Peter Moors Fahrt nach Südwest: Ein Feldzugsbericht

Part 7

Chapter 73,790 wordsPublic domain

Gerade als wir unter Peitschenknallen und großem Hallo der Treiber zwischen den schwerfällig schwankenden Wagen nordwärts aus dem Lager ritten, war es einer Patrouille des Feindes gelungen, das weite, trockene Grasfeld des Berges, der sich östlich von der Station erhebt, in Brand zu stecken, um uns die gute Weide zu nehmen. Der ganze weite Berg lohte von rotem züngelndem Feuer. Im Sturm überwarf es das Buschfeld mit fliegendem rotem Netz; in breiter Front kroch es langsamer in die Ebene hinab. Das ganze Lager stand und sah hinüber, wunderte sich über das Schauspiel und schimpfte über den Schaden, den der Feind uns antat.

Gleich der erste Tagesmarsch war sehr anstrengend. Bald ging es durch grundlosen Sand, bald über holprigen Steinboden. Viel gefallenes Vieh lag stinkend dicht an der schmalen Wegspur, als Gerippe, oder halb aufgefressen oder im Anfang der Verwesung. Aasgeier kreisten über uns und Schakale heulten im Busch. Wir rasteten abends neben einer kleinen Kirche, die voll von Kranken war. Im Hause des Missionars war alles kurz- und kleingeschlagen, nur über der Tür der Stube hing noch ein Stück Pappe mit den Worten: »Liebet Eure Feinde!« Auf dem kleinen Kirchhof unweit der Kirche lag eine ganze Reihe der Unsrigen, in den letzten paar Monaten hier begraben. Auf dem Grab eines Hauptmanns lag ein Palmenwedel, der wohl drei Meter lang war.

Je höher wir hinaufzogen, desto häufiger lagen die verendeten Tiere am Weg, desto schlechter wurde die Weide. Die Feinde hatten sie nach Möglichkeit abgegrast oder verbrannt; den Rest hatten unsere Truppen verbraucht. Wir sahen auch wieder auf diesem Marsch kein Haus und keinen seßhaften Menschen; das einzige, was wir trafen, waren die Leerkolonnen. Doch begegnete uns einmal ein einzelner Reiter. Ich war zufällig Vorspitze und redete ihn schon von weitem gemütlich an, in der Meinung, es wäre ein Kamerad, oder höchstens ein Unteroffizier. Als er aber näher kam, sah ich am Gesicht, daß es ein höherer Offizier war. Er gab mir freundliche Antwort und ritt vorüber. Er war gekleidet wie ein einfacher Soldat.

Dies langsame, schwerfällige Trekken durch das menschenleere, weite, eintönige Land, dies Liegen und Rauchen in den Ruhestunden, im Schatten der Wagen, und das gemütliche, gemächliche, langsame Reden, Necken und ein wenig Prahlen, dies dürftige Essen und spärliche Trinken, ein Schuß im Busch auf eine Schar Perlhühner, und wenn das Glück wollte, auf eine Antilope, vier Stunden Schlaf am verglimmenden Feuer, den Sattel unterm Kopf: das alles erlebte ich nun wieder. Und es war mir, da ich nun zum zweitenmal so unterwegs war, als wenn ich dies Land nun schon lange, lange kannte, als wenn ich schon vor langer, langer Zeit, die weit vor meiner Geburt lag, so neben einem Wagen durch solch wildes Land gezogen war, und im Wagenschutz geruht und geschlafen hatte. Das sind ja wohl die Erlebnisse der Vorväter, die in den Geschlechtern einen langen Schlaf tun und in dem Kinde, das wieder alte Wege und Stege geführt wird, aufträumend das graue Haupt erheben.

