Persönlichkeit

Part 7

Chapter 73,705 wordsPublic domain

Daher sollte man dem Menschen in seiner Kindheit sein volles Maß vom Trunk des Lebens geben, nach dem ihn so unaufhörlich dürstet. Das junge Gemüt sollte ganz von dem Gefühl durchdrungen werden, daß es hineingeboren ist in eine Menschenwelt, die in Harmonie ist mit der umgebenden Welt. Und dies gerade ist es, was unsere herkömmliche Schule mit überlegener Weisheitsmiene streng und hochmütig übersieht. Sie reißt die Kinder mit Gewalt aus einer Welt, die voll ist von dem geheimnisvollen Wirken Gottes, voll von Hindeutungen auf persönliches Leben. Aus bloßen Gründen der Schulzucht weigert sie sich, das einzelne Kind zu berücksichtigen. Sie ist eine Fabrik, die eigens dazu eingerichtet ist, Waren von möglichst gleichförmigem Schliff herzustellen. Sie zieht eine gerade Linie nach dem Durchschnittsmaß, und dieser Linie folgt sie, wenn sie die Kanäle des Unterrichts gräbt. Aber das Leben hält sich nicht an die gerade Linie, es hat seinen Spaß daran, mit dieser Durchschnittslinie auf- und abzuwippen, und lädt so den Zorn der Schule auf sein Haupt. Denn nach der Auffassung der Schule ist das Leben vollkommen, wenn es sich behandeln läßt, als ob es tot sei, so daß man es nach Belieben symmetrisch zerlegen kann. Das war es, worunter ich litt, als ich zur Schule geschickt wurde. Denn plötzlich entwich meine Welt rings um mich her und machte hölzernen Bänken und geraden Wänden Platz, die mich mit dem leeren Blick des Blinden anstarrten. Der Schulmeister hatte mich nicht geschaffen, das Unterrichtsministerium war nicht zu Rate gezogen, als ich in diese Welt kam. Aber war das ein Grund, das Versehen meines Schöpfers an mir zu rächen?

Doch die Sage lehrt uns ja, daß man nicht im Paradiese bleiben darf, wenn man vom Baum der Erkenntnis ißt. Daher müssen die Kinder der Menschen aus ihrem Paradiese in ein Reich des Todes verbannt werden, in dem der Geist der Uniform herrscht. So mußte mein Geist sich in die enge Hülle der Schule zwängen lassen, die wie die Schuhe der Chinesin meine Natur bei jeder Bewegung überall drückte und quetschte. Ich war glücklich genug, mich ihrer zu entledigen, bevor mein Gefühl ganz abstarb.

Obgleich ich nicht die volle Bußzeit abzudienen brauchte, die die Menschen meines Standes auf sich nehmen müssen, um Zutritt zu der Gesellschaft der Gebildeten zu erlangen, so bin ich doch froh, daß mir ihre Plage nicht ganz erspart blieb. Denn so habe ich an mir selbst das Unrecht erfahren, das die Kinder der Menschen erleiden.

Die Ursache dieses Unrechts ist, daß der Erziehungsplan der Menschen dem Plan Gottes zuwiderläuft. Wie wir unsre Geschäfte betreiben, ist unsre Sache, und daher können wir in unserm Geschäftsbureau schaffen und wirken, wie es unserm besonderen Zweck entspricht. Aber solch ein Geschäftsbetrieb paßt nicht für Gottes Schöpfung. Und die Kinder sind Gottes eigene Schöpfung.

