Peter und Lutz Eine Erzählung mit sechzehn Holzschnitten von Frans Masereel

Part 4

Chapter 43,589 wordsPublic domain

»Es ist keine Gefahr. Apachen kommen nicht in diese Gegend. Die haben ihre festen Gewohnheiten. Sind im Grunde auch solide Bürger. Und dann wohnt da unser Nachbar, ein alter Lumpensammler mit seinem Hunde. Überhaupt habe ich keine Angst. Ich prahle nicht damit. Es ist gar nichts Besonderes. Ich bin sonst nicht gerade mutig. Ich habe eben noch keine Gelegenheit gehabt, recht das Gruseln zu lernen. Wenn es einmal dazu kommt, entpuppe ich mich vielleicht als ärgerer Hasenfuß als andere. Weiß man denn je, was man ist?«

»Ich weiß, was Sie sind,« sagte Peter.

»Ja, das ist aber auch viel leichter, ich weiß es auch . . . was Sie angeht. Den andern erkennt man immer besser.«

Der feuchte Abendfrost drang durch die geschlossenen Fenster. Peter schauerte ein wenig zusammen. Lutz merkte es sogleich am Zucken seines Nackens. Auf ihrem Spirituskocher bereitete sie ihm eine Tasse Schokolade. So vesperten sie. In mütterlicher Sorgfalt warf Lutz ihm einen Schal um die Schultern. Behaglich ließ er sich verwöhnen, wie ein Kätzchen wohlte er sich in der weichen Wärme des Tuches. Man kam wieder auf Lutzens Lebensgeschichte zurück, die noch nicht ganz fertig erzählt war. Peter sagte:

»Wenn Sie sonst in der Welt niemand haben als Ihre Mutter, muß doch das Verhältnis zu ihr sehr innig sein.«

»Ja,« sagte Lutz, »es _war_ so.«

»_War_?« wiederholte Peter.

»O wir haben uns immer noch lieb,« sagte Lutz. Sie war etwas verlegen, weil ihr dieses Wort entschlüpft war. (Warum sagte sie ihm immer mehr, als sie sagen wollte? Dabei fragte er sie nicht aus, wagte es nicht. Aber sie hörte, wie sein Herz fragte, und es tut so gut, jemandem alles zu sagen, wenn man es sonst nie gedurft hat. Die Stille im Haus, das halbdunkle Zimmer, -- all das verlockte zu rückhaltloser Aussprache.) Sie sagte:

»Seit vier Jahren kennt man sich gar nicht mehr aus. Alle Menschen sind ganz anders.«

»Meinen Sie, Ihre Mutter ist anders geworden oder Sie selbst?«

»Alle Menschen,« wiederholte Lutz.

»Worin?«

»Man kann es nicht ausdrücken. Man hat nur das Gefühl, daß überall die Beziehungen zwischen einander nahestehenden Menschen, auch innerhalb der Familien, irgendwie anders geworden sind. Man kann auf nichts mehr bauen, jeden Morgen muß man sich jetzt fragen: >was wird es abends geben, werde ich den auch nur wiedererkennen?< Man ist wie auf einer Planke im Wasser; die will fortwährend umkippen.«

»Was ist denn geschehen?«

»Ich weiß nicht,« sagte Lutz, »ich kann es Ihnen nicht erklären. Ich weiß nur, seit dem Krieg ist es so. Es liegt etwas in der Luft. Alle Welt ist ganz aus dem Häuschen. Wo man sich in den Familien umschaut, sieht man Menschen ihre eigenen Wege gehen, die früher unzertrennlich waren. Alle sind wie berauscht; wie Jagdhunde wittern sie irgend etwas und laufen der Fährte nach.«

»Wohin denn?«

»Ich weiß nicht. Aber die Leute selber, mein' ich, auch nicht. Wohin der Zufall und ihre Begierde sie treiben. Frauen legen sich Liebhaber zu. Männer vergessen ihre Frauen. Und das kommt bei den bravsten Leuten vor, die bis dahin so ruhig und ordentlich schienen. Überall hört man von zerrütteten Ehen. Aber zwischen Kindern und Eltern ist es gerade so. Meine Mutter . . .«

Sie hielt inne, dann fuhr sie fort:

»Meine Mutter lebt jetzt ihr eigenes Leben.«

Sie stockte wieder und sagte dann:

»Das ist ja ganz natürlich. Sie ist noch jung, meine arme Mama, viel Glück hat sie auch nicht erfahren: sie hat noch soviel unverbrauchtes Gefühl. Sie hat wohl das Recht, sich ein neues Leben aufzubauen.«

Peter fragte:

»Sie will wieder heiraten?«

Lutz schüttelte den Kopf. Man wußte nicht recht . . . Peter wagte keine weitere Frage.

»Sie hat mich gewiß immer noch gern. Aber nicht mehr wie früher. Sie könnte jetzt auch ohne mich leben . . . Die arme Mama wäre ja so zerknirscht, wenn sie sich darüber klar werden müßte, daß ihre Liebe zu mir in ihrem Herzen nicht mehr an erster Stelle steht! Nie würde sie es eingestehen . . . Das Leben ist doch eine kuriose Sache!«

Ihr leises Lächeln war traurig und zugleich etwas schalkhaft. Peter legte zärtlich seine Hand über ihre Hände, die auf die Tischplatte gestützt waren, sonst rührte er sich nicht.

»Wir sind alles arme Geschöpfe,« sagte er.

Eine Weile später sagte Lutz:

»Wir zwei, wir sind so ruhig! . . . Die andern sind wie im Fieber. Krieg. Fabriken. Alles hastet, hastet. Arbeiten, leben, genießen . . .«

»Ja,« sagte Peter, »kurz ist die Stunde.« »Um so weniger soll man laufen, statt zu gehen! Man ist ja doch zu bald am Ziele. Wir wollen ganz kurze Schrittchen machen.«

»Aber die Stunde selber rennt fort,« sagte Peter. »Halten wir sie recht fest!«

»Ich halte sie, ich halte sie,« sagte Lutz, indem sie seine Hand ergriff.

So plauderten sie bald zärtlich, bald ernsthaft, wie gute alte Freunde. Aber dabei achteten sie wohl darauf, daß immer der Tisch zwischen ihnen blieb. Aber jetzt merkten sie erst, daß es im Zimmer tiefe Nacht geworden war. Peter stand hastig auf. Lutz hielt ihn nicht zurück.

Die kurze Stunde war um.

Sie hatten Angst vor der Stunde, die jetzt kommen konnte. Beim Abschied waren sie so befangen, ihre Stimmen klangen so gepreßt wie bei Peters Eintritt. Auf der Schwelle wagten ihre Hände kaum sich zu berühren.

Aber wie er die Tür geschlossen hatte und beim Durchschreiten des Gärtchens den Kopf gegen das Fenster im Erdgeschoß wandte, sah er im letzten kupfrigen Widerschein auf den Scheiben Lutzens Kopf im Umriß, wie sie im ungewissen Halblicht ihm mit dem Ausdruck tiefer Leidenschaft nachsah. Da lief er zum Fenster zurück und legte den Mund an die Scheibe. Durch die gläserne Wand hindurch küßten sich ihre Lippen. Dann wich Lutz ins Dunkel des Zimmers zurück und der Fenstervorhang fiel nieder.

* * * * *

Seit etwa vierzehn Tagen wußten sie nicht mehr, was in der Welt vorging. Mochte man doch in Paris durch dick und dünn Leute einkerkern und verurteilen, mochte doch Deutschland eben unterzeichnete Verträge durchführen oder wieder umstoßen, mochten doch die Regierungen weiter lügen, die Presse weiter schmähen und die Heere weiter sich töten. Die beiden lasen keine Zeitungen. Sie wußten wohl, irgendwo oder überall ringsumher gab es Krieg, wie etwa auch Typhus und Influenza herrscht; aber das machte ihnen weiter keinen Eindruck; sie wollten nicht daran denken.

Aber gerade diese Nacht rief sich der Krieg ihnen selber ins Gedächtnis zurück. Sie waren beide schon zur Ruhe gegangen (die Tage vergingen ihnen in einer solchen Anspannung des Gefühls, daß sie abends todmüde waren). Jedes hörte in seinem Stadtviertel das Alarmsignal, beide wollten aber nicht aufstehen. Jedes vergrub den Kopf in die Polster, unter die Decke, wie Kinder während des Gewitters -- aber gar nicht aus Furcht (sie waren überzeugt, es könne ihnen nichts zustoßen), -- sondern um zu träumen. Lutz vernahm, wie es in der schwarzen Nachtluft dröhnte und dachte: »Wie wäre es gut, das Unwetter in seinen Armen vorüberbrausen zu hören!«

Peter hielt sich die Ohren zu. Nichts sollte ihn in seinen Gedanken stören! Hartnäckig versuchte er auf der Klaviatur der Erinnerung Ton für Ton das Lied dieses Tages zu wiederholen, die melodische Folge der einzelnen Stunden von der Minute an, da er Lutzens Haus betreten hatte, die feinsten Biegungen ihrer Stimme, jede kleine Bewegung, die ununterbrochene Reihe von Eindrücken, die sein hastiger Blick geschlürft hatte, -- einen Wimperschatten auf der Wange oder deren Beben im Anhauch eines Gefühls, das dem Windgekräusel am Wasser glich, der Lichtstrahl eines Lächelns, der über ihre Lippen glitt, oder die weiche Nacktheit der zwei ausgestreckten Hände, zwischen denen sein Handballen gelegen hatte, -- all diese köstlichen Splitter suchte er mit magischer Liebesglut zu einem Bilde zu verschmelzen. Er duldete nicht, daß äußerer Lärm in sein Heiligtum drang. Dies Draußen war wie ein lästiger Besucher . . . Krieg? Weiß schon, weiß schon. Der Krieg pocht an die Tür? Soll warten! . . . und der Krieg wartete wirklich geduldig vor der Schwelle. Er wußte, seine Stunde würde auch noch kommen. Das wußte Peter auch und darum schämte er sich seiner egoistischen Abkehr durchaus nicht. Die Welle des Todes würde ihn schon auch ergreifen. Zu Vorschüssen war er nicht verpflichtet. Am Verfallstage mochte der Tod seine Rechnung präsentieren! Bis dahin aber sollte er ihn in Ruhe lassen, sich hübsch still verhalten! Ach, bis dahin wollte er wenigstens von dieser wundervollen Zeit nichts verlieren; jede Sekunde war ein Goldkorn und er glich dem Geizigen, der seine Schätze betastet und streichelt: Das ist mein, ist ganz mein eigen! Rührt nicht an meinen Frieden, an meine Liebe! Die sind mein bis zur Stunde, wo . . . Aber wann wird diese Stunde kommen? -- Am Ende kommt sie nie! Ein Wunder? . . . Warum nicht? . . .

Inzwischen floß der Strom der Stunden und Tage weiter dahin. Bei jeder Biegung kam das Grollen der Katarakte näher. Peter und Lutz lagen im Kahne hingestreckt und hörten es wohl. Aber sie hatten keine Angst mehr. Selbst diese gewaltige Stimme wiegte sie wie begleitender Orgelton noch tiefer in ihren Liebestraum. Wenn man endlich beim Abgrund war, würde man nur die Augen schließen, sich fester aneinander drängen und alles würde mit einem Male zu Ende sein. Der Abgrund ersparte ihnen die Pein, an das spätere Leben zu denken, an das Leben, das sonst noch hätte kommen können, an die aussichtslose Zukunft. Lutz hatte ein Vorgefühl von den Widerständen, auf die Peter, wenn er sie heiraten wollte, hätte stoßen müssen; Peter selbst empfand dies minder klar (er war der Klarheit minder zugetan), bebte aber auch davor zurück. Was brauchte man jetzt so weit vorauszusehn? Das Leben hinter dem Abgrunde erschien wie das »Leben im Jenseits«, von dem die Kirche erzählt. Es heißt, daß man sich dort wiederfinden wird; aber ganz sicher weiß man es nicht. Sicher ist nur eines: die Gegenwart, unsere Gegenwart. Da hinein laßt uns, ohne ängstliches Zögern und Zählen, unser ganzes Teil Ewigkeit ergießen!

Lutz kümmerte sich um die Tagesereignisse noch weniger als Peter. Der Krieg interessierte sie gar nicht. Er kam einfach als eine Plage mehr zu den vielen anderen hinzu, aus denen nun einmal das äußere Leben gewoben war. Nur wer vor der nackten Wirklichkeit des Lebens geborgen ist, macht viel Aufhebens vom Kriege. Aber das kleine Mädchen mit ihrer frühreifen Lebenserfahrung -- wie gut kannte sie den Kampf ums tägliche Brot -- panem quotidianum . . . (Gott gab es nicht umsonst!) -- zeigte ihrem Freunde, dem verwöhnten Bürgersöhnchen, wie der Friedenszustand für die Armen, besonders für deren Frauen, nur ein Trugbild ist, der gleißende Deckmantel für einen mörderischen, tückischen, unablässigen Krieg. Sie verschonte ihn mit Einzelheiten, um ihn nicht zu betrüben: sie fühlte sich ihm mütterlich überlegen, als sie sah, wie sehr ihn ihre Berichte erschütterten. Wie die meisten Frauen empfand sie gegenüber gewissen häßlichen Seiten des Lebens keineswegs den körperlichen und seelischen Abscheu, von dem sich da der junge Bursch gepackt fühlte. Gewaltsame Weltverbesserung lag ihr ganz fern. Wenn es ihr einmal noch schlechter gegangen wäre, wäre sie imstande gewesen, ohne Ekel ekelhafte Beschäftigung zu übernehmen und deren Spur so leicht und anmutig von sich abzutun, daß sie dann wieder blitzblank, in aller Seelenruhe, hätte ihrer Wege gehen können. Jetzt freilich vermochte sie es nicht mehr; seit sie Peter kannte, hatte ihre Liebe ihr alle Neigungen und Abneigungen ihres Freundes mitgeteilt; aber dergleichen kam nicht aus dem Grunde ihres Wesens. Sie gehörte einem ausgeglichenen, heiteren Menschenschlage an, dem aller Pessimismus fern lag. Melancholie und großartige Weltverneinung war nicht ihre Sache. Das Leben ist, wie es ist. Man nimmt es, wie es ist. Hätte schlimmer ausfallen können! Soweit Lutz nur zurückdenken konnte, war ihr äußeres Dasein immer recht schwierig gewesen; immer war man da auf der Suche nach rettenden Auswegen, besonders seitdem Krieg war; die Wechselfälle eines solchen Daseins hatten Lutz gelehrt, sich nicht um den nächsten Tag zu sorgen. Dazu kam noch, daß dieser innerlich freien kleinen Französin jeder Gedanke ans Jenseits fremd war. Dieses Leben genügte ihr. Lutz fand es hübsch genug, aber es hängt doch nur an einem Härchen, es gehört so wenig dazu, damit dies Härchen reißt, daß es wirklich nicht lohnte, sich um Dinge zu quälen, die morgen geschehen könnten. Trinkt, ihr Augen, im Vorübereilen vom Licht, in dem ihr badet! Und was das Nachher anlangt, so laß dich, Herz, vertrauend in der Strömung treiben! . . . Und jetzt hat man sich gar noch so lieb -- ist das nicht köstlich? Lutz wußte wohl, es würde nicht lange währen. Aber ihr Leben würde ja auch nicht lange währen . . .

Ihrem Wesen nach war sie ganz anders als der kleine Junge, der sie liebte und den sie liebte; der war gefühlvoll, leidenschaftlich, nervös, erregbar, glücklich und unglücklich zugleich, überschwänglich in Lust und Leid, gleich stürmisch in Hingabe oder Trotz; gerade wegen dieses Gegensatzes zu ihrer Art war er ihr so lieb. Aber ganz einig waren beide im unausgesprochenen Vorsatz, keinen Blick in die Zukunft zu werfen: sie war ein sorglos hinplätscherndes Bächlein, das in sein Los ergeben ist -- er aber stürzte sich in überspannter Verneinung der Umwelt in den Abgrund der Gegenwart und nichts sollte ihn daraus vertreiben.

* * * * *

Der große Bruder war wieder daheim. Er hatte ein paar Tage Urlaub. Gleich am ersten Abend merkte er, daß sich die Atmosphäre des Vaterhauses irgendwie verändert hatte. Worin denn? Das wußte er selber nicht zu sagen: aber etwas ging ihm gegen den Strich. Die Seele hat Fühlfäden, die fernhin Dinge aufspüren, die das Bewußtsein noch gar nicht abgetastet hat. Die feinsten Fühlfäden aber streckt verletztes Selbstgefühl aus. Bei Philipp schwangen also diese Fäden aufgeregt hin und her, suchten verwundert ein Etwas, das ihnen fehlte . . . Dabei hatte er doch den Kreis seiner Lieben, der ihm den gewohnten Weihrauch zollte -- das aufmerksame Publikum, dem er kärglich Frontschilderungen zuzumessen geruhte -- die Eltern hingen in gewohnter Bewunderung an seinen Lippen, -- der kleine Bruder. . . Oha! Halt! Ja, der, gerade der war nicht da, wenn man ihn brauchte! Anwesend war er wohl, aber er drängte sich gar nicht mehr an den großen Bruder heran, er bettelte nicht, wie sonst, um vertrauliche Eröffnungen, deren Verweigerung dem Großen so viel Spaß gemacht hatte. Zu welchen Armseligkeiten verleitet gekränkte Eitelkeit! Sonst setzte Philipp zu all den glühenden Zweifelfragen des jüngeren Bruders eine müde, spöttische Gönnermiene auf -- jetzt fühlte er sich verletzt, weil Peter keine solchen Fragen mehr stellte. Und so suchte er selbst diese Dinge aufs Tapet zu bringen. Er wurde viel mitteilsamer und sah beim Sprechen immer Peter an, um ihn merken zu lassen, daß seine Reden ihm galten. Zu andern Zeiten wäre Peter außer sich gewesen vor Freude darüber und hätte sich nicht lange bitten lassen, auf die Absicht des Bruders einzugehen. Aber jetzt rührte er sich nicht und sah in aller Seelenruhe zu, wie Philipp die ausgestreckten Fühler wieder hübsch einziehen mußte. Der war jetzt beleidigt und machte ironische Bemerkungen. Peter aber ließ sich nicht aus der Fassung bringen und antwortete schlagfertig in gleichem Tone. Philipp wollte nun eine gründliche Aussprache herbeiführen, hielt in übertriebener Lebhaftigkeit förmliche Reden -- aber nach ein paar Minuten merkte er, daß er für sich allein redete. Peter sah ihm zu und schien zu denken:

»Nur zu, lieber Freund, wenn's dir Spaß macht! Nur weiter, ich höre schon zu . . .«

Welch unverschämtes leichtes Lächeln! . . . Die Rollen waren vertauscht. Beschämt wurde Philipp still und beobachtete nun etwas aufmerksamer den jungen Bruder, der sich jetzt nicht weiter mit ihm abgab. Wie der sich verändert hatte! Die Eltern hatten nichts bemerkt, weil sie ihn jeden Tag sahen; aber der durchdringende und jetzt noch von Eifersucht geschärfte Blick Philipps fand nach einer Abwesenheit von ein paar Monaten Peters gewohnten Gesichtsausdruck nicht wieder. Peter schien in glückseliger Dumpfheit sorglos dahinzuleben; gleichgültig gegen die Menschen, ohne einen Blick für die Umwelt, webte und schwebte er offenbar wie ein junges Mädchen in weicher, warmer Traumluft. Philipp sah ein, daß er selbst dem Bruder gar nichts mehr bedeutete.

Da er nicht nur andere gut zu beobachten verstand, sondern auch das eigene Erleben immer tapfer unter die Lupe nahm, wurde ihm die Ursache seiner Verstimmung bald klar und heilsame Selbstverspottung befreite ihn davon. Wie nur erst einmal die dumme Empfindelei abgetan war, beschäftigte er sich um der Sache selbst willen mit Peter und suchte den geheimen Grund seiner Verwandlung zu entdecken. Gerne hätte er ihn zu vertraulichen Eröffnungen gebracht. Aber darin fehlte es ihm an Übung und außerdem schien der kleine Bruder keinerlei Bedürfnis nach Herzensergießung zu verspüren; mit spöttisch lässigem Gleichmut betrachtete er sehr von oben herab Philipps linkische Bemühungen, eine Brücke zu ihm zu schlagen. Lächelnd, die Hände in den Taschen, pfiff er ein Liedchen vor sich hin und gab beiläufige Antworten, ohne recht auf die Fragen zu horchen -- und auf einmal hatte er sich schon wieder in sein Märchenschloß zurückgezogen. Schön guten Abend! Weg war er. Nur sein Spiegelbild lag noch am fließenden Wasser und rann einem durch die Finger. -- Wie ein verschmähter Liebhaber fühlte Philipp erst jetzt den ganzen Wert des Herzens, das er verloren hatte, und die eigentümliche Anziehungskraft, die von dem Geheimnis ausging, das sich darin barg. Der Zufall spielte ihm des Rätsels Lösung in die Hände. Als er eines Abends über den Boulevard Montparnaß heimging, begegnete er im Dämmerlicht Peter und Lutz. Er fürchtete, sie könnten ihn gesehn haben. Aber sie kümmerten sich gar nicht um die Außenwelt. Sie waren eng aneinandergeschmiegt; Peter stützte seinen Arm auf Lutzens Arm, hielt ihre Hand, und seine Finger schlangen sich zwischen ihre Finger; so gingen sie mit kurzen Schritten dahin, in heißer, unersättlicher Zärtlichkeit wie Eros und Psyche in der Farnesina. Ihre Blicke waren tief ineinander versenkt. Philipp lehnte sich an einen Baum und sah zu, wie sie vorübergingen, stehen blieben, weiter gingen und im Dunkel verschwanden. Philipps Herz war voll Mitleid mit den zwei Kindern; er dachte:

»Mein Leben ist hingeopfert. Meinetwegen! Aber daß die zwei auch daran glauben sollen, ist das ärgste Unrecht. Wenn ich wenigstens ihr Glück erkaufen könnte!«

Trotz seines höflich-zerstreuten Wesens merkte Peter doch am nächsten Tage, wie herzlich die Stimme des Bruders klang, wenn er mit ihm sprach; allerdings empfand er auch das nicht sofort, sondern es fiel ihm erst nachher auf, wenn er daran zurückdachte. Da erwachte er doch so halbwegs aus seinem Traumzustand und sah wieder einmal den guten Blick des Älteren, den er an ihm gar nicht mehr kannte. Philipp schaute ihn mit so klaren Augen an, daß Peter den Eindruck hatte, dieser Blick wolle in sein Geheimnis eindringen; hastig barg er es hinter herabgelassenen Vorhängen. Aber Philipp lächelte nur, stand auf, legte ihm die Hand auf die Schulter und schlug einen Spaziergang vor. Peter ging darauf ein; er hatte ja wieder Vertrauen; sie gingen mitsammen in den nahen Luxemburgpark. Der große Bruder ließ seine Hand immer noch auf der Schulter des Jüngeren ruhn und der war stolz darauf, daß es wieder gut stand zwischen ihnen. Jetzt war ihm die Zunge gelöst. Sie sprachen lebhaft von geistigen Dingen, von Büchern und Beobachtungen an Menschen, von neuen Erfahrungen -- nur gerade von der einen Sache nicht, an die sie beide immerfort denken mußten. Es tat ihnen wohl, so vertraulich miteinander zu reden, ohne doch an das Geheimnis zu rühren, das zwischen ihnen stand.

Mitten unter dem Plaudern fragte sich Peter:

»Weiß er's? . . . Aber woher sollte er es denn erfahren haben? . . .«

Philipp beobachtete ihn lächelnd, wie er schwatzte. Peter hielt endlich mitten im Satze inne . . .

»Was hast du denn? . . .«

»Nichts. Ich schaue dich nur an. Ich bin so froh.«

Sie tauschten einen Händedruck. Auf dem Rückwege fragte Philipp:

»Du bist glücklich?«

Peter nickte wortlos.

»Da hast du recht, Kleiner, das Glück ist was Schönes. Nimm mein Teil mit dazu . . .«

Um Peter nicht zu betrüben, vermied es Philipp während dieses Aufenthaltes, über die nahe bevorstehende Einziehung von des Bruders Jahrgang zu sprechen. Aber am Tage seiner Abreise konnte er doch die sorgenvolle Bemerkung nicht unterdrücken, daß der Bruder nun so bald der Prüfung ausgesetzt sein würde, die er aus eigener Erfahrung nur zu gut kannte. Aber kaum ein Schatten glitt über die Stirn des kleinen Verliebten. Er zog ein wenig die Brauen zusammen, blinzelte, wie wenn er ein unangenehmes Bild verscheuchen wollte, und sagte:

»Ach was! . . . noch Zeit! . . . Chi lo sa?«

»Man weiß es nur zu genau,« sagte Philipp.

»So viel weiß ich sicher«, sagte Peter, den Philipps Hartnäckigkeit verdroß, »wenn ich mal dort drin stecke, -- ich schieße auf niemand.«

Philipp widersprach nicht, aber lächelte wehmütig vor sich hin; wußte er doch so gut, wie die schwache Einzelseele und ihr Wollen hinschwanden vor der unerbittlichen Wucht der Herde.

* * * * *

Der März war wieder da und längere Tage und erster Vogelsang. Aber mit der Kraft des Sonnenlichtes wuchsen auch die düsteren Flammen des Krieges. Mit fieberhafter Spannung sah man dem Frühjahr entgegen und der Katastrophe, die in der Luft lag. Das riesige Tosen schwoll lauter an, der Waffenlärm von Millionen Feinden, die sich seit Monaten vor der Dammlinie der eigenen Stellung gestaut hatten und nun als Sturmflut über die Landschaft von Paris und sein von soviel Wettern geprüftes Wappenschiff hinbrausen wollten. Wie riesige Schatten eilten der Verheerung Schreckensnachrichten voraus: phantastische Gerüchte über Giftgase, über tödliche Kräfte, die sich durch die Luft verbreiten und ganze Provinzen packen und vernichten sollten, wie seinerzeit die erstickende Rauchwolke des (Vulkans) Mont Pelee. Schließlich ließen auch immer häufigere Besuche deutscher Flieger die Nerven der Stadt Paris ja nicht zur Ruhe kommen.

Peter und Lutz wollten von all dem noch immer nichts wissen; aber Keime des schwelenden Fiebers, die sie unbewußt mit der schweren Gewitterluft eingeatmet hatten, entfachten heißeres Verlangen in ihren jungen Körpern. Die drei Kriegsjahre hatten durch ganz Europa alle ethischen Anschauungen in einem Maße zerrüttet, daß die anständigsten Menschen in Mitleidenschaft gezogen waren. Dazu kam noch, daß die beiden Kinder an keinerlei Kirchenglauben Rückhalt hatten. Aber es schützte sie ihre Herzensreinheit und ganz triebhafte Scham. Doch waren sie innerlich entschlossen, einander ganz anzugehören, bevor die blinde Grausamkeit der Menschen sie auseinander reißen würde. Bis dahin hatten sie nie darüber geredet. Diesen Abend aber sollte es ausgesprochen werden.