Peter Moors Fahrt nach Südwest: Ein Feldzugsbericht

Part 9

Chapter 93,859 wordsPublic domain

Da wurde die ganze dünne Front entlang alles daran gesetzt, Gewehr, Geschütz und Maschinengewehr. Ein wildes Schnellfeuer prasselte gegen den müde werdenden Feind. Dann ging es von Mann zu Mann: Wir wollen stürmen.

Nun gellte der Ruf. Niemals in meinem Leben vergesse ich ihn. Mit wildem Schreien, mit verzerrten Gesichtern, mit trockenen, brennenden Augen sprangen wir auf und stürmten vorwärts. Die Feinde sprangen, schossen und stoben mit lautem Schreien zurück. Wir liefen ohne Unterbrechung schreiend, fluchend, schießend bis zu der ziemlich großen Lichtung, auf der die heißbegehrten Wasserlöcher lagen, und gleich darüber weg bis an ihren jenseitigen Rand, wo der Busch wieder anfing.

Das ganze Lager: die schweren Wagen mit den langen Ochsenreihen, die Hunderte von Pferden, die Lazarettwagen mit Ärzten, Verwundeten und Toten, das Hauptquartier: alles kam hinterher und lagerte sich auf der Lichtung. Wir aber lagen rund um sie am Rand des Buschfelds und wehrten die Feinde, die bald hier, bald da in wilden Haufen mit lautem Schreien durch den dichten Busch heranbrachen.

Und nun kletterten sie hinter uns mit Feldkesseln in die zehn Meter tiefen Wasserlöcher und füllten die Eimer, die an zusammengebundenen Zügeln herabgelassen wurden, und fingen an, Mensch und Tier zu tränken. Wenn je zehn Tiere ein wenig bekommen hatten, war das Wasserloch leer. Es waren wohl zehn oder zwölf Löcher an dieser Stelle.

Die Sonne ging unter. Einige von uns schlichen hoch und hieben mit ihren Seitengewehren Buschwerk ab und machten einen Kraal vor uns. Die Artilleristen stellten hinter uns die Maschinengewehre und Geschütze auf und knieten daneben. Abgesandte Kameraden krochen von Mann zu Mann und gaben uns ein wenig Wasser. Hinter uns im Lager tränkten sie im Dunkeln die unruhig drängenden Haufen der Tiere; an den Lazarettwagen gingen die Pfleger mit Laternen in der Hand und beugten sich über jeden. Dazwischen feuerten die Feinde noch immer. Rund ums Lager blitzte es auf im dunkeln Busch.

Erst gegen Mitternacht wurde es stiller. Wir reichten uns von Hand zu Hand ein wenig Zwieback. Dann kam die völlige Dunkelheit und das Schießen hörte auf. Was hatte der Feind vor? Hier lagen wir, vierhundert Mann, in dunkler Nacht, übermüde, halb verdurstet, und vor uns und um uns ein wildes, rasendes Volk von sechzigtausend. Von den anderen deutschen Abteilungen wußten und hörten wir nichts. Vielleicht waren sie abgetan, und die sechzigtausend ziehen sich nun zusammen und fallen über uns. Von fernher hörten wir durch die stille Nacht das Brüllen von ungeheuren, verdurstenden Viehherden und fernes, schweres Getöse wie vom Ziehen eines ganzen Volkes. Ostwärts stand ein riesiger Feuerschein. Ich lag, so lang ich war, das Gewehr bereit, und ermunterte meine todmüden Kameraden, daß sie wachten.

So kam allmählich der Morgen.

Da stießen einige Patrouillen vorsichtig vor.

Und da erfuhren wir zu unserer großen Verwunderung, daß der Feind abgezogen war, und zwar in wilder Flucht.

Wir wären ihm gern gleich gefolgt; aber wir hatten noch keine Nachricht von den anderen Abteilungen. Auch waren Mensch und Tier am Ende ihrer Kraft.

