Peter Moors Fahrt nach Südwest: Ein Feldzugsbericht
Part 2
Andere saßen in einer Ecke und übten stundenlang, eine Kapelle zustande zu bringen. Der eine hatte einen Kamm quer vorm Mund, der andere klapperte mit Holzstücken, der dritte pfiff durch die Finger; unsere Spielleute lieferten Flöte und Trommel. Ein kleiner Schlesier war der Hauptmakker. Er war es auch, der an jedem Abend die Lieder anstimmte, die wir zusammen sangen. Und besonders war es ein Lied, das wir sangen, daß es weit und traurig übers Meer klang: ›Nach der Heimat möcht' ich wieder.‹ Wenn ich jetzt im Geist die einzelnen Gesichter sehe, die es damals sangen, wird mir das Herz still, und ich muß die Lippen zusammenpressen.
Es wurde immer wärmer und sonniger. Wir kamen in die Höhe der Straße von Gibraltar. Wir zogen die blauen Anzüge aus und zogen die leinenen braunen Khakisachen an. Immer, Tag und Nacht, zitterte das Schiff vom Gang der Maschine, wie der menschliche Körper vom Schlag des Herzens. Gott mag wissen, wie viel mal sie sich gedreht hat. Das Meer war immer gleicherweise sonnig, scheinend weithin. So jagten wir nach dem Süden, immer weiter, Tag und Nacht. Ich wunderte mich, wie groß die Welt war. Eines Tages sah ich auf der großen Karte, welche an der Treppe hing und auf welcher die tägliche Stellung unsres Schiffes bezeichnet war -- wir standen oft in Haufen vor dieser Karte --, daß nun bald die Insel Madeira kommen mußte.
Und am andern Morgen schon, in aller Frühe, als ich sofort nach der Back ging, um Ausschau zu halten -- viele standen schon da --: da lag vor uns, nicht mehr fern im Meer, ein buntes Eiland. Es erhoben sich rauhe Felsen breit, wuchtig und kahl, von denen der mittlere alte breite Festungsmauern als schwere Krone trug. Davor aber, vom Strand sanft aufsteigend, breitete und dehnte sich eine ziemlich große Stadt von weißen, plattdachigen Häusern, die sich weiter nach oben hin, rund zu Füßen der alten Feste, in üppigem Grün, in Wäldern und Blumenfeldern verloren.
Immer näher kamen wir dem schönen Wunder. Wir standen und staunten und glitten in die Bucht hinein, wie neugierige Kinder dem Bilderbuch näherrücken, bis wir dicht davor waren. Da hörten wir auf das Schreien und Zurufen unter uns und sahen unter uns Böte dicht am Schiff, deren Insassen aussahen wie Italiener, dunkelbraun von Haut und bunt gekleidet. Sie standen aufrecht in Böten und hielten Fruchtkörbe in die Höhe und riefen zu uns hinauf. Wir kauften aber nichts, da wir wußten, daß wir an Land kommen würden.
Am Vormittag noch ging ich mit vielen andern die schmale Holztreppe hinunter, die draußen an der Schiffswand hinabgelassen war, und stieg in eins unsrer großen Boote, und wurde an Land gerudert. Wie war alles neu! Und wie war alles bunt! Unser Leutnant hatte uns gewarnt: »Ich will Euch was sagen: Kauft nicht so dumm drauf los! Es ist nicht alles, was bunt ist, schön und echt. Und nehmt Euch mit dem Wein in acht!« Aber es dauerte nicht lange, da standen hier zwei, dort drei, dort fünf und sechs in den weit geöffneten und niederen Läden und kauften für ihre Schwestern und Bräute Blusen und Tücher, alles aus leuchtender Seide in allerschönsten Farben. Und sie riefen mich an und sagten: »Du mußt doch auch ein Andenken mitbringen, Moor. Vielleicht ist der Aufstand vorbei, wenn wir in Swakopmund ankommen und wir kommen gar nicht an Land. Wenn Du dann nachher zu Hause sagst, Du wärst auch mit gewesen und hast nichts aufzuweisen, glaubt es Dir keiner.« Da schien mir richtig, was sie sagten, und ich ging hinein und kaufte zwei kleine seidene Halstücher für die beiden ältesten Schwestern; denn einen Schatz hatte ich nicht, und meine Mutter würde so Buntes niemals anlegen. Als wir endlich wieder heraus kamen, ging gerade der Leutnant vorüber, der vorhin so großartig von »Ich warne Euch« geredet hatte und hatte auch schon ein Paket in der Hand und ich mußte ein wenig lachen und er lachte auch.
Es war überhaupt, als wenn wir alle, sobald wir das Land betreten hatten, von lieblichem Wein trunken waren: so schön hell und weich schien die Sonne und so prächtig glänzte alles in Farben und so fröhlich waren die Menschen. Ich dachte: ›Mach Deine Augen auf, daß Du jetzt etwas siehst; wer weiß, ob Du noch einmal im Leben wieder unterwegs kommst.‹ Ich ging durch mehrere Straßen und wunderte mich über alles, was ich sah, so über das langohrige Pferd, das vor seinem Karren ging, und erkannte plötzlich, daß es ein Maultier war, das ich zuweilen auf Bildern gesehen hatte. Ich besah die fremden Worte auf den Schildern der Läden und merkte mir am Inhalt des Ladens einige Worte. Ich sah nach den Frauen in bunten Kopf- und Schultertüchern und nach den Männern, die breite Schärpen um den Leib trugen; wunderte mich über den Stolz um den Mund und das dunkle Feuer im Auge. Ein Soldat kam langsam des Weges, ein schöner Mensch, aber in schlampiger Uniform. Er legte die Hand an die Mütze und sah mich freundlich an; da grüßte ich ihn ebenso.
Nachdem ich so eine Weile allein gegangen war, kam ich wieder an den Strand und fand einige Kameraden in einer offnen Weinstube sitzen, dicht an der Straße, fast auf dem Bürgergang. Sie saßen um kleine Tische und schrieben eifrig Ansichtspostkarten und tranken dabei aus kleinen Gläsern. Ich setzte mich zu ihnen, winkte und bekam auch ein Glas und schrieb auch eine Karte an meine Eltern. Ich wollte auch noch an meinen Onkel in Hamburg schreiben, aber ich kam nicht dazu. Ich mußte immer um mich sehn. Meine Mutter hat mich oft gescholten, daß ich so neugierig sei und in ihrem Nähtisch jedes Schubfach und jede Schachtel öffnete. Aber als sie es einst meinem Lehrer klagte, lachte er und sagte: »Das ist Lernbegierde.«
Nach einiger Zeit kamen einige der Unsrigen vorüber, die sangen und waren laut und wankten ein wenig. Da drängte ich die andern, daß wir weiter gingen. Der Wirt, in roter Weste und Hemdärmeln, konnte sicher kein einzig deutsches Wort sonst, aber die Namen der deutschen Geldstücke kannte er. Als ich den Leutnant am Kai stehen sah, war ich neugierig, ob er sich zu seinem schönen Tuch auch schönen Wein gekauft hatte; aber als ich ihm nahekam, sah ich, daß seine Augen nur trunken waren von all dem Schönen und Bunten und Freundlichen, das er gesehen hatte. Noch einen ganzen Tag lang, als wir schon wieder auf dem Meer schwammen, sah ich in träumender Seele schöne Menschen auf bunten, sonnigen Straßen gehn, dahinter erhoben sich weiche Hügel in schöner, frischer Fruchtbarkeit.
Am dritten Morgen hiernach stand ich ziemlich früh an der Reeling und wartete auf den Dienst und sah so in Gedanken verloren übers Wasser, ob ich wohl etwa in der Ferne eine der Kanarischen Inseln entdecken könnte, in deren Nähe wir nun waren. Es schien mir aber ziemlich zwecklos; denn es war noch nebelig.
Da sah Behrens, der neben mir stand, so von ungefähr nach dem Himmel auf und sagte: »Sieh mal, was für eine merkwürdige weiße Wolke da!« Ich sah auf und sah, ganz oben am Himmel, eine schwere, stillstehende, schneeweiße Wolke, von einem sanften Glanz, wie weißes Vogelgefieder, und stand noch und sah und dachte: ›Was ist das für eine merkwürdige Wolke.‹ Da kam Gehlsen nach vorne gelaufen, flink wie er war, und sagte in seiner raschen, kühnen Art: »Siehst Du schon? Dort? Siehst Du? Das ist der Berg von Teneriffa. Aus dem Meer steigt er auf, zu solcher Höhe, und sein Kopf ist mitten im Sonnenbrand weiß von Schnee.« Da erschrak ich, daß ich zitterte. So ergriff mich das Wunder, das Gott hier mitten ins weite Wasser und unter die brennende Sonne gestellt hatte. Sie standen alle und sahen hinauf. Einige redeten laut; aber viele sahen still hinauf. Und sahen, wie die Nebel da oben in der ungeheuren Höhe zur Seite glitten, und die glatten, schrecklich steilen Felsen sichtbar wurden, die wie alte, ungeheure Festungsmauern sich auftürmten, eine auf die andre. Und auf der obersten, breiten, zerfallenen Mauer lag der ewige Schnee. Langsam glitten wir an seinem steinernen Fuß dahin.
Es ging immer weiter, Tag und Nacht, immer nach Süden. Es ist ein Wunder, wie groß die Welt ist. Wie leicht und rasch gleitet auf der Landkarte die Hand von Hamburg nach Swakopmund; aber wie arbeitet die Maschine hastig, eintönig, dumpf, fleißig, unermüdet, durch Tag und Nacht, über drei Wochen lang. Was haben die Menschen doch für Kraft in sich und harten Willen, daß sie so in die Ferne fahren und dort leben, handeln, forschen und herrschen wollen.
Wir übten vormittags fleißig. Es knallte stundenlang; es wurde auch ein wenig exerziert. Die Stimmung war immer sehr gut. Wir steuerten südöstlich, der afrikanischen Küste zu. Wir sollten hier unterwegs siebzig Neger an Bord nehmen, wie die meisten Schiffe tun, die nach Swakopmund hinunterfahren. Diese siebzig Neger sind unterwegs Trimmer, Heizer und Helfer aller Art und da unten Schauerleute, laden ein und aus, und fahren nachher wieder mit dem Schiff zurück und werden an ihrer Küste wieder an Land gesetzt.
Am siebenten Tag nach Teneriffa sahen wir die Küste von Afrika aufsteigen. Sie war ganz so, wie wir sie uns gedacht hatten: liebliche Hütten unter Palmen, viele hohe und schöne Bäume an sanft aufsteigenden grünen Hügeln und es wimmelte von Menschen. Daß sie schwarz waren, konnten wir noch nicht sehen.
Als wir nicht mehr fern waren, kam Gehlsen zu mir und erzählte mir, daß die Väter und Großväter dieser Neger einst Sklaven in Nordamerika gewesen wären. Die dortige Regierung hatte sie wieder hierher in ihre Heimat zurück geführt und hilft ihnen bis heute, daß sie freie Republikaner sind. Als er mir das erzählt hatte, ging er nach vorn, um besser zu sehen; denn wir kamen nun schon dicht heran. Ich aber ging noch rasch nach unserm Schlafraum um eine Karte zu schreiben; denn es ging Post an Land. Als ich so saß und schrieb, ganz in Gedanken, kam von draußen ein Wundern und Schreien und dummes Gekreische, und ein Schleifen, und Rutschen, und Gleiten, daß ich aufsprang und hinausging. Da erschrak ich und staunte mit offenem Munde. Denn über beide Borde kam es, mit Katzenschleichen und Schlangengleiten, schwarz und lang und halbnackt, mit großen entblößten Gebissen, mit lachenden wilden Menschenaugen, ältere und jüngere, und kleine Jungen, um Brust und Leib ein wenig buntes Zeug, mit Säcken und Töpfen und Kisten. Sie liefen schwatzend und lachend über Deck ganz unbekümmert um unser Staunen und verkrochen sich unter Deck und richteten sich ein. Wir lagen nur einige Stunden dort. Dann ging die Fahrt weiter, Tag für Tag und die ganzen hellen Nächte hindurch.
An einem dieser Tage machte ich mich an den dritten Maschinisten, der ein Eckernförder war, sagte ihm, daß ich ein gelernter Schlosser wäre und bat ihn, mich in den Maschinenraum mitzunehmen. Wir kamen durch viele Gänge und Räume, die ich noch nicht kannte; stiegen kurze eiserne Treppen hinunter, die ich noch nicht gesehen hatte, immer tiefer und tiefer. Immer stärker stieß und schütterte es unter meinen Füßen, immer näher hörte ich das wuchtige Gleiten schwerer Wellen und Kolben. Dann öffnete er eine eiserne Tür und ich stand in der Maschine. Die größte Maschine, die ich bisher gesehen hatte, war die in einer Hamburger Bierbrauerei. Diese war fünfmal so groß. Die Kurbeln waren so lang und breit wie der Körper eines zehnjährigen Jungen, massiv von Eisen. Sie schwangen sich leicht und sicher im Kreise und die beiden mächtigen Wellen, an deren Ende draußen die Schrauben sind, stark wie zwanzigjährige Lindenstämme, drehten sich fleißig. Ein Mann von mittleren Jahren, ziemlich fett und ölig, den ich noch nie gesehen hatte, obgleich ich nun schon drei Wochen lang mit ihm auf demselben Schiff wohnte, stand ruhig in all dem Auf und Ab und dem Hin- und Herspiel auf der durchlöcherten eisernen Plattform, die heftig zitterte, und sah so gleichmütig um sich, wie ein Bauer im Viehstall über seine wiederkäuenden Tiere schaut. Ich ging auch vorsichtig die Plattform entlang und eine Treppe hinunter durch ein offenes Schott nach dem rötlichbraunen eisernen Heizraum, in dem zwischen Steinkohlen und eisernen Schiebern und zischenden Hähnen halbnackte Leute vor den Kesseln standen, unter denen die mächtigen Feuer glühten. Ich sah alles rasch und scharf an und wäre gern noch länger geblieben, aber ich schämte mich, den im heißen Raum schwer Arbeitenden untätig zuzusehen.
In meiner freien Zeit stand ich oft bei den Schwarzen und beobachtete sie, wie sie friedlich beieinander saßen und in gurgelnden Tönen miteinander schwatzten und wie sie um die großen Eßtöpfe hockten, mit den Fingern eine Unmenge Reis zum Munde führten, und mit ihren großen knarrenden Tiergebissen Beine, Gekröse und Eingeweide ungereinigt fraßen; es schien ihnen gar nicht drauf anzukommen, etwas Schmackhaftes zu essen, sondern nur, ihren Bauch zu füllen. Und es schien mir, daß es so stand, nämlich, daß die Leute von Madeira zwar Fremde für uns sind, aber wie Vettern, die man selten sieht, daß diese Schwarzen aber ganz, ganz anders sind als wir. Mir schien, als wenn zwischen uns und ihnen gar kein Verständnis und Verhältnis des Herzens möglich wäre. Es müßte lauter Mißverständnisse geben.
Wie von Anbeginn der Fahrt redeten wir viel von unsern Erwartungen, von den Palmen und Affen, die wir sehen würden und von den bunten Tierfellen und Vögeln und schönem Flechtwerk, das wir mit nach Hause nehmen wollten. Wir sprachen auch wieder von der Furcht, daß der Aufstand zu Ende sein könnte, wenn wir ankämen. Es wurde auch viel darüber gescherzt, daß wir dem Äquator näher kämen. Die ein wenig unbeholfen oder träumerisch waren, wurden geneckt, sie sollten aufpassen, daß sie den Strich auf dem Meer sehen könnten und sollten sich gut festhalten, wenn es nun bergab ginge, und dergleichen mehr. Ich nahm an diesen Neckereien nicht teil, da ich gar nicht dazu veranlagt bin; auch taten mir die leid, auf die sie zielten. Die waren nämlich lange nicht die Dummen. Sondern oft waren die, welche neckten, die Dummen und Gedankenlosen; sie hatten nur ein großes Maulwerk. Darum zog ich gern ihren Spott von jenen auf mich, indem ich mich dumm stellte. Wenn ich dann wollte, schüttelte ich die Hunde leicht wieder ab und lachte inwendig über ihr Bellen und Beißen. Gegen Abend fingen wir an zu singen, und am liebsten und meisten sangen wir von dem bekannten Liede den dritten Vers, und es klang schön über das abendliche Meer:
»Doch mein Schicksal will es nimmer, Durch die Welt ich wandern muß. Trautes Heim, dein denk' ich immer.« ...
Die Nacht war in dem engen Raum sehr heiß, ja fast unerträglich. Einige schalten; aber die Vernünftigen sahen ein, daß es nicht anders sein könnte. Wenn man einmal erwachte, war es fast unmöglich wieder einzuschlafen. Einmal, als ich so schlaflos und unruhig lag, schien mir, als wenn der kleine Schlesier, der, welcher so gern und so fröhlich sang -- er lag rechts neben mir --, heiß und kurz aufschluchzte. Als ich ihn fragte, was los war, schwieg er erst. Dann sagte er mit leiser, ruhiger Stimme: »Dies Fahren wird langweilig, meinst Du nicht auch? Immer, Tag für Tag, ich weiß nicht wie viele Meilen ... es ist ja gar nicht möglich, daß wir einen so weiten Weg wieder zurückfinden.« Dann lag er wieder still.
Am siebenten Tage, nachdem die Neger über die Reeling geglitten waren, an einem Morgen, sagte uns ein Matrose, daß wir Swakopmund heute noch erreichen würden. Da standen wir stundenlang vorn an Backbord und sahen hinüber; aber ein Nebel verbarg uns die Küste. Gegen Mittag aber wich der Nebel und wir sahen am Himmelsrand einige große Dampfer liegen, und dahinter einen endlosen Streifen rötlichweißer Sanddüne aus dem Meer herausragen. Auf Meer und Dünen brannte grelle Sonne. Wir meinten erst, es wäre eine Barre, die vor dem Land läge, damit die schöne und große Stadt Swakopmund und die Palmen und Löwen nicht nasse Füße bekämen; aber bald, da der Nebel sich vollends verzog, sahen wir in der flimmernden Luft auf dem kahlen Sande weiße Häuser und lange Baracken stehen und einen Leuchtturm. Da standen alle und staunten und sprachen ihre Meinung aus. Viele sahen still und ernst nach dem ungastlichen, öden Lande; andere spotteten und sagten: »Eines solchen Landes wegen so weit fahren!«
Wir wurden an diesem Tage nicht ausgebootet. Einige sagten, wir kämen überhaupt nicht an Land, da der Aufstand schon niedergeschlagen wäre, andere sagten, die Sache würde noch sehr lange dauern. Es war eine große Unruhe und viel Hin- und Herreden unter uns. Zwischen dem Kanonenboot Habicht und uns wurden eifrige Flaggenzeichen gegeben bis an den Abend. So lagen wir, in ziemlich starkem Wellengang schaukelnd, diese Nacht vor Swakopmund.
IV
Am andern Morgen in aller Frühe stiegen wir der Reihe nach, den Tornister mit der weißen Schlafdecke auf dem Rücken, das Gewehr über der Schulter, den Patronengurt um den Leib, daran den Wassersack, den braunen Brotbeutel am Riemen, die Feldflasche daran, über die Reeling und kletterten die Strickleiter hinab nach dem sehr großen, flachen Boot, das in den starken Wellen wohl sieben Meter auf und nieder fuhr. Man mußte sehn, daß man zu rechter Zeit, nämlich, wenn das Boot oben auf einer Welle war, die Strickleiter los ließ; aber, obgleich ich es ganz richtig machte, fiel ich doch schwer gegen die Wandung. Als die Boote zwanzig bis dreißig Mann aufgenommen hatten, spannte sich ein kleiner flacher Dampfer davor und schleppte uns dem Lande zu.
Je näher wir dem Strande kamen, desto unruhiger wurde das Wasser. Das Boot warf sich immer heftiger und unruhiger durch die wühlenden, springenden Wassermassen. Wir lagen oft tief zwischen zwei hochlaufenden Wellenbergen und sahen von dem Dampfer vor uns nichts. Im nächsten Augenblick waren wir oben und meinten, wir würden herunterschlagen. Zuletzt fuhren wir durch lauter Gischt und Schaum, der hoch rund um uns aufsprang und seine Spritzer übers Boot warf und uns ganz und gar durchnäßte. Das Boot wurde eine Zeitlang in dem Gewirr der kurzen, schweren, sich überschlagenden Wogen hin und her, auf und nieder gestoßen, daß ich dachte, es müßte ineinander fallen. Viele wurden von plötzlicher und heftiger Seekrankheit befallen und lagen totenbleich an den Planken. Aber nach einer Weile waren wir hindurch, und kamen in flaches, ruhiges Wasser und stiegen an Land.
Durch den unendlich tiefen und heißen Sand, unter brennender Sonne, ungefähr sechzig Pfund auf den Schultern zogen wir landeinwärts. Wir hatten gedacht, daß ganz Swakopmund am Strand stehen würde, überglücklich, daß endlich Hilfe käme; aber es war kein einziger Mensch da. Wir kamen an einzelnen Häusern vorüber, die da im kahlen Sande standen, aber es zeigte sich kein Mensch, der uns einen freundlichen Gruß bot. Wo wir näher oder ferner im Schatten einer Veranda einen Menschen zu Gesicht bekamen, schien es uns, daß er uns gleichmütig und fast spöttisch zusah. Hinter uns hörten wir das schwere Tosen der Brandung -- es klang uns fast schon lieblich --, rund um uns, so weit wir sehen konnten, war nichts als dürrer, heißer Sand, auf den die Sonne mit grellem Flimmern brannte. Die Augen zogen sich zusammen; ein heißes, trockenes Gefühl zog die Kehle herunter. Wir waren ziemlich still.
Wir erreichten den weiten, sandigen Bahnhof und sahen mißtrauisch und verwundert auf unsern Zug, der mit Rattern und Knattern vorfuhr. Er bestand aus einer endlosen Reihe von kleinen rohen Sandwagen; davor waren fünf oder sieben ganz kleine Maschinen gespannt. Wir wurden auf die Wagen verteilt und stiegen ein. Dann ging es langsam mit Fauchen und Stoßen und Klappern hinein ins Land.
Es ging immer bergan, Stunde auf Stunde. Soweit wir zu beiden Seiten und nach vorne sahen, war nichts da als weißgelbe Sanddünen, die zuweilen machtvoll emporstiegen. Wir standen und hockten und saßen dicht gedrückt in den kleinen offenen Wagen. Von der drückenden Hitze immer durstig, waren wir eifrig und sorglos bei unsern Wassersäcken. Wir waren noch so sorglos, daß wir den Kaffee, den wir uns in Swakopmund auf dem Bahnhof gebraut hatten, weggossen, als wir schmeckten, daß er sauer wurde. Ein- oder zweimal wurde gehalten, damit wir die lahm gestandenen oder gesessenen Beine ein wenig vertraten. Am Spätnachmittag wurde an einer Stelle die Steigung so stark, daß der Zug in drei Teile geteilt wurde, damit er so stückweise auf die mächtige Höhe käme. Da wir alle Mann nachschoben, kam er glücklich hinauf. Dann ging es wieder etwas rascher weiter, immer durch gelbe Sanddünen, immer weiter bergan. Abends erreichten wir die Höhe. Hinter uns lief der abfallende gelbe Sandweg bis zum Meer, das fünfzig Kilometer zurück, unten in der Ferne lag. Dicht vor uns stand ein ungeheures, schrecklich wildes Gebirge.
Ich hatte niemals ein Gebirge gesehen. Aber nicht allein ich und die andern Norddeutschen, sondern auch die Bayern staunten. Ganz nah vor uns, und fern und ferner ragten ungeheure nackte Felsen zum blauen Himmel empor. Einige waren von der Abendsonne beschienen und leuchteten hell und hart; andere, der Sonne abgewandt, drohten finster und fürchterlich, oft dicht über uns. Hier und da hatten alte ungeheure Mächte gewaltet, Stücke vom Felsen abgeschlagen und in die Tiefe gestürzt, andere Stücke, schon angerillt, hingen in ungeheurer Höhe, als ob sie jeden Augenblick abstürzen wollten. Kleine Mächte konnten auch hier nicht existieren. Wir sahen keinen Strauch, nicht einmal einen Grashalm, und kein Tier. Nur wir Menschen rollten auf unsern knarrenden Wägelein, drollig anzusehn, durch das ungeheure tote Wunderwerk.
Wir hielten an einer kleinen Station, einem kahlen Wellblechhaus, und kochten uns Kaffee und Reis. Als wir wieder aufstiegen, wurde uns befohlen, den Mündungsdeckel von unsern Gewehren abzunehmen und zu laden. Ich tat es mit einem wunderlich unbehaglichen Gefühl. Dann ging es mit lautem Getöse, das häßlich und hart widerhallte, in die helle graue Nacht hinein. Es ging immer in einem tiefen, schmalen Tal entlang; zu beiden Seiten stiegen hohe Felsen empor. Viele von uns kauerten schlaftrunken, andere standen, andere saßen auf dem Wagenrand; jeder hatte seine weiße Wolldecke um sich gelegt. Wir sagten nicht viel. Viele waren wohl mit ihren Gedanken zu Hause, oder sahen sich heimkommen und von allen geschauten Wundern fröhlich erzählen. Viele dachten wohl, wie der Feind von jedem Felsen herab auf unser Knäuel von Menschen schießen könnte, während wir, fast wehrlos, langsam vorüberfuhren. So brüteten wir müde und hungrig und an den Gliedern zerschlagen. Am weiten, klaren Himmel standen auf hellem blauen Grunde unzählige goldblinkende Sterne. Das war wohl ein schönes, erhabenes Bild. Doch war es nicht so schön, weder so mächtig, noch so ruhevoll, wie in der Heimat. Wir fuhren die ganze Nacht hindurch. Die Nacht war unfreundlich kalt.
Wir fuhren auch noch den größten Teil des andern Tages, der wieder sehr heiß und sonnig war, in den Tälern des schrecklichen, kahlen Gebirges. Da wir meinten, daß wir unsere Wassersäcke an einer der nächsten Stationen wieder füllen könnten, tranken wir, bis sie leer waren. Als wir aber dann am Mittag wirklich an einer Station hielten und die Maschine Wasser bekam und wir uns auch nehmen durften, konnten wir es nicht trinken, weil es widerlich salzig war. Zu der Zeit war uns auch das Brot ausgegangen. Wir kochten von unserm Reis eine Handvoll halb gar und aßen es. Die Geschirre wischten wir ein wenig mit Sand aus. Dann ging es weiter. Mancher griff zu den eisernen Portionen, die er im Tornister hatte, obgleich verboten war, davon zu nehmen. Aber viel schlimmer als der Hunger war der Durst. Wir hatten keine Feuchtigkeit im Munde, die Lippen ein wenig naß zu machen. Dürr und heiß ging der Atemzug durch die Mundhöhle. Brandige Trocknis stieg wie mit Sporen und Stacheln immer tiefer in den Hals hinab.
Am Nachmittag kamen wir endlich aus dem Gebirge heraus und kamen auf eine weite Ebene.