Wir sind in diese Welt gekommen, nicht nur, daß wir sie kennen, sondern daß wir sie bejahen. Macht können wir durch Wissen erlangen, aber zur Vollendung gelangen wir nur durch die Liebe. Die höchste Erziehung ist die, welche sich nicht damit begnügt, uns Kenntnisse zu vermitteln, sondern die unser Leben in Harmonie bringt mit allem Sein. Aber wir finden, daß man diese Erziehung zur Harmonie in den Schulen nicht nur systematisch außer acht läßt, sondern daß man sie konsequent unterdrückt. Von klein auf werden wir so erzogen und unterrichtet, daß wir der Natur entfremdet und unsre innere und äußere Welt in Gegensatz zueinander gestellt werden. So wird die höchste Erziehung, die Gott uns bestimmte, vernachlässigt, und man nimmt uns unsre Welt, um uns dafür einen Sack voll Wissen zu geben. Wir berauben das Kind seiner Erde, um es Erdkunde zu lehren, seiner Sprache, um es Grammatik zu lehren. Es hungert nach Heldengeschichten, aber man gibt ihm nüchterne Tatsachen und Daten. Es wurde in die Menschenwelt geboren, aber es wird in die Welt lebender Grammophone verbannt, um für die Erbsünde, in Unwissenheit geboren zu sein, zu büßen. Die Natur des Kindes lehnt sich mit der ganzen Kraft des Leidens gegen solch Elend auf, bis sie schließlich durch Strafen zum Schweigen gebracht wird.

Wir alle wissen, Kinder lieben den Staub der Erde; Leib und Seele dieser kleinen Geschöpfe dürsten nach Luft und Sonnenschein wie die Blumen. Sie sind immer bereit, den Einladungen zu unmittelbarem Verkehr zu folgen, die fortwährend aus der Welt an ihre Sinne gelangen.

Aber zum Unglück für die Kinder leben ihre Eltern in ihrer eigenen Welt von Gewohnheiten, wie sie ihr Beruf und die gesellschaftliche Tradition mit sich gebracht haben. Das läßt sich in mancher Beziehung nicht ändern. Denn die Menschen sind durch die Verhältnisse und durch das Bedürfnis nach sozialer Gleichförmigkeit gezwungen, sich nach einer bestimmten Richtung hin zu entwickeln.

Aber unsre Kindheit ist die Zeit, wo wir noch frei sind -- oder sein sollten -- frei von dem Zwang, uns innerhalb der engen Grenzen zu entwickeln, welche berufliche und gesellschaftliche Konventionen aufgerichtet haben.

Ich erinnere mich noch sehr gut, welch unwilliges Erstaunen ein erfahrener Schuldirektor, der den Ruf hatte, vorzügliche Disziplin zu halten, zeigte, als er sah, wie einer meiner Schüler auf einen Baum kletterte, um oben auf der Gabelung eines Astes seine Aufgaben zu lernen. Ich mußte ihm zur Erklärung sagen: die Kindheit ist die einzige Zeit, wo ein zivilisierter Mensch noch die Wahl hat zwischen den Zweigen eines Baumes und einem Wohnzimmerstuhl; sollte ich, weil mir als einem Erwachsenen dies Vorrecht versagt ist, es darum dem Knaben rauben? Überraschend ist es, daß derselbe Direktor ganz damit einverstanden war, daß die Knaben Botanik studierten. Er legt Gewicht auf eine unpersönliche Kenntnis von dem Baume, weil das Wissenschaft ist, aber er hält nichts von einer persönlichen Bekanntschaft mit ihm.

Diese wachsende Erfahrung bildet allmählich den Instinkt, der das Ergebnis der Methode ist, nach welcher die Natur ihre Geschöpfe lehrt. Die Knaben meiner Schule haben eine instinktive Kenntnis von der äußeren Erscheinung des Baumes gewonnen. Durch die leiseste Berührung wissen sie, wo sie auf einem scheinbar ungastlichen Baumstamm Fuß fassen können; sie wissen, wie weit sie sich auf die Zweige wagen dürfen, wie sie ihr Körpergewicht verteilen müssen, um den jungen Ästen nicht zu schwer zu werden. Meine Schüler verstehen es, den Baum auf die bestmögliche Weise zu benutzen, sei es nun, daß sie seine Früchte pflücken, auf seinen Zweigen ausruhen oder sich vor unerwünschten Verfolgern in ihnen verbergen. Ich selbst bin in einem gebildeten städtischen Heim aufgewachsen und habe mich mein ganzes Leben lang so benehmen müssen, als ob ich in einer Welt lebte, in der es keine Bäume gäbe. Daher betrachte ich es als einen Teil meiner Erziehungsaufgabe, meinen Schülern in vollem Maße begreiflich zu machen, daß Bäume in diesem Weltsystem eine wirkliche Tatsache sind, daß sie nicht nur dazu da sind, um Chlorophyll zu erzeugen und die Kohlensäure aus der Luft zu nehmen, sondern daß sie lebendige Wesen sind.