So ruhten wir denn diesen Tag, aßen ein wenig dürftiges Essen und reinigten und besserten an unserm Zeug und unseren Gewehren; denn wir sahen aus wie Leute, die sich in einem Anfall von Tobsucht zerschlagen, zerschunden und beschmutzt hatten. Die Raserei stand uns noch auf der gefurchten Stirn und stand noch schrecklich in unseren Augen. Unsere Toten lagen im Schatten eines Baumes mitten unter uns.

Wir hatten viel Arbeit mit den Tieren, daß sie uns nicht umkamen. Wir konnten sie lange nicht satt tränken, und Weide konnten wir ihnen gar nicht geben; denn die ganze Gegend war vom Vieh der Feinde so kahl gefressen, als wenn Ratten und Mäuse alles rein abgenagt hätten. Noch in die Erde hinein hatten Menschen und Vieh nach Wurzeln gewühlt und gesucht. Es war ein trübseliger Tag. Die Sonne glühte. Ein Gestank von altem Dünger erfüllte stickig das ganze Land.

Am Nachmittag kam endlich Botschaft von den anderen Abteilungen. Zwei meldeten, daß sie den Feind geschlagen hätten, die dritte, daß sie sich mit Mühe und Not seiner erwehrt. Der Feind war mit seiner ganzen ungeheuren Masse, mit Weibern, Kindern und Herden, ostwärts entflohen.

Gegen Abend begruben wir unsere Toten unter dem Baum.

XV

Am andern Morgen wagten wir es, den Feind zu verfolgen. Wir ließen alle unsere Unberittenen bei unsern Verwundeten und Kranken im Lager und machten uns ostwärts auf. Wir waren zweihundert Reiter. Aber unsere Pferde waren schlapp, ausgehungert oder krank; und die Gegend, in die wir vorstießen, war eine Durststrecke und wenig erforscht.

In einer Breite von ungefähr hundert Metern war die Erde zur Diele zertreten. In solch breiter und solch dichter Schar waren der Feind und seine Viehherden dahin gestürmt. Auf diesem Fluchtweg lagen Decken, Tierfelle, Straußenfedern, Geschirre, Weiberschmuck, sterbendes und totes Vieh, vor sich hinstierende, sterbende und tote Menschen. Ein entsetzlicher Geruch von altem Mist und verwesenden Kadavern erfüllte drückend die heiße, stille Luft.

Je weiter wir in der brennenden Sonne zogen, desto jammervoller wurde der Weg. Wie tief hatte sich das stolze, wilde, höhnende Volk in seiner Todesangst erniedrigt. Wohin ich von meinem müden Pferd herab die Augen wandte, da lag haufenweise all ihr Gut: Ochsen und Pferde, Ziegen und Hunde, Decken und Felle. Und da lagen Verwundete und Greise, Weiber und Kinder. Ein Haufe kleiner Kinder lag hilflos verschmachtend neben Weibern, deren Brüste lang und schlaff herabhingen; andre lagen allein, die Augen und Nasen voll von Fliegen, noch lebend. Irgend jemand schickte unsere schwarzen Treiber; ich denke, die haben ihnen zum Tode verholfen. So wie alles da lag, all dies Leben, so wunderlich verstreut, Tier und Mensch, wie ihm die Knie gebrochen waren, hilflos, schwer, sich noch quälend, oder schon unbeweglich, sah es aus, als wenn es aus der Luft herabgestürzt wäre.

Mittags machten wir an Wasserlöchern Halt, die bis an den Rand voll von Kadavern waren. Wir zogen sie mit den Gespannen der Geschütze heraus; aber es war nur ein wenig blutiges und stinkendes Wasser in der Tiefe. Wir versuchten die Löcher tiefer zu graben; aber es kam kein Wasser. Weide war auch nicht. Die Sonne glühte so heiß auf den Sand, daß wir uns nicht einmal hinlegen konnten. Auf durstenden und hungernden Pferden ritten wir weiter, wir Durstenden und Hungernden. In einiger Entfernung hockten Haufen alter Weiber, die stumpfsinnig vor sich hinstarrten. Hier und da standen Ochsen und brüllten. Mensch und Tier wird nachher in den Busch gestürzt sein, irgendwohin, sinnlos, in letzter Verzweiflung, irgendwo Wasser zu finden. Im Busch werden sie verdurstet sein.

Wir zogen weiter bis an den Abend. Dann sollten wir ein trocknes Flußbett erreichen und dort Wasser finden. In große Staubwolken gehüllt kamen Rinderherden gegen uns an, mit stieren Augen und heiserm Brüllen. Das war ein schlechtes Zeichen von der Gegend, in die wir ritten. »Wollt Ihr klüger sein als die Tiere? Kehrt um! Kehrt um!« »Nein, wir wissen es besser: um sieben Uhr werden wir an dem Feind und an Wasser und Weide sein.« Wir ritten vorwärts. Unsre Reihe lockerte sich. Wir ritten, so wie jeder vorwärts konnte. Vom Feinde war nichts zu sehn. Aber Wittboys, die voraus geritten waren, kamen zurück und meldeten, daß er nicht fern wäre.

Gegen Abend, da ich mit vier Mann befohlen wurde, zur Seitendeckung im Busch zu reiten -- denn es wurde dann und wann aus dem Busch auf uns geschossen -- sahen wir von ungefähr hinter hohen Büschen einen verlassenen Kapwagen stehen und hörten Menschenstimmen. Wir stiegen aus dem Sattel und schlichen heran und sahen sechs Feinde im lebhaften Gespräch um ein kleines Feuer sitzen. Ich machte mit Zeichen deutlich, auf wen jeder von uns schießen sollte. Vier blieben gleich liegen, der fünfte entfloh. Der sechste stand halb aufgerichtet, schwer verwundet. Ich sprang mit geschwungenem Kolben hinzu. Er sah mich gleichmütig an. Ich wischte den Kolben im Sande rein und warf das Gewehr am Riemen über die Schulter. Aber ich mochte den Kolben den ganzen Tag nicht anfassen.

Die Erde war rund umher kahl, gelbbraun, steinig; das spärliche Gras war abgegrast oder verbrannt oder vertreten. Überall lag totes Vieh. Das heisere Brüllen verendender Rinder zitterte schrecklich durch die Luft. Der Busch wurde dünner; oft weitete sich ein Raum zu einer großen Lichtung.

Ganz verlassen lag in der glühenden Sonne ein zweijähriges Kind. Als es uns sah, setzte es sich aufrecht und sah uns an. Ich stieg ab und hob es auf und trug es eine Strecke zurück, wo an einem Busch eine verlassene Feuerstelle war. Es kroch gleich auf allen vieren über die Stelle, wobei es mit der Hand Asche und Unrat zur Seite rakte. Es fand auch gleich etwas, den Rest einer Wurzel oder einen Knochen, und aß. Es weinte nicht; es fürchtete sich auch nicht; es war ganz gleichmütig. Ich glaube, es ist da im Busch groß geworden, ohne Hilfe von Menschen.

Der heiße Tag senkte sich. Unsere Pferde wurden sehr müde. Wir hatten Mühe, die stolpernden Tiere wieder hoch zu kriegen; einige Reiter stiegen ab; gegen Abend führten schon viele ihre Pferde. Bald darauf stürzten einige. Die Reiter warfen die Sättel auf die Wagen und zogen zu Fuß weiter. Es wurde dunkel. Vom Feinde war nichts zu sehen. Da kamen wir endlich zu den heiß ersehnten Wasserlöchern.

Da waren sie bis an den Rand voll von toten Ochsen; und Wasser war nicht da. Und von Weide keine Spur.

Da bissen wir die Zähne zusammen und starrten vor uns hin; denn nun wußten wir, daß wir zurückmußten und daß viele Pferde zugrunde gehen würden. Wir mußten wohl froh sein, wenn wir alle Menschen lebendig zum Lager zurückbrachten.

