Peter Moors Fahrt nach Südwest: Ein Feldzugsbericht
Part 10
Sie hausten, fünfzehn Mann, auf einer Lichtung in einem kleinen Lager, das sie rundum mit einem Dornverhau verschanzt hatten. Innerhalb dieses Verhaus hatten sie sich zwei Laubhütten gebaut und ein großes Kochloch gemacht. Außerhalb gingen in einiger Entfernung ihre Pferde und ihr Vieh, nämlich vier Kühe, die sie sich aufgegriffen hatten und die sie melkten. Dazu hatten sie sich ein ältliches Buschweib gefangen, das ihnen die Wäsche besorgte und Holz sammelte. Der Leutnant, ein untersetzter Mann mit rötlichem Haar, der den Posten befehligte, hatte wegen seines Haares und weil er unermüdlich tätig und sehr findig war, streifende feindliche Banden zu erspähen und aufzuheben, den Namen »der rote Freibeuter« bekommen.
Er kam gerade von einem solchen Streifzug zurück. Wenn seine Mutter, eine Bürgermeistersfrau, ihn gesehn hätte, hätte sie sich entsetzt: sein Haar war rattenkahl geschoren, sein Bart war stoppelig, sein Rock war dreckig, seine Hosen nicht ohne Risse und seine Stiefel waren ziemlich heruntergetreten; ein halbes Dutzend Perlhühner, die er auf dem Rückweg geschossen hatte, hingen an einem Riemen aus frischer Ochsenhaut von der Schulter; und als er nachher seine Brust etwas öffnete, sah ich, daß er wenigstens heute kein Hemd hatte: es war wohl in den wringenden Händen des dürrbeinigen Buschweibes. Er freute sich sehr, als er uns sah und erzählte uns, über sich selbst spottend, von seiner hiesigen Bedeutung und täglichen Tätigkeit. Dann lud er uns zum Mittagessen ein.
Nun war es immer so, daß, wenn man Kameraden von einer andern Abteilung traf, man über dreierlei sprach, zuerst über den Feind, dann über Ereignisse im Heer, zum dritten über allerlei Kochkunst. Nachdem Punkt eins und zwei genügend besprochen waren, führte er uns mit wichtiger Miene zu einer Stelle in der Ecke des Lagers, wo ein wenig dünner Rauch aus der Erde stieg. Er nahm ein Stück Holz und schob die Erde vorsichtig zur Seite; da kamen zwei Kochgeschirre heraus, eingepackt in Kuhmist, der leise glühte. Zwei Mann kamen heran und hoben die Geschirre mit großer Geschicklichkeit aus der Grube hervor und der Leutnant erzählte, daß die Geschirre sechzehn Stunden in dieser Glut gestanden hätten. Dann nahm er den Deckel ab, und forderte uns mit Stolz auf, daran zu riechen. Da war es eine schöne Bouillon und das Fleisch war auch mürbe. Wir mußten es sehr loben und aßen es auch gern; wir waren aber etwas bedrückt, daß sie und nicht wir diese große Erfindung gemacht hatten.
Als wir nun so umhersaßen, jeder seinen Kochgeschirrdeckel in der Hand, hatte der rothaarige Leutnant noch eine andre Überraschung: eine ziemlich neue Nummer einer Südwestafrikanischen Zeitung. Da sie in seinem Lager schon von Hand zu Hand gegangen war, war sie schon sehr schmutzig und lappig geworden; doch griff unser Leutnant eilig danach und breitete das Blatt aus und sah, von ungefähr oder nicht, auf die Stelle, wo neue Dekorierungen standen: da sah er plötzlich auf, mit zusammengebissenen Zähnen, und sah nach dem Gebannten, der ein wenig seitwärts von uns saß und nach seiner Weise vor sich hin auf die Erde sah, nannte seinen Namen und sagte: »Kamerad, sehn Sie mal hier!« Der fuhr aus seinen Gedanken auf und kam und kniete hinter ihm und sah auf die Stelle, die jener zeigte und atmete kurz und schwer. Der Leutnant sah uns an und sagte leise: »Er ist zur Dekorierung eingegeben.« Da konnte der Gebannte sein heftiges, innerliches Schluchzen nicht mehr zurückhalten; er weinte sehr; wir aber umdrängten ihn und schüttelten ihm die Hand, die meisten mit feuchten Augen. Dann schrieb er eine Postkarte an seine Frau und Kinder, und wir alle mußten unterschreiben: ein Leineweber aus Oberschlesien, ein Schornsteinfeger aus Berlin, ein Knecht aus Oldenburg, ein Graf aus Bayern, ein Schlossergesell aus Holstein und andre. Wir waren noch alle in Fahrt und Aufregung über diese Begebenheit, da kam der Posten vom Viehkraal her und meldete: »Herr Leutnant, die bunte Kuh will kalben und kann nicht.« Der rote Leutnant sah ganz perplex darein: »Was?« sagte er, »kann nicht? Natürlich kann sie.« Da lachten wir über ihn und waren sehr gemütlich; und der Knecht aus Oldenburg half der Kuh. Dann ritten wir weiter. Von einer guten Wasserstelle wußte der Rote nichts; er sagte, man müsse sich das Trinken abgewöhnen.
Nachmittags, auf dem Rückweg zu unsrer Abteilung, überholten wir eine Proviantkolonne, mit deren Führer sich unser Leutnant eine Zeitlang unterhielt. Die andern sprachen derweil mit der übrigen Bedeckung. Ich aber konnte meine Augen nicht von einem Treiber abwenden, der, die lange Peitsche über der Schulter, mit langen, würdevollen Schritten neben seinen Ochsen herging. Hinter ihm ging seine Frau, ein kleines zweijähriges Kind im Tuch auf dem Rücken; dann kamen, weiter im Gänsemarsch, nach der Größe abgestuft, noch drei halbwüchsige Kinder. Eine Scheckpfeife, die gemeinsames Eigentum der Familie war, ging vom Mann die Reihe entlang bis zum letzten kleinen Achtjährigen, der sie, nachdem er einige Züge getan hatte, im Trab vorlaufend, seinem Vater wiederbrachte. Nur das kleinste hatte für den Tabaksgenuß noch kein Interesse; es versuchte -- und ich glaube mit Erfolg -- von seinem Sitz auf dem Rücken der Mutter, nach ihrer Brust zu langen, die lang und schlaff auf den Leib herunterhing.
Als ich noch in Betrachtung dieses Bildes dahinritt, rief mich der Leutnant und sagte mir, daß, nach der Aussage des Kolonnenführers, der oberste von unsern Ärzten, selbst krank, und mit einem einzigen kranken Begleiter und einem schwarzen Diener, vor etwa drei Stunden diese Pad gezogen wäre, um unsre Abteilung zu erreichen; nun wäre aber seine Spur nicht zu finden und es wäre zu befürchten, daß er eine andre Pad gezogen wäre, die ihn nicht zu einer Wasserstelle führen würde. Ich sollte mit zwei Mann reiten und sehn, ob ich ihn fände und ihn zu unsrer Abteilung geleiten.
Ich war sehr froh über den Auftrag und vollführte ihn mit besonderem Glück; denn als wir etwa eine Stunde zurückgeritten waren, wobei ich jede Spur, die über die Pad lief, wie ein alter Jäger betrachtete, entdeckte ich zu meiner großen Freude, daß die drei Reiter an einer Stelle, die sandig genug war, die Spur deutlich zu zeigen, nach rechts von der Pad abgebogen waren, um den Versuch zu wagen, das Lager auf dem kürzesten Weg quer durch den Busch zu erreichen. Wir verfolgten nun also ihre Spur und sahn die drei einsamen Reiter bald vor uns in sehr dünnem Busch, wie sie auf sehr müden Pferden dahinzogen. Links ritt der Doktor, an seiner kurzen, kräftigen Figur zu erkennen; ich hatte ihn vor dem letzten Gefecht mehrmals gesehn. Sein Begleiter, der zur Linken ritt, hing im Sattel als wenn er schliefe; dann und wann langte der Doktor nach ihm, um ihn zu halten oder ihn aufzurütteln. Der schwarze Diener ritt als Wegführer einige zwanzig Meter voran. Ich schüttelte den Kopf darüber, daß der Arzt mit so geringer Begleitung und Bedeckung von Lazarett zu Lazarett kreuz und quer durch dies weglose, durstige und von feindlichen Horden durchstrichene Land reiten mußte, und setzte mein müdes Pferd in Trab. Da sah sich der schwarze Diener auch schon um und meldete uns. Der Doktor gab seinem Begleiter wieder einen Knuff, wandte sein Pferd und nahm sein Gewehr aus dem Schuh. Da viele Feinde unsre Uniform trugen, auch unsre Schlapphüte, unter denen unsre verbrannten Gesichter fast schwarz aussahn, zumal ja die Sonne fast senkrecht herunterschien, so hielt er uns vorläufig für Feinde. Als wir aber die Hüte abnahmen, erkannte er uns. Da sah ich denn, daß sein Begleiter schwer krank war und sich nicht recht mehr im Sattel halten konnte, und daß der Doktor selbst, der beim Gefecht, vor vier Wochen, noch stattlich und frisch ausgesehn hatte, sehr zusammengefallen war und müde und fiebrig aus tiefliegenden Augen sah. Er war seit sechs Wochen von Abteilung zu Abteilung geritten und hatte gestern und heute siebzig Kilometer gemacht und in zwanzig Stunden nicht geschlafen. Während er mich nach woher und wohin fragte und aus meinem Wassersack trank und, dazwischendurch, den Schwarzen auslümmelte, der aus lauter Gleichgültigkeit und Faulheit den Wassersack nicht gefüllt hatte, halfen die Kameraden dem Begleitsmann vom Pferd und führten ihn abseits, daß er sein Bedürfnis verrichtete. Dann hoben wir ihn mit aller Macht aufs Pferd, und ritten langsam weiter.
Spät abends kamen wir todmüde zu unsrer Abteilung, die an vertrockneten Wasserlöchern die Nacht zubrachte. Es war eine sehr kalte, unfreundliche Nacht. Ein scharfer, schneidender Wind fuhr über die Steppe und jagte feinen, dürren Sand über die verdurstenden Menschen und Tiere.
Am folgenden Tag kamen Gewitter über uns hin. Wie von allen Seiten stieg dunkles Gewölk auf; Donner rollten gewaltig über die weite Ebene, glühende Peitschen zuckten lang über den Himmel; Regen fuhr nieder. Aber nach einer Stunde war alle Feuchtigkeit wieder weg und ein stürmischer Wind blies uns den Sand ins Gesicht, daß wir Augen und Mund nicht öffnen konnten. Wir schützten uns abends im Biwak vor der schneidenden Kälte, indem wir Zeltbahnen als Windschirme aufstellten; in deren Schutz kochten wir mit schlechtem Wasser bei kümmerlichem Feuer unsre alltägliche Mahlzeit, zähes Fleisch und Reis, und redeten stumpf und wenig. Fern im Osten standen mächtige Rauchwolken, von Feuer durchglüht. Der Feind verbrannte auf seinem Rückzug in die Wüste die spärliche, trockne Weide.
Am andern Tag, vor Mittag, sollten wir an einer Stelle im trocknen Flußbett Wasser finden. Wir fanden auch Löcher; sie waren aber leer. Da stiegen zwanzig Mann hinein und gruben sie tiefer; aber es kam kein Wasser. So konnten wir also weder trinken noch kochen. Auch die Pferde konnten, ungetränkt, nicht weiden; die vertrocknete Schleimhaut konnte das trockne, grobe Gras nicht verarbeiten. Es blieb nichts übrig als weiter zu ziehn. Wir stiegen ab und führten die Pferde und gingen im tiefen Sand und heißer Sonne, mit ausgedorrtem Halse, gegen wehenden Sand an, ein langer, müder Zug. Ab und zu strauchelte ein Pferd; der Reiter riß es hoch und redete ihm zu, freundlich oder barsch. So wurde es Nacht und dunkel. Der Boden wurde steinig und hart, und wir konnten die Spur nicht mehr sehn. Da machten wir Halt, stellten Wachen rund um uns, zündeten einige Feuer an und lagen dumpfschlafend auf der Erde. Die Pferde standen und lagen neben uns an den Feuern.
Gegen Mitternacht stieg langsam der Mond auf über der weiten Steppe. Wir zogen die Wachen ein, sattelten und zogen weiter, und kamen nach drei Stunden zu der Wasserstelle, welche unsre Patrouillen ausgekundschaftet hatten. Der Mondschein war so hell, daß wir schon von weitem die Wasserlöcher sahen, die als dunkle Stellen auf der kalkigweißen, gespenstisch hellen Fläche lagen. Zur Seite standen hier und da einzelne schöne, hohe Bäume. Zwei Termitenhügel standen grau und hellbeschienen unter ihnen. Es sah aus wie ein schön geebneter, marmorbelegter Platz in einem herrlichen Park, Statuen zur Seite unter hohen, stillen Bäumen. Die Pferde hoben die Köpfe; ihr Schritt wurde munterer; die verschlafenen, verfrorenen und verhungerten Reiter wurden lebendig. Nun waren die ersten am ersten Wasserloch. Aber ihre Pferde wandten sich ab und gingen zum zweiten, und gingen zum dritten. Da kamen auch wir heran und spürten den aasigen Geruch, der wie ein böses, schreckliches Ungeheuer platt und gierig auf der ganzen schönen, mondbeschienenen Lichtung lag. Die Löcher waren voll von verwesendem Vieh. Da standen die Pferde mit hängenden Köpfen da, und wir neben ihnen, die aufeinander gelegten Hände aufs Gewehr aufgestützt. Und mancher wankte, verschlafen und ausgehungert, im Stehn.
Wir mußten weiter, den Rest der Nachtkühle auszunutzen. In dieser nächtlichen Stunde hat mancher gedacht: ›Wärst Du zu Hause geblieben! Könntest Du jetzt zu Hause sein; nie wieder gehst Du in die Fremde.‹ Aber sein stolperndes Pferd weckte ihn aus seinem Traum. Und wenn das Pferd nach einigen stolpernden Schritten zitternd stand und dann plötzlich vorn in die Knie fiel und sich stöhnend auf die Seite legte und die nachfolgenden gleichmütig an ihm und seinem liegenden Pferd vorbei weiter zogen und es dann hieß: »Nun, steh nicht so lange! Schnell die Packtasche ab und häng' sie Dir um!«, dann wurde mancher ganz wach; dann hieß es: »Hinter Dir und zu beiden Seiten unter den dürren Büschen trabt und läuft der Tod. Nur nach vorn ist Leben und Heimkehr.« Er bückte sich nach der Packtasche, warf noch einen langen Blick in die Augen seines Pferdes und trabte voran. An der Pad entlang lag eine Menge kleiner, erloschener Feuerstellen; daneben allerlei liegengelassenes Gut, eigenes und gestohlenes, besonders Kleider und Sättel; auch christliche Bücher, welche die Missionare ihnen geschenkt oder verkauft hatten. Der ganze Weg war voll von gefallenem Vieh. Wir hatten den Fluchtweg des Feindes erreicht. Eine Patrouille kam mit der Nachricht, daß unsre andere Abteilung einen Teil des Volkes überrascht, mit Granaten beworfen und auseinander gesprengt hatte.
Am andern Tag erreichten wir endlich eine gute Wasserstelle und vereinigten uns hier mit der andern Abteilung. Vereint wollten wir nun den Feind, der an der nächsten und letzten Wasserstelle saß, angreifen und ihm den Garaus machen. Es war allgemein der Glaube, daß es ein Gefecht werden würde wie das vor vier Wochen, ebenso schwer und verlustreich.
Der General wollte seine Soldaten, die er nun vereint hatte, in Reih und Glied sehn, auch in Erwartung des Gefechts den Geist heben; also befahl er für den andern Tag Parade und Gottesdienst.
Da nahmen wir denn auf der weiten Lichtung Aufstellung: die Reiter, und die zu Fuß gehn mußten, und die Artilleristen bei ihren Kanonen. Die Ochsen, die schwarzen Treiber, die Kapwagen und der Himmel über der weiten Steppe sahen zu. Wir standen schön in Reih und Glied und großartig klang es: »Guten Morgen, Soldaten!« -- »Guten Morgen, Exzellenz!«, aber die Pferde waren mager, zottig und müde; und die Kleider und Stiefel zerrissen; und Hunger und Krankheit stand vielen im Gesicht.
Am Nachmittag um vier traten wir zum Gottesdienst an. Der Pastor war immer bei einer andern Abteilung gewesen, so daß ich ihn erst vor einigen Tagen zum erstenmal gesehn hatte. Er war ein großer, starker Mann und trug die Uniform und die hohen Stiefel wie wir, und saß mit Gewehr und Patronengurt im Sattel. Auch jetzt, da er vor der Kiste stand, die mit einem roten Tuch bedeckt war, trug er die Uniform und die Reiterstiefel; er hatte aber ein goldenes Kreuz vor der Brust hängen und trug am Arm eine blauweiße Binde mit rotem Kreuz. Es wurde zuerst das Lied gesungen: »Wir treten zum Beten vor Gott den Gerechten«; dann fing er an zu sprechen und sagte, ein Naturvolk habe sich gegen die Obrigkeit erhoben, die Gott ihm gesetzt hätte; dazu habe es sich mit entsetzlichem Morden befleckt. Da hätte die Obrigkeit uns das Schwert in die Hand gegeben; das sollten wir morgen wieder brauchen. Möchte jeder von uns als ein braver Soldat es redlich führen. Es wäre eine ernste Stunde; es möchte wohl geschehen, daß der eine oder andre morgen den Abend nicht erlebe. Wir wollten Gottes Angesicht suchen, daß er uns etwas von seiner Heiligkeit und Ewigkeit schenke; dem, der sich ihm ergebe, habe er eine ewige Ruhe und Frieden vorbehalten. Wir merkten, daß es dem Pastor Ernst mit seinen Worten war, und daß er ganz und gar an sie glaubte; und wir wußten alle, es ginge in ein ernstes Gefecht und vielleicht in raschen Tod oder jammervolle Verwundung und traurigen Transport; und dann noch stand uns allen das bevor: schwerer, weiter, mühsamer Weg durch schreckliche Krankheiten und heißen Hunger und quälenden Durst, bis wir wieder nach der fernen Heimat kamen. Darum hörten auch alle mit großem Ernst zu. Dann nahmen wir die Hüte ab zum Gebet.
Abends um zehn Uhr machten wir uns auf. Das Land war leicht wellig, mit dünnem Busch bedeckt. Wir zogen oben auf der Höhe einer Welle entlang und sahen im Mondschein die weichen, schönen Linien der Hügel; unten in der Niederung lief ein breiter, heller Streifen, das Sandbett eines Flusses. Es wurde vier Uhr und es wurde Morgen; vom Feinde war nichts zu sehen. Aber wir dachten: wenn wir die Höhe vor uns erreicht haben, werden wir den Feind sehen. Es ging trotz der heißer werdenden Sonne weiter. Die Spitze erreichte die Höhe und verschwand. Kein Schuß. Die vordere Kompanie erreichte die Höhe. Kein Schuß. Wir sahen, wie die Artilleristen die Staubkappen von den Geschützen nahmen. Weit von vornher fielen einige Schüsse. Nun erreichten auch wir die Höhe. Vom Feinde war nichts zu sehen, als unten in der Ferne eine ungeheure schwere Staubmasse, die rasch durch die Steppe vorwärtszog.
Da war es klar, daß dem stolzen Volke aller Mut und alle Hoffnung vergangen war; daß sie lieber den Tod in der Wüste wollten, als weiter mit uns kämpfen.
Wir ruhten ein wenig an der vom Feinde verlassenen Wasserstelle und an seinen noch brennenden Feuern; dann zogen wir auf müden Pferden weiter. Gegen Abend, als wir am Flusse entlang zogen, kamen wir zu einer Stelle, wo Wasser sein sollte. Wir fanden auch einige alte Wasserlöcher, daneben Hunderte von neuen, welche die Feinde gestern gemacht hatten. Sie waren bis vier Meter tief und tiefer; aber Wasser hatten sie nicht.
Es kam aber die Meldung, daß ungefähr fünf Reitstunden weiter noch eine letzte Wasserstelle wäre, an welcher Haufen Feinde säßen. Da wurde beschlossen, daß wir sie da noch vertreiben müßten und wollten. Wenn wir sie von dort verjagt hatten, dann blieb ihnen nichts weiter als das Sandfeld.
Um ein Uhr in der Nacht traten wir an und zogen, müde Pferde und Reiter, sieben Stunden. Da kamen wir zu der Stelle; aber Wasser war nicht da. Von einer Anhöhe aus sahen wir, wie zwei mächtige Staubwolken eilig nach Osten und Nordosten zogen, hinein in den Dursttod. Aber auch wir waren am Ende. Der vierte Mann war an Ruhr oder Typhus krank; die anderen überangestrengt. Von unseren Pferden waren über die Hälfte gefallen; unsere Kleider und Sättel waren zerrissen. Und wir waren sieben Stunden von der nächsten dürftigen Wasserstelle entfernt und vierundzwanzig von der besseren. Es war die Gefahr nicht fern, daß wir hier am Rande der Wüste hängen blieben. Darum befahl der General, die Verfolgung abzubrechen.
Doch sollten einige Patrouillen versuchen, noch einige Stunden weit vorzustoßen. Es meldeten sich, wie zu allen Patrouillenritten, so auch jetzt zu diesem letzten schweren, Freiwillige genug. Da ich ein guter Reiter war, bekam ich das Pferd eines Unteroffiziers, der eben krank aus dem Sattel geglitten war, und ritt mit der einen Patrouille aus dem Lager. Ein Oberleutnant, der aussah wie ein Gelehrter, führte uns. Wir ritten und ritten; wir rasteten eine Stunde. Dann zogen wir weiter. Wenn wir zehn Minuten schwerfällig getrabt hatten, sprangen wir ab und führten die Pferde, und zwar so, daß einer zwei Pferde zog und der andere sie von hinten her antrieb. So ging es ziemlich rasch vorwärts. Dem Oberleutnant wurde die Stimme in der vertrockneten Kehle heiser von dem Kommandieren: »Absitzen ... Aufsitzen ... Trab!«
Einige Male sahen wir von einer kleinen Erhöhung die Staubmasse, die sich langsam vorwärts schleppte; aber wir kamen ihr wenig näher. Wir dachten, sie sollten rasten; dann wollten wir sie mit unserer letzten Kraft erreichen und durch unsere Erscheinung und unser Gewehrfeuer aufschrecken und noch weiter in die Öde jagen. Die Sonne brannte entsetzlich heiß auf das weite, dürre Land. Mein Hals war so ausgetrocknet, daß ich jedesmal, wenn ich dem Drange zu schlucken folgte, vor Schmerz leise stöhnte. Ich hatte zuweilen ein plötzliches Gefühl der Angst, daß ich aus dieser schrecklich dürren, heißen Luft herausmüßte und weg von dieser stechenden Sonne, sonst würde sich mein Verstand plötzlich, mit einem schrecklichen Aufschrei, verwirren. Ich konnte nicht widerstehen und trank das letzte Wasser im Sack und befeuchtete mit dem feuchten Sack meine brennenden Augen. Bald danach fing einer von uns zwanzig an, im Sattel zu wanken und vor sich hin zu murmeln; als ich mich nach rückwärts umsah, wie es mit den anderen stand, hingen zwei oder drei bleich und stumpf im Sattel, andere ritten mit tiefliegenden geschlossenen Augen. Der Unteroffizier sah mich mit einem Blick an, als wenn er sagen wollte: »Es ist ein Wahnsinn, daß wir noch weiter reiten.«
Gleich darauf ließ der Oberleutnant auch Halt machen und ließ fünf absteigen und sich hinlegen. Wir deckten sie vor der Sonne mit ihren Mänteln zu und zogen weiter. Aber nach ungefähr einer Stunde konnten fünf oder sechs die Pferde nicht mehr führen; die Glieder waren ihnen wie Blei. Zwei zitterten an allen Gliedern und erbrachen sich. Wir ließen sie sich hinlegen und deckten sie zu; sie lagen noch nicht, da schliefen sie schon wie Tote.
Ich merkte, daß der Oberleutnant sich sehr ärgerte, daß er nicht weiter konnte, obgleich er selbst kaum mehr sprechen konnte. Er stand und sah mit dem Glase nach der Anhöhe hinauf, hinter der die Staubwolke verschwunden war -- es lag noch wie ein Dunst über der Höhe --; er wollte gern, daß wir uns da oben zeigten, wenn etwa die Feinde jenseits der Höhe Halt gemacht hätten, in der Hoffnung, die deutschen Truppen wären nun endlich umgekehrt. Ein Schutztruppler, der mit dabei war, trat an ihn heran und sagte, daß er und sein Pferd wohl noch kräftig genug wären, ein bis zwei Stunden zu reiten, zumal es gegen den Abend ginge. Da trat auch ich heran und bot mich an, mit ihnen zu reiten. Wir machten mit den andern ab, daß sie zu den ersten fünf zurückkehren und dort bis zehn Uhr auf uns warten sollten. Kämen wir bis dahin nicht, so sollten sie den Rest der Nachtstunden benutzen, zum Lager zu kommen. Ich hatte die heimliche Meinung, daß die beiden ihren Plan nicht eher aufgeben würden, als bis sie vor Übermüdung zusammenbrächen. Da wollte ich bei ihnen sein; denn ich hielt mich für stärker als sie.
Nach einer halben Stunde machten wir uns auf. Das Führen der Pferde gaben wir auf; wir blieben im Sattel. Nach einer Weile kamen uns drei Kühe entgegen; sie waren entsetzlich mager und brüllten kläglich; dem einen Tier war mit einem Messerschnitt die Seite aufgeschnitten, wohl um das hervorquellende Blut zu trinken. Wir ritten eine Weile weiter; da lag eine Ziege am Weg und neben ihr ein Knabe mit magern, merkwürdig langen Gliedern, als hätten sie sich im Sterben gereckt. Wir bogen kaum aus mit unseren Pferden, daß sie ihn nicht traten; es ist merkwürdig, wie gleichgültig uns Mensch und Menschenleben ist, wenn es von anderer Rasse ist. Nach einer halben Stunde oder mehr näherten wir uns der Höhe; der Schutztruppler ritt voran, das Gewehr zur Hand; der Oberleutnant und ich hinterher. Es ging sehr langsam. Da spähte ich von ungefähr nach einigen Büschen hinüber, die, in einer Entfernung von ungefähr fünfzig Metern, dichter beieinanderstanden als die andern, und sah zwischen und unter den Büschen, Schulter dicht an Schulter, Menschen sitzen in Klumpen, ganz unbeweglich. Einige hatten die Köpfe ganz tief auf der Brust, die Arme lang herabhängend, als wenn sie schliefen; andre saßen an Busch oder Nachbar angelehnt, mit offenem Mund, rasch und trocken atmend und sahen uns mit blöden Augen an; einige, Frauen und Kinder, hatten sich schräg zur Seite auf die Beine und den Schoß der Sitzenden gelegt. Ich hatte den beiden andern leise gesagt, was ich sah; sie warfen einen langen Blick hinüber, sagten aber nichts. Wir ritten weiter. Der Schutztruppler zeigte noch zwei- oder dreimal in die Büsche; ich sah darüber hin. So erreichten wir die Höhe und spähten über die Steppe, die wie ein gelblich graues Meer in unendlicher Weite und lautloser Stille zu unseren Füßen lag. Die langen Strahlen der untergehenden Sonne lagen wie Streifen dünnen hellglänzenden Tuchs drüber.