Von Natur sind unsre Fußsohlen so gemacht, daß sie die besten Werkzeuge zum Stehen und Gehen auf der Erde sind. Von dem Tage an, wo wir anfingen, Schuhe zu tragen, setzten wir die Bedeutung unsrer Füße herab. Dadurch, daß wir ihre Verantwortlichkeit verminderten, nahmen wir ihnen ihre Würde, und jetzt lassen sie sich Socken und Pantoffeln von allen Preisen und Formen oder Unformen gefallen. Es ist, als ob wir Gott Vorwürfe machten, daß er uns nicht Hufe gegeben hat, statt der mit schöner Empfindungsfähigkeit ausgestatteten Sohlen.

Ich will gar nicht die Fußbekleidung völlig aus dem Gebrauch der Menschen verbannen. Aber ich möchte doch dafür eintreten, daß man den Fußsohlen der Kinder die Erziehung, die ihnen die Natur kostenlos gibt, nicht vorenthalten soll. Von allen unsern Gliedern sind die Füße am geeignetsten, mit der Erde durch Berührung vertraut zu werden. Denn die Erde hat ihre fein geschwungenen Konturen, die sich nur ihren echten Liebhabern, den Füßen, zum Kusse darbieten.

Ich muß wiederum gestehen, daß ich in einem respektablen Hause aufwuchs, wo meine Füße von klein auf sorgfältig vor der nackten Berührung mit dem Staube gehütet wurden. Wenn ich versuche, es meinen Schülern im Barfußgehen gleichzutun, dann wird es mir schmerzhaft klar, welch dicke Schicht von Unwissenheit in bezug auf die Erde ich unter meinen Füßen trage. Ich suche mit unfehlbarer Sicherheit die Dornen aus, um darauf zu treten, in einer Weise, daß es eine wahre Lust für die Dornen ist. Meinen Füßen fehlt der Instinkt, den Linien zu folgen, die am wenigsten Widerstand bieten. Denn selbst die ebenste Erdfläche hat ihre winzigen Hügel und Täler, die nur fein gebildete Füße spüren. Ich habe mich oft gewundert über das scheinbar zwecklose Zickzack von Wegen, die über vollkommen ebene Felder führten. Und es ist noch unbegreiflicher, wenn man bedenkt, daß ein Fußpfad nicht durch die Laune eines Einzelnen entsteht. Wenn nicht die meisten Fußgänger genau dieselbe Laune hätten, so könnten solche augenscheinlich unzweckmäßigen Steige nicht entstehen. Aber die wahre Ursache liegt in den feinen Eingebungen von seiten der Erde, denen unsre Füße unbewußt folgen. Die, denen solche natürlichen Beziehungen nicht abgeschnitten sind, können die Muskeln ihrer Füße mit großer Schnelligkeit dem geringsten Winke anpassen. So können sie sich gegen das Eindringen von Dornen schützen, selbst wenn sie auf sie treten, und sie können ohne das geringste Unbehagen barfuß über einen Kiesweg gehen. Ich weiß, daß es in der Praxis heutzutage ohne Schuhe, ohne gepflasterte Straßen und ohne Wagen nicht geht. Aber sollte man die Kinder nicht in ihrer Erziehungszeit die Wahrheit erfahren lassen, daß die Welt nicht überall Gesellschaftszimmer ist, daß es so etwas wie Natur gibt, und daß ihre Glieder für den Verkehr mit ihr wunderbar geschaffen sind?

Es gibt Leute, welche glauben, daß ich durch die Einfachheit der Lebensweise, die ich in meiner Schule eingeführt habe, das Ideal der Armut, das das Mittelalter beherrschte, predigen will. Ich kann diesen Gegenstand an dieser Stelle nicht nach allen Seiten erörtern; aber wenn wir ihn vom Standpunkt der Erziehung aus betrachten, müssen wir da nicht zugeben, daß die Armut die Schule ist, in der der Mensch seinen ersten Unterricht und seine beste Erziehung empfängt? Selbst der Sohn eines Millionärs wird in hilfloser Armut geboren und muß die Aufgabe seines Lebens von Anfang an lernen. Er muß gehen lernen wie das ärmste Kind, wenn er auch die Mittel hat, ohne Beine durch die Welt zu kommen. Die Armut bringt uns in die engste Berührung mit dem Leben und der Welt, denn als Reicher leben, heißt meistens durch Stellvertreter leben und infolgedessen in einer Welt von geringerer Wirklichkeit. Dies mag gut sein für unser Vergnügen oder unsren Stolz, aber nicht für unsre Erziehung. Der Reichtum ist ein goldener Käfig, in dem den Kindern der Reichen ihre natürlichen Gaben künstlich ertötet werden. Daher mußte ich in meiner Schule, zum Entsetzen der Leute mit kostspieligen Gewohnheiten, für diese große Lehrmeisterin -- diese Dürftigkeit der Ausstattung -- sorgen, nicht um der Armut selbst willen, sondern weil sie zu persönlicher Welterfahrung führt.

Mein Vorschlag ist, daß jedem Menschen in seinem Leben ein begrenzter Zeitraum vorbehalten sein müßte, wo er in ursprünglicher Einfachheit das Leben des Naturmenschen lebt. Die geschäftigen Kulturmenschen müssen das ungeborene Kind noch in Frieden lassen. Im Leib der Mutter hat es Muße, die erste Entwicklungsstufe vegetativen Lebens durchzumachen. Aber sobald es geboren ist, ausgerüstet mit allen Instinkten für die nächste Stufe, nämlich für das natürliche Leben, da stürzt sich sofort die Gesellschaft mit ihren kultivierten Gewohnheiten darauf und reißt es aus den offenen Armen von Erde, Wasser und Himmel, von Luft und Sonnenlicht. Zuerst sträubt es sich und weint bitterlich, und dann vergißt es allmählich, daß Gottes ganze Schöpfung sein Erbe ist; dann schließt es seine Fenster, zieht die Vorhänge herab und ist stolz auf das, was es auf Kosten seiner Welt und vielleicht gar seiner Seele angehäuft hat.

Die Welt der Zivilisation mit ihren Konventionen und toten Dingen beherrscht die Mitte des täglichen Lebenslaufs. Anfang und Ende desselben sind nicht ihr Reich. Ihre ungeheure Kompliziertheit und ihre Anstandsregeln haben ihren Nutzen. Aber wenn sie sie als Selbstzweck ansieht und es zur Regel macht, daß dem Menschen kein grünes Fleckchen bleibt, wohin er aus ihrem Gebiet von Rauch und Lärm, von drapierter und dekorierter Korrektheit, fliehen kann, dann leiden die Kinder, und bei der Jugend entsteht Weltmüdigkeit, während das Alter es verlernt, in Frieden und Schönheit alt zu werden, und nichts weiter als verfallene Jugend ist, die sich ihrer Löcher und Flicken schämt.