Wir blieben hier drei oder vier Stunden der Nacht. Ich versuchte, mir ein wenig Wasser zu verschaffen, zwängte mich zwischen die toten Tiere und kam nach einer Stunde mit einem halben Feldkessel voll von einer schrecklichen Flüssigkeit heim. Wir kochten uns aber doch Kaffee damit und tranken ihn. Die anderen hatten indes ein großes klumpiges Nest von Webervögeln vom Baume geholt und es den Pferden vorgelegt; auch alten Kuhdung trugen wir in den Händen zusammen und schnitten Zweige von den Büschen, entfernten die Dornen und hielten sie ihnen vor. Ich ging eine Stunde lang rund um mein Pferd, und rieb es mit der Faust und war freundlich mit ihm.

Nach Mitternacht traten wir den Rückzug an.

Zuerst, wenn ein Pferd fiel, nahm der Reiter den Sattel auf den Rücken und ging in schweren Reiterstiefeln durch den Sand; aber bald lag da, bald da ein Sattel. Wir anderen stiegen ab und führten die Pferde; es war ein langer, müder Zug. Dicht vor meinen Füßen taumelte ein Kamerad und fiel lang hin. Wir hoben ihn mit vier Mann auf; er war schwer wie Blei. Immer mehr Pferde fielen; bald lag alle Kilometer ein edles Tier. Dann und wann krachte ein Schuß; wir achteten nicht darauf. Die älteren Kadaver waren hochaufgetrieben; eine schreckliche Luft dunstete über dem weiten Totenfelde. Wir setzten stumm Fuß vor Fuß. Der Mund war heiß; die stickige, stinkende Luft ging wie mit Peitsche und Sporen den Hals hinunter. Einer vor mir fing an, wild zu reden, er wolle alle Feinde erschlagen und sich an ihrem Blute satt trinken. Sie setzten ihn auf ein Pferd; zwei Mann hielten ihn. Ich spürte keinen Hunger; der Ekel vertrieb den Hunger. Aber der Durst quälte mich, daß ich begehrte, das Blut zu trinken, das ich in den Adern der gefallenen Tiere sah.

Der Morgen war da und die brennende Sonne. Wir erreichten eine Wasserstelle, die aber wieder voll von verendetem Vieh war. Wir warfen uns dennoch hin und versuchten in der Tiefe Wasser zu finden, und schöpften einige Deckel voll von der ekligen Flüssigkeit und tranken der Reihe nach. Als die Reihe an mich kam und ich den Deckel schon zum Munde hob, wurde mein Kopf sachte zur Seite geschoben. Als ich mich erstaunt umsah, steckte mein Pferd sein Maul in den Deckel und trank. Da tat ich mir schreckliche Gewalt an und dachte: »Was willst Du Dir an geronnenem Blut und Urin den Tod saufen? Lieber verdursten,« und ließ es ihm, und stand auf, und hatte keine Hoffnung mehr, den Abend dieses entsetzlichen Tages zu erreichen. Unser Zug wurde länger und länger.

Es ist wunderbar, wieviel der Mensch ertragen kann. Ich bin noch vier Stunden lang in brennender Sonne gegangen. Ich weiß aber wenig oder nichts von diesen Stunden; ich habe nur eine Erinnerung, als wenn ich durch Feuerlohe gegangen bin. Mein Pferd fiel und blieb liegen.

Gegen Abend, als wir noch zehn Kilometer vom Lager entfernt waren, bekam ich Befehl, ein anderes Pferd zu besteigen und zu sehen, ob ich auf ihm das Lager erreichen könnte, damit man uns von da einige frische Zugochsen entgegenschickte; denn unsere Gespanne versagten. Ich stieg in den Sattel und brachte den Ostpreußen wirklich in langsamen, schweren Trab: so ritt ich allein den Totenweg entlang. Als ich eine Weile geritten hatte, zog von Süden her eine schwere, dunkle Wolke herauf wie eine Gewitterwolke. Ich freute mich und sah mit Begier, wie sie breiter und breiter und breiter wurde; ich glaubte schon den Regen zu schmecken. Da fiel mir auf, daß sie so niedrig hing und so rasch näher kam, gleich als wenn sie flöge. Und nun kam sie heran: rauschend und surrend umschwirrten mich dicht gedrängt, die Sonne verdunkelnd, unzählige Mengen von großen Heuschrecken. Es glitzerten ihre fingerlangen, silberblanken Flügel wunderschön in der untergehenden Sonne; in zahllosen Scharen fielen sie rund um mich auf den Busch. Ich aber schüttelte mich vor Entsetzen über dies schreckliche, wunderlich fremde Land, und kam durch sie hindurch. Ich erreichte das Lager, meldete, trank, und fiel hin und schlief.

