Peter und Lutz Eine Erzählung mit sechzehn Holzschnitten von Frans Masereel

Part 3

Chapter 33,707 wordsPublic domain

»Verlange ich zu viel? . . . Man hat mir oft gesagt, das ist egoistisch, und ich denke mir manchmal auch: Hat man denn ein Recht darauf? . . . Wenn man um sich herum soviel Elend und Kummer sieht, wagt man nicht sich aufzulehnen. Aber mein Herz lehnt sich doch auf und schreit: Ja, ich habe ein Recht auf ein bißchen, ein klein bißchen Glück . . . Sagen Sie mir aufrichtig, ist das egoistisch? scheint es Ihnen schlecht?«

Peter ergriff ein unendliches Erbarmen. Dieser schwache Schrei aus einem Kinderherzen erschütterte ihn bis zum Grunde seiner Seele. Es kamen ihm die Tränen. Aneinandergelehnt saßen sie auf der Bank und jedes spürte die Körperwärme des andern. Es trieb ihn so sehr, sich zu ihr zu wenden und sie in seine Arme zu schließen. Er wagte sich nicht zu rühren, aus Angst, seiner Bewegung dann nicht mehr Herr zu sein. Reglos sahen die beiden vor sich nieder. Seine Stimme zitterte von verhaltener Leidenschaft, als er jetzt, fast ohne die Lippen zu regen, sehr rasch und ganz leise sagte:

»O mein liebes Körperchen du! Du mein Herzchen! Diese kleinen Füße möchte ich fassen und meine Lippen darauf drücken, ganz aufessen könnte ich Sie . . .«

Ohne aufzusehen, sagte sie auch sehr schnell und leise, in tiefer Verwirrung:

»Narr! kleiner Narr! . . . Stillsein! . . . ich bitte Sie . . .«

Ein alter Herr spazierte langsam an ihnen vorbei. Sie fühlten, wie ihre Körper sich in Liebe zerlösten . . .

Nun war niemand mehr in der Allee. Ein struppiger Spatz badete im Sande. Der Brunnen warf seine hellen Tröpfchen in die Luft. Befangen zögernd wandten sich ihre Gesichter einander zu; kaum aber hatten sich ihre Blicke getroffen, als sie schon wie Vögelchen sich zueinander schwangen; eilig und ängstlich war ihr Kuß, dann flogen sie wieder auseinander. Lutz stand auf und wollte gehen. Er war auch aufgestanden. Sie sagte: »Bleiben Sie!«

Sie wagten nicht mehr, sich anzusehen. Er flüsterte:

»Lutz . . . dies klein bißchen Glück . . . nicht wahr? . . . jetzt haben wir's!«

* * * * *

Schlechtes Wetter machte den Vesperstunden beim Sperlingsbrunnen ein Ende. Nebel umhüllte die Februarsonne. Aber die in ihren Herzen vermochte er nicht zu ersticken. Ach, das Wetter mochte sein, wie es wollte: kalt oder heiß, regnerisch, windig, mit Schnee oder Sonnenschein! Ihnen würde es gewiß willkommen sein. Jede Witterung kam ihnen besonders günstig vor. Denn solange ein Glück im Sprießen ist, scheint das Heute immer als der schönste Tag.

Der Nebel war ihnen ein lieber Anlaß zu täglichem, stundenlangem Beisammensein. Die Gefahr gesehn zu werden war sehr verringert. -- Nun holte er sie schon früh von der Tramway ab und begleitete sie bei ihren Gängen in der Stadt. Er hielt den Rockkragen aufgeschlagen. Sie trug ein Pelzhütchen, und ihr Kinn war tief in ihre Boa vergraben. In den dichten Schleier spannten die geschwungenen Lippen ein winziges Rund. Aber der beste Schleier war ihnen die feucht hüllende Webe des Nebels. Der lag schwer und grau wie Asche, von gelblichem Phosphorlicht durchtastet. Man sah keine zehn Schritt weit. Der Dunst wurde noch dichter, wenn sie durch eine der alten Querstraßen zur Seine heruntergingen. Du lieber Nebel, wohlig kühle Ruhstatt der Träume, dein Eishauch ist nur ein Wonneschauer! Den beiden war darin wie der Mandel in ihrer Fruchthülle, wie dem Flämmchen in einer abgeblendeten Laterne. Peter hielt Lutzens linken Arm dicht an sich gedrückt; sie gingen im gleichen Schritt; sie waren fast gleich groß, Lutz ein bißchen größer; so zwitscherten sie halblaut, fast Wange an Wange; wie gern hätte er auf dem Schleier das betaute Rund ihres Mündchens geküßt!

