Part 2
Aber Stockes schnappte nicht über. Er erholte sich allmählich von seinem Lachen, bot aber noch immer ein Bild vollkommenster Verzweiflung.
„Warten Sie hier auf die Polizei!“ befahl er dem Wächter; dann wandte er sich an den Prokuristen: „Fahren Sie zu Mr. Patton und teilen Sie ihm mit, was hier vor sich gegangen ist. Sobald das Protokoll aufgenommen ist, werde ich selbst zu ihm kommen.“
Der Prokurist eilte davon. Stockes blieb sitzen, wo er saß, und schüttelte nur zuweilen sein graues Haupt.
Zehn Minuten später traten zwei Polizeikommissare herein, um das Protokoll aufzunehmen.
Der Wächter machte seine Aussagen. Als er bei der gelben Handtasche angelangt war, warf ihm Stockes einen vernichtenden Blick zu.
Und dann kam Bobby Dodd, der große Bobby, wie man ihn in St. Louis mit Vorliebe nannte. Er war ein smarter Gentleman, sonst war nichts Besonderes an ihm. Sein glattrasiertes Gesicht wußte er zu beherrschen. Seine grauen Augen waren lauernd.
Die beiden Polizeikommissare begrüßten ihren berühmten Kollegen mit vorzüglicher Hochachtung.
Er prüfte das Protokoll sehr flüchtig, schaute etwas länger in die Bücher hinein, ohne Peter Voßens raffinierte Fälschungen zu entdecken, und prüfte die Löschblätter vergeblich nach Fingerabdrücken. Dem Geldschrank schenkte er kaum einen Blick.
„Mr. Stockes, Sie haben mich rufen lassen,“ sagte er dann kurz und verbindlich. „Ich habe seit einigen Tagen mein Verhältnis zu der Behörde gelöst. Das heißt, wenn ich eine Sache in die Hand nehme, wird sich die Behörde damit begnügen, mich zu unterstützen. Ueber die Höhe des Honorars werden wir uns verständigen, wenn ich den Dieb abliefere.“
„Es ist mir weniger um den Dieb, als um das Geld zu tun,“ warf Jim Stockes ein.
„Er wird das Geld nicht gestohlen haben, um es in den Mississippi zu werfen!“ lächelte Doddy verbindlich. „Ich bringe Ihnen natürlich den Dieb und das Geld.“
„Und Sie werden ihn erwischen?“ fragte Stockes schweratmend.
„Well, ich hoffe es!“ sagte Dodd einfach. „Er müßte denn auf den Mond auskneifen. Hat dieser Peter Voß Verwandte?“
„Eine junge Frau!“ erwiderte der zweite Kassierer, seinem Chef zuvorkommend. „Sie hat uns soeben nach dem Verbleib ihres Mannes antelephoniert.“
„Sehr gut!“ sagte Dodd und zog sich die Handschuhe aus. „Ich bitte um ihre Adresse.“
Er notierte sich die Wohnung, wandte sich an den Wächter und ließ sich von ihm die Vorgänge der vergangenen Nacht ganz genau erzählen. Dann verlangte er einen Zirkel. Mit diesem schritt er zu der Karte der Vereinigten Staaten von Nordamerika, die an der Wand hing, maß eine bestimmte Entfernung in Kilometern ab und schlug einen Kreis mit St. Louis als Mittelpunkt.
„Diese Linie hat das gelbe Automobil 1177 bei Tagesanbruch erreicht,“ belehrte er die beiden Polizeibeamten. „Telegraphieren Sie sofort an alle Stationen, die dicht bei diesem Strich liegen. Daß der Defraudant die St. Louis Bridge als Ziel angegeben hat, ist nur ein Trick von ihm, um uns weiszumachen, er wäre nach New York durchgebrannt.“
Die Polizeibeamten schrieben sich eiligst die Namen der betreffenden Städte auf. Bobby Dodd verfaßte inzwischen eine Notiz, die er den Polizisten überreichte.
„Vervielfältigen und an die Zeitungen geben!“ befahl er kurz. „Sobald sich etwas meldet, benachrichtigen Sie mich nach dieser Adresse.“
Damit wies er ihnen das Blatt, auf dem Polly Voßens Adresse stand, die sie gleichfalls notierten.
