Peter Voß, der Millionendieb

Part 10

Chapter 103,729 wordsPublic domain

„1,69!“ erwiderte Emil Popel prompt, denn das stand auf seinem Militärpaß.

„Das geht an!“ versetzte Peter Voß befriedigt. „Haare?“

„Braun,“ antwortete Emil Popel zögernd.

„Hell oder dunkel?“

„Das weiß ich nicht genau.“

„Augen?“

Hier versagte Emil Popel völlig.

„Aber hör mal an!“ rief Peter Voß empört über diese große Unwissenheit und blieb stehen. „Haben sie nicht im Zuchthaus sofort dein genaues Signalement aufgenommen?“

„Nein!“ bekannte Emil Popel.

„So eine Bummelei!“ brummte Peter Voß.

„Sie wollten mich wohl messen und photographieren,“ erklärte Emil Popel kleinlaut, „aber es kam nicht dazu, ich glaube, der Apparat war kaputt.“

„Das sind ja himmelschreiende Zustände!“ rief Peter Voß grimmig und stampfte mit den schweren Zuchthäuslerschuhen durch den aufgeweichten Schmutz der Landstraße.

Eine halbe Stunde später erreichten sie das einsame Schulhaus. Das Wetter klärte sich plötzlich auf. Peter Voß schob Emil Popel in die Retirade und befahl ihm zu warten. Dann schlich er um das Haus herum, als hätte er nur den Schlüssel zur Hintertür, und holte aus dem Bienenstock seine Brieftasche, ohne daß er einen Stich bekam.

Wieder bei Emil Popel angekommen, zündete er ein Streichholz an und leuchtete ihm ins Gesicht. Prüfend musterte er seine erschreckten, ängstlichen Züge.

„Nicht übel!“ sagte er und warf das Streichholz weg. „Augen und Haare stimmen. Nur deine Nase ist ganz ordinär. Aber dafür kannst du nichts.“

„Krieg ich nun das Geld?“ fragte Emil Popel zaghaft.

„Hier!“ erwiderte Peter Voß und nahm im Finstern ein paar von seines Onkels Hundertmarkscheinen aus der Tasche. „1, 2, 3 und 4! Das sind vierhundert Mark. Damit kommst du nach Australien, wenn’s sein muß. Natürlich Zwischendeck. Und hier ist das Legitimationspapier, darauf steht bescheinigt, daß du amerikanischer Bürger bist. Lern unterwegs ein bißchen Englisch. Du heißt jetzt Peter Voß, also verplapper dich nicht.“

„Peter Voß!“ papageite Emil Popel und steckte das Papier ein.

„Das heißt,“ fuhr Peter Voß fort, „in New York heißt du wieder Emil Popel. Geld hast du. Und Urkundenfälscher werden nicht ausgeliefert. Also keine Angst! Du brauchst meinen Namen nicht länger zu mißbrauchen, als es unbedingt nötig ist.“

„So einer bin ich nicht!“ sagte Emil Popel in grundehrlichem Tone, dachte aber genau das Gegenteil.

Dann verschwand er auf den Wald zu.

Peter Voß trug die Brieftasche wieder in den Bienenstock.

Darauf pochte er ans Fenster, hinter dem Minkwitz schlief. Mit der brennenden Lampe in der Hand öffnete der die Tür und erschrak ganz außerordentlich über den Zuchthauswärter in Sträflingskleidern, der auf der Schwelle stand.

„Peter!“ rief er entsetzt und mußte die Lampe hinstellen, so zitterten ihm die Hände. „Was ist denn los?“

„Ich hab einem armen Teufel fortgeholfen!“ lachte Peter Voß und drückte die Tür zu. „Er ist aus dem Zuchthaus ausgebrochen!“

Dann erzählte er ihm den ganzen Hergang und setzte sich in der Sträflingskleidung zum Abendbrot nieder. Minkwitz schwankte zwischen Bewunderung und Entsetzen.

„Ein Urkundenfälscher!“ tröstete ihn Peter Voß. „Ein dummer Kerl. In Amerika wird er keine Urkunden fälschen. Da muß er erst mal Englisch lernen.“

Doch die Rache war schon unterwegs. Kaum eine Viertelstunde nach Emil Popels Ausbruch war die gesamte Polizei von Strienau auf den Beinen. Der Beamte an der Oderbrücke gab die Richtung an. Ein Polizeihund nahm die Spur auf. Um Mitternacht bellte er vor dem Pograuer Schulhaus.

