Part 8
Die Gegend, die unsre Einsiedelei umgibt, ist weites offenes Land, ganz kahl bis an den Horizont hin, nur daß hier und da ein paar verkümmerte Dattelpalmen oder Dornsträucher die Ameisenhügel zu überragen suchen. Jenseits der Felder und tiefer als diese erstreckt sich eine Fläche mit zahllosen Erdhügeln und kleinen Hügelchen von rotem Kies und Kieseln von allen Formen und Farben, die von schmalen Regenrinnen durchschnitten wird. In geringer Entfernung nach Süden zu, nahe beim Dorfe, sieht man durch eine Reihe von Palmen hindurch die stahlblaue Fläche des Wassers glitzern, das sich in einer Vertiefung des Bodens angesammelt hat. Ein Pfad, den die Dorfleute benützen, wenn sie ihre Einkäufe in der Stadt machen, schlängelt sich durch die einsamen Felder und schimmert rötlich in der Sonne. Die Reisenden, die diesen Pfad hinaufkommen, können schon in der Ferne auf dem höchsten Punkt des welligen Hügellandes die Spitze eines Tempels und das Dach eines Gebäudes sehen. Denn hier liegt inmitten von Myrobalanenhainen die Einsiedelei Santi-Niketan, zu der eine Allee von stattlichen Salbäumen hinanführt.
Und hier hat sich nun seit mehr als fünfzehn Jahren die Schule entwickelt. Manchen Wechsel und manche ernste Krisis hat sie erlebt. Da ich den üblen Ruf hatte, ein Dichter zu sein, wurde es mir sehr schwer, das Vertrauen meiner Landsleute zu gewinnen und dem Verdacht der Bureaukratie zu entgehen. Wenn ich am Ende einen gewissen Erfolg hatte, so liegt es daran, daß ich ihn nie erwartete, sondern meinen eigenen Weg ging, ohne auf Beifall, Rat oder Hilfe von außen zu warten. Meine Mittel waren außerordentlich gering, da das Unternehmen mich tief in Schulden gestürzt hatte. Aber diese Armut selbst gab mir Kraft und lehrte mich, mein Vertrauen auf die Macht der Idee zu setzen, statt auf äußere Hilfsmittel.
Da die Entwicklung der Schule meine eigene Entwicklung bedeutete und nicht die bloße Verwirklichung meiner Theorien, so wandelten sich ihre Ideale auch während ihres Reifens, wie eine reifende Frucht nicht nur größer wird und sich tiefer färbt, sondern auch in der Beschaffenheit ihres Fleisches Veränderungen erfährt. Als ich anfing, hatte ich die Idee, daß ich einen wohltätigen Zweck verfolgte. Ich arbeitete angestrengt; doch die einzige Befriedigung, die ich hatte, war, daß ich mir ausrechnete, welche Opfer an Geld und Kraft und Zeit ich brachte, und dabei meine unermüdliche Güte bewunderte. Aber was dabei herauskam, hatte wenig Wert. Ich baute nur immer ein System auf das andere auf, um nachher alles wieder umzureißen. So tat ich im Grunde nichts anderes, als meine Zeit ausfüllen; was ich schuf, war innerlich leer. Ich weiß noch, wie ein alter Schüler meines Vaters kam und zu mir sagte: »Was ich hier sehe, ist wie ein Hochzeitssaal, wo alles bereit ist, nur der Bräutigam fehlt.