XVI

Es gab in den vier Tagen, die wir noch in diesem Lager blieben, dreimal am Tag Fleisch von schlappen Ochsen und Reis; andre Lebensmittel waren nicht da. Wasser war zwar genug vorhanden, da aber der Feind wochenlang und in Massen, samt seinen großen Viehherden, um diese Wasserlöcher gehaust hatte, waren sie ganz verschmutzt. So kam es, daß in wenigen Tagen der zehnte Mann an der Ruhr erkrankte. Ich blieb leidlich gesund; aber als ich unter einem Busch ein wenig Gras für mein verhungerndes Pferd suchte, bekam ich einen Dornstich in die Hand, die schnell anschwoll und einige Tage schlimm aussah. Es war offenbar die ganze Gegend verpestet: Wasser, Erde, Busch und Luft.

Dann kam die Nachricht, daß der Feind nach Überwindung und Umgehung der großen Durststrecke, auf der Tausende von ihm umgekommen waren, weit im Osten, am jenseitigen Rand des Sandfeldes, an kümmerlichen Wasserstellen säße. Da beschloß der General, ihm dorthin zu folgen, ihn anzugreifen und zu zwingen, nordostwärts in den Durst und in den Tod zu gehn, damit die Kolonie für alle Zeit vor ihm Ruhe und Frieden hätte.

So zogen wir nun also in gewohnter Weise mit einem ungeheuren Troß von Ochsenreihen, Kapwagen, Karren und Treibern, die unsre Verpflegung in die Einöde schleppten, nach Osten zu in die weite Steppe, die kein Weißer vor uns betreten hatte; man wußte nur von ihr, daß sie sehr wasserarm war. Unterwegs stieß ein großer Transport frischer Pferde zu uns, so daß wir wieder alle beritten waren. Es war das vierte Pferd, auf dessen Rücken ich mich setzte; der Leutnant, der viele und weite Patrouillen geritten hatte, stieg auf das sechste. Wir waren in unsrer Abteilung vierhundert Mann.

Der Sand war tief und die Sonne sengte. Und nachts, auf der Erde, den Kopf auf dem zusammengedrückten Hut oder auf dem Sattel, gab es einen kurzen Schlaf; die Sterne schienen klar und ein eisiger Wind wehte. Die Kost war eintönig und dürftig. Aus den verseuchten Wasserlöchern des Lagers hatte sich mancher den Typhus getrunken, der brach nun aus. Auf dem geschüttelten, harten Wagenbrett mußte der Kranke tagelang zurückfahren, bis er an ein Feldlazarett kam; da lag er ohne Stärkung und ohne Kühlung und ohne Reinlichkeit wochenlang auf dürftigem Graslager. Je weiter wir in die Steppe hineinkamen, desto lästiger wurden ziemlich große Fliegen, die um diese Jahreszeit aufkamen; sie waren so gierig, daß wir sie mit den Fingerspitzen aus Augen und Mundwinkeln holen mußten. Daß sie in unsrer Suppe schwammen, kümmerte uns schon lange nicht mehr. In der zweiten, dritten Woche fingen die neuen Pferde schon wieder an, schwach zu werden; bald blieb das eine und das andre am Wege liegen. Die Ochsen wurden bei den weiten Märschen und der dürftigen Weide schlapp und schlapper. Kleider, Stiefel und Sattelzeug wurde wieder rissig und schmutzig; wir sahen aus, als hätten wir uns im Staub gewälzt.

Als wir drei Wochen marschiert hatten und wir die Gegend erreichten, wo der Feind sitzen sollte, zeigte es sich, daß er noch weiter nach Osten gezogen war und an den allerletzten dürftigen Wasserstellen saß. Da mußten wir weiter hinterher. Abends sahen wir hier und da nach Osten hin Grasbrände, die er angemacht hatte, und die Feuer einzelner seiner Horden, die sich von der Hauptmasse lösten und nach Westen hin, der alten Heimat zu, durchzubrechen suchten, um dem grausen Dursttode zu entgehn. Es wurden Patrouillen ausgeschickt, daß sie nicht durchkamen, damit sie nicht in der Heimat einen ewigen Kleinkrieg mit uns führten.

In der vierten Woche kam ich endlich einmal wieder aus dem Kompanieverband heraus. Mit einer Patrouille von zwanzig Mann, die ein Leutnant führte, ritten wir aus dem Nachtlager nach Norden, um die Gegend zu erkunden, von der es Karten nicht gab, besonders um etwa eine gute Wasserstelle zu finden. Es waren in der Gegend zwar viele Wasserstellen; aber von dreien waren immer zwei vertrocknet, und die dritte gab erbärmlich wenig Wasser. Der gewesene Offizier, den ich den Gebannten nannte, ritt auch mit.

Wir waren nach Mitternacht ausgezogen und ritten bis neun Uhr. Da sattelten wir ab und rasteten. Wir hatten aber noch nicht lange im Schatten einiger Büsche gelegen, da spürten wir einen brenzligen Geruch, der rasch stärker wurde, so daß wir es trotz unsrer Gleichgültigkeit für richtig hielten, uns nach der Ursache umzusehn; da kam auch schon der Posten gelaufen und sagte, daß der Wind einen mächtigen Grasbrand auf uns zutriebe. Wir schimpften auf den Feind und standen auf und sattelten schon in aller Eile; denn Qualm und Feuer, das durch den Qualm grell blinkte, kam in breiter Front auf uns zu. Da unsre Pferde unruhig wurden, sich bäumten und durcheinander fuhren, gingen wir, so rasch wir konnten, ohne irgendeine Verabredung, die Pferde an der Hand, nach einer Stelle, wo die Lichtung sich senkte. Wir waren eben da und hatten eben angefangen, noch eine kleine Strecke Gras abzuschneiden und zu raufen: da kamen sie schon an wie eine kleine glühende Kinderschar, die, sich an den Händen haltend, vorwärts tanzte; hier und da sprang eine höher als alle andern und duckte sich gleich; im Springen brausten und bliesen sie einen entsetzlich dürren, heißen Atem vor sich her, den sie uns in Mund und Augen jagten. Einige von uns hatten von dem kalten Kaffee, den sie in ihren Wassersäcken hatten, auf ihre Taschentücher gegossen; andere duckten sich hinter ihren Pferden; andre drückten ihr Gesicht gegen die feuchten Wassersäcke. Dann gab es einen kurzen Augenblick großer Verwirrung; die Pferde bäumten sich wild, der Atem stand, ein Kamerad stolperte und wurde hochgerissen. Da war es vorüber. Wir sahen aus wie die Schornsteinfeger, schimpften und schüttelten die Köpfe und sahen uns an; und mußten zuletzt über das Abenteuer lachen. Ich aber lachte noch besonders in mich hinein, da ich an den Schelmen von der holsteinischen Heide dachte, den seine Mutter zuweilen in den Backofen geschoben hatte, wie er sagte. Dem hätte ich dies Abenteuer gegönnt.

Abends gelangten wir an Wasserlöcher, die vertrocknet waren; wir gruben sie etwas tiefer und schliefen die Nacht, indem wir die Sättel im Kreise hinlegten und jeder sich hinter seinen Sattel legte. Die Pferde wurden in aller Eile auf einem ziemlich guten Weideplatz mit gesammelten und abgehauenen Dornzweigen eingekraalt. Der Leutnant und der Gebannte wachten abwechselnd im Kreis der Schlafenden; zwei Posten, stündlich abgelöst, umkreisten sie; ein Mann stand im Pferdekraal.

