Peter und Lutz Eine Erzählung mit sechzehn Holzschnitten von Frans Masereel
Part 5
Ein- bis zweimal der Woche hatte Lutzens Mutter Nachtschicht in der Fabrik. Um in dem abgelegenen Häuschen nicht allein zu bleiben, übernachtete Lutz dann in der Stadt bei einer Freundin. Sie wurde nicht überwacht. Das Liebespaar benutzte diese Bewegungsfreiheit, um einen Teil des Abends beisammen zu sein; manchmal speiste man auch bescheiden in einem kleinen, wenig besuchten Gasthause. Wie sie also an diesem Abende -- es war Mitte März -- vom Essen kamen, hörten sie das Alarmsignal. Sie bargen sich im nächstgelegenen Unterstand, wie man vor einem Platzregen in ein Haustor tritt, und vergnügten sich eine Weile mit Beobachtungen an der zusammengewürfelten Gesellschaft da unten. Aber da die Gefahr nun schon fern oder abgewehrt schien, ohne daß der Alarm abgeblasen wurde, machten sich Peter und Lutz unter heiterem Geplauder wieder auf den Weg, da sie nicht zu spät nach Hause kommen wollten. Sie gingen gerade durch ein altes dunkles Gäßchen nächst der Sankt-Sulpiz-Kirche und waren eben an einem Fiaker vorbeigekommen, der bei einem Haustore stand; Pferd und Kutscher schliefen fest. Sie waren auf der anderen Straßenseite, etwa zwanzig Schritt entfernt -- da erbebte alles: blendendes Rot, stürzender Donner, Prasseln und Klirren losgerissener Dachziegel und zerbrochener Fensterscheiben. Die Gasse macht dort eine scharfe Biegung; dahinter drückten sie sich, eng umklammert, wie angeklebt in eine Mauernische. Beim Aufflammen dieses Blitzes hatte jeder in des andern Augen Liebe und Entsetzen gelesen. Schon war es wieder Nacht um sie, aber noch hörte man Lutzens flehende Stimme: »Nein, noch nicht . . . noch nicht. . .«
Peter spürte auf seinen Lippen im leidenschaftlichen Kuß die Zähne der Geliebten. Sie standen im Dunkel des Gäßchens und hörten das Klopfen ihrer Herzen. Ein paar Schritte weiter waren Leute aus den umliegenden Häusern im Begriffe, den tödlich getroffenen Kutscher unter den Trümmern des Wagens hervorzuziehen; der Unglückliche wurde ganz nahe an ihnen vorbeigetragen; sein Blut träufelte zur Erde nieder. Lutz und Peter waren wie zu Stein erstarrt; als ihr Bewußtsein wieder hell wurde, fanden sie sich so innig verschmiegt, daß ihnen war, als lägen ihre Körper nackt aneinander. Sie lösten die verkrampften Hände und Lippen, die wie Wurzeln das geliebte Wesen hatten einsaugen wollen. Beide überkam ein Zittern.
»Gehen wir heim,« sagte Lutz, von ahnungsvollem Schreck befallen. Sie zog ihn mit fort.
»Lutz! nicht wahr, du läßt mich nicht aus der Welt gehen, ehe . . .«
»Mein Gott,« sagte Lutz und drückte seinen Arm, »der Gedanke wär' schlimmer als der Tod!«
»Mein Liebes!« das sagten sie gleichzeitig.
Sie blieben wieder stehen:
»Wann werde ich dein?« fragte Peter. (Er wagte nicht zu fragen: wann wirst du mein?)
Lutz merkte dies und es rührte sie.
»Mein Schatz,« sagte sie; ». . . Bald! Dräng' uns nicht! Du kannst es garnicht inniger wollen als ich! . . . Bleiben wir noch ein Weilchen so wie jetzt . . . Es ist so schön! . . . Noch bis zum Ende dieses Monats! . . .«
»Bis Ostern?« sagte er.
(Ostern fiel in jenem Jahre auf den letzten März.)
