Peter und Lutz Eine Erzählung mit sechzehn Holzschnitten von Frans Masereel

Part 6

Chapter 62,600 wordsPublic domain

Es war ihnen eine Freude, darüber nachzudenken, in welcher Gestalt sie einander schon gekannt haben mochten. Schon als Menschen? Vielleicht. Dann war aber bestimmt Peter das Mädchen und Lutz der Bursch . . . Als Vöglein in den Lüften? Als Lutz noch ein Kind war, sagte ihre Mutter immer, sie sei als kleine Wildgans durch den Kamin in's Haus gefallen: ach! wie hatte sie sich die Flügel geknickt! . . . Mit besonderer Vorliebe aber fanden sie sich in den flüchtigsten Formen der Elemente wieder, wie sie sich durchdringen, sich verschlingen und entrollen, gleich Irrgängen im Traum oder Ringen von Rauch: weißes Gewölk, das im Abgrund des Himmels zergeht, spielende Wellchen, oder Regen, wie er die Erde berührt, Tau im Grase, gefiederte Löwenzahnsamen, die sich von fließenden Lüften tragen lassen . . . Aber der Wind trägt sie fort. Wenn er nur diesmal nicht wieder zu blasen anhebt und sie für alle Ewigkeit auseinandertreibt! . . .

Aber Peter sagte:

»Ich denke, wir haben uns nie verlassen; wir waren immer beisammen, wie wir jetzt aneinander lehnen: nur daß wir geschlafen haben und allerlei Träume hatten. Auf kurze Augenblicke erwacht man . . . aber nur halb . . . Ich fühle deinen Atem, deine Wange an der meinen . . . hie und da raffen wir uns ordentlich auf: dann küssen wir uns . . . und gleich sinken wir wieder in Schlaf . . . Mein lieber Schatz, mein lieber, ich bin da, ich halte deine Hand, verlaß mich nicht! . . . Es ist noch lange nicht an der Zeit, kaum daß der Frühling ein kaltes Nasenspitzchen zeigt . . .«

»Wie deins,« sagte Lutz.

»Bald erwachen wir inmitten eines schönen Sommertages . . .«

»Wir sind dann der schöne Sommertag« sagte Lutz . . .

»Wir sind der laue Lindenschatten, die Sonne zwischen den Zweigen, der Singsang der Bienen . . .«

»Der Pfirsich am Spalier und sein duftendes Fleisch . . .«

»Die Rast der Schnitter und ihre goldenen Garben . . .«

»Die trägen Herden, die ihr Stück Wiese wiederkäuen . . .«

»Der Abendhimmel im Westen, der wie ein Teich ist zwischen Blütenbäumen, das flüssige Licht, das über die Felder hin verrinnt . . .«

». . . Alles das werden wir sein,« sagte Lutz», alles was gut und süß tut, ob man es sieht oder erfaßt und faßt, küßt oder ißt oder einsaugt und atmet . . . Was übrig bleibt, können sich die Leute behalten,« sagte sie und zeigte auf die Stadt und ihre Rauchwolken.

Sie lachte, küßte den Freund und sagte:

»Fein haben wir unser Duettchen gesungen, was, Peterlein?«

»Ja, Jessica,« sagte er.

»Mein armes Peterlein,« fuhr sie fort, »wir passen aber schon gar nicht in diese Welt, wo man nur noch die Marseillaise singt! . . .«

»Und dabei wird sie immer so falsch gesungen!« sagte Peter.

»Wir haben uns in der Station geirrt; wir sind zu bald ausgestiegen.«

»Ich fürchte sehr,« sagte Peter, »die nächste Station wäre noch schlimmer gewesen. Kannst du dir vorstellen, Schatz, wie wir als Glieder der zukünftigen Gesellschaft leben, im großen Bienenkorb, auf den man uns vertröstet; wo jeder nur für die Bienenkönigin leben darf oder für die Republik?«

»Von früh bis Abend Eier legen wie ein Maschinengewehr oder von früh bis Abend fremde Brut ablecken . . . Schöne Wahl!« sagte Lutz.

»Aber Lutz, du schlimmes Mädel, was du für häßliche Sachen redest!« sagte Peter lachend.

»Ja, ich weiß, es ist sehr schlecht von mir. Ich tauge rein gar nichts. Aber du auch nicht, weißt du? Du hast so wenig das Zeug, Menschen tot zu machen oder zu verstümmeln, als ich zum Zusammenflicken von Verwundeten, wie man's bei Stiergefechten mit den armen Pferden macht, denen der Bauch aufgeschlitzt wurde -- damit sie das nächste Mal wieder zu gebrauchen sind. Wir sind nun einmal unnütze, gefährliche Geschöpfe; wir haben einen lächerlichen, sträflichen Vorsatz gefaßt, wir wollen ja nur für alle die leben, die wir lieb haben, und lieb haben wir unseren kleinen Schatz, ein paar Freunde, alle guten Leute, die kleinen Kinder, den schönen lichten Tag, auch gutes weißes Brot, eben alles, was schön ist und dem Gaumen wohltut. Es ist einfach eine Schande, eine Schande, sag' ich dir! Wirst du gar nicht rot für mich, Peterlein? . . . Aber wir werden unsere Strafe schon kriegen! Wenn die Erde bald nur noch eine große Fabrik mit Staatsbetrieb sein wird, der ohne Rast noch Ruh funktioniert, dann gibt's für uns keinen Platz da drin . . . Nur ein Glück, daß wir dann nicht mehr da sind!«

»Ja, das ist ein Glück!« sagte Peter.

»Was gelten mir, die man sehr glücklich preißt, Darf ich, o Frau, in Deynen Armen sterben; Nicht Ruhm, nicht Glantz, ich will nur Eins erwerben: An Deyner Brust verhauchen Seel und Geist . . .«

»Na hör' mal, mein kleiner Schatz, das ist ein kurioser Einfall!«

»Aber ein echt- und altfranzösischer Einfall,« sagte Peter, »'s ist vom alten Ronsard:

. . . . . . . . nur dies ist mein Begehren! Nach hundert Jahren Muße, ohne Ehren, Ein Tod ganz fern der Welt, in Deynem Schoß . . .«

»Nach hundert Jahren,« seufzte Lutz. »Der ist aber bescheiden! . . .«

»Denn irr ich nicht, dann ist ein größer Glück Ein solcher Tod in Dir, als das Geschick Des Caesar oder Alexanders Los.«

»So ein schlimmer, schlimmer, schlimmer kleiner Nichtsnutz, schämst du dich gar nicht? In dieser Zeit der Helden!«

»Es sind ihrer zu viel,« sagte Peter. »Ich will lieber ein kleiner Junge sein, der wen lieb hat, einfach ein Menschenjunges, aus Menschenleib.«

»Sag' lieber aus Frauenleib! Hast ja noch meine Brustmilch am Schnäblein,« sagte Lutz und drückte ihn an sich. »Mein Menschlein, meins!«

* * * * *

Wer jene Tage mitgemacht, aber dann die überwältigende Wendung des Kriegsglücks erlebt hat, erinnert sich gewiß kaum mehr an das schwere, drohende Brausen der Flügel, die in dieser einen Woche Frankreichs Kernland dem Blick entzogen und sogar Paris mit ihrem Schatten streiften. In der Freude der Erlösung wirft man überstandene Prüfungszeiten weit hinter sich. Der deutsche Ansturm gipfelte in der Karwoche zwischen Montag und Mittwoch. Die Somme überschritten, Bapaume, Nesle, Guiscard, Roye, Noyon, Albert genommen, elfhundert Kanonen erbeutet. Sechzigtausend Gefangene . . . Es war ein Sinnbild für dies Zertreten des begnadeten Landes der Anmut, daß am Kardienstag der Schöpfer zarter Harmonien, Debussy, verstarb. Die Lyra zerbrach . . . »Armes kleines Griechenland, du stirbst!« . . . Was davon übrigbleibt? Ein paar ziselierte Gefäße, ein paar rein vollendete Stelen, die bald das Gras der Gräberstraße überwuchert. Unsterbliche Überreste des zerstörten Athen . . .

Peter und Lutz sahen wie von eines Hügels Höhe den Schatten, der über die Stadt kam. Sie waren noch ins Strahlenkleid ihrer Liebe gehüllt und so erwarteten sie furchtlos das Ende ihres kurzen Lebenstages. Sie durften ja zu zweit in die Nacht tauchen. Mit süßer Wehmut gedachten sie der schönen Akkorde Debussys, die ihnen so lieb gewesen waren; wie Abendgeläute verhallten die in der Tiefe. Mehr als je befriedigte gerade die Musik den innersten Trieb ihrer Herzen. Nur diese Kunst war Stimme der befreiten Seele; ihr Ton drang zu ihnen durch den Schleier der Dinge und Gestalten. Am Gründonnerstag wandelten sie wieder -- Lutz war in Peter eingehängt und hielt seine Hand umfaßt -- auf regenweichen Wegen an der Stadtgrenze. Windstöße fuhren über die nasse Fläche. Sie merkten weder Regen noch Wind, noch die öde Häßlichkeit der Felder, noch den Kot auf der Straße. Sie setzten sich in die niedere Bresche einer halb eingestürzten Parkmauer. Peters Regenschirm reichte kaum hin, Lutzens Kopf und Schultern zu schützen; so saß sie mit baumelnden Beinen und nassen Händen auf der Mauer und sah zu, wie es von ihrem Gummimantel nur so troff. Wenn der Wind in die Äste fuhr, gab es ein kleines Gewehrgeknatter von Regentropfen: »pak, pak!« Lutz bewahrte das lächelnde Schweigen still seliger Entrücktheit. Tiefe Freudenflut umspülte sie.

»Warum haben wir uns nur so lieb?« sagte Peter.

»Ach Peter, dann hast du mich nicht einmal so lieb, wenn du erst fragst: warum.«

»Ich frag' ja nur, damit du sagst, was ich gerade so gut weiß wie du.«

»Du angelst Komplimente,« sagte Lutz. »Aber da kommst du an die Rechte. Vielleicht weißt du, warum ich dich lieb habe. Ich weiß es nicht.«

»Du weißt es nicht?« fragte Peter ganz bestürzt.

»Freilich nicht!« (Sie lächelte verstohlen.) »Aber ich brauch es auch gar nicht zu wissen. Wenn man erst nach dem Warum einer Sache fragt, so steht's schon schwach damit. Ich hab' dich eben lieb' und da brauch' ich kein Warum, kein Wieso, kein Wann und Woher! Meine Liebe, die spür' ich, die ist da, die ist da! Was sonst noch da sein mag -- das ist mir gleich.«

Sie neigten sich im Kusse zueinander. Bei dieser Gelegenheit langte der Regen unter den ungeschickt gehaltenen Schirm und fuhr ihnen mit den Fingern über Haar und Wangen; ihre Lippen sogen ein kaltes Tröpfchen ein.

Peter sagte:

»Aber die andern?«

»Welche andern?« sagte Lutz.

»Die Armen,« antwortete Peter, »alle, die nicht sind wie wir.«

»Sie sollen es machen wie wir. Einen anderen lieb haben.«

»Aber werden sie auch Liebe finden? Das gelingt nicht jedem, Lutz.«

»O doch!«

»Aber nein. Du weißt nicht, wie teuer du das Geschenk bezahlt hast, das du mir gibst.«

»So gab ich mein Herz der Liebe, meine Lippen dem Geliebten wie meine Augen dem Sonnenlichte; es ist kein Geben, es ist ein Nehmen.«

»Aber es gibt Blinde.«

»Wir werden sie nicht heilen. Wir müssen sehend sein an ihrer Statt.«

Peter schwieg lange.

»An was denkst du?« fragte Lutz.

»Ich denke daran, daß an diesem Tage, weit, weit von uns und doch uns ganz nahe, Der am Kreuz gelitten hat, der in die Welt gekommen war, Blinde sehend zu machen.«

Lutz faßte seine Hand:

»Du glaubst an ihn?«

»Nein, Lutz, ich glaube nicht mehr. Doch bleibt er allen ein Freund, die er je an seinem Tische gespeist hat. Wie ist's mit dir, kennst du ihn?«

»Fast gar nicht,« sagte Lutz. »Bei uns zu Hause wurde nie von ihm gesprochen. Ich kenne ihn nicht und liebe ihn doch . . . ich weiß, er hat geliebt.«

»Nicht wie wir.«

»Warum nicht? Wir haben da nur ein armes kleines Herz, das kann nur dich lieben, mein Liebes. Er, er hat uns alle geliebt. Aber darum ist's doch die gleiche Liebe.«

Peter fragte ergriffen:

»Möchtest du morgen, weil doch sein Todestag ist . . . Bei Sankt-Gervas soll so schöne Kirchenmusik sein . . .«

»O ja, an dem Tage möchte ich gern mit dir in die Kirche gehen. Ich weiß bestimmt, er nimmt uns freundlich auf. Wir sind uns näher, wenn wir ihm näher sind.«

Sie schweigen . . . Regen. Regen. Regen. Der Regen sinkt nieder, nieder und der Abend auch.

»Morgen um diese Zeit sind wir da unten,« sagte sie.

Der scharfe Nebelhauch ließ Lutz ein wenig zusammenschauern.

»Ist dir kalt, Schatz?« fragte er besorgt. Sie erhob sich von der Mauer.

»Nein, nein. Alles ist mir Liebe. Ich liebe Alles, und Alles liebt mich wieder. Der Regen liebt mich und der Wind, der graue Himmel und die Kälte, -- und mein kleines Lieb . . .«

* * * * *

Auch am Karfreitag war der Himmel mit langen grauen Schleiern verhangen; aber die Luft war mild und still. Auf den Straßen wurden schon Blumen verkauft -- gelbe Narzissen und Nelken. Peter kaufte ein paar und Lutz behielt die Blüten in der Hand. Sie gingen den stillen Goldschmied-Kai entlang und vorbei an der edelragenden Kirche Notre-Dame. In süß gedämpftem Lichte umfing sie die milde, vornehme Schönheit der Altstadt. Als sie den St. Gervas-Platz betraten, flogen Tauben vor ihnen auf. Ihre Blicke folgten den Tauben auf ihrem Kreisflug um die Fassade; ein Vogel ließ sich auf dem Kopf einer Bildsäule nieder. Schon waren sie die Stufen zum Portal hinangestiegen und wollten eintreten; da sah Lutz sich noch einmal um und bemerkte, ein paar Schritte seitwärts, mitten in der Volksmenge, ein etwa zwölfjähriges Mädchen; das rothaarige Kind lehnte mit statuenhaft über den Scheitel erhobenen Armen im Portale und sah die Eintretende an. Auch ihr feines, etwas archaisches Gesichtchen gemahnte an gotische Kirchenstatuetten; rätselhaft war ihr Lächeln, von überzarter Lieblichkeit, voll Geist und Wärme. Lutz lächelte ihr auch zu und wollte Peter auf sie aufmerksam machen. Aber der Blick des kleinen Mädchens glitt jetzt höher hinauf, haftete über Lutzens Kopf und schrak plötzlich zurück; es barg das Gesicht in die Hände und war nicht mehr zu sehn.

»Was hat sie denn?« fragte Lutz.

Aber Peter sah nicht hin.

Wie sie eintraten, girrte das Täubchen zu ihren Häupten. Letzter Ton von draußen. Das Pariser Stimmengewirr verstummte. Die freie Luft war weg. Teppiche aus Orgeltönen und hochgespanntes Gewölbe, schwere Gewebe aus Klang und Stein, schieden sie von der Außenwelt.

Sie blieben im Nebenschiff, zwischen der zweiten und dritten Seitenkapelle, links vom Eingange, setzten sich auf eine Stufe und schmiegten sich ganz in die Pfeilernische, so daß sie vor den Blicken der Menge geborgen waren. Sie saßen mit dem Rücken zum Chor; wenn sie aufblickten, sahen sie von einer Kapelle nur die Spitze des Altars, das Kreuz und die farbigen Fenster. Wie eine Träne rann die fromme Wehmut uralter Gesänge. In der schwarz verhangenen Kirche saßen die zwei kleinen Heiden Hand in Hand vor ihrem großen Freunde. Und beide flüsterten gleichzeitig die Worte:

»Du großer Freund, in deinem Angesichte nehme ich ihn, nehme ich sie. Füge uns zusammen! Du siehst in unsere Herzen.«

Und ihre Finger blieben vereint, verschlungen wie die Gerten eines Weidenkorbes. Sie waren nur mehr ein Leib, den die Wogen der Musik in Schauern durchdrangen. Sie gaben sich ganz ihren Träumen hin, als ob sie im gleichen Bette lägen.

Lutz sah im Geiste das rothaarige Mägdlein wieder. Und da war es ihr, als ob sie das Kind heute Nacht im Traume erblickt hätte. Aber sie konnte sich nicht darüber klar werden, ob dem wirklich so gewesen war oder ob sie das Bild, das vor ihrem inneren Auge stand, fälschlich in den heutigen Schlaf zurückversetze. Dann wurde sie von dieser Anspannung müde und ließ ihre Gedanken wahllos schweifen.

Peter träumte den entschwundenen Tagen seines kurzen Lebens nach. Die Lerche steigt von nebliger Ebene empor, um die Sonne zu suchen . . . Wie fern die ist! So hoch! Wird man sie je erreichen? . . . Der Nebel wird noch dichter. Es ist keine Erde, kein Himmel mehr. Und die eigene Kraft erlahmt . . . Gerade rieselte gregorianischer Gesang durch die hohe Wölbung des Chors, da erhebt sich mit einem Male Lerchenjubel, aus dem Nebeldüster taucht das froststarre Körperchen auf und schwingt sich in ein unendliches Meer von Sonne . . .

Der Druck und Gegendruck ihrer Finger erinnerte sie daran, daß sie selbander dahinglitten. Und so fanden sie sich wieder im Dunkel der Kirche, wie sie, eng aneinandergeschmiegt, schönen Gesängen lauschten; ihre Herzen waren eins in Liebe und so standen sie auf der Gipfelhöhe reinster Freude. Und sie begehrten glühend -- sie beteten -- von dort nicht mehr herab zu müssen. Lutzens leidenschaftlicher Blick umfing gerade wie im Kusse ihren teuren kleinen Gefährten -- (fast geschlossenen Auges und mit halb geöffneten Lippen schien er in eine Region überirdischen Glückes entrückt und hob in einem Aufschwung freudigen Dankes das Haupt empor, dem erhabenen Quell der Urkraft zu, den man aus tiefstem Triebe oben suchen muß) -- da bemerkte Lutz zu ihrer höchsten Überraschung im goldroten Kapellenfenster das lächelnde Gesichtchen des rothaarigen Kindes. In starrem Erstaunen brachte Lutz kein Wort hervor -- da sah sie auch schon, genau wie vordem, daß in das seltsame Antlitz der gleiche Ausdruck von Schreck und Mitleid trat.

Im selben Augenblick bewegte sich der plumpe Pfeiler, an dem sie lehnten; die ganze Kirche zitterte in ihren Grundfesten. Lutzens Herz schlug so laut, daß sie weder den Krach der Explosion, noch das Schreien der Menge hörte; es blieb ihr keine Zeit, Schreck oder Schmerz zu empfinden -- so schnell warf sie sich, wie eine Henne vor die Küchlein, schützend über Peter; geschlossenen Auges lächelte der vor Glück. Wie eine Mutter drückte sie mit aller Kraft das teure Haupt an ihren Busen; sie war über ihn gebückt, ihr Mund auf seinem Nacken -- so duckten sie sich zusammen.

Mit einem Schlag brach auf die beiden der massige Pfeiler nieder.

August 1918.

Das 19. bis 24. Tausend dieser neuen, mit Holzschnitten von Frans Masereel geschmückten Ausgabe (27. bis 32. Tausend der Gesamtauflage) wurde im Frühjahr 1927 von E. Haberland in Leipzig gedruckt