Peter Voß, der eben beim dritten Glas Grog war, spitzte die Ohren. Mit einem Sprung war er im Garten. Eine tolle Jagd begann. Nicht lange und er lief dem Wachtmeister, der die Dorfstraße besetzt hielt, in die Arme.

„Haben wir dich endlich, du Ausreißer!“ schnaufte der dicke Milzler und leuchtete ihm mit der elektrischen Taschenlampe ins Gesicht. „Dir wollen wir deine Frechheiten versalzen.“

Peter Voß gab jeden Widerstand auf. Er wurde gefesselt und zur Schule geführt, wo Minkwitz in heller Verzweiflung zurückgeblieben war.

„Wie kommst du in die Schule?“ schnauzte Milzler.

„Ich wollte Kleider stehlen!“ log Peter Voß.

Minkwitz fiel ein Stein vom Herzen.

„Natürlich Kleider stehlen und Geld!“ brüllte der Wachtmeister und knuffte ihn in die Seite. „Du verdammter Galgenstrick. Du kannst dich auf drei Jahre gefaßt machen.“

„Ein bißchen viel!“ versetzte Peter Voß mit Gleichmut. „Zwei tun es auch.“

„Da schneide dich man nicht in den Finger!“ rief der dicke Milzler und packte ihn im Genick.

Wo bin ich vor Dodd sicherer als in einem preußischen Zuchthause! dachte Peter Voß seelenruhig und ließ sich auf einen schnell requirierten Wagen laden.

Im Trabe ging’s nach Strienau zurück, wo ihn der Wärter, der von Emil Popel überwältigt worden war, bewillkommnete.

„Du verfluchter Saukerl!“ brüllte der und riß ihm den Mantel herunter. „Dir will ich das Fell vergerben. Und wie hast du Schwein meinen Mantel zugerichtet?“

„Verzeihung!“ erwiderte Peter Voß höflich. „Das schlechte Wetter!“

Dann wurde er vor den Direktor geführt. Der hatte im Gegensatz zu seinem Kollegen in St. Malo nicht den geringsten wissenschaftlichen Ehrgeiz und begnügte sich einzig und allein damit, ein möglichst korrekter Beamter zu sein.

„Das ist also der Ausbrecher?“ fragte er und musterte ihn kritisch.

„Ach, Herr Direktor!“ jammerte Peter Voß gar erbärmlich und rang die Hände. „Tun Sie mir nichts. Ich hab’s gar nicht gerne getan. Es ist halt so plötzlich über mich gekommen.“

„Fort mit ihm!“ befahl der Direktor mit einer energischen Handbewegung. „Gleich das Protokoll aufnehmen! Photographie, Fingerabdrücke! Oder ist der Apparat noch nicht in Ordnung? Und dann drei Tage Wasser und Brot.“

Zehn Minuten später saß Peter Voß in der Badewanne. Das Wasser war reichlich kalt.

„Wie oft wird hier am Tage gebadet?“ fragte er arglos.

Schwupp! tauchte ihm der erboste Wärter den Kopf unter Wasser, daß ihm die Luft verging.

„Aber hören Sie mal!“ rief Peter Voß ungehalten, nachdem er das verschluckte Wasser von sich gesprudelt hatte. „Ich bin eine derartige Behandlung nicht gewohnt.“

„Maul halten!“ brüllte der Wärter ihn an. „Hier hast du nur deine Schnauze aufzureißen, wenn du gefragt wirst.“

„Danke für die Belehrung!“ meinte Peter Voß, die übrigen Worte erstarben in einem unverständlichen Gegurgel.

Als er wieder in die Höhe kam, war sein Gesicht blaurot.

Junge, Junge! dachte er und wischte sich die Tränen aus den Augen. Hier sind die Leute bei weitem nicht so gemütlich wie in St. Malo!

Beim Photographieren steckte er ein höchst bekümmertes Gesicht auf, nachdem er vorher seine Nase durch heftiges Reiben und Drücken auf ein größeres Volumen und auf ein geradezu ordinäres Format gebracht hatte. Er sah jetzt wirklich mehr wie Emil Popel als wie Peter Voß aus. Nun wurde er von unten nach oben gemessen, wobei es ihm gelang, sich um einen halben Zentimeter zu verkleinern. Brustumfang und Fingerabdrücke und was sonst noch zur wissenschaftlichen Feststellung einer verbrecherischen Individualität gehörte, kamen haargenau ins Protokollbuch. Dann erschien der Arzt und behorchte ihn.