Während die beiden Polizeibeamten davoneilten und Dodd selbst mit der höchsten Geschwindigkeit seiner Maschine nach dem kleinen Landhaus hinter dem Carondelet-Park sauste, wo Polly, noch immer in Tränen aufgelöst, auf die Heimkehr ihres Mannes wartete, trat Jim Stockes in das Privatkontor Dick Pattons.
„Stockes, Stockes!“ empfing ihn der dicke Baumwollkönig und wankte mit wuchtigen Schritten auf ihn zu. „Das ist ja eine gottsverdammte Geschichte. Was machen wir nun?“
„Ich mache Bankrott!“ sagte Stockes gebrochen.
Da faßte ihn Dick Patton am obersten Westenknopf und schrie ihn an: „Und meine zwei Millionen? Ich brauche sie. Ich habe damit gerechnet.“
„Es tut mir leid,“ seufzte Stockes ergeben. „Gegen durchgehende Kassierer gibt es keine Versicherung.“
„Well, setzen wir uns!“ stöhnte Dick Patton auf. „Sie werden nicht Bankrott machen. Ich werde Ihnen die Zahlung stunden, bis der Schurke erwischt ist. Ich stelle aber die Bedingung, daß Sie ihm Bobby Dodd nachschicken.“
„Ist bereits geschehen.“
„Sehr gut! Er wird ihn kriegen, und Sie werden mir dann zahlen.“
„Und wenn er ihn nicht kriegt?“
„Ausgeschlossen! Aber gut, setzen wir den Fall. Dann zahlen Sie, wann Sie können.“
„Ich werde nicht zahlen können, Mr. Patton. Ich werde meine Office zumachen müssen. Ich habe mich an Kupferaktien überkauft; diese Papiere sind die einzige Sicherheit, die ich bieten kann.“
„Danke sehr! Ich nehme sie nicht geschenkt.“
„Sie werden wieder in die Höhe klettern, sonst geht die ganze Industrie zum Teufel.“
„Mag sie!“
„Also werde ich Konkurs anmelden.“
„Der Teufel soll Sie holen!“ schrie Dick Patton, erbost über diese Hartnäckigkeit. „Meinen Sie, ich will meine zwei Millionen verlieren? So dick habe ich sie nicht sitzen. So wahr ich Dick Patton heiße, ich lasse Sie nicht fallen! Sie sitzen mit mir an einem Klubtisch. Sie werden sich durchbeißen. Wieviel brauchen Sie?“
„Ich will es versuchen!“ erwiderte Stockes bekümmert.
Dann machten sie einen Vertrag, wodurch Dick Patton zu einem Drittel in die Firma Stockes & Yarker zu sitzen kam, ohne daß es jemand erfuhr. Jim Stockes empfahl sich, kaum daß er dankte.
„Das Schlimmste ist überstanden!“ seufzte er erleichtert auf, als er wieder in seinem Wagen saß, um nach dem kleinen Landhaus hinter dem Carondelet-Park zu fahren. „Jetzt muß ich nur noch Mrs. Voß aufklären.“
Aber Bobby Dodd war längst bei ihr. Unter strömenden Tränen hatte sie ihn empfangen. Dodd war von ihrer großen Schönheit überrascht. Er erkannte sofort, sie hatte keinen Anteil an dem Verbrechen ihres Mannes. Und da Dodd ein Gentleman war, empfand er es als eine Notwendigkeit, ihr die furchtbare Sache so schonend wie möglich mitzuteilen.
„Mrs. Voß!“ begann er. „Meine Zeit ist kostbar. Sie werden begreifen, daß ich keine Umschweife mache. Mr. Voß steht in dem Verdacht, heute nacht der Firma Stockes & Yarker zwei Millionen Dollar gestohlen und damit das Weite gesucht zu haben.“
Wie geistesabwesend starrte sie ihn an, dann schrie sie auf: „Nein, nein! Das ist unmöglich. Mein Mann hat das nicht getan. Niemals!“
„Well!“ sagte Dodd mitleidig. „Ich bin derselben Ansicht. Er hat es sicher nur in einem Anfall von Geistesstörung getan. Er war in der letzten Zeit sehr nervös, wie in der Office festgestellt worden ist. Sie werden mir das gewiß bestätigen können.“
Polly nickte unter fortwährendem Schluchzen.
