Perlen der heiligen Vorzeit Johann Ladislav Pyrker's sämmtliche Werke (3/3)

Part 7

Chapter 73,700 wordsPublic domain

Als in Osten der Tag aufdämmerte, stieg zu Jehova’s Wolkensitze, mit zwei, von neuem gemeißelten Tafeln Moses in Eile hinauf. Dort fleht’ er, weinend, im Staub noch, Daß er verzeihe dem Volk die Missethat, und es fürder Leite mit Huld -- er selber, zum Ziel, nach seiner Verheißung. O, und der Allerbarmer verzieh! Erneut (und erneut einst Wird der Alt’- in dem Neuen-Bund) gewahrt’ auf den Tafeln Er Jehova’s Gesetz, und vernahm nun weiter in Ehrfurcht: „Sieh’, ich führ’ euch zum Ziel, wie ich Abraham, Isaak, und Jakob Solches verhieß, in das Land der Götzendiener! Vertilgt soll Werden ihr Volk, und der Götzendienst; doch, fliehet ihr Bündniß, Ihre Verirrung, und Schuld. Erst frevelten Israels Kinder, Jenen gleich, vor mir, und den Aaron selber besiegt’ ihr Dräuender Trotz; doch sann er ihr Heil: ich hab’ ihm verziehen. Priester soll er mir seyn mit seinem Geschlecht’, und als solcher Sühnen die Schuld und die Missethat. Nun schau’ es im Vorbild, Was ich gewollt, und salb’ ihn darauf zum Priester Jehova’s!“ Moses gewahrete jetzt des Hohenpriesters Bekleidung, Staunend im Geiste, vor sich: das +Horn+, und die Wort’ um die Stirn her: „Heilig Jehova dem Herrn.“[23] Den azur-bläulichen +Mantel+, Wogend zur Ferse hinab; das +Unterkleid+, und das +Ephod+,[24] Das ihm vorn an der Brust, und so an dem Rücken, gefestigt Ueber den Schultern mit zween hellschimmernden Steinen, hinabhing. Sah auf dem einen der Stein’ und dem ander’n die Nahmen der Stämme Israels; d’rauf den +Brustschild+,[25] der an goldenen Kettchen Ueber dem Ephod hing mit zwölf hellschimmernden Steinen: Saphir, Rubin, Smaragd, Granat, Chalcedon, und Jaspis; Onyx, Achat, Chrysolith, Opal, Amethyst, und Berylle Herrlich verziert. Auf jeglichem stand ein Nahme der Stämme Israels; dann auf dem Schild’ auch noch das +Urim+ und +Thumim+:[26] Heilige Loos’ aus der Urzeit her, auf den Sohn von dem Vater, Frommen Geschlechtes, vererbt, wo auf einem das +Ja+, auf dem andern Aber das +Nein+, befragt von dem Hohenpriester, ihm Antwort Gab zur Leitung des Volks, noch eh’ ihm ein König erwählt war; Sah, wie jener also geschmückt, in der Hütte des Bundes Opferte; wie er den Bock, des Jahrs einmal, in die Wüsten Trieb, nach Buß’ und Gebeth, mit der Sünde des Volkes belastet.[27] Dann ertönete sanft, wie im Lenzgebüsche das Lüftchen Säuselt, die Stimm’ an dem Ohr’ des still aufhorchenden wieder: „Euere Rede sey Ja, und Nein“ -- in jeglichem wahrhaft! O, in der Wüste verkündet zuvor, erscheinet der Meister Einst voll göttlicher Huld, und lehret die Pfade der Wahrheit, Ruh’, und ewigen Glücks! Er nimmt freiwillig die Sünden Aller auf sich, und sühnt, am Kreutz’, unschuldig -- das +Opfer+ Und der +Hohepriester+ zugleich,[28] die entartete Menschheit.“ Leise, wie Harfengetön, verhallten die Wort’ in dem Luftraum. Doch nun stieg er vom Berge herab, und trug in der Rechten Sorgsam, Jehova’s erhab’nes Gesetz. Von Staunen gefesselt, Sah ihn das Volk (nicht ahnet’ er’s) von den Strahlen der Gottheit Glänzend, nah’n, und er hüllete dann in den Schleier das Antlitz Stets, so er näher trat mit dem bebenden Volke zu reden.

Bald erbauten Bezaleel, Sohn Ur, und Oholiab, Sohn Achimsach, die Hütte des Herrn vor ihm, und er stellte All’ die Geräthe zurecht, wie Jehova ihm solches gebothen. Aaron salbt’ er darauf zum Hohenpriester, und salbte Nadab und Abihu, die Erzeugten Aarons, zu Priestern. Doch nun stieg von dem Rauchaltar die Säule des Rauches, Duftend empor! Zerstücket lag der jährige Stier schon Auf dem Altar: das Volk erzitterte! Moses begab sich Langsam gegen den Berg, und rief mit gewaltiger Stimme: „Deine Herrlichkeit laß mich sehen, o Herr, und enthülle Dich vor Israels Volk, daß solches dir diene mit Ehrfurcht!“ „Mich selbst wirst du nicht seh’n -- wer wird mich sehen, und leben?“ Also erscholl’s aus dem dunkeln Gewölk; doch plötzlich erhob sich’s Von dem Gipfel des Bergs: da wies in der Bläue des Himmels, Strahlend hin, wie der zuckende Blitz, sich dem Volke Jehova’s Herrlichkeit. Sieh’, ein Blitz fuhr nieder; verzehrte das Opfer Schnell, und die Wolkensäul’ umthaute die Hütte des Bundes! Doch, schon schwebt, wie ein Siegespanier der kehrenden Heersmacht, Sie von neuem dem Volk von Israel in den Gefilden Einsamer Wüsten vor. Sie waren ihm jetzo die Heimath -- Also beschloß es der Herr: ein neues Geschlecht zu erziehen, Das entfernt von dem Joch’ und dem Truge der Götzenverehrer Sich erhebe, den Glauben an Gott, den einen und wahren, Durch die Nacht schuldvoller Unwissenheit bis zu dem Zeitraum Seines verheißenen Lichts aus Bethleh’m hinüber zu retten.

Jahr’ entfloh’n: da hielt an den Marken des herrlichen Landes Kanaan, still das wandernde Volk, und Moses entsandte Zwölf der Bothen (aus jeglichem Stamm sich einen erwählend) Ueber das nahe Gebirg: zu erforschen die Lage des Landes, Seine Fruchtbarkeit, Muth, und Zahl der Bewohner. Er heischt’ auch, Daß sie ihm brächten ein Pfand, als Zeichen erfülleter Sendung. Jene erforschten das Land, und nach vierzig entflohenen Tagen Kehreten sie, von dem Thal’ Eschkol heimtragend der Reben Lastende Purpurfrucht, zum Zeichen erfülleter Sendung. Wohl erhoben sogleich die Lag’ und den Reichthum des Landes Josua, Nuns Erzeugter, vereint mit Caleb, Jephuna’s Sohne; doch, in geheim: denn feiggesinneten Herzens, Schlichen bei dunkeler Nacht die andern umher, und erfüllten Dort die Stämme mit Angst durch schaudervolle Geschichten Von gesehenem Riesengeschlecht’ in dem Lande des Fluches -- Nicht des Segens, und Weh’ und Jammer erscholl in dem Lager! Laut g’en Moses zugleich und Jehova, murrten die Feigen, Schrie’n, und sehnten zur Schmach und in’s Grab im Lande der Knechtschaft, Sich von neuem zurück’. Umsonst bezeugten die beiden, Kaleb und Josua, selbst des dräuenden Todes nicht achtend: Lüge sey’s, und Trug, was jene Verirrten gesprochen, Bis nun Moses, vom Herrn gesandt, inmitten des Volkes Stand, und ihm die lang’gedrohete Züchtigung kund that: „Alsbald wieder zurück nach den einsamen Fluren der Wüsten Soll es kehren, und sie durch vierzig der Jahre durchwandern; Auch aus der Zahl, die Aegypten gebar, nur Nuns und Jephuna’s Sohn, mit dem neuen Geschlecht, -- weil sie, voll Muthes, die Wahrheit Kündeten, siegumstrahlt, in Kanaans Herrlichkeit einzieh’n.“ Trauer erfüllte das Volk, als solches die Rede vernommen. Doch, am Morgen erhoben sich dann zehntausend der Männer Aus dem Volk, die unendliche Schmach zu sühnen entschlossen, Nach dem Gebirg, von dem heimkehrten die Bothen. Vergeblich Warnte Moses die Kühnen: „Nicht sey Jehova mit ihnen: Denn still ruhe die Wolkensäul’ an der Lade des Bundes.“ Aber sie hörten ihn nicht, von empörtem Stolze getrieben.

Welch’ Getümmel erschallt? Den Flüchtenden liegen die Gegner Hart im Rücken, und sä’n, zur schrecklichen Ernte, die Leichen Hin in dem stäubenden Feld. Nur wenige kehrten in’s Lager. Mirjam erhob sich schnell im Gefolg mitleidiger Seelen, Dort den Verwundeten Hülf’ und Rettung zu bringen; doch alsbald Faßt sie unendlicher Schmerz, als sie die zerstümmelten Leichen Schaut, und ein heimlicher Groll erstickt ihr im Auge die Thränen: Denn sie theilte zuvor des murrenden Volkes Gesinnung. Schweigend kehrte sie heim in das nachtumhüllete Lager. Weder Jehova’s Dienst, noch auch des trauernden Volkes Lieb’ erfreute sie mehr. All’ ihres Glanzes beraubet, Wie die Ros’ in den Tagen des lautherrauschenden Regens, Schien sie, und schmähete jetzt, von Aaron begleitet, im Jähzorn, Moses eh’lichen Bund, nach Zipora’s Tod, mit der Fremden.[29] Aber sie litt die Strafe der Schuld in schmählicher Krankheit; Ward nun wieder geheilt auf Moses Fleh’n zu Jehova, Und sie umfing dann bald das Grab im Gefilde von Kadesch.

Jahr’ entfloh’n. Ach, viel erduldete Moses, der Führer Israels, noch auf dem weitumirrenden Pfad zu den Fluren Hin des verheißenen Land’s! Und wie, nicht im schallenden Siegsruf Soll’ er’s jetzt erringen dem Volk -- des unendlichen Mühsals Lohn nicht ernten, und auch nicht ruh’n im ersehneten Grab dort?... Wandle getrost: hell strahlt dereinst der umnachtete Pfad dir!

Ha, welch Meut’rergeschrei! Wie, Korah, Dathan, Abiron, Wagt ihr’s frech dem Erwählten des Herrn entgegen zu stehen -- Ihn zu schmäh’n vor dem Volk’? Allein, schon berstet der Boden: Euch, und die Euern zugleich, verschlingt der Rachen des Abgrunds.

Ihr, die ihr Aaron verhöhnt, und seines Dienstes euch anmaßt, Seh’t: sein Wunder-Stab ergrünt vor dem Herrn in der Hütte -- Euere liegen verdorrt -- und soll in der Lade des Bundes Aufbewahrt, zum Denkmaal seyn noch späten Geschlechtern![30] Doch ihm winkte der Herr, und er schlummert im Grab’ in des Horebs Niederung, wie er ihm solches zuvor, und auch Mose verkündet’ Ueber der Haderquell’, als Mißtrau’n dort ihn erzürnte: „Nicht sollt ihr in das Land der Verheißung, Kanaan, einzieh’n!“[31]

Weh’ und Rettung zugleich euch Murrenden! Tausende liegen Schon auf der Erd’, entseelt vom Biß’ entsetzlicher Schlangen; Tausende harren des Todes in Qual; doch winket Jehova Mose: er eilt, und erhöhet die eherne Schlang’ auf dem Stammholz -- Schnell sind alle geheilt, die auf sie die Blicke geheftet, Gläubigen Sinn’s. Auf dem Holz both einst der arge Verführer, Heva, in Schlangengestalt, die Frucht, aus welcher zum Erbtheil Wurde die Schuld. Ihn ereilte der Fluch und die Strafe des Frevels; Aber das Bild des tief Verworfenen zeigte dem Volk jetzt, Daß, wie dort von dem Holz der Jammer ihm kam, auch die Hülf’ ihm Komme daher: denn so wie die Schlang’ einst Moses erhöhte, Wird auch des Menschen Sohn erhöht auf dem Holze, daß alle, Die an ihn glauben, ihr Heil durch ihn erlangen auf ewig.[32]

Jahr’ entfloh’n. Schon beugte sich Ogg, der König von Basan, Sichon, von Amorrhaa, besiegt, vor Israels Waffen; Aber warum vertilgt es die schändlichen Götzenverehrer Nicht mit des Siegers Schwert, wie Jehova gebothen? Warum, ach! Eint es in sündiger Lust sich mit ihren verworfensten Töchtern? Doch schon schwingt Phineas, der Sohn Eleazar, und Aarons Enkel, den Speer, und durchstößt, voll Grimms, den frechen Verächter Von Jehova’s Gesetz’, mit der Buhlerinn: ihm und den Seinen Wurde darum die Würde des Hohenpriesterthums erblich. Bileam rief nur Segen, nicht Fluch, auf Israels Völker Von dem Himmel herab. Verwirrt flieht Balak, der König:[33] Denn schon nahe dem Ziel, nach vierzigjähriger Wand’rung, Schau’n sie des Jordans Fluth, und theilen die Beut’ und das Land bald Unter sich zum Besitz: das Land der hohen Verheißung.

Siehe, die Sonne sinkt, mit sanftverglühenden Blicken Scheidend, g’en Westen hinab; der Lärm des Tages verhallet, Und es entschlummert die Welt: so wandelte Moses am Abend Seines herrlichen, Gott und den Menschen gewidmeten Lebens Jetzt im rosigen Abendlicht dem Ufer des Jordans, Hehren Blicks, entgegen; er stand, und rief zu dem Volk so: „Hundert und zwanzig Jahr’ erlebt’ ich. Nicht dunkeln die Augen Mir noch; ungeschwächt ist die Kraft dem Greise geblieben; Aber Jehova zürnete mir, ob eurem Vergehen Dort an der Haderquell’: euch führt in das Land der Verheißung Josua jetzt, Nun’s Sohn, mit siegverherrlichter Recht’, ein. Ehret den heiligen Bund, den ihr vor Sinai’s Felshöh’n, Als der Herr im Posaunenruf’ und im rollenden Donner Sein Gesetz verkündete, treu zu halten, gelobtet. Bald soll euch von Garizims Höh’n nur Segen erschallen, So ihr gehorcht; doch Fluch und Verwünschung schallen vom Ebal,[34] Solltet ihr einst, verkehrt, sein spotten im sündigen Abfall. Laßt mich Jehova ein Lied -- daß es doch zum rettenden Wink’ euch Dienete, weih’n, bevor ich von euch nun scheide für immer!“ Rief’s, und sah bewegt nach der Bundeshütte hinüber. Liebliches Harfen Getön’ erscholl um ihn her; zu dem Himmel Hob er die Recht’, und begann mit weitumschallender Stimme:

=Mosis letztes Lied. V. Buch, 32 Cap.=

„Hört, ihr Himmel, mein Wort, und die Erde vernehme den Ausruf Meines Mund’s! Bald schwell’ er an, wie Regengewässer; Fließe bald wie der Thau und der träufelnde Schauer des Morgens Von dem Gras’ und den Kräutern der Flur. Den Nahmen Jehova’s Will ich preisen. Dem Herrn sey Ruhm, ihm, unserem Gotte! Er ist der Schöpfer der Welt, und vollkommen Alles und Jedes, Was er gemacht. Gerecht sind seine Wege, des treuen Und unfehlbar’n Horts, des ewig Heiligen, Wahren. Ach, an ihm sündigten sie -- nicht Kinder ihm mehr, in der Schandthat: Ein verderbtes, verworf’nes Geschlecht! So lohnst du’s Jehova, Sinnlosthörichtes Volk? Ist er nicht Vater, nicht Herr dir, Der dich erschuf, und erhob? Gedenke der Tage der Vorzeit; Sinne vergang’nen Geschlechtern nach; frag’ deinen Erzeuger, Und er kündet es dir; erforsche die Alten -- sie sagen Solches dir an: schon als der Herr die Völker zerstreute, Schied er von Adams Söhnen dich aus, und setzte den Völkern Gränzen rings um dich her; er zählte dich: denn wie sein Eigen Bist du ihm, Israels Volk, wie ein zugemessenes Erb’ ihm. Draußen im öden Gefild hat er dich ernährt, und im Wohnort Grauser Schrecken umhergeführt, in den einsamen Wüsten: Dort dich lehrend, und, wie sein Auge bewahrend vor Unbill. Wie der Aar, ermunternd zum Flug, nah’ über den Jungen Flattert, und sie mit weitgebreiteten Flügeln emporträgt Auf dem Rücken zur Luft: so war dein einziger Führer Dort Jehova der Herr -- kein anderer war dir genahet. Sieh’, er führte dich über die Höh’n! Dich sollte des Feldes Frucht ernähren, der Fels dir Honig träufeln, und Oehl dir Fließen vom harten Gestein. Dir ward die Butter der Heerden, Milch der Schaf’, und das Fett der Lämmer, der Böck’ und der Widder Basans zu Theil. Dich sättigte Weitzenmehl, und der Trauben Köstliches Blut trankst du nach Lust. So wurde der Liebling Wohlgenährt: schlug aus mit der Ferse; verließ in der Fülle Seinen Schöpfer, und trat von Gott zurücke, dem Retter. Ach, so empörten sie ihn durch fremde Götter! Sie reizten Ihn durch Gräuel zum Zorn: nicht Gott -- nein, Dämonen opfernd, Die sie nicht kannten zuvor, und die nicht ehrten die Aeltern, Deren Söhne sie sind: denn jen’ einwanderten jüngst erst! Gott verließest du, ach! der dich gezeugt, und vergessen Hast du sein, des Erschaffers sogar? Er sah’s, und entbrannte Gegen jen’ im Zorn, die als seine Kinder ihn reizten. Aber er sprach: verwenden will ich von ihnen mein Antlitz, Schau’n ihr Ende vor mir: denn frevelnde Kinder erzeuget Dieß Geschlecht. Sie erzürneten mich durch nichtige Götzen, Und durch eitelen Tand: so will auch ich in dem Volk hier, Welches nicht mein hieß, sie dann reizen, und höhnen vor Thoren. Schnell entflammt mein Zorn die Gluth: hinunter zum Abgrund Braus’t sie im Flug, verzehret die Keime der Erd’, und zerwühlet Auch die Vesten der Berg’. Auf ihr Haupt versamml’ ich des Jammers Füll’, und schleud’re mein tödtend Geschoß nach ihnen, daß ringsum Sie verschmachten in Noth, und die Vögel, voll Gier, sich an ihnen Sättigen. Raubthiers Zahn soll sie zerfleischen -- entseelen Plötzlich der giftige Biß der trägumschleichenden Schlangen; Draußen tilgen das Schwert, und daheim verzehren der Schrecken Jüngling und Mädchen, und so mit dem Greise den wimmernden Säugling. Dann ruf’ ich: wo sind sie? Ihr Andenken selber vergehe... Aber noch zögr’ ich ob des Grimms der Gegner; in Hochmuth Rühmten sie sich: „Nur unser gewaltiger Arm, nicht Jehova, Hat es vollbracht.“ O Volk, des Raths und Verstandes beraubet: Sähst du’s ein, und erkenntest ihr Ende! Würden vor Einem Tausend entflieh’n, und Zween in die Flucht Zehntausende schlagen, Wenn ihr Schutzgott sie nicht verkauft’, und Jehova dahingab? Denn nicht wie unser Gott sind ihre Götter: deß’ geben Zeugniß sie selbst. Von Sodom und Gomorrha’s Flur ist ihr Weinstock -- Galle die Beer’ an den Trauben von ihm, und des geifernden Drachen, Wie auch der Natter unheilbares Gift ihr Wein. Nicht erkennst du’s, Daß es verhüllt, und versiegelt bei mir, im heimlichen Schatz war? Ha, die Rache ist mein! Einst will ich vergelten: ihr Fuß soll Gleiten -- der Tag des Falles ist nah’: ihn ereilet die Zukunft. Gott wird richten sein Volk; an seinen Knechten Erbarmen Ueben, und seh’n, daß die Kraft erlag, die Umvestigten sanken, Und hinschwanden zugleich die Entronnenen. Dann wird er rufen: Euere Götter, auf welch’ ihr fest vertrautet, wo sind sie? Mögen denn jene, von deren Opfer-Fett ihr gekostet, Und getrunken hattet den Wein, aufsteh’n, und euch schirmen Dann in der Noth. Seht ihr’s, daß nur Ich -- und außer mir kein Gott Sey? Daß ich tödt’, und erhalt’, und schlag’, und heil’, und erretten Keiner aus meinen Händen vermag? Zum Himmel erheb’ ich Meine Hand, und rufe: So wahr ich, Ewiger, lebe: Wetzen will ich mein Schwert; ausstrecken die Rechte mit Nachdruck Dann zum Gericht; will rächen mich an dem Feind’ und vergelten Jenen, die mich gehaßt! Satt trinken soll in dem Blutstrom Sich mein Pfeil, und mein Schwert vollsättigen sich an den Leichen Ihrer Erschlag’nen -- am Mord der Bund-entblößeten Häupter. Preis’t, ihr Heiden, sein Volk: denn rächen wird er das Blut einst Seiner Erwählten; für sie Vergeltung üben am Gegner, Und ihr Land vor allen mit Ruhm und Segen erfüllen!“

So vollbracht’ er das Lied: dann gab er den Stab in die Vollmacht Josua’s; hob die Händ’ empor, und segnete laut noch Israels Stämm’ in dem Herrn. Ein Schluchzen und Weinen ertönte. Doch nun stieg er die Höh’n Abarims mit langsamen Schritten Aufwärts, bis er umher die Berg’ und Hügel versunken Sah, und unendlich vor ihm das Gelobte-Land sich enthüllte. Jetzo stand er am Ziel. Die in Rosen versinkende Sonne Wand den Strahlenkranz um seine erhabene Scheitel: Schweigend sah er hinüber nach ihr. Da scholl ihm Jehova’s Stimm’ an das Ohr: „Nun schaue hinab in die herrlichen Fluren Kanaans. So wie ich dort an Abraham, Isaak, und Jakob Eidlich verhieß: erringen soll’ ihr Enkelgeschlecht einst Dieß gesegnete Land: so geb’ ich es ihm zum Besitz hin; Nur du allein betrittst es nicht.“ Sieh’, da er’s hatte vernommen, Schwand ihm die Kraft sogleich, und mit weitverbreiteten Händen Strebt’ er, erblaßt, auf den brechenden Knie’n, den Staub zu erfassen -- Staub, des Menschen Beginn und Ende!... Wie liegen so dunkel Gottes Wege vor uns! Ach, er, der herrliche Führer Israels, steht an den Marken des langverheißenen Landes, Schaut es vor sich, und endet dort, verlassen, die Laufbahn? Doch, o wonnige Schau: sein brechendes Auge gewahret Drüben schon von des Tabors Höh’n, im himmlischen Lichtglanz Schweben, verklärt, empor den Welterlöser, und sieht dort Ihm zur Seite sich selbst mit Helias, dem Seher von Thesbi, Wiedererweckt, und beglückt auf immer![35] O, seliges Enden! Bethend haucht’ er den Geist in den Schooß des ewigen Mittlers Aus; sank heiter hinab in das Grab: denn einst hin zum Tabor Schwebt er aus ihm, verklärt, und zu nie versiegender Wonn’ auf!

„Auferstehung, o Licht auf dem dunkeln Pfade des Lebens! Schlummern werden sie einst im Grab die Unzähligen alle; Plötzlich tönt die Posaun’, und, verklärt, erstehen die einen -- Zieh’n, wie ein Fest-Kleid an die Unsterblichkeit: denn mit dem Tod nur Siegt dem Vergänglichen ob das unvergängliche Leben!“[36] Dreimal festlicher Tag: der Heilige ruht in dem Grab noch! Aber die drönend’ Erd’ ergreift ein Beben und Schauern; Felsen spalten entzwei; hervor aus dunkeler Felsnacht Kommt, erstanden, der Herr des Lebens und Todes, und alsbald Schallt dann Hallelujah in den Höh’n, in den Tiefen, und ringsum: Ihm sey Ruhm und Preis; was Keiner vermochte -- geöffnet Hat er die Siegel des Buchs:[37] er zeigt uns die himmlische Stelle -- Zeigt uns die Wonne der +Auferstehung+ auf irdischem Pfad’ schon!

Samuel.

Gericht.

„Vater, o sieh’, dort zuckt mit mattaufflimmerndem Flämmchen Aus dem Fenster ein Licht, und scheint Herberge dem Wand’rer Freundlich zu biethen! Wie ist mir sonst auf nächtlichen Pfaden Solches ersehnt; doch hier erbeb’ ich ihm. Laß’ uns entfliehen Vor dem täuschenden Strahl: des furchtbarn Weibes von Endor[1] Hütt’ ist vor uns, der Todtenbeschwörerinn! Einst, in der Herrschaft Frohem Beginn, hast du die Zauberer, Todtenbeschwörer, Und die Abgötter selbst aus dem Reiche geschafft, und Jehova’s Huld erworben zum Lohn. Nun höhnst du ihn? Israels König, Kehre zurück’! Entsage der That, die selber dem Volk du Wehrtest, treu Jehova’s Gesetz -- o, kehr’ in das Zelt heim!“ „Fluch sey dir,“ sprach Saul zu Jonathan, seinem Erzeugten, „Wenn du fürder mich hemmst, dem Weibe von Endor zu nahen! Rückte nicht gestern das Heer der Philister dem unsern entgegen, Rache schnaubend? Und ha, vielleicht ist Isai’s Sohn auch, David, mit ihm, der frech nach der Kron’ und dem Leben mir strebet! Schon befragt’ ich den Herrn: des furchtbarn Schlachtengeschickes Ungewiß, nach dem Gesetz’,[2] und siehe, nicht gab er mir Antwort! D’rum zu der Zauberinn hin: nun sollen die Todten mir kund thun, Was er im nächtlichen Dunkel verhüllt. So völlig verworfen Steht vor ihm Saul, der König? Warum? Wer rief ihn zur Herrschaft?“ Sagt’ es, ergrimmt; doch schnell erhob sich vor seinem Gemüth jetzt, Als er rasch hinschritt, ein Bild voll Schreckengestalten Von der vergeudeten Huld und Gnade Jehova’s. Mit Wehmuth Dacht’ er -- ein Sohn der ärmlichen Hütte, des Tages, da, keuchend, Er verfolgte die Spur der zwei Saumthiere des Vaters, Die sich verirrten im Land’, und von Samuel, Gottes Propheten, Erst bei dem Mahle geehrt, und d’rauf zum König gesalbt ward;[3] Dachte der Gegner, die er besiegt’ im Segen Jehova’s, Ach, und des festen Vertrau’ns auf den Herrn, und des redlichen Muthes, Der ihn beseelte zum Sturz des Götzengräuels im Land dort: Wehe, denn ihn verblendete bald, auf dem schimmernden Thronstuhl Thörichter Dünkel, daß er, als Samuel säumte zu kommen Wie er verheißen: ihm glänzenden Sieg g’en mächtige Gegner Vor Gilgal zu erfleh’n -- am siebenten Tage, vermessen, Opferte![4] Da verkündet’ ihm jener: nicht werde die Herrschaft Seinem Geschlechte zu Theil. Er siegte noch fort an den Völkern Amaleck, Moab, Edom, Philisthim, und Amorrhaa, Und, so er sühnte die Schuld durch Reu’ und frohen Gehorsam, Ward ihm Vergebung gewährt: denn mild, barmherzig, und gnädig Ist Jehova der Herr; doch wählt’ er die Pfade des Sünders, Trotzend im Uebermuth. Sein Ruf erscholl ihm: „Die Völker Amalecks auszutilgen zur Straf’ entsetzlichen Frevels.“ Aber für schnöden Gewinn verschont’ er Agag, den König, Mit dem erlesensten Rind, den Opf’rern (so hieß es) zum Vortheil.[5] Samuel rief ihm jetzt, da er stolz nach den Höhen des Karmel Zog, ein Siegsdenkmaal sich selbst zu erbau’n (nicht Jehova Gab er den Ruhm) die Worte: „Gehorsam ist besser, denn Opfer“ Schrecklichen Lautes, und rief ihm zugleich: den verliehenen Zepter Würd’ ihm entreißen der Herr. Doch, ach, auf immer verworfen, Nannt’ er ihn, als er, tobend vor Wuth, dem Tod’ und Verderben Nobe, die Stadt, mit den Priestern des Herrn, mit dem Greis’ und dem Säugling, Preisgab, weil auf der Flucht vor seiner unmenschlichen Rachgier Isai’s Sohn sich dort am heiligen Brot’ in dem Tempel Sättigte; dann das Schwert, das einst er dem Goliath selber, Siegend, entriß, ergriff, und Rettung fand in dem Schlachtfeld! Solches erwog nun Saul im Gemüth: wie schrecklich die Schuld sich Oft erzeugt aus der Schuld, und den Sterblichen fort an des Abgrunds Rand hin treibt, bis er schwindelnd stürzt -- und er seufzete laut auf.