„Tadellos gesund!“ bemerkte er und ging wieder hinaus.

Eine Viertelstunde später saß der falsche Emil Popel in der vorletzten Zelle auf der rechten Seite des obersten Korridors.

Das ist aber schnell gegangen! dachte er und legte sich auf die Pritsche, weil er hundemüde war.

Friedrich Minkwitz dankte seinem Schöpfer, daß er noch so davongekommen war. Emil Popel aber sauste längst als Peter Voß durch Oesterreich nach Süden.

Auch Dodd und Polly, die noch immer in Hamburg waren, warteten vergeblich auf die Wirkung des Steckbriefes. Daß man daraufhin den Kapitän Siems mitten auf dem Jungfernstieg festgenommen hatte, war nicht gut als Erfolg anzusehen.

Dodd mußte schließlich die Annahme, daß sich Peter Voß noch immer in Hamburg aufhielt, fallen lassen. Weiter wälzte er die Hamburger Anmelderegister, um schließlich festzustellen, daß der Gesuchte während seiner früheren Anwesenheit in Hamburg als Matrose bei der Logiswirtin Hansen auf der Adolfstraße gewohnt hatte.

Mit Mutter Hansen wurde der gewandte Dodd im Handumdrehen fertig. Sie war eine viel zu ehrliche Natur, um sich erst aufs Leugnen zu verlegen. Daß sie dadurch Peter Voß schaden könnte, das glaubte sie nicht. Er war ja unschuldig.

Mit ihrer Hilfe stellte Dodd Peter Voßens neues Signalement fest und fragte sie auch sonst gehörig aus.

„Er wollte nach Berlin!“ bekannte sie endlich.

Das war die Wahrheit, und Berlin war groß. Da sollte er ihn erst mal finden!

Noch an demselben Tage übersandte Dodd dem Fahndungsblatt einen revidierten Steckbrief und ließ ihn außerdem in einigen der verbreitetsten Zeitungen und Zeitschriften veröffentlichen.

Dann schickte er an Stockes & Yarker ein beruhigendes Telegramm, worin er mitteilte, daß er die verlorene Spur wieder aufgefunden hätte, und seine weitere Reiseroute angab.

Nun fuhr er mit Polly nach Berlin.

Peter Voß saß in seiner sicheren Zelle und löffelte seine dicken Erbsen, in denen ein winziges Stücklein Speck schwamm.

Wenn das so weiter geht, dachte er, muß ich krank werden! Vielleicht ein kleiner Tobsuchtsanfall. Am Ende komme ich dann in die Irrenanstalt. Da gibt’s wenigstens ein bißchen Unterhaltung.

Als der Wärter am Abend hereinkam, um die Zelle zu revidieren, stand Peter Voß gerade in der Mitte des kleinen Raumes und machte Kniebeugen mit Armstrecken, ganz ordnungsmäßig in drei Zeiten. Er zählte sogar dazu.

„Stramm gestanden!“ fuhr ihn der Wärter an.

Peter Voß schoß an die Wand und machte sich steif wie ein Ast.

„Was machen Sie denn für ein bärbeißiges Gesicht, Herr Inspektor?“ fragte Peter Voß bekümmert. „Sie müssen es mir nicht übel nehmen, daß ich Sie damals so hinterrücks überfallen habe. Das ist sonst meine Mode nicht. Aber manchmal, da weiß ich nicht recht, was ich tue. Ich habe die Sache schon furchtbar bereut.“

„Hm!“ machte der Wärter wütend. „Die Flausen kenn ich.“

Er ging, und Peter Voß begann das linke Bein und den rechten Arm zu rollen, zwölfmal vorwärts und zwölfmal rückwärts.

Ob ich das wohl zwei Jahre aushalte? dachte er dann und legte sich auf die Pritsche.

10.

Dodd und Polly waren in Berlin und warteten. Acht Tage lang hielt Polly diese quälende Ungewißheit aus, dann war sie nahe am Verzweifeln. Sie konnte sich beim besten Willen nicht auf den Ort besinnen, wo Peter Voß von seinem Onkel erzogen worden war. Sie hatte nun einmal kein Gedächtnis für geographische Namen. Dodd blieb nichts anderes übrig, als nach Hamburg zurückzufahren und von neuem die Melderegister zu wälzen.

Und das Glück wollte ihm wohl. Er fand in den Registern des Jahres 1892 einen Peter Voß, der nach Strienau in Schlesien abgemeldet worden war. Mit diesem Befund eilte er unverzüglich zu Polly zurück und teilte es ihr mit.

„Strienau!“ rief sie und schlug die Hände zusammen. „Ganz richtig. Das ist die Stadt. Sein Onkel ist da am Gericht tätig.“

Aber den Namen dieses Onkels wußte sie nicht.

Am nächsten Mittag trafen sie in Strienau ein, wo sich Dodd, nachdem er Polly im Hotel „Zum goldenen Kreuz“ zurückgelassen hatte, sofort aufs Rathaus begab und Einsicht in die Anmelderegister verlangte. Der Jahrgang von 1892 war bei einem Stubenbrand vor etlichen Jahren vernichtet worden.

Der Beamte konnte sich des Namens Peter Voß nicht erinnern. Dodd kehrte zu Polly zurück und fragte sie, ob Peter Voß eine gewöhnliche oder eine höhere Schule besucht hätte.

„Eine höhere!“ versetzte sie schnell. „Er kann Latein. Und er hat mir manches von den Professoren erzählt.“

Fünf Minuten später trat Dodd ins Gymnasium und verlangte von dem Pedell, zum Direktor geführt zu werden.

Direktor Plimpel hatte ein sehr schlechtes Gedächtnis und zog daher den alten Professor Zuntermann zu Rate.

„Peter Voß!“ rief der und schnalzte fast vor Vergnügen. „Dieser Mensch ist hier in unserer Anstalt gewesen. Und zwar genau sechs Jahre und sieben Monate. Ich habe es mir gemerkt, weil er eines schönen Tages fortgelaufen ist. Er war einer der größten Taugenichtse, ohne alle mathematischen Fähigkeiten. Es wäre mir sehr interessant, zu hören, was aus ihm geworden ist. Meiner Berechnung nach wird er im Zuchthaus endigen.“

Dodd zuckte bedauernd mit den Achseln.

„Er soll nach Amerika gegangen sein!“ fuhr der Professor, zum Direktor gewendet, fort, der unterdessen in einem alten Schülerverzeichnis herumblätterte.

„Es stimmt!“ sagte er und wies auf eine Eintragung. „Er wohnte bei seinem Onkel, dem Landgerichtsrat Pätsch.“

„Darf ich um dessen Adresse bitten?“ fragte Dodd.

„Feldstraße 25!“ erwiderte Professor Zuntermann aus dem Kopfe.

Dodd notierte es sich und wollte sich empfehlen.

„Sie wissen also nicht, was aus ihm geworden ist?“ sprach der Direktor neugierig.

Dodd schwankte einen Augenblick, dann war er entschlossen, vorläufig nichts von dem Millionendiebstahl verlauten zu lassen, einmal um Pollys willen, dann aber, um die etwaigen Komplicen des Defraudanten nicht kopfscheu zu machen. Denn die Annahme, daß er sich zuerst nach der Stadt seiner Schulzeit gewandt hatte, weil er hier am leichtesten Vertraute finden konnte, lag zu sehr auf der Hand.

„Ich bin leider nicht orientiert!“ erwiderte er höflich.

„Schade!“ sagte der Professor. „Dieser Peter Voß war ein ganz unklarer Kopf und ein ausschweifender Phantast. Solche Menschen entgleisen immer. Denn nur auf den Grundlagen der mathematischen Wissenschaft erwächst die wahre Gesittung.“

Dodd empfahl sich.

Immer wahrscheinlicher wurde ihm die Möglichkeit, daß Peter Voß hier in Strienau das Geld versteckt hatte. Es war nun nötig, festzustellen, ob er wirklich hier gewesen war und bei wem er sich aufgehalten hatte.

Zu diesem Zweck ließ sich Dodd bei dem Polizeiinspektor melden. Ohne sich als Detektiv zu legitimieren, stellte er sich als Amerikaner vor, der in einer Familienangelegenheit herübergekommen sei.