Als die Reihe der Wache an mich kam und ich hinausging, war die Nacht so bitter kalt, daß ich mir allerlei Bewegung machte, um ein wenig Wärme zu halten. So stieg ich auch zweimal auf einen niedrigen, verfallenen Termitenhaufen und sah nach den Feuern, die hier und da, meist aber ziemlich fern, durch die Nacht leuchteten. Dabei fiel mir eines auf, das nicht weit von uns im dichten Busch brannte. Ich merkte es mir und sagte es bei meiner Ablösung dem Leutnant, der neben dem heruntergebrannten Feuer auf der Erde saß.

Da machten wir uns vor Morgengrauen auf und entdeckten richtig die Stelle im Busch und umschlichen sie. Sie hockten, fünf Mann, und acht oder zehn Weiber und einige Kinder um das trübe, kleine Feuer, in Lumpen, ganz erstarrt. Wir drohten ihnen, daß sie sich nicht rühren sollten, und durchsuchten die Bündel, die neben ihnen lagen, und fanden zwei Gewehre und gestohlene, wahrscheinlich unsern Toten geraubte Unterkleider; der eine der Männer aber trug einen deutschen Waffenrock, der die Namenzeichen eines unsrer gefallenen Offiziere trug. Da führten einige von uns die fünf Männer zur Seite und erschossen sie. Die Weiber und Kinder, die jämmerlich verhungert aussahen, jagten wir in den Busch.

Als wir wieder an die Stelle kamen, wo wir übernachtet hatten, war in die tiefer gegrabenen Löcher so viel Wasser gesickert, daß wir jedem Pferd ein Kochgeschirr voll geben konnten und auch ein wenig in unsre Wassersäcke taten. Das Wasser war im Geschmack nicht so ganz übel; es hatte aber, wie fast überall im Sandfeld, einen Gehalt von Glaubersalz und hatte davon, wie der Leutnant es nannte, eine entschieden durchschlagende Wirkung.

Wir fanden diesen ganzen Tag keine gute Wasserstelle und der Leutnant war sehr ärgerlich, während wir uns immer noch freuten, daß wir einmal wieder aus dem Kompanieverband heraus waren und allein durch das weite, grenzenlose Land zogen. Während wir bis an den Abend ritten, erzählte er uns seinen Plan, daß wir unsern nächsten kleinen Posten aufsuchen sollten, der schon seit einigen Wochen in der Nähe kampierte, um feindliche Horden am Rückzug in die Heimat zu verhindern. Bei dem wollte er sich befragen.

Aber gegen Abend, ehe wir nach den Angaben, die wir bekommen hatten, bei jenem Posten sein konnten, wurden die Büsche plötzlich üppiger, das Gras saftiger, einige große Bäume stiegen aus dem Busch, einige Hühner flogen auf: kurz, wir merkten, daß wir an Wasser kamen, wurden sehr froh und stolz, daß wir so findige Leute wären, und setzten unsre müden Tiere in Trab. Und sieh da, seitwärts auf der Lichtung, wahrhaftig, da war ein kleiner Teich oder mehr nur eine Pfütze mit blankem Wasser. Wir kamen an, stiegen ab, und einige knieten schon und tranken; die Pferde standen bis zum Knie im Wasser neben uns. In dem Augenblick kam ein fremder Kamerad die Anhöhe herunter gelaufen und schrie: »Ums Himmels willen, trinkt nicht von dem Wasser. Trinkt nicht: es ist Typhus darin.« Wir ließen ab und schoben die Schultern hoch; einige wurden ernst; andre lachten leichtfertig. Oben auf der Anhöhe war ein kleines Feldlazarett neu eingerichtet, das wir noch nicht kannten. Wir blieben diese Nacht in der Nähe, doch abseits von den Typhuskranken und abseits von dem bösen Teich. An seinem Wasser hatten sich -- wie sich nach einigen Tagen und Wochen zeigte -- sechs von uns den Typhus getrunken und zwei davon den Tod.

Am andern Morgen zogen wir in aller Frühe weiter und fanden gegen zehn Uhr richtig den Posten, den wir suchten.