Perlen der heiligen Vorzeit Johann Ladislav Pyrker's sämmtliche Werke (3/3)
Part 8
Wieder begann, voll Muths, sein edelgesinnter Erzeugter: „Immer wähnst du noch Isai’s Sohn der schwärzesten Unthat Schuldig? Gedenk’, o Vater, wie er, ein blühender Jüngling, Einst an dem Hof’ erschien, und dir in Stunden der Schwermuth Heiterkeit weckt’ in der Brust mit lieblichem Harfengetön dort;[6] Wie er den Riesen erschlug, und Israels herrlicher Retter Ward an dem Tag! Doch bald ergriff dich unendliches Mißtrau’n, Als, von Jehova gesandt, ihn Samuel laut vor den Seinen Israels künftigen Retter pries, und zum König ihn salbte. Zweimal strebtest du, ihn bei dem Saitenspiele zu tödten -- Ihn beschirmte der Herr, und so oft war er mit dem Schlachtschwert Dir genaht, und entriß dir heimlich die Quaste des Mantels Nur, und den Becher und Speer, untrügliche Zeichen der Unschuld.[7] Schone des Trefflichen, Herr, und erhalt’ in dem Jüngling, o Vater, Deinem Sohne den Freund, den längst sein Herz sich erkoren!“ „Schweig,“ so rief der König ergrimmt, „dir raubt er den Zepter -- Dir und deinem Geschlecht’, und der Freundschaft denkst du mit David?“ „Both dein Zepter dir Glück, mein Vater?“ entgegnete jener Trauernd. „O, daß Israels Volk sich jenem Jehova’s Thöricht entzog, und ihn in der Hand des sterblichen Menschen, Gleich den übrigen Völkern zu seyn, verlangte, zu sehen: So verkennend sein Heil, und den herzerhebenden Vorzug, Welcher ihm ward![8] Schwer büßt es dereinst. Unglücklicher Vater, Zeugt nicht die nächtliche Bahn, die du nun wandelst, wie furchtbar Er sich dir und den Deinen erweis’t? O, laß uns zurückgeh’n!“
Saul aufstöhnte vor Zorn, und eilte mit schnelleren Schritten Vorwärts: kaum vermochten die zween, sein Sohn, und des Sohnes Waffenträger, im Lauf’ ihm zu folgen zur winkenden Hütte. Ueber ihr wölbte sich hoch empor in die Wolken die Felswand, Die dem Wand’rer im Sturm und Wetter ein schirmendes Obdach Both: denn Jeglicher mied die Hütte selbst mit Entsetzen. Harren sollten sie dort, bis er mit der Kunde der Zukunft Kehrte, und sieh’, er nahete schon der furchtbaren Schwelle! Nie sank schwärzere Nacht in das Thal. Auf der Scheitel des Felsens Heulte der Wald, und jagte die herbstlichen Blätter im Sturmwind Zischenden Fluges, daher; in der Fern’ erbrauste der Gießbach; Eulen durchkreuzten die Luft mit lautem Gekreisch’, und die Käutzchen Wimmerten. Angst und Schauder ergriff die beiden Gefährten Sauls; doch er trat kühn, sich beugend zuvor, in die Hütt’ ein.
Nun verstummt’ ihm die Welt. Der Zauberinn struppiges Haupthaar Wähnt’ er zu schau’n; ihr starres Aug’ in der nächtlichen Zukunft Tiefen versenkt, und um sie Werkzeug’ entsetzlicher Schwarzkunst; Aber es wandte sich jetzo nach ihm an der finsteren Oeffnung, Die von der Hütt’ in den Schooß der hochaufragenden Felswand Eingang both, ein Jüngling, voll Himmelshuld in dem Blick’, um; Staunte des Mannes Riesengestalt, und ordnete wieder Duftende Blumen zum Kranz’, als wär’ kein Fremdling zugegen. „Wie, der Engel im Haus der Zauberinn?“ dachte der König, Bebend, für sich; trat näher, und sah des herrlichen Jünglings Lilienweißes Gewand; sein lockiges Haupt, und der Wangen Sanftgeröthetes Paar, mit heimlichen Schauern im Busen. „Deine Mutter ist fern’?“ begann, erforschend, der Fremdling. „Welche du suchst ist fern’,“ so erscholl ihm in lieblichen Tönen, Wie er sie nimmer gehört, aus den rosigen Lippen zur Antwort; „Noch ist, zum Glück, vor Mitternacht dir eine der Stunden Frei, bis jen’ erscheint. Laß dich, Ermüdeter, nieder Hier auf die Bank, und harre nach Wunsch der Kehrenden -- oder Kehre noch selber zurück: nichts Seliges bringt dir das Harren.“ Sagt’ es, und sang, an dem Kranz fortordnend, leise für sich hin. Jener staunte dem Wort; besann sich, und ließ sich ergrimmter Nieder. Jetzt, nach dauerndem Schweigen, begann er: „So heiter Weilest du hier, allein in der grauenerregenden Hütte?“ „Wohnt,“ so entgegnet’ er mild, „nicht Heiterkeit uns in dem Busen, Weil die Schuld die holde vertrieb: dann wandelt die Hofburg Selbst des Königs sich bald in die Wohnung des Grau’ns und Entsetzens. Bist du nicht glücklich?“ „Nein, ich bin es nicht;“ sagte der Fremdling, Bebend vor Wuth, „ha, kennst du die Welt nur, dann ist des Herzens Ruh’ und Friede dahin: verhaßt erscheint dir das Leben! Wie, des Morgens freust du dich noch -- des blühenden Frühlings Deiner Jahr’? Ach, schon erscheint im Glanze des Mittags Dir errungen das Ziel, und im Weltrund schaust du dich stolz um, Glücklicher? Weh’, urplötzlich treibt an der Schwelle des Abends Ein Gewitter herauf: im Hauche des Winters zerschmettert Hagelndes Eis, urschnell die Fluren umher, und die Hoffnung Selber entfliehet vor dir mit höhnendem Blicke für immer! Lieb’? -- ein Wort gesprochen im Wahnsinn; Trug ist die Freundschaft; Thorheit, Glaub’ und Vertrau’n. O sieh’, ich nährte die Natter Groß an der Brust: sie entschlüpft’ ihr dann, und lauert im Dunkeln Nun, voll heimlichen Grimms, mir das Leben zu rauben, entschlossen! Kennst du den Harfner nicht auch? Doch Samuel ist an dem Jammer Schuld: er steig’ aus dem finsteren Grab’, und ertheile mir Antwort.“ „Samuel nannte dein Mund?“ sprach jener mit sichtbarem Staunen, „Fremd’ in diesem Gefild, hört’ ich, in frommer Verehrung Preisen den Mann, der rings in dem Lande nur Segen gespendet. O, wie heiß ersehnt’ ich es, von dem Erwählten zu hören!“ „Kind, dein Aug’ ist so mild,“ entgegnete Saul, „und es fließt dir Sanft die Rede vom Mund: du entlockst auch gegen den Willen Mir ein trauliches Wort; nun sollst du von Samuel hören! Ihn erbath sich vom Herrn Elkanans treffliche Gattinn, Hanna, und weiht’ ihn dem Dienst des Heiligthums. Dort, in dem Nachtgrau’n, Scholl ihm Jehova’s Ruf. Er weckte vom lieblichen Schlummer Heli, den Hohenpriester, sogleich, und kündete muthvoll Ihm das nahe Gericht: weil er die empörenden Frevel Seiner Erzeugten nicht strenge bestraft’, und dem Volke zum Fall ward. Bald scholl Jammergeschrei in Israel: Krieg und Verderben Nahte heran. Die frech das Heiligthum selber verhöhnten, Hofften Heil und Rettung von ihm: die Lade des Bundes Führend entgegen dem Feind’ in der Mitt’ unkrieg’rischer Scharen. Wehe, sie ward ihm zur Beut’ im Gefecht, und mit Heli’s Erzeugten Lag erwürget das Volk! Doch er saß drüben im Armstuhl Vor der Hütte des Bund’s, schon lang’ erblindet vor Alter, Ob der heiligen Lade besorgt, und horchte begierig Dort mit wankendem Haupt dem redlichen Bothen entgegen. Keuchend lief er herbei, und verkündet’ ihm Alles und Jedes: Wie der entsetzliche Feind das Volk erschlug in dem Schlachtfeld, Und die Lade des Herrn erbeutete. Ach, in den Staub hin Stürzte der Greis: er brach das Genick, und verhauchte das Leben![9] Samuel reifte zum Manne heran. Seit Moses, entschlummert, Lag in dem Grab, gehorchte das Volk von Israel Richtern -- Männern von tapferem Muth’ und Weisheit, im Krieg und im Frieden. Bald ward Richter auch er; verbannte, voll brennenden Eifers, Aus dem Lande den Götzendienst; schlug dann auf den Feldern Mizpas im Donnergewitter den Feind, und sollte für immer In dem erhabenen Amt dem Volk von Israel vorsteh’n; Aber es heischte von ihm das Volk im unseligen Eifer Einen König... hinweg, hinweg entsetzlicher Anblick, Noch erfüllst du mit Wuth und Mordentschlüssen die Brust mir! Wär’ ich gestorben zuvor, eh’ solches geschehen! Sie bargen Frech den Verhaßten vor mir -- erlesene Speise zur Nahrung Reichten sie ihm. O, Nobe, Stadt voll grauser Gestalten: Gib die Todten heraus! Sie liegen noch all’ in dem Blutstrom -- All’ erwürgt mit dem Schwert. Schon braus’t er, schäumend, herüber, Daß er auch mich verschlinge. Hinweg -- zum schrecklichen Wahnsinn Führte die Schau! Doch, wie? Bin ich denn schuld an dem Frevel? Wer entrinnt dem Geschick? Ich war zum Jammer geboren! Weh’ mir; Thränen füllen mein Aug’... in erschütterndem Herzleid Siehst du mich, Kind! Nicht kann ich dir mehr von Samuel sagen; Aber er steige herauf aus dem Grab’, und ertheile mir Antwort. Horch -- ein Ruf erscholl! Winkt jetzt der ersehnete Lichtstrahl?“
Nun erhob er sich schnell von der Bank. Aus der finsteren Oeffnung Kam ein leises Gestöhn’. Eiskalt entfuhr ihr der Zugwind So, daß Schauder den Fremdling ergriff, und die Haar’ auf der Scheitel Ihm aufsträubte vor Angst, und röthliche Flammen erhellten Sie, wie zuckende Blitze die Nacht, in zischendem Flug nur. Aber die zarte Gestalt saß ruhigen Blickes, und sagte: „Samuel willst du schau’n, und hören die Kunde der Zukunft Aus dem Munde des lang’ Verblichenen? Hoffst du Belehrung, Rath, und Hülfe von ihm? Gedenke der Worte des Lebens, Die er dir einst an die Seele gelegt; Jehova’s gedenke, Deines Herrn. O kehre zu ihm! Nur er ist der Helfer -- Er, barmherzig und mild auch dem Sünder, der, ihm vertrauend, Innig bereuet die Schuld! Laß ruhen die Todten -- entfliehe!“
Rief’s mit mächtigem Laut’. Umsonst: denn stöhnend vor Ingrimm, Drang er ein in die Höhle des Graun’s. Wohl sah er noch einmal Nach dem Holden zurück; doch war er ihm plötzlich entschwunden. Sieh’, er schritt nun rasch im gehöhleten Raume des Berges Vorwärts, bis er dem Licht’ annahete, das in der Fern’ ihm, Dämmernd, erschien. Herab aus der Felsendecke des Schachtes Schwebte die eiserne Leucht’, und verbreitete rings in den Klüften Dunkelröthlichen Schein im Qualm betäubenden Rauches. Bald erbraus’te der wirbelnde Sturm mit dumpfem Gebrülle Ueber und unter dem Schacht; bald scholl ein Stöhnen und Aechzen Aus den Klüften, und bald das Zischen der Schlangen im Abgrund. Lange stand der Fremdling verwirrt, und ihm bebten die Glieder; Doch nun irrte sein scheuer Blick umher in dem Zwielicht, Bis er auf kärglichem Stroh, matt hingesunken, die Zaub’rinn -- Hundert der Jahre entfloh’n ihr schon, gewahrte. Sie hob sich, Langsam, auf von dem Grund’; ihr Auge, schon lange verglommen, Starrete wild; um die Stirn’ ihr flog das schneeige Haupthaar, Und das finstere Kleid, seit Jahren in Trümmer sich lösend, Floß von den Schultern ihr zu den wankenden Füßen hinunter. Jetzo streckte die dürre Hand aus den Falten des Kleides Sie nach dem Fremdling’ aus, und begann mit keuchender Brust so: „Ha, was treibt dich im Sturm auf Endors einsamen Pfaden, Ruhestörend, heran? Der sterblichen Menschen Gemeinschaft Meid’ ich schon lange. Ich kenne dich nicht -- vergönne mir Frieden!“ „Weib, halt’ ein,“ sprach Saul mit erwachendem Stolze (gehorchend Beugte sich sonst alljeder vor ihm) „und empöre die Wuth mir Nicht in der Brust! Verstorbene rufst du herauf von des Todes Nachtumhülletem Reich’? Erhebe dich, rufe den Einen, Den ich dir nenn’, und ich will mit reichlichem Gold es dir lohnen.“ „Sinnest du Arges im Geist,“ sprach jene mit zögernder Stimme, „Lauernd naht der Wolf dem Gehöft’ im nächtlichen Dunkel, Daß er erwürge nach Lust: willst du mich verrathen? Du weißt doch, Daß hier Saul, der König selbst, die Todtenbeschwörer Und die Zaub’rer vertilgt’? Er sandte dich, finstergesinnet, Mich zu erforschen vielleicht, und dann zu ermorden?“ Er sagte: „Nein, ich schwöre es dir vor Jehova dem Herrn: nicht Verderben Sinn’ ich dir im Gemüth!“ -- „Wen soll ich dir rufen?“ so sprach sie Jetzt voll Grimmes, und er: „Laß Samuel kommen, den Seher. Viel des Schlimmen erwies er mir in dem sterblichen Leben, Dennoch ehrt’ ich ihn. Nun enthüll’ er des kommenden Tages Schicksal mir: denn solches erfüllt mir die Seele mit Kummer.“
Jen’ erbebte dem Wort’, und schritt der finsteren Halle, Die zur Linken sich tief in des ragenden Felsengewölbes Wände verlor, entgegen: der täuschenden Künst’ und des Truges Spiel zu vollenden, und sich zu erfreu’n an dem schnöden Gewinn dann.[10] Doch urplötzlich entfährt ein lauter Schrei des Entsetzens Ihrer fliegenden Brust; mit vorgehaltenen Händen Steht sie, und starrt, und ruft, mit gebrochener Stimme, dem Fremdling: „Bist du nicht Saul, der König?“ -- „Ich bin’s. Wen hast du gesehen?“ „Ha, da schreitet ein Greis,“ so sprach sie, „göttlichen Anseh’ns, Leise daher! Sein Oberkleid ist blendendem Schnee gleich -- Flammendem Blitze sein Aug’, und des Reihers zartem Gefieder Sein an der Brust verbreiteter Bart: wie entflieh’ ich dem Furchtbar’n?“ „Samuel ist’s!“ rief Saul, und beugte die Stirne zum Boden, Knieend, und faltend die Hände zugleich vor die dunkelnden Augen. Jetzt verstummte der Spuk in den Höhlen und Klüften; der Zugwind Heulte nicht mehr; das Licht entschwand mit dem hängenden Leuchter, Und die erbebende Zauberinn ging, sich vor jenem zu bergen. Sieh’, ein lieblicher Glanz erhellete ringsum des Schachtes Dunkelen Raum: er entstrahlte dem Leibe des heiligen Greises, Der vor dem Könige stand, und auf ihn mit Trauer hinabsah! Jetzo begann er, und sprach mit sanftertönender Stimme: „Saul! was wolltest du mir -- die Ruhe der Todten zu stören, Kamst du? Thor! Jehova, des Lebenden, hast du vergessen; Suchest dir Hülf’ in des Grabes Nacht, und erliegest der Täuschung?“ „Herr,“ sprach Saul, die Stirne noch stets zu dem Boden geheftet, „Rings umdrängt mich die Noth! Philisthiims mächtige Scharen Stehen im Feld’ mir entgegen, und ach, Jehova verläßt mich: Denn ich fragte, nach heiligem Brauch, bei dem Urim und Thumim; Durch die Priester zugleich, und die Seher, welchen im Traum’ er Oft die Zukunft enthüllt -- umsonst: nicht gab er mir Antwort! Also trieb mich die Sehnsucht her, dich wieder zu sehen. Du hast einst mich gewarnt; nun rathe mir, was ich beginne?“ „Wie,“ sprach jener mit furchtbar’m Ernst, „von Jehova gewichen Bist du, und staunst, daß er nun von dir und den Deinen sich wendet? So wird Jedes erfüllt, was ich dir verkündet’: entrissen Wird der Zepter dir, und Isai’s Sohne gegeben, Den du verfolgst, -- er herrscht hinfort als König im Land hier: Denn verhöhnt hast du, dem Ungehorsam zum Beispiel Dienend, den Herrn vor Israels Volk’. An dem kommenden Morgen Fällst du, besiegt, in dem Kampf sammt deinen Erzeugten. Des Grabes Schauer umfangen dich bald, und Israels Volk mit dem Lager Wird Jehova, der Herr, preisgeben der Rache der Gegner.“ Laut aufstöhnete Saul dem Wort’, und sank auf das Antlitz, Langgestreckt, wie er war, vergehend in schrecklicher Ohnmacht. Als er erwacht’ aus ihr, da fiel des dämmernden Morgens Rosiger Strahl in das Felsengewölb’: er hob sich, ermattet, Auf von dem Boden, und schritt, todbleich aus den finsteren Räumen Nach der Hütte heraus, wo ein Ruf ihn warnte zuvor erst. Aengstlich fuhr sein Blick umher; doch sah er den Jüngling Nimmer. Er kehrte dann mit den Beiden zurück’ in das Lager.
Horch, der Schlachtruf schallt schon stundenlang’ auf dem Blachfeld! Zahllos liegen im Staub die Erschlagenen; näher und näher Dringt der Sieger in jauchzender Wuth, daß Keiner dem Schwert mehr, Flüchtend, entrinn’. Allein wer kämpft unbändigen Muthes, Gegen die Wüthenden an? Und um ihn die wenigen Treuen, Sind es erlesene Diener vielleicht, ihn zu retten, entschlossen? Saul, der Herrscher, mit Jonathan, Abinadab, und Malchisa, Seinen Erzeugten, ist’s, der hier des Todes Gefahren Kühn entgegen sich wirft. Die Bogenschützen bestürmen Rings die Tapferen. Schon durchfuhr ein tödlicher Bolzen Ihm das Schultergelenk’, und Blut entströmte den Adern. Jonathan, ach, der sanfte, der edelgesinnete Jüngling, Sinkt, an der Brust durchbohrt, in den Staub, und die tapferen Brüder Kämpfen, und sterben mit ihm als Helden! Da wandte, verzweifelnd Ganz an der Hülfe des Herrn, der unglückselige König Sich zu dem Waffenträger, und both ihm die muthige Brust dar, Daß er sie schnell mit dem Schwert durchstieß’, eh’ schmähliche Fesseln Ihn in der Feinde Gewalt belasteten. Aber nicht wagte Dieser die frevelnde Hand an des Herrn Gesalbten zu legen So, daß Saul, o Jammergeschick’, in das eigene Schwert sank; Blutend im Staube sich wand, und das schwindende Leben verhauchte!
Furchtbar sind die Gerichte des Herrn! Zuweilen ereilen Schon auf irdischer Bahn den Sünder entsetzliche Strafen. Oft erhebt er das Haupt, und schaut hohnlächelnden Blickes Auf den Frommen herab. Unglücklicher, schon ist des Todes Stunde dir nah’! Vor den Richterstuhl des Ewigen ruft sie Dich mit erschütterndem Laut. Doch einst zu dem letzten Gericht noch, Weckt dich Posaunen-Schall, wenn er, von den Scharen der Engel Und Erwählten umringt, als furchtbarer Richter erscheinet, Und die Wage nun steigt, nun fällt. O, Tag des Entsetzens! Riefen sie auch: „Verschling’ uns, Erd’, und ihr Berge, bedeckt uns!“ Ach, sie riefen umsonst! Herr! Herr! barmherzig und gnädig: Ruf’ uns mit Huld und Erbarmen zu dir, an dem letzten +Gerichtstag+!
Helias der Thesbit,
+in drei Gesängen.+
Erster Gesang.
+Glaube.+
Vorn’ in dem Felseingang der umschatteten Höhle des Waldes Saß, in düst’re Gedanken vertieft, der Thesbit, Helias,[1] Gottes Prophet. Am Karith, dem lautaufrauschenden Bergstrom, War in des Waldthals Nacht die Höhle[2] geborgen, und ringsher Faßte die steilaufragende Wand das öde Gefild’ ein, Wo nur selten die Spur sich wies umwandernder Menschen. Schon entschwand ein Jahr im eilenden Laufe, daß dorthin Jesabels Wuth ihn trieb, des fluchbeladenen Weibes: Weil sie Gott, den ewigen, wahren, und einen verläugnend, Baal,[3] dem Götzenbild’, Altär’ in den Hainen und Tempeln Weihte zum schändlichen Dienst’, erwürgte die Schüler der Seher, Und noch immer zur Qual für Israel, Schande für Achab, König und Gatten zugleich, der ihr nicht wehrte die Schandthat, Wüthete, bis der Prophet, vom Geiste getrieben, vor ihn trat, Ihm verkündend Jehova’s Gericht: „Nicht Thau und nicht Regen Solle befeuchten das Land, bis er’s nicht selber versühnet.“
Jetzt entbrannte des Mittags Gluth. Kein kühlendes Lüftchen Drang in die Schlucht. Ein Feuermeer durchwogte den Luftraum -- Hatte die starrenden Bäume schon lange des Laubes beraubet, Lange verschlungen das Grün in der Niederung, lang’ auf den Höhen. Oben am Felsriff stand, verschmachtend, die Gemse. Die Hirschkuh, Und das flüchtige Reh, die keine Jungen geworfen Seither, lagen, erschöpft, im vertrockneten Bette des Bergstroms Karith, der die schäumende Fluth aus schwindligen Höh’n sonst Durch sein Felsenbett’ herwälzte mit lautem Getümmel. Gähnend öffnete sich der Grund, und lechzte nach Labung Ringsum. Also verzehrte das Land der Fluch des Propheten.
Sieh’, nun kam ein Jüngling, hold und lieblichgestaltet, Von den Höhen herab! Ein Pilger schien er von Anseh’n, Der, voll Hast, mit ängstlichem Blick, durchforschte des Waldthals Krümmungen: ob er, verirrt, nicht erspähte den Pfad in die Heimath? Dürres Laub umhüllte den Grund; doch rauschet’ es leis’ nur Unter dem Fuß des Schwebenden auf, wie ein fernes Geflüster. Jetzt erhob Helias die gramerfülleten Augen Von dem Boden, und sah dem nahenden Fremdling’ entgegen. Dieser hielt, wie erstaunt, nicht ferne dem Felsen, und sprach so: „Friede mit dir, holdseliger Greis, allhier in der Wildniß. Kannst du mir sagen den Pfad, der sicher mich leite zur Heimath? Fern’ ist sie. Wohl hörte ich dort den Nahmen Jehova’s Preisen, und kam, und flehte zu ihm an heiliger Stätte; Doch, heimkehrend, seh’ ich mich jetzt verirrt im Gehölz hier. Heiß ist der Tag: o gib dem dürstenden Pilger die Labung! Aber verkünde mir erst, warum denn weilst du hier einsam?“ „Labung verlangst du von mir,“ sprach jener, „nicht biethet des Bergstroms Quelle sie mehr. Vernimm, und erzähle den Deinen den Jammer, Heimgekehrt, der Israels Volk so schrecklich belastet. Seit hier Jeroboam,[4] der König, Gottes Gebothen Treulos, Götzen Tempel erbaut’, und im Haine den Altar Weihte zum schändlichen Dienst: seit jenem unseligen Zeitraum Herrschten König’, ihm gleich gesinnt; doch keiner wie Achab Frevelnd, weil er Jesabel sich erwählte zur Gattinn: Eine Sidonierinn, Ethbaals, des Priesters Astartens, Tochter, der den tyrischen Thron, ein schändlicher Mörder, Sich gewann, da er meuchlings erwürgte den König Philetus. Erbend die Mordlust schon von solchem Erzeuger, und Götzen Dienend, war Jehova’s Ruhm dem Weibe zum Gräuel, War es dem Manne denn auch, der feig dem Weibe gehorchet. Schnell zu vernichten den Dienst des Herrn, und, gleich der Hyäne Dürstend nach Blut, warf sie die Prophetenschulen in Trümmer;[5] Würgte die Jünglinge dort, zu entreißen die künftigen Lehrer Unseres Volks im Dienste Jehova’s, des einigen Gottes. Doch nun trieb mich der Geist des Einigen, daß ich vor Achab Stand, erfüllet von heiligem Muth’, ihn zur Rede zu stellen: Rügend an ihm die Schuld und Verblendung, weil er nicht abließ Noch von unsinnigem Götzendienst, der Israels Herrscher Schon vor ihm, mit den Ihren zugleich, in Verderben gestürzt hat, Und verkündend Jehova’s Gericht: „Nicht Thau und nicht Regen Solle befeuchten das Land, bis ich’s nicht selber versühne:“ Ob er nicht also sich wende zu Gott, die schreckliche Geißel Fühlend, mit seinem Volk’, und Reu’ errette den Sünder. D’rauf entfloh ich, Jehova geboth’s, zu entgehen der Rachsucht Jesabels; floh, geleitet durch ihn, in’s einsame Thal hier, Wo die Höhle mich barg; wo Raben, vom Vater gesendet, Fleisch und Brot mir brachten zur Kost am Morgen und Abend, Und den brennenden Durst ich kühlt’ in den Wellen des Bergstroms. Schrecklich erfüllte sich schon der Fluch, du hast es erfahren, Rings im versengten Gefild’, wo Thier’ und Menschen verschmachten. Aber auch mir versagte der Strom die kühlende Welle: Denn ach, schon aufleckte der Strahl des glühenden Himmels Jeglichen Tropfen am moosigen Stein. Was frommt mir das Leben Fürder? Ich lege mein Haupt zur Erd’, und gedenke, zu sterben.“ „Wie,“ sprach jener erschütternd, „so oft erfahren, durch Wunder, Hast du Jehova’s Macht, und verzagst, für jetzt an der Rettung?“