Persönlichkeit

Part 6

Chapter 63,535 wordsPublic domain

Aber dies ist der heftige und schmerzhafte Kampf des Kindeslebens gegen das Leben der Mutter an der Schwelle seiner Geburt. Er ist grausam und zerstörend und sieht in dem Augenblick wie Undank aus. Aller religiöse Pessimismus ist schwärzester Undank, der den Menschen treibt, nach dem zu schlagen, was ihn so lange mit seinem eigenen Leben getragen und genährt hat.

Und doch macht uns die Tatsache, daß es eine so unmögliche Paradoxie gibt, nachdenklich. Wir sind zu Zeiten geneigt, unsre Geschichte ganz aus den Augen zu verlieren und zu glauben, solche Anfälle von Pessimismus seien mit Absicht und Überlegung von gewissen Mönchen und Priestern hervorgerufen, die in einer Zeit der Gesetzlosigkeit unter unnatürlichen Bedingungen lebten. Wir vergessen dabei, daß Verschwörungen Erzeugnisse der Geschichte sind, aber die Geschichte nicht ein Erzeugnis von Verschwörungen. Die menschliche Natur wird von innen heraus mit Heftigkeit getrieben, sich selbst den Krieg zu erklären. Und wenn diese Heftigkeit auch nachläßt, so ist der Schlachtruf doch noch nicht ganz verstummt.

Wir müssen wissen, daß Übergangsperioden ihre Sprache haben, die man nicht buchstäblich nehmen darf. Wenn die Seele sich zum erstenmal im Menschen bemerkbar macht, so betont sie ihren Gegensatz zur Natur mit solcher Heftigkeit, als wäre sie bereit, einen Vernichtungskrieg gegen sie zu beginnen. Aber dies ist die negative Seite. Wenn die Revolution, die die Freiheit aufrichten will, ausbricht, hat sie das Aussehen der Anarchie. Doch ihr wahrer Sinn ist nicht die Zerstörung der Regierung, sondern die Freiheit der Regierung.

So ist auch die Geburt der Seele in die geistige Welt nicht die Auflösung der Beziehung zu dem, was wir Natur nennen, sondern vollkommene Verwirklichung dieser Beziehung in der Freiheit.

In der Natur sind wir blind und lahm wie ein Kind vor seiner Geburt. Aber im geistigen Leben sind wir frei geboren. Und sobald wir aus der blinden Knechtschaft der Natur befreit sind, steht sie uns im hellen Licht gegenüber, und wo wir bisher nichts als Hülle sahen, erkennen wir jetzt die Mutter.

Aber was ist das Endziel der Freiheit, zu der des Menschen Leben gelangt ist? Sie muß ihren Sinn in etwas haben, über das hinaus wir nicht zu forschen brauchen. Die Antwort ist dieselbe, die uns das Leben des Tieres gibt, wenn wir nach seinem letzten Sinn fragen. Wenn die Tiere ihren Hunger und ihre andern Begierden befriedigen, so fühlen sie, daß sie sind. Und das ist auch unser Sinn und Ziel: zu wissen, daß wir sind. Das Tier weiß es, aber sein Wissen ist wie Rauch, nicht wie Feuer, es kommt als blindes Gefühl, nicht als Erleuchtung, und wenn es auch die Wahrheit aus ihrem Schlummer aufweckt, so läßt es sie doch im Dunkel. Es ist das Bewußtsein, das anfängt, das Ich vom Nicht-Ich zu unterscheiden. Es hat gerade genug Umfang, um sich als Mittelpunkt zu fühlen.

Auch das letzte Ziel der Freiheit ist zu wissen, daß »ich bin«. Doch dieses Ich-Bewußtsein ist ein anderes: es ist das Bewußtsein der Einheit mit dem All im Gegensatz zu dem der Abgesondertheit von allem andern. Diese Freiheit findet ihre Vollendung nicht in der Extensität, sondern in der Intensität, in der Liebe. Die Freiheit, zu der das Kind gelangt, wenn es aus dem Mutterleibe geboren wird, besteht nicht darin, daß es sich seiner Mutter völliger bewußt wird, sondern daß es zum intensiven Bewußtsein ihrer in der Liebe gelangt. Im Mutterleibe wurde es genährt und warm gehalten, aber es war in seiner Einsamkeit ganz auf sich selbst beschränkt. Nachdem das Kind in die Freiheit geboren ist, bringt die wechselseitige Beziehung der Liebe zwischen Mutter und Kind dem Kinde die Freude des vollkommensten Bewußtseins seines Ichs. Diese Mutterliebe gibt seiner ganzen Welt ihren Sinn. Wenn das Kind nur ein vegetierender Organismus wäre, dann brauchte es sich nur mit seinen Wurzeln in seiner Welt festzuklammern und könnte gedeihen. Aber das Kind ist eine Persönlichkeit, und diese Persönlichkeit strebt nach vollkommener Verwirklichung, die nie in der Gefangenschaft des Mutterleibes geschehen kann. Sie muß frei sein, und diese Freiheit findet ihre Erfüllung nicht in sich selbst, sondern in einer andern Persönlichkeit, und dies ist Liebe.

Es ist nicht wahr, daß die Tiere keine Liebe empfinden. Aber sie ist zu schwach, um das Bewußtsein so weit zu erleuchten, daß es ihnen die ganze Wahrheit der Liebe offenbaren könnte. Ihre Liebe ist ein leises Glühen, das ihr Ich erhellt, aber nicht die Flamme, die über das Geheimnis des eigenen Ichs hinausgeht. Ihr Bereich ist zu eng umgrenzt, um bis an die paradoxe Wahrheit zu reichen, daß die Persönlichkeit, die das Bewußtsein der Einheit im eigenen Selbst ist, doch erst in der Einheit mit andern ihre ganze Wahrheit findet.

Diese Paradoxie hat den Menschen zu der Erkenntnis geführt, daß die Natur, in die hinein wir geboren werden, nur eine unvollkommene Wahrheit ist wie die Wahrheit des Mutterleibes. Die volle Wahrheit ist, daß wir im Schoß der unendlichen Persönlichkeit geboren werden. Unsere wahre Welt ist nicht die Welt der Naturgesetze, der Gesetze von Kraft und Stoff, sondern die Welt der Persönlichkeit. Wenn wir das vollkommen erkannt haben, haben wir unsre wahre Freiheit gefunden. Dann verstehen wir das Wort der Upanischad:

»Erkenne alles, was in der Welt lebt und wirkt, als von Gott umschlossen, und genieße, was er dir hingibt[14].«

Wir haben gesehen, daß das Bewußtsein der Persönlichkeit mit dem Gefühl der Abgesondertheit von allen andern beginnt und in dem Gefühl der Einheit mit allen gipfelt. Selbstverständlich ist das Bewußtsein der Abgetrenntheit auch zugleich mit einem Bewußtsein der Einheit verbunden, denn es kann nicht für sich allein existieren. Das Leben, wo das Bewußtsein der Abgesondertheit an erster und das der Einheit an zweiter Stelle steht, und wo infolgedessen die Persönlichkeit eng und vom Licht der Wahrheit nur matt erleuchtet ist, -- dies Leben ist das Leben des Ichs. Aber das Leben, wo das Bewußtsein der Einheit der erste Faktor ist, und wo daher die Persönlichkeit weit und vom Licht der Wahrheit hell erleuchtet ist, dies Leben ist das Leben der Seele. Die ganze Aufgabe des Menschen liegt darin, vom Ich-Bewußtsein zum Seelenbewußtsein zu gelangen, seinen inneren Kräften die Richtung auf das Unendliche zu geben und so von der Verengung des Ichs in der Begierde zur Ausweitung der Seele in der Liebe fortzuschreiten.

Dies Seelenbewußtsein, das das bewußte Prinzip der Einheit, der Mittelpunkt aller Beziehungen ist, ist das wahre Sein und daher das letzte Ziel alles Strebens. Ich muß auf diese Tatsache den größten Nachdruck legen, daß diese Welt nur in ihrer Beziehung zu einer zentralen Persönlichkeit Wirklichkeit hat. Ohne diesen Mittelpunkt fällt sie auseinander, wird zu einem Haufen von Abstraktionen, wie Kraft und Stoff, und selbst diese, die blassesten Spiegelungen des Seins, würden in absolutes Nichts verschwinden, wenn das denkende Ich im Mittelpunkt, zu dem sie durch eine gewisse Vernunftharmonie in Beziehung stehen, fehlte.

Aber es gibt unzählige solche Zentren. Jedes Wesen hat seine eigene kleine Welt, deren Zentrum es ist. Daher stellt sich uns unwillkürlich die Frage: »Gibt es ebensoviele unüberbrückbar voneinander verschiedene Wirklichkeiten?«

Unsre ganze Natur lehnt sich auf gegen die Bejahung dieser Frage. Denn wir wissen, daß das Prinzip der Einheit in uns die Grundlage alles wahren Seins ist. Daher ist der Mensch vom trüben Dämmerlicht seiner Fragen und Vorstellungen durch all seine Zweifel und Erörterungen zu der Wahrheit gekommen, daß es einen ewigen Mittelpunkt gibt, zu dem alle Persönlichkeiten und daher die ganze Welt der Wirklichkeit ihre Beziehung hat. Dies ist »_Mahān puruṣaḥ_«, die eine höchste Persönlichkeit; es ist »_Satyaṃ_«, die eine höchste Wahrheit; es ist »_Jn̆ānaṃ_«, der die höchste Erkenntnis in sich hat und daher sich selbst in allem erkennt; es ist »_Sarvānubhūḥ_«, der die Gefühle aller Wesen in sich und daher sich in allen Wesen fühlt.

Aber dieser Höchste, der Mittelpunkt alles Seins, ist nicht nur ein passives, rezeptives Wesen, er ist _ānanda-rūpam amṛtaṃ yad vibhāti_ -- die Freude, die sich in Formen offenbart. Sein Wille ist es, der schafft.

Der Wille findet seine höchste Erfüllung nicht in der Welt des Gesetzes, sondern in der Welt der Freiheit, nicht in der Welt der Natur, sondern in der geistigen Welt.

Dies erkennen wir an uns selbst. Unsre Sklaven tun, was wir ihnen befehlen, und versehen uns mit dem, was wir brauchen, aber unsre Beziehung zu ihnen ist unvollkommen. Wir haben unsre Willensfreiheit, die nur in der Willensfreiheit anderer ihre Harmonie finden kann. Wo wir selbst Sklaven sind, in unsern selbstsüchtigen Begierden, da befriedigt uns das Sklaventum in andern. Denn die Sklaverei entspricht unserm eigenen Sklaventum und läßt uns in ihm Genüge finden. Als daher Amerika seine Sklaven befreite, befreite es in Wahrheit sich selbst. Wir finden unsre höchste Freude in der Liebe. Denn in ihr sehen wir die Willensfreiheit anderer verwirklicht. Bei unsern Freunden begegnet ihr Wille unserm Willen in vollkommener Freiheit, nicht im Zwang der Not oder der Furcht; daher findet unsre Persönlichkeit in dieser Liebe ihre höchste Verwirklichung.

Weil die Wahrheit unsres Willens in seiner Freiheit besteht, daher ist auch reine Freude nur in der Freiheit möglich. Wir finden Freude in der Befriedigung unsrer Bedürfnisse, aber diese Freude ist negativer Art. Denn das Bedürfnis ist eine Sklaverei, von der wir durch die Befriedigung des Bedürfnisses befreit werden. Aber damit ist auch die Freude zu Ende. Es ist anders mit unsrer Freude an der Schönheit. Sie ist positiver Art. Im harmonischen Rhythmus finden wir die Vollendung. Dort sehen wir nicht die Substanz oder das Gesetz, sondern die reine Form, die mit unsrer Persönlichkeit in Harmonie ist. Aus der Knechtschaft bloßen Stoffes und bloßer Linien geht das hervor, was über alle Schranken hinaus ist. Wir fühlen uns sogleich frei von der tyrannischen Sinnlosigkeit der Einzeldinge, -- jetzt geben sie uns etwas, was zu unserm eignen Selbst in persönlicher Beziehung steht. Die Offenbarung der Einheit in ihrer passiven Vollkommenheit, die wir in der Natur finden, ist die Schönheit; die Offenbarung der Einheit in ihrer aktiven Vollkommenheit, die wir in der geistigen Welt finden, ist die Liebe. Diese besteht nicht in der Harmonie der äußeren Formen, sondern in der Harmonie der Willen. Der Wille, der frei ist, bedarf zur Verwirklichung seiner Harmonie andrer Willen, die auch frei sind, und darin liegt die Bedeutung des religiösen Lebens. Der ewige Mittelpunkt alles Seins, das höchste Wesen, das seine Freude ausstrahlt, indem es sich in Freiheit hingibt, muß andre Freiheitszentren schaffen, um sich mit ihnen in Harmonie zu einen. Die Schönheit ist die Harmonie, die sich in Dingen verwirklicht, die durch das Naturgesetz gebunden sind. Die Liebe ist die Harmonie, die sich in Willen verwirklicht, welche frei sind.

Im Menschen sind solche Freiheitszentren geschaffen. Er soll kein bloßer Empfänger von Gaben der Natur sein; er soll sich voll ausstrahlen im Schaffen seiner Kraft und in der Vervollkommnung seiner Liebe. Sein Ziel muß der Unendliche sein, wie der Unendliche in ihm sein Ziel hat. Die Schöpfung der natürlichen Welt ist Gottes eigene Schöpfung, wir können sie nur empfangen und dadurch uns zu eigen machen. Aber bei der Schöpfung der geistigen Welt sind wir Gottes Partner. Bei dieser Arbeit muß Gott warten, daß unser Wille mit dem seinen übereinstimmt. Nicht Macht ist es, was diese geistige Welt aufbaut; nirgends, auch nicht in dem entferntesten Winkel, gibt es in ihr Passivität oder Zwang. Das Bewußtsein muß alle Nebel der Täuschung abgestreift haben, der Wille muß von allen Gegenkräften der Leidenschaften und Begierden befreit sein, bevor wir an Gottes Schöpfungswerk teilnehmen. Solange wir nur Empfänger seiner Gaben sind, hat unser Verhältnis zu ihm noch nicht seine volle Wahrheit gefunden, denn es ist einseitig und daher unvollkommen. Wie er uns aus seiner eigenen Fülle gibt, sollen auch wir ihm von unserm Überfluß geben. Daraus quillt reine Freude, nicht nur für uns, sondern auch für Gott.

In unserm Lande haben die Wischnusänger diese Wahrheit erkannt und sie kühn verkündet, indem sie sagten, erst in den Menschenseelen fände Gott die Erfüllung seiner Liebe. In der Liebe muß Freiheit sein, daher muß Gott nicht nur warten, bis unsre Seele freiwillig den Einklang mit seiner Seele sucht, sondern er muß auch leiden, wenn sie dieser Harmonie widerstrebt und sich gegen ihn auflehnt.

Daher hat es bei der Schöpfung der geistigen Welt, an der der Mensch in Gemeinschaft mit Gott arbeiten muß, Leiden gegeben, von denen die Tiere keine Ahnung haben können. Beim Stimmen der Instrumente haben die Saiten oft in schrillen Dissonanzen aufgeschrien, und oft sind sie gerissen. Wenn wir die Mitarbeit des Menschen am Werke Gottes von dieser Seite sehen, so erscheint sie uns sinnlos und schädlich. Das Ideal, das im Herzen dieser Schöpfung ist, läßt uns jeden Fehler und Mißton wie einen Dolchstoß empfinden, und die Seele stöhnt und blutet. Oft hat die Freiheit sich in ihr Gegenteil gewandelt, um zu beweisen, daß sie Freiheit ist, und der Mensch hat gelitten, und Gott mit ihm, auf daß diese Welt des Geistes geläutert und rein aus ihrem Feuerbade hervorgehen möge, mit leuchtenden Gliedern wie ein göttliches Kind. Es hat Heuchelei und Lüge gegeben, grausame Überhebung, die sich über die Wunden entrüstet, die sie selbst geschlagen, geistlichen Hochmut, der im Namen Gottes den Menschen schmäht, Machthochmut, der Gott lästert, indem er ihn seinen Verbündeten nennt; jahrhundertelang hat man den Schmerzensschrei der Gequälten gewaltsam erstickt und Menschenkinder ihres rechten Armes beraubt, um sie für alle Zeit wehr- und hilflos zu machen; man hat die Felder mit dem blutigen Schweiß der Sklaverei gedüngt, um Leckerbissen darauf zu bauen, und seinen Reichtum aufgerichtet auf Mangel und Hungersnot. Aber ich frage: Hat dieser Riesengeist der Verneinung gesiegt? Ist das Leiden, das er im Herzen des Unendlichen hervorgerufen hat, nicht seine größte Niederlage? Und wird sein gefühlloser Stolz nicht in jedem Augenblick seines aufgeblasenen Daseins selbst durch das Gras am Wege und die Blumen auf dem Felde beschämt? Trägt nicht das Verbrechen an Gott und Menschen seine Strafe selbst als Krone der Häßlichkeit auf dem Haupte? Ja, das Göttliche im Menschen läßt sich durch Erfolg oder Organisationen seines Gegners nicht einschüchtern; es setzt sein Vertrauen nicht auf die Größe seiner Macht und auf kluge Vorsicht. Seine Stärke liegt nicht in Muskel- oder Maschinenkraft, nicht in Klugheit der Politik, noch in Robustheit des Gewissens, sondern in seinem Streben nach Vollendung. Wenn auch das Heute es verhöhnt, so hat es doch die Ewigkeit des Morgen auf seiner Seite. Dem Anschein nach ist es hilflos wie ein neugebornes Kind, aber seine nächtlichen Leidenstränen setzen alle unsichtbaren Kräfte des Himmels in Bewegung, sie rufen in der ganzen Schöpfung die Mutter wach. Kerkermauern fallen ein, ungeheure Berge von Reichtümern stürzen, vom Mißverhältnis ihrer eigenen Last umgerissen, kopfüber in den Staub. Die Geschichte der Erde ist die Geschichte von Erdbeben und Sintfluten und vulkanischen Ausbrüchen, und doch ist sie bei alledem die Geschichte der grünen Felder und der murmelnden Bäche, der Schönheit und des fruchtbaren Lebens. Und die geistige Welt, die aus dem Leben des Menschen und dem Leben Gottes emporwächst, wird diese Zeit der ersten Kindheit, wo sie immer wieder hilflos zu Fall kommt und sich verletzt, hinter sich lassen und eines Tages in der Kraft der Jugend auf festen Füßen stehen, in frohem Genuß der Schönheit und Freiheit ihrer Bewegung.

Das Leiden gerade ist unsre größte Hoffnung. Denn es ist der Sehnsuchtsschrei der Unvollkommenheit, der von ihrem Glauben an Vollkommenheit zeugt, wie der Schrei des Kindes von dem Glauben an die Mutter. Dies Leiden treibt den Menschen dazu, mit seinem Gebet ans Tor des Unendlichen, des Göttlichen in ihm zu pochen und so seinen tiefsten Instinkt, seinen unmittelbaren Glauben an das Ideal zu beweisen, den Glauben, mit dem er dem Tode mutig entgegentritt und allem entsagt, was zu seinem engeren Selbst gehört. Gottes Leben, das sich in seine Schöpfung ergießt, hat das Leben des Menschen berührt, das nun auch der Freiheit zuströmt. Immer wenn in die Harmonie des Schöpfungsliedes hinein eine Dissonanz schrillt, ruft der Mensch aus: »_Asato mā sad gamaya_«, »Hilf mir aus dem Nichtsein zum wahren Sein.« Er gibt sein Selbst hin, daß es für die Musik der Seele gestimmt werde. Auf diese Hingabe wartet Gott, denn die geistige Harmonie kann nur durch Freiheit entstehen. Daher ist die freiwillige Hingabe des Menschen an den Unendlichen der Anfang der vollkommenen Vereinigung mit ihm. Erst dann, durch das Medium der Freiheit, kann Gottes Liebe voll auf die Menschenseele wirken. Diese Hingabe besteht in der freien Wahl unsrer Seele, ihr Leben dem Werke Gottes zu weihen, die Welt des Naturgesetzes in eine Welt der Liebe umzuwandeln.

In der Geschichte des Menschen hat es Augenblicke gegeben, wo sein Leben mit der Musik von Gottes Leben in vollkommener Harmonie zusammenklang. Wir haben gesehen, wie des Menschen Persönlichkeit in restloser Selbsthingabe aus überquellender Liebe ihre Vollendung fand, indem sie selbst göttliches Wesen erlangte. Es sind Menschen in dieser Welt der Natur geboren, mit menschlichen Begierden und Schwächen, die dennoch bewiesen haben, daß sie in der Welt des Geistes atmeten, daß die höchste Wirklichkeit die Freiheit der Persönlichkeit in der vollkommenen Vereinigung der Liebe ist. Sie machten sich frei von allen selbstsüchtigen Wünschen und Begierden, von allen engen Vorurteilen der Kaste und der Nationalität, von der Menschenfurcht und der Knechtschaft der Glaubensdogmen und Konventionen. Sie wurden eins mit ihrem Gott im freien, tätigen Wirken mit ihm. Sie liebten und litten. Sie boten ihre Brust den Pfeilen des Bösen und bewiesen, daß der Geist unsterbliches Leben hat. Große Königreiche wechseln ihre Formen und verschwinden wie Wolken, Institutionen zerfließen in der Luft wie Träume, Nationen spielen ihre Rolle und versinken in Dunkel, aber jene Einzelwesen tragen das unsterbliche Leben der ganzen Menschheit in sich: Ihr Leben fließt wie ein ewiger, gewaltiger Strom durch grüne Felder und Wüsten und durch die langen, dunklen Höhlen der Vergessenheit in die tanzende Freude des Sonnenlichts hinein und bringt im endlosen Lauf der Jahre Wasser des Lebens an die Türen von Millionen Menschen, das ihren Durst löscht und ihre Leiden heilt und sie reinigt vom Staub des Alltags, und singt mit heller Stimme durch den Lärm der Märkte das Lied des ewigen Lebens, das Jubellied:

Dies ist der höchste Pfad, Dies ist der höchste Schatz, Dies ist die höchste Welt, Dies ist die höchste Wonne.

MEINE SCHULE

Als ich mich den Vierzigern näherte, eröffnete ich eine Schule in Bengalen. Das hatte man sicherlich nicht von mir erwartet, der ich den größten Teil meines Lebens damit zugebracht hatte, Verse zu machen. Daher dachten die Menschen natürlich, daß diese Anstalt wohl keine Musterschule werden würde; jedenfalls aber würde sie etwas unerhört Neues sein, da ich mich so ganz ohne alle Erfahrung an das Unternehmen gewagt hatte.

Dies ist der Grund, warum ich so oft gefragt werde, was denn eigentlich die Idee ist, die meiner Schule zugrunde liegt. Die Frage setzt mich sehr in Verlegenheit, denn ich darf nichts Alltägliches darauf antworten, wenn ich die Erwartung der Fragenden befriedigen will. Ich will jedoch der Versuchung, originell zu sein, widerstehen und mich damit begnügen, nur wahr zu sein.

Ich muß gleich gestehen, daß es schwer für mich ist, diese Frage überhaupt zu beantworten. Denn eine Idee ist nicht etwas wie ein festes Fundament, worauf man ein Gebäude errichtet. Sie ist mehr wie ein Samenkorn, das auch nicht gleich, so wie es anfängt zu keimen und zu wachsen, auseinandergelegt und erklärt werden kann.

Nun aber verdankt diese Schule ihren Ursprung gar nicht irgendeiner neuen Erziehungstheorie, sondern einfach der Erinnerung an meine eigene Schulzeit.

Wenn diese Zeit für mich eine unglückliche war, so liegt der Grund dafür nicht nur in meiner persönlichen Anlage oder in den besonderen Übelständen der Schulen, die ich besuchte. Es kann schon sein, daß ich, wenn ich etwas robuster gewesen wäre, mich dem Druck allmählich angepaßt und es schließlich bis zum Abschluß des Universitätsstudiums gebracht hätte. Aber Schulen sind nun einmal Schulen, wenn auch einige besser sind als andere, je nach dem Maßstab, den sie an sich legen.

Die Vorsehung hat dafür gesorgt, daß die Kinder sich von der Milch der Mutter nähren. Sie finden ihre Mutter und ihre Nahrung zu gleicher Zeit, und Körper und Seele kommen zugleich zu ihrem Recht. So lernen sie gleich die große Wahrheit, daß die wahre Beziehung des Menschen zur Welt die persönliche Liebe ist und nicht das mechanische Kausalgesetz.

Einleitung und Schluß eines Buches haben ähnlichen Charakter. In beiden wird die Wahrheit als Ganzes vor den Leser hingestellt, ohne daß die Einzelheiten entwickelt werden. Der Unterschied ist nur, daß diese Wahrheit uns in der Einleitung einfach erscheint, weil sie noch nicht analysiert ist, und am Schluß, weil die Analyse vollständig ist. Zwischen beiden entfaltet sich die Wahrheit, hier verwickelt sie sich, stößt sich an Hindernissen und bricht ganz auseinander, um sich endlich in vollkommener Einheit wiederzufinden.

So wird auch dem Menschen gleich beim Eintritt in die Welt der Weisheit letzter Schluß in dieser einfachen Form offenbart. Er wird in eine Welt geboren, die für ihn intensivstes Leben ist, wo er als Einzelwesen die volle Aufmerksamkeit seiner Umgebung in Anspruch nimmt. Wie er heranwächst, geht ihm die naive Sicherheit in der Auffassung der Wirklichkeit verloren, er kann sich in der Kompliziertheit der Dinge nicht mehr zurechtfinden und trennt sich von seiner Umgebung, oft im Geiste des Widerspruchs. Doch wenn so die Einheit der Wahrheit zerbricht und ein hartnäckiger Bürgerkrieg zwischen seiner Persönlichkeit und seiner Umgebung anhebt, so kann Sinn und Ziel doch nicht ewige Zwietracht sein. Um diesen Sinn und den rechten Schluß für sein Leben zu finden, muß er über den Umweg des Zweifels wieder den Weg zur schlichten, vollkommenen Wahrheit finden, zur Einheit mit der Welt durch das Band unendlicher Liebe.