Am dritten Abend, als wir erst bei voller Dunkelheit zur Wasserstelle kamen, hielt da schon eine Leerkolonne von drei Wagen. Sie gruben gerade ein Grab; denn es war ihnen einer von den Typhuskranken, die sie mitbrachten, gestorben. Ich sprang noch ins Grab und machte es einen halben Meter tiefer, länger wollten sie nicht warten. Dann ließen wir ihn in seiner vollen Korduniform an zusammengebundenen Pferdezügeln hinunter; den Hut legten wir ihm aufs Gesicht. Es standen sechs Deutsche, braungebrannt, acht Buren, noch brauner, alle in Schlapphüten und hohen Stiefeln, und siebzehn Schwarze an seinem Grabe. Die Buren schossen über ihm. Als seine Mutter, in einem Dorf in Pommern, ihn auf dem Schoß hatte, hatte sie sich nicht träumen lassen, daß er so früh und so fern und mit so wunderlichem Gefolge zu Grabe käme.

Als ich am Spätabend noch zu dem Feuer der Buren hinüberging, um sie zu fragen, wie es an der Front stände, sah ich, daß am letzten Wagen ein gutes dunkelbraunes Pferd angebunden war. Da beschloß ich, es mir zu klauen; und besah mir die Gelegenheit. Wir wollten schon bald nach Mitternacht weiter ziehn. Als wir dann aber abfuhren und ich mich zurückschlich, an den Wagen heran, blaffte der Hund des Buren und hinterm Wagen rührte es sich. Da sprang ich davon. Ein Schuß krachte hinter mir drein. Der Oberleutnant und die andern lachten über die langen Sätze, die ich gemacht hatte. Ich sah aber immer danach aus, wie ich mir ein Pferd erobern könnte; denn mein Argentinier war von Tag zu Tag schwerer in Trab zu bringen, und ich merkte an den vielen toten Pferden an unserem Weg, daß es an der Front schlecht damit stand. Hatte ich aber da vorn kein Pferd, so war ich nur ein halber Soldat. Vor allem konnte ich dann keine Patrouille reiten.

Am vierten Tag holten wir gegen Abend eine andere Proviantkolonne ein, die durch Verlaufen der Ochsen Verzögerung gehabt hatte. So rasteten wir mit dieser Kolonne abends an derselben Wasserstelle und blieben auch den folgenden Tag mit ihr zusammen.

Der Führer dieser Kolonne war schon sechs Jahre im Land. Er war zuerst drei Jahre bei der Schutztruppe gewesen; dann war er Händler geworden, das heißt: er war mit einem Ochsenwagen von der Bahnlinie aus nach dem Norden im Land umhergezogen und hatte den Schwarzen Plattentabak, bunten Kattun und Schnaps verkauft und hatte als Entgelt Ochsen und Kälber bekommen. Die hatte er in Windhuk an seinen Großkaufmann verkauft; doch hatte er immer einige bei einem befreundeten Farmer in Grasung gegeben. Er hatte sich auf diese Art schon ein ziemliches Kapital erworben und hatte gerade die Absicht gehabt, wieder einmal nach Norden zu fahren, aber diesmal, um sich in der Nachbarschaft des befreundeten Farmers anzukaufen: da war das ganze schwarze Volk rund um ihn in wildem Haß gegen die fremden, schlauen und harten Eroberer aufgestanden. Er hatte sich mit genauer Not samt seinem Hab und Gut nach Süden hin gerettet, und war nun als Reservemann eingezogen worden.

