte er es noch einmal mit dem Kapitän. Der Schiffer merkte sofort, daß er einen seebefahrenen Mann vor sich hatte, und machte ihm, ohne nach seinem Namen zu fragen, das Anerbieten, an Bord zu bleiben.

„Wenn die Heuer gut ist,“ meinte Peter Voß, „dann bin ich nicht abgeneigt.“

So wurde er wieder einmal Matrose. Schon am ersten Abend waren keine Geheimnisse mehr für ihn an Bord. Das Schiff hatte Whisky, Streichhölzer und Kautabak geladen und versuchte sich langsam gegen die französische Küste aufzukreuzen. Die wetterfesten, normanischen Fischer in Pleherel warteten schon darauf. In der dritten Nacht sollte die Schmuggelei vor sich gehen. Aber das Wetter machte ihnen einen bösen Strich durch die Rechnung. Eine schwere See stand vom Ozean her in dem Kanal und machte es dem kleinen Fahrzeug unmöglich, sich der brandenden Küste zu nähern.

Erst am fünften Abend, als sich die See wieder beruhigt hatte, bekamen sie das Land in Sicht. Peter Voß stand am Steuer. Der Schiffer war außerordentlich zufrieden mit ihm. Er ließ den Schlickhaken wegwerfen und die Segel reffen. So blieben sie bis Mitternacht in einer Entfernung von zwei Seemeilen vom Lande liegen.

Punkt zwölf Uhr brannte der Schiffer eine Rakete ab, sie wurde sofort vom Lande erwidert. Nun wurde der Anker wieder gehoben und das Schiff mit halbgerefften Segeln der Küste nähergebracht. Die finstere, ruhige Nacht war dem Unternehmen außerordentlich günstig. Drei große Boote tauchten plötzlich im Gischt der Brandung auf, stießen heran und legten sich längsseits. Wohl an hundert fleißige Hände regten sich, die Ladung zu übernehmen. Das alles ging lautlos und ohne Kommando vor sich. Kein Licht wurde angezündet. Jeder fand seine Handgriffe im Dunkeln.

Die scheinen das nicht zum erstenmal zu machen! dachte Peter Voß und half fleißig mit. Vom Zusehen und Faulenzen war er überhaupt kein Freund.

Da brach plötzlich eine blendende Helle über sie herein. Sie kam vom Meere. Nichts konnte man da erkennen, nur einen grellen Schein, der sich geschwind näherte.

Es war der französische Zollkreuzer.

Hals über Kopf sprangen die Fischer in ihre Boote und stießen von dem englischen Schoner ab. Wenn es ihnen gelang, vor ihren Verfolgern die Brandung zu erreichen, so waren sie gerettet. Die Ladung warfen sie unterwegs über Bord. So konnte man ihnen nichts nachweisen. Umsomehr aber dem englischen Schiffer Penfold. Denn die Hälfte der Ladung lag noch im Raum. Außerdem schwammen rings um den Schoner Whiskykisten, Streichholzschachteln und Kautabakrollen in buntem Gemisch, sämtlich englischen Ursprungs.

Mit einer scharfen Wendung legte sich der Zollkreuzer neben den Schoner und machte daran fest. Ein Dutzend Zollbeamter, bis an die Zähne bewaffnet, sprang an Bord. Schiffer Penfold wehrte sich wie ein Verrückter. Mit einem Spillspaken teilte er nach allen Seiten hin Schläge aus. Auch der Matrose und der Schiffsjunge ließen sich nicht so ohne weiteres überwältigen. Nur Peter Voß tat nichts, die Hüter der französischen Zollgesetze zu erzürnen. Die Hände in den Taschen, ließ er sich ruhig gefangen nehmen.

Es kann mir gar nichts Besseres passieren! dachte er und folgte mit einem freundlichen Lächeln der Einladung, auf den Zollkreuzer zu übersiedeln. Sein schönes Taschenmesser wurde konfisziert.

Schon am nächsten Mittag saßen sie im Gefängnis von St. Malo. Peter Voß bekam eine freundliche, geräumige Zelle mit schöner Aussicht auf das Meer und war mit seinem Schicksal mehr als zufrieden. Sogar eine richtige, eiserne Bettstelle hatte er. Als sich die schwere Tür hinter ihm geschlossen hatte, stellte er sich auf den Kopf und strampelte vor Freude mit den Beinen.

Hier bleibe ich, bis die Kupferpapiere oben sind! dachte er vergnügt und streckte die Nase durch das Fenstergitter, um möglichst viel von dem nahen Hafen und der schönen Umgebung zu erschauen.

Wenn mich Bobby Dodd hier findet, dann kann er wirklich mehr als in den Zeitungen für sich Reklame machen!

Und voller Heiterkeit legte er sich auf das harte Lager und begann sich eins zu pfeifen. Nur Polly fehlte ihm zu seinem vollen Glück.

Noch niemals hatte ein so vergnügter Häftling im Gefängnis von St. Malo gesessen, wie der neue auf Zelle Nummer 19. Der Wärter mußte sich immer das Lachen verbeißen, wenn ihm dieser Mann, beim Essenbringen, auf den Händen entgegengelaufen kam oder gar durch die Zelle Rad schlug, immer von einer Ecke in die andere. Peter Voß wurde die Zeit durchaus nicht lang. Wenn er sich nicht Bewegung machte, unterhielt er sich mit dem Wachtposten, der vor der Front des Gefängnisses auf- und abspazierte. Sein Französisch war zwar nicht tadellos, aber es genügte vollkommen zur Verständigung.

Zwischendurch nahm er sich die Zeit, sich auf sich selbst zu besinnen. Er lag auf der Pritsche und dachte an Polly. Was würde sie für Augen machen, wenn sie ihn hier sitzen sähe? Und er lachte vor Vergnügen laut auf.

Da meldeten sich von der nächsten Zelle her Klopftöne. Er horchte gespannt. Lange und kurze Töne unterschied er, zu bestimmten Zeichen zusammengestellt. Es war kein Zweifel, der Mann morste. Und auf diese Art der Verständigung verstand sich Peter Voß aus dem Grunde. Als Seemann hatte er nicht nur bei Tage mit Flaggen zu signalisieren gelernt, sondern auch bei Nacht durch lange und kurze Laternenblitze. Das ganze Alphabet hatte er im Kopfe. Und sofort begann die Unterhaltung.

„Wer dort?“ fragte er auf englisch, weil ihm diese Sprache geläufiger als die französische war.

„William Schmidt aus London,“ war die Antwort.

„Weshalb sitzt du hier?“

„Ich habe einen kleinen Einbruch begangen und drei Jahre abgekriegt.“

„Gratuliere! Wie lange sitzt du schon?“

„Ein halbes Jahr. Aber ich habe es gründlich satt.“

„Kann ich mir denken,“ telegraphierte Peter Voß zurück.

„Nächstens breche ich aus.“

„Wie denn?“ fragte Peter Voß neugierig.

„Durch das Fenster, ich habe schon fünf Eisen gelockert.“

„Sieht man das nicht?“

„Nein! Ich habe eine lange Praxis hinter mir. Ich gehe nach London.“

„Viel Vergnügen!“

„Willst du nicht mitkommen?“

„Danke, mir gefällt es hier sehr gut!“

„Du brauchst nur die Mauer zu durchbrechen. Sie ist nicht dick.“

„Ich habe dafür keinen Bedarf!“ erwiderte Peter Voß.

„Damn!“ kam es von drüben, und die Unterhaltung wurde abgebrochen.

Ich werde mich schwer hüten, dieses schöne Hotel, wo man gratis verpflegt wird, so schnöde zu verlassen! dachte Peter Voß und rieb sich die Hände.

Drei Tage später stand er vor dem Gericht. Seine drei Komplicen waren schon verhört worden und saßen zerknirscht auf der Anklagebank. Peter Voß wünschte höflich: „_Bonjour, messieurs!_“ und machte vor jedem der drei Richter eine tiefe Verbeugung. Aber sie schauten sehr mürrisch drein und hielten es nicht einmal für nötig, ihm zu danken.

Nun sollten seine Personalien aufgenommen werden. Durch die Aussage des Schiffers und seiner beiden Leute war schon festgestellt worden, daß er als Schiffbrüchiger vor Plymouth an Bord des Schmuggelschiffes gekommen war. Demgemäß konnte seine Strafe nur gering ausfallen, wenn er nicht überhaupt ganz freigesprochen werden mußte.

„Wie heißen Sie?“ fragte der erste Richter.

Peter Voß kratzte sich hinterm Ohr. Es schien ihm nicht ratsam zu sein, seinen wahren Namen zu sagen.

„Ich heiße,“ begann er und stockte plötzlich, da ihm ein anderer Name nicht so schnell einfallen wollte, worauf er mit der merkwürdigen Eröffnung herausplatzte: „Meine Herren, ich habe meinen Namen vergessen.“