Es ist jedoch gewiß, daß die Kinder, als sie bereit waren, auf dieser Erde geboren zu werden, kein Verlangen hatten nach einer so eingeengten und verhangenen Welt äußeren Anstands. Wenn sie geahnt hätten, daß sie ihre Augen dem Licht nur öffneten, um sich in der Gewalt des Schulbetriebes zu finden, bis sie die Frische ihres Geistes und die Schärfe ihrer Sinne verloren haben, so würden sie es sich noch einmal überlegt haben, bevor sie sich auf die menschliche Lebensbahn wagten. Gottes Einrichtungen haben nicht die Anmaßung spezieller Einrichtungen. Sie haben immer die Harmonie der Ganzheit und des ununterbrochenen Zusammenhanges mit allen Dingen. Was mich daher in meiner Schulzeit quälte, war die Tatsache, daß die Schule nicht die Vollständigkeit der Welt hatte. Sie war eine besondere Einrichtung für den Unterricht. Sie konnte nur für Erwachsene passen, die sich der besonderen Notwendigkeit solcher Orte bewußt und bereit waren, mit dem Unterricht die Trennung vom Leben in den Kauf zu nehmen. Aber Kinder lieben das Leben, und es ist ihre erste Liebe. Es lockt sie mit all seinen Farben und seiner Bewegung. Und sind wir unsrer Weisheit so sicher, wenn wir diese Liebe ersticken? Kinder werden nicht als Asketen geboren, daß sie geeignet wären, sich sogleich der Mönchszucht zu unterwerfen, indem sie ihr Streben ganz auf den Erwerb von Kenntnissen richten. Ihr erstes Wissen sammeln sie durch ihre Liebe zum Leben, dann entsagen sie dem Leben, um Wissen zu erwerben, und endlich kehren sie mit reicher Weisheit zum volleren Leben zurück.

Aber die Gesellschaft hat ihre eigenen Einrichtungen getroffen, um den Geist der Menschen nach ihrem besonderen Muster zuzustutzen. Diese Einrichtungen sind so dicht gefügt, daß es schwer ist, eine Lücke zu finden, wo die Natur hineinkommen kann. Eine ganze Reihenfolge von Strafen droht dem, der es wagt, gegen irgendeine dieser Einrichtungen zu verstoßen, und gelte es auch sein Seelenheil. Daher heißt, die Wahrheit erkennen, noch nicht, sie praktisch anwenden, da der ganze Strom des herrschenden Systems ihr entgegenläuft. So kam es, daß ich bei der Frage, welche Erziehung ich meinem Sohn geben sollte, in Verlegenheit war, wie ich sie praktisch lösen könnte. Das erste, was ich tat, war, daß ich ihn aus der städtischen Umgebung fortnahm und in ein Dorf brachte, wo er, soweit es heutzutage möglich ist, ein Leben in natürlicher Freiheit leben konnte. Da war ein Fluß, der als gefährlich bekannt war; hier konnte er nach Herzenslust schwimmen und rudern, ohne durch die Ängstlichkeit der Erwachsenen gehindert zu werden. Er verbrachte seine Zeit draußen im Feld und auf den unbetretenen Sandbänken, und niemand stellte ihn zur Rede, wenn er zu spät zum Essen kam. Er besaß keinen von jenen Luxusgegenständen, die Knaben seines Standes sonst haben und von denen man meint, daß sie sie anständigerweise haben müssen. Ich bin sicher, daß die Leute, denen die Gesellschaft die Welt bedeutet, ihn wegen dieser Entbehrungen bemitleideten und seine Eltern tadelten. Aber ich wußte, daß Luxusgegenstände für Knaben eine Last sind, die Last der Gewohnheiten anderer, die Last, die sie um des Stolzes und Vergnügens ihrer Eltern willen tragen müssen.

Doch als Einzelner, mit beschränkten Mitteln, konnte ich meinen Erziehungsplan nur zum Teil ausführen. Immerhin hatte mein Sohn Bewegungsfreiheit; es waren nur sehr wenige von den Schranken geblieben, die der Reichtum und die Gesetze äußeren Anstandes zwischen den Menschen und der Natur aufrichten. So hatte er eine bessere Gelegenheit, diese Welt wirklich kennen zu lernen, als ich sie je gehabt habe. Aber eine Frage beschäftigte mich, die mir wichtiger schien als alles andere. Das Ziel der Erziehung ist nicht, dem Menschen einzelne Kenntnisse zu vermitteln, sondern ihn zur Erkenntnis der Wahrheit als Ganzes zu führen. Früher, als das Leben noch einfach war, da waren all die verschiedenen Elemente des Menschen in vollständiger Harmonie. Aber als das Intellektuelle sich vom Seelischen und Physischen trennte, legte die Schulerziehung den ganzen Nachdruck auf die intellektuelle und physische Seite des Menschen. Wir widmen unsre ganze Aufmerksamkeit der Vermittlung von Kenntnissen und bedenken nicht, daß wir durch diese einseitige Ausbildung des Intellekts einen Bruch herbeiführen zwischen dem intellektuellen, physischen und seelischen Leben des Kindes.

Ich glaube an eine geistige Welt, nicht als etwas, was außerhalb dieser Welt ist, sondern als ihre innerste Wahrheit. Mit jedem Atemzuge müssen wir diese Wahrheit fühlen: daß wir in Gott leben. Als Kinder dieser großen Welt, die erfüllt ist von dem Geheimnis des Unendlichen, können wir unser Dasein nicht als eine flüchtige Laune des Zufalls ansehen, das auf dem Strom der Materie einem ewigen Nichts zutreibt. Wir können unser Leben nicht ansehen als Traumgebilde eines Träumers, für den es nie ein Erwachen gibt. Wir sind als Persönlichkeiten geschaffen, für die Stoff und Kraft nichts bedeuten, wenn sie nicht auf eine unendliche Persönlichkeit bezogen werden, deren Natur wir in gewissem Maße wiederfinden in der menschlichen Liebe, in der Größe des Guten, im Martyrium der Heldenseelen, in der unaussprechlichen Schönheit der Natur, die nicht eine rein physische Tatsache, sondern nur der Ausdruck einer Persönlichkeit sein kann.

Die Erfahrung dieser geistigen Welt, die uns nicht zuteil wird, weil wir von klein auf gewöhnt werden, sie zu übersehen, müssen die Kinder dadurch gewinnen, daß sie ganz darin leben; sie kann ihnen nicht durch theologische Belehrung zugänglich gemacht werden. Aber wie dies geschehen soll, ist heutzutage ein schwieriges Problem. Denn die Menschen haben es fertig gebracht, ihre Zeit so zu besetzen, daß sie gar nicht Muße haben, darüber nachzudenken, wie ihre ganze Tätigkeit nur Bewegung ist, ohne wahren Sinn, und wie heimatlos ihre Seele ist.

In Indien halten wir noch die Überlieferung von den Waldkolonien großer Lehrer in hohen Ehren. Diese Orte waren weder Schulen noch Klöster im heutigen Sinn des Wortes. Sie bestanden aus Heimstätten, wo Männer mit ihrer Familie lebten, deren Ziel war, die Welt in Gott zu sehen und ihr eigenes Leben in ihm zu begreifen. Obgleich sie außerhalb der menschlichen Gesellschaft lebten, so waren sie ihr doch, was die Sonne den Planeten ist, der Mittelpunkt, von dem sie Leben und Licht empfing. Und hier wuchsen die Knaben auf im nahen Anschauen des Ewigen, bevor man sie für geeignet hielt, Haupt einer Familie zu werden.

So war im alten Indien Schule und Leben vereinigt. Da wurden die Schüler nicht in der akademischen Atmosphäre von Gelehrsamkeit und Wissenschaft oder in dem verstümmelten Leben mönchischer Abgeschlossenheit erzogen, sondern in der Atmosphäre lebendigen Wirkens und Strebens. Sie brachten das Vieh auf die Weide, sammelten Brennholz, pflückten Obst, waren gütig zu allen Geschöpfen und nahmen zu an Geist zugleich mit ihren Lehrern. Dies war möglich, weil der Hauptzweck dieser Orte nicht der Unterricht war, sondern denen Zuflucht und Schutz zu bieten, die ein Leben in Gott leben wollten.

Daß diese Überlieferung von dem familienhaften Zusammenleben von Lehrern und Schülern nicht eine bloße romantische Erdichtung ist, sehen wir noch an vereinzelten Schulen, die ein Überbleibsel dieses einheimischen Erziehungssystems sind. Dies System ist, nachdem es Jahrhunderte hindurch seine Unabhängigkeit bewahrt hat, jetzt im Begriff, der bureaukratischen Kontrolle der Fremdherrschaft zu erliegen. Diese _catuspāṭhī_, wie man auf Sanskrit die Universitäten nennt, haben nicht den Charakter einer Schule. Die Schüler leben im Hause ihres Lehrers wie die Kinder des Hauses, ohne für Wohnung, Kost und Erziehung zu bezahlen. Der Lehrer geht seinen eigenen Studien nach, indem er ein Leben der Einfachheit lebt und seinen Schülern bei ihrem Studium hilft, was er nicht als sein Geschäft betrachtet, sondern als einen Teil seines Lebens.

Dies Ideal einer Erziehung, die darin besteht, daß der Schüler an dem Leben und hohen Streben seines Lehrers teilnimmt, ließ mich nicht los. Die kerkerhafte Enge unsrer Zukunft und die Trostlosigkeit unsrer beschnittenen Möglichkeiten drängten mich nur noch mehr zu seiner Verwirklichung. Die in anderen Ländern mit unbegrenzten Aussichten auf weltlichen Gewinn begünstigt sind, können sich solche Dinge zum Ziel der Erziehung setzen. Der Spielraum ihres Lebens ist mannigfach und weit genug, um ihnen die Freiheit zu gewähren, die sie zur Entfaltung ihrer Kräfte brauchen. Aber wenn wir die Selbstachtung bewahren sollen, die wir uns und unserm Schöpfer schulden, so darf unser Erziehungsziel nicht hinter dem höchsten Ziel des Menschen überhaupt, der größten Vollkommenheit und Freiheit der Seele zurückbleiben. Es ist kläglich, wenn man nach kleinen Gaben irdischen Besitzes haschen muß. Laßt uns nur trachten nach dem Zugang zum Leben, das über alle äußeren Lebenslagen erhaben ist und über den Tod hinausgeht, laßt uns Gott suchen, laßt uns leben für jene endgültige Wahrheit, die uns frei macht von der Knechtschaft des Staubes und uns den wahren Reichtum gibt: nicht Reichtum an toten Dingen, sondern an innerem Licht, nicht an Macht, sondern an Liebe. Solche Befreiung der Seele haben wir in unserm Lande gefunden bei Menschen, denen jede Bücherweisheit fehlte und die in vollständiger Armut lebten. Wir haben in Indien das Erbe dieses Schatzes geistiger Weisheit. Laßt das Ziel unsrer Erziehung sein, es vor uns auszubreiten und die Kraft zu gewinnen, im Leben den rechten Gebrauch davon zu machen, auf daß wir es einst, wenn die Zeit kommt, der übrigen Welt darbieten als unsern Beitrag zu ihrem ewigen Heil.

Ich war ganz in meine literarische Tätigkeit vertieft, als dieser Gedanke mich mit schmerzhafter Heftigkeit packte. Ich hatte plötzlich ein Gefühl wie jemand, der unter einem Alpdruck stöhnt. Nicht nur meine eigene Seele, sondern die Seele meines Landes schien in mir nach Atem zu ringen. Ich fühlte klar, daß das, was uns not tut, nicht materieller Art ist, nicht Reichtum, Behagen oder Macht, sondern ein Erwachen zum vollen Bewußtsein unsrer seelischen Freiheit, der Freiheit, ein Leben in Gott zu führen, wo wir nicht in Feindschaft leben mit denen, die nicht anders können als kämpfen, und nicht im Wettbewerb mit denen, deren einziges Ziel Geldgewinn ist, wo wir vor allen Angriffen und Schmähungen sicher sind.

Zum Glück hatte ich schon einen Platz bereit, wo ich meine Arbeit beginnen konnte. Mein Vater hatte auf einer seiner zahlreichen Reisen sich diesen einsamen Ort erwählt, der ihm geeignet schien zu einem Leben stiller Gemeinschaft mit Gott. Diesen Ort hatte er mit allem, was zum Lebensunterhalt nötig war, denen gestiftet, die Ruhe und Abgeschlossenheit für religiöse Übungen und Betrachtungen suchten. Ich hatte etwa zehn Knaben bei mir, als ich dorthin ging, und begann mein neues Leben ohne irgendwelche frühere Erfahrung.