Ich fragte ihn viel und er antwortete bedächtig, während er, die kurze schwarze Scheckpfeife im Mund, am Wagen lag. Ich fragte ihn, wie er es anfange, eine Farm zu gründen. Er sagte: »Ich suche mir einen Platz aus mit gutem Wasser und guter Weide; dort lasse ich mir von der Regierung so ungefähr fünftausend Hektar anweisen. Es geht nicht so genau wie in Deutschland, sondern es heißt: von dem Baum bis zu dem Wasserloch, und dann zu der Pad, und so weiter. Dann lasse ich das bißchen Vieh, das ich habe, dort weiden. Es nährt und tränkt und mehrt sich selbst, ganz wie bei Abraham und Jakob. Nach zwei, drei Jahren habe ich schon eine ganze Herde. Unterdes baue ich mir ein kleines steinernes Haus. Wenn ich allmählich anfange, einige Stücke Vieh zu verkaufen, wird aus dem Haus ein besseres.« Ich fragte ihn, ob er trotz des Aufstandes und all der Zerstörung im Lande bleiben wolle. Er sagte: »Sieh! Du kannst hier gehn und stehn und ruhn und trekken, hundert Meilen, und kein Mensch sagt Dir, was Du sollst oder nicht, und Du hast keine Sorge um Freundschaft mit dem Nachbar auf derselben Etage, oder mit dem Vizewirt um die Tapete im Wohnzimmer, oder um Tagelohn, oder um täglich Brot. Wenn Du das eine Kalb verzehrt hast, schlachtest Du ein andres. Magst Du kein Kalbfleisch mehr, schlachtest Du eine Ziege. Oder Du gehst auf die Jagd, so weit Du magst, drei Stunden oder drei Tage, und wenn Du unterwegs nicht recht was vor den Schuß bekommst, machst Du den Leibriemen etwas enger.« Ich fragte ihn, ob er wohl heiraten wolle. Er sah mich von der Seite an und sagte: »Wenn der Krieg zu Ende ist, kommt ein Mädchen aus Deutschland, mit dem ich brieflich eins geworden bin. Ich kenne ihre Eltern und auch sie ein bißchen. Die Farmerfrauen sind hier guter Dinge, das kannst Du Dir auch denken; wenig Arbeit, keine Konkurrenz, also kein Neid und Streit, viel Land, Kühe und Ochsen, ein Pferd zum Reiten, keine Sorge ums Auskommen.« So erzählte er. Ich hörte ihm gern zu, und konnte alles, was er sagte, wohl verstehn.

Der Busch wurde etwas lichter. Wir zogen zuweilen mit unserer langen Kolonne durch eine stattliche, freie Ebene; aber oft ging es auch wieder durch dichten Busch, der so hoch war, daß man zur Not unter seinen Kronen, die sich berührten, unten durch reiten konnte. Die Tage waren hell und heiß, wie fast immer im Land; die Nächte kalt, einmal so kalt, daß unsere Bärte eisig wurden und das Wasser in unsern Wassersäcken gefror. Je weiter wir nach Norden kamen, desto häufiger kamen weite Flächen, welche der Feind abgebrannt hatte, uns die Weide zu nehmen; wir sahen an jedem Abend nach Norden zu starken Feuerschein. Um die Wasserstellen herum war die Weide immer kahl weithin; das Wasser war schlecht und noch dazu verunreinigt. Immer häufiger lagen die Pferde, die zusammengebrochen waren, und die Ochsen, die vorm Wagen schlapp geworden und gefallen waren. Oft hatte man ein Feuer unter ihr Hinterteil gemacht; aber sie waren doch liegen geblieben und an derselben Stelle gestorben. Am achten Tag lag alle Kilometer ein totes oder sterbendes Tier.

Am achten Tag vormittags sahen wir nordwärts, nicht mehr fern, den länglichen Ballon, der über dem Lager in der Luft stand. Da ruhten wir am Mittag nur während der größten Hitze und zogen dann weiter. Gegen Abend erreichten wir das Lager.

Sie waren gerade beim Abkochen. In ihren hohen gelben Stiefeln und Pluderhosen und in Hemdsärmeln saßen und hantierten sie um die Kochlöcher und riefen uns zu, als wir hindurchzogen, ob wir Post mitbrächten. Sie schienen noch guter Dinge zu sein; die Mehrzahl von ihnen war ja auch erst einen Monat im Land. In der einen Ecke hauste ein ganzer Trupp von Wittboys, häßlichen Menschen mit wilden, dunkelgelben Gesichtern; sie waren vom Süden der Kolonie gekommen uns zu helfen, trugen unsere Uniformen und wurden von deutschen Offizieren befehligt. In einer andern Ecke lagerte die große schwarze Horde der Treiber um ihre Feuer; sie lachten und schwatzten. Wagen und Geschütze standen in Haufen und einzeln rund umher. Ich wunderte mich aber, als ich am andern Morgen sah, wie stark das Lazarett besetzt war. Auch wunderte ich mich über die Pferde, nicht, daß sie von der Nachtkälte zottig waren, aber daß sie so mager und müde waren; dazu hatten viele von dem trocknen und scharfen Gras schlimme Wunden am Maul, und manche hatten große, offene Wunden an den Lenden, worin die Fliegen saßen. Viele Leute hatten ihr Pferd schon verloren und gingen zu Fuß.

Von den sechs größern Abteilungen, die im Halbkreis an den Feind herangingen, um ihn zwischen sich zu erdrücken, waren wir die Mittlern; darum war auch das Hauptquartier bei uns. Ich sah den General noch am selben Abend, wie er vor seinem Zelt mit einer Patrouille redete, die dann in die Nacht hinausritt. Er war ein aufrechter, rascher Mann mit grauem Haar und Augen.

Wir waren nicht weit mehr vom Feind. Jede Patrouille, die nach vorn geschickt wurde und heimkam, hatte ihn zu Gesicht bekommen. Einige hatten schwere Verluste gehabt; eine, von einem Leutnant geführt, war ganz vernichtet worden.

Ich freute mich sehr, daß ich wieder in einem ordentlichen Heereszug unter so vielen muntern Kameraden war, und lebte ganz wieder auf. Tagsüber wurde fleißig im Busch geübt, ausgeschwärmt, geschlichen, gekrochen und gestürmt; es wurde Gewehr gereinigt, geflickt, gekocht. Einmal war ich einen ganzen Tag lang unterwegs, um verlaufene Pferde zu suchen. Ich fand sie und unterschlug eins davon, einen hellbraunen Ostpreußen, und mischte dafür meinen Argentinier unter die gefundenen. Ich glaube, daß der Oberleutnant es merkte, aber er sagte nichts. Er hatte mich zu seiner Kompanie genommen.

Abends fand sich an einem Kochloch oder unter einem Wagen zusammen, was sich leiden mochte und vertrug. Ich traf von meinen alten Kameraden nur Peters und Gehlsen wieder, die jetzt Wagenführer bei der Stabswache waren. Unter den Neuen war einer aus Brunsbüttel.

Ich saß also fast unter lauter Neuen und hörte ihren Unterhaltungen zu; ich selbst war durch das, was ich erlebt hatte, stiller geworden, und von der Weite, Öde und Hitze des Landes, in dem ich nun schon sechs Monate lebte, langsamer und gleichgültiger, als ich von Natur war. Sie sprachen gern von ihrer frühern Dienstzeit oder von ihrer Heimat, oder von ihrem Beruf. Zuletzt kam dann dieser und jener darauf zu sprechen, warum er sich freiwillig nach Südwest gemeldet hatte. Einige wollten im Heerdienst bleiben und darin rascher weiter kommen. Einige wollten sich von der Kriegslöhnung ein Stück Geld verdienen, um ihren Eltern zu helfen, oder um in ihrem Beruf selbständig zu werden. Viele hatte jugendliche Freude und Begeisterung, germanische Lust an der Fremde und am Krieg, hinausgejagt; einige hatten sich gemeldet, um auf Reichskosten ein Stück der weiten Welt zu sehen. Einige, so schien mir, wollten etwas Besonderes erlebt haben, um nachher ein Leben lang damit prahlen zu können. Einige schwiegen über die Ursache, die sie hinausgetrieben hatte; doch sagten, die ihnen nahestanden, von dem einen, daß er das Unglück gehabt hatte, unschuldigerweise, im Spiel, einen Schulkameraden zu töten, von einem andern, daß er von seiner Liebsten verlassen wäre. Diese beiden saßen oft abseits und waren stille Leute. Aber am meisten sprachen wir über den Feind, über seine Kampfweise, seine Stärke und seine Absichten, und über den entscheidenden Schlag, den wir gegen ihn tun wollten.