« Der Fehler, den ich gemacht hatte, war, daß ich meinte, mein eigener Zweck sei dieser Bräutigam. Aber allmählich fand mein Herz diesen Mittelpunkt. Er war nicht in der Arbeit, nicht in meinen Wünschen, sondern in der Wahrheit. Ich saß allein auf der oberen Terrasse des Hauses Santi-Niketan und schaute auf die Baumwipfel der Salallee vor mir. Ich löste mein Herz los von meinen eigenen Plänen und Berechnungen, von den Kämpfen des Tages, und hob es schweigend hinauf zu dem, dessen Gegenwart und Frieden den Himmel durchflutete, und allmählich wurde mein Herz von ihm erfüllt. Ich begann, die Welt rings um mich her mit den Augen meiner Seele zu sehen. Die Bäume erschienen mir wie stille Lobgesänge, die aus dem stummen Herzen der Erde aufstiegen, und das Rufen und Lachen der Knaben, das durch die Abendluft zu mir herauftönte, erklang mir wie ein Quell von lebendigen Tönen, der aus der Tiefe des Menschenlebens aufstieg. Ich vernahm die Botschaft in dem Sonnenlicht, das meine Seele in ihrer Tiefe berührte, und ich fühlte ein süßes Gestilltsein in den Lüften, die das Wort des alten Meisters zu mir sprachen: »_Ko hy evānyāt kaḥ prānyāt yady eṣa ākāśa ānando na syāt._«[15] »Wer könnte je in dieser Welt leben und hoffen und streben, wenn der Raum nicht mit Liebe gefüllt wäre.« Und als ich dann den Kampf um Erfolg und meinen Ehrgeiz, andern wohlzutun, aufgab und das eine, was not tut, begriff; als ich fühlte, daß der, der sein eigenes Leben in Wahrheit lebt, das Leben der ganzen Welt lebt, da klärte sich die trübe Atmosphäre äußeren Kampfes, und die natürliche Schöpferkraft brach sich Bahn zum Kern aller Dinge. Und wenn es jetzt noch mancherlei Oberflächliches und Wertloses im Betrieb unsrer Anstalt gibt, so hat es seine Ursache in dem Mißtrauen gegen den Geist, das uns noch immer anhaftet, in der unausrottbaren Überzeugung von unsrer eigenen Wichtigkeit, in der Gewohnheit, die Ursache unserer Fehlschläge anderswo als bei uns zu suchen, und in dem Bestreben, alle Lockerheit und Schlaffheit in unsrer Arbeit dadurch wieder gutzumachen, daß wir die Schrauben der Organisation fester anziehen. Aus eigener Erfahrung weiß ich, daß da, wo der Eifer, andere zu belehren, allzu groß ist, besonders wenn es sich um geistige Dinge handelt, das Ergebnis dürftig und nicht ganz wahr ist. Alle Heuchelei und Selbsttäuschung bei unsern religiösen Überzeugungen und Übungen sind die Folge von dem Übereifer geistlicher Mentoren. Auf geistigem Gebiet ist Erwerben und Spenden eins; wie die Lampe andern Licht gibt, sobald sie selbst leuchtet. Wenn ein Mensch es zu seinem Beruf macht, seinen Mitmenschen Gott zu predigen, so wird er viel mehr Staub aufwirbeln, als zur Wahrheit führen. Religion läßt sich nicht in der Form von Unterricht mitteilen, sondern nur durch religiöses Leben selbst. So bewährt sich das Ideal der Waldkolonie jener Gottsucher auch heute noch als die wahre Schule religiösen Lebens. Religion ist nicht etwas, was man in Stücke zerlegen und in bestimmten Wochen- oder Tagesrationen austeilen kann als eins der verschiedenen Fächer des Schulprogramms. Sie ist die Wahrheit unsres ganzen Seins, das Bewußtsein unsrer persönlichen Beziehung zum Unendlichen; sie ist der wahre Schwerpunkt unsres Lebens. Sie kann uns in unsrer Kindheit zuteil werden, wenn wir ganz an einem Orte leben, wo die Wahrheit der geistigen Welt nicht durch eine Menge von Notwendigkeiten verdunkelt wird, die sich Bedeutung anmaßen; wo das Leben einfach ist und reich an Muße, an Raum und reiner Luft und an dem tiefen Frieden der Natur, und wo die Menschen in festem Glauben den Blick auf das Ewige gerichtet haben.
