Persönlichkeit

Part 5

Chapter 53,726 wordsPublic domain

Erschien mir nicht das Licht der Sonne heller, der Glanz des Mondes weicher und tiefer, wenn mein Herz in plötzlicher Liebe aufwallte in der Gewißheit, daß die Welt eins ist mit meiner Seele? Wenn ich die heraufziehenden Wolken besang, so fand der prasselnde Regen seinen leidenschaftlichen Ausdruck in meinen Liedern. Vom Anfang der Geschichte an haben die Dichter und Künstler dieses Dasein mit den Farben und der Musik ihrer Seele getränkt. Und dies gibt mir die Gewißheit, daß Erde und Himmel aus den Fibern des Menschengeistes, der zugleich der Allgeist ist, gewoben sind. Wenn dies nicht wahr wäre, so wäre Poesie Lüge und Musik Täuschung, und die stumme Welt würde des Menschen Herz für immer in Schweigen erstarren machen. Der große Meister spielt die Flöte: der Atem ist sein, das Instrument ist unsre Seele, durch die er seine Schöpfungslieder ertönen läßt; und daher weiß ich, daß ich kein bloßer Fremdling bin, der auf der Reise seines Daseins in der Herberge dieser Erde Rast macht, sondern ich lebe in einer Welt, deren Leben mit dem meinen eng verknüpft ist. Der Dichter wußte, daß das Sein dieser Welt ein persönliches Sein ist, und sang[12]:

Die Erde ist seine Freude, seine Freude ist der Himmel; Seine Freude ist der Glanz von Sonne und Mond; Seine Freude ist der Anfang, die Mitte und das Ende; Seine Freude ist das Schauen, das Dunkel und das Licht. Ozean und Wogen sind seine Freude; Seine Freude ist die Sarasvati, die Jamuna und der Ganges. Er ist der All-Eine: und Leben und Tod, Vereinigung und Trennung sind Spiele seiner Freude.

DIE WIEDERGEBURT

Für uns ist die leblose Natur die Seite des Daseins, die wir nur von außen sehen. Wir wissen nur, wie sie uns erscheint, aber wir wissen nicht, was sie in Wahrheit ist. Dies können wir nur durch die Liebe erfassen.

Aber da hebt sich der Vorhang, das Leben erscheint auf der Bühne, das Drama beginnt und wir verstehen seinen Sinn an den Gebärden und der Sprache, die den unsern gleich sind. Wir erkennen das Leben, nicht an seinen äußeren Zügen, nicht durch Zerlegung in seine einzelnen Teile, sondern durch die unmittelbare Wahrnehmung, die auf innerer Verwandtschaft beruht. Und dies ist wirkliche Erkenntnis.

Wir sehen einen Baum. Er ist durch die Tatsache seines individuellen Lebens von seiner Umgebung abgesondert. Sein ganzes Streben geht dahin, diese Besonderheit seiner schöpferischen Individualität gegenüber dem ganzen Weltall aufrecht zu erhalten. Sein Leben gründet sich auf einen Dualismus -- auf der einen Seite diese Individualität des Baumes, und auf der andern das Weltall.

Aber wenn dieser Dualismus in sich Feindschaft und gegenseitige Ausschließung bedeutete, so gäbe es für den Baum keine Möglichkeit, sein Dasein zu behaupten; er würde von der vereinten Gewalt dieser ungeheuren Kräfte in Stücke gerissen werden. Jedoch dieser Dualismus bedeutet Verwandtschaft. Je vollkommener die Harmonie des Baumes mit der Außenwelt, mit Sonne, Erdboden und Jahreszeiten ist, je vollkommener entwickelt sich seine Individualität. Es wird verhängnisvoll für ihn, wenn diese gegenseitige Beziehung gestört wird. Daher muß das Leben an seinem negativen Pol die Abgesondertheit von allem andern aufrecht halten, während es an seinem positiven Pol die Einheit mit dem Weltall wahrt. In dieser Einheit liegt seine Erfüllung.

Im Leben eines Tieres ist auf der negativen Seite das Element der Abgesondertheit noch entschiedener, und deswegen ist auf der positiven Seite die Beziehung zur Welt viel weiter ausgedehnt. Das Tier ist von seiner Nahrung viel mehr abgetrennt als der Baum. Es muß sie suchen und kennenlernen, getrieben von Lust und Schmerz. Daher steht sie in engerer Beziehung zu seiner Erkenntnis- und Gefühlswelt. Dasselbe gilt in bezug auf die Trennung der Geschlechter. Diese Trennung und das daraus folgende Streben nach Vereinigung bewirken ein gesteigertes Lebensgefühl und Ichbewußtsein bei den Tieren und bereichern ihre Persönlichkeit durch die Begegnung mit unvorhergesehenen Hindernissen und unerwarteten Möglichkeiten. Bei den Bäumen wird die Trennung von ihrer Nachkommenschaft jedesmal zu einer endgültigen, während bei den Tieren die Beziehung bestehen bleibt. So gewinnt das Lebensinteresse der Tiere durch diese Trennungen noch an Weite und Intensität und ihr Bewußtsein umfaßt ein viel größeres Gebiet. Dies weitere Reich ihrer Individualität müssen sie beständig durch die mannigfachen Beziehungen zu ihrer Welt behaupten. Jede Hemmung dieser Beziehungen ist verhängnisvoll.

Beim Menschen ist dieser Dualismus des physischen Lebens noch mannigfaltiger. Seine Bedürfnisse sind nicht nur größer an Zahl und erfordern daher ein weiteres Feld für ihre Befriedigung, sondern sie sind auch komplizierter und verlangen eine tiefere Kenntnis der Dinge. Dies gibt ihm ein stärkeres Bewußtsein seiner selbst. Sein Geist tritt an Stelle der Triebe und Instinkte, die die Bewegungen und Tätigkeiten der Bäume und Tiere leiten. Dieser Geist hat auch seine negative und positive Seite der Absonderung und der Einheit. Denn einerseits trennt er die Gegenstände seiner Erkenntnis von dem Erkennenden ab, dann aber läßt er beide durch die Erkenntnis eins werden. Zu der Beziehung von Hunger und Liebe, auf die sich das physische Leben gründet, tritt in zweiter Reihe die geistige Beziehung. So machen wir uns diese Welt auf doppelte Weise zu eigen, indem wir in ihr leben und sie erkennen.

Aber es gibt noch einen andern Dualismus im Menschen, der sich nicht aus der Art seines physischen Lebens erklären läßt. Es ist der Zwiespalt in seinem Bewußtsein zwischen dem, was ist, und dem, was sein sollte. Das Tier kennt diesen Zwiespalt nicht; bei ihm besteht der Widerstreit zwischen dem, was es hat, und dem, was es begehrt, während er beim Menschen zwischen dem, was er begehrt, und dem, was er begehren sollte, besteht. Unsre Begierden entspringen unserm natürlichen Leben, das wir mit den Tieren teilen, aber das, was wir begehren sollten, gehört einem Leben an, das weit darüber hinausgeht.

So hat im Menschen eine Wiedergeburt stattgefunden. Wenn er auch noch sehr viele Gewohnheiten und Triebe seines Tierlebens beibehalten hat, so liegt doch sein wahres Leben in der Sphäre dessen, was sein sollte. Durch diese Tatsache wird eine Verbindung, aber auch zugleich ein Widerstreit geschaffen. Viele Dinge, die gut für das eine Leben sind, sind schädlich für das andere. Daraus entsteht die Notwendigkeit eines innern Kampfes, der in des Menschen Persönlichkeit das hineinbringt, was man Charakter nennt. Aus dem Triebleben führt er den Menschen zum Zweckleben. Dies ist das Leben der sittlichen Welt.

Hier gelangen wir aus der Welt der Natur in die des Menschentums. Wir leben und wirken und haben unser Sein im Allgemeinmenschlichen. Das Menschenkind wird in zwei Welten zugleich hineingeboren, in die Welt der Natur und in die Menschenwelt. Diese letztere ist eine Welt von Ideen und Einrichtungen, von Erkenntnisschätzen und durch Erziehung erlangten Gewohnheiten. Sie ist durch rastloses Streben von Jahrtausenden, durch Märtyrerleiden heldenhafter Menschen erbaut. Ihre verschiedenen Schichten sind Niederschläge von Entsagungen zahlloser Einzelwesen aller Zeitalter und Länder. Sie hat ihre guten und bösen Elemente, denn die Ungleichheiten ihrer Oberfläche und Temperatur machen den Fluß des Lebens reich an Überraschungen.

Dies ist die Welt der Wiedergeburt des Menschen, die außernatürliche Welt, wo der Dualismus des Tierlebens und der Sittlichkeit uns unsrer Persönlichkeit als Mensch bewußt macht. Alles, was dies Menschenleben daran hindert, die Beziehung zu seiner sittlichen Welt vollkommen zu machen, ist vom Übel. Es bedeutet Tod, einen viel schlimmeren Tod als den Tod des natürlichen Lebens.

In der Welt der Natur wandelt der Mensch mit Hilfe der Wissenschaft die Tyrannei der Naturkräfte in Gehorsam.

Aber in seiner sittlichen Welt hat er eine schwerere Aufgabe zu erfüllen. Er hat die Tyrannei seiner eigenen Leidenschaften und Begierden in Gehorsam zu wandeln. Und in allen Zeiten und Ländern ist dies das Ziel menschlichen Strebens gewesen. Fast alle unsre Institutionen sind das Resultat dieses Strebens. Sie geben unserm Willen die Richtung und graben ihm Kanäle, damit er ungehindert und ohne unnützen Kraftverlust seinen Lauf nehmen kann.

Wir haben gesehen, daß das physische Leben allmählich in das geistige hineinwuchs. Die geistigen Fähigkeiten der Tiere sind vollkommen in Anspruch genommen von der Sorge für ihre unmittelbaren Lebensbedürfnisse. Diese Bedürfnisse sind beim Menschen mannigfaltiger, und daher bedarf er größerer geistiger Fähigkeiten. So kam er zu der Erkenntnis, daß die Welt seiner unmittelbaren Bedürfnisse eins ist mit einer Welt, die weit über seine unmittelbaren Bedürfnisse hinausgeht. Er erkannte, daß diese Welt nicht nur seinen Leib mit Nahrung versieht, sondern auch seinen Geist; daß er durch seinen Geist auf unsichtbare Weise mit allen Dingen verbunden ist.

Was der Intellekt in der Welt der Natur ist, das ist der Wille in der sittlichen Welt. Je freier und weiter er wird, desto wahrer, weiter und mannigfacher werden auch unsre sittlichen Beziehungen. Seine äußere Freiheit ist die Unabhängigkeit von Lust- und Schmerzempfindungen, seine innere Freiheit ist die Befreiung aus der Enge der Selbstsucht. Wir wissen, daß, wenn der Intellekt von den Banden des Eigennutzes befreit ist, er die Welt der allgemeinen Vernunft erkennt, mit der er in Harmonie sein muß, um seine Bedürfnisse ganz befriedigen zu können; ebenso erkennt auch der Wille, wenn er aus seinen Schranken befreit ist, wenn er gut wird, d. h. wenn er alle Menschen und alle Zeiten umfaßt, eine Welt, die über die sittliche Welt der Menschheit hinausgeht. Er entdeckt eine Welt, wo alle Lehren unsres sittlichen Lebens ihre letzte Wahrheit finden, und unser Geist erhebt sich zu dem Gedanken, daß es ein unendliches Medium der Wahrheit gibt, durch das das Gute seinen Sinn erhält. Daß ich mehr werde durch die Vereinigung mit andern, ist keine bloße mathematische Tatsache. Wir haben erkannt, wenn verschiedene Menschen sich in Liebe, die das Band vollkommener Einheit ist, zusammenschließen, so wird nicht einfach Kraft zu Kraft gefügt, sondern das, was unvollkommen war, findet seine Vollendung in der Wahrheit und daher in der Freude; was sinnlos war, solange es isoliert war, findet seinen vollen Sinn in der Vereinigung. Diese Vollendung ist nicht etwas, was sich messen oder analysieren läßt, sie ist ein Ganzes, das über die Summe seiner Teile hinausgeht. Sie eröffnet uns das tiefste Geheimnis aller Dinge, das zugleich jenseits aller Dinge liegt, wie die Schönheit einer Blume weit mehr ist als ihre botanischen Tatsachen; wie der Sinn der Menschheit selbst sich nicht im bloßen Herdenleben erschöpft.

Diese Vollendung in der Liebe, die vollkommene Einheit ist, öffnet uns das Tor der Welt des Unendlichen, der sich in der Einheit aller Wesen offenbart; der Verlust, Selbstaufopferung und Tod mit reicherem Gewinn und höherem Leben krönt; der durch seine eigene Fülle die Leere der Entsagung in Fülle wandelt. Dies ist der größte Dualismus in uns, der Dualismus des Endlichen und Unendlichen. Durch ihn werden wir uns der Verwandtschaft bewußt zwischen dem, was in uns ist, und dem, was über uns hinausgeht, zwischen dem Gegenwärtigen und Zukünftigen.

Dies Bewußtsein dämmerte in uns auf mit unserm physischen Leben, wo Trennung und Vereinigung stattfand zwischen unserm Einzelleben und der allgemeinen Welt der Dinge; es vertiefte sich in unserm geistigen Leben, wo Trennung und Vereinigung stattfand zwischen unserm individuellen Geist und der allgemeinen Welt der Vernunft; es erweiterte sich, wo Trennung und Vereinigung stattfand zwischen unserm Einzelwillen und der allgemeinen Welt der menschlichen Persönlichkeit; es fand seinen letzten Sinn in der Trennung und Harmonie unsrer Einzelseele mit der All-Seele. Und auf dieser Stufe der ewigen Trennung und Wiedervereinigung beider bricht der Mensch aus in das wundervolle Lied:

Dies ist der höchste Pfad, Dies ist der höchste Schatz, Dies ist die höchste Welt, Dies ist die höchste Wonne[13].

Das Leben ist in beständiger Verbindung mit diesem Höchsten. Die Welt der Dinge und Menschen bewegt sich beständig in mannigfachen Weisen nach diesem Rhythmus, doch sie selbst kennt seinen Sinn nicht, bis er sich ihr in der vollkommenen Vereinigung mit dem Höchsten offenbart.

So nahe die Beziehung des noch ungeborenen Kindes zum Mutterleibe auch ist, so hat sie doch noch nicht ihren letzten Sinn gefunden. Wenn auch alle seine Bedürfnisse ihm dort bis ins einzelnste befriedigt werden, so bleibt sein größtes Bedürfnis noch ungestillt. Es muß in die Welt von Licht und Raum und freiem Handeln hineingeboren werden. Diese Welt ist in jeder Hinsicht so gänzlich verschieden von der des Mutterleibes, daß das ungeborne Kind, wenn es die Fähigkeit zu denken hätte, sich nie eine Vorstellung von jener weiteren Welt machen könnte. Und doch hat es seine Glieder, die erst in der Freiheit von Luft und Licht ihren Sinn bekommen.

So hat auch der Mensch in der Welt der Natur alles, was er zur Ernährung seines Ichs braucht. Dort ist sein Ich seine Hauptsorge -- das Ich, dessen Interesse von dem der andern abgesondert ist. Wie mit seinem Ich so ist es auch mit den Dingen seiner Welt; sie haben für ihn keine andere Bedeutung als die des Nutzens. Aber es entwickeln sich Fähigkeiten in ihm wie die Glieder beim ungeborenen Kinde, die ihm die Kraft geben, die Einheit der Welt zu erkennen -- die Einheit, die der Seele und nicht den Dingen eigen ist. Er hat im Schönheitssinn und in der Liebe die Fähigkeit, an andern mehr Freude zu finden als an sich selbst. Die Fähigkeit, die ihn irdische Freuden verschmähen und Schmerz und Tod auf sich nehmen läßt, treibt ihn, unaufhaltsam vorwärts zu streben und führt ihn zu Erkenntnissen und Taten, die scheinbar keinen Nutzen für ihn haben. Dies führt zum Widerstreit mit den Gesetzen der Welt der Natur, und das Prinzip der Auslese der Tauglichsten ändert seinen Sinn.

Und damit kommen wir zu dem Dualismus, durch den der Mensch am meisten leidet: dem Dualismus von Natur und Seele. Das Übel, das den natürlichen Menschen verletzt, ist der Schmerz, aber das Übel, das seine Seele verletzt, hat einen besonderen Namen erhalten, es heißt Sünde. Denn wenn es auch durchaus nicht als Schmerz empfunden wird, so ist es doch ein Übel, ebenso wie Blindheit oder Lahmheit für den Embryo nichts bedeutet, aber nach der Geburt zu einem großen Übel wird, das den Zweck des Lebens hemmt. Das Verbrechen richtet sich gegen den Menschen, die Sünde richtet sich gegen das Göttliche in uns.

Was ist dieses Göttliche? Es ist das, was seinen eigentlichen und wahren Sinn im Unendlichen hat, was in dem embryonischen Leben des Ichs nicht die letzte Wahrheit sieht. Die ganze Geschichte der Menschheit ist eine Geschichte von Geburtswehen, eine Geschichte von Leiden, wie kein Tier sie je durchzumachen hat. Die Menschheit hat keine Ruhe, all ihre Triebkräfte drängen sie vorwärts. Wenn sie sich auf ihrem Wohlstand zur Ruhe legt, ihr Leben durch Konventionen einschnürt, ihre Ideale zu verhöhnen beginnt und all ihre Kräfte auf die Vergrößerung ihres Ichs verwendet, dann beginnt ihr Verfall und Tod; alles, was sie an Kraft hat, wirkt nur noch zerstörend, denn sie braucht diese Kraft nur, um Zurüstungen für den Tod zu machen, weil sie nicht an unsterbliches Leben glaubt.

Für alle andern Kreaturen ist das natürliche Leben alles. Leben, die Gattung fortpflanzen und sterben, das ist ihr Daseinszweck. Und damit sind sie zufrieden. Sie rufen nie sehnsüchtig nach Erlösung, nach Befreiung aus den Schranken des Lebens; sie fühlen sich nie eingeengt und erstickt und schlagen verzweifelt gegen die Grenzmauern ihrer Welt; sie wissen nicht, was es heißt, ein Leben des Überflusses aufgeben und durch Entsagung den Eintritt ins Reich himmlischer Wonne zu gewinnen. Sie schämen sich nicht ihrer Begierden und empfinden sie nicht als unrein, denn sie gehören zu ihrem vollen Leben. Sie sind nicht grausam in ihrer Grausamkeit, nicht gierig in ihrer Gier, denn Grausamkeit und Gier reichen nicht weiter als die Gegenstände derselben, die an sich endlich sind. Aber der Mensch hat seine Unendlichkeit, und daher verachtet er jene Leidenschaften, die seine Unsterblichkeit nicht anerkennen.

Im Menschen hat das Leben des Tiers seinen Bereich geweitet. Er ist an die Schwelle einer Welt gekommen, die erst durch seinen eigenen Willen und seine eigene Kraft geschaffen werden muß. Er ist über das rezeptive Stadium hinaus, wo das Ich versucht, alles, was es umgibt, in sein eigenes Zentrum zu ziehen, ohne selbst etwas zu geben. Jetzt beginnt des Menschen schöpferisches Leben, wo er von seinem Überfluß spendet. Durch unaufhörliches Entsagen soll er wachsen. Alles was die Freiheit dieses endlosen Wachstums hemmt, ist Sünde, das Übel, das seiner Unsterblichkeit entgegenarbeitet. Diese schöpferische Kraft im Menschen hat sich schon von Anfang seines Lebens an gezeigt. Denn selbst sein physischer Bedarf wird ihm in der Kinderstube der Natur nicht gebrauchsfertig vorgesetzt. Von seinen ersten Tagen an ist er geschäftig gewesen, sich aus dem Rohmaterial, das um ihn herumliegt, seinen Lebensbedarf zu bereiten. Selbst seine Speisegerichte sind seine eigene Schöpfung, und im Gegensatz zu den Tieren wird er nackt geboren und muß sich seine Kleidung selbst schaffen. Dies beweist, daß der Mensch aus der Welt der Naturzwecke in die Welt der Freiheit geboren ist.

Denn Schaffen bedeutet Freiheit. Wir leben in einem Gefängnis, wenn wir in dem leben müssen, was schon da ist, denn es bedeutet in etwas leben, was etwas anderes ist als wir selbst. Dort müssen wir ohnmächtig es der Natur überlassen, mit uns zu schalten und walten und für uns zu wählen, und so kommen wir unter das Gesetz der natürlichen Auslese. Aber in unsrer eigenen Schöpfung leben wir in dem, was unser ist, und dort wird die Welt mehr und mehr eine Welt unsrer eigenen Auslese; sie bewegt sich mit uns im gleichen Schritt und gibt uns Raum, wohin wir uns auch wenden. So kommt es, daß der Mensch sich nicht mit der ihm gegebenen Welt begnügt; er strebt danach, sie zu seiner eigenen Welt zu machen. Und er legt den ganzen Mechanismus des Weltalls auseinander, um ihn zu studieren und wieder nach seinen eigenen Bedürfnissen zusammenzusetzen. Er lehnt sich auf gegen den Zwang der Naturgesetze. Sie hemmen bei jedem Schritt die Freiheit seines Laufes, und er muß die Tyrannei der Materie erdulden, die seine Natur sich sträubt als endgültig und unvermeidlich anzuerkennen.

Schon in der Zeit seiner Wildheit versuchte er durch Zaubermittel die Ordnung der Dinge zu durchbrechen. Er träumte von Aladdins Wunderlampe und von mächtigen Geistern, die ihm gehorchen und die Welt auf den Kopf stellen mußten, wenn es ihm einfiel. Denn sein freier Geist stieß immer wieder gegen Dinge, die ohne Rücksicht auf ihn eingerichtet waren. Er mußte sich scheinbar in die ihm aufgezwungene Naturordnung fügen oder sterben. Aber im tiefsten Herzen konnte er doch trotz der ihn widerlegenden harten Tatsachen nicht daran glauben. Daher träumte er von einem Paradiese der Freiheit, vom Märchenlande, vom Heldenzeitalter, wo der Mensch in beständigem Verkehr mit Göttern lebte, vom Stein der Weisen, vom Lebenselixier. Obgleich er nirgends das Tor finden konnte, das in die Freiheit führte, suchte er doch unermüdlich tastend danach, er härmte sich in Sehnsucht ab und betete inbrünstig um Befreiung. Denn er fühlte instinktiv, daß diese Welt nicht seine endgültige Welt ist und daß seine Seele nur eine sinnlose Qual für ihn bedeuten würde, wenn es nicht eine andre Welt für ihn gäbe.

Die Naturwissenschaft hat die Führung in der Rebellion des Menschen gegen die Herrschaft der Natur. Sie versucht, der Natur den Zauberstab der Macht zu entwinden und ihn dem Menschen in die Hand zu geben; sie will unsern Geist aus der Sklaverei der Dinge befreien. Die Naturwissenschaft hat ein materialistisches Aussehen, weil sie damit beschäftigt ist, den Kerker der Materie zu zerbrechen, und auf seinem Trümmerhaufen arbeitet. Beim Einfall in ein neues Land ist Plünderung die Losung des Tages. Doch wenn das Land erobert ist, werden die Dinge anders, und die, die eben noch raubten, werden zu Polizisten und stellen Frieden und Ordnung wieder her. Die Naturwissenschaft beginnt eben erst den Einfall in die materielle Welt, und alles hascht gierig nach Beute und verleugnet schamlos die wahre Natur des Menschen. Aber die Zeit wird kommen, wo die großen Kräfte der Natur jedem Einzelnen zu Gebote stehen, und wo mit wenig Kosten und Mühe für die elementaren Lebensbedürfnisse aller gesorgt werden kann. Wo es für den Menschen ebenso leicht sein wird zu leben wie zu atmen und sein Geist frei ist, sich seine eigene Welt zu schaffen.

In früheren Zeiten, als die Naturwissenschaft den Schlüssel zum Vorratshause der Naturkräfte noch nicht gefunden hatte, hatte der Mensch doch schon den stoischen Mut, die Materie zu verachten. Er sagte, er könne sich ohne Nahrung behelfen und könne auch die Kleidung als Schutz gegen Kälte entbehren. Er war stolz darauf, seinen Leib zu kasteien. Es war ihm eine Lust, offen zu verkünden, daß er der Natur nur sehr wenig von dem Zoll zahlte, den sie von ihm forderte. Er bewies, daß er die Angst vor Schmerz und Tod, mit deren Hilfe die Natur ihn zu knechten suchte, aufs äußerste verachtete.

Woher dieser Stolz? Warum hat der Mensch sich von jeher gegen die demütigende Zumutung aufgelehnt, seinen Nacken unter physische Notwendigkeiten zu beugen? Warum konnte er sich nie damit aussöhnen, die Beschränkungen, die die Natur ihm auferlegte, als unbedingt geltend hinzunehmen? Warum konnte er in seiner physischen und sittlichen Welt die kühnsten Unmöglichkeiten versuchen, ohne je, trotz wiederholter Enttäuschungen, eine Niederlage zuzugeben?

Vom Standpunkt der Natur aus betrachtet, ist der Mensch töricht. Er traut der Welt, in der er lebt, nicht ganz. Er hat vom Anfang seiner Geschichte an Krieg mit ihr geführt. Er scheint sich durchaus an allen Ecken stoßen und verletzen zu wollen. Es ist schwer, sich vorzustellen, wie die sorgsame Meisterin der natürlichen Auslese Schlupflöcher lassen konnte, durch die solche überflüssigen und gefährlichen Elemente in ihre Wirtschaft hineingelangen und den Menschen ermutigen konnten, dieselbe Welt, die ihn erhält, zu durchbrechen. Aber das junge Vöglein benimmt sich genau so unbegreiflich töricht, wenn es die Wand seiner kleinen Welt durchbricht. Es hat doch mit der unbeirrbaren Sicherheit des Instinkts gefühlt, daß jenseits seines lieben Schalenkerkers etwas auf ihn wartet, das seinem Dasein Erfüllung bringen wird, wie seine Phantasie sie nie träumen kann.

So glaubt auch der Mensch fast blindlings seinem Instinkt, daß er, wie dicht auch die Hülle sein mag, die ihn hier umgibt, doch aus dem Mutterschoße der Natur in die Welt des Geistes geboren werden soll, in die Welt, wo er seine schöpferische Freiheit erlangt, wo er an der Schöpfung des Unendlichen teilnimmt, wo er im Zusammenwirken mit dem Unendlichen schafft, wo seine Schöpfung und Gottes Schöpfung in Harmonie eins werden.

In fast allen Religionssystemen gibt es ein großes Feld des Pessimismus, wo das Leben als ein Übel und die Welt als Fallstrick und Trug angesehen wird, wo der Mensch in der Welt um ihn her seinen erbittertsten Feind sieht. Er fühlt den Druck der Dinge so intensiv, daß er glaubt, es müsse ein böser Geist in der Welt sein, der ihn versuche und mit arger List ihn ins Verderben zu reißen trachte. In seiner Verzweiflung beschließt der Mensch dann, sich ganz von der Natur abzuwenden und zu beweisen, daß er sich selbst genügt.