Es waren aber unter uns Soldaten auch einige, die früher in Deutschland Offiziere gewesen waren und auf irgendeine Weise ihren Degen verloren hatten. Da sie ihn nur in einem Kriege wiederzubekommen hoffen durften, hatten sie auf den Ausbruch eines Krieges gebrannt, und hatten sich sofort als Freiwillige nach Südwest gemeldet. Nun waren sie schlichte Soldaten. Einer von diesen sprach gleich am ersten Abend viel und mit großen Worten von Pflichtbewußtsein, Selbstzucht, Ehrgefühl und dergleichen, so daß ich dachte: ›Was ist das für ein ehrenfester Mann und wie hat er seinen Degen verlieren können?‹ Aber bald nachher und später im Sandfeld merkte ich, daß er diese Reden für sich selbst hielt, und zwar ganz vergeblich; denn er nörgelte immer und meist ohne Ursache an den Vorgesetzten, vom Unteroffizier bis zum General hinauf, und drückte sich faul vor jeder Arbeit. Ein andrer war ein lieber, immer munterer und hilfreicher Kamerad; wir mochten ihn alle gern und wünschten ihm das Beste. Er war bei Hamakari auch tapfer. Aber er hat sein Ziel doch wohl nicht erreicht, und wenn er es erreicht hat, so nützt es ihm nicht viel; denn wenn seine Stunde gekommen war, vergaß er alle Vorsätze und trank und spielte wie ein Sinnloser. Die andern aber -- ich habe von mehreren gehört -- waren wackere Leute, gute, schlichte Kameraden, stramm und stumm im Dienst, und im Gefecht wie Löwen und mehrere von ihnen sind gefallen; denn nur wenn sie schwer verwundet wurden oder wenn sie zur Auszeichnung vorgeschlagen wurden, gewannen sie den Degen wieder. Da war einer in einer andern Kompanie, der hatte ganz jung geheiratet, erzählten sie, und hatte es bis zum Oberleutnant gebracht. Da war ihm nach zwei Mädchen ein kleiner Junge geboren worden. Er war darüber ganz unsinnig froh geworden; altes, tapfer unterdrücktes Erbübel hatte sein wildes Haupt erhoben; er hatte sich schwer betrunken und war in eine Straßenprügelei verwickelt worden. Da war er weggeschickt worden. Nun war er hier in Südwest. Er saß viel allein, in sich versunken; sie sagten, er schriebe nie an Frau und Kinder; er sprach kein überflüssig Wort. Jeder, Offizier wie Soldat, erwies ihm Rücksicht. Als aber in Okahandja ein Einjähriger mit einem Glas Wein in der Hand auf ihn zugekommen war und gutmütig gesagt hatte: »Auf Ihren Jüngsten!« da war er mit blassem Gesicht und verschüttetem Glas zurückgetreten. So hatte der Unglückliche ihn angesehn. Er war wie ein Gebannter.

Ich bekam hier endlich die Briefe aus der Heimat, die mich lange gesucht hatten. Alle hatten geschrieben. Vater schrieb vom Geschäft; Mutter hatte mit Doktor Bartels gesprochen, wie ich mich am besten vor Typhus schützen sollte; die kleinen Schwestern schrieben von ihren neuen Sonntagskleidern. Ich machte mir, als ich ihre Briefe las, Gedanken darüber, daß ich allein schon groß war und drei so kleine Schwestern hatte. Es war mir bisher nie aufgefallen. Aber als ich mich noch darüber wunderte, sah ich auf und sah von ungefähr, wie eine Patrouille heimkam, ganz verstaubt, mit von Dornen zerrissenen Händen und Gesichtern, auf müden, verwundeten Pferden, zwei schwarze Gefangene an der Leine neben ihnen: da erkannte ich, wo ich war, warf meine Träume in die Ecke, stand auf und sah nach meinem Pferd.

XIII

Weil ich schon länger im Lande war als die andern, bekam ich am fünften Tag nach meiner Ankunft vom Hauptquartier den Auftrag, mit drei Mann eine Meldekarte zu der westlichen Abteilung zu bringen, die als die letzte von Deutschland gekommen und in ihrem Anmarsch noch etwas zurück war.

Ich setzte noch durch, daß der Mecklenburger ein besseres Pferd bekam, und sah auch selbst nach, ob das Sattelzeug in gutem Stand war und ob in jeder Satteltasche der nötige Proviant und die acht Pfund Hafer waren: dann ritten wir nach Westen zu in die helle Nacht hinaus. Der Oberleutnant hatte alles genau mit mir durchgesprochen: Wasserstelle, Wegspur und Richtung nach dem Kreuz, das klar am Himmel stand. Ich sollte möglichst südlich reiten und dann nordwestlich, um zu sehn, wie weit die Feinde nach Süden hinunter säßen. Nach einem Ritt von etwa achtzig Kilometern sollte ich verrichteter oder unverrichteter Sache umkehren.

Wir ritten scharf, eine Viertelstunde Trab, dann fünf Minuten Schritt. Voran ein Berliner, ein heller Junge, Sohn eines Droschkenkutschers, dann ich und ein ganz junger Elsässer, dann, hinter uns, der Mecklenburger. Es war eine kalte, klare, sehr helle Nacht. Mondschein war nicht; aber das wirre Sternenheer funkelte am ganzen Himmel.

Die ersten drei Stunden vergingen ohne ein besonderes Ereignis. Der Berliner und ich lugten scharf ins Dunkle vor uns und zur Seite. Der Elsässer neben mir rückte zuweilen wunderlich im Sattel und gestand mir leise, daß er sich durchgeritten hätte; er hätte aber den Ritt so gern mitmachen wollen. Der Mecklenburger trabte treulich im Sande hinter uns her. Es war so hell, daß ich die Staubluft sah, welche die Pferdehufe hochwarfen. Zwischen dem stumpfen Aufstoßen der Hufe im Sand klang von fern aus dem Buschfeld das lange, klagende Heulen eines Schakals und das scharfe Keckern einer Hyäne, das mich jedesmal, wenn es plötzlich ansetzte, erschreckte. Zuweilen stolperte ein Pferd; mit leisem Fluch riß der Reiter es wieder hoch. Dann und wann stieß ein Huf gegen einen Stein, daß es einen hellen Klang gab. Nach Nordwest zu stand überm Busch hinter fernen, hohen Bäumen ein heller Feuerschein; der Berliner behauptete, er könne riechen, daß es ein Grasbrand wäre. Der Mond ging auf. Ein klares, sanftes Licht lag weich und still weit und breit über dem Busch.

Etwas nach Mitternacht, als wir eine langsam ansteigende Wagenspur hinauftrabten, hob der Berliner die Hand und deutete nach rechts vor uns über eine Lichtung. Nicht fünfhundert Meter von uns entfernt, ganz unten an der Erde, glühten, klein und wie umhegt, mehrere Feuer, wie Katzenaugen im Dunkeln unter Büschen. Da unsere Pferde laut schnoben, was sie in der Nachtkälte oft taten -- und die Nacht war nun bitterkalt -- stiegen wir leise ab und führten sie eine Weile und spähten dabei nach rechts, nach den Feuern. So kamen wir bald an eine Stelle, wo das lange Gras zu beiden Seiten des Weges zertreten war. Da legte ich mich in die Knie und kroch eine Strecke, und sah die Spuren unendlich vieler Kinderfüße, dazwischen die Spuren Erwachsener. Große Kinderscharen, von ihren Müttern geführt, waren hier nach Nordosten zu über den Weg gegangen. Ich stand wieder auf und ging nach einem niedrigen Baum, der da am Wege stand, und kletterte in meinen schweren Stiefeln einige Meter hinauf. Da sah ich, nur hundert Meter von mir entfernt, eine breite, mondbeschienene Anhöhe hinaufsteigend, Hunderte von runden Laubhütten, aus deren niedrigen Eingängen hier und da Feuerschein blitzte, und hörte auch Kinderweinen und das Aufblaffen eines Hundes. Es lagen da Tausende von Frauen und Kindern unter leichtem Laubdach um versunkene Feuer. Und weiter dahinter, auf immer breiter werdender Anhöhe, bis zum Rande des Gebirges, das scharf gegen den blauen Sternhimmel aufragte, standen in Haufen Hütten, wie Klumpen, verschwommen und dunkel. Auch von dorther kam Hundegebell und Viehbrüllen. Ich starrte mit großen, lungernden Augen auf das mächtige nächtliche Bild und merkte mir genau die Lage zum Rand des Gebirges; doch fuhr es mir durch den Kopf: ›Da liegt ein Volk, mit all seinen Kindern und all seinem Hab und Gut, von allen Seiten von wildem, schrecklichem Blei gedrängt und zum Tode verurteilt;‹ und es ging mir kalt über den Rücken.

Wir gingen vorsichtig weiter, erst zu Fuß; dann stiegen wir wieder in den Sattel. Um sechs Uhr, im anbrechenden Morgenlicht, kamen wir an eine Stelle mit hohem, krausem Gras, das die Pferde gern fraßen. Da lockerten wir die Sättel und ließen die Pferde eine Stunde lang grasen, während wir, die Trense in der Hand, dabei standen. Rechts von unserer Wegrichtung erhob sich steil, mit Wucht und Kraft, wie eine Festung, der breite Berg, vor dem das feindliche Volk lagerte. Die Morgensonne beschien warm und hell die Wälder, die auf seinem Rücken lagen, und vertrieb die Nebel, die noch hier und da in den Waldecken hingen. Als wir wieder in den Sattel stiegen, merkte ich, wie steif und müde unsere Pferde waren, besonders das des Mecklenburgers.

Da wir vom Feind nichts sahen, auch keine Spur mehr über den Weg lief, als höchstens die eines einzelnen, glaubte ich, daß wir die Stellungen des Feindes hinter uns hätten. Auch der Berliner meinte es. So ritten wir langsam vier Stunden, in immer größerer Hitze; da trafen wir drei tiefe Wasserlöcher im kalkigen Grund, seitwärts von einem hohen Baum. Der Berliner warf einen Stein hinein und hörte am Klang, daß Wasser in der Tiefe war. Da beredete ich es kurz mit dem Berliner, daß wir hier der Pferde wegen, die am Ende ihrer Kraft waren, eine ordentliche Mittagsrast halten wollten. Wir sattelten also ab, banden die Trensen zusammen, die Futtersäcke daran, ließen den Berliner hinuntersteigen und holten ein wenig schlechtes aber kühles Wasser herauf und tränkten die Pferde. Wir tranken aber selbst nicht von dem Wasser, sondern nahmen das letzte aus unsern Wassersäcken und füllten von dem schlechten Wasser hinein und gingen nach einem hohen Baum, um zu essen. Ich weiß noch, daß mir der Gedanke durch den Kopf fuhr, daß wir in der brennenden Sonne bleiben wollten, weil der Baum mir zu nah am Busch stand; aber ich gönnte ihnen den kühlen Schatten und ich wollte nicht, daß der Berliner, der ziemlich naseweis war, mich heimlich für feige hielte; ich verließ mich auch auf die Lebendigkeit des Berliners, der als erster wachen sollte. Indes wollte ich die Pferdewache übernehmen. Ich erzähle dies so genau, weil ich mir immer wieder Gedanken mache, ob ich etwas versehen habe.