„Mir ist der Auftrag geworden, das Geld wieder herbeizuschaffen. Nur darum ist es mir zu tun, nicht um die Bestrafung Ihres Mannes.“
„Ach!“ seufzte sie aus tiefstem Herzensgrunde. „Er hat es sicher nicht getan. Es muß ein Irrtum vorliegen.“
„Ein Irrtum ist ausgeschlossen!“ sagte er mit lebhaftem Bedauern in der Stimme und schaute ihr dabei tief in die hellgrauen Augen, die sie groß und erschreckt auf ihn gerichtet hielt.
„Entsetzlich!“ stöhnte sie auf und warf sich schluchzend mit dem Gesicht in die Kissen des Diwans.
„Mrs. Voß!“ beruhigte er sie und berührte sie leise an den zuckenden Schultern. „Die Sache ist gar nicht so schlimm, wie sie aussieht. Ich mache Ihnen folgenden Vorschlag: Wir versuchen Mr. Voß zu finden, überreden ihn im guten, das Geld herauszugeben, und schicken ihn auf ein paar Wochen ins Sanatorium. Dort pflegen Sie ihn wieder gesund. Irgend welche gerichtliche Folgen hat die Sache dann nicht. Darauf gebe ich Ihnen mein Ehrenwort. Nur im Falle er die zwei Millionen nicht herausgeben will, müßte ich zu stärkeren Mitteln greifen. Aber ich hoffe, wenn Sie mich begleiten, wird es nicht nötig sein.“
Polly hörte auf zu schluchzen und richtete sich auf. Dodds sanfte, fast zärtliche Stimme hatte sie aus ihrer Verzweiflung gerissen. Sie schöpfte Hoffnung. Es war ja gar nicht anders denkbar! Peter Voß konnte das Geld nur in einem Zustand augenblicklicher Zerstreutheit genommen haben.
„Wo ist er?“ fragte sie und strich sich die blonden Locken aus der zarten, faltenlosen Stirn. „Führen Sie mich zu ihm.“
„Das wird etwas umständlich sein,“ sagte Dodd erfreut, daß sie auf seinen Vorschlag so bereitwillig einging, „aber wir werden ihn schon finden. Ich denke, in spätestens einer halben Stunde die Route seiner Flucht unzweifelhaft feststellen zu können. Ich will es Ihnen auch gestehen, daß mein Vorschlag auch auf einem guten Teil Eigennutz beruht. Ich kenne Mr. Voß nicht, Sie aber kennen ihn.“
„Hier ist sein Bild!“ sagte sie und reichte ihm eine Photographie, dann sank sie wieder auf den Diwan, schlug ihre Hände vors Gesicht und schluchzte: „O Peter, Peter, daß du mir so etwas antun konntest! Ist das deine Liebe?!“
„Fassen Sie sich!“ beruhigte Dodd sie und betrachtete aufmerksam die Photographie. „Ein hochintelligentes Gesicht! Wir werden unsere liebe Not mit ihm haben. Den Vollbart wird er sich natürlich abnehmen lassen. Und dann werde ich ihn überhaupt nicht erkennen können. Aber bei Ihnen, Mrs. Voß, ist das anders. Sie werden ihn sicher auch ohne Bart erkennen.“
„Unter Tausenden würde ich ihn herauskennen!“ rief sie und sprang auf.
Da pochte es an die Tür, und der eine der beiden Polizeibeamten trat herein. Polly prallte vor der Uniform förmlich zurück.
„Das gelbe Automobil 1177 ist vor zwei Stunden in Louisville gewesen!“ meldete er Dodd.
„Also doch New York!“ flüsterte er überrascht. „Wir haben es entweder mit einem harmlosen Anfänger oder mit einem total Verrückten zu tun.“
„Das Auto kann gegen Mittag in Cincinnati sein,“ sagte der Polizist. „Sollen wir es anhalten und den Mann verhaften lassen?“
„Nein!“ rief Polly außer sich. „Nicht verhaften! Keine Polizei!“
Dodd sann ein paar Augenblicke nach.
