Perlen der heiligen Vorzeit Johann Ladislav Pyrker's sämmtliche Werke (3/3)

Part 5

Chapter 53,562 wordsPublic domain

Aber schrecklicher noch die Schuld, und des Sünders Bewußtseyn: Wie er in grausamer Lust einst Israels wimmernde Söhnlein Werfen hieß in den Strom, das Volk zu vertilgen, entschlossen, Und der Ein’, im Schilf gerettete, jetzo mit Hoheit, Macht und Wundergewalt von Jehova begabt, und gesendet, Stand, ein furchtbarer Rächer, vor ihm; wie er solches in Banden Hielt; der quälendsten Noth und des Frohnvogts eiserner Geißel Preis gab, daß es nur bald erliege dem lastenden Jammer: Denn nun sah er sich hier, umgarnt von der Finsterniß ringsum, Selber in Banden, und regte sich nicht. Wie ein feuriger Blitzstrahl, Fahrend urplötzlich im Donner herab, den einsamen Hirten Unter dem laubigen Zweig des schirmverheißenden Baumes, Lähmend, berührt: er schaut, und hört der nahenden Menschen Aengstliches Müh’n nach Hülf’, in qualenvoller Erstarrung: Also lähmte, herab von Jehova gesendet, die Sünder Hier urplötzliche Nacht, und Angst war rings in Aegypten. Ha, nun saßen sie dort, und bebten vor jeglichem Hauch schon: Wenn entzündeter Qualm hinfuhr in den Lüften, erhellend Schnell, wie ein Blitz, mit zuckendem Schein die umnachtete Gegend; Wenn der Schlangen Gezisch’ um sie scholl, die, ernährt in dem Hofraum (Ach, dem erhabensten Wesen gleich verehrten die Thoren Solch’ verworfenes Thier)[2] hervor der Hunger getrieben; Oder das Säuseln am laubigen Zweig’, einstürzender Felsen Dumpfes Geroll, des Waldstroms brausender Fall, und des Wildes Lautes Brüllen heran aus dem nahen und fernen Gefild’ drang: Da wich jegliche Kraft aus ihrem erschütterten Herzen So, daß, ohnmächtig, sie oft entschlummerten! Doch nicht erquickte Sie der Schlaf: entsetzliche Grau’ngestalten der Hölle Weckten, im wechselnden Flug, sie schnell zu erneuerten Qualen.[3]

Jetzt erscholl in der Königsburg die jammernde Stimme Pharao’s. Angst und Entsetzen bezwang denn endlich des Wüthrichs Wildaufgährenden Grimm: unzählige Diener und Sclaven, Immer bereit sich vor ihm im Staube zu beugen in Demuth, Jammerten, lautumschallenden Ruf’s, ihm jegliches Wort nach: „Moses, Moses, erbarme dich, komm’, und schaff’ uns Errettung!“ Moses stand alsbald vor Pharao. Schrecklich erklang ihm Durch umnachtendes Grau’n des Ungesehenen Stimme: „Moses steht vor dir: warum ertönte sein Nahmen, Jammerndgerufen, umher in des Königs weiten Gemächern?“ „Ach,“ so entgegnete jener ihm leis’, „entsetzliches Unglück Hast du auf mich und Aegypten gebracht! Ich habe gesündigt. Schaff’ uns des Tages Licht: es soll dir Jedes gewährt seyn.“ Moses nahte dem Fenster (ihm barg kein Dunkel des Himmels Freundlichen Strahl) erhob, mit flehendem Blick’, in das Nachtgrau’n Seinen gewaltigen Stab, und rief, erschütternd: „Entweiche!“ Plötzlichen Flugs entschwand die Finsterniß, und an dem Mittag Sah aus unzähligen, ringsumher verkläreten Augen Wieder der bläuliche Himmel herab, daß lange der Mensch noch Vor dem blendenden Licht die Lieder verschloß, und, erstarrt, saß. D’rauf erwachte Getös’, und Lärm, und unendlicher Jubel Rings in dem Land’, und geschäftige Hast erfüllte die Straßen.

