Peter und Lutz Eine Erzählung mit sechzehn Holzschnitten von Frans Masereel
Part 2
Seit Monaten war seine geistige Entwicklung gehemmt; er war wie ein Bäumchen, das in voller Blütenpracht vom Hauche der »drei Eismänner« welk geworden ist. Freilich gab es praktische Jungen, welche die neuen Prüfungserleichterungen zugunsten der jüngsten wehrpflichtigen Jahrgänge so tüchtig ausnützten, daß sie, solange die Prüfer mehr als ein Auge zudrücken mußten, Zeugnis über Zeugnis unter Dach brachten. Das war Peters Art nicht. Andrerseits empfand er auch nicht den verzweifelten Wissensdurst anderer junger Leute, die im Angesicht des Todes sich gierig mit Kenntnissen vollpfropfen, zu deren Nachprüfung ihr Leben zu kurz sein wird. Das ständige Gefühl eines grausen Weges ins Leere, ins Nichts, das allenthalben hinter dem tollen, boshaften Trugbilde der Welt verborgen war -- das schnitt seinem Wissensdrang die Schwingen durch. Er stürzte sich auf ein Buch, auf einen Gedanken -- dann hielt er mutlos inne. Was sollte ihm das? Wozu denn lernen? Wozu inneren Reichtum häufen, wenn man doch alles verlieren, alles lassen soll, wenn einem nichts zu eigen gehört? Tätigkeit und Wissen hatte nur dann einen Sinn, wenn das Leben einen Sinn besaß. Um diesen Sinn des Lebens hatte er mit höchster Anspannung des Geistes, in tiefster Herzenssehnsucht umsonst gerungen. -- Und mit einem Schlage hatte sich dieser Sinn des Lebens ganz von selber aufgetan . . . Das Leben hatte einen Sinn . . . Was war das nur? -- Als er sich fragte, woher dies innere Lächeln kam, sah er die halb geöffneten Lippen vor sich, auf denen zu ruhen seine Lippen heiß begehrten.
* * * * *
In normalen Zeiten wäre dieser Zauberbann kaum von Dauer gewesen. Der junge Mensch stand ja noch auf einem Punkte der Entwicklung, wo man nur überhaupt Liebe begehrt und sie in jedem Auge findet; das unruhig verlangende Herz flattert wie ein Schmetterling von einer zur andern; es hat keine Eile in seiner Wahl: sein Tag hat erst begonnen. Aber da der Tag so kurz sein sollte, tat doch Eile not.
Die Hast dieses Jungenherzens war umso größer, je mehr es im Rückstande war. Die Großstadt erscheint freilich von weitem als dampfender Schwefelpfuhl der Sinnengier, birgt aber auch unberührte Seelen und kindlich reine Körper. Wieviel Jünglinge und Mädchen wollen die Liebe nicht entwürdigen und treten mit keuschen Sinnen in die Ehe! Selbst in den raffiniertesten Kreisen, wo die Neugier der Nerven vorzeitig gereizt wird, steckt hinter den freien Redensarten so mancher jungen Weltdame oder irgendeines Studenten oft ein nur sehr oberflächliches Wissen um erotische Dinge. Sie haben von allem etwas läuten gehört und gar nichts selber erfahren. Mitten in Paris gibt es Gebiete von geradezu provinzieller Unschuld, gleichsam umhegte Klostergärtchen, quellenhafte Reinheit. Nur seine Literaten bringen Paris in Verruf. Gerade die sittlich Verkommensten sind die angeblich berufenen Wortführer der Stadt. Und dabei weiß ja jeder, wie oft falsche Scham die Lautersten hindert, ihre Reinheit zu bekennen. -- Peter kannte die Liebe noch nicht; ohne Widerstand folgte er ihrem ersten Rufe. Sein seelischer Rausch wurde dadurch aufs höchste gesteigert, daß seine Liebe unter den Schwingen des Todesengels geboren war. In jener aufregenden Minute, als sie die Drohung der Bomben über den Köpfen spürten und ihr Herz sich im Anblick des Verstümmelten zusammenkrampfte, da hatte es ihre Finger zueinander gezogen, und mitten im Schauer körperlich empfundener Todesangst war beiden der Trost und Balsam eines unbekannten Freundes zuteil geworden. Was lag nicht alles in diesem flüchtigen Händedruck! Die Männerhand sagte: lehne dich an mich! -- Die andere aber überwand mütterlich die eigene Furcht: mein kleiner Junge! Das wurde freilich weder ausgesprochen noch gehört. Aber solch innerliches Flüstern füllt die Seele ganz anders aus als Worte, die nur wie ein Vorhang das wahre Denken unserm Blick entziehen. Peter ließ sich einwiegen von diesen murmelnden Stimmen. Es klang wie das Summen goldgeringelter Bienen im Halbschatten der Seele. Jetzt flossen ihm die Tage wieder traumschwer dahin. Das nackt in Einsamkeit erstarrte Herz ahnte Nestwärme.
In diesen ersten Februartagen überblickte Paris erst die Verwüstungen des letzten Fliegerangriffs und leckte seine Wunden. Die Presse lag im Hundehaus an der Kette und kläffte Rache und Vergeltung. Nach dem Programm des alten Clemenceau (der seinerzeit in seinem Blatte so lange den »Mann in Ketten« gespielt hatte, bis er alle andern in Ketten schlagen konnte) führte die Regierung Krieg gegen die Franzosen. Es begann die Blütezeit der sensationellen Hochverratsprozesse. Der Anblick eines Elenden, der mit einem blutdürstigen Staatsanwalt um sein armes Leben rang, war ein Hochgenuß für die Pariser Gesellschaft; ihre Theaterleidenschaft schien noch nicht durch vierjährigen Krieg und das Schauspiel der zehn Millionen Toten übersättigt zu sein, die in den Kulissen der Weltbühne zusammengebrochen waren.
Aber der Jüngling wußte nur noch von dem geheimnisvollen Gaste, der jetzt bei ihm weilte. Seltsame Gewalt jener Eindrücke, die Liebe werden! In den tiefsten Grund unseres Wesens sind sie geprägt und doch ohne festen Umriß. Peter hätte weder die Form ihrer Züge, noch die Farbe ihrer Augen oder die Linie ihres Mundes beschreiben können. Nur das Gefühl, das sie in ihm erregt hatte, schwang in ihm nach. Bei jedem Versuche, das Bild bestimmter zu fassen, wurde es entstellt. Es gelang ihm auch nicht, sie in den Straßen von Paris wiederzutreffen. Jeden Augenblick meinte er, sie zu sehen. Da war es ein Lächeln, dort das Licht eines jungen Nackens, ein aufleuchtendes Auge. Schon schlug ihm das Herz. Aber es bestand nicht die geringste Ähnlichkeit zwischen diesen vorüberhuschenden Eindrücken und dem wahren Bilde, das er suchte und das er zu lieben meinte. Er liebte also nicht? Gerade weil er liebte, war es so um ihn bestellt, deshalb sah er sie überall und in allen Gestalten. Denn jedes Lächeln, jedes Licht, jedes Leben -- das war Sie! Ein genauer Umriß hätte als Schranke gewirkt. -- Und doch will man Umriß und Schranke, um Liebe fassen und halten zu können. Sollte er sie auch nie mehr wiedersehen -- er wußte, sie war auf der Welt, war ein Nest für seine Seele, der Hafen im Sturm, das Leuchtfeuer in der Nacht, stella maris. Amor, Gott der Liebe, wache über uns in der Stunde unseres Todes! . . .
* * * * *
Er ging längs der Seine an der Akademie vorüber und warf einen zerstreuten Blick in den Kasten eines der wenigen Händler mit Schmökern und Raritäten, der seinem Platz auf der Kaimauer treu geblieben war. Dort gehen gerade die Stufen zum Pont des Arts hinauf. Da hob er die Augen und sah die, auf die er wartete. Mit einer Zeichenmappe unterm Arm bewegte sie sich die Treppe herunter wie ein zierliches Reh. Ohne sich einen Augenblick zu besinnen, stürzte er ihr entgegen, und während er empor- und sie herabstieg, trafen sich zum ersten Male ihre Blicke und drangen tief ein. Als er sie dicht vor sich sah, blieb er stehen und wurde rot. Überrascht sah sie sein Erröten und errötete auch. Bevor er auch nur Atem geschöpft hatte, war der niedliche Rehschritt vorüber. Als er seiner wieder mächtig wurde und sich umdrehn konnte, verschwand ihr Kleid schon hinter der Ecke des Laubenganges in der Seinestraße. Er machte keinen Versuch, ihr zu folgen. Er stützte sich auf das Geländer der Brückenstiege und fand ihren Blick im fließenden Strome wieder. Da hatte nun sein Herz für lange Nahrung . . . (O du liebe Jugendtorheit!) . . .
Eine Woche später schlenderte er durch den Luxemburg-Park, den die Sonne mit sanftem Gold füllte. Welch strahlend schöner Februar in diesem todestraurigen Jahre! Offenen Auges träumte er vor sich hin und wußte nicht recht, ob er davon träume, was er wirklich um sich sah, oder ob dies Gesehene ein Traumbild war; in sehnsüchtigem Drange, in dumpfem Liebesglück und -leid, schritt er verloren lächelnd dahin und regte unbewußt die Lippen zu abgerissenen Worten: es wurde ein Lied. Er sah zu Boden, in den Sand des Weges; da war ihm wie einem, den der Hauch einer vorüberfliegenden Taube streift: er mußte einem Lächeln begegnet sein. Er drehte sich um und sah, daß sie seinen Weg gekreuzt hatte. Sie war weitergegangen, aber gerade in diesem Augenblicke wandte sie sich lächelnd, um ihm nachzublicken. Da war es vorbei mit seinem Zaudern, er kam auf sie zu und hätte ihr bald beide Hände entgegengestreckt; in seiner Bewegung lag so viel stürmische Jugend und Unschuld, daß auch sie in aller Unschuld wartend stehen blieb. Er bat nicht um Verzeihung für die Freiheit, die er sich herausnahm. Die zwei Leutchen fühlten keinerlei Befangenheit. Es war, wie wenn sie einfach ein begonnenes Gespräch fortsetzen sollten.
»Sie lachen mich aus,« sagte er; »da haben Sie recht!«
»Ich lache Sie nicht aus.« (So schnell und biegsam wie ihr Gang war auch ihr Sprechen.) »Sie haben ja selbst vor sich hingelacht, und darüber mußte ich lachen.«
»Habe ich wirklich gelacht?«
»Sie lachen ja noch immer.«
»Jetzt weiß ich warum.«
Sie fragte nicht nach diesem Warum. Sie gingen nebeneinander her und waren glücklich.
»Das schöne bißchen Sonne,« sagte sie.
»Das Frühlingskind, das Neugeborene!«
»Dem haben Sie wohl zugelacht, vorhin?«
»Nicht dem allein. Vielleicht Ihnen auch.«
»So ein kleiner Lügenbeutel! Warten Sie nur! Sie kennen mich ja gar nicht.«
»Doch! Und ob! Wir haben uns ja, ich weiß nicht wie oft, gesehen.«
»Drei Mal, heute mitgerechnet.«
»Sehen Sie! Sie erinnern sich daran! Sie geben also zu, daß wir alte Bekannte sind!«
»Was Sie nicht sagen!«
»Ja, was wär' da noch alles zu sagen, das meine ich auch . . . Kommen Sie, setzen wir uns hier nieder . . . nur einen Augenblick, bitte, bitte! Man sitzt so schön, am Wasser!«
(Sie waren beim Galatheen-Brunnen, den Arbeiter gerade mit einer Verschalung zum Schutze gegen Bombensplitter versahen.)
»Ich kann nicht, ich versäume meine Tramway.«
Sie nannte die Abfahrtszeit. Er bewies ihr, daß sie noch mehr als fünfundzwanzig Minuten Zeit hätte.
Das wohl, aber sie wollte erst da drüben, an der Ecke der Racinestraße, ihr Vesperbrot kaufen; dort gab es so gute Semmeln. Da zog er ein Brötchen aus der Tasche.
»Besser als das da sind die Semmeln gewiß nicht! . . . Bitte, nehmen Sie doch! . . .«
Sie lachte und wollte nicht recht. Da steckte er ihr das Brötchen in die Hand; die Hand behielt er in der seinen.
»Sie machen mir eine solche Freude damit . . . Kommen Sie doch, setzen wir uns! . . .«
Er führte sie zu einer Bank in der Mitte der Allee, die das Bassin umsäumt.
»Ich habe noch etwas . . .«
Er zog ein Täfelchen Schokolade aus der Tasche.
»So eine Naschkatze . . . Aber was wollen Sie noch sagen?«
»Hm . . . ich schäme mich, das Papier ist schon weg von der Schokolade . . .«
»Ach geben Sie nur her, es ist ja Krieg.« Er sah zu, wie sie knabberte.
»Zum ersten Male merke ich, daß der Krieg auch sein Gutes hat.«
»Nur nicht vom Kriege sprechen, das ist so langweilig.«
»Ja,« sagte er begeistert, »nie werden wir vom Kriege reden.«
(Da ward ihnen plötzlich ganz leicht zumute.)
»Schaun Sie, wie diese komischen Kerlchen ihr Duschbad nehmen.«
(Sie zeigte auf die Spatzen, die am Brunnenrande große Wäsche hielten.) »Aber dann haben Sie mich neulich am Abend« (das mußte er wissen) »doch gesehn?«
»Freilich.«
»Aber Sie haben ja nie zu mir hingeschaut. Die ganze Zeit waren Sie nach der andern Seite gewendet . . . Sehen Sie, gerade so wie jetzt . . .«
(Er sah sie im Profil; zierlich aß sie ihre Semmel und blickte schelmisch vor sich hin.)
»Sehn Sie doch ein bißchen her! . . . Was gibt's denn da drüben zu sehen?« Aber sie wendete ihm das Gesicht nicht zu. Er faßte ihre rechte Hand, deren Handschuh am Zeigefinger zerrissen war und das Spitzchen bloß ließ.
»Worauf sehen Sie denn?«
»Sie sehe ich an, wie Sie meinen Handschuh begutachten . . . aber Sie zerreißen ihn ja noch mehr!«
(In Gedanken hatte er wirklich versucht, die offene Stelle zu erweitern.)
»Ach verzeihen Sie! . . . aber wieso können Sie mich sehn?«
Sie antwortete nicht; aber im schalkhaften Profil flitzte die lachende Pupille in den Augenwinkel.
»O wie durchtrieben!«
»Machen Sie's nach! . . . Aber Sie schielen ja dabei!«
»Das bring' ich nie fertig. Ich muß immer ganz grad und dumm vor mich hinschaun, sonst seh' ich nichts.«
»Aber nein, nicht gar so arg dumm.«
»Endlich! Ich sehe Ihre Augen!«
Sie sahen einander an und lachten leise.
»Wie ist Ihr Name?«
»Lucia.«
»Wie hübsch! wie dieser Tag!«
»Wie heißen Sie?«
»Peter -- recht abgenützter Name.«
»Ein wackerer Name, mit ehrlichen, klaren Augen.«
»Wie die meinen.«
»Ja, klar sind sie wirklich.«
»Sie sehen doch Lucia an.«
»Lucia! . . . man sagt >Fräulein<.«
»Nein.«
»Nicht?«
(Er schüttelte den Kopf.)
»Für mich sind Sie kein >Fräulein<. Sie sind Lutz und ich bin Peter.«
Sie hielten sich bei den Händen gefaßt, ohne sich anzusehen. Wortlos sahen sie in das zarte Himmelsblau zwischen den entblätterten Zweigen; durch ihre Hände strömte ihr Denken und Fühlen ineinander über. Sie sagte:
»Da neulich am Abend haben wir zwei eine gehörige Angst gehabt.«
»Ja,« sagte er, »das war schön.«
(Erst nachher mußten sie darüber lächeln, daß jeder nur ausgesprochen hatte, was der andere dachte.)
Sie entzog ihm ihre Hand und stand rasch auf, weil sie die Uhr schlagen hörte. »Es ist höchste Zeit . . .«
Er begleitete sie, die in jenen anmutigen Laufschritt der Pariserinnen verfiel, dessen Geschwindigkeit man gar nicht merkt, so leicht scheinen sie dahinzugleiten.
»Kommen Sie hier oft vorbei?«
»Jeden Tag. Aber meistens auf der anderen Terrassenseite.« (Sie zeigte in die Tiefe des Gartens, auf die schon von Watteau gemalten Baumgruppen.) »Auf dem Rückweg vom Museum.«
Er warf einen Blick auf die Mappe, die sie trug.
»Malerin?« fragte er.
»Nein,« sagte sie, »das wäre zuviel Ehre. Ich schmiere ein bißchen.«
»Warum? Zum Vergnügen?«
»Aber nein, für Geld.«
»Für Geld?«
»Abscheulich, nicht? Kunst nur als Gelderwerb!«
»Ich wundere mich nur, daß Sie damit Geld verdienen, wenn Sie also nicht malen können!«
»Gerade darum. Ich werde es Ihnen schon noch erklären, das nächste Mal . . .«
»Das nächste Mal beim Brunnen . . . Wir werden da wieder vespern, nicht wahr?«
»Ich werde schaun. Wenn's schön ist.«
»Aber Sie kommen früher, nicht wahr? . . . Sagen Sie, Lutz . . .«
(Sie waren bei der Haltestelle angelangt. Sie sprang auf das Trittbrett der Straßenbahn.)
»Antworten Sie mir, sagen Sie doch . . . Lucia . . . Luxchen . . . kleines Lichtlein . . .«
Sie antwortete nicht; aber als die Bahn schon fuhr, zwinkten ihre Wimpern »Ja«, und eine lautlose Bewegung ihrer Lippen sagte:
»Ja, Peter.«
Auf dem Heimwege dachten beide: Merkwürdig froh sehen heute abend die Leute aus!
Sie lächelten, ohne sich einzugestehen, was geschehen war. Sie wußten nur soviel, daß sie Es nun besaßen, in Händen hielten als ihr Eigen . . . was denn? Ein Nichts. So reich waren sie an jenem Abende! . . . Daheim besahen sich beide im Spiegel, mit herzlichen Blicken, wie man einen Freund betrachtet. Sie sagten sich: »Jenes liebe Auge hat auf dir geruht.« Beide gingen bald zu Bette, sie waren ganz erschöpft . . . Wovon nur? Durch wunderbare Mühsal. Beim Auskleiden dachten sie:
»Das Schönste ist jetzt, daß es ein Morgen gibt.«
* * * * *
Morgen . . . spätere Geschlechter werden sich kaum mehr vorstellen können, was in diesem Worte an stummer Verzweiflung lag, welch abgründiger Überdruß, als der Krieg sich zum vierten Male jährte . . . So müde war man . . . Wie oft war die Hoffnung schon getäuscht worden! Hunderte von »Morgen« waren einander gefolgt und wurden ein immer gleiches »Heute« und »Gestern«, alle dem Nichts und dem Warten verfallen, dem Warten aufs Nichts. Es stockte der Lauf der Zeit. Das lange Jahr war wie ein stygisches Gewässer, das schwarz und fettig das Leben einschnürte, indem es mit düstern Schillerflecken nicht mehr zu fließen schien. Morgen? Morgen war tot. Aber in den Herzen der zwei Kinder war das Morgen auferstanden.
Dieses Morgen sah sie wieder beim Sperlingsbrunnen sitzen, und Morgen folgte auf Morgen. Das schöne Wetter war diesen ganz kurzen Begegnungen hold; jeden Tag waren sie etwas weniger kurz. Jedes brachte sein Vesperbrot mit, weil das Tauschen so eine Freude war. Peter wartete jetzt schon am Tor des Museums. Er begehrte ihre Arbeiten zu sehen. Sie war zwar nichts weniger als stolz darauf, zeigte sie aber ohne viel Umstände vor. Es waren verkleinerte Kopien nach berühmten Gemälden oder nach Teilen solcher Gemälde, eine Gruppe, ein Kopf, ein Brustbild. Auf den ersten Blick gar nicht so übel, aber unglaublich schlampig in der Ausführung. Hie und da ein paar recht gelungene, hübsche Ansätze; aber dicht daneben schülerhaft Mißlungenes, das nicht nur Unkenntnis der Grundbegriffe aller Kunstübung verriet, sondern auch eine Sorglosigkeit, die über fremdes Urteil hoch erhaben schien. -- »Ach was! Ist lange gut genug! . . .« -- Lutz nannte die Originalgemälde, deren Kopien ihre Blätter vorstellen sollten. Peter kannte diese Gemälde nur allzu genau. Sein Gesicht war krampfhaft verzogen im Schmerz der Enttäuschung. Lutz fühlte, daß er nicht zufrieden war; aber unerschrocken zeigte sie ihm alles -- und sogar das da -- Krach! -- das Allermiserabelste. Dabei stand ein spöttisches Lächeln auf ihrem Gesicht, das ebenso ihr selbst wie Peter galt; bei alledem zwang sie das leiseste Nagen des Ärgers nieder. Peter biß sich auf die Lippen, um keine Bemerkung zu machen. Aber zuletzt wurde es ihm doch zu arg. Sie zeigte ihm gerade einen florentinischen Raffael.
»Aber die Farben stimmen ja nicht!« sagte er.
»Wär' das größte Wunder,« sagte sie.
»Ich bin nicht hingelaufen, mir's anzuschauen. Ich hab's nach einer Photographie gemacht.«
»Aber was sagen denn die Leute dazu?«
»Wer? Die Kundschaft? Die laufen doch auch nicht ins Museum, sich das Original anschaun! . . . Und wenn, so nehmen sie's nicht so genau! Rot oder Grün oder Blau -- wenn nur Farben da sind. Manchmal arbeite ich wirklich nach farbiger Vorlage, aber dann nehme ich auch andere Farben . . . Schaun Sie zum Beispiel das da . . .« (Ein Engel von Murillo.)
»Es gefällt Ihnen so besser?«
»Nein, aber Spaß hat es mir gemacht, und bequemer war's auch . . . und schließlich ist mir's egal; die Hauptsache bleibt, daß ich Käufer finde . . .«
Jetzt hatte sie ihren letzten Trumpf ausgespielt und hielt inne, nahm ihm das Gekleckse aus den Händen und lachte hellauf.
»Was sagen Sie? Noch greulicher, als Sie sich's vorgestellt haben?«
Er fragte kummervoll:
»Aber wozu, wozu machen Sie solches Zeug?«
Mit einem guten Lächeln voll mütterlicher Überlegenheit betrachtete sie sein tiefbetrübtes Gesicht: dieses lieben, verwöhnten Bürgersöhnchens Lebensbahn war so eben gewesen, daß er sich nicht vorstellen konnte, wie man oft gar klein beigeben mußte, um nur . . .
Er fragte noch einmal:
»Wozu? Sagen Sie mir nur: wozu?«
(Er war förmlich schuldbewußt, wie wenn er diese Kunstgreuel verbrochen hätte . . . So ein guter kleiner Junge! Sie hätte ihn küssen mögen . . . in allen Ehren, auf die Stirn.)
Sie sagte leise:
»Ich lebe davon.«
Das erschütterte ihn. Daran hatte er gar nicht gedacht.
»Ja, das Leben ist eine verzwickte Sache,« fuhr sie in leichtem, spöttischem Tone fort. »Zunächst muß man essen, und zwar alle Tage. Gestern abend hat man freilich sein Essen gehabt, aber heute ist's schon wieder dieselbe Geschichte. Und kleiden soll man sich auch. Alles kleiden, den Körper, den Kopf, die Hände, die Füße. Was da an Kleidersachen zusammenkommt! Und bei allem heißt es zahlen. Bei allem. Leben heißt zahlen.«
Zum ersten Male bemerkte er Einzelheiten, die seinen verliebten Blicken bisher entgangen waren: das bescheidene, stellenweise recht enthaarte Pelzwerk, die etwas abgetragenen Schuhe, alle Spuren von Dürftigkeit, die nur die natürliche Eleganz einer kleinen Pariserin verwischen konnte. Es schnürte ihm das Herz zusammen.
»Ach könnte ich nicht, könnte ich nicht -- Ihnen aushelfen?«
Sie rückte etwas ab und wurde rot.
»Nein, nein,« sagte sie, peinlich berührt; »keine Rede . . . Niemals! . . . Das habe ich nicht nötig . . .«
»Aber mich würde es so glücklich machen!«
»Nein . . . Nicht mehr darüber reden. Oder wir sind Freunde gewesen . . .«
»Dann sind wir also Freunde?«
»Ja. Das heißt, wenn Sie noch mein Freund sein wollen, nachdem Sie diesen scheußlichen Kitsch gesehen haben?«
»Aber natürlich! Das ist doch nicht Ihre Schuld.«
»Aber es tut Ihnen weh?«
»Das schon.«
Sie lachte vor Behagen.
»Da lachen Sie? So boshaft zu sein!«
»Nein, ist nicht boshaft. Das verstehen Sie nicht.«
»Warum lachen Sie also?«
»Das sage ich nicht.«
(Sie dachte: Mein Liebes! Wie schön, daß dir weh tut, was ich Häßliches gemacht habe.)
Sie sagte:
»Sie sind gut. Dank dafür.«
(Er sah sie mit erstaunten Augen an.)
»Geben Sie sich keine Mühe, das zu begreifen,« sagte sie, indem sie leicht seine Hand berührte . . . »So, reden wir von was anderm . . .«
»Ja . . . nur noch ein Wort . . . Ich möchte aber doch wissen . . . Sagen Sie mir -- aber nicht beleidigt sein! -- sind Sie vielleicht gerade jetzt etwas in der Klemme?«
»O nein, ich habe das vorhin nur so gesagt, weil's bei uns ein paar Mal verdammt knapp zugegangen ist. Aber jetzt steht es viel besser. Mutter hat einen gut bezahlten Posten gefunden.«
»Ihre Mutter hat einen Beruf?«
»Sie ist Arbeiterin in einer Munitionsfabrik . . . zwölf Franken täglich. Jetzt sind wir reich.«
»In einer Fabrik! in einer Fabrik für den Krieg!«
»Ja.«
»Aber das ist ja fürchterlich!«
»Mein Gott, man nimmt, was sich bietet.«
»Lutz, wenn sich aber Ihnen so etwas bieten möchte . . .«
»Mir? aber Sie sehen ja, ich kleckse lieber . . . Jetzt geben Sie wohl zu, daß mein Geschmier noch nicht das Ärgste ist!«
»Aber wenn Sie verdienen müßten und es gäbe kein anderes Mittel als Arbeit in einer solchen Granatenfabrik, würden Sie hingehn?«
»Ich müßte verdienen und hätte kein anderes Mittel? Gewiß ginge ich hin! Mit beiden Händen griffe ich zu!«
»Lutz! Denken Sie daran, was man alles in solchen Fabriken erzeugt?«
»Nein, daran denke ich nicht.«
»Alles, was Qual und Tod bereitet, was zerreißt, verbrennt, was Wesen martert, wie Sie, wie ich . . .«
Sie legte sich die Hand auf den Mund, damit er schweige.
»Ich weiß, das weiß ich alles, aber ich will nicht daran denken.«
»Sie wollen nicht daran denken?«
»Nein,« sagte sie.
Nach einer Pause fügte sie hinzu:
»Man muß doch leben . . . wenn man nachdenkt, lebt man nicht mehr . . . und ich, ich will leben, will leben. Wenn ich, um zu leben, gezwungen werde, dies oder jenes zu tun, soll ich mich um dies und jenes kümmern und quälen? All dies geht mich nichts an. Ich will es ja nicht so. Wenn es etwas Schlimmes ist, meine Schuld ist es nicht. Was ich will, das ist nichts Schlimmes.«
»Was wollen Sie also?«
»Zunächst will ich leben --«
»Sie leben gerne?«
»Freilich. Habe ich nicht recht?«
»O gewiß! Es ist eine so gute Sache, daß Sie leben!«
»Sie leben nicht gerne?«
»Nicht gerne bis zum Augenblicke, wo . . .«
»Bis wann?«
Aber diese Frage bedurfte keiner Antwort. Die wußten beide im voraus. Peter aber ließ nicht locker:
»Sie sagten: >Zunächst will ich leben< -- und was noch? . . . Was wollen Sie weiter?«
»Ich weiß nicht.«
»O Sie wissen schon . . .«
»Sie sind aber schon sehr neugierig.«
»Sehr!«
»Ich schäme mich ein bißchen, wenn ich's Ihnen sagen soll . . .«
»Sagen Sie mir's ins Ohr. Dann hört es niemand.«
Sie lächelte.
»Ich möchte . . .« (Sie stockte.) »Ich möchte ein klein bißchen Glück . . .«
(Sie waren dicht aneinandergerückt.) Sie fuhr fort: