Persönlichkeit

Part 2

Chapter 23,670 wordsPublic domain

Da nun der Ausdruck der Persönlichkeit und nicht der irgendeiner abstrakten oder analysierbaren Sache auch das Hauptziel der Kunst ist, so bedient sie sich mit Notwendigkeit der Sprache der Malerei und Musik. Dies hat uns zu der falschen Annahme geführt, daß die Hervorbringung von Schönheit das Ziel der Kunst sei. Doch die Schönheit ist für die Kunst nichts weiter als ein Mittel, sie ist nicht ihr ganzer und letzter Sinn.

Infolgedessen hat man oft die Frage erörtert, ob nicht die Form mehr als der Stoff das wesentliche Element der Kunst sei. Mit solchen Erörterungen kommt man ebensowenig zum Ziel, als wollte man ein bodenloses Faß mit Wasser füllen. Denn man geht dabei von der Vorstellung aus, daß die Schönheit das letzte Ziel der Kunst sei, und da der Stoff an sich nicht die Eigenschaft der Schönheit haben kann, fragt man sich, ob nicht die Form der wesentliche Faktor der Kunst sei.

Aber auf dem Wege der Analyse werden wir das wahre Wesen der Kunst nie entdecken. Denn das wahre Prinzip der Kunst ist das Prinzip der Einheit. Wenn wir den Nährwert gewisser Speisen wissen wollen, so müssen wir die Bestandteile, aus denen sie sich zusammensetzen, untersuchen; aber ihr Geschmackswert besteht in ihrer Einheit und läßt sich nicht analysieren. Sowohl Stoff wie Form sind Abstraktionen, die wir vornehmen; der Stoff für sich genommen fällt der naturwissenschaftlichen Betrachtung zu, die Form als solche fällt unter die Gesetze der Ästhetik. Aber wenn sie unlösbar eins sind, finden sie die Gesetze ihrer Harmonie in unsrer Persönlichkeit, die ein organischer Komplex von Stoff und Form, Gedanken und Dingen, Motiven und Handlungen ist.

Daher sehen wir, daß alle abstrakten Ideen in der wahren Kunst nicht am Platze sind; um Zutritt zu gewinnen, müssen sie persönliche Gestalt annehmen. So kommt es, daß die Dichtkunst Worte zu wählen sucht, die voll von Leben sind, Worte, die nicht nur der bloßen Mitteilung dienen und durch beständigen Gebrauch abgegriffen sind, sondern in unserm Herzen Heimatrecht haben. Zum Beispiel ist das deutsche Wort »Bewußtsein« noch nicht aus seinem scholastischen Verpuppungszustand zum Schmetterlingsdasein vorgedrungen, daher kommt es in der Poesie selten vor, während das ihm entsprechende indische Wort _cetana_ lebendige Kraft hat und in der Dichtkunst ganz heimisch ist. Dagegen ist das deutsche Wort »Gefühl« von Leben durchblutet, aber das bengalische _anubhūti_ findet in der Dichtung keinen Zutritt, weil es nur Sinn, aber keinen Duft hat. Und so gibt es auch naturwissenschaftliche und philosophische Wahrheiten, die Farbe und Geschmack des Lebens gewonnen haben, und andere, die abstrakt und unpersönlich geblieben sind. Solange sie dies sind, müssen sie wie ungekochte Gemüse beim Festmahl der Kunst draußen bleiben. Solange die Geschichte sich die Naturwissenschaft zum Vorbild nimmt und sich in Abstraktionen bewegt, bleibt sie außerhalb der Domäne der Literatur. Aber wenn sie Begebenheiten darstellt, stellt sie sich dem Epos an die Seite. Denn die Darstellung von Begebenheiten bringt uns die Zeit, in der sie sich zutrugen, persönlich nahe. Durch sie wird jene Zeit für uns lebendig; wir fühlen ihren Herzschlag.

Die Welt und des Menschen Persönlichkeit stehen sich Antlitz in Antlitz gegenüber wie Freunde, die ihre innersten Geheimnisse austauschen. Die Welt fragt den innern Menschen: »Freund, siehst du mich? liebst du mich? -- nicht als einen, der dir Nahrung und Genuß verschafft, nicht als einen, dessen Gesetze du entdeckt hast, sondern als persönliches Wesen?«

Der Künstler antwortet: »Ja, ich sehe dich, ich kenne und liebe dich, -- nicht weil ich deiner bedarf, nicht weil ich deine Gesetze zu meinen eigenen Machtzwecken brauchen will. Ich kenne die Kräfte, die in dir wirken und treiben und die zu Macht führen, aber das ist es nicht. Ich sehe und liebe dich da, wo du mir gleich bist.«

Aber wie können wir wissen, daß der Künstler dieses Welt-Ich erkannt und von Angesicht zu Angesicht geschaut hat?

Wenn wir jemand zum erstenmal begegnen, der noch nicht unser Freund ist, so bemerken wir zahllose unwesentliche Züge, die beim ersten Blick unsre Aufmerksamkeit anziehen; und in dem Gewirr der verschiedenen Einzelheiten verlieren wir den, der unser Freund werden sollte.

Als unser Schiff an der japanischen Küste landete, befand sich unter den Passagieren ein Japaner, der von Rangoon in die Heimat zurückkehrte, während wir andern zum erstenmal in unserm Leben diese Küste betraten. Es war ein großer Unterschied in der Art, wie wir Ausschau hielten. Wir sahen jede kleine Besonderheit, und unzählige bedeutungslose Dinge zogen unsre Aufmerksamkeit an. Aber der Japaner tauchte sogleich in die Persönlichkeit, in die Seele des Landes ein, wo seine eigene Seele Befriedigung fand. Er sah weniger Dinge als wir, aber was er sah, war die Seele Japans. Zu ihr konnte man nicht gelangen, indem man eine möglichst große Masse von Einzelheiten ins Auge faßte, sondern durch etwas Unsichtbares, das tiefer lag. Weil wir all jene unzähligen Dinge sahen, sahen wir Japan nicht besser als er, im Gegenteil, die Dinge verbauten uns das eigentliche Japan.

Wenn wir jemand, der nicht Künstler ist, bitten, irgendeinen besonderen Baum zu zeichnen, so versucht er, jede Einzelheit genau wiederzugeben, aus Furcht, die Eigentümlichkeit könne sonst verloren gehen; er vergißt, daß die Eigentümlichkeit des Baumes nicht seine Persönlichkeit ist. Doch wenn der wahre Künstler kommt, so kümmert er sich nicht um die Einzelheiten und geht auf das, was wesentlich und charakteristisch für den Baum ist.

Auch unser Verstand sucht für die Vielheit der Dinge ein inneres, einheitliches Prinzip; er sucht sich von den Einzelheiten zu befreien und in den Kern der Dinge einzudringen, wo sie eins sind. Aber der Unterschied ist der: der Naturwissenschaftler sucht ein unpersönliches Einheitsprinzip, das sich auf alle Dinge anwenden läßt. Er zerstört zum Beispiel den menschlichen Leib, der etwas Individuelles ist, um der Physiologie willen, die unpersönlich und allgemein ist.

Aber der Künstler erkennt das Eigenartige, das Individuelle, das im Kern des Universalen ist. Wenn er den Baum ansieht, so sieht er im Baum das Einzigartige, nicht das allgemein Typische wie der Botaniker, der alles in Klassen einteilt. Es ist die Aufgabe des Künstlers, die Eigenart dieses einen Baumes darzustellen. Wie macht er das? Nicht indem er die besondere Eigentümlichkeit aufweist, die der Mißklang der Eigenart ist, sondern die Seele, die Persönlichkeit des Baumes, die Harmonie ist. Daher muß er den Zusammenklang dieses einen Dinges mit allen Dingen ringsum zum Ausdruck bringen.

Die Größe und Schönheit der orientalischen, besonders der japanischen und chinesischen Kunst besteht darin, daß die Künstler diese Seele der Dinge erkannt haben und an sie glauben. Das Abendland glaubt wohl an die Seele des Menschen, aber es glaubt nicht wirklich, daß das Weltall eine Seele hat. Doch dies ist der Glaube des Morgenlandes, und alles, was der Osten der Menschheit an geistigem Gut gebracht hat, ist von dieser Idee erfüllt. Daher haben wir Bewohner des Ostens nicht das Bedürfnis, auf Einzelheiten Nachdruck zu legen, denn das Wesentliche ist für uns die Weltseele, über die unsre Weisen nachgesonnen und die unsre Künstler zum Ausdruck gebracht haben.

Weil wir im Osten den Glauben an diese Weltseele haben, wissen wir, daß Wahrheit, Macht und Schönheit da zu finden sind, wo Schlichtheit ist, wo der innere Blick nicht durch Außendinge gehemmt wird. Daher haben all unsre Weisen versucht, ihr Leben einfach und rein zu gestalten, weil sie so in einer Wahrheit leben, die, wenn auch unsichtbar, doch wirklicher ist als das, was durch Umfang und Zahl sich aufdrängt.

Wenn wir sagen, daß die Kunst es nur mit persönlichen Wahrheiten zu tun hat, so wollen wir damit nicht die philosophischen Ideen ausschließen, die scheinbar abstrakt sind. Sie sind ganz heimisch in unsrer indischen Dichtung, da sie mit allen Fasern unsres persönlichen Wesens verbunden sind. Ich möchte hier ein Beispiel zur Erklärung geben. Das Folgende ist die Übersetzung eines indischen Liedes, das eine Dichterin des Mittelalters gedichtet hat und das das Leben besingt.

Ich grüße das Leben, das wie das keimende Saatkorn Mit dem einen Arm hinauf in das Licht, mit dem andern hinab in das Dunkel greift; Das Leben, das eins ist in seiner äußern Form und in seinem innern Saft; Das Leben, das immer wieder emportaucht und immer wieder entschwindet. Ich grüße das Leben, das kommt, und das Leben, das scheidet; Ich grüße das Leben, das sich offenbart, und das in Verborgenheit schlummert; Ich grüße das Leben, das wie der Berg in reglosem Schweigen gebannt ist, Und das Leben, das wie ein Feuermeer auftobt; Das Leben, das zart ist wie ein Lotus, und das Leben, das hart ist wie Donnerkeil. Ich grüße das Leben des Geistes, um das Licht und Dunkel sich streiten. Ich grüße das Leben, das seine Heimstatt gefunden, und das Leben, das draußen in der Fremde irrt; Das Leben, das freudejauchzend dahintanzt, und das Leben, das leidmüde seine Straße schleicht; Das ewig schaukelnde Leben, das die Welt zur Ruhe wiegt, Das tiefe, stille Leben, das hervorbricht in brausenden Wogen.

Diese Idee vom Leben ist keine bloße logische Abstraktion; sie ist der Dichterin ebensosehr lebendige Wirklichkeit wie die Luft dem Vogel, der sie bei jedem Flügelschlag fühlt. Die Frau hat das Geheimnis des Lebens in ihrem Kinde tiefer gespürt, als der Mann es je gekonnt. Diese Frauennatur in der Dichterin hat gefühlt, wie überall in der Welt das Leben sich regt. Sie hat seine Unendlichkeit erkannt -- nicht auf dem Wege verstandesmäßiger Überlegung, sondern durch die Erleuchtung ihres Gefühls. Daher wird dieselbe Idee, die für den, dessen Lebensgefühl auf eine enge Sphäre beschränkt ist, bloße Abstraktion bleibt, für einen Menschen mit weitem Lebensgefühl leuchtend klare Wirklichkeit. Wir hören oft, daß die Europäer den indischen Geist als metaphysisch bezeichnen, weil er immer bereit ist, sich ins Unendliche aufzuschwingen. Aber man muß dabei bedenken, daß das Unendliche für Indien mehr ist als ein Gegenstand philosophischer Spekulation; es ist uns ebensosehr Wirklichkeit wie das Sonnenlicht. Wir können ohne es nicht leben, wir müssen es sehen und fühlen und unserm Leben einverleiben. Daher begegnen wir ihm immer wieder in der Literatur und in der Symbolik unsres Gottesdienstes. Der Dichter der Upanischad sagt: »Auch nicht das leiseste Sichregen von Leben wäre möglich, wenn nicht der Raum von unendlicher Freude erfüllt wäre[3].« Diese Allgegenwart des Unendlichen war ebenso wirklich für ihn wie die Erde unter seinen Füßen, ja sie war es noch mehr. Ein Lied eines indischen Dichters aus dem 15. Jahrhundert[4] gibt diesem Gefühl Ausdruck:

Dort wechseln Leben und Tod in rhythmischem Spiel, Dort sprudelt Entzücken und strahlt der Raum von Licht, Dort ertönt die Luft von Musik, dem Liebeschor dreier Welten, Dort brennen Millionen Lampen von Sonnen und Monden, Dort schlägt die Trommel und schwingt sich die Liebe im Spiel, Dort erklingen Lieder der Minne, und Licht strömt in Schauern herab.

Unsre indische Dichtung ist zum größten Teil religiös, weil Gott für uns kein ferner Gott ist. Er ist uns ebenso nahe in unserm Heim wie in unsern Tempeln. Wir fühlen seine Nähe in allen menschlichen Beziehungen der Liebe und Freundschaft, und bei unsern Festen ist er der Ehrengast. In der Blütenpracht des Frühlings, in den Gewitterschauern des Sommers, in der Früchtefülle des Herbstes sehen wir den Saum seines Mantels und hören seine Tritte. Wo immer wir wahrhaft verehren, verehren wir Ihn; wo immer wir wahrhaft lieben, lieben wir Ihn. Im Weibe, das gut ist, fühlen wir Ihn; im Mann, der wahr ist, erkennen wir Ihn; in unsern Kindern wird er immer wieder geboren, Er, das Ewige Kind. Daher sind religiöse Lieder unsre Liebeslieder, und unsre häuslichen Erlebnisse wie die Geburt eines Sohnes oder die Einkehr der Tochter aus dem Hause des Gatten ins Haus der Eltern und ihr erneutes Scheiden haben in der Dichtung symbolische Bedeutung erhalten.

So erstreckt sich das Gebiet der Dichtkunst bis in die Sphäre, die in geheimnisvolles Dunkel gehüllt ist, und gibt ihr Licht und Sprache. Es gewinnt immer mehr Raum, wie der menschliche Geist auf dem Gebiete der Wahrheit. Es greift nicht nur in die Geschichte, in die Naturwissenschaft und Philosophie über, sondern auch in unser soziales Leben, in dem Maße, wie sich unser Bewußtsein weitet und unsre Umgebung liebend und verstehend umfaßt. In der klassischen Literatur der alten Zeit gab es nur Heilige, Könige und Helden. Sie warf ihr Licht nicht auf die Menschen, die im Dunkel liebten und litten. Aber wie das Licht des menschlichen Geistes seinen Schein über einen immer größeren Raum wirft und in verborgene Winkel dringt, so geht auch die Kunst über ihre Schranken hinaus und dehnt ihre Grenzen in unerforschte Gebiete aus. So verkündet die Kunst des Menschen Siegeszug über die Welt, indem sie Symbole von Schönheit aufrichtet an Orten, wo sonst keine Stimme ertönt und keine Farbe leuchtet. Sie webt ihm sein Banner, unter dem er vorwärtsschreitet im Kampf gegen Leere und Trägheit und weit und breit in Gottes Schöpfung die Rechte des Lebens geltend macht. Selbst der Geist der Wüste hat seine Verwandtschaft mit ihm anerkannt, und die einsamen Pyramiden stehen da als Denkmäler des erhabenen Schweigens, in dem sich die Natur und der menschliche Geist begegneten. Das Dunkel der Höhlen hat der Menschenseele seine Stille gegeben und ist dafür heimlich mit dem Kranz der Kunst gekrönt. Glocken läuten in Tempeln, in Dörfern und volkreichen Städten und verkünden, daß das Unendliche dem Menschen keine bloße Leere ist. Dies Sichausbreiten der menschlichen Persönlichkeit hat keine Grenze, und selbst die Märkte und Fabriken unsrer Zeit, selbst die Gefängnisse, in die man Verbrecher einsperrt, und die Schulen, in die man Kinder einsperrt, werden durch die Berührung der Kunst gemildert und verlieren etwas von ihrer unerbittlichen Lebensfeindlichkeit. Denn des Menschen Persönlichkeit ist immer bestrebt, allem, wozu sie nähere Beziehung hat, den Stempel ihres Geistes aufzudrücken. Und die Kunst ist der grüne Pflanzenwuchs, der zeigt, wie weit der Mensch sich die Wüste zu eigen gemacht hat.

Wir haben schon gesagt, daß überall, wo die Beziehung unsres Herzens zur Welt über das Notwendige hinausgeht, Kunst geboren wird. Mit andern Worten: wo unsre Persönlichkeit ihren Reichtum fühlt, entfaltet sie sich in Schönheit. Was wir für unsre Bedürfnisse brauchen, wird ganz verbraucht und hinterläßt keine Spur. Was über sie hinausgeht, nimmt Gestalt an. Bloße Nützlichkeit gleicht der Hitze, sie ist dunkel. Wenn sie über sich hinausgeht, wird sie weiß und leuchtend, dann hat sie ihren Ausdruck gefunden.

Nehmen wir zum Beispiel unsre Freude am Essen. Sie ist bald erschöpft, sie gibt uns keine Ahnung von dem Unendlichen. Daher hat sie, obwohl sie allgemeiner und weiter verbreitet ist als irgendeine andre Leidenschaft, im Reich der Kunst keinen Zutritt. Da geht es ihr wie dem Einwanderer an der amerikanischen Küste, wenn er mit leerem Beutel kommt.

In unserm Leben haben wir eine endliche Seite, wo wir uns mit jedem Schritt ganz ausgeben, und wir haben eine andre Seite, wo unser Streben, unsre Freude und unsre Opfer unendlich sind. Diese unendliche Seite des Menschen offenbart sich in Symbolen, die etwas von dem Wesen der Unsterblichkeit haben. In ihnen sucht sie Vollendung zum Ausdruck zu bringen. Daher verschmäht sie alles, was nichtig und schwach und widersinnig ist. Sie erbaut sich zum Wohnsitz ein Paradies und wählt dazu nur solche Baustoffe, die die Vergänglichkeit des Irdischen abgestreift haben.

Denn die Menschen sind Kinder des Lichts. Sobald sie sich ganz erkennen, fühlen sie ihre Unsterblichkeit. Und in dem Maße, wie sie sie fühlen, dehnen sie das Reich der Unsterblichkeit auf jedes Gebiet des menschlichen Lebens aus.

Und das ist nun der Beruf der Kunst: die wahre Welt des Menschen, die lebendige Welt der Wahrheit und Schönheit, aufzubauen.

Der Mensch ist ganz er selbst, wo er seine Unendlichkeit fühlt, wo er göttlich ist, und das Göttliche ist das Schöpferische in ihm. Daher ist er schöpferisch, sobald er zu seinem wahren Wesen gelangt. Er kann wahrhaft in seiner eigenen Schöpfung leben, indem er aus Gottes Welt seine eigene Welt macht. Das ist in Wahrheit sein eigener Himmel, der Himmel zur Vollendung gestalteter Ideen, mit denen er sich umgibt; wo seine Kinder geboren werden, wo sie lernen, wie sie leben und sterben, lieben und kämpfen müssen, wo sie lernen, daß das Wirkliche nicht nur das äußerlich Sichtbare ist und daß es andre Reichtümer gibt als die Schätze der Erde. Wenn der Mensch nur die Stimme hören könnte, die aus dem Herzen seiner eigenen Schöpfung aufsteigt, würde er dieselbe Botschaft vernehmen, die in alter Zeit der indische Weise verkündete:

»Hört auf mich, ihr Kinder des Unsterblichen, ihr Bewohner der himmlischen Welten, ich habe den Höchsten erkannt, der als Licht von jenseits der Finsternis kommt[5].«

Ja, es ist der Höchste, der sich dem Menschen offenbart hat und durch den dieses ganze Weltall für ihn mit persönlichem Leben erfüllt ist. Daher sind Indiens Pilgerstätten dort, wo unser Herz in der Vereinigung von Strom und Meer oder im ewigen Schnee der Bergesspitzen oder in der Einsamkeit des Seegestades etwas von dem Wesen des Unendlichen spürt. Dort hat der Mensch in seinen Bildnissen und Tempeln dies Wort hinterlassen: »Hört auf mich, ich habe den Höchsten erkannt.« Erforschen können wir ihn nicht, nicht in den Dingen dieser Welt, noch in ihren Gesetzen; doch wo der Himmel blau ist und das Gras grün, wo die Blume ihre Schönheit und die Frucht ihren Wohlgeschmack spendet, wo nicht nur der Wille zur Erhaltung der Gattung, sondern Freude am Leben und Liebe zu allen Wesen, Mitgefühl und Selbstverleugnung herrscht, dort offenbart sich uns der Unendliche. Dort prasseln nicht nur Tatsachen auf uns nieder, sondern wir fühlen, wie das Band persönlicher Verwandtschaft unsre Herzen ewig mit dieser Welt verbindet. Und dies ist Wirklichkeit, ist Wahrheit, die wir uns zu eigen gemacht haben, Wahrheit, die ewig eins mit dem Höchsten ist. Diese Welt, deren Seele sehnsüchtig nach Ausdruck sucht in dem endlosen Rhythmus ihrer Linien und Farben, Musik und Bewegung, in leisem Flüstern und heimlichen Winken und all den Versuchen, das Unaussprechliche ahnen zu lassen, -- diese Welt findet ihre Harmonie in dem unaufhörlichen Verlangen des menschlichen Herzens, in seinen eigenen Schöpfungen den Höchsten zu offenbaren.

Dieses Verlangen macht uns verschwenderisch mit allem, was wir haben. Solange wir Reichtümer ansammeln, legen wir uns Rechenschaft ab von jedem Pfennig; wir rechnen genau und handeln sorgfältig. Aber sobald wir unserm Reichtum Ausdruck geben wollen, kennen wir keine Schranken mehr. Ja, niemand unter uns hat Reichtümer genug, um das, was wir unter Reichtum verstehen, voll zum Ausdruck zu bringen. Wenn wir versuchen, unser Leben gegen den Angriff des Feindes zu schützen, sind wir vorsichtig in unsern Bewegungen. Aber wenn wir uns getrieben fühlen, unsrer persönlichen Tapferkeit Ausdruck zu geben, so nehmen wir freiwillig Gefahren auf uns, wenn es uns auch das Leben kostet. Im Alltagsleben sind wir vorsichtig mit unsern Ausgaben, aber bei festlichen Gelegenheiten, wenn wir unsre Freude ausdrücken, sind wir so verschwenderisch, daß wir selbst über unsre Mittel hinaus gehen. Denn wenn wir uns unsrer eigenen Persönlichkeit intensiv bewußt sind, haben wir kein Auge mehr für die Tyrannei der Tatsachen. Wir sind maßvoll und zurückhaltend dem Menschen gegenüber, mit dem uns nur Klugheitsinteresse verbindet. Aber wir fühlen, daß alles, was wir haben und geben können, für die noch nicht genug ist, die wir lieben. Der Dichter sagt zu der Geliebten: »Mir ist, als sei ich vom Anfang meines Daseins an in den Anblick deiner Schönheit versunken gewesen, als hätte ich dich seit Jahrtausenden in meinen Armen gehalten, und doch ist meine Sehnsucht noch nicht gestillt.« »Die Steine möchten in Zärtlichkeit schmelzen, wenn der Saum deines Mantels sie streift.« Er fühlt, daß »seine Augen wie Vögel ausfliegen möchten, um die Geliebte zu sehen.« Vom Standpunkt der Vernunft aus sind dies Übertreibungen, aber vom Standpunkt des Herzens aus, das von den Schranken der Tatsachen befreit ist, sind sie wahr.

Ist es nicht ebenso in Gottes Schöpfung? Dort sind Kraft und Stoff auch bloße Tatsachen; sie können gemessen und gewogen werden, und es wird genau Buch über sie geführt. Allein die Schönheit ist keine bloße Tatsache; sie läßt sich nicht verrechnen, sie läßt sich nicht auf ihren Wert abschätzen und verzeichnen. Sie ist Ausdruck. Tatsachen sind die Becher, die den Wein halten, er verdeckt und überrinnt sie. Die Schönheit ist unendlich in ihren Kundgebungen und überschwänglich in ihrer Sprache. Und nur die Seele, nicht die Wissenschaft, kann diese Sprache verstehen. Sie singt wie jener Dichter: »Mir ist, als sei ich vom Anfang meines Daseins an in den Anblick deiner Schönheit versunken gewesen, als hätte ich dich seit Jahrtausenden in meinen Armen gehalten, und doch ist meine Sehnsucht noch nicht gestillt.«

So sehen wir, daß unsre Welt des Ausdrucks der Welt der Tatsachen nicht genau entspricht, da die Persönlichkeit nach allen Richtungen über die Tatsachen hinausgeht. Sie ist sich ihrer Unendlichkeit bewußt und schafft aus ihrem Überfluß heraus, und da in der Kunst die Dinge nach ihrem Ewigkeitswert gemessen werden, verlieren die, die im gewöhnlichen Leben wichtig sind, ihre Wirklichkeit, sobald sie auf das Piedestal der Kunst erhoben werden. Der Zeitungsbericht von irgendeinem häuslichen Ereignis im Leben eines Geschäftsmagnaten ruft vielleicht in der Gesellschaft große Aufregung hervor, doch im Reich der Kunst verliert er alle seine Bedeutung. Wenn er dort durch irgendeinen grausamen Zufall neben Keats' »Ode auf eine griechische Urne« geriete, müßte er in Scham sein Gesicht verbergen.

Und doch könnte dasselbe Ereignis, wenn es in seiner Tiefe erfaßt und seiner konventionellen Oberflächlichkeit entkleidet würde, noch eher einen Platz in der Kunst finden als die Unterhandlungen über eine große chinesische Geldanleihe oder die Niederlage der britischen Diplomatie in der Türkei. Ein bloßes Familienereignis, die Eifersuchtstat eines Gatten, wie Shakespeare sie in einer seiner Tragödien schildert, hat im Reich der Kunst größeren Wert als die Kastenordnung in Manus Gesetzbuch[6] oder das Gesetz, das den Bewohner des einen Weltteils hindert, auf einem andern menschlich behandelt zu werden. Denn wenn Tatsachen nichts als die Glieder einer Kette von Tatsachen sind, weist die Kunst sie zurück.

Wenn jedoch solche Gesetze und Verordnungen, wie ich sie eben erwähnte, uns in ihrer Anwendung auf einen bestimmten Menschen gezeigt werden, wenn wir die ganze Ungerechtigkeit und Grausamkeit und das ganze Elend, das sie im Gefolge haben, sehen, dann werden sie ein Gegenstand für die Kunst. Die Anordnung einer großen Schlacht mag eine wichtige Tatsache sein, aber für den Zweck der Kunst ist sie unbrauchbar. Aber was diese Schlacht einem einzelnen Soldaten bringt, der von seinen Lieben losgerissen, auf Lebenszeit verkrüppelt wird, das hat für die Kunst, die es mit der lebendigen Wirklichkeit zu tun hat, den höchsten Wert.