Pharao schritt, ergrimmenden Blicks, hinauf und hinunter Durch den wölbenden Saal; ihm kochte der Zorn in dem Busen; Jenen zu schau’n, der ihm und dem Volk so schreckliche Plagen Schuf. Da sprach er zu ihm jetzt noch mit verhöhnendem Trotz so: „Wohl, ihr ziehet denn fort, nach des Horebs wüsten Gefilden Schreitend die Bahn -- ihr alle, so Jung als Alt, mit des Hauses Dienender Schar; nur bleibe das Vieh zurück’ in dem Land hier, Dem es gehört nach Recht: hier mehrten sich alle die Heerden.“ „Nein,“ rief Moses im Zorn, „nicht die Heerde, nicht eine der Klauen Bleibe zurück; nicht wissen wir noch, welch’ Opfer Jehova: Ob er Brand- und ob Sühn’-Opfer er heischt in den Wüsten?“[4] Jener tobte noch mehr, und rief: „So willst du mich täuschen? Gier nach Herrschaft nur, nicht der Dienst und das Opfer Jehova’s, Heißt dich empören das Volk, und entführen nach fremden Gefilden. Mir aus dem Antlitz fort für jetzt und für immer, und wagst du’s, Ihm zu nahen, so sollst du schnell mit dem Leben es büßen.“ Moses entgegnet’ ihm d’rauf: „Es sey -- nie siehst du mich wieder! Aber vernimm! So spricht Jehova: Ich will durch Aegypten Gehen um Mitternacht, und die Erstgebornen der Armen, Wie der Reichen, zugleich mit des Throns aufblühendem Erben Und dem Erzeugten der Magd, die im Schweiß umdrehet den Mühlstein --[5] Selbst auch jene des Vieh’s erwürgen in seinen Gefilden So, daß Weinen erschallt, und Geheul, wie nimmer gehört ward. Seines Heils harrt ruhig mein Volk: dann läßt du es fortziehn!“ Sagt’ es, und ging von dem Könige, der, verhärteten Herzens Frevelnd an Gott, und von ihm verworfen, dem schwindligen Abgrund Selber entgegen sich stürzt’, und dort den schrecklichen Tod fand.

Doch schon naht’ um die Mitternacht die Stunde des Grauens, Wo sich Jehova’s Macht, verherrlicht an Israels Stämmen Durch unendliche Huld -- durch Straf’ unendlichen Frevels An Aegyptens Volk’ und Könige, spätester Nachwelt Noch zum Trost, zur Bewunderung, und zur Warnung erwiesen. Sieh’, es war, nach Jehova’s Geboth, in den Häusern der Kinder Israels schon geschlachtet das jährige Lamm, und besprenget Dann mit dem Blute die Schwell’ und die Pfoste der Thüre zum Zeichen: Daß sie gehorchend dem Herrn, sein harrten mit wachender Sorgfalt! Haltend den Stab in der Hand, und zur Reise geschuht, und gegürtet, Standen sie all’ um den Tisch, und verzehreten das, an dem Feuer (Unzerstückt) gebratene Lamm,[6] mit bitteren Kräutern Und mit ungesäuertem Brot, in freudiger Andacht. Wer der Kinder Schar ermangelte, rief zu dem Mahl noch Freund und Nachbar herbei, und tilgt’ in der Flamme den Abhub. Also sollte hinfort, Jehova zum Ruhme, der Freiheit Hehres Mahl von dem Volk gefeiert, und allen bekannt seyn: Wie er sich sein erbarmt’, aus Pharao’s Banden es rettend Dort in der grau’numhülleten Nacht, als rings der Aegypter Klag’ um die Erstgeburt scholl, und vor Angst erbebten die Frevler. Ha, nun blitzt’ es vom Himmel herab! Von Jehova gesendet, Nahete schon (das flammende Schwert in erhobener Rechten, Furchtbarn Ernst in dem Blick’, und Zorn auf den Lippen) des Todes Engel heran. Verhüllt, wie im Nebel des Abends der Vollmond, War sein strahlender Leib von düsterem Flor’, und die Locken, Sonst voll himmlischer Schön’, aufsträubten sich ihm von der Scheitel. Also schritt er einher, mit den Schrecken des Todes bewaffnet, Durch die entschlummerte Königsstadt, durch Thäler und Eb’nen, Wo ein Aegyptier wohnt’. Empor in die Höhen der Wolken Ragte sein Haupt, und unter den Sohlen erbebt’ ihm der Boden, Als er den Häusern genaht, das Schwert vor jeglichem aufschwang. Sieh’, und es fuhr alsbald der Erstgeborne des Königs, Wie des Aermsten im Land’, aus herzbeklemmenden Träumen Auf von dem Lager! Er klagte sich selbst und die Seinen der Schuld an, Und verhauchte den Geist, hinstürzend, in schrecklichen Qualen. Da war Lärm und Getös’, war lautes Geheul und Verzweiflung Allwärts. Keiner verschont, der, andern zuvor, an der Mutter Brust die strahlende Sonn’ ersah; die blühendste Jugend Schnell erwürgt; entsetzlich die Menge der Leichen, daß jetzo Kaum hinreichte die Zahl der Lebenden, sie zu begraben, Und nun alles und jedes erfüllt, wie es Moses verkündet. Aber in freudiger Hast verzehrten Israels Stämme Das, vom Herrn gestiftete Mahl der hohen Erlösung. Sie gelobeten all’, einmüthig, mit heiligem Eidschwur: Treu zu verharren Jehova’s Gesetz’ im Glück’ und im Unglück, Und lobsangen dem Herrn, als draußen, nach jeglicher Richtung Wehklag scholl, und Aegyptens Stolz im Staube, gestürzt, lag.

Sieh’, und noch in der Nacht hieß Pharao Moses und Aaron Kommen, und sprach: „Zieht aus, ihr alle, mit Hab’ und Vermögen -- Schnell aus Aegypten fort, dem ihr unsäglichen Jammer Spendetet; doch, erflehet auch mir noch Huld und Erbarmen!“ Sprach’s mit verhaltenem Grimm’ und weggewendetem Antlitz: Denn in den Tiefen der Brust nährt’ er verderbende Rachgier Noch, die jetzt nur die Angst bezwang in der Stunde des Unglücks. Aber auch all’ die Trauernden, die vor des furchtbaren Engels Todesschwert hinsinken sah’n die Erzeugten, bestürmten Jetzt das versammelte Volk von Israel: „Ziehet von hinnen,“ Riefen sie laut, „ach, fort, daß wir nicht alle vergehen!“ Wie die Störch’ im Herbst, nach wärmeren Zonen zu wandern, Sich versammeln am Moor’ um den selbsterkorenen Führer: Er erhebt sich im Schwung’, und all’ ihm folgen, mit einmal Schwebend empor zu den Wolkenhöh’n, in unendlichen, weiten, Keilgestalteten Reih’n, mit Geschrei und der schlagenden Flügel Lautem Gerausche, hinab g’en Süden zu ziehen: nicht anders Sammelten sich, um Moses zugleich und Aaron, die Kinder Israels, noch in der Nacht in die Wüste den Zug zu beginnen. Jetzt erschien Mirjam, die gottgesegnete Jungfrau, Moses und Aarons Schwesterkind,[7] und blickte nach jenem, Mildverklärten Gesichts mit tiefer und inniger Ehrfurcht! Schön war sie: wie im Lenz die Ros’ und Lilie, blühten Ihre Wangen; ihr Aug’ erglänzt’ in des lieblichen Veilchens Blau; wie der schlanken Zeder ihr Wuchs -- des munteren Rehes Sprung ihr Gang, und ihr Laut der Nachtigall wonniges Flöten. Ging sie einher in dem Volk, da sah ihr mit staunenden Blicken Jeglicher nach; ihr folgt’ aus jeglichem Munde der Beifall: Denn noch schöner ihr Herz, der Seherinn göttlicher Weisheit: Immer mild, und bereit beglückende Gabe zu spenden. Jetzo kam sie heran, und sprach zu Moses und Aaron: „Wohl, ihr führet denn Israels Volk aus den Banden der Knechtschaft Frei von hier, nach dem Wink Jehova’s, des einigen Gottes! Aber es klagt das Volk: nicht werd’ ihm Ersatz für den Boden, Den es in Goschems Flur mit Haus und Habe verliere, Nicht des blutigen Schweißes Lohn, den früher der Frohnvogt Für den Zwingherrn karg bedingt’, und noch karger zurückhielt. Aber ich seh’ es im Geist: schon drängten uns laut die Aegypter Fortzuzieh’n aus dem Land, daß nicht alle Verderben ereile; Jeglichen Eigens Herr ist Jehova: er will’s, und des Drängers Herz wird mild: er spendet uns Gold und Kleider die Fülle.[8] Einst soll’s ihm zum Dienst’ in der einsamen Wüste geweiht seyn. Aber bedenket denn auch, was Joseph, dem herrschenden Pfleger Hier des ägyptischen Land’s, da er sterbend solches noch heischte, Euere Väter, gesammt, verhießen mit heiligem Eidschwur: Führt des Frommen Gebein mit fort nach den Segensgefilden Kanaans, daß er im Herrn dort ruh’, zu den Vätern versammelt. Denket wie groß und rührend zugleich an dem heiligen Manne Sich Jehova’s Huld, des ewigen Gottes, erwiesen: Als er in blühender Jugend schon ein Opfer des Neides Seiner Brüder, hervor aus der Todesgrube gezogen, Schnöde verhandelt ward nach Aegypten, und dort in der Hofburg Pharao’s, frech der Sünde gezieh’n, die er, reinen Gemüthes, Von sich wies. Doch schmachtet’ er dann im schmählichen Kerker Jahrlang, bis er die Träum’, ein gotterleuchteter Seher, Deutend, von schrecklicher Hungersnoth die Völker Aegyptens Rettete, Ruhm sich erwarb, und das Land beherrschte mit Weisheit. D’rauf, als jene zu ihm die hülfbedürftigen Brüder, Von dem Vater entsendet, geführt, nicht vergalt er das Unrecht, Das sie geübt: denn bald nach der liebendersonnenen Prüfung, Weint’ er an ihrer Brust -- des grauenden Vaters gedenkend, Selige Thränen. Er lockt’ ihn so nach Aegypten herüber, Wie auch die Seinen, und schenkt’ ihm Goschems Fluren zum Wohnsitz. Dessen gedenkt, und erfüllt des Frommen Wünsche mit Ehrfurcht.“

Also geschah’s: da ging in schauererregender Hoheit Moses vor allen einher. Von Cair-Raemses nach Succoth[9] Zog das Volk, geführt von Jehova’s Gesandten. An sechsmal- Hunderttausend allein der streitbarn Männer gerechnet (In dem Gefolg der Ihren, der Knecht’, und des frommenden Hausthiers) Eileten jetzt, voll Hast, der langersehneten Freiheit Heiligem Zufluchtsort, der Wüst’, entgegen im Nachtgrau’n. Doch nicht im Nachtgrau’n irret’ ihr Fuß, und, nicht in des Tages Glänzendem Licht von dem Pfad: denn sieh’, der Engel Jehova’s Zog, erschütternd zu schau’n, bei Tag in des dunkeln Gewölkes Thürmender Säul’, und bei Nacht im röthlichen Schimmer des Feuers Vor den Scharen einher, und führete sie nach dem Ziel fort! Erst an die Flur Etham’s, dann wieder zurück an des Schilfmeers Bergumschlossenen Strand, unfern Pahachiroth und Migdol, Wo die Quell’ aufwallt, gelangten die wandernden Stämme Israels -- so verfügt’ es der Herr: an Pharao’s Falle Sein erlesenes Volk zu verherrlichen, noch bei der Nachwelt.

Schon zernagt’ ihm zuvor unendliche Reue den Busen, Daß er das Volk zieh’n ließ, von dem Zauberer, Moses, bethöret, Sich zum Spott’ und dem Lande zum Harm: da er solchem der Sclaven Fröhnende Hand entriß, die ihm all den Reichthum erwarben. Jetzt verkündeten ihm Eilbothen: verirrt, und verlassen Von Jehova sogar, der ihm als Retter gerühmt war, Irre das flüchtige Volk von Israel noch an des Schilfmeers Felsigem Strand, voll Angst umher, und erliege dem Hunger.[10] Alsbald rief er nach seinem Heer’. In brausender Schnelle Waren die Rosse gezäumt -- Streitwagen und Waffen geordnet Dann mit dem Volk’, und er jagte den Flüchtigen nach zu dem Schilfmeer.

Jetzt versank die Sonn’ am westlichen Himmel; die Kühlung Schwebt’ aus dem Meere herauf, und des Abends dunkeler Schleier Senkte sich tiefer stets auf die schweigenden Fluren der Umwelt, Als unendlicher Staub empor zu dem wölbenden Himmel Drüben im Westen sich hob, und mit Sorg’ erfüllte die Scharen Israels. Bald entstürzten zugleich die entsendeten Bothen Alle den ragenden Höh’n, und verkündeten, lallend vor Schrecken: „Pharao’s Macht stürmt an so zahllos, wie nach dem Meersturm Sich aufhäufet der Sand am Gestad’, und im dunkelen Luftraum Flammen die Sterne bei Nacht. Der Boden erzittert den Hufen Seiner Ross’ und der Last zum Streit gerüsteter Wägen. Wehe, nichts rettet uns mehr, wir sind verloren für immer!“ Jetzt erscholl alsbald unendliches Weinen und Klagen, All’ die Scharen entlang: denn so, wie auf ruhiger Meerfluth, Brausend daher ein Sturm urplötzlich die Wogen auf Wogen Wirft, und im weitverbreiteten Forst die Wipfel an Wipfel Schleudert mit lautem Geheul: so pflanzte die furchtbare Nachricht Sich in den Haufen des lagernden Volks, im Toben der Angst fort. Bald umgab, voll Wuth in dem Blick’, ein frecherer Haufen, Der in Gefahr nur lärmt, nicht handelt, Moses und Aaron, Beide Gesandten des Herrn, und immer lauter erscholl’s nun: „Weh’ euch Führern, Weh’! Ihr seht dem gewissen Verderben Preisgegeben das Volk durch euren unbeugsamen Starrsinn: Denn ihr wandtet den Rücken uns nur, wenn wir in Aegypten, Ahnend die dräuende Noth, euch sagten: viel besser, in Knechtschaft Dort zu leben, als draußen im Grau’n unendlicher Wüsten Sterben den Hungertod, den schrecklichen, oder des Feindes Würgendem Schwert’, ohnmächtig und hülf’entblößt, zu erliegen. So habt ihr uns bethört: wir fallen durch euere Schuld nur.“

Also die Kühnen, und rings erscholl noch empörteres Klagen. Moses sah mit erhabenem Ernst nach den lärmenden Rednern Hin; dann rief er laut zu den angstergriffenen Scharen: „Fasset nur Muth: Jehova’s Arm ist erhoben, zu schirmen Sein erlesenes Volk! Bald sind die unzähligen Gegner, Die euch bedroh’n, nicht mehr -- aus eueren Augen verschwunden. Habt Vertrau’n zu Jehova, dem Herrn; verzaget nicht; ruht nur!“ Sagt’ es, und stieg den Hügel empor, der schroff an des Schilfmeers Nacktem Gestad’ sich erhebt, Baalzephon nicht ferne, der Herberg’ Einst der Höhlenbewohner im Land’. Unzählige Höhlen Birgt sein Schooß.[11] Die Wolkensäule Jehova’s, des Volkes Führerinn, ruht’, als sollt’ es die Nacht an die Stelle gebannt steh’n! Doch er beugte die Stirne zum Staub’, erhob sich, und rief nun: „Herr, errette dein Volk!“ mit weitumschallenden Tönen Auf in die Nacht. Da kam aus der Wolkensäule die Stimme: „Dein Geschrei drang laut zu mir auf: Kleinmüthiger, zagst du? Zieht nur weiter, sogleich!“ „Doch wie? Die Gegner im Rücken, Vorne das Meer?“ „Streck’ aus den Wanderstab in der Rechten Ueber die Fluthen des Meers -- zertheile sie; führe die Scharen Mitten durch, zu dem Strand jenseits, und, trockenen Fußes Wandelt ihr. Bald folgt euch die Macht der Aegypter, empört, nach; Aber an ihr, an Pharao’s Heer’, an Wagen und Reitern Werd’ ich vor euch mich dann verherrlichen, daß sie bekennen: Nur Jehova ist Gott, der Schöpfer der Erd’ und des Himmels.“ Siehe, die Wolkensäul’, und in ihr der Engel Jehova’s Wich in Eile zurück’, und schied, errettend, im Rücken Sein erlesenes Volk von Pharao’s drohender Heersmacht: Dieser ein finsteres Nebelgewölk, das selbe die Nacht durch Fest in das Lager gebannt steh’n hieß -- ein strahlendes Feuer Jenem: den hellen Pfad in des Schilfmeers Bette zu wandeln!

Moses stieg den Hügel herab, dem Strande des Meeres, Eilenden Schrittes, zu nah’n. Jetzt sah das staunende Volk ihn Dort, wie er, mutherfüllt, den Wanderstab in der Rechten Ueber die Fluthen erhob. Alsbald herbraus’te des Ostwinds Stürmender Hauch. Er warf sie, querdurchwühlend den Abgrund, Links und rechts, und siehe, der Engel Jehova’s, des Volkes Leitender Hort, fuhr jetzt aus der Wolkensäul’ in des Erdballs Tiefen hinab![12] Dicht unter der erst empöreten Meersfluth Kocht’ Erdharz und Naphta, vermengt mit bläulichem Schwefel, Mitten im finsteren Raum der ringsumschlossenen Felsen. Kaum berührte das feste Gestein, mit des schwebenden Fußes Leisem Druck, der Himmlische, da hob, plötzlich, des Felsens Berstendes Haupt sich empor -- nachbrauste der feurige Brodem Mit unendlicher Wuth und schreckenvollem Geprassel Durch den gewaltigen Spalt, und drängt’ urschnell in des Meeres Tiefgehöhletem Bette den Grund im donnernden Flug’ auf So, daß erfüllet die Kluft, und Israels zagenden Scharen Durch das Schilfmeer hin, allmächtig, geebnet die Bahn war: Breit und getrocknet sogleich vom dörrenden Hauche des Ostwinds.

Moses wandte sein Aug’, umhüllt von Thränen des Dankes, Erst g’en Himmel, und dann zu dem Volk, das, staunengefesselt, Stand, und jetzt aufjauchzt’, ergriffen von Freud’ und Entzücken. Alsbald hatten sich alle zugleich auf dem Pfade der Rettung Vorgedrängt; doch Moses hieß je fünfzig, in Haufen Wandeln. Angestrahlt von der feurigen Wolke die Nacht durch, Zogen sie nun, lobsingend dem Herrn, wie auf grünenden Matten Hüpfende Lämmer, dahin, und jubelten, ähnlich der Rosse Munterer Schar, die, frei von der Halfter, zur Weid’ an dem Waldbach, Wiehernd vor Lust, enteilt, bis jetzt am dämmernden Morgen All’ erreichten den Strand, der, sanftgehügelt, emporstieg.[13]

Leis’ entschwand die Nacht. An dem Saum des östlichen Himmels Wallt’ ein Purpurglanz empor, und glühete heller, Feuriger stets, der bald aufschwebenden Sonne zur Feier. Doch nicht sollte sie noch auf die weiten Gefilde des Schilfmeers Strahlend, schau’n: denn siehe, die Wolkensäule Jehova’s, Die dem erwähleten Volk zur Rettung leuchtete -- grau’nvoll Erst die Verworfenen hemmt’ im Lauf’, erhob in die Luft sich, Gährend, und lag, ein Wettergewölk, das Blitze des Todes Trug in dem finsteren Schooß, weit über dem Meere verbreitet! Pharao schrie, als jetzt die hemmende Wolke sich aufschwang, Und des Morgens Strahl erglühete, laut zu den Scharen: „Auf, verfolget, erhascht, erwürgt die Verräther! Ihr sollt dann Theilen die Beut’, und mit mir der Rach’ unendliche Sehnsucht Kühlen in ihrem Blut. Nicht raste das Schwert vom Gewürg’ mehr.“ Also entflammt’ er das Volk. Zugleich ertönte der Schlachtruf -- Scholl das Wiehern der Ross’, und der rollenden Räder Getümmel Rings dem Klirren der Waffen vereint, in dem weiten Gefild hin. Wirbelnd erhob sich der Staub. Verblendete! Noch sind die Thränen Kaum versiegt; noch bebt euch die Hand, die gestern die Leichen Euerer Söhne begrub, und schon verfolget ihr wieder, Treulos, Israels Volk, das ihr mit flehenden Worten Fortgetrieben zuvor aus dem Land’ entsetzlicher Knechtschaft? Also stürzet ihr euch den frechverschuldeten Strafen Selber entgegen; ihr stürzt in die Nacht endlosen Verderbens! Lärmender brauseten jetzt die Aegyptier fort auf dem Sandpfad, Den, allmächtig, erst der Herr aus dem Meere gehoben, Und ersah’n, jenseits an dem Strand, die entlassenen Sclaven Schon, voll lechzenden Grimm’s, sie niederzuschmettern, verlangend; Aber inmitten der Bahn ereilten ihr schreckliches Ziel sie. Tiefer sank das Wettergewölk’:[14] ein flammender Blitzstrahl Zuckt’ aus seinem Schooß vor dem Heere herunter; der Donner Kracht’ unendlich ihm nach; des Erdballs Vesten erbebten; Ringsum drönte die Welt, und Pharao rief voll Entsetzen: „Laßt uns flieh’n vor Jehova: er kämpft für Israel selber.“ Alsbald wandt’ er das Roß, und die angstergriffenen Scharen Folgten ihm. Da war Lärm und Getös’ -- war grause Verwirrung Und Verderben zugleich. Wild drängten sich alle mit einmal, Durch die Reih’n, und es schlang der Mann, das Roß, und der Wagen Sich zum verworrenen Knäul. Wie ein heißgetriebener Damhirsch Sich in dem Netze verstrickt, das drüben am buschigen Waldsaum Trüglich umher der Weidmann zog: erst haften die Klau’n ihm, Dann sein ästig Geweih’ in dem Netz; doch, wie er sich abmüht Sich zu befrein, schlingt er stets fester die hemmenden Fessel Noch um sich her, und sinket dann athemberaubet zu Boden: So verstrickte sich hier das Heer. Die flüchtenden Krieger Schrien; auftobten die Ross’; an den schnellgewendeten Achsen Brachen die Räder entzwei, und hemmten die Flucht und die Rettung.

Jetzt fuhr Blitz auf Blitz im brüllenden Donner herunter. Sieh’, und wieder hinab zu den Felsenvesten des Meeres Schwang sich im eiligen Flug der Himmlische; sah zu Jehova, Anbethend, dort empor, und stieß mit des schwebenden Fußes Leisem Druck’ an den Fels: da stürzte des flammenden Abgrunds Wunderbar erst erhob’nes Gewölb’ urplötzlich zusammen; Hoch aufwogte des Meer’s getrennete Fluth, und ergoß sich, Rauschend daher links, rechts, in ihr versinkendes Bette. Ha, welch Jammergeschrei? Wohin verschwinden die Völker Pharao’s -- Wagen und Rosse, wohin? Verschlingt sie der Abgrund Alle? Ja, er verschlinget sie all’! Unzählige Leichen Schwimmen über der Tief’; eintönig rauschen die Wogen; Kein Blitz flammt; kein Donner rollt; die wetternden Wolken Heben sich strahlend empor, und die Sonn’ erleuchtet den Erdkreis.

Drüben am breitaufragenden Strand des ruhigen Meeres Hemmte Moses zuvor die Flucht der wimmelnden Scharen Israels. Angstbetäubt, erzitterten sie dem Verfolger, Da stets näher und näher sein Wuthgeschrei mit dem Wiehern Seiner Ross’, und dem Rollen der streitgerüsteten Wagen, Scholl; doch Schauer der Furcht, Verwunderung, Hoffnung, und Wonne, Faßten, wechselnd, ihr Herz, da er scheu vor dem flammenden Blitz, nun Wieder entfloh. Und als das Bette des Meer’s in den Abgrund Kollerte; d’rauf im Tumult der lautaufrauschenden Wogen Sich die getrennