Peter Moors Fahrt nach Südwest: Ein Feldzugsbericht

Part 5

Chapter 53,952 wordsPublic domain

Wir waren alle unmutig; viele waren müde und stumpf. Als wir aber nach einigen Stunden an einen großen, schönen Wald kamen, dessen Bäume wie deutsche Eichen aussahen, wurden wir sehr an die Heimat erinnert, und wurden, während wir hindurchzogen, ein wenig lebhaft und munter. Wir kamen dann durch das sandige, trockene Bett eines Flusses, das einen Meter tiefer lag, als seine Ufer. Dann ging es wieder durch ziemlich enge Buschwege.

Als wir an diesem Abend lagerten, sahen wir endlich nach Südwesten zu Signale. Sie leuchteten in weißen und roten Raketen fünf- oder sechsmal auf und erregten und ermunterten uns. Wir dachten, daß es Signale der Hauptabteilung wären und daß wir nun doch noch wieder und auf den Feind losgehen würden. Später, nach Wochen, erfuhren wir, daß der Feind es war, der einige Raketen, die er bei unsern Toten gefunden hatte, spielenderweise abgeschossen hatte.

Wir waren an diesem Abend stiller als sonst. Es war Osterabend.

An diesem Abend vermachte mir Behrens für den Fall, daß er fiele, seine Pistole, die er sich von Kiel mitgenommen hatte, und ich vermachte ihm dafür meine Uhr mit Kette, die ich mir als vierzehnjähriger Junge mit freiwilligem Helfen in der Werkstatt verdient hatte. Der Einjährige Otto Hargens aus Ditmarschen, der an diesem Abend Unteroffizier wurde, ein munterer Junge, war Zeuge.

Am andern Morgen, als es noch dunkel war, machten wir mitten im Lager von trockenem Dornbusch ein schönes Osterfeuer und standen darum und sahen hinein und waren doch froh, daß wir das Leben noch hatten, obwohl es ein so schmutziges und freudloses und mühseliges war, und dachten an die Heimat, wie Mutter nun die Sonntagskleider ausgab, und die Stube so blank war, und der Morgenkaffee so festlich, und die Kirchenglocken über die Häuser hinriefen.

Um diese Stunde, im Morgengrauen, zog ein großer Haufe der Feinde wirklich nach Osten zu; aber nicht, um in die Wüste hinein durchzubrechen, sondern um an einer besonders buschigen Stelle des Weges, die wir heute passieren würden, auf uns zu lauern.

Gegen sechs Uhr, als die Ostersonne hell und klar heruntergekommen war, brachen wir auf. Wir zogen aber so: Voran die kleine Reiterschar, die wir noch hatten, auf abgemagerten, verwundeten und zottigen Pferden; dann marschierte eine Kompanie. Dann kamen unsere Kanonen. Dann kam wieder eine Kompanie. Dann kamen unsere fünfzig Wagen mit je vierundzwanzig Ochsen bespannt. Dann kam meine Kompanie. Ich ging im ersten Zug. Hinter unserm Zug marschierte, als die letzten der ganzen Kolonne, in einem Abstand von ungefähr dreihundert Meter, ein halber Zug. Die ganze Marschkolonne war fünf Kilometer lang. Man konnte in dem dichten, schmalen, staubigen Weg, der sich in Biegungen durch den dichten Busch wand, immer nur einen kleinen Teil davon sehen. Man hörte nur aus dem Peitschenknallen und dem Schreien der schwarzen Treiber: Wörk! wörk! Osse! wie der Zug weiter ging.

Ich ging so in Heimatgedanken vor mich hin, ging durch unser ganzes Haus, und ging vor die Tür, und sah die Straße entlang, wo die Leute zur Kirche gingen, und kehrte mich um und ging in die Küche, wo Mutter die Schwestern besah, ob sie ordentlich waren zum Kirchgang. Wie war da alles friedlich und rein und schön. Und ich zog hier in fremdem Land, fern von der Heimat, mitten unter wilden, heidnischen Feinden, müde, hungrig und in schmutzigen Lumpen. So sann ich. Ich glaube, ich hörte die Osterglocken, wie sie mit schwerfälligen Stößen über die Stadt wankten.

