Perlen der heiligen Vorzeit Johann Ladislav Pyrker's sämmtliche Werke (3/3)
Part 9
Sieh’, und als er es sprach, da ward verjünget sein Antlitz, Und verkläret sein Leib in glänzender Himmelsgestaltung! Wenn die Sonne die weitumkreisende Scheib’ an des Ostens Duftigem Thor’ erhöht im lieblichen Schimmer der Rosen, Da schau’n wir entzückt, mit thränenumflossenen Augen, Noch hinüber nach ihr; doch bald aufschwingt sie voll Hoheit, Sich in des Himmels Blau: vom strahlenden Glanze geblendet, Sinken die Blicke zum Staub’, und, bethend, bewegt sich die Lippe: Also sah der Greis in des schnellverkläreten Jünglings Augen, erstaunt, und senkte den Blick dann, bethend, zum Boden. Aber der Himmlische sprach zu ihm jetzt mit lieblicher Stimme: „Mache dich auf, o Greis, den Wink zu erfüllen Jehova’s, Der g’en Sidon hinaus dich eilen heißt, nach Sarepta,[6] Jener phönikischen Stadt, die noch des grausamen Ethbaal’s Zepter gehorcht! Du staunest dem Wort, weil rings in den Landen Achab forschte nach dir, und Jesabel glühend vor Rachgier Wüthet? Fürchte dich nicht. Ein mächtiger Hort ist Jehova, Der die Witwe erfüllt mit Freudigkeit, daß sie den Abend Dir ein gastliches Obdach beut, und heimlich ernähret. Dort den Nahmen des Herrn verherrlichen wirst du, Helias!“ Sagt’ es, und schwand aus den Augen des tieferschütterten Sehers. Wie uns des Morgens Traum, voll holdumgaukelnder Bilder, Schwindet, und wir, erwacht, nachsinnen: ob uns nur Täuschung Also entzück’, ob nicht? -- so dünkte dem Greis’ die Erscheinung. Aber er säumte nicht; schnell ergriff er den Stab mit der Rechten: Denn die Link’ erhob den weitumhüllenden Mantel Von dem Boden, und schlang ihn umher an den Schultern und Lenden, Ueber dem langen Kleid’ aus Lämmerfellen bereitet.[7] Also stieg er die Felsen empor, nicht achtend des Schweißes, Der von der glühenden Stirn’ ihm träufelte, dann von den Wangen Strömend, hinunter sank in die Silberwellen des Bartes Ueber der Brust umher, und ging, nicht des Hungers und Durstes Achtend, der ihm die Zung’ anklebt’ an den trockenen Gaumen: Denn Jehova geboth, und Muth erhöhte die Kraft ihm, Freude das Herz, und Wonne die Seele, dem Herrn zu gehorchen.
Mild g’en Westen hinab mit rosenumhülleten Wangen Sank die Sonn’ im eilenden Lauf’, und liebliche Kühlung Wehte vom Meere heran, als er mit wankenden Schritten Jetzt den Thoren Sarepta’s naht’. Aufquoll von den Straßen Finsteren Staubes Gewölk’, wo, zahllos blöckende Heerden Von der Weide zum Stall heimkehrten. Sie blöckten so kläglich: Denn nicht stillte den armen die Trifft, versenget, den Hunger, Nicht den quälenden Durst der langvertrocknete Quell mehr. Abgehärmten Gesicht’s, und mit flehendgefalteten Händen, Standen die Stadtbewohner am Rain. Sie blickten nach Westen, Blickten nach Süden hinaus, und forscheten: ob nicht am Himmel Endlich sich weis’ ein Regengewölk’, und der nahen Verzweiflung Wehre? Nicht bellend mehr, nur winselnd schleppte der Haushund Langsam dem Eigner sich nach auf der Spur, und legte verschmachtend Sich vor ihn hin. Sein Aug’ umhüllten von neuem die Thränen.
Nahe dem Thor’ ersah der Greis die Witwe Benaja’s Häufend das Reisig im Schooß mit rothgeweineten Augen. Bald von dieser und bald von jener Seite des Weges, Trug Adoniram, ihr Sohn, die dürren Zweige herüber, Welch’ er fand, laut schreiend vor Freud’: ein liebliches Kind noch, Hold an Körper und Geist, der Mutter ergeben und folgsam. Schnell enthüllt’ ein Himmelsstrahl, vor den Augen Helias Theilend den Nebelflor, der noch den sterblichen Blick deckt, Die, von dem Herrn Bezeichnete sey’s, die jetzo sich aufhob, Und mit zweifelndem Blick’ ihn maß, den seltsamen Fremdling. Aber er sprach mit wichtigem Blick zu der Staunenden also: „Friede mit dir, o Weib! Dir Heil, der Witwe Benaja’s! Heil auch deinem Sohn’, Adoniram! Gib mir zu trinken, Holend das Wasser im ird’nen Gefäß, das dir noch erübrigt. Heiß ist der Tag: der Greis ermattete, kommend von fern’ her.“ Jene staunte dem Wort. Nicht unbekannt war ihr, der Heidinn, Selbst in Sarepta, Jehova’s Macht, und der Ruhm des Propheten Längst erschollen im Land; doch hatte der heilige Mann sie Nie gesehen zuvor -- und er nannte Geschlecht ihr und Nahmen? Schweigend ergriff sie des Knaben Hand, und wandte die Schritte Heimwärts, daß sie den Labetrunk, den dürftigen, letzten, Holte herbei: sich mild an dem flehenden Greise bewährend.
Lächelnd blickt’ er ihr nach; er dacht’ im Geiste des Segens, Den der Himmelsbothe verhieß, und freute sich innig. Laut nachrief er zugleich der Eilenden: „Bringe vor allem Auch ein Stückchen Brot mit dem Krug, mir den Hunger zu stillen.“ Jene wandte betroffen sich um. Ihr bebten die Lippen Ob des unendlichen Weh’s in der Brust, und mit Thränen begann sie: „O, so wahr Jehova, dein Gott, der lebende Gott ist -- Denk’ ich der Götter hier, die taub und stumm, nicht erhören Unser Gebeth, ich habe daheim kein Brot und Gebäck mehr; Nur des Mehles im Kasten so viel, als ich mit den Händen Faßte zur Noth, und das Oehl?[8] -- kaum deckt es im Kruge den Boden! Eben las ich das Reisig mir auf, den dürftigen Vorrath Will ich daheim für mich und das Kind nun backen, und essen -- Essen, und dann? Wir wollen zur Ruh’ uns legen, und sterben.“ Schluchzend sprach sie das Wort; Helias entgegnete sanft ihr: „Fasse Vertrauen zu Gott, dem Ewigen! Brot noch die Fülle Backst du für dich und das Kind dann später: mir sollst du bereiten Einen Kuchen zuvor, und heraus ihn bringen zur Labung. So spricht Israels Gott, Jehova: „Nicht sollst du im Kasten Missen das Mehl, nicht im Kruge das Oehl, bis, gnädig, Jehova Wieder zur Erde herab euch sendet gedeihlichen Regen.“ Nicht begriff die Weinende noch den heiligen Seher, Der, die Trauer ihr bald in Freude zu wandeln, herankam. Aber sie naht’ ihm schnell, und begann mit leiserer Stimme: „Wohl erscholl uns der Ruf: daß rings, in den Reichen der Völker Achab forsche nach dir, und selbst nach dem Leben dir strebe, So zur Rache empört durch Jesabel. Siehe, die Nacht sinkt Dunkel herab; ein Fremdling stehst du im fremden Gebieth hier! Möchte es dir gefallen, o Herr, in der armen Behausung Deiner Magd für heut’, und die künftigen Tage zu weilen! Sicher wohnst du bei mir, der Witwe. Wir wollen dich bergen Vor dem lauernden Feind’, und pflegen mit Lieb’ und Ergebung.“ Sagt’ es, und eilte voran. Ihr folgte der Greis in den Vorhof, Dann die Treppe hinauf in die Kammer des +Oberen Hauses+, Das von dem Vorhof sich erhob: der stillen Betrachtung, Wie des Gebethes Stunden geweiht, und dem Fremdling zur Herberg’.[9]
Als er den Stab gelehnt an die Wand, und den wolligen Mantel Hin auf das Lager gelegt: da brachte geschäftig die Hausfrau Wasser im Krug’, und das Becken herbei. Sie dünkte: der Krug sey Voller denn erst, und reichte den Trunk dem Greise zur Labung. D’rauf, als dieser, nach Lust, mit zurückgebogenem Nacken, Schlürfte vom labenden Krug’, und ihn, dankend, wieder zurückgab, Sank sie vor ihm auf die Knie’, und begann ihm die Füße zu waschen, Rufend auch ihren Liebling herbei, mit ermahnenden Worten: „Komm, mein Kind, und wasche mit mir die Füße des Greises, Daß du den Fremdling einst bei dir gastfreundlich zu ehren Lernest, und so durch Mild’ und Erbarmung dir Segen bereitest!“ Alsbald eilte das Kind, den Lehren der Mutter gehorsam, Näher; sank auf die Knie’, und hielt mit den Händchen die Füß’ ihm: Heftend den Unschuldsblick auf den Lächelnden. Aber er legte, Segnend, ihm die Händ’ auf das Haupt, und sagte mit Rührung: „Mögest du, treu dem Gesetz, vor Jehova wandeln in Unschuld: Dann ist Fried’ in deinem Gemüth’, und Segen die Fülle Blüht um dich her, und blüht um die Deinigen immer und ewig!“
Als sie jetzt, ihm trocknend die Füße, die freundliche Handlung Endete, ging sie hinaus, auf dem Herde den Kuchen zu backen. Dort eröffnend den Kasten -- starr, und des Athems beraubet, Stand sie den Augenblick: denn voll von der Blüthe des Mehles War der Kasten, und voll vom köstlichen Safte der Oehlkrug. Ach, sie vergaß im freudigen Schreck des Kuchens und Backens; Eilte die Treppe hinauf, und schlug die Hände zusammen; Jubelte, schrie, und weint’, und lachte zugleich vor dem Seher; Schauend den Ueberfluß nach drückender Noth und Entbehrung! Jener lächelte nur, und pries im Geiste Jehova’s Nahmen. Sie ging; bereitete nun die köstliche Nahrung Schnell, und sie aßen darauf. Nicht schmolz das Oehl in dem Krug mehr, Nicht in dem Kasten das Mehl in des Jahr’s umrollenden Tagen.
Sieh’, auf dem Söller erging sich einst, in der Stille des Abends, Bethend, der Greis! Ihm pochte die Brust in freudiger Rührung: Denn schon nahte der Augenblick, wo, kräftig im Glauben An Jehova, den Herrn, sich erhebe die Witwe Benaja’s, Da verherrlicht vor ihr sich erwies die Macht des Propheten. Aber des Weibes Kind, voll zartaufblühender Schönheit, Welkte dahin, wie Rosenblüth’ im frostigen Nordwind Welkt, und athmete matt, und matter, und hauchte den Geist aus. Unten im Vorhof scholl urplötzlich ein Heulen und Weinen -- Scholl des Weib’s Weh’ruf, in der Still’, erschütternd den Ohren. Alsbald hörte der Greis die Jammernde; sah mit Vertrauen Auf zu dem Himmel, und stieg die Treppe herab in des Vorhofs Halle. Er saß auf der Bank, und sah, verstummend, vor sich hin. Aber mit losgewühletem Haar, mit bebenden Lippen, Starrem Schmerz und Verzweif’lung im Blick, todbleich und vergehend, Trug die Mutter den Sohn auf den Armen heraus in die Halle, Nahte dem Seher mit wankendem Schritt’, und legte den Knaben Ihm zu Füßen. Sie sank mit brechenden Knieen der Last nach, Stöhnt’ im Fall’, und preßt’ auf die eisigen Lippen des Kindes Ihren Mund, und bebte vor Schmerz, und weinete laut auf. Doch nun fuhr sie empor: sie blickt’ umher in dem Vorhof; Sah dem Propheten in’s Aug’, und begann, mit gefalteten Händen, Leis’ erst; rief dann laut, schnell, zögernd, entschlossen, und furchtsam: „Gottes Prophet! Was hattest du hier mit der Witwe... wie sagt’ ich, Witwe? ja, doch jetzt auch kinderlos! -- was zu verkehren Du mit mir, o Prophet? Betratest du darum die Schwelle Meines Hauses, daß du Jehova, dem Furchtbaren, Strengen, Aufhüllst meine Sünden von einst -- er strafe die Sünden? Doch ist die Strafe zu groß, und zu hart dieß entsetzliche Schicksal! O, du sahst ja dieß Engelskind, die Blicke voll Unschuld, Sanftmuth, Leben, und Geist! So oft hörtest du selber, wie süß ihm Tönte vom Munde das Wort, wie gut mein liebliches Kind war. Doch, nun liegt es entseelt! Da liegt mein Reichthum, mein Alles: Jetzo bin ich erst arm, Prophet -- mein Kind ist gestorben!“
Also jammerte hier die Mutter im schrecklichen Herzleid Wegen des Sohns, und beugte die Stirn’ jetzt wieder nach ihm hin: Ihren Augen entfloß ein Strom von Thränen, und netzte Ihm das bleiche Gesicht, die erstarreten Wangen und Lippen. Nun erhob sich der Greis: sein Blick voll düsteren Ernstes, Ruhete lang’ auf dem jammernden Weib; dann sprach er, verweisend: „Wie, vergaßest du schon der Noth, der Hülf’, und Errettung, Die Jehova dir schafft’ in der Noth? Des Guten vergißt nur Also der Mensch, und labt die Erinnerung nur an dem Uebel, Das ihn manchmal ereilt auf wechselndem Pfade des Lebens? Hast du Glauben an Gott, den Einigen? Hast du Vertrauen Auf Jehova’s Macht, unendliche Huld, und Erbarmung? Hast du solches, o Weib, dann wirst du erringen die Rettung!“
Langsam erhob sie ihr Haupt, und dann den Blick von dem Knaben Nach dem Greise hinauf, bis jetzt, in der Einung der Seelen, Ruht’ auf seinem, ihr Aug’; dann sank es wieder hinunter, Thränenumhüllt. Doch bald gewahrt’ er mit heiliger Wonne, Wie die Gebeugte die Recht’ aufhob zu dem Himmel, und dorthin, Erdwärtsblickend, wies, mit verständlichen, stummen Geberden. „Mutter, gib mir das Kind!“ so rief er, und hob es vom Boden Alsbald auf, und trug’s (sie sank ohnmächtig zusammen) Ueber die Treppe hinauf in die Kammer des oberen Hauses Auf sein Lager. Er fleht’, auf die Kniee gesunken, zum Himmel: „Herr, Jehova, mein Gott, Alleiniger, Ewiger, Höchster! Soll die Witwe in Jammer vergeh’n, die gütig mich aufnahm -- Vor Verfolgung und Noth, in ihrem Hause verbergend, Rettete? Soll sie vergeh’n, ihr Kind in den Armen des Todes Schauend? Von dir kommt Hülfe; du bist allmächtig und gütig.“ Als er die Worte gesagt, da beugt’ er sich über den Knaben Dreimal hin. Er hauchte mit kraftaussprühendem Odem Ihm in das toderblaßte Gesicht, und drückte die Lippen Dreimal ihm auf den Mund; dann knieet’ er wieder, und rief so: „Herr, du sprichst zu dem Berg: stürz’ ein -- und er sinket zusammen! Rufest dem Sturm’: er fährt in brausendem Flug’ auf des Meeres Fluthen einher, und wühlt sie, entsetzlich, rings aus dem Grund’ auf. Du gebiethest dem furchtbar’n Blitz, und in rauchenden Trümmern Liegt, vernichtet, die Stadt. Dein mächtiger Odem beweget Sonn’, und Mond, und die Sternenheer’ im unendlichen Weltall: Hauch’ in dieß Kind, Allmächtiger, jetzt den Athem des Lebens!“ Als er es rief: da fuhr ein Strahl in Windesgesäusel Durch die Decke herab, und hellte die Stirne des Knaben. Alsbald regten zum Leben sich die erstarreten Glieder: Liebliches Roth umzog die erbleichten Wangen. Nicht anders Wie die rosige Früh’ auf die schneeigen Lilienblätter Hauchet den Purpurglanz: so erglühten die Lippen und Wangen Ihm; doch jetzt aufschlug er die festgeschlossenen Lieder; Sah mit verkläretem Blick den Himmel, den weinenden Greis an; Setzte sich auf in dem Bett’, und schlang mit leisem Gewimmer, Festumklammernd, ihm die Händ’ um den Nacken, und küßt’ ihn. Freudig erhob ihn der Greis auf den Arm, und trug ihn die Stufen, Eilenden Schrittes, herab, daß sie dröneten. Doch Adoniram’s Mutter saß, schwerathmend noch, nach dauernder Ohnmacht, Dort auf der untersten Stuf’, und senkt’ ihr Haupt zu dem Busen. Aengstlich horchte sie jetzt dem Geräusch’: ihr bebten die Glieder -- Schlug das ermattete Herz in empörteren, stärkeren Schlägen Bis zum Halse hinauf, und droht’ ihr schnelle Vernichtung. Sterbend vor Angst, nicht wagte sie, hin die Blicke zu wenden; Doch als --„Mutter!“ erscholl aus dem Munde des jauchzenden Kindes, Fuhr sie empor: denn Schreck, und Schauder, und kaltes Entsetzen, Faßten, wechselnd, sie an, und, als ihr Wiedererweckter Lebend, und warm, und hold, und reizender als er zuvor war, Ihr an dem Hals hing, o, da stürzte sie schnell auf die Knie’ hin, Hielt ihn dankend empor, und sagte dem göttlichen Manne, Der an der seligen Schau sich weidete, laut und entschlossen: „Ha, nun glaub’ ich fest, daß Jehova der Einige Gott ist, Der durch dich, den wahren Propheten, des ewigen Lebens Heiligen Pfad mir wies -- barmherzig, und gütig, und mild ist!“ „Recht, o Weib,“ so rief Helias, „du sagtest die Wahrheit! Manches beginnen wir hier in den Tagen der irdischen Wandrung -- Schaffen, und bau’n gar viel des Nichtigen; suchen, und irren; Dünken uns oft am Ziel’, in des Fleisches enger Begränzung Fern’ umirrend von ihm -- des ungehorsamen Stolzes Frühes Geschick’! Als dort der Schöpfer hinaus in das Dunkel Stieß das Geschöpf, da gab zur Leiterinn er ihm den Glauben. Hoch vom Himmel herab, in die Nacht all’ endlichen Strebens, Strahlt sein Licht, und leitet allein zum Ziel’ uns hienieden: Denn es leitet zu Gott, dem Ewigen, Wahren, und Einen. Folg’ ihm getrost: dir hat, o Weib, geholfen der +Glaube+!“
Zweiter Gesang.
+Hoffnung.+
Einsam ging den stäubenden Weg der Thesbit, Helias, G’en Samaria hinauf, wo Israels Könige herrschten. Amri erbaute die Stadt und die Königsburg, der Erzeuger Achab’s -- beid’ ergeben der schändlichen Götzenverehrung: D’rum verworfen vom Herrn, und ausgeschlossen vom Erbtheil Abrahams, Isaaks, und Jakobs, der allverehreten Männer, Das der Vater vererbt’ auf den Sohn: die Gnade Jehova’s.
Heut’, in dämmernder Frühe, verließ in dem stillen Sarepta Endlich der Seher das Haus der gastlichen Witwe mit Rührung; Schied, und segnete noch den schlummernden Sohn und die Mutter, Die auf den Knie’n mit Thränen ihn bath, daß er weile noch länger Unter dem freundlichen Dach, wo er Glück und Segen gespendet. Aber er sprach: „Mich ruft Jehova’s Stimme; vor Achab Muß ich erscheinen noch heut’, und ihn erschüttern im Herzen: Auf daß er wiederkehre zu Gott, dem wahren und einen. Zwei und ein halbes Jahr hast du mich, den Fremdling, beherbergt; Aber dafür gab Gott dir Segen die Fülle: du hast ihm Ehre gezollt; schwurst ab Vielgötterei, Trug und Verblendung; Breitest Jehova’s Ruhm -- den Glauben des Einigen Gottes, Aus in deinem Geschlecht’, und Tausende wirst du beglücken.“ Sagt’ es, und ging. Sie stand, und barg ihr thränendes Antlitz, Schluchzend, in beide Händ’, und zitterte. Kurz ist das Leben, Dunkel die Zukunft: d’rum so schmerzlich das Scheiden für Seelen, Die sich liebend gefunden am Weg’ in die ewige Heimath!
Furchtbar drückte die Hungersnoth Samaria, die Hauptstadt. Tausende schmachteten, bleich vor Jammer und Elend, und Achab, König, ach, mit dem Herzen von Stein, gewahrte die Noth kaum! Aber die Mäuler und Ross’, von erlesener Schönheit und Abkunft, Welche zu hunderten noch die Ställ’ ihm füllten -- mit Ingrimm Sah er sie steh’n vor der Rauf’, und darben. Er zog mit Gefolg jetzt Selbst in die Hain’ und Thäler hinaus, wo, murmelnd, der Bach sonst Ihm ergötzte das Ohr, nach grasumwucherten Räumen Drüben zu späh’n. Umsonst war all’ sein Mühen und Forschen. Jetzo rief er Obadia, wildempört in dem Busen, Der, ein Hüther der fürstlichen Burg, in Eile herankam. Sanft war dieser, und fromm: Jehova dienend in Einfalt Seines Herzens mit Freudigkeit stets, und mit redlichem Sinne. Als die Propheten des Herrn und die Schüler der göttlichen Lehrer, Jesabels mordender Stahl hinopferte, barg er mit Vorsicht Hundert Jünglinge Nachts in fernentlegene Höhlen: Fünfzig in einer, und, gleich an der Zahl, in der andern gesondert, Fünfzig, und schaffte die Speis’ in der Dämmerung, schaffte den Trunk hin: Sie zu entreißen der Wuth des grausamgesinneten Weibes. Achab rief ihm sogleich mit donnernden Worten entgegen: „Fleug g’en Sidon voraus in die nördlichste Gegend, und forsche Dort sorgfältig umher im Gehölz’: ob tief in der Bergschlucht, Auf den mittleren Höh’n, und nahe dem sumpfigen Moorgrund Sich nicht finde die Quell’ und die grasige Weide zur Rettung Meiner Lieblinge hier, die ich weit mehr acht’ in dem Herzen, Als dieß niedrige Volk, das mir vor allem verhaßt ist. Doch weh’ dir, so ich dich des Ungeschicks, oder des Saumsals Zeihen sollt’. Ich folge dir bald zu dem dunkeln Gebirg nach.“
Jener beugte sich tief im Staub’, und eilte von dannen. Sieh’, auf dem Heerweg kam ein Greis ihm entgegen: schon fernher Däucht’ ihn, er kenne die hohe Gestalt. Die strahlende Sonne War nicht günstig der Schau; er hielt die Fläche der Rechten Ueber dem Aug’, und sah mit geschärfterem Blicke hinüber: Ob er sich täusch’, ob nicht? Er war’s -- der Seher Helias, Ihm bekannt, und verehrt vor allen sterblichen Menschen! Diesem genaht, warf sich Obadia erst auf das Antlitz, Huldigend; dann erhob er sich rasch, und sagte mit Ehrfurcht: „Triegt das Auge mich nicht? Ich sehe denn wirklich Helias, Meinen Herrn, nach Jahren voll Grams und schrecklicher Noth hier?“ „Ja,“ sprach jener mit Ernst’, „ich bin’s! Doch kehre nur wieder, Deinem Gebiether und Herrn von mir zu verkünden: Helias Komme zu ihm. Du staunst -- erblassest dem Worte vor Angst schon?“ Doch Obadia sprach in mitleidflehender Stellung: „Herr! was hab’ ich verbrochen an dir, daß du mich, im Jähzorn Achabs Rache zu opfern gedenkst? So wahr uns Jehova Hört: er sandte die Späher jüngst in die Länder, und forschte, Ringsum, gierig nach dir bei den Königen; heischte den Eidschwur, Heischte Siegel und Schrift, wo es hieß: du wärst nicht zugegen, Und du forderst von mir: ich soll nun gehen, und sagen Meinem Gebiether: „Helias ist da.“ Kaum hätt’ ich den Rücken Dir gewendet, entführte vielleicht ein brausender Sturmwind Dich von hinnen; er fände dich nicht, und würde mich tödten. Ich, dein Diener, o Herr, verehre Jehova von Jugend Auf mit redlichem Sinn. Was that ich, du hast es erfahren, Als die Propheten des Herrn dort Jesabel mordete? Hundert Hab ich vor ihr -- je fünfzig in einer Höhle, verborgen, Und ernähret mit Speise und Trank in redlicher Sorgfalt; Wie, und du willst, ich soll nun gehen, und sagen: Helias Komme heran? Mein Herr, es würde das Leben mich kosten!“ Ihm antwortete d’rauf Helias mit flammenden Blicken: „Ha, ich schwör’s bei Jehova, dem Gott des unendlichen Weltalls, Dessen Diener ich bin, daß ich heut’ erscheine vor Achab, Deinem Gebiether und Herrn! Nun magst du ihm künden die Bothschaft.“
Zweifelnden Muthes ging Obadia, jenem zu künden, Was er gehört. Doch sieh’, auf dem vielbewanderten Heerweg Fleugt nun weitumher, unendlichen Staubes Gewölk’ auf! Wie in der schrecklichen Zeit des allzermalmenden Krieges, Jetzo dahier, jetzt dort aufflammt ein friedliches Dörfchen, Wo der zürnende Sieger im Zug hinschleudert den Mordbrand; Aber vor allen die Stadt -- der Rauch verfinstert den Luftraum: So von dem Heerweg hier, so dort von den einsamen Pfaden Wirbelte Staub empor: denn Achab kam mit den Scharen Seiner Krieger und Rosse heran, und es drängte das Volk sich Rings an den schwellenden Zug, und jammerte, hülfebegehrend, Vor dem König im Staub. Zu Tausenden wuchs sein Gefolg’ an.
Tausende folgten dem Furchtbar’n nach: doch einer, Helias, Trat, mit heiligem Muth’ in der edeln Brust, ihm entgegen. Als das Volk aufschrie: „Da kommt Helias, der Seher.“ Hielt der König, betroffen, vor ihm den eilenden Zug an; Stand, und harrete dort des Kommenden. Jetzo vergaß er, Was er gedrohet zuvor. Er konnt’ ihm Hülfe gewähren Gegen den Jammer im Land, so er Regen erflehte vom Himmel? Also dacht’ im Geist der Götzenverehrer, und rief ihm: „Ha, bist du’s, der Israel stürzt in Jammer und Elend? Doch nicht wirst du uns jetzt, wie jüngst, entkommen: du sollst uns Regen erfleh’n von dem Himmel herab, vom Gotte Jehova, Den du verehrst! Du hast zum Zorn ihn gereizet -- versöhn’ ihn.“ „Nein,“ gab jener zurück, „nur du, dein Vater mit allen Eures Geschlechts empörtet den Zorn Jehova’s, und brachtet Jammer auf Israels Volk: dem Baal, dem nichtigen Götzen, Dienend; ich kündet’ ihn nur, ein Seher Jehova’s, dem Volk’ an, Daß euch Reue versöhne mit Gott -- er Hülfe gewähre.“ Wie das stürmende Meer aufrauscht, Orkanengetümmel Heulende Wälder durchtobt: so war des empöreten Volkes Lautes Geschrei, und wechselnd erscholl’s: „Versöhne, Helias, Uns mit Jehova, dem Gott, dem Einigen, daß er uns Regen Sende vom Himmel herab! „Astarten die Ehre!“ „Dem Gotte Baal sey Ruhm und Preis!“ „Versöhne die Götter, Helias!“ Also lärmte die Straß’ entlang, und rings im Gefild her, Tausendzüngig, das Volk; nur spät, als häufig der König Stille geboth, verhallte der Lärm und das wilde Getümmel: Wie die brausende See nach dem langverschollenen Sturmwind Noch hinwüthet zum Strand’, und Schaum aufspritzet g’en Himmel.