Peter Moors Fahrt nach Südwest: Ein Feldzugsbericht
Part 6
In der dritten Nacht wurden mehrere Ochsen vor dem letzten Krankenwagen schlapp und einer verendete. Da ließen wir auch unsern Wagen halten, um ihnen zu helfen. Ich weiß nicht, wie es kam, daß die andern weiterzogen; sie meinten wohl, die Biwakstelle wäre ganz nah und wir würden gleich nachkommen. Aber wir hatten eine stundenlange Verzögerung. Da hielten wir denn auf dem schmalen Weg im Busch in der finstern Nacht: zehn Kranke mit drei Mann Bedeckung; und die Treiber behaupteten, sie hätten im Busch Feinde gesehen.
Ich kletterte mühsam in den Wagen und sagte den beiden Verwundeten, die noch leidlich bei Sinnen und Kräften waren, wie es um uns stand. Sie richteten sich halb auf und nahmen ihre Gewehre und hielten so mit uns andern Wache, bis wir weiter fahren konnten.
Am vierten Tag erreichten wir auf unserm Rückzug eine gute Wasserstelle. Es war da eine kleine, ganz schlichte Kirche, welche die Mission gebaut hatte, und das halbzerstörte Haus des Missionars; in diesem Gebäude wurden auf der Erde aus Gras und Decken Lager bereitet. Die Gesunden lagerten einige hundert Meter aufwärts an einem Hügel. Da wollten wir nun liegen bleiben, bis die Krankheit unter uns ausgewütet hatte. Zu der Zeit hörten wir, daß der Feldzug vorläufig ganz zum Stillstand gekommen wäre, weil der Aufstand für die kleine deutsche Macht, die zurzeit in der Kolonie vorhanden war, allzumächtig emporgelodert war.
Als wir ungefähr zehn Tage dagelegen hatten, kamen endlich Nahrungsmittel, und für die Kranken Matratzen und auch Stärkungsmittel, nämlich Wein, Bouillon, Eiweiß, Kakao, Quäker Oats, so daß die Kranken nun endlich gebettet und gesättigt wurden, und auch wir satt wurden. Wir blieben aber weiter in den schrecklich dreckigen Kleidern.
Wir lebten in großer Niedergeschlagenheit, wir lauter Kranke und immer einige Sterbende. Ich machte mich nützlich, soviel ich konnte. Matt und mit dumpfem Kopf ging ich von einem zum andern, gab mit meiner gesunden linken Hand dem einen Wasser, dem andern ein Stück Zwieback, und half dem dritten ein wenig in die Höhe, daß er seine Leibesbedürfnisse verrichten konnte.
In diesen jammervoll dumpfen Wochen traten mir besonders zwei Kameraden nahe. Wir hatten uns früher, da wir gesund waren, kaum gekannt. Der eine war ein Thüringer Junge mit kindlich-braunen Augen; er sprach wenig. Mir war schon auf dem Schiff aufgefallen, daß er so still war und so verwundert darein sah. Nachher, wie wir das Land betraten und dann in das Buschfeld eingedrungen waren, waren seine Augen immer banger, sein Mund immer stummer geworden. Er war sonst von kräftigem Körper und ertrug alles gut und klagte nicht, stand auch im Gefecht seinen Mann. Nun wurde er hier im Lager krank. Er kam mit Gewehr und Decke vom Lager her zu uns herab, fröstelnd, mit glanzlosen Augen, und sagte mit schüchternem Scherz: »Nun will ich Rentner bei Euch werden alle meine Tage,« und legte sich hin. Ich sprach nun oft mit ihm, nicht viel mit Worten; denn unser Gaumen war ein ausgedörrter Schlauch und unsere Gedanken hatten Schleppfüße; aber mit Andeutungen und Zeichen. Da wurde mir klar, daß ihm alles, alles, was wir erlebt hatten, seit wir Kiel verlassen hatten, unheimlich und grausig gewesen war. Die unendliche Weite des offenen Meeres, die trotzige, ernste Küste von England, der erhabene Berg von Teneriffa, die fremden Sternbilder, die stechende Sonne, der kahle Strand von Swakopmund, der Anblick unserer Toten, das Sterben der Kameraden: seine Seele war nicht stark genug für alle diese großen und harten Dinge. Er starb an Ruhr und Herzschwäche am siebenten Tag.