Da fielen nicht weit hinter mir zwei Schüsse. Ich wachte auf; aber ich dachte gleich, es wäre ein Offizier, der in den Busch gegangen und auf ein Stück Wild zum Schuß gekommen war.

Wir zogen weiter. Aber im nächsten Augenblick, während nun hinter uns Schuß auf Schuß fiel und wir uns umdrehten, das Gewehr schon zur Hand, kam ein Mann atemlos, lief an uns vorüber nach vorn und rief: »Die Nachspitze hat Feuer.« Im nächsten Augenblick riefen schon die Offiziere, in die Büsche vorzudringen. Ich lief schon mit Gehlsen und Behrens in den Busch, und dann, in der Richtung des Weges, den wir gekommen waren, auf die Schüsse zu. Ich drang ein wenig so vor. Da sah ich vor mir, zwischen den Büschen, zwei Rauchwolken aufsteigen, riß das Gewehr an die Backe und schoß im Stehen. Im selben Augenblick sah ich zur Seite etwas schwer nach vorn fallen, wie ein Pfahl umfällt. Als ich meinen Schuß getan, sah ich Behrens da in Krämpfen liegen. Ich sprang mit andern, die nachkamen, schräg nach vorn hinter den nächsten Busch, warf mich ins Knie und gab ein heftiges Schnellfeuer nach dem Rauch hin ab und nach etwas, was unruhig und dunkel hinter dem Buschwerk huschte. Ich weiß nicht, wie viel Schüsse. Da fiel mein anderer Kamerad, der neben mir kniete. Im Fall entfiel ihm das Gewehr; er stöhnte und jammerte laut auf. Ich warf mich ganz hin und schoß schnell weiter, um meine Kameraden aufmerksam zu machen, wo ich in großer Bedrängnis läge. So war es abgemacht worden. Die sprangen auch heran und warfen sich hier und da hin und schossen wie ich, gegen Feinde, von denen wir nichts sahen, als hier und da zwischen Büschen ein Wölkchen Rauch. Wir lagen wie Bäume. Dicht neben mir lag ein Unteroffizier, dem der linke Arm schwer blutete. Er hatte das Gewehr auf einen dürren Ast gelegt und feuerte in kurzen, ruhigen Abständen. Die Kugeln kamen von vorn und von beiden Seiten. Nun sah ich auch etwas Fremdes herankommen. In Klumpen lag und kniete und schlich es zwischen den Büschen. Ich sah keinen einzelnen; nur eine Masse. Es kam ganz nah. Die Kugeln splitterten um mich im Buschwerk. Ich schrie so laut ich konnte: »Hierher! Hier!«

Ich glaube fast, daß wir an unserer Stelle uns so gehalten hätten, bis Verstärkung gekommen wäre. Aber da kam der Ruf des Hauptmanns: »Sprungweise rückwärts.« Ich sprang mit vier Nebenleuten auf und lief um ein oder zwei Büsche zurück und warf mich wieder hin. Drei kamen wir an; einer wurde im Sprung getroffen und stolperte und fiel hin. Er versuchte leise jammernd nachzukriechen, konnte es aber nicht. Ich lag und schoß über ihn weg und rückte ein wenig zur Seite, weil er im Schmerz beide Arme hob. Wieder sprangen wir auf, und wieder im Lauf griff mein Nebenmann nach seiner Brust, ließ sein Gewehr fallen, lehnte sich ein wenig seitwärts nach einem Busch und sagte, mit einem Blick auf mich, noch im Stehen: »Gib meinem Bruder das Buch,« und fiel schwer hin und rührte sich nicht mehr. Ich konnte nach dem Buch nicht suchen; denn in diesem Augenblick sah ich, mich zum Schießen umwendend, hier und da zwischen den graugrünen Büschen fremde Menschen in Korduniform wie Schlangen aus dem Gras sich heben, sah um mich und sah, daß ich allein war. Da sprang ich wieder auf und lief drei, vier Sätze zu meinen Kameraden zurück, anderen, die nun gebückt vorgingen, wandte mich wieder um und kniete wieder unter ihnen und schoß; und sah nicht weit von mir eine schwarze, halbnackte Gestalt, wie einen Affen, mit Händen und Füßen, das Gewehr im Maul, auf einen Baum klettern, und zielte nach ihm, und schrie auf vor Freude, als er am Stamm herunterfiel.

Als ich dann wieder schießen wollte und den Zeigefinger krümmte, war die Hand plötzlich machtlos. Ich kam in rasenden Zorn und sah in Wut auf sie. Da sah ich Blut aus dem zerlumpten Ärmel laufen und fühlte auch, daß der Arm vom Ellbogen herunter naß war. Im Halbkreis um mich hörte ich ein dumpfes, wildes Schreien und Rufen der Feinde. Es war niemand mehr bei mir. Da dachte ich plötzlich an das Wort, das mein Vater so oft zu mir gesagt hatte: »Wenn Du Deine Nase in ein Ding steckst, vergißt Du darüber alle andern Dinge.« Ich kroch eilig auf allen vieren zurück, sprang auf und lief geduckt weiter. Da lief noch einer neben mir, ganz auf der Seite hängend, mit blutigem Leib. Ich griff im Laufen unter seinen Arm; aber er fiel stöhnend in die Knie und krümmte sich im Knien. Da nahm ich sein Gewehr, damit es den Feinden nicht in die Hände fiele. Mein eigenes hatte ich über die Schulter geworfen. Und lief so weiter und kam durch vordringende Kameraden hindurch auf eine Lichtung.

Da sah ich den Alten dastehen, straff und ruhig wie sonst, mitten auf dem Platz; um ihn einige Offiziere und Mannschaften. Von drüben aus dem Weg brachen Sektionen hervor, breiteten sich nach seiner Handweisung über die Lichtung rund um ihn aus, warfen sich hin und schossen gegen den Feind. Hinter den Laufenden kamen die Kanonen herangejagt und warfen sich auf seinen Wink dicht vor ihm herum und schossen über die vor ihm liegenden Kompanien weg gegen den Feind. An einer Revolverkanone entfielen mir beide Gewehre und meine Knie vergaßen die Kraft und ich sank zusammen. Ich sah verzweifelt auf meinen blutigen Arm. Im Kauern langte ich nach dem Verbandpäckchen, das ich im Rockschoß hatte, und bekam es auch zu fassen; als ich es aber umbinden wollte, stand das Blut nicht. Da half mir ein Matrose. Einige Verwundete lagen und knieten schon da; andere kamen mit schmerzvollen Gesichtern angekrochen und legten sich hinter die Kanonen, die mit Macht feuerten.

Bald darauf, als Munitionswagen und Lazarettkarren herangaloppiert kamen, stand ich auf und versuchte eine Munitionskiste heranzuschleppen, die sie mit Äxten aufschlugen. Ich konnte auch eine Weile mithelfen; ich weiß nicht wie lange. Aber plötzlich lösten sich wieder die mit Gewalt gefestigten Knie. Da schlich ich mich wieder zu den andern und saß bei ihnen und hielt mit der linken Hand das Blut auf und hob zuweilen die Augen und wenn ich sie hob, sah ich nach dem Alten, der mit seinen Augen die ganze Lichtung absuchte.

So lagen und standen sie im Halbkreis um uns Verwundete und um die ausgeladenen Kranken, die teilnahmlos mit geröteten Gesichtern unter ihren Decken lagen, und feuerten heftig gegen die herandrängenden Feinde. Sie kamen so nah, daß ich sie sah. Sie trugen meist die Uniform unserer Schutztruppe, andere hatten europäische Sommeranzüge, einige waren halbnackt. Ihre Glieder erschienen merkwürdig lang, ihre Bewegungen waren merkwürdig glatt und gewunden. So schlichen, glitten und sprangen sie durch die Büsche an uns heran. Zwei- oder dreimal schossen die Artilleristen mit Schrapnells; es rauschte wie ein Sturzbach durch die Luft; dann prasselte und knatterte es und sie wichen wieder. So lagen und standen die Unsern zwei Stunden lang um uns und hielten den wilden Ansturm aus, und konnten keinen Schritt vorwärtsdringen.

Dann aber drangen sie langsam in dem Busch vor und stießen den Feind zurück und drangen bis zu der Stelle, wo wir, die Nachspitze, gekämpft hatten, und hofften wohl, sie würden einige noch lebend finden. Aber sie waren alle tot und nackend. Sie brachten sie heran und legten sie in großem Halbkreis unter einen Baum. Ich und andere gingen heran; ich wollte meine beiden liebsten Kameraden noch einmal sehn. Aber wir wurden zurückgedrängt, daß wir den Jammer nicht sähen. Einige Kameraden gruben schon ein Grab; andere verschanzten das Lager. Denn wir wollten die Nacht hierbleiben.

Gegen Abend, als die Sonne unterging, wurden die Toten in das Grab gelegt. Zwanzig Mann schossen über ihrem offenen Grab; der Alte sprach von Vaterland und Gott, und von Tod und Osterglauben. Ich saß wund und halb von Sinnen bei den Verwundeten, von denen einige, ans Wagenrad gelehnt, leise redeten, andere mühselig seufzten, andere vor Ermattung oder Ohnmacht schliefen, einer oder zwei sterbend röchelten. Gehlsen, der auch einen Fleischschuß im Arm hatte, saß neben mir. Sie brachten uns ein wenig Reis und einen Kochgeschirrdeckel voll Wasser; das ist ungefähr ein halber Liter. Ich hätte gern drei Liter getrunken; es war aber weit und breit kein Wasser. Ich fühlte mich sehr verlassen und hatte heißes Heimweh.

Es war gut, daß Hansen und Wilkens kamen und mich unterm Arm nahmen und zu ihren Genossen, den alten Afrikanern brachten und mir heimlich noch etwas Wasser und noch ein Stück trockenen Pfannkuchen gaben und eine Decke. Sie waren immer etwas besser versehn, als wir. So saß ich und hörte mit düstern Sinnen, was sie redeten. Sie sagten, daß das Gefecht ein kleiner Erfolg gewesen war, da der Feind geflohen wäre; aber der Erfolg wäre doch wohl zu teuer bezahlt. Sie sagten auch, sie hätten dem Feind eine so große Tapferkeit nicht zugetraut und hielten für wahrscheinlich, daß er morgen wieder käme. Ich hörte auch noch, daß sie über unsere Kranken redeten und sagten, bei solch elender Nahrung und bei dem verdorbenen Wasser würden noch viel mehr krank werden. Ich wunderte mich im Halbschlaf, daß sie so viel Wesens von unsern Kranken machten und nicht viel mehr von den zweiunddreißig redeten, die unter dem großen Baum in der Erde lagen, und von deren Eltern und Geschwistern. Ich war müder und müder geworden und hatte mich in die Decke gewickelt und den brennenden Arm auf die Hüfte gelegt und hörte nur dann und wann ein Wort, bis alles um mich still schien. Da fing es wieder an durch die Büsche herzukommen. Im unruhigen Schlaf hörte ich wieder Schüsse und sah Schwarze rund umher, und sah sie auf die Bäume steigen, das Gewehr quer im Maul. Die alten Afrikaner standen rund um mich und trafen mit jedem Schuß. Aber es waren zu viel Feinde, und einer kam und faßte mich am Arm, und wollte mir die schützende Decke wegziehen. Da stöhnte ich sehr und erwachte halb, halb schlief ich noch, und hörte, wie Heinrich Hansen sagte: »Laß ihn da liegen: Ich brauche keine Decke, ich habe eine Haut von Speck und Dreck.«

Am andern Morgen bekamen wir ein bißchen Reis und ein wenig Wasser. Dann wurden die Kranken und Verwundeten auf die Wagen geladen; zwei von ihnen waren ohne Besinnung.

Ich setzte mich auf die Kiste vorn im Wagen, den Arm, in dem es stach und brannte, in der Binde. Hinter mir lagen in dem langen Kapwagen in zwei Reihen vier Verwundete und zwei Kranke. Der Schwarze neben den Ochsen hob seine langen, magern Arme zum ersten langen Peitschenschwung und schrie die Tiere an. Dann stieß das Wagenrad gegen den ersten Stein, der in der Spur lag, und fiel herunter, schwer aufstoßend; hinter mir stöhnte es mühsam. Ich stützte den gesunden Arm aufs Knie. So ging es vorwärts in langem, langem Zug, Wagen hinter Wagen, dazwischen eingestreut Kanonen und marschierende Kameraden. Als wir an dem großen Grab unterm Baum vorüber fuhren, sah jeder noch einmal mit einem langen Blick hinüber. Die es vergessen hatten, drehten den Kopf zurück. Ich dachte, als ich vorüber fuhr: ›Wenn Gott mich nach der Heimat zurückführt und mir langes Leben und Gesundheit gibt, will ich noch einmal davor stehn und überdenken, ob ich dann in meinen eignen Augen wert bin, daß ich einst aus diesem Feuerloch lebend heraus kam.‹ Dann lagen sie einsam.

Der eine, der einen Schuß in den Leib hatte, quälte sich langsam und mühselig dem Tode zu. Am Morgen sprach er noch mit leiser Stimme kurze Worte, am Mittag nahm er noch ein wenig von dem dreckigen Wasser; bald darauf röchelte er schwer und war ohne Besinnung. Gegen Abend lag er mit offenem Munde und gebrochenen Augen; ich merkte aber an dem Heben und Senken der schmutzigen Wolldecke, daß er immer noch lebte. Einer von unseren Einjährigen, der Arzt war, kam bei jeder Rast und sah in den Wagen, und ich sah das helle Mitleid in seinen Augen. Er war nicht viel älter als ich; es war ihm aber im Busch ein langer, starker Bart gewachsen.

Als ich gegen Abend aus einem Halbschlaf erwachte, saß einer vom ersten Zug, ein Rheinländer, neben mir auf der Kiste. Er klagte über Schwäche in den Füßen und Knien, fühlte sich bald heiß, dann wieder kalt. Er sah mich aus tiefen, trockenen Augen wunderlich wirr an; aus seiner Stirn traten große Schweißtropfen hervor. Der Einjährige kam, fühlte nach seinem Puls, sah ihn mißtrauisch an und sagte so vor sich hin: »Das ist der Zwölfte in sieben Tagen,« und ging wieder davon.

Gegen Abend erreichten wir unser altes Lager. Da wollten wir nun bleiben, auf der Lauer liegen und auf Nachricht warten.

IX

Ich konnte an diesem Abend vor Fieber nicht schlafen. Ich lag mit offenen Augen neben dem Lazarettzelt und sah zu, wie sie sich um die Verwundeten und um die Kranken mühten. Sie nahmen eine Zeltbahn und schlugen sie einmal zusammen und knüpften die offenen Seiten zu und stopften in diese so entstandenen Säcke das lange, dürre Gras und legten den Leidenden darauf und taten ihm Gutes so viel sie konnten. Gegen Morgen kam ein neuer Kranker; er kam mit schleppenden Füßen und halbgeschlossenen Augen, blaß wie der Tod. Am Vormittag kamen wieder zwei.

Nun lagen da schon neben siebzehn Verwundeten vierzehn Kranke. Die Kranken lagen teilnahmlos da, wie von einem Schlag vor den Kopf betäubt. Wenn man sie fragte, sagten sie, sie fühlten keinen Schmerz, sie wären aber so matt und so heiß.

In den folgenden drei Tagen wurden weitere zwölf krank. So ging es Tag für Tag.

Da sagten sie es offen, daß es Typhus wäre. Er war durch die geringe und schlechte Nahrung und durch das verdorbene Wasser und den Schmutz und das Frieren in den dünnen, verlumpten Kleidern gekommen.

Wenn wir am Morgen an möglichst großem Feuer, damit wir uns nach der kalten Nacht wärmten, unsern Kaffee oder unsere Mehlsuppe gebraut hatten, traten die Kameraden an und übten Griffe, als wenn sie in Kiel auf dem Kasernenhof wären. Dann schwärmten sie zugweise aus in den Busch, krochen, schlichen, duckten sich, warfen sich hin und lagen im Anschlag, zielten gegen die Sonne und mit der Sonne, sprangen auf und stürmten mit Hurra. Aber die alten Afrikaner höhnten und sagten, sie schrien nicht »Hurra«, sondern »Hunger«.

Um zwölf kam von den Wagen her die Stimme des Feldwebels: »Proviant empfangen.« Die Vertrauensmänner rannten hin und kamen mit ein wenig Mehl in der Zeltbahn und Reis und Salz und ungebranntem Kaffee wieder. Und dann begann in jeder Backschaft das Feuern und Rühren, Reden und Raten, Löffeln und Essen. Ich konnte nichts weiter tun als ein wenig Wassertragen.

Um drei begann wieder der Dienst. Korporalschaftsweise saßen sie in den Schützengräben und reinigten ihre Gewehre. Ich saß bei ihnen. Die Unterhaltung ging langsam und träge. Ein trauriges Lied wurde angestimmt: Zu Straßburg auf der Schanz', oder: Steh' ich in finstrer Mitternacht. Aber es klang stumpf und verstummte bald.

Abends dunkelte es rasch. Wir saßen im Windschutz der aufgestellten Zeltbahn, redeten von diesem und jenem und sangen ein Lied. Vom Zelt des Alten her kam eine helle Stimme, ein Scheltwort oder ein Lachen. Aus der dunklen Öffnung des langen Lazarettzeltes blinkte das irrende Licht des Wärters, der von einem zum andern ging. Hier und da glimmte noch aus einem Feuerloch ein Schein empor. Unter einem Baum saßen die schwarzen Ochsentreiber und sangen leise und mehrstimmig einen Choral, den die Missionare ihnen beigebracht hatten. Der Offizier vom Dienst kommt von den Unteroffiziersposten, die rund ums Lager stehen, ruft den Schwarzen kurz zu, den Mund zu halten: »~Will jelle slap?!~« und geht in sein Zelt.

So verging ein Tag nach dem andern. Wunderliche Gerüchte gingen immer wieder neu durchs Lager: tausend Reiter wären von Deutschland her unterwegs, uns zu helfen; der Gouverneur hätte die Schwarzen in einer zweitägigen Schlacht geschlagen; es wären unzählige Schwarze getötet und auf Scheiterhaufen verbrannt worden.

Wohl fünfzigmal kam immer wieder von neuem das Gerede: wir sollten abgelöst werden und nach Hause. Davon sprachen wir am liebsten. Nach Hause! Was werden sie zu Hause sagen, wenn wir wiederkommen! Was werden sie für frohe Gesichter machen! Was werden wir alles zu erzählen haben! Wenn die ausgesandte kleine Patrouille von fünf, sechs Mann auf ihren mageren und müden Pferden heimkam, wußte man bald an jedem Kochloch, was sie ausgekundschaftet hatte, und man stellte große Behauptungen auf. Jeder war ein Generalstäbler und weiser als alle andern. Und dann, wenn wir den Feind so oder so geschlagen haben; dann geht es nach Haus! O, nach Haus! Wir wollten alle, alle nach Haus.

Die drückende Hitze des Tags und die schneidende Kälte der Nacht, die jämmerliche Nahrung, das erbärmliche Wasser machten immer mehr Kameraden schlaff, träge und gleichgültig. Wir bekamen alle eine andere Sprache; ohne Leben, ohne Schwung; wie schlaftrunken redeten wir. Einige wenige blieben munter. Heinrich Gehlsen kam oft zu mir, mich zu ermuntern. Er war trotz seiner Armwunde immer tätig, hatte an allem, was er Neues sah, Interesse: an dem Vogel in der Luft, an der Wolke am Himmel, an der Sprache der schwarzen Treiber, an dem Fieber der Kranken. Heinrich Hansen, der alte Schutztruppler, winkte mir zuweilen heimlich und steckte mir im Schutz des Proviantwagens einen Lappen kalten Pfannkuchen in die Hand. Der durchgeschossene Arm schmerzte und fieberte; dazu hatte ich im Leib ein widerlich drückendes Gefühl. Ich war so matt, daß mir zuweilen am hellen Tage, wenn ich so am Feuerloch saß und das Leben um mich besah, die Augen zufielen und das Kinn auf die Brust sank und ich langsam zur Seite fiel und schlief.

Der Gesang im Lager wurde immer, immer weniger, die Unterhaltung immer mühsamer. Wir wurden immer hungriger, schmutziger, kranker. Gleichmütig und still sahen wir an jedem Abend einen oder zwei von uns in ihre abgerissenen, schmutzigen Lumpen und in ihre grauen Wolldecken gewickelt unten in der fremden, grauen Erde liegen, schwer und müde hoben die Befohlenen die Arme in die Luft zum Feuern, den Toten zur Ehre; müde und stumpfsinnig schaufelten sie Erde auf sie und legten Dornen darauf. Nachts erwachte ich von den müden, wirren Reden der Kranken und von dem Heulen der Schakale, welche die Gräber witterten.

Als wir vierzehn Tage so gelegen hatten, war es so weit, daß jeder vierte Mann krank war. In zwei langen Reihen lagen sie auf der nackten Erde in voller Uniform, eine Zeltbahn über sich gegen den Sonnenbrand. Sie mußten da in ihrer schweren Krankheit liegen, nicht allein ohne irgendwelche Medizin, sondern auch ohne Stärkung. Wir hatten nicht einmal Milch und Eier. Wir hatten nicht einmal ein Stück trockenes Brot. Wir hatten nicht einmal ein bißchen Reinlichkeit.

Der Alte stellte sich, als wenn er immer guten Mut hätte, und tat alles für uns, was er erdenken konnte. Mancher hat seine letzte Freude auf der Erde, ein gutes, munteres Wort, von ihm bekommen. Ich sah ihn oft aus dem Lazarettzelt kommen und freute mich oft an seinem guten Trost.

Als aber immer mehr von uns krank wurden und immer mehr so gleichgültig dumpf ihrer Arbeit nachgingen, und immer noch keine Nachricht, oder Proviant, oder Lazarett kam, da mußte auch er die Hoffnung aufgeben. Er dachte wohl einmal daran, wieder vorzugehen, aber er erkannte, daß seine kleine Truppe keinen Heerzug mehr darstellen würde, sondern einen Krankentransport. Da schickte er Boten an die Hauptabteilung, daß er ohnmächtig wäre und vom Feind ablassen müsse und dies Hinsterben der Jugend nicht länger ansehen dürfe und eine bessere Wasserstelle suchen wollte.

X

Da packten sie denn, während ich untätig und mit dumpfem, halbwirrem Kopf mit meinem entzündeten und brennenden Arm am Rad des Munitionswagens hockte, die Schwerverwundeten und die Kranken auf die Wagen. Die Gesunden marschierten neben und hinter den Wagen. Wenige saßen auf müden, zottigen Pferden. So zogen wir bedrückt davon. Ich saß auf dem Proviantwagen, den Hansen führte. Manche Stunde saßen wir nebeneinander auf der Kiste, während er aus seiner kurzen Pfeife rauchte und spärlich dazu redete.

Einmal ging einer im Irrsinn so einfach aus dem Wagen weg in den Busch hinein und wurde nicht wiedergefunden. Da mußten Wachen um die Wagen gestellt werden, daß niemand entfloh. Einer der Fiebernden ging mit dem Seitengewehr auf den Arzt los; ein anderer, der noch in Reihe und Glied ging, schoß plötzlich wild um sich. Drei von den Kranken starben unterwegs und wurden im Busch begraben. Der Einjährige war Arzt, Wärter, Soldat, alles zugleich. Sein Gesicht wurde schmaler und bleicher; aber sein Bart wurde länger und dichter.