Das gewöhnliche Ziel ihrer Geschäftsgänge war der Laden des fragwürdigen »Kunst- und Antiquitätenhändlers«, für den sie ihr »Grünzeug«, wie sie sagte, herstellen mußte. Sie hatten es nie sehr eilig mit dem Hinkommen und, angeblich nur durch Zufall gerieten sie immer auf die längsten Umwege und dann mußte der Nebel schuld sein. Wenn trotz allem das Ziel schließlich doch in greifbarer Nähe erschien, blieb Peter zurück, Lutz trat in den Laden. Er wartete an der nächsten Ecke. Er mußte lange warten und die Kälte war recht empfindlich. Aber er war selig, um ihretwillen warten, frieren und sich langweilen zu dürfen. Endlich kam sie wieder heraus, lief lächelnd herbei und fragte mitleidig und besorgt, ob er denn nicht schon ein Eiszapfen war, der Arme! Er las es ihr jedesmal von den Augen ab, wenn sie beim Trödler Glück gehabt hatte, und dann freute er sich, wie wenn er den Gewinn eingeheimst hätte. Aber meistens kam sie mit leeren Händen wieder; sie mußte zwei, drei Mal hingehen, ehe sie zu ihrem bißchen Gelde kam. Dabei konnte sie noch von Glück sagen, wenn man die bestellte Arbeit nicht noch mit Grobheiten zurückwies. Heute, zum Beispiel, gab es großes Geschrei wegen einer Miniatur nach der Photographie eines verstorbenen Ehrenmannes, den sie nie gesehn hatte. Die Familie war empört, weil die Haar- und Augenfarbe nicht stimmte. Sie mußte es noch einmal machen. Sie war geneigt, solches Mißgeschick tapfer von der heiteren Seite zu nehmen, und lachte nur darüber. Peter aber lachte nicht. Er war außer sich vor Zorn.

»Solche Trottel! Erztrottel!«

Wenn Lutz ihm Photographien zeigte, die sie in Farben kopieren sollte, flammte er in grimmiger Verachtung auf -- (wieviel Spaß machten ihr diese komischen Wutanfälle!) -- gegen diese Idioten-Gesichter, diese feierlich grinsenden Klötze. Es schien ihm eine Entweihung, daß Lutzens liebe Augen sich mit diesen Eselsmienen vollsaugen, daß ihre Hände solche Züge wiedergeben sollten. Es war einfach empörend! Da war ihm noch das Kopieren im Museum lieber. Aber damit war es vorbei. Die letzten Museen wurden geschlossen und die Kundschaft verlor jedes Interesse dafür. Weder Madonnen noch Engel regierten die Stunde; jetzt galten nur die rauhen Krieger. Jede Familie hatte den ihren, tot oder noch lebend -- öfter aber tot -- und wollte seine Züge verewigt sehen. Die Reichsten bestellten Porträts in Farben: diese Arbeit wurde recht gut bezahlt, bot sich aber nur noch selten; man durfte nicht wählerisch sein. In Ermanglung besserer Aufträge blieb nichts anderes übrig, als zu lächerlich niedrigen Preisen sich mit dem Vergrößern von Photographien zu befassen. Die nächste Folge war, daß Lutz jetzt jeder Vorwand fehlte, so lange in der Stadt zu verweilen; sie hatte ja nicht mehr in den Museen zu kopieren, sondern einfach jeden zweiten oder dritten Tag beim Kunsthändler vorzusprechen, um Arbeiten zu übernehmen oder abzuliefern; die Arbeit selbst ließ sich zu Hause machen. Das paßte nun den zwei jungen Leuten ganz und gar nicht. Wie zuvor schlenderten sie ziellos durch die Gassen und konnten sich nicht entschließen, den Weg zur Station einzuschlagen. Da sie müde und vom Nebel durchkältet waren, traten sie in eine Kirche ein; dort setzten sie sich artig in eine Kapellennische und sprachen leise von den kleinen Dingen ihres Alltags; dabei sahen sie in die Glasgemälde der Fenster. Von Zeit zu Zeit wurden sie still, und ihre Seelen, frei vom Joch der Worte (es kam ihnen ja nicht auf den Sinn der Worte an, sondern auf den Lebenshauch darin, der wie die zarte Berührung zitternder Fühlfäden war), ihre Seelen also pflogen dann ernstere, tiefere Zwiesprache. Die traumhafte Farbenherrlichkeit der Glasgemälde, das Düster der Pfeiler, das Gesumme der Litaneien mengten sich in ihre Träumerei, weckten die Vorstellung der Bitternisse des Lebens, die sie vergessen wollten, und flößten tröstliches Heimweh nach dem Unendlichen ein. Obgleich es fast schon elf Uhr vormittags war, erfüllte, wie Öl aus heiligem Kruge, gelbliche Dämmerung das Schiff der Kirche. Aus fernster Höhe floß seltsames Leuchten: dunkler Purpur, ein roter Tropfen im Veilchenblau eines Riesenfensters, undeutliche Gesichter, von schwarzer Metallfassung umrahmt. Das blutfarbene Licht stieß eine Wunde in die hohe Nebelwand. . . Lutz sagte ganz unvermittelt:

»Kommen Sie auch dran?«

Er begriff sogleich, was sie meinte, weil sein Geist in diesem Schweigen derselben düsteren Fährte gefolgt war.

»Ja,« sagte er. »Aber nicht davon sprechen!«

»Nur eines sagen Sie mir: Wann?«

»In einem halben Jahre.«

Sie seufzte.

»Sie dürfen nicht mehr daran denken. Das nützt ja gar nichts.«

Sie wiederholte:

»Gar nichts.«

Sie holten recht tief Atem, um diese Vorstellung zu verdrängen. Dann zwangen sie sich tapfer (oder sollte man nicht eher sagen »feige«? Wer kann entscheiden, was der wahre Mut ist?), von andern Dingen zu reden, von den Kerzenflammen, die im Wachsduft wie Sterne flimmerten, von der präludierenden Orgelmelodie, vom Mesner, der gerade vorbeiging, von den immer neuen Entdeckungen, die Peter in ihrem Handtäschchen machte, wenn seine neugierigen Finger darin forschten. Mit wahrer Leidenschaft stürzten sie sich auf jede Kleinigkeit, die sie heiter ablenken konnte. Keinem der beiden Kinder fiel es auch nur im Traume ein, sie könnten dem Schicksal, das sie voneinander reißen wollte, irgendwie entrinnen. Statt sich dem Kriege entgegenzustemmen, dem entfesselten Strome eines ganzen Volkes Trotz zu bieten, dürfte man eher versuchen, die Kirche, deren steinerner Panzer sie umgab, aus ihren Grundfesten zu heben. Das einzige Auskunftsmittel war zu vergessen, bis zum letzten Augenblicke zu vergessen und sich insgeheim mit der leisen Hoffnung zu schmeicheln, der letzte Augenblick würde nie kommen. Bis dahin nur glücklich sein!

Als sie plaudernd den Rückweg von der Kirche antraten, verriet ihm der Druck ihres Armes, daß sie noch einen Blick auf die Auslage werfen wollte, an der sie eben vorbeigekommen waren. Ein Schuhgeschäft. Er sah, wie ihr Blick liebkosend ein Paar hoher Schnürstiefelchen umfing.

»Hübsch?« fragte er.

»Einfach süß!« sagte sie.

Er lachte über den Ausdruck und sie lachte mit.

»Sind sie nicht zu groß?«

»Nein, gerade recht.«

»Da könnte man sie ja kaufen?« Sie drückte seinen Arm und zog ihn fort, um sich dem verführerischen Anblick zu entreißen.

»Das ist nur für reiche Leute, _ist nicht für uns, ist nicht für uns,_« sang sie nach einer alten Volksweise.

»Warum denn nicht? Aschenbrödel hat auch den schönen Pantoffel angezogen.«

»Ja, damals gab's noch Feen!«

»Dafür gibt's heute noch verliebte Jungen.«

Sie sang wieder:

_»Es darf nicht sein, mein Freund, nein, nein!«_

»Warum denn nicht, da wir doch Freunde sind?«

»Gerade darum.«

»Wieso?«

»Gerade von einem Freunde darf man keine Geschenke annehmen.«

»Also nur von einem Feinde?«

»Von einem Fremden, das geht eher; wenn nur mein Kunsthändler mit einem Vorschuß herausrücken wollte, der Geizkragen!«

»Aber Lutz, ich habe schließlich doch auch das Recht, bei Ihnen ein Bild zu bestellen, wenn's mir paßt!«

Sie konnte gar nicht weiter gehn vor Lachen.

»Sie wollen also ein >Werk< von mir besitzen? Mein armer Freund, was sollten Sie damit? Es war schon gerade genug, daß Sie das Zeug angeschaut haben. Ich weiß ganz genau, daß es Schund ist. Für den Genuß würden Sie sich bedanken.«

»Aber durchaus nicht, es waren reizende Sachen dabei. Und schließlich ist das Geschmackssache.«

»Ihr Geschmack hat sich merkwürdig schnell geändert.«

»Darf er das nicht?«

»Nein, bei Freunden nicht.«

»Lutz, porträtieren Sie mich!«

»Na hören Sie, porträtieren soll ich Sie auch noch?«

»Aber es ist mein voller Ernst, neben diesen Schafsköpfen werde ich wohl noch bestehen können!«

Da drückte sie fest seinen Arm, und ihr entschlüpfte das Wort:

»Mein Schatz!«

»Was haben Sie gesagt?«

»Nichts.«

»Ich habe es ganz gut gehört.«

»Dann behalten Sie's für sich!«

»Nein, ich behalte es nicht für mich, ich gebe es Ihnen doppelt wieder . . . Mein Schatz! . . . Mein Schatz! . . . Sie machen also mein Porträt, nicht wahr? . . . Abgemacht?«

»Haben Sie eine Photographie?«

»Nein, ich habe keine.«

»Ja wie soll ich's dann anfangen? Ich kann Sie doch nicht auf der Gasse malen?«

»Sie haben mir doch erzählt, daß Sie meist allein zu Hause sind?«

»Ja, an den Tagen, wo Mutter in der Fabrik ist. Aber ich getraue mich nicht . . .«

»Haben Sie Angst, daß man uns sieht?«

»Nein, deswegen nicht. Wir haben keine Nachbarn.«

»Also was fürchten Sie dann?«

Lutz antwortete nicht. Sie waren bei der Elektrischen angelangt. Es warteten zwar viele Leute, aber man sah sie kaum, der Nebel schied das Pärchen immer noch von der übrigen Welt. Sie mied seinen Blick.

Da faßte er ihre beiden Hände und sagte warm:

»Keine Angst haben, mein Schatz . . .« Lutz erhob den Blick, und sie sahen einander in die Augen; diese zwei Augenpaare schauten so klar und ehrlich! »Ich vertraue Ihnen,« sagte sie. Sie schloß die Augen. Sie fühlte, daß sie ihm heilig war.

Die Hände lösten sich voneinander. Die Tram gab das Abfahrtszeichen. In Peters Blick lag eine innige Bitte.

»An welchem Tage?« fragte er.

»Mittwoch,« antwortete sie, »kommen Sie gegen zwei Uhr . . .« Im letzten Augenblick vor der Abfahrt fand sie ihr schalkhaftes Lächeln wieder; sie sagte ihm ins Ohr:

»Aber bringen Sie doch Ihre Photographie mit. Ich kann ja zu wenig, um ohne Photographie zu malen . . . O ja! O ja! Ich weiß, Sie haben schon welche, Sie kleiner Erzschwindler Sie!«

* * * * *

Äußerste Vorstadt, noch hinter der Malakoffstraße. Halbausgebaute Straßen stehen zahnlückig da und werden von wüsten, noch unverbauten Flächen unterbrochen, die schon in eine Art ländliche Gegend von zweifelhaften Reizen sich verlieren, wo zwischen Plankenzäunen Hütten von Lumpensammlern lieblich verstreut sind. Trübgraue Wolkenschläuche liegen lang auf der farbenarmen Erde, aus deren magern Rippen Nebel dampft. Die Luft ist schneidend kalt. Man kann das Haus nicht verfehlen: nur drei stehen auf dieser Straßenseite, es ist das letzte und hat kein Gegenüber. Es ist einstöckig und hat einen von Staketen umzäunten Hof mit zwei, drei armseligen Sträuchern und einem Gemüsebeet, das jetzt unterm Schnee liegt.

Peter ist geräuschlos eingetreten; der Schnee dämpft den Schall seiner Schritte. Aber die Vorhänge im Erdgeschoß bewegen sich; und wie er zur Türe kommt, öffnet sie sich und Lutz steht auf der Schwelle. Die Stimme versagt ihnen, wie sie sich im halbdunklen Hausflur begrüßen. Sie führt ihn in das erste Zimmer, das als Wohnraum dient. Dort arbeitet sie auch, ihre Staffelei steht beim Fenster. Erst wissen sie nicht, was sie reden sollen; sie haben den Genuß dieses Zusammenseins schon zu sehr in Gedanken vorweggenommen; all die schönen Worte, die sie sich zurechtgelegthatten, bleiben ihnen in der Kehle stecken; sie getrauen sich nur halblaut zu sprechen, trotzdem sie allein im Hause sind, oder vielmehr gerade darum. Steif bleiben sie in ziemlichem Abstande voneinander sitzen. Sie wagen nicht, die Arme zu bewegen, nicht einmal den Mantelkragen hatte er heruntergeklappt. Sie reden vom kalten Wetter und vom Fahrplan der Straßenbahn. Dabei sind sie todunglücklich, daß ihnen nichts Gescheiteres einfallen will.

Endlich rafft Lutz sich zur Frage auf, ob er die Photographien mitgebracht habe; kaum nimmt er sie aus der Tasche, ist das Eis gebrochen. Die Bilder sind die erwünschten Mittler, über die hinweg man erst frei plaudern kann; man ist doch nicht mehr unter vier Augen, es sind noch andere Augen auf einen gerichtet, aber die stören nicht. Peter hatte den glänzenden Einfall gehabt (es war ganz ohne Hintergedanken geschehen), alle seine Bilder, vom dritten Lebensjahre an, mitzubringen. Eines dieser Bilder zeigt ihn noch im Kleidchen. Lutz lacht hellauf vor Freude; sie hat für das Bild zierlich lustige Kosenamen und Schmeichelworte. Gibt es denn etwas Süßeres für eine Frau, als ein Klein-Kinderbild des Geliebten zu betrachten? In Gedanken wiegt sie ihn auf den Armen, reicht ihm die Brust -- fast ist ihr, als hätte sie ihn unter dem Herzen getragen. Dabei spürt sie ganz genau, wie schön sich dem kleinen Knirps alles sagen läßt, was man dem Erwachsenen nicht sagen kann. -- Als er sie fragt, welche Photographie ihr am besten gefällt, sagt sie ohne Bedenken: »Das liebe Kerlchen da . . .«

Wie ernst er schon dreinschaut! Ernster beinahe als heute. Wirklich, wenn Lutz sich getraut hätte (und richtig, eben traut sie sich), Peter recht anzusehn, um seine heutige Erscheinung mit den alten Bildern zu vergleichen, so würde sie jetzt in seinen Augen einen Ausdruck harmloser, kindlicher Freude entdecken, die dem Kleinen noch fehlt; die Augen dieses kleinen Bürgerkindchens, das hübsch unter der Glasglocke gehalten wurde, sind wie Vöglein in verdunkeltem Käfig; jetzt ist eben das Licht gekommen, nicht wahr, Lucia, Lichtlein? . . . Jetzt möchte er aber Photographien von Lutz sehen. Da beschaut er nun ein sechsjähriges Mädelchen mit dickem Zopf, das einen kleinen Hund fest in den Armen hält; wie Lutz dieses Bild wieder erblickt, meint sie bei sich mit einer Anwandlung von Bosheit, ihre damalige Liebe zu dem Tierchen wäre nicht geringer und kaum andern Wesens gewesen als die jetzige; ihr ganzes Herz gab sie ihrem Peter, wie sie es dem Hündchen gegeben hatte; vielmehr hatte auch schon die erste Liebe Peter gegolten und der Hund war sein Platzhalter gewesen. Lutz zeigt auch ein kleines Fräulein von dreizehn oder vierzehn Jahren, das kokett und etwas geziert den Hals verdreht; zum Glück wich aus den Mundwinkeln nie ein kleines, schelmisches Lächeln, das zu sagen schien:

»Wißt ihr? Ich spaße nur; ich nehme mich nicht ganz ernst . . .«

Jetzt hatten beide ihre Befangenheit ganz und gar überwunden.

Sie begann das Porträt mit dem Stifte zu entwerfen. Da er sich nicht rühren und auch beim Sprechen kaum die Lippen bewegen sollte, redete fast nur sie allein. Aber wie es aufrichtigen Menschen geht, wenn sie ein wenig zu lange sprechen müssen, kam sie im Handumdrehen auf die Geheimnisse ihrer engeren und weiteren Familie zu reden, die sie durchaus nicht hatte enthüllen wollen. Sie war selber erstaunt, wie sie sich dabei zuhörte; aber da gab es kein Halten mehr: gerade Peters Schweigen wirkte wie ein Abhang, der den Strom ihrer Worte unablässig fließen ließ . . .

Sie erzählte von ihrer Kinderzeit in der Provinz. Sie stammte aus der Touraine. Die Mutter war aus gutem, wohlhabendem Bürgerhause und hatte sich in einen Lehrer bäuerlicher Abstammung verliebt. Ihre Familie wollte von einer solchen Heirat nichts wissen; aber die zwei Liebesleute bestanden auf ihrem Willen, das junge Mädchen wartete ihre Volljährigkeit ab und vermählte sich dann ohne die Zustimmung ihrer Eltern. Seitdem wollten ihre Leute von ihr nichts mehr wissen. Dem jungen Paare waren bei sehr beschränkten Mitteln ein paar Jahre innigen Zusammenlebens beschieden. Aber der Mann hielt die Überbürdung auf die Dauer nicht aus. Er erkrankte. Die Frau nahm nun tapfer auch seine Last auf sich; sie arbeitete für zwei. Der beleidigte Standesdünkel ihrer Eltern ließ sie in feindlicher Kälte verharren, sie wollten nichts für die Tochter tun. Der Kranke war ein paar Monate vor Kriegsausbruch gestorben. Die beiden Frauen hatten keinen Versuch mehr gemacht, Beziehungen zur Familie der Mutter anzuknüpfen. Diese hätte gewiß das junge Mädchen zu Gnaden aufgenommen, wenn es den ersten Schritt getan hätte -- das wäre dann als ein mea culpa der Mutter aufgefaßt worden. Aber da konnten die lange warten! Eher Kieselsteine essen!

Peter staunte über die Hartherzigkeit dieser bürgerlichen Verwandten. Lutz sah darin nichts Unerhörtes.

»Solche Leute sind doch gar nicht so selten, glauben Sie nicht? Im Grunde sind sie nicht böse. Davon bin ich bei meinen Großeltern fest überzeugt; sie hätten uns also gewiß so gerne zugerufen: >Kommt wieder zu uns!< Aber für ihren Dünkel war der Stoß gar zu hart, und was ist denn allein groß bei solchen Leuten? Eben nur ihr Dünkel! Hat man ihnen Unrecht getan, so sehen sie nicht nur dies so oder so beschaffene Unrecht, sondern es wird einfach >das Unrecht< schlechthin: die andern sind eben im Unrecht, sie aber wohnen im Recht. Und dabei brauchen sie gar nicht bösartig zu sein (sie sind's auch wirklich nicht) -- aber sie ließen einen vor ihren Augen eher bei langsamem Feuer verbrennen, statt zuzugeben, daß sie vielleicht nicht im Rechte waren. Nein, ihre Verwandten waren die einzigen nicht! Da hatte man noch ganz andere Fälle erlebt! . . . Habe ich nicht recht,« sagte sie, »sind sie nicht so?«

Peter dachte nach. Es ging ihm völlig ein. Er mußte sich sagen:

»Aber ja. Sie sind so . . .«

Das kleine Mädchen hatte ihm mit einem Male die Augen geöffnet für die ganze Engherzigkeit, die armselige Dürre der Bürgerkaste, der er angehörte. Ausgetrocknetes, ausgesogenes Erdreich, das nach und nach alle seine Lebenssäfte aufgebraucht hat und sie nicht mehr zu erneuern vermag, wie jene Gegenden Innerasiens, wo befruchtende Ströme tropfenweis im gleißenden Sande versickert sind. Sogar die Menschen, die sie zu lieben meinen, lieben diese Bürger nur wie einen toten Besitz; ihrem Selbstsinn opfern sie jene auf, ihrem versteiften Hochmut, ihren kleinlichen, verrannten Ideen. Peter sah nun in diesem Lichte mit tiefer Trauer seine eigenen Eltern und sein eigenes Dasein. Er schwieg. Die Fensterscheiben erbebten von fernem Geschützfeuer. Peter dachte an die Menschen, die dort sterben mußten, und sagte bitter:

»Und das ist auch ihr Werk.«

Dies heisere Kanonengebelfer, der Krieg, der allgemeine Zusammenbruch -- ging nicht dies alles großenteils auf Rechnung eben jener Herzenskälte und Unmenschlichkeit, jenes bornierten Dünkels der Bürgerkaste? Aber jetzt (es gab noch eine Gerechtigkeit!) wollte das entfesselte Ungeheuer nicht innehalten, ehe es eben jenes Bürgertum verschlungen hatte.

Lutz sagte:

»Es ist gerecht.«

Sie ahnte gar nicht, wie ihr Denken so ganz gleichen Schritt hielt mit Peters Gedanken. Der schrak förmlich zusammen vor diesem Widerhall.

»Ja, es ist gerecht,« sagte er, »gerecht ist alles, was da geschieht. Die Welt war zu alt, sie mußte und wollte sterben.«

Lutz senkte den Kopf und stimmte ein:

»Ja.«

Wie sich doch diese ernsten Kinderstirnen einem unausweichlichen Geschicke beugten und in scharfen Falten die Spur verzweifelnden Grübelns trugen! . . .

Es wurde dämmrig im Zimmer, das auch ziemlich ausgekühlt war. Lutzens Hände waren eiskalt, wie sie ihre Arbeit abbrach. Peter durfte das Bild nicht ansehn. Sie traten nun ans Fenster und schauten in den Abend hinaus, über trübselige Felder auf bewaldete Höhenzüge. Über diesem veilchenblauen Bogenzug von Wäldern lag der blaßgrüne, goldbestäubte Himmel. Ein Hauch aus der Seele des Puvis de Chavannes war über diesem Bilde. Lutz verriet durch ein schlichtes Wort, wie sehr sie diesen zarten Frieden empfand. Als ihn das fast ein wenig wunderte, war sie gar nicht gekränkt sondern meinte, man könne ganz wohl etwas fühlen, das man nicht in Kunstwerken auszudrücken vermöge. Es war auch nicht bloß ihre Schuld, wenn sie gar so stümperhaft malte. In übel angebrachter Sparsamkeit hatte sie ihren Kurs in der Kunstgewerbeschule nicht bis zu Ende besucht. Übrigens war sie nur in der Not aufs Malen verfallen. Wozu überhaupt malen, wenn es einen nicht dazu trieb? Peter mußte doch auch bemerkt haben, wie die meisten nicht aus innerem Drange sich künstlerisch betätigten, sondern aus Eitelkeit, aus Langerweile -- oder auch weil sie sich zuerst den wahren inneren Beruf zugetraut hatten und später ihren Irrtum nicht eingestehn wollten. Man sollte doch nur dann Künstler sein, meinte sie, wenn man sein Erleben durchaus nicht für sich behalten konnte, wenn man an seinem inneren Reichtum sonst förmlich erstickte. Aber sie selbst, sie hätte gerade genug für sich selbst. Sie verbesserte sich gleich:

»Und für noch jemand.«

(Er hatte nämlich den Mund zum Schmollen verzogen.)

Der schöne Goldton des Himmels erlosch, wurde bräunlich. Die leere Ebene lag jetzt tieftraurig da. Peter fragte Lutz, ob ihr diese Öde nicht gar zu unheimlich sei.

»Nein.«

»Aber wenn Sie spät heimkommen?«