Der andere war schon schwerkrank, als wir dies Lager bezogen. Er war in Nürnberg geboren und hatte dort seine Kindheit zugebracht. Fünfzehnjährig war er wegen seines Stiefvaters aus der Heimat gegangen und war seitdem unruhig durch die Welt gewandert. Als Steward war er von Bremen aus nach Südamerika gefahren, war quer hindurch nach Chile gekommen, hatte Samoa gesehen und hatte in San Franzisko Kellner gespielt. Dann war er in die Marine der Vereinigten Staaten eingetreten; doch nicht auf lange. Einige hundert Mark, die er in der Tasche hatte, hatten ihn verleitet, von New Orleans nach Australien zu fahren, um Gold zu graben; er hatte aber wenig oder nichts gefunden. Als Australien gegen die Buren Freiwillige stellte, war auch er hinübergefahren, als Trimmer, aber um den Buren zu helfen. Er war gefangen genommen und hatte auf Ceylon böse Tage erlebt. Von da war er nach Kapstadt zurückgekehrt und war auf die erste Nachricht vom Aufstand in unserer Kolonie als Kriegsfreiwilliger eingetreten. Es gibt, glaube ich, nicht wenige Deutsche, die so unruhig und wirr und gutmütig dumm durch die Welt wandern. Ihr ganzes Leben geht damit hin, wahllos einem ersten Einfall ihres unruhigen, haltlosen Gemütes zum Rechten oder Verkehrten nachzulaufen und nach getanem Lauf ohne Nachdenken oder gar Reue sich auf ein anderes Ziel, das eben gerade in ihr Gesichtsfeld kommt, zu stürzen. Er schalt auf die Engländer, auf die Amerikaner und am meisten auf die Buren; aber ich war überzeugt, daß er zu den Franzosen und Japanern gelaufen wäre, wenn da bei ihnen irgend etwas los gewesen wäre. Es ist schlimm, wenn ein Mensch sein Leben nicht in der Hand behält. Nun lag er ziemlich lange schwerkrank an Typhus, obgleich er so sicher gemeint und geprahlt hatte, daß er ein »Gesalzener« wäre, und phantasierte in einem fort. Als er sich langsam wieder erholte, war er ganz vernünftig und erzählte mir von seinem ganzen Leben; er behielt aber noch eine ganze Woche lang den Wahn, daß ihm beide Beine abgeschossen wären. Ich saß manche Stunde bei ihm und habe aus der Unterhaltung mit ihm viel gelernt. Was nachher mit ihm geworden ist, weiß ich nicht.
Ich blieb immer so stark, daß meine Füße mich tragen konnten. Aber wenn ich vors Lager hinausging, meine Leibesbedürfnisse zu verrichten, was ich oft am Tage tun mußte, und ich mir vornahm, daß ich nicht hinter mich sehn wollte, sah ich doch hin und sah, daß es ganz blutig war. Dann kam ich sehr mutlos zu den andern und saß und brütete vor mich hin und meinte fest, ich müßte wohl auch hier sterben, und fand mich mit trüben Sinnen in dies Schicksal und dachte voll stiller Wehmut an mein Elternhaus. Dem Arzt sagte ich nichts. Es war aber ein Lazarettgast da, den ich fragte. Der sagte: »Du hast vorne im Leib den Typhus und hinten die Ruhr; aber Du hast eine glückliche Natur und machst es so im Gehn durch«; und gab mir Pillen. Ich nahm die Pillen genau wie er mir gesagt hatte; aber ich glaubte weiter an seine Predigt nicht; denn er war halb von Verstand. Da waren viele in diesem Feldzug: Offiziere, Ärzte, Lazarettgäste, Soldaten, die taten noch treu ihre Pflicht wie eine Maschine, die noch eine Weile weiterläuft, wenn der Dampf schon abgestellt ist, und waren inwendig schon krank und voll von wirren Gesichten.