Nun wird man mich fragen, ob ich in meiner Schule das Ideal erreicht habe. Ich muß darauf antworten, daß die Erreichung unsrer höchsten Ideale sich schwer nach äußern Maßstäben messen läßt. Ihre Wirkung läßt sich nicht gleich an Resultaten nachweisen. Wir tragen in unsrer Einsiedelei den Ungleichheiten und Mannigfaltigkeiten des menschlichen Lebens in vollem Maße Rechnung. Wir versuchen nie, eine Art äußere Gleichförmigkeit zu erzielen, indem wir die Verschiedenheiten der Anlage und Erziehung unsrer Schüler auszurotten suchen. Einige von uns gehören zur Sekte des Brāhma Samādsch, einige zu andern Hindu-Sekten, und einige von uns sind Christen. Da wir uns nicht mit Bekenntnissen und Dogmen beschäftigen, entstehen aus der Verschiedenheit unsres religiösen Glaubens durchaus keine Schwierigkeiten. Auch weiß ich, daß das Gefühl von Ehrfurcht für das Ideal dieser Schule und für das Leben, das wir hier führen, unter denen, die sich in dieser Einsiedelei versammelt haben, an Ernst und Tiefe sehr verschieden ist. Ich weiß, daß unsre Begeisterung für ein höheres Leben doch noch immer nicht weit hinausgekommen ist über unser Trachten nach weltlichen Gütern und weltlichem Ruhm. Und doch bin ich vollkommen gewiß und habe zahlreiche Beweise dafür, daß das Ideal unsrer Einsiedelei von Tag zu Tag immer mehr in unsrer Natur Wurzel faßt. Ohne daß wir es merken, werden die Saiten unsres Lebens zu immer reinerem, seelenvollerem Klang gestimmt. Was es auch war, das uns zuerst hierher führte, durch alle Disharmonie tönt doch unaufhörlich der Ruf: _śāntam, śivam, advaitam_ -- du Gott des Friedens, Allgütiger, Einziger! Die Luft scheint hier von der Stimme des Unendlichen erfüllt, die dem Frieden des frühen Morgens und der Stille der Nacht tiefen Sinn gibt und durch die weißen Scharen von _shiuli_-Blumen im Herbst und _mālatī_-Blumen im Sommer das Evangelium von der Schönheit predigt, die anbetend sich selbst als Opfer darbringt.
Es ist schwer für die, die nicht Inder sind, sich klar zu machen, welche Vorstellungen sich alle mit dem Wort _āśrama_, Waldheiligtum, verbinden. Denn es blühte wie die Lotusblume in Indien unter einem Himmel, der freigebig ist mit Sonnenlicht und Sternenglanz. Indiens Klima ruft uns ins Freie; die Stimme seiner mächtigen Ströme ertönt in feierlichem Gesang; die endlose Weite seiner Ebenen umgibt unsre Heimstätten mit dem Schweigen einer andern Welt; die Sonne steigt am Rand der grünen Erde auf wie eine Opferflamme, die das Unsichtbare auf dem Altar des Unbekannten entzündet, und sie steigt am Abend im Westen herab wie ein prächtiges Freudenfeuer, mit dem die Natur das Ewige begrüßt. In Indien ist der Schatten der Bäume gastlich, der Staub der Erde streckt seine braunen Arme nach uns aus, die Luft schlägt liebend ihren warmen Mantel um uns. Das sind die unwandelbaren Tatsachen, die immer wieder zu unsrer Seele sprechen, und daher empfinden wir es als Indiens Aufgabe, durch diese Verbundenheit mit der Seele der Welt die menschliche Seele als eins mit der göttlichen Seele zu erkennen. Diese Aufgabe hat in den Waldschulen der alten Zeit ihre natürliche Form gefunden. Und sie treibt uns an, das Unendliche in allen Gestalten der Schöpfung, in den Beziehungen menschlicher Liebe zu suchen; es zu fühlen in der Luft, die wir atmen, in dem Licht, dem wir unsre Augen öffnen, im Wasser, in dem wir baden, in der Erde, auf der wir leben und sterben. Daher weiß ich -- und weiß es aus eigener Erfahrung --, daß die Schüler und Lehrer, die sich in dieser Einsiedelei zusammengefunden haben, an Freiheit des Geistes täglich wachsen und immer mehr eins werden mit dem Unendlichen, nicht durch irgendwelchen Unterricht oder äußere Übungen, sondern kraft der unsichtbaren geistigen Atmosphäre, die diesen Ort umgibt, und des Andenkens an einen frommen Mann, der hier in inniger Gemeinschaft mit Gott lebte.
Ich hoffe, es ist mir gelungen, darzulegen, wie das bewußte Streben, das mich leitete, als ich meine Schule in der Einsiedelei gründete, allmählich seine Selbständigkeit verlor und eins wurde mit dem Streben, das die Seele dieses Ortes ist. Mit einem Wort: mein Werk erhielt seine Seele durch den Geist der Einsiedelei. Aber diese Seele hat ohne Zweifel ihre äußere Gestalt in der Einrichtung der Schule. Und ich habe alle diese Jahre hindurch versucht, in dem Lehrsystem dieser Schule meine Erziehungstheorie zu verwirklichen, die sich auf meine Erfahrung von der Kindesseele gründet.
Ich glaube, wie ich schon vorher andeutete, daß das unbewußte Empfinden bei den Kindern viel tätiger ist als das bewußte Denken. Eine große Menge der wichtigsten Lehren ist uns durch jenes vermittelt. Die Erfahrungen zahlloser Generationen sind uns durch seine Wirksamkeit in Fleisch und Blut übergegangen, nicht nur ohne uns zu ermüden, sondern so, daß sie uns froh machten. Diese unterbewußte Fähigkeit des Gewahrwerdens ist ganz eins mit unserm Leben. Sie ist nicht wie eine Laterne, die man von außen anzündet und putzt, sondern wie das Licht, das der Glühwurm durch die Ausübung seiner Lebensfunktionen erzeugt.
Zu meinem Glück wuchs ich in einer Familie auf, wo der Sinn für Literatur, Musik und Kunst instinktiv geworden war. Meine Brüder und Vettern lebten im freien Reich der Gedanken, und die meisten von ihnen hatten natürliche künstlerische Anlagen. Durch solche Umgebung angeregt, begann ich früh zu denken und zu träumen und meine Gedanken zum Ausdruck zu bringen. In bezug auf religiöse oder soziale Anschauungen war unsre Familie frei von aller Konvention, da sie wegen ihrer Abweichung von orthodoxen Glaubenslehren und Sitten von der Gesellschaft in den Bann getan war. Dies machte uns furchtlos in unsrer geistigen Freiheit, und wir wagten neue Versuche auf allen Gebieten des Lebens. So war die Erziehung, die ich in meiner frühesten Kindheit hatte, Freiheit und Freude in der Übung meiner geistigen und künstlerischen Kräfte. Und weil dies meinem Geist lebhaft zum Bewußtsein brachte, wo sein natürlicher Nährboden war, wurde die Schleifmühle des Schulbetriebes so unerträglich für mich.
Diese Erfahrung aus meiner frühen Kindheit war alles, was ich an Schulerfahrung hatte, als ich an mein Unternehmen ging. Ich fühlte, daß das Wichtigste und Notwendigste nicht die äußere Lehrmethode, sondern der lebendige Odem der Kultur selbst war. Zum Glück für mich gewann Satish Chandra Roy, ein hochbegabter junger Student, der sich auf sein Staatsexamen vorbereitete, lebhaftes Interesse für meine Schule und machte es sich zur Lebensaufgabe, meine Idee auszuführen. Er war erst neunzehn Jahre alt, aber ein Mensch von hohem Geistesfluge, mit einer für alles Große und Schöne wunderbar empfänglichen Seele. Er war ein Dichter, der sicher unter den Unsterblichen der Weltliteratur seinen Platz gefunden hätte, wenn er am Leben geblieben wäre; aber er starb schon mit zwanzig Jahren und