„Nein!“ sagte er dann zu dem Polizeibeamten. „Ich werde selbst die Verfolgung aufnehmen. Telegraphieren Sie nach Cincinnati, daß man das gelbe Automobil ganz genau beobachten soll, falls es eintrifft. Ich werde mir dort selbst die Auskunft holen. Und dann bestellen Sie sofort bei William Webster & Son den größten und schnellsten Wagen mit den beiden zuverlässigsten Chauffeuren. In wieviel Minuten können Sie reisefertig sein?“ wandte er sich an Polly.
„Sofort!“ rief sie und lief ins Nebenzimmer, um sich anzukleiden.
„Bestellen Sie den Wagen telephonisch für mich!“ sagte Dodd zu dem Polizisten und wies auf das Telephon, das draußen im Hausflur angebracht war. „In einer Viertelstunde muß er da sein.“
Während der Beamte sich mit der großen Automobilfabrik von William Webster & Son verbinden ließ, durchsuchte Dodd den Schreibtisch Peter Voßens. Und wie konnte Dodd suchen! Es war ein Vergnügen, ihm zuzusehen. Plötzlich leuchteten seine Augen auf. Er hatte einen deutschen Militärpaß gefunden, der das genaue Signalement des Flüchtlings enthielt. Schnell warf er einige Zeilen auf ein Papier und drückte es nebst dem Paß dem Polizisten in die Hand.
„Das ist der Steckbrief. Schnell fort damit. Die Photographie hat keinen Zweck. Sie verwirrt nur. Er hat sich sicher den Bart abnehmen lassen. Und ja nicht vergessen, nach Cincinnati zu telegraphieren.“
Der Beamte verschwand, Dodd suchte weiter. Besonders die Löschblätter der Schreibmappe und den Papierkorb durchstöberte er mit staunenswerter Sachkenntnis und Geschwindigkeit. Aber er fand keinen Fingerabdruck.
Auch gut! dachte er, gab das Suchen auf und schritt nachdenklich im Zimmer auf und ab.
Er fühlte nur den Beruf in sich, die zwei Millionen wieder herbeizuschaffen, und zwar möglichst ohne Mrs. Voß zu kränken, die einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht hatte. Doch nicht nur sein Mitleid mit ihr, auch sein Gerechtigkeitsgefühl sträubte sich dagegen, Peter Voß wie einen gemeinen Verbrecher zu behandeln. Ein Mann, der von einem solch entzückenden, unschuldigen Wesen geliebt wurde, war kein gewöhnlicher Defraudant, ein solcher Mann konnte den Diebstahl wirklich nur in einem Anfalle von geistiger Störung begangen haben. Außerdem hatte Dodd als Privatdetektiv den brennenden Ehrgeiz, auf eigene Faust, möglichst ohne die Mitwirkung der öffentlichen Organe, seine Aufgaben zu lösen.
Das war auch letzten Endes der Grund gewesen, warum er dem öffentlichen Sicherheitsdienst den Rücken gewandt hatte. Für ihn kam die Polizei nur noch als Ermittelungsinstrument in Betracht.
Der Fall Peter Voß lag sonnenklar. Er hatte sich in das gelbe Automobil 1177 gesetzt. Dieses Auto war in Louisville gesehen worden.
Da trat der andere Polizeibeamte herein und berichtete von den weiteren Nachforschungen, die man inzwischen in Louisville angestellt hatte.
„Der Mann ist um sieben Uhr vor dem Bristol-Hotel abgestiegen. Er hatte einen dunkelblonden Vollbart.“
Dodd lächelte. Welch ein Stümper von Defraudant! Dieser Peter Voß konnte unmöglich normal sein.
„Wo hatte er die Handtasche?“ forschte er.
„Eine Handtasche hatte er gar nicht bei sich. Er machte ein sehr vergnügtes Gesicht und trank Champagner. Beim Wirt erkundigte er sich nach dem Weg nach Cincinnati.“
„Ich habe schon Anweisung gegeben, nach Cincinnati zu telegraphieren!“ sprach Dodd ruhig. „Das Auto soll beobachtet, aber nicht angehalten werden. Wir haben es mit einem Geisteskranken zu tun. Er hat das Geld offenbar versteckt, darum darf er nicht verhaftet werden. Wie leicht kann er bei der Verhaftung seinen Verstand völlig verlieren, und dann sind die zwei Millionen unauffindbar. Oder der Schlag kann ihn treffen. Was noch schlimmer wäre! Die Sache muß mit der allergrößten Vorsicht angefaßt werden.“
Auch der zweite Beamte verschwand, indem er seinen großen Kollegen uneingeschränkt bewunderte.
„Sind Sie fertig?“ fragte Dodd höflich an der Tür, die ins Ankleidezimmer führte.
„Ich komme sofort!“ rief Polly zurück.
Armes Kind! dachte Dodd und sah sich wieder der Photographie des Defraudanten gegenüber.
Peter Voß war ein Verrückter. Er trug noch den Vollbart. Der Steckbrief durfte nicht ohne das Bild hinausgehen. Dodd griff danach und sprang zum Fenster. Der Beamte war fort. Dafür sauste jetzt ein großes Automobil mit zwei Chauffeuren um die Ecke. Ein kleinerer Wagen hielt eben vor der Tür. Dodd sah den Inhaber der Firma Stockes & Yarker aussteigen und ins Haus treten. Gleich darauf stand er Dodd gegenüber.
„Sie sind noch hier?“ fragte Jim Stockes ganz verdutzt.
„Sie kommen wie gerufen!“ rief Dodd und drückte ihm die Photographie in die Hand. „Bringen Sie das Bild sofort auf die Polizeioffice, damit der Steckbrief nicht ohne Klischee hinausgeht. Die ersten dreitausend Exemplare sollen expreß nach New York geschickt werden.“
„New York?“ sagte Stockes und mußte sich auf den Stuhl setzen, so zitterten ihm die Knie. „So haben Sie die Spur schon gefunden?“
„Eilen Sie!“ drängte Dodd, ohne auf seine Frage einzugehen.
„Ich wollte aber erst ein paar Worte mit Mrs. Voß sprechen!“ meinte Stockes eigensinnig.
„Unnötig, sie begleitet mich!“ erwiderte Dodd und wies auf die Tür.
Da kam Polly reisefertig aus dem Nebenzimmer gestürzt.
„Das Auto ist schon da!“ rief sie und erkannte plötzlich Jim Stockes. „Ach, Mr. Stockes. Ich bin todunglücklich. Verzeihen Sie ihm und zeigen Sie ihn um Gottes willen nicht an. Wir wollen ihn in Güte dazu bringen, daß er das Geld wieder herausgibt. Er hat es in einem Anfall von Geistesstörung getan! Bitte, bitte, guter, lieber Mr. Stockes, nicht der Polizei anzeigen. Mr. Dodd hat mir versprochen, daß es keine gerichtlichen Folgen haben wird. Haben Sie mir das nicht versprochen?“ wandte sie sich an Dodd.
„Ich werde es halten,“ versicherte er, „ich werde die Polizei nur bemühen, wenn es durchaus notwendig ist. Das heißt also, wenn er die Millionen nicht gutwillig herausgeben will.“
„Da hören Sie’s!“ rief Polly und lief hinaus, um die Dienstboten zu instruieren.
Jim Stockes stand wie versteinert und schaute auf Peter Voßens Bild. Es war vielleicht besser, Mrs. Voß erfuhr die Wahrheit nicht. In Dodds Gegenwart wäre es überdies ganz ausgeschlossen gewesen, sie einzuweihen. Sie kehrte gewiß bald zurück. Da war noch immer Zeit, ihr die Wahrheit mitzuteilen.
„Machen Sie, daß Sie fortkommen!“ schrie Dodd und schob ihn zur Tür hinaus. „Sie haben keine Zeit zu verlieren.“
Jim Stockes blieb nichts übrig, als zu gehorchen.
Dodd fuhr zuerst nach seiner Wohnung, um seine Koffer, die immer fertig gepackt waren und alles Nötige enthielten, mitzunehmen.
Fünf Minuten später knatterte der hundertundzwanzigpferdige Riesenwagen von William Webster u. Son, bei dem eine Panne von vornherein ausgeschlossen war, über die St. Louis Bridge. Unermüdlich warf dieses schnaubende Ungetüm einen Kilometer nach dem andern hinter sich. Da es nirgends Halt machte, überholte es spielend den schnellsten Expreßzug. Der eine Chauffeur schlief, der andere fuhr.
„Tahitaha!“ schrie das Signalhorn.
Polly lehnte in den Polstern und war bald vor Erschöpfung eingeschlafen. Auch Dodd schloß die Augen. Noch konnte er sich Ruhe gönnen. Polizeileute und Passanten schimpften hinter dem stinkenden, ratternden Untier hinterdrein. Am Abend hatte es Cincinnati erreicht.
Das gelbe Automobil mit seinem bärtigen Insassen war hier gegen Mittag mehrfach beobachtet worden, hatte Benzin eingenommen und war in östlicher Richtung verduftet. Zehn Minuten Aufenthalt genügten, um das festzustellen.
„Also doch nach New York!“ rief Dodd verwundert.
Es war jetzt kein Zweifel mehr möglich, Peter Voß war ein Irrsinniger.
Dann ging es weiter durch die Nacht nach Osten. Vier Scheinwerfer, blendend wie Sonnen, klärten den Weg auf. Polly schlief, sie hatte sich an das Trompetengeschrei des Signalhorns schon gewöhnt. Dodd flößte ihr zuweilen ein Glas Wein ein.
Denn er war nicht nur ein Gentleman, sondern er hatte auch ein warmes Herz. Das schöne, zarte, unschuldige Geschöpf, das da in den Kissen lag, dauerte ihn aufs höchste. Dieses entzückende Wesen, hilflos wie ein Kind, war an einen geisteskranken Millionendieb gekettet und liebte ihn obendrein. Als wenn es nicht genug anständige Männer auf der Welt gäbe! Und Dodd warf schnell einen zufriedenen Blick auf sein Bild, das ihn aus dem schmalen Wandspiegel herausfordernd ansah.
Sobald vor ihnen ein gelbes Automobil auftauchte, hatten die Chauffeure ein bestimmtes Signal mit der Hupe zu geben, die wie ein altgermanisches Kriegshorn brüllte. Dreimal schon war Polly davon geweckt worden. Das erstemal war es eine Mietsdroschke aus Grafton, das zweitemal ein großer Vergnügungswagen mit einer ganzen Familie an Bord, das dritte Mal ein Lastfuhrwerk gewesen. Im Morgengrauen erreichten sie die Vorberge der Alleghany. Jetzt erst konnte der Wagen seine Leistungsfähigkeit beweisen. Ohne Verminderung seiner Schnelligkeit schob er sich die ununterbrochene Steigung empor. Am Morgen wurde in Cumberland eine Frühstückspause gemacht.
Polly hatte sich etwas erholt, aß aber wenig. Dodd bediente sie mit einer geradezu hinreißenden Liebenswürdigkeit.
Um zehn Uhr morgens hatten sie die Höhe des Gebirges hinter sich.
Und da erblickte Polly das gelbe Automobil 1177. Die Hupe brüllte.
Wie ein Windspiel stob es den gegenüberliegenden Abhang hinunter und verschwand blitzschnell um die Ecke.
„Das ist er!“ rief sie außer sich und begann am ganzen Leibe zu zittern.
Dodd trieb die Chauffeure zur höchsten Eile an. Aber was half’s? Auf den geraden Strecken konnten sie wohl die ganze Kraft ihrer Maschine ausnützen, aber an den zahlreichen Windungen und Kehren mußten sie viel stärker bremsen als der kleine Wagen, der wie ein Wiesel vorauslief. Da griff Dodd zum letzten Mittel. Kurz bevor das gelbe Auto um die nächste Ecke schoß, riß er seinen Browning heraus. Polly fiel ihm aufschreiend in den Arm. Erst mußte er ihr hoch und heilig versprechen, nicht auf Peter Voß, dessen steifer Hut deutlich im Fond des Wagens zu sehen war, zu schießen. Bei der nächsten Biegung krachte Dodds Waffe dreimal hintereinander. Die letzte Kugel traf, der rechte Vorderreifen platzte mit einem Knall. Das gelbe Auto wurde gegen die Felswand geschleudert. Der steife Hut schoß gegen das vordere Fenster.
Mit drei Sprüngen war Dodd heran, packte den Defraudanten mit festem Polizeigriff und ließ ihn sofort wieder fahren. Der vermeintliche Verbrecher bestand nämlich aus zwei Polstern, einem Luftkissen, dem schon bekannten steifen Hut und einem Ueberrock. Der gelbe Chauffeur, der mit ein paar Schrammen davongekommen war, machte das dümmste Gesicht, das überhaupt einem Chauffeur zur Verfügung stand.
„Ueberlistet!“ knirschte Dodd ergrimmt.
Polly aber fiel in Ohnmacht, als sie den Hut und den Ueberrock ihres Mannes erkannte. Dodd fing sie auf und bettete sie im Wagen.
Aus dem Chauffeur des gelben Autos war nichts herauszufragen. Er hatte bis zum letzten Augenblick einen lebendigen Reisenden zu fahren geglaubt. Um drei Uhr nachts war der Passagier in Grafton eingestiegen, und in der ganzen Zeit hatte der Wagen nicht ein einziges Mal gehalten.
„Zurück nach Cumberland!“ befahl Dodd seinen Chauffeuren.
„Mein Geld!“ schrie der gelbe Chauffeur und ballte die Fäuste hinterdrein.
3.
Den lärmenden Broadway in New York spazierte ein Mann entlang, der in einen gelben Staubmantel gehüllt war und auf dem grauen, kurzgeschnittenen Haar eine gelbe Mütze mit Automobilbrille trug. Sein Gesicht war bartlos.
Es war niemand anders als Peter Voß, der Millionendieb aus St. Louis.
Er war kurz nach Cumberland bei einer scharfen Steigung aus dem gelben Automobil gesprungen, war in die Stadt zurückgekehrt, hatte sich bei dem ersten Barbier den Bart abnehmen, bei dem zweiten das Haar stutzen, bei dem dritten mit einer kräftigen Höllensteinlösung grau färben lassen, hatte sich in einem Modemagazin mit Staubmantel und Mütze kostümiert und war mit dem Expreßzug ohne Unfall nach New York gelangt.
Jetzt ging er über den Broadway, um nach Hoboken überzusetzen, wo er ein geeignetes Schiff für die Ueberfahrt nach Hamburg suchen wollte. Denn die Passage zu bezahlen, dazu hatte er nicht die geringste Lust.
Plötzlich blieb er vor einer Anschlagsäule stehen, von der ein gelbes Plakat herunterleuchtete. Da hing sein eigener Steckbrief. Schmunzelnd las er ihn und betrachtete mit innigem Vergnügen seine bärtige Photographie, die es in Lebensgröße verzierte.
Zweitausend Dollar Belohnung! stand in fetten Buchstaben darüber.
„Ist das nicht ein bißchen wenig?“ knurrte er verstimmt.
Unterschrieben war der Steckbrief mit Bobby Dodd.
Da kam um die nächste Ecke, hinter der die Polizeioffice lag, ein Schutzmann gesaust, der an seinem Fahrrade einen Leimtopf hängen hatte. Vor der Anschlagsäule saß er ab, schwang den Pinsel quer über Peter Voßens Bart, und schon klebte darüber ein roter Zettel. Ohne sich umzusehen, sauste der Schutzmann die Straße hinauf zur nächsten Säule.
Peter Voß las mit steigender Verwunderung die Worte, die auf dem roten Zettel standen: „Der Flüchtling trägt keinen Bart, hat sich die Haare grau färben lassen und ist bekleidet mit einem gelben Staubmantel und gelber Automobilmütze.“
Jetzt wird’s brenzlich! dachte Peter Voß und sprang in die nächste Droschke, deren Kutscher er zurief, den Broadway hinunterzufahren.
Zunächst entledigte er sich seines Staubmantels, den er zusammengerollt neben sich legte. Bei dem nächsten großen Eckrestaurant ließ er halten und verschwand darin, um zwei Minuten später aus der anderen Tür mit einer blauen Mütze wieder zu erscheinen. Die Droschke ließ er im Stich. Der Kutscher mochte sich mit dem Mantel bezahlt machen.