Eines Abends -- ich war schon wochenlang im Typhuslager -- hatte jemand einen Brief bekommen, ich glaube aus Swakopmund, darin stand unter anderm, daß in Deutschland jedermann von dem Krieg zwischen Rußland und Japan spräche, von uns aber spräche kein Mensch, ja man spotte über uns und unsern Jammer als über Leute, die für eine lächerliche und verlorene Sache stritten, und man wolle nichts von uns wissen, weil wir das rasche Siegen nicht verstünden. Ich wollte den Brief erst wegwerfen; dann aber dachte ich, ich wollte ihn Heinrich Hansen zeigen. Der kam aber nicht. Doch kam am andern Tag ein andrer alter Schutztruppler, da zeigte ich dem den Brief; denn mir war aller Mut entfallen. Er las ihn und lachte und sagte: »Was wundert Dich das? Ist es nicht immer so gewesen? ›Wie viele Frauen hat der König von Siam? Was für ein Strumpfband trägt die Königin von Spanien? Welche Antwort hast Du auf die Postkarte bekommen, welche Du dem japanischen Feldherrn geschickt hast?‹ Sieh! Das sind die Dinge, welche die Deutschen interessieren. Du solltest mal hören, wie die Engländer über uns lachen, über uns Redefratzen und Hänse in allen Gassen. Die Engländer fragen bei jeder Sache: ›Was nützt es mir und England?‹« Damit ging er weg.
Ich ging wieder zu den kranken Kameraden, holte meine Decke und setzte mich an die Seite des Eingangs auf die Erde. Es war ein kalter, unfreundlicher Abend. In den Büschen knarrte vertrocknetes Astwerk; Geier flogen seitwärts nach höhern Bäumen, die plump und dunkel übers Buschfeld ragten. Aus dem Raum hinter mir kam lautes, stoßweises Wimmern eines Schwerkranken. Ein Leichtkranker saß vor dem Proviantzelt geduckt auf einer halbzerschlagenen Kiste, stierte vor sich hin und sang mit müder, dösiger Stimme unser altes Lied:
»Doch mein Schicksal will es nimmer, Durch die Welt ich wandern muß. Trautes Heim, dein denk' ich immer, Trautes Heim, dir gilt mein Gruß. Sei gegrüßt in weiter Ferne, Teure Heimat, sei gegrüßt.«
Zwei Kameraden gingen in ihren Mänteln, Spaten auf der Schulter, querüber nach dem Hügel, ein neues Grab zu graben.
XI
In der vierten Woche meines Aufenthalts im Typhuslager hörte ich, daß von Deutschland her frische Truppen angekommen wären, und noch mehr ankommen würden, lauter Husaren, im ganzen viertausend, und daß der Feldzug nun also mit mehr Macht wieder losgehn sollte. Aber mir war es gleichgültig; ich dachte: ›Wärst Du bloß aus diesem Affenlande heraus.‹
Aber in der fünften Woche wich meine Krankheit. Wie aber Gesundheit und Kraft leise wieder kamen, dachte ich, daß es doch nicht schön wäre, so, nach diesen Erlebnissen, nach Hause zurückzukehren. Ich wollte gern bei dem zweiten und bessern Teil des Feldzugs, bei dem »raschen Siegen«, dabei sein.
Es traf sich, daß ein Oberleutnant mit einer kleinen Patrouille von drei Mann von Osten her kam und unterwegs einen Mann verlor und einen andern als Typhuskranken hier liegen lassen mußte. Dem sprang ich vor die Füße und bat ihn, daß er mich mitnähme. Er fragte mich, ob ich reiten könnte. Ich sagte: »Ja,« obgleich ich seit meinen Kindertagen nicht wieder auf einem Pferd, und auf einem Sattel noch niemals gesessen hatte. Er sah mich mißtrauisch an und sagte: »Du fällst mir unterwegs vom Pferd.« »Zu Befehl,« sagte ich, »ich bin stark wie ein Baum,« und sah ihn an. Er war mager wie ein Brett und seine Augen glitzerten unter der Stirn. Er sagte: »Ich habe vier Monate lang ein Hundeleben geführt.« »Zu Befehl,« sagte ich, »ich auch. Und darum möchte ich hier weg.« Da machte er mich beim Hauptmann los.
