Peter Moors Fahrt nach Südwest: Ein Feldzugsbericht

Part 8

Chapter 84,021 wordsPublic domain

Als ich wohl bald zwei Stunden zwischen den weidenden Pferden gestanden hatte, die Trense in der Hand, und mich grade bücken wollte, um eine große, stechende Fliege zu töten, welche zwischen den Vorderbeinen meines Pferdes saß, daß es heftig stampfte, da hörte ich von der Lichtung her einen kurzen, furchtbaren Aufschrei, der sich mir sofort wie ein harter Druck aufs Gehirn legte. In die Höhe fahrend sah ich, wie sich zwanzig oder dreißig Feinde mit Gewehren und Keulen um meine liegenden Kameraden drängten, die unter Schüssen und Hieben liegen blieben. Der Berliner, der noch eben, halbaufgerichtet, zum Schuß kam, erhielt im selben Augenblick, das Gewehr an der Backe, einen furchtbaren Kolbenhieb, daß er in sich zusammensank. Im selben Augenblick kamen auch Schüsse von links her über die Lichtung gegen mich. Laute Rufe und Scheltworte flogen heran. Kriechend und springend kamen sie durch das hohe, bewegte Gras auf mich zu. Da sprang ich, die Trense noch in der Hand, in fliegender Eile auf das nächste ungesattelte Pferd und brachte das müde Tier in Galopp und entkam ihnen am Busch entlang.

Ich weiß nicht viel von den nächsten Stunden. Ich weiß nur, daß es mir entsetzlich schwer und dumpf auf dem Schädel lag, als wäre mein Hut voll Blei, und daß ich den Kopf sonderbar geduckt zwischen den Schultern hielt und die Augen halb geschlossen und daß ich immer die furchtbaren Hiebe fühlte, die ich gesehen hatte. In schrecklich wüster Dumpfheit und wirrem, halbverrücktem Grübeln ritt ich wohl drei Stunden lang. Wann und wie ich dem Pferd die Trense angelegt habe, weiß ich nicht. Es war das erbärmliche Pferd des Mecklenburgers.

Als mir ein wenig klarer wurde, dachte ich nach, wohin ich wohl ritte, und wußte es nicht. Ich sah nach der Sonne; aber sie stand fast grade über mir. Da richtete ich mich nach dem leisen Wind, der die Nacht über vom Meer her geweht hatte und ritt ihm entgegen. Ich ritt immer grade aus, zwei oder drei Stunden, aber ich traf keine Spur oder Weg oder Menschen.

Ich kam über lichte Stellen und durch hohen, dichten Busch, der über meinem Kopf zusammenkam. Mein Rock war von den Dornen zerfetzt und Gesicht und Hände waren blutrünstig. Um das Pferd zu schonen, stieg ich zuweilen ab und führte es; es war übermüdet und verdurstet. Als ich mich wieder aufgesetzt hatte und über eine Lichtung ritt, stolperte es und fiel in die Knie und blieb eine Weile in den Knien liegen; dann fiel es mit Stöhnen um. Da ließ ich es und ging zu Fuß weiter.

Ich zog mein Messer heraus und band es mir mit einem Ende Tau um das linke Handgelenk, damit ich es zur Hand hätte, wenn ich etwa das Gewehr nicht mehr brauchen könnte; ich wollte mir lieber das Letzte antun, als daß ich lebend in ihre Hände fiele. Nachdem ich es gut angebunden hatte, wagte ich es und gab drei Schüsse ab und horchte, ob eine Antwort käme; aber es kam nichts. Die Sonne sank und ich sah nun, wo Westen war. Aber es half mir nicht viel, daß ich es wußte, weil mir ganz unbekannt war, in welcher Richtung ich in den ersten Stunden nach dem Überfall geritten hatte. Meine Zunge lag schwer und dick im Mund; mein Hals wurde trocken bis in die Brust hinunter; meine Gedanken wurden stumpf. Ich dachte, daß ich hier so allein und so erbärmlich umkommen müßte -- wie gern läge ich unter dem Baum, weit im Osten, wo meine lieben Freunde lagen --, ich quälte mich mit der Heimat, gab jedem die Hand und sagte ihm, daß ich nun vom Leben schiede und er sollte nicht so sehr trauern, das Leben wäre doch nicht viel wert, und ging auch zu dem Oberleutnant und sagte ihm, daß er mir vergeblich vertraut hätte, ich wäre kein klarer und ruhiger Mensch, sondern von meiner Kindheit an ein Träumer gewesen. Ich wollte ein leises Wort sagen, um meine Stimme zu hören, aber ich konnte es nicht.