„Ich suche einen Menschen,“ sagte er, „der sich offenbar unter einem falschen Namen in dieser Gegend aufhält.“

Und dann beschrieb er Peter Voß ganz genau nach seinem letzten Signalement. Der Polizist Milzler wurde geholt.

„Der Mensch ist mir aufgefallen!“ sagte der, nachdem er das Signalement geprüft hatte. „Ein Matrose. Natürlich! Im Blauen Hirsch hat er ein paarmal gegessen. Und der Lehrer aus Pograu saß bei ihm. Aber seit vierzehn Tagen, drei Wochen habe ich ihn nicht mehr gesehen.“

Dodd notierte sich die Adresse des Lehrers und fragte, wie er am leichtesten nach dieser Schule kommen könnte. Der Inspektor gab ihm bereitwilligst Auskunft, und Milzler wurde auf seinen Posten zurückgeschickt mit der Mahnung, sofort zu melden, wenn sich der Mann wieder sehen ließe.

Dann kehrte Dodd zu Polly ins Hotel zurück, die mit steigender Ungeduld auf ihn gewartet hatte.

Nun fuhren sie zusammen auf die Feldstraße. Der Wagen hielt vor der Nummer 25. Dodd lohnte den Kutscher ab, und Polly zog unterdessen die Klingel. Ihr Herz klopfte hörbar.

Die unverehelichte Martha Zippel öffnete, diesmal ohne die Sicherheitskette zu benutzen, denn der Herr Rat war zu Hause. Er hatte die beiden Besucher längst durch das Fenster gesichtet, und ihm schwante sofort das Richtige.

„Was wünschen Sie?“ fragte die Haushälterin.

„Eine Auskunft!“ erwiderte Dodd trocken. „Es handelt sich um einen Mann, einen Seemann, der vor einigen Tagen hier zu Besuch gewesen sein soll.“

Da stieß Polly einen leisen Schrei der Ueberraschung aus. Ihr Blick war auf den Landgerichtsrat gefallen, der eben aus seinem Zimmer getreten war. Er hatte seine Brille abgelegt, und seine Aehnlichkeit mit Peter Voß war einfach verblüffend.

„Sie wünschen mich zu sprechen?“ fragte er mit einem verbindlichen Lächeln und machte eine einladende Handbewegung. „Bitte, treten Sie nur näher.“

Die Haushälterin erkannte mit brennender Eifersucht, daß der Herr Landgerichtsrat ein sehr großes Interesse an der jungen Dame nahm.

Dodd schaute sich suchend im Zimmer um, während Polly der Einladung des alten Herrn folgte und auf dem Sofa Platz nahm.

„Mein Name ist Bobby Dodd!“ sagte er mit einer leichten Verbeugung. „Ich bin Detektiv.“

„Und Sie sind hinter meinem Neffen Peter Voß her!“ ergänzte der Landgerichtsrat freundlich, indem er sich mit untergeschlagenen Armen an seinen schweren, eichenen Schreibtisch lehnte.

„Er war bei Ihnen?“ fragte Dodd energisch.

„Ich merke schon, es wird ein Verhör!“ fuhr der Landgerichtsrat fort. „Ich werde Ihnen die Arbeit erleichtern. Peter Voß war bei mir und hat mir sein Verbrechen gestanden, worauf ich ihn schleunigst fortgeschickt habe.“

„Es wäre Ihre Pflicht gewesen, ihn verhaften zu lassen!“ rief Dodd.

„Mr. Dodd!“ rief Polly gekränkt. „Sie vergessen unsere Abmachung.“

„Verzeihung!“ sagte er mit einer Verbeugung.

„Sie werden es menschlich verzeihlich finden,“ lächelte der Rat überlegen, „daß ich ihn nicht verhaften ließ. Zudem werden Sie es kaum beweisen können, daß ich von der Wahrheit seines Geständnisses überzeugt gewesen war. Falls Sie meine Bestrafung wünschen, werde ich Ihnen die Arbeit erleichtern und noch heute mein Abschiedsgesuch einreichen.“

„Mr. Dodd!“ rief Polly empört. „Sie werden das unterlassen.“

„Ich habe nur das Geld herbeizuschaffen!“ versetzte Dodd ruhig. „Sogar die Festnahme des Defraudanten betreibe ich nur, um zu den entwendeten Millionen zu kommen. Alles andere hält mich auf, ist also unnütz. Ich bin nur von der Firma Stockes & Yarker, aber nicht von der Polizei engagiert. Und Sie können mir keinen Anhaltspunkt geben, wohin sich der Verbrecher von hier aus gewandt hat?“

„Leider nicht,“ versetzte der Rat, und um seine Mundwinkel zuckte es. „Seitdem er vor vier Wochen aus dieser Tür getreten ist, habe ich nichts wieder von ihm gehört und gesehen.“

„Hatte er die Millionen bei sich?“ fragte Polly gespannt.

„Meines Wissens nicht!“ erwiderte der Rat mit einem feinen Lächeln.

Dodd merkte sich dieses Lächeln und dachte sich seinen Teil. Die Wahrscheinlichkeit, daß die zwei Millionen in diesem Hause versteckt waren, war durch dieses Lächeln bedeutend gewachsen.

„Sie wissen also nicht, daß sich Ihr Neffe noch weiterhin hier in Strienau aufgehalten hat?“ fragte Dodd lauernd. „Und zwar unter dem falschen Namen Franz Müller?“

„Davon weiß ich nichts!“ erwiderte der Rat ernst. „Ich würde das, falls es sich bestätigen sollte, sehr bedauern. Denn Sie können sich denken, daß mir in meiner Stellung ein solcher steckbrieflich verfolgter Neffe nicht sehr angenehm ist.“

Komödie! dachte Dodd und erhob sich.

Seine Mission war hier vorläufig zu Ende. Nun mußte der Lehrer in Pograu examiniert werden.

Dodd wandte sich zur Tür, und Polly erhob sich zögernd.

„Ich hoffe, Sie recht bald wiederzusehen!“ sagte der Rat sehr warm zu ihr und drückte ihr zärtlich die Hand.

„Mrs. Voß!“ sagte Dodd, als sie wieder im Hotel waren. „Der alte Herr weiß mehr, als er uns verraten hat. Ich bitte Sie, gehen Sie morgen zu ihm und horchen Sie ihn aus.“

„Ich soll spionieren?“ rief sie entrüstet. „Was glauben Sie von mir?“

„Ich glaube,“ erwiderte er aufrichtig, „daß Sie alles tun wollen, um Mr. Voß zu retten. Erzählen Sie dem alten Herrn von unserem Vertrag, vielleicht wird er unser Bundesgenosse.“

„Also gut!“ sprach sie, sofort umgestimmt. „Ich werde zu ihm gehen!“

Um dieselbe Zeit machte sich Friedrich Minkwitz daran, seine Bienen für die Winterruhe zu verpacken, und fand dabei die Brieftasche Peter Voßens. Er sah, was darin war, und ließ sie liegen.

Als er beim Abendbrot saß, pochte es an die Haustür.

Draußen stand Bobby Dodd. Sehr höflich lüftete er den Hut und bat um eine Unterredung. Minkwitz nötigte ihn herein.

„Bei Ihnen hat sich ein Mann Namens Peter Voß aufgehalten?“ fragte Dodd ohne Umschweife.

„Peter Voß?“ stotterte Minkwitz bestürzt. „Allerdings! Nein.“

„Leugnen Sie nicht lange!“ sprach Bobby Dodd energisch. „Ich bin Detektiv. Sagen Sie die Wahrheit. Wo ist er?“

„Hier nicht!“ bekannte Minkwitz aufatmend. „Er ist fort. Schon seit vierzehn Tagen.“

„Wohin hat er sich gewandt?“ forschte Dodd und sah sich im Zimmer um.

Minkwitz hob hilflos die Schultern.

Bobby Dodd fragte nicht weiter, denn er hatte mehrere verschiedenartige Fingerabdrücke auf dem Wandkalender entdeckt. Er nahm ihn, ohne erst um Erlaubnis zu fragen, vom Nagel.

„Sie erlauben wohl!“ sprach er und schickte sich an, das steife Papier zusammenzufalten.

„Oh!“ entfuhr es Minkwitz, und er griff danach.

„Bitte sehr!“ sagte Dodd. „Drücken Sie nur tüchtig. Es ist mir sehr lieb, wenn auch Ihre Finger darauf abgebildet sind.“

Sofort ließ Minkwitz los, und der Wandkalender verschwand in Dodds Ueberrocktasche.

Minkwitz war sprachlos, er hatte nicht einmal die Energie, diesem offenkundigen Dieb die Tür zu weisen.

„Ich danke Ihnen!“ sprach Dodd verbindlich. „Auf Wiedersehen.“

Dann eilte er mit seinem unschätzbaren Fund nach Strienau zurück. Auf der Bahn verglich er die verschiedenen Fingerabdrücke, die der Wandkalender aufwies. Der Abdruck neben dem 27. November war ohne Zweifel von Peter Voßens Zeigefinger verursacht worden. Nun hatte er ein untrügliches Mittel, die Identität des Verbrechers ohne Pollys Hilfe feststellen zu können.

In Strienau angekommen, kaufte er einen Wandkalender für das neue Jahr und ließ ihn an den Lehrer in Pograu schicken. Damit war sein amerikanisches Gewissen vollauf beruhigt.

Im Hotel erfuhr er, daß Polly vor kaum einer Viertelstunde mit der Droschke fortgefahren sei. Er wußte wohin. Und er gönnte sich etwas Ruhe und vertiefte sich von neuem in den Wandkalender.

Wenn die zwei Millionen nicht bei dem Landgerichtsrat lagen, dann waren sie sicher da draußen in der Schule versteckt!

Landgerichtsrat Pätsch saß an seinem Schreibtisch und hatte eben sein Pensionsgesuch unterzeichnet, als die Droschke mit Polly vor dem Hause hielt. Schnell versiegelte er das Schreiben und übergab es seiner Haushälterin mit der Weisung, es sofort auf die Post zu tragen.

Polly wollte eben den Klingelknopf niederdrücken, als die unverehelichte Zippel aus der Tür trat. Sie maß Polly mit einem kampfbereiten Blick.

„Kommen Sie nur herein, ich habe Sie schon erwartet!“ rief der Landgerichtsrat fröhlich und streckte Polly beide Hände entgegen.

Aufs höchste erstaunt über diesen überaus freundlichen Empfang, zögerte sie, aber er faßte sie bei den Händen und zog sie sanft ins Zimmer.

„Kommen Sie, liebe, kleine Frau!“ sagte er und drückte sie in einen weichen Sessel. „Wie freue ich mich, Sie endlich kennen zu lernen. Nun aber sagen Sie mir das eine, wie kommen Sie dazu, in Begleitung dieses Detektivs hierher zu reisen?“

„Wie ich dazu komme?“ versetzte sie ganz bestürzt. „Ich muß ihm helfen, meinen Mann zu fangen. Er hat doch zwei Millionen Dollar gestohlen. Und die muß er herausgeben. Wir bringen ihn dann in ein Sanatorium, und die Sache hat weiter kein gerichtliches Nachspiel.“

„So, so?“ sagte der Rat schmunzelnd. „Jetzt kann ich es mir schon zusammenreimen. O Peter, Peter, wie wird es dir ergehen, wenn du dich kriegen läßt!“

Polly war einfach starr über diese Fröhlichkeit des Onkels.

„Ja, aber!“ rief sie und sprang auf. „Herr!“

„Sag ruhig Onkel zu mir, mein Kind!“ erwiderte er und nahm ihre kalten, zuckenden Finger zwischen seine warmen Hände. „Peter, dieser Junge, ist wirklich ein Prachtkerl. Und es freut mich aufrichtig, daß er ein solches Prachtmädel drüben in Amerika gefunden hat.“

Da stürzten ihr plötzlich die Tränen aus den Augen.

„Was ist denn? Was hast du denn, Kind?“ rief er ganz erschreckt.

„Ach!“ schluchzte sie aus tiefstem Herzensgrunde auf. „Er ist doch ein Millionendieb. Er ist geisteskrank. Er hat sich im Geschäft überarbeitet. Ich bin ja so schrecklich unglücklich.“

„Na, na!“ lächelte er und strich ihr sanft über die blassen Wangen. „Beruhige dich nur, mein Kind. Er hat die Millionen nicht gestohlen, und er ist geistig ganz auf der Höhe. Wenn die Kupferpapiere erst wieder gestiegen sind, kriegst du deinen lieben Peter wieder. Und ich gebe dir mein Wort, du wirst deine helle Freude an ihm haben.“

Langsam versiegten ihre Tränen. Wie geistesabwesend starrte sie ihn an. War denn der Onkel auch verrückt geworden?