Bevor der Morgen graute, ging ich zu den Pferden, die schon an unsern Wagen angebunden standen, und sagte dem Unteroffizier, der mitritt und der schon neben den Pferden stand, daß ich noch nicht auf dem Sattel geritten hätte. Er schimpfte erst mächtig und fragte mich, ob ich denn wenigstens wüßte, wo bei einem Pferd vorn oder hinten wäre. Ich dachte: ›Mach' ihn nicht ganz wild‹ und griff nach dem Sattel und trat an das eine Pferd heran, und sah im Geist, wie ich in meinem Leben wohl schon hatte satteln sehn und machte es ja wohl nicht ganz falsch; denn er fing wieder an, gewaltig zu schimpfen und mir zu zeigen, wie es richtig wäre. Dann übte ich ebenso das Auf- und Abkommen und dachte: ›Das wird schon gehn.‹ Am andern Tag erfuhr ich von dem andern Mann, daß auch der Unteroffizier erst vor kurzer Zeit zum erstenmal ein Pferd bestiegen hatte, und mit viel mehr Ach und Krach als ich. Da wunderte ich mich was doch Gott für merkwürdige Kostgänger hat. Darüber habe ich mich überhaupt oft gewundert.
So ritt ich denn an diesem Morgen mit der Patrouille nach Westen, nach Windhuk zu, nachdem ich vier Monate lang im Busch und in der Wildnis gewesen war. Auch meine Begleiter waren so lange draußen gewesen. Ich fürchtete mich sehr vor dem ersten Trab; es ging aber leidlich gut. Mit frohem Herzen und wehem Gesäß, immer eifrig mit dem Kopf nickend, ritt ich dahin. Am andern Tag ging es schon viel besser. Der Oberleutnant, ein langer Rheinländer mit kurzem, schwarzem Vollbart, war ein gemütlicher Mann; er unterhielt sich oft mit mir und schien Gefallen an mir zu finden.
Nachdem wir zwei Tage lang durch öde, menschenleere Gegend geritten waren, näherten wir uns der Stadt. Als wir von fern den ersten Telegraphenpfahl sahen, sagten wir es einer zum andern und besahen das lange, dünne Ding von oben bis unten mit frohen Augen. Als wir uns dem ersten Hause näherten, das nicht dachlos war und nicht ausgebrannte Fensterhöhlen hatte, bewunderten wir es sehr; und als wir im Vorbeireiten bemerkten, daß auf der offnen Veranda ordentliche Möbel standen, ein Tisch und Stühle darum, staunten wir sie an und wandten uns im Sattel bis wir vorüber waren. Mit großen Augen spähten wir in den Garten hinein, den die Schutztruppler in früheren Jahren mit großer Mühe hier angelegt hatten; da waren wahrhaftig Palmen und Weinlauben, von denen wir in Kiel und auf dem Meere geträumt und geredet hatten; und da war ein Teich! O, wenn man da hineinreiten dürfte! Und da, im Schatten einer Veranda, stand eine deutsche Frau; sie hatte ein kleines Kind auf dem Arm. Wie wir hinsahen! Wie wir uns über das helle, saubere Kleid freuten und über das reine, freundliche Gesicht und über das kleine weiße Kind. Wie auf ein Himmelswunder starrten wir auf das, was man in Deutschland alle Tage sehn konnte. Wie die heiligen drei Könige, die auch aus der Wüste kamen und vom Pferd herab Maria mit ihrem Kinde sahen. Sie sah uns hungrige, ganz verlumpte und schmutzige Gesellen mit großen, mitleidigen Augen an und neigte sich freundlich, als wir alle wie auf Befehl die Hand an die Feldmütze legten.