Ich ging aber immer weiter, in den schweren Stiefeln, durch Sand und durch hohes, spärliches, hartes Gras, kletterte auch zwei- oder dreimal auf einen Baum oder auf einen Termitenhaufen. Einmal erschreckte mich ein großes, schweres Tier, wie ein Ochse; es hatte aber zwei Hörner, lang, und wie Spieße aufrechtstehend. Ich habe nicht erfahren, was für ein Tier es gewesen ist, da ich mit keinem über diese Stunden gesprochen habe. Einmal erhob sich nicht weit von mir ein riesiger Baum, der ganz abgestorben war. An einem seiner toten Äste hing eine dunkle Masse dichten Flechtwerks, so groß und so gestaltet wie der Leib eines Ochsen; darin wohnten unzählig viele kleine graue Vögel. Eine dicke, dunkle Schlange wand sich langsam heraus aus den Nestern und wandte züngelnd den Kopf hin und her, als wäre sie vom Sonnenschein geblendet; ich lief in Angst weiter. Einmal stieg ich auf einen Felsen, der plötzlich, zehn Meter hoch, aus dem Buschfeld aufstieg. Ich sah aber nichts, als an mehreren Stellen in der Ferne Rauch oder sonnebeschienenen Staub. Rund um mich lag weit und breit das stille Buschfeld.

Gegen Abend kam ich an eine undeutliche, lange nicht befahrene Wagenspur. Da ruhte ich nicht weit davon, im Busch versteckt -- ich dachte, es könnte doch jemand dieses Wegs kommen --; und schlief ein. Als ich erwachte, weil mich sehr fror, war es Nacht. Es war eine Nacht, wie die vorige: kalt, und die Sterne klar. Da stand ich auf und sah mich in großer Not um und begehrte, tot zu sein.

Da, wie ich so stand, kam plötzlich schräg vor mir über das Buschfeld hin ein grelles, scharfes Aufblitzen. Nun wieder! Nun wieder! Eine Signalstation! Aber wie fern wohl! Wohl viele, viele Meilen weit! Wie hell und warm es schien! Da waren Kameraden; da war Rettung. Es war töricht, schien mir, drauf loszulaufen; aber ich merkte mir am Himmel die Richtung; und lief, so rasch ich konnte.

Ich lief wohl zwei Stunden oder mehr; ich zerriß mir an den schrecklich langen und harten Dornen Kleider, Gesicht und Hände. Da merkte ich mit heißer Freude, daß ich näher kam. Denn das Licht fing zusehends an, höher über den Büschen zu blitzen; es war aber zu nahe, als daß es etwa von einem fernen, hohen Berge herabkäme. Da schrie ich laut und lief noch mehr. Aber das gab ich bald wieder auf. Ich lief wohl noch eine halbe Stunde, da fing ich wieder an zu rufen, damit sie nicht auf mich schössen.

Da fingen sie an zu antworten: »Komm nur her! Wer bist Du denn? Komm 'ran!« Aus den Büschen kam ich heraus und lief über die Lichtung zu ihnen, die am Fuß von klippigen Felsen standen, und sagte, wer ich wäre und wie es mir gegangen wäre.

Sie sagten: »Du armer Teufel. Wir können Dir wenig helfen; wir sitzen hier selbst im schlimmsten Dreck. Unser Unteroffizier, der das Signalgeben versteht, ist vorgestern mit einem andern zum Wasserloch gegangen und nicht wiedergekommen; und der Gefreite, der die Lampe jetzt bedient, ist krank. Und wir haben seit vierzehn Tagen keine Ablösung, keinen Schlaf und kein Brot, bloß ein bißchen Reis, Büchsenfleisch und Wasser; und warten, bis die Schwarzen kommen und uns abtun.« Zwei von ihnen waren gleichmütig liegen geblieben, in ihre Mäntel gewickelt. »Die sind krank,« sagten sie.

Ich hörte nicht auf das, was sie noch sagten; ich hörte das Wort »Wasser« und bat sie. Sie gaben mir aus einem Wassersack zwei Deckel voll. Da merkte ich, daß es eklig war und nahm den dritten Deckel voll nicht an. Unterdes rief der Gefreite von oben immerzu, wer da unten wäre, ob Ablösung da wäre. Ich merkte an der Sprache, daß er ein Bayer war. Sie sagten zu mir: »Geh hinauf und rede mit ihm und sprich ihm gut zu. Er hat zwei Nächte nicht geschlafen.«

Ich kletterte die Felsen mühsam hinauf und kam zu ihm. Er stand im Mantel neben der Lampe, und riß im Takt die Blende ab, daß es grell in die Nacht hinausschien. Das Licht flackerte in dem eisig kalten Nachtwinde. Er flog am ganzen Körper.

Nun ließ er ab von der Lampe und sah scharf über das nächtliche Buschfeld nach einem Licht, das fern am Horizont aufblitzte und schrieb mit hin- und herfliegender Hand auf einem Block Papier, was er sah, fragte mich in Absätzen nach woher und wohin und sagte: »Wir sind schmutzig und hungrig und durstig und krank, und zwei von uns sind schon abgetan; und keiner kommt und löst uns ab.«

Ich fragte ihn: »Hast Du Verbindung mit der neuen Abteilung?« Er sagte: »Grade seit einer Stunde,« und lächelte kläglich und sagte: »Man wird noch verrückt hier. Gestern nacht habe ich lauter dummes Zeug signalisiert, immer los: ›So leben wir, so leben wir,‹ und so was; aber sie haben den Unsinn nicht verstanden.« Er ließ den Block sinken und hockte sich nieder und schüttelte sich. Er schien zu meinen, daß ich Ablösung wäre.

Ich wollte ihn aufmuntern und fragte ihn nach den Lichtern, die hier und da durch die Nacht zuckten. Er raffte sich wieder auf und zeigte mir mit hastender Hand das Licht jeder Abteilung. Im Halbkreis lagen sie um den Feind, bereit, ihn morgen gegen die Wand des breiten Berges zu drücken, vor dem er stand. Indem er noch zeigte, blitzte oben, vom Berge herab, ein neues Licht. Grell und frech stand es plötzlich da. »Sieh,« sagte er verwundert. »Die sind hinten herum auf den Berg geklettert. Nun stehen sie da oben hoch über dem Kopf des Feindes, und übersehen alles und melden, was sie sehen.« Ich sah lange nach dem grellen Licht und dachte trotz meiner eignen Not an die zehn oder zwanzig Kameraden, die da oben auf den ungastlichen Höhen saßen, jeden Augenblick gewärtig, überrannt zu werden. Und sah nach dem weiten Gebiet, das dunkel zwischen all den Lichtern lag. Da saß im Busch das feindliche Volk. Mit welchen Gedanken mochten sie und ihre Kinder die Lichter sehen?

Der Bayer hatte wieder nach der Lampe gegriffen und wollte das Empfangene weitergeben. Er redete leise bei sich selbst, sank in sich zusammen und stellte sich dann wieder stramm --: da hörten wir unter uns aus dem Busch her Pferdeschnauben und gleich darauf die helle Stimme eines Offiziers. Da kletterte ich eilig hinunter und stand und hörte, wie der Offizier fragte, was hier los wäre, da wäre so eine verrückte Meldung gekommen. -- Da trat ich vor und nannte mich: Gefreiter Moor, und woher ich käme und daß der Bayer oben krank und nicht ganz mehr bei Sinnen wäre, und daß ich Kameraden und Pferd verloren hätte. Und ich möchte wieder zu meiner Abteilung.