»Ja, bis zur Auferstehung.«
»Ach«, sagte er, »vor der Auferstehung kommt das Sterben.«
»Sst!« sagte sie und schloß ihm den Mund mit einem Kusse.
Dann lösten sie ihre Umarmung.
»Heute abend feiern wir unsere Verlobung«, sagte Peter.
Aneinandergeschmiegt gingen sie weiter und weinten vor Liebe. Unter ihren Schritten kreischten Glassplitter, und das Pflaster war blutig. Rings um die Flamme ihres Gefühls lauerten Nacht und Tod. Ihnen zu Häupten standen zwei Hauswände der engen Gasse so nah beieinander wie Schornsteinmauern; aber in diesem Rahmen, als wäre er ein magischer Kreis, pulste in reiner Himmelstiefe ein Sternenherz . . .
Und horch! Es beginnen die Glocken ihren Gesang, die Lichter flammen wieder auf, die Straßen beleben sich aufs neue! Kein Feind mehr in den Lüften. Paris atmet auf. Der Tod ist von ihm gewichen.
* * * * *
So war ihnen der Samstag vor Palmsonntag herangekommen. Täglich waren sie stundenlang beisammen und suchten dies gar nicht mehr zu verbergen. Sie schuldeten der Welt keine Rechenschaft mehr. Nur noch durch dünne, dem Zerreißen nahe Fäden hingen sie mit der Welt zusammen! -- Vor zwei Tagen hatte die deutsche Offensive eingesetzt. In einer Breite von fast hundert Kilometern schäumte die Riesenwoge heran. Ununterbrochene Aufregungen durchbebten die Stadt: -- erst flog das Munitionslager Courneuve in die Luft, wobei ganz Paris wie von einem Erdbeben zitterte, dann rissen fortwährende Alarmierungen die Leute aus dem Schlafe und machten sie völlig nervös. Und gar an diesem Samstagmorgen erwachten Leute, die erst spät hatten einschlafen können, im Grollen der geheimnisvollen Kanone, die irgendwo in der Ferne steckte und über den Sommefluß weg, wie von einem anderen Planeten, aufs Geratewohl Tod und Verderben streute. -- Die ersten Schüsse hielt man für weitere Fliegerbomben und flüchtete folgsam in die Keller; aber an eine dauernde Gefahr gewöhnt man sich rasch und das Leben stellt sich darauf ein; ja, fast findet es einen Reiz darin, wenn das Unheil nur alle gleich bedroht und seine Wahrscheinlichkeit für den einzelnen nicht zu groß ist. Überhaupt war auch das Wetter gar zu schön; jammerschade, sich lebendig zu begraben: noch vor der Mittagsstunde war alles im Freien; Straßen, Gärten, Café-Terrassen sahen an jenem strahlend schönen, sommerlich heißen Nachmittage ganz festtäglich aus.
An eben diesem Nachmittage wollten Peter und Lutz aus dem Gewühl in den Wald von Chaville flüchten. Seit zehn Tagen lebten sie in einem gespannten Zustande weltentrückter innerer Stille. Tiefer Friede war in ihren Herzen, aber erregtes Zittern in ihren Nerven. In solchen Augenblicken fühlt man sich gleichsam auf einer Insel mitten in rasendem Wirbelstrom: Auge und Ohr sind völlig überwältigt vom Rauschen und Schäumen. Aber wie man die Lider senkt und mit dem Finger das Ohr verschließt und so die Riegel vorgeschoben sind, kehrt mit einem Male tiefe, berauschende Stille in uns ein, Stille reglosen Sommertags, wo hohe Freude, wie ein Vöglein aus laubigem Versteck, ihr frisches Lied in lichten Wellen verrinnen läßt. Du göttlicher, zauberischer Gesang der Freude, seliges Gezwitscher im Dickicht des Lebens! Ich weiß ja -- nur einen schmalen Lidspalt muß ich öffnen oder den Finger bloß ein bißchen weniger fest ans Ohr drücken -- und Gischt und Brausen des Stroms sind wieder da! Welch schwache Schleuse hält jene fern! Aber gerade dies Wissen um die Gebrechlichkeit der Schleuse läßt die Freude noch höher schwingen: man weiß, sie ist bedroht. Selbst Stille und Frieden bekommen so die innere Spannung der Leidenschaft. Hand in Hand traten sie in den Wald. Vorfrühling steigt einem zu Kopfe wie neuer Wein. Die junge Sonne macht trunken mit ihrem lauteren Rebensaft. Das Licht ist über die noch blattlosen Wälder ausgegossen; durch die nackten Zweige hindurch hält einen das blaue Himmelsauge in Bann und Betäubung . . . Die jungen Leute vermochten kaum ein paar Worte zu wechseln. Die Zunge wollte begonnene Sätze nicht zu Ende sprechen. Ihre Beine waren schlapp und mochten nicht weiter. Im Schweigen des durchsonnten Waldes taumelten sie dahin. Die Erde zog sie an. Sich auf der Straße niederlegen! Auf einer Felge des großen Erdenrades sich mitforttragen lassen! . . .
Sie erkletterten die Böschung jenseits der Straße, drangen ins Unterholz und streckten sich nebeneinander aufs dürre Laub, durch das die ersten Veilchen sproßten. Erster Gesang von Vögeln und das ferne Schnauben der Geschütze mischten sich ins Glockengeläute der Dörfer, das dem morgigen Feste galt. Die leuchtende Luft erbebte von Hoffnung, Glauben, Liebe und Tod. Trotz der Einsamkeit sprachen sie nur mit gedämpfter Stimme. Ihr Herz war so voll: war es Glück? war es Leid? Sie hätten es nicht sagen können. Wie Lutz so reglos dalag und weit offenen Auges in den Himmel starrte, fühlte sie das bittere Weh in sich übermächtig werden, gegen das sie schon den ganzen Tag ankämpfte, um Peter die Freude nicht zu verderben. Der legte seinen Kopf in Lutzens Schoß wie ein Kind, das schlafen will, und an der Wange fühlte er die Wärme ihres Leibes. Wortlos streichelte Lutz Augen, Nase und Lippen des Geliebten. Die lieben vergeistigten Hände, die, wie es im Feenmärchen heißt, an den Fingerspitzen ein Mündchen zu haben schienen! Peters Sinne aber waren eine feingestimmte Harfe und erklangen jedem Gefühl, das in den Fingern der Freundin bebte. Er vernahm ihren Seufzer, ehe sie ihn getan hatte. Lutz war jetzt halb aufgerichtet und vorgeneigt; so klagte sie mit gepreßter Stimme:
»Ach Peterchen!«
Peter sah sie betroffen an.
»Ach Peterchen! Was sind wir denn? . . . Was wollen sie von uns? . . . Was wollen denn wir? . . . Was geht in uns vor? . . . Diese Kanonen, die Vögel, der Krieg, unsere Liebe . . . die Hände da, der Leib, die Augen . . . Wo bin ich denn? . . . und was bin ich denn? . . .«
Peter hatte sie nie in so ratloser Verwirrung gesehen und wollte sie tröstend in die Arme schließen. Aber sie stieß ihn zurück:
»Nein! Nein! . . .«
Sie barg ihr Gesicht in den Händen; Hände und Gesicht drückte sie tief ins trockene Laub. Peter war ganz außer sich und flehte:
»Lutz! . . .«
Er legte seinen Kopf dicht neben den der Geliebten.
»Lutz!« sagte er noch einmal. »Was ist denn? . . . Hast du was gegen mich? . . .« Sie hob ein wenig den Kopf:
»Nein!«
Er sah, daß ihre Augen voll Tränen standen.
»Du bist traurig?«
»Ja«
»Warum?«
»Ich weiß nicht.«
»So sag' doch! . . .«
»Ach, ich schäme mich . . .«
»Du schämst dich? Weshalb?«
»Wegen allem.«
Sie schwieg.
Schon den ganzen Tag stand sie unter dem qualvollen Eindruck eines peinlichen, erniedrigenden Erlebnisses: jene Fabriken, als Stätten des Todes und der Unzucht, erzeugten mit ihrem Durcheinander von Männern und Weibern, als Gärbottiche von Menschenfleisch, ein Gift, von dem auch Lutzens Mutter bis zum Wahnsinn ergriffen war; sie kannte nun weder Scheu noch Scham. In rasender Eifersucht hatte sie in der eigenen Wohnung mit ihrem Geliebten einen lauten Streit gehabt, ohne sich vor Lutz irgendwie zu mäßigen; so hatte diese bei der Gelegenheit erfahren, daß ihre Mutter schwanger war. Das war für das Mädchen gleichsam eine Beschmutzung gewesen, von der auch sie selbst, die Liebe überhaupt und sogar ihre Liebe zu Peter befleckt wurde. Darum also hatte sie Peter zurückgestoßen: sie schämte sich für ihn und sich . . . seinetwegen schämte sie sich? Armer Peter! . . .
Sehr gedemütigt lag er da und wagte sich nicht mehr zu rühren. Da verspürte sie Reue, lächelte in ihren Tränen, legte den Kopf auf seine Knie und sagte:
»Jetzt komme ich dran!«
Peter war immer noch besorgt, strich ihr übers Haar, wie man ein Kätzchen liebkost, und flüsterte:
»Lutz, was war denn das? Sag' doch! . . .«
»Nichts,« sagte sie. »Ich habe traurige Dinge mitangesehen.«
Ihr Geheimnis war ihm heilig und so fragte er nicht weiter. Aber selber setzte sie nach einer Weile hinzu:
»Du, manchmal . . . manchmal schämt man sich, Mensch zu sein . . .«
Peter zuckte zusammen.
»Ja,« sagte er.
Sie schwiegen eine Weile, dann beugte er sich zu ihr nieder und sagte ganz leise:
»Verzeih!«
Lutz sprang auf, fiel Peter um den Hals und sagte wie er:
»Verzeih!«
Mund ruhte an Mund.
Die zwei Kinder waren beide recht des Trostes bedürftig, den jedes im andern fand. Sie sprachen nicht aus, was sie dachten:
»Noch ein Glück, daß wir sterben werden! . . . Das Gräßlichste wäre doch, so ein erwachsener Mensch zu werden, der noch darauf stolz ist, ein Mensch zu sein und daß er so gut zerstören und beschmutzen kann . . .«
Ihre Lippen verwuchsen, Wimper rührte an Wimper, Blick drang tief in Blick, und sie lächelten in zärtlichem Erbarmen. Und nimmer wurden sie dieses göttlichen Gefühls müde, das die reinste Form der Liebe ist. Endlich rissen sie sich aus dieser Versunkenheit; nun sah Lutz wieder heiteren Auges den weichen Himmel, die aufbrechenden Bäume und sog den Duft der ersten Blumen.
»Wie schön,« sagte sie.
Sie dachte:
»Warum sind die Dinge so schön? Und wir so ärmlich, gewöhnlich und häßlich? . . .«
(Nur du nicht, mein Lieb, du nicht!) . . . Sie sah wieder ihren Peter an:
»Ach! was gehn mich die andern an?«
Und in der prachtvollen Torheit der Verliebten sprang sie mit hellem Gelächter auf, lief in den Wald hinein und rief:
»Fang mich!«
Die ganze übrige Zeit spielten sie wie kleine Kinder. Und als sie sich müde getollt hatten, gingen sie mit kurzen Schritten wieder ins Tal hinunter, das wie ein Fruchtkorb bis zum Rande mit den Strahlengarben der sinkenden Sonne angefüllt war. Alles, was ihre Sinne einsogen, schien ihnen neu; ihre zwei Herzen, ihre zwei Körper waren nur noch ein Herz, ein Körper.
* * * * *
Es war eine Zusammenkunft von fünf gleichaltrigen Freunden und Studienkameraden bei einem aus ihrer Mitte; vermöge eines erwachenden Sinnes für seelische Wahlverwandtschaft hatten sie sich gegenüber den anderen zusammengeschlossen. Dabei dachte nicht einer wie der andere. Was immer man von der Gleichförmigkeit der vierzig Millionen Franzosen fabeln mag, in Wirklichkeit gibt es hier soviel Köpfe, soviel Sinne. Wie die französische Ackerkrume war auch das Denken Frankreichs in winzige Parzellen zersplittert. So versuchten auch die fünf Freunde nur, jeder von seinem Fleckchen Land aus, über die trennende Hecke weg Gedanken auszutauschen. Dabei bestärkte sich jeder erst recht in seiner besonderen Denkweise. Immerhin waren sie aber doch alle Freie im Geiste und, wenn auch nicht alle Republikaner, so doch gegen jede geistige und gesellschaftliche Rückkehr zu abgelebten Zuständen.
Jakob See trug die stärkste Kriegsbegeisterung zur Schau. Dieser edel geartete Jude hatte jede Leidenschaft Frankreichs in sich aufgenommen. Durch ganz Europa hin machten so seine Stammesgenossen die Sache und Denkweise ihrer Adoptivvaterländer ganz zu der ihren. Wie immer, wenn sie sich einer Sache annahmen, neigten sie sogar zu einer gewissen Übertreibung. Blick und Stimme des schönen Jungen verrieten ein etwas schweres Pathos, seine regelmäßigen Züge waren wie mit starkem Griffel nachgezogen, seine Meinungen äußerte er mit übergroßer Entschiedenheit und wurde heftig, wenn er auf Widerspruch stieß. Nach ihm handelte es sich um einen Kreuzzug der demokratischen Staaten zur Befreiung aller Völker und zur Ausrottung des Krieges. Ein vierjähriges Schlachten im Namen so menschenfreundlicher Ziele hatte ihn noch keines Besseren belehrt. Er gehörte zu den Menschen, die sich nie von den Tatsachen widerlegen lassen. Er trug doppelten Stolz in sich, den geheimen Stolz auf seine Rasse, deren Wiederaufrichtung er anstrebte, und seinen persönlichen Stolz, der immer recht behalten wollte. Er wollte es um so stärker, je weniger er innerlich seiner Sache sicher war. Unter dem Deckmantel seines aufrichtigen Idealismus entfalteten sich bei ihm höchst anspruchsvoll lange zurückgedämmte Triebe, nämlich Tatendrang und Abenteuerlust, die gleichfalls aus dem Kern seines Wesens stammten.
Anton Naudé war auch für den Krieg. Aber nur, weil er sich nicht anders helfen konnte. Dieses gute, dickliche Bürgerskind mit seinen rosigen Wangen war im Grunde friedfertig und klug; es war etwas kurzatmig und ein zierlich gerolltes R verriet seine Herkunft aus Mittelfrankreich; mit ruhigem Lächeln sah er die redegewandte Begeisterung des Freundes See; er verstand es sogar, diese Begeisterung mit lässig hingeworfenen Wörtchen zu hellen Flammen zu entfachen. Doch fiel es dem dicken Faulpelz nicht im Traume ein, sich selber in diese Flammen zu stürzen. Warum sollte man sich das Für oder Wider einer Sache zu Kopfe steigen lassen, wenn man doch nichts daran ändern konnte? Nur in den Tragödien wird einem immer der heroisch-schwatzhafte Widerstreit von Pflicht und Neigung vorgeführt. Wenn man keine Wahl hat, tut man seine Pflicht, ohne große Worte zu machen. Dadurch wird die Geschichte nicht erbaulicher. Naudé wollte den Krieg weder bewundern noch auf ihn schelten. Sein hausbackener Menschenverstand sagte ihm, wenn der Krieg schon einmal im Gange wäre, wie ein Zug in voller Fahrt, so müßte man eben mitfahren: da wäre weiter nichts zu machen. Diese ganze Fragerei, wer den Krieg verschuldet habe, schien ihm Zeitvergeudung. Wenn er schon in den Krieg mußte, wie bitter wenig nützte ihm dann die Wissenschaft, er hätte nicht in den Krieg müssen, wenn dies und das so und so gekommen wäre -- wie es aber nicht gekommen war!
Die Schuldfrage! Für Bernhard Saisset lag hier der Kern des ganzen Problems; leidenschaftlich mühte er sich ab, diesen Schlangenknäuel zu entwirren oder er fuchtelte vielmehr damit über dem Kopf herum wie eine kleine Furie. Er war ein zarter, feiner, von innerer Glut verzehrter Bursche; er war sehr nervös, allzu große geistige Empfänglichkeit brauchte vorzeitig seine Kräfte auf. Er entstammte einer alten republikanischen Familie, deren Glieder die höchsten Würden im Staate bekleidet hatten; gerade darum konnte sich der junge Saisset gar nicht genug tun an linksrevolutionärer Leidenschaft. Er hatte die maßgebenden Männer und ihren Anhang gar zu nahe gesehen. Er klagte alle Regierungen an -- vor allem aber die seines eigenen Landes. Er redete jetzt nur noch von den Bolschewiken und Kommunisten; von deren Vorhandensein hatte er zwar eben erst Kunde erhalten, aber schon sah er sie als Brüder an, wie wenn er sie von Kindesbeinen an gekannt hätte. Er sah das Heil nur noch in einem allgemeinen Umsturz, über dessen Wesen er sich jedoch selbst nicht recht klar war. Er haßte den Krieg, aber er hätte sich mit Wonne in einem Klassenkriege hingeopfert -- in einem Kriege gegen seine eigene Klasse, gegen sich selbst.
Der vierte, Claudius Puget, würdigte diese Wortgefechte nur einer kühlen, etwas verächtlichen Aufmerksamkeit. Er stammte aus ärmlichen, kleinbürgerlichen Verhältnissen; ein Schulinspektor hatte gelegentlich einer Dienstreise seine Fähigkeiten »entdeckt«, hatte ihn aus dem Wurzelboden seiner Heimat gerissen; so mußte er vorzeitig die Wärme des Familienlebens entbehren, gewöhnte sich als Stipendiat einer Staatsschule nur immer auf sich selber gestellt zu sein, nur mit sich, aus sich heraus und für sich zu leben. Auf diesem Wege wurde er auch theoretischer Egoist, ein eifriger Zergliederer seines Ich. Da er mit solcher Wollust in die Betrachtung dieses Selbst vertieft war wie eine behaglich eingerollte Katze, ließ ihn das aufgeregte Wesen der anderen ganz kalt. Die drei disputierenden Freunde hatten sich, wie er meinte, gegenseitig nichts vorzuwerfen; alle drei gehörten sie zur großen Herde. Gaben sie nicht ihr bestes Vorrecht auf, indem sie durchaus an Massenbewegungen teilhaben wollten? Freilich hielt es jeder mit einer andern Masse. Aber für Puget war jede Masse im Unrecht. Die Masse war der eigentliche Feind. Der Geist soll abseits bleiben und fern von Pöbel und Staat das kleine, streng abgeschlossene Reich des Gedankens aufrichten.
Peter aber saß beim Fenster, sah zerstreut hinaus, träumte vor sich hin. Sonst hatte er mit leidenschaftlichem Eifer an diesen Wortgefechten teilgenommen. Aber heute war es ihm nur ein leeres Wortgeklingel, das so fern herübertönte; es kam ihm komisch und langweilig vor; er wäre bald eingeschlafen. Die anderen waren so vertieft, daß sie sein Schweigen erst nach geraumer Zeit merkten. Aber endlich rief ihn Saisset doch an, weil er bei ihm gewöhnlich für sein bolschewistisches Gerede Widerhall fand.
Peter fuhr aus seiner Träumerei auf, wurde rot und fragte lächelnd:
»Wovon redet ihr denn?«
Die andern waren empört.
»Aber hast du denn nicht zugehört?«
»Woran dachtest du nur?« fragte Naudé. Peter war etwas verwirrt, wollte sie aber auch ein bißchen ärgern. So antwortete er:
»An den Frühling hab' ich gedacht. Ohne euch zu fragen, ist er gekommen, ohne zu fragen, wird er auch wieder gehn.«
Alle zermalmten ihn unter der Wucht ihrer Verachtung. Naudé schimpfte ihn »Dichter«, Jakob See hieß ihn einen Flausenmacher. Aber Pugets Augen kniffen sich noch mehr zusammen und sein kalt er Blick forschte mit spöttischer Neugier in Peters Zügen. Er sagte:
»Du geflügelte Ameise du!«
»Was?« fragte Peter lachend.
»Vorsicht mit den Flügeln!« sagte Puget. »Der Hochzeitsflug dauert nur eine Stunde.«
»Das Leben dauert auch nicht länger,« sagte Peter.
* * * * *
In der Osterwoche waren sie wieder täglich beisammen. Peter besuchte Lutz in ihrem einsamen Häuschen. Das dürftige Gärtlein war im Erwachen. Dort verbrachten sie die Nachmittage. Sie empfanden jetzt einen Widerwillen gegenüber Paris und der Menge, gegenüber dem Leben. Manchmal saßen sie wie in seelischer Lähmung schweigend nebeneinander und mochten sich nicht rühren. Ein absonderliches Gefühl hatte Macht über sie gewonnen. Sie hatten Angst. Diese Angst wuchs, je näher der Tag heranrückte, an dem sie sich einander schenken wollten -- dieses Angstgefühl entstammte einer zum höchsten Grad gesteigerten Liebe, einer völlig rein gewordenen Seele, der das Häßliche, Grausame, Schimpfliche des Lebens ein solches Grauen einflößt, daß sie im Rausch ihrer schwermütigen Leidenschaft davon träumt, sich von all diesem Niedrigen freizumachen. Sie sprachen nicht darüber.
Ihre liebste Beschäftigung war, sich in hellen Farben auszumalen, wie ihre Wohnung aussehen sollte, wie sie miteinander arbeiten und ihren kleinen Haushalt führen wollten. Sie einigten sich über die geringsten Einzelheiten ihrer Einrichtung, über die Art der Tapeten, der Möbel, und wie die aufgestellt werden sollten. Als echte Frau bekam Lutz Tränen in die Augen, wenn liebe Kleinigkeiten erwähnt wurden, an die sich Vorstellungen eines innigen, beseelten Zusammenlebens knüpften. Sie kosteten die zarten, kleinen Freuden künftiger Häuslichkeit in der Vorstellung aus. Dabei wußten sie ganz genau, nichts von all dem würde je verwirklicht werden, -- Peter ahnte es in angeborenem Pessimismus, -- Lutz aber wurde durch ihre Liebe so klarsichtig, daß sie die Unmöglichkeit einer Heirat erkannte . . . Deshalb wollten sie dieses Glück rasch wenigstens im Traume genießen. Die Überzeugung, daß es ein Traum bleiben müsse, verbarg einer vor dem anderen. Jeder meinte da ein tiefes Geheimnis zu bewahren und mühte sich in zärtlicher Sorge, den anderen in der süßen Täuschung zu erhalten.
Wenn sie den schmerzlichen Vorgenuß unmöglicher Zukunft durchgekostet hatten, befiel sie eine Ermattung, wie wenn sie ihr wirkliches Leben schon gelebt hätten. Dann saßen sie still in der Laube mit den dürren Kletterranken, deren erstarrte Säfte die neue Sonne wieder quellen ließ; Peters Kopf ruhte an Lutzens Schulter, und so lauschten sie verträumt dem Gesumm der erwachenden Erde. Hinter den treibenden Wolken spielte die kindliche Märzensonne Verstecken, lachte auf -- und war schon wieder weg. Heller Strahl und düstre Schatten glitten über die Fläche, wie durch die Seele Lust und Leid.
»Lutz,« sagte Peter plötzlich, »weißt du noch? . . . Es ist lange, lange her . . . Aber es war schon einmal so mit uns. . .«
»Ja,« sagte Lutz, »das ist wahr. Ich erkenne alles wieder, alles . . . Aber wo waren wir damals?«