Müde und doch eifrig gingen unsre Pferde den Sandweg zur Feste hinauf. Im Hof, wo etliche Soldaten und einige Weiber der Hottentotten waren, stiegen wir von den Pferden und besorgten sie. Der Oberleutnant ging zum Kommandanten, seine Meldung zu machen.
Ich aber -- als wir die Tiere besorgt hatten -- ging über den Hof und reckte meine Arme zu beiden Seiten von mir -- so ekelte mich vor mir selbst -- und kam in die Kammer und erhielt einen ganz neuen Kordanzug ausgeliefert samt hohen Reiterstiefeln, und schob meinen verlumpten linken Ärmel zurück und legte den Anzug darauf und ging eilig quer hinüber nach der Badeanstalt, riß mir alle Lumpen von den Gliedern, und stieg ins Wasser und wusch und seifte und rieb, bis ich über den ganzen Körper rot war.
Als ich wieder in den Hof kam, in meiner schmucken, reinen Schutztruppenuniform, stand der Oberleutnant da, noch in seinen Lumpen, und sprach mit einem Bürger und erkannte mich nicht. Dann aber lachte er mich an und sagte etwas zu dem Bürger über mich. Da wandte der sich zurück und sagte: »Ich bin der Mann jener Frau, die mit ihrem Kind auf der Veranda stand, als Sie vorüberritten. Sie möchte sich für den freundlichen Gruß bedanken. Wollen Sie heute abend unser Gast sein?« Da freute ich mich so, daß ich rot wurde.
Also ging ich am Abend, nachdem ich noch einmal wieder gebadet und mich noch einmal wieder eingeseift hatte, in die Gegend des Hauses voraus und wartete, bis der Oberleutnant hineingegangen war und ging gleich hinterher. Als ich in die Stube kam und der Mann mir die Hand gab und die Frau mich freundlich ansprach und mir das Kind zeigte und ich dann mit ihnen am Tisch saß, starrte ich stumm auf das weiße Tischtuch und die Teller, und auf Brot und Milch und Zucker und horchte auf die liebliche Stimme der Frau. Ich wäre in dieser Stunde überglücklich gewesen, wenn ich es hätte lassen können, an die vielen kranken und toten Kameraden zu denken.
Als ich mich nach dem Essen verabschiedete und wieder nach der Feste hinaufging, sah ich im Hof einige Kameraden mit den Weibern der Hottentotten reden und lachen, und einer ging an mir vorüber und sagte, daß alle diese Weiber uns zu jeder Zeit zu Willen wären. Da ärgerte ich mich und ging auf die lange Veranda, die nach Westen hin liegt. Dort stand ich lange und sah nach den fernen Bergen, welche die sinkende Sonne vergoldete, und dachte mit heftiger Sehnsucht nach Hause.
Ich lebte nun drei Wochen auf der Feste und kam von der bessern Nahrung, die ich erhielt, und von der Reinlichkeit, die ich nun hatte, mehr und mehr zu Kräften. Ich schrieb drei Tage lang an einem ausführlichen Brief nach Hause, und ging oft in das Haus des Kaufmanns, spielte mit seinem Kind und redete mit den Eltern.
Da der Feldzug zu dieser Zeit noch ganz und gar stockte, waren die Feinde sehr frech. Ihre reitenden Patrouillen kamen von Norden herunter und belästigten und überfielen Proviantkolonnen, Patrouillen und Viehwachen. Sie wagten sich sogar bis dicht an die Hauptstadt, trieben Vieh weg und erschossen mehrere der Unsrigen. Ich saß oft mit andern zu Pferde, um sie zu erspähen; aber wir kamen selten einmal zum Schuß.
Ich hatte auch viele Unterhaltung mit Kameraden, die beim Kommando waren, oder die krankheitshalber, wie ich, in Windhuk waren, oder die ab- und zugingen, und mit den Buren, welche der Gouverneur als Frachtfahrer angenommen hatte, und mit den Farmern, die aus dem Buschfeld hierher geflohen waren. Es gingen unter allen diesen verschiedenen und von allen Seiten zusammengekommenen, ab- und zugehenden Menschen die wildesten Gerüchte hin und her. Denn wie überhaupt zu Kriegszeiten verworrene Gerüchte immer neu aufsteigen und von den erregten Gemütern geglaubt und weitergetragen werden, so ist besonders Südafrika, vom Kongo bis zum Kap, wegen seines erst werdenden und unruhig und rasch sich entwickelnden politischen Daseins, wegen der vielen gegeneinander streitenden Interessen der Rassen und der Unternehmungen, und wegen der ungeheuren Entfernungen und unzähligen faulen Stunden, welche das Trekken mit Ochsen mit sich bringt, von einem ungeheuren Klatsch übersponnen. Man mag sagen, daß es in Südafrika hergeht wie in einem großen Neubau, in dessen sämtlichen Räumen die Handwerker klopfen, hämmern und reden. Es hallt hell und laut durch die großen, leeren Räume.
Aber gerade nach solchen Unterhaltungen ging ich gern allein auf die Veranda und sah nach Westen ins weite Land hinaus und sah die Sonne versinken. Und wie sie sank, sah ich alsbald oben vom Himmel herunter leichte, weite Wolken fallen, die waren ausgebreitet wie ein Gewand. Und ich sah das Gewand langsam vor der Sonne niedersinken bis zur Erde, und sah, wie die vergehende Sonne alle wunderbaren Farben darauf malte, die es gibt. In zarten Streifen glitten sie nebeneinander zur Erde herab. Seitwärts aber, nach Süden zu, glänzte ein mächtiges Gebirge von nacktem Stein; es glänzte wie Metall; da aber, wo das scheidende Licht nicht mehr hinkam, drohte es hart und finster. Ich stand und sah es immer mit neuem Wundern, bis das ganze schöne Bild verblich und rasch die Nacht kam und die Sterne. Und die Sterne waren auch schön. Wie wunderbar heiß glühten sie am tiefschwarzen Himmel! Aber ich dachte bei aller Pracht des Tages und der Nacht: ›Ach, Afrika! Wär' ich zu Hause!‹
XII
Am Anfang der vierten Woche merkte ich, daß ich meine volle Gesundheit wieder hatte; da ekelte mich das faule Leben. Gerade in dieser Woche rüstete sich der Oberleutnant, nach Norden zur Front zu gehn. Da sagte ich ihm, was ich auf dem Herzen hatte: daß ich den neuen Feldzug gern mitmachen und mit ihm hinaufziehn möchte. Er fuhr nach seiner Gewohnheit auf und schalt mich: »Was? Was willst Du mit mir laufen? Wo sind denn die andern?« Ich sagte: »Ein Drittel von uns ist tot; das zweite Drittel ist krank und verwundet; das dritte ist hier und da zerstreut auf Etappe.« Er sah mich in Gedanken an und sagte: »Ihr armen Kerle! Ihr wart so schmuck und so protzig, als Ihr ankamt, und habt nichts erlebt als Not und Tod. Bist noch nicht satt davon? ... Nun, komm' mit! Ich bring' Dich wohl unter.« Da freute ich mich sehr und besorgte mir allerlei Kleinigkeiten. Am dritten Tag reisten wir ab.
Wir kamen nach einer eintägigen Bahnfahrt, nach der Küste zu, auf der großen Bahnstation an, wo alle Bedürfnisse des neuen Feldzugs, die von der Küste her kamen, aufgestapelt wurden: Pferde von Argentinien, Ochsen und Wagen von Kapstadt, Pferde, Munition, Bekleidung, Konserven, Lazarette von Deutschland. Als ich vor fünf Monaten von der Küste her durch diesen Ort gekommen war, hatte er aus fünf oder sechs Wellblechhäusern bestanden; jetzt war er ein Heerlager. Im Bahnhofsgebäude, wo die Kommandantur und die Post war, liefen Offiziere und Ordonnanzen und Depeschenboten, die meist noch nicht im Buschfeld gewesen, alle noch ziemlich sauber, aus und ein. Ein Haufe von jungen Offizieren und Mannschaften war dabei, Pferde und Maultiere, die eben erst von Argentinien angekommen waren, zuzureiten oder ans Geschirr zu gewöhnen. Ich habe niemals in meinem Leben einen Menschen so wettern und schelten hören, wie einen Leutnant, der mit zwanzig Mann, alle in Hemdsärmeln, mit langen Stricken in den Händen, zwischen einem Haufen von Maultieren arbeitete, die fast so aufgeregt waren wie die Hemdsärmligen. Batterien standen in Reih und Glied: es wurde an ihnen geputzt, geübt, gespannt. Vor einigen langen Zelten, in denen ungeheure Mengen Lebensmittel aufgestapelt waren, hielten mächtige Kapwagen und bekamen ihre Lasten. Schwarze Treiber kamen wild schreiend mit den langhörnigen Ochsen von der fernen Weide und schirrten sie an, zwölf Paar vor jeden Wagen. Der Bur, der Besitzer von Wagen, Ochsen und Treibern, setzte sich auf die grellbemalte Kiste, die vorn im Wagen stand oder nahm selbst die lange Peitsche. Die Begleitmannschaften traten an. Dann ging es mit lautem Hott und Hü, in großer Staubwolke, nach Norden aus dem Lager. Von der großen Stellmacherei und Schmiede her klopfte und klang es bis in die Nacht hinein. Von den Kantinen her kam lautes Lachen und Reden.
Von der Front, von Norden her, kamen täglich Leerkolonnen; sie brachten meist einige Kranke von daher mit. Als ich an einen Wagen, der gerade ankam, herantrat, war der Arzt schon hineingestiegen und redete einen Kranken an. »Na, mein Junge, wie geht's denn? Na ... nun antworte doch! Du kannst doch sagen, wie es geht?« Da wandte er sich zu dem, der daneben lag: »Nu, warum sagt er denn nichts?« Der raffte sich aus seiner Wirrnis auf und sagte auf plattdeutsch: »Hee's dood.« Der Arzt drehte sich um und fragte die Bedeckung: »Warum habt Ihr ihn nicht unterwegs begraben?« Sie sagten: »Wir mochten ihn da nicht allein liegen lassen; wir hatten auch keine Zeit, ihn ordentlich zu begraben; die Schakale hätten ihn wieder ausgebuddelt.« Die Lebendigen lagen neben dem Toten, meist besinnungslos, oder doch halb von Sinnen, auf dem harten Wagenbrett, in Stiefeln und Uniform, das Gewehr und den Schlapphut neben sich, mit tiefen und blauen Augenhöhlen, Lippe und Zunge vertrocknet. So waren sie acht Tage unterwegs gewesen.
Das Lazarett war eine lange Wellblechbaracke. Ich hörte, daß ein Bekannter aus Itzehoe dort läge, und ging hinein, ihn zu besuchen. Die Typhuskranken lagen, jeder unter einem rund gespannten Moskitonetz, wie ein kleines Kind in seinem Wagen, Reih an Reih, dicht an dicht. Einige lagen stumm mit geschlossenen Augen, blaß und eingefallen; andre ermunterten mit klarer Stimme ihr Pferd, oder sahen Feuerschein oder riefen Kommandoworte, jeder in der Mundart seines Stammes, plattdeutsch oder sächsisch oder bayrisch; andre waren in der Genesung, lagen bleich, und verfolgten mich mit ihren Augen; einer nickte mir zu. Der Itzehoer war ohne Besinnung. Als ich wieder hinausging, atmete ich hoch auf und war lange bedrückt. Es war da eine Fahne am Lazarett, die zog der wachthabende Unteroffizier jeden Morgen hoch; aber es half ihm nichts: an jedem Vormittag trat ein Lazarettgast an ihn heran und machte ihm eine kurze Meldung; dann sank die Fahne.
Am vierten Tag zogen wir mit einer Proviantkolonne von sechs Kapwagen, mit Buren, Treibern und Ochsen ab, die der Oberleutnant führte. Als Bedeckung begleiteten zehn Mann den Zug, alle beritten. Ich hatte die Verantwortung für drei Wagen und ritt einen dunkelbraunen Argentinier, der zwar mager war, aber gut bei Kräften.