Er schickte einen Mann den Hügel hinauf und sagte, es wäre nicht nötig, daß ich den gefährlichen Ritt jetzt sofort machte; denn sie hätten jetzt wieder Signalverbindung mit dem Hauptquartier. Ich aber sagte: »Ich habe meine Kameraden verloren und muß melden, wie es gekommen ist.«

Er hatte wohl Mitleid mit mir und sagte: »Wir haben einen überzähligen Gaul bei uns. Schön ist er nicht; aber wenn Sie gern hinüber wollen, sollen Sie ihn haben.« Er ging noch selbst mit mir zu dem Pferd und ich glaube, daß er mir ein besseres gab; denn ich hörte, wie er leise zu dem Unteroffizier sagte: »Er hat sieben Stunden zu reiten und reitet allein.« Er sah auch selbst nach dem Sattelzeug, fragte mich, ob ich gedienter Kavallerist wäre, zog am Gurt und sagte: »Nach drei Stunden müssen Sie den Gurt anspannen,« und zeigte mir den Proviant für mich und das Pferd in der Satteltasche. Dann rief er nach dem Hügel hinauf: »Wo steht das Hauptquartier?« Die deuteten mit der Hand. Er zeigte mir noch am Kreuz, das klar am Himmel stand, die Richtung und empfahl mir, gradeaus zu reiten bis ich an die große Pad käme, und ließ mich ziehen.

Auf diesem Ritt, der zehn Stunden dauerte, begegnete mir keinerlei Unfall. Ich erreichte todmüde den Weg, den meine Abteilung zog, und zwar an der Wasserstelle, an der ich sie vorgestern verlassen hatte, trank und tränkte auch mein Pferd und ritt dann den Weg hinauf, den sie heute und gestern gezogen waren. Es lagen viele tote und sterbende Tiere an dem Weg. An der nächsten Wasserstelle traf ich die Abteilung rastend.

Ich meldete mich und berichtete und ging dann nach meiner Backschaft und setzte mich auf die Erde, und schlief sechs Stunden wie ein Toter. Sie sagten nachher, sie hätten mich mit Fragen überstürmt; ich hätte sie auch angesehen; aber ich hätte kein Wort gesagt, sondern wäre hingefallen und hätte geschlafen.

An diesem Abend war ein eifriges Leben im Lager. Jeder war betriebsam. Der eine sah sein Gewehr nach; der andere füllte sorgfältig seinen Patronengurt; der dritte sorgte um sein Pferd; der vierte und fünfte lag auf der Erde und schrieb einen Gruß nach Hause. Als wir uns zum Schlafen um unser Kochloch in den Sand legten, sagte der Freiwillige, der zehn Jahre älter war als wir: »Na, Jungs, nun betet noch ein Vaterunser. Wer weiß, ob Ihr es morgen abend könnt.«

Feuer brannte in dieser Nacht nicht.

XIV

Schon vor Mitternacht rückten wir weiter vor, dem Feinde zu. Es wurde gesagt, daß unsre Abteilung etwa gegen Morgen auf den Feind stoßen würde.

Voran ritten als Kundschafter die Wittboys. Dann kam unsre Kompagnie. Ein Teil von ihr war abgesessen und suchte zur Seite des Wegs im Busch vorwärts zu kommen; der andre Teil ritt noch auf dem Weg. Ich ritt im dritten Zug. Hinter uns, dicht aufgeschlossen, fuhr die Artillerie.

Wir marschierten möglichst lautlos; aber es gab doch allerlei Lärm: Schnauben der Pferde, Stoßen der Räder, ein ungeduldiger, zorniger Ruf, ein Peitschenhieb. Mich fror heftig im Sattel. Damit ich nachher, wenn ich schießen sollte, nicht steife Finger hätte, legte ich die Zügel über den Patronengurt und steckte die Hände in die Taschen.

Endlich graute der Morgen; und bald schossen am hellgrauen Himmel von unten herauf zarte, rosige Streifen Lichtes gegen die Himmelshöhe. Rasch wurden die Farben tiefer, fröhlicher und stärker. Es jauchzte das Rot in seiner Fülle und es freute sich das Blau seiner reinen Schönheit. Es kam herauf und dehnte sich und stieg auf wie eine neue Welt, die war wohl tausendmal schöner als die alte. Und dann kam groß und klar die Sonne, wie ein großes, ruhiges, weitoffnes Auge anzusehn. Obgleich ich als ein guter Soldat mit allen Sinnen nach vorne hin dachte, nach dem Feinde zu, und den schweren Stunden, denen ich vielleicht entgegenginge, sah ich doch die Himmelsherrlichkeit. Neben mir ritt ein Hamburger, ein frischer, ruhiger Junge. Er hatte mir mal gesagt: »Siehst Du, man muß einmal was Ordentliches erlebt haben: Wie soll man sonst ein tüchtiger, ernster Mensch werden? Darum bin ich hierhergekommen!« Er wollte nachher in das Geschäft seines Vaters eintreten. Er ritt wie ich, die Zügel überm Patronengurt, die Hände in den Taschen; er hatte aber die Stirn heute morgen sehr kraus gezogen und sah scharf vor sich hin. Schräg hinter mir ritt der gewesene Offizier.

Um diese Tageszeit sollten wir nach den Aussagen unsrer Patrouillen den Feind erreichen. Aber er war nicht da. Da dachte ich mit vielen andern, daß es wieder nichts würde, und ärgerte mich sehr. Doch hörten wir bald darauf von rechts herüber Kanonendonner.

Es wurde acht; es wurde neun. Der Busch wurde so eng, daß die Ausgeschwärmten nicht weiter konnten. Sie kamen heraus und zogen sich auf dem Weg zusammen. Die Sonne stieg und stieg; es wurde ein heißer Tag. Es fing an, warm im Sattel zu werden. Die Pferde wurden müde. Ein kleiner schmaler Leutnant mit einem zähen, hagern Gesicht und scharfen Augen ritt an meiner Seite vorüber und sagte mit gedämpfter Stimme: »Wir sind keine drei Kilometer von den Wasserlöchern.« Er hatte in den letzten Tagen mehrmals eine gefährliche Patrouille bis in diese Gegend geritten und kannte jeden Busch.

Da fiel vorn der erste Schuß. Die Gewehre flogen aus dem Schuh.

Wir waren mit raschem Schwung aus dem Sattel; die Zügel flogen über den Pferdehals; die Pferdehalter griffen zu. Unsre Kompanie war nur neunzig Mann stark; zehn ließen wir bei den Pferden; nur achtzig Mann gingen wir in den dichten Busch hinein. Die Feinde schossen heftig und stießen kurze, wilde Rufe aus. Ich sah einen von den Unsrigen verwundet; er kauerte und untersuchte seine Wunde am Schenkel. Ich sah noch nichts vom Feinde. Aber da sah ich, einen Augenblick nur, ein Stück von einem erhobenen Arm im graubraunen Kordrock und schoß dahin. Dann lag ich und spähte auf ein neues Ziel. Es ging lebhaftes Feuern hin und her. Wenn einer von uns getroffen zu haben glaubte, verkündigte er es mit lauter Stimme: »Der steht nicht wieder auf! Mensch, mitten in die Brust!« Der dritte Mann zu meiner Rechten, der ein wenig nach vorn an einem Busch lag, zuckte zusammen. Drüben schrie eine lachende Stimme: »Hast genug, Dütschmen?« Der Kamerad sagte mit ruhiger Stimme: »Ich habe einen Schuß in der Schulter« und kroch auf allen vieren zurück.

Ich hörte durch all unser eigen Schießen, daß wir auch von links her Feuer bekamen. Nun wurde dies Feuer stärker. Sie kamen näher. In dichten Reihen krochen und schossen und schrien sie heran. Zwei von meinen Nachbarn schossen nicht mehr. Wir krochen um eine, zwei Körperlängen zurück. Sie schrien und riefen: »Paß auf, Dütschmen! Paß auf!« Und lachten wild. Andre schrien: »Hurra, Hurra!« Es wimmelte von Menschen. Ich glaubte, daß sie nun hervorbrächen, im wilden Sturm, und daß es aus mit uns wäre. Ich hatte wegen unsrer Verwundeten eine furchtbare Angst für den Fall, daß wir zurück mußten. Ich nahm mir fest vor, wenn das Kommando käme, laut zu rufen: »Die Verwundeten mitnehmen!« Aber als ich es eben bei mir beschloß, kam ein Unteroffizier mit einigen Mann und ermutigte uns durch einige Worte: »Haltet! Ich schicke Hilfe.« Bald darauf hörte ich hinter mir etwas schleifen und klirren und eine ruhige, sanfte Stimme hinter mir sagte: »Nu rück mal ein bißchen zur Seite.« Das Rohr eines Maschinengewehrs schob sich neben meinem Gesicht vor. Gleich darauf knatterte es los. Die rasende Kugelsaat pfiff in die Büsche, prasselte und pfiff. Wie schön das klang! Wie sicher und ruhig ich schoß! »Getroffen habe ich!! Hast gesehn? Mensch, schieß! da ... da!« Nun donnerten auch die Kanonen von einer Anhöhe hinter uns über unsre Köpfe weg. Da wurde es drüben etwas stiller. Und da kam auch schon der Ruf: »Sprungweise vor!« Wir sprangen auf und stürzten vor; aber eine entsetzliche Kugelsaat prasselte gegen uns an -- wir warfen uns wieder hin. Schräg vor mir hatte ein Unteroffizier eine Kugel in den Leib bekommen; das Blut strömte sofort mit Gewalt aus der Wunde, er kauerte und versuchte, es mit seinem Taschentuch zu hemmen und rief laut um Hilfe. Er war ein schmucker hellblonder Mensch. Da kam der gewesene Offizier, der Gebannte, schräg von der Seite, faßte den Verwundeten an den Schultern und zog ihn hinter uns. Die Kugeln schlugen um ihn; der Lauf seines Gewehrs flog getroffen klappernd zur Seite. Er legte sich ruhig wieder an seinen Platz. Von drüben, im Busch, schossen sie mit wildem Eifer und schrien vor Wut.

Wir kamen nicht vorwärts. Ich weiß nicht, wie lange wir so lagen und schossen. Es sind wohl Stunden gewesen. Ich wunderte mich einmal, daß sich kein Offizier bei uns sehen ließ, und vergaß es wieder. Der Schweiß rann mir wie Wasser über den ganzen Körper. Nicht meine Zunge, mein Hals, mein ganzer Körper schrie nach einem Schluck kühlen Wassers. Seitwärts versuchte ein Lazarettgehilfe einem Verwundeten einen Gummischlauch um den stark blutenden Schenkel zu legen. Der Verwundete bat in süddeutscher Mundart: »Bring' mi ein bißle zurück; kannscht das?« Da schleppte der ihn keuchend zurück. Das Feuer drüben wurde schwächer. Eine Stimme befahl: »Langsamer feuern.« Von drüben klang es heiser und höhnisch nachäffend: »Langsamer feuern!« Ein Verwundeter rief laut und ängstlich nach Wasser.

Wir lagen, Gewehr im Anschlag, und warteten. Von rechts her ging es von Mund zu Mund: »Der Hauptmann ist tot. Der Oberleutnant auch. Alle Offiziere ... Und fast alle Unteroffiziere.« Ich nahm mit der linken Hand meine Feldflasche, während ich das Gewehr aufliegen ließ, und nahm den kleinen Schluck, den ich für die höchste Not aufgespart hatte. Als ich die Flasche absetzte, dachte ich, daß dies vielleicht mein letzter Trunk gewesen wäre, und dachte auch an meine Eltern. Ich meinte, daß der Feind ein wenig Luft holen und gleich im Sturm vordringen würde.

Aber es geschah nichts.

Da kam ein Oberleutnant, der zum Stabe gehörte, geduckt unsere Reihe entlang. Als er hinter mir war, kniete er da, tippte auf meinen Stiefel und sagte: »Gehen Sie zum General und melden Sie, daß wir nach meiner Schätzung etwa einen Kilometer von den letzten Wasserlöchern entfernt sind.«

Ich hob mich vorsichtig in die Knie und lief gebückt zurück und kam auf den Weg. An einem Termitenhaufen, der wohl drei Meter hoch war, mühte sich ein Arzt und ein Lazarettgehilfe, einen Verwundeten vor dem Verbluten zu schützen; ich glaube aber, daß sie zu spät kamen: er lag wie ein Toter auf seiner roten dunkeln Decke. Dann sah ich den Ballon nicht weit vor mir. Darauf zu rannte ich über die Lichtung.

Die langen Reihen der Ochsen, in Geschirren vor ihren Wagen, hoben die offenen Mäuler, witterten lechzend die Wasserlöcher und brüllten heiser. Die Kameraden an den Pferden und die bei den Wagen riefen mich mit trockener Stimme an: »Macht doch vorwärts, Ihr Kerls da vorne! Sind wir bald beim Wasser? Geht es vorwärts?« Sie sahen mich aus tiefen, trockenen Augen an. Die Pferdehalter hatten ihre Mühe mit den verdurstenden Tieren, die in dichten Haufen standen, von Insekten umschwärmt und gepeinigt. Die Sonne glühte herab. Eine dicke, schrecklich dürre Staubluft lag über dem ganzen Lager.

Vor einem Lazarettwagen standen in weißen Mänteln die Ärzte um einen Tisch, auf dem einer lag. Ich wunderte mich, wie viele da schon im Schatten des Wagens lagen; fünf oder sechs davon tot, darunter unser Hauptmann. Ein Verwundeter, ich glaube, es war ein Leutnant, tränkte mit seiner gesunden Hand die Schwerverwundeten; der andere Arm blutete ihm schwer.

Auf dem Wagen des Generals stand ein Mann am Heliograph. Der General stand daneben, einige Offiziere und Ordonnanzen bei ihm, alle zu Fuß. Ich machte meine Meldung und hörte noch, wie einer sagte: »Die Tiere halten nicht mehr und die Leute verdursten uns.«

Im nächsten Augenblick, da ich mich schon umgewandt hatte, um nach vorn an die Front zu laufen, kam von hinten her, von zwei oder drei Seiten wildes Schreien und Schießen aus dem Busch. Die Posten, die rundum auf der Erde lagen und knieten, erwiderten sofort. Die Stimme eines Offiziers klang scharf und hell: »Schwärmen.« Ich lief und sah noch im Lauf, wie ein Hagel von Kugeln die Wand des Lazarettwagens zersplitterte und die Ärzte nach ihren Gewehren griffen und einer von ihnen verwundet wurde, und hörte noch, wie einer von ihnen sagte: »Wir wollen doch die weißen Röcke ausziehen.« Dann lag ich an einem Busch und schoß gegen die Feinde, die unter wilden Rufen durch die Büsche vorstürmten. Schreiber, Ordonnanzen, Fahrer, Bedeckung, Offiziere, alles stürzte heran und lag nebeneinander und wehrte sich seiner Haut. Die Artillerie machte im Feuer kehrt und feuerte über uns weg. Aufgeregt vom Lauf und von dem plötzlichen Angriff gab ich ein heftiges Schnellfeuer. Eine Stimme neben mir sagte: »Ruhiger schießen.« Ich schoß ruhiger und dachte: ›Wer hat das gesagt?‹ und griff nach dem Patronengurt und sah nach der Seite: da lag der General zwei Mann von mir und schoß ruhig, wie es sich für einen alten Soldaten ziemt. Sie drangen in dichten Reihen durch den Busch heran und schrien und schossen. Aber wir lagen ruhig und schossen gut. Da wurden sie stiller. Die Offiziere standen auf und gingen wieder in die Mitte des Lagers. Gleich darauf kam der Befehl, daß das Lager zweihundert Meter vorrücken sollte. Ich sah noch im Vorbeilaufen, wie sie anfingen, die Verwundeten und Toten in die Wagen zu heben. Dann lief ich wieder nach vorne in die Schützenlinie an meinen Platz.

Nun, da ich wieder lag, fühlte ich, wie sehr ich ausgedörrt war. Ein Bitten und Klagen und Quälen um Wasser ging durch die Reihe. Von hinten her klang das heisere Brüllen der verdurstenden Tiere. Ich glaube, es war um diese Zeit, nachmittags vier Uhr, kein Tropfen Wasser mehr im ganzen Lager, außer für die Verwundeten.