konnte so unsrer Schule seine Kraft nur ein kurzes Jahr lang widmen. Bei ihm hatten die Knaben nie das Gefühl, auf ihr Unterrichtsfach beschränkt zu sein, sondern es war, als öffnete er ihnen alle Tore der Welt. Mit ihm gingen sie in den Wald, wenn im Frühling die Salbäume in voller Blüte standen; dann deklamierte er ihnen, ganz berauscht von Begeisterung, seine Lieblingsgedichte. Er las ihnen Shakespeare und selbst Browning -- denn er war ein großer Verehrer Brownings -- und erläuterte ihnen mit wunderbarer Kraft des Ausdrucks die Dichtungen in bengalischer Sprache. Niemals zweifelte er an der Verständnisfähigkeit der Knaben, er sprach und las ihnen über jeden Gegenstand, der ihn selbst interessierte. Er wußte, daß es durchaus nicht nötig war, daß die Schüler alles wörtlich und genau verstanden, sondern daß ihr Geist aufgerüttelt und ihre Seelen geweckt wurden, und dies gelang ihm immer. Er war nicht, wie andre Lehrer, ein bloßer Vermittler von Bücherwissen. Er gestaltete seinen Unterricht persönlich, er schöpfte aus seiner eigenen Tiefe, und daher war das, was er den Schülern bot, lebendige Nahrung, die die lebendige menschliche Natur sich leicht aneignet. Der wahre Grund seines Erfolges war seine intensive Teilnahme an dem Leben, an den Ideen, an allem um ihn her, vor allem an den Knaben, die mit ihm in Berührung kamen. Er schöpfte seine Begeisterung nicht aus Büchern, sondern aus der unmittelbaren Berührung seiner empfänglichen Seele mit der Welt. Der Wechsel der Jahreszeiten hatte auf ihn dieselbe Wirkung wie auf die Pflanzen. Er schien in seinem Blut die unsichtbaren Boten der Natur zu spüren, die immer durch den Weltenraum eilen, in der Luft schweben, am Himmel schimmern und aus den Wurzeln der Grashalme aus der Erde herauftönen. Seine Literaturstudien hatten nicht den Modergeruch der Bibliothek an sich. Er hatte die Gabe, die Ideen so greifbar deutlich und lebendig vor sich zu sehen, wie er seine Freunde sah.
So hatten die Knaben unsrer Schule das seltene Glück, ihren Unterricht von einem lebendigen Lehrer und nicht aus Büchern zu erhalten. Haben nicht unsre Bücher, wie die meisten Dinge des täglichen Gebrauchs, sich zwischen uns und unsre Welt gestellt? Wir haben uns gewöhnt, die Fenster unsres Geistes mit ihren Seiten zu verdecken und Bücherphrasen als Pflaster auf unsre geistige Haut zu kleben, so daß sie für jede direkte Berührung der Wahrheit unempfindlich geworden ist. Wir haben uns aus einer ganzen Welt von Bücherweisheit eine Festung gebaut mit hohen Ringmauern, wohinter wir uns verschanzt haben und vor der Berührung mit Gottes Schöpfung sicher sind. Gewiß würde es töricht sein, den Wert von Büchern im allgemeinen zu bestreiten. Aber man muß auch zu gleicher Zeit zugeben, daß Bücher ihre Grenzen und ihre Gefahren haben. Jedenfalls sollten den Kindern in den ersten Jahren ihrer Erziehung die Wahrheiten, die sie zu lernen haben, auf natürlichem Wege, das heißt durch die Menschen und die Dinge selbst vermittelt werden.
Da ich hiervon überzeugt bin, habe ich alles, was ich konnte, getan, um in unsrer Einsiedelei eine geistige Atmosphäre zu schaffen. Ich mache Lieder, aber ich mache sie nicht eigens für die Jugend zurecht. Es sind Lieder, die ein Dichter sich zu seiner eigenen Freude singt. So sind die meisten meiner Gitanjali-Lieder hier entstanden. Diese Lieder singe ich, so wie sie mir erblühen, den Knaben vor, und sie kommen scharenweise, um sie zu lernen. Sie singen sie in ihren Mußestunden, in Gruppen unter freiem Himmel sitzend, in Mondscheinnächten oder im Schatten der drohenden Juliwolken. Alle meine späteren Dramen sind hier entstanden und unter Teilnahme der Knaben aufgeführt. Ich habe ihnen lyrische Dramen für ihre Jahresfeste geschrieben. Sie dürfen immer dabei sein, wenn ich den Lehrern irgend etwas von meinen neuen Sachen in Prosa oder Versen vorlese, welchen Inhalts es auch sei. Und von dieser Erlaubnis machen sie Gebrauch, ohne daß der geringste Druck auf sie ausgeübt wird, ja, sie sind sehr traurig, wenn sie nicht aufgefordert werden. Einige Wochen vor meiner Abreise von Indien las ich ihnen Brownings Drama »Luria« und übertrug es, während ich las, ins Bengalische. Es nahm zwei Abende in Anspruch, aber die zweite Versammlung war ebenso zahlreich wie die erste. Wer gesehen hat, wie diese Knaben ihre Rollen spielen, ist überrascht, wie stark sie als Schauspieler wirken. Das kommt daher, weil sie nie eigentlichen Unterricht in dieser Kunst gehabt haben. Sie erfassen instinktiv den Geist der Dichtung, obgleich diese Dramen keine bloßen Schuldramen sind und ein feines Verständnis und Mitempfinden erfordern. Bei aller Ängstlichkeit und überkritischen Empfindlichkeit, die ein Dichter der Aufführung seines Stückes gegenüber hat, war ich nie enttäuscht von meinen Schülern, und ich habe selten einem Lehrer erlaubt, die Knaben in ihrer eigenen Darstellung der Charaktere zu stören. Häufig schreiben sie selbst Stücke oder improvisieren sie, und dann werden wir zu der Aufführung eingeladen. Sie haben ihre literarischen Vereine und haben mindestens drei illustrierte Zeitschriften, die von drei Gruppen der Schule geleitet werden. Die interessanteste dieser Zeitschriften ist die der »Kleinen«. Eine ganze Anzahl unsrer Schüler haben ein beachtenswertes Talent für Zeichnen und Malerei gezeigt. Wir entwickeln dies Talent nicht mit Hilfe der alten, hier in den Schulen noch immer üblichen Kopiermethode, sondern lassen die Schüler ihrer eigenen Neigung folgen und helfen ihnen nur dadurch, daß wir hin und wieder Künstler zu uns einladen, die die Knaben durch ihre eigenen Arbeiten anregen und begeistern.
Als ich meine Schule anfing, zeigten die Knaben keine besondere Liebe zur Musik. Daher stellte ich zuerst noch keinen Musiklehrer an und zwang die Knaben nicht, Musikstunden zu nehmen. Ich sorgte nur für Gelegenheiten, wo die, die für diese Kunst begabt waren, sie üben und zeigen konnten. Dies hatte die Wirkung, daß das Ohr der Knaben sich unbewußt übte. Und als nach und nach die meisten von ihnen große Neigung und Liebe zur Musik zeigten und ich sah, daß sie bereit sein würden, regelrechten Unterricht darin zu nehmen, berief ich einen Musiklehrer.
In unsrer Schule stehen die Knaben des Morgens sehr früh auf, bisweilen vor Tagesanbruch. Sie besorgen selbst das Wasser für ihr Bad. Sie machen ihre Betten. Sie tun alle die Dinge, die den Geist der Selbsthilfe in ihnen entwickeln.
Ich glaube an den Wert regelmäßiger religiöser Betrachtung, und ich setze morgens und abends eine Viertelstunde dafür an. Ich halte darauf, daß diese Zeit innegehalten wird, ohne jedoch von den Knaben zu erwarten, daß sie so tun, als ob sie in religiöse Betrachtungen versenkt wären. Aber ich verlange, daß sie still sind, daß sie Selbstbeherrschung üben, wenn sie auch, statt an Gott zu denken, die Eichhörnchen beobachten, die die Bäume hinauflaufen.
Jede Schilderung solcher Schule kann nicht anders als unzulänglich sein. Denn das Wichtigste von ihr ist ihre Atmosphäre und die Tatsache, daß es keine Schule ist, die den Knaben von autokratischen Behörden aufgezwungen ist, in der sie ihr eigenes Leben leben sollen. Sie nehmen teil an der Schulverwaltung, und in Straffällen verlassen wir uns meistens auf ihren eigenen Gerichtshof.
Zum Schluß möchte ich meine Zuhörer warnen, ein falsches oder übertriebenes Bild von dieser Einsiedelei mit nach Hause zu nehmen. Wenn man so seine Ideen vorträgt, so erscheinen sie ganz einfach und vollkommen. Aber ihre Verkörperung in der Wirklichkeit ist nicht so klar und vollkommen, weil das Material lebendig und mannigfach und immer wechselnd ist. Es treten uns Hindernisse entgegen sowohl in der menschlichen Natur wie in den äußeren Umständen. Einige von uns vergessen nur zu leicht, daß die Geister der Knaben lebendige Organismen sind, und andere sind von Natur geneigt, das Gute mit Gewalt durchsetzen zu wollen. Die Knaben ihrerseits sind nicht alle in gleichem Maße empfänglich, und so haben wir manchen Mißerfolg zu verzeichnen. Vergehen treten unerwartet auf, die uns an der wirkenden Kraft unsrer Ideale zweifeln lassen. Es kommen trübe Zeiten, voll von Rückschlägen und Zweifeln. Aber dies Schwanken und diese Konflikte gehören nun einmal zum wahren Bilde des wirklichen Lebens. Lebendige Ideale können nicht als Uhrwerk aufgezogen werden, das nun jede Sekunde genau angibt. Und wer den festen Glauben an ein Ideal hat, muß die Wahrheit desselben dadurch beweisen, daß er sich durch die niemals ausbleibenden Widerstände und Mißerfolge nicht vom Wege abbringen läßt. Ich für mein Teil halte mehr von dem Prinzip des Lebens, von der Seele des Menschen, als von Methoden. Ich glaube, daß das Ziel der Erziehung die sittliche Freiheit ist, die nur auf dem Wege der Freiheit erreicht werden kann, obgleich die Freiheit ihre Gefahren und ihre Verantwortung hat, wie das Leben überhaupt sie hat. Ich weiß gewiß, wenn auch die meisten Menschen es vergessen zu haben scheinen, daß Kinder lebendige Wesen sind, lebendiger als Erwachsene, die schon in einer Rinde von Gewohnheiten stecken. Daher ist es für ihre geistige Gesundheit und Entwicklung unbedingt nötig, daß man sie nicht in Schulen steckt, deren einziger Zweck der Unterricht ist, sondern daß sie in einer Welt leben, deren leitender Geist die persönliche Liebe ist. Solch eine Welt ist die Einsiedelei, der _āśrama_, wo die Menschen sich im Frieden der Natur zu dem höchsten Lebensziel vereint haben; wo sie sich nicht nur frommen Betrachtungen hingeben, sondern auch mit offenen Augen in die Welt schauen und tätig wirkend in ihr schaffen; wo man den Schülern nicht unausgesetzt den Glauben beibringt, daß die Selbstvergötterung der Nation das höchste Ideal für sie ist; wo sie begreifen lernen, daß diese Menschenwelt Gottes Königreich ist, dessen Bürger zu werden sie streben sollen; wo Sonnenauf- und -untergang und die stille Herrlichkeit der Sterne nicht täglich unbeachtet bleiben; wo der Mensch freudig teilnimmt an den Festen, die die Natur mit ihren Blüten und Früchten feiert, und wo jung und alt, Lehrer und Schüler sich an denselben Tisch setzen und das tägliche Brot wie das Brot des Lebens miteinander teilen.
RELIGIÖSE BETRACHTUNG
Es gibt Dinge, die wir von außen bekommen und als Besitz an uns nehmen. Aber mit der religiösen Betrachtung ist es umgekehrt. Hier treten wir mitten in eine große Wahrheit ein und werden von ihr in Besitz genommen.
Laßt uns im Gegensatz dazu sehen, was Reichtum ist. Geld repräsentiert eine entsprechende Summe von Arbeit. Vermittelst des Geldes kann ich die Arbeit vom Menschen loslösen und sie in mein Eigentum verwandeln. Ich erwerbe sie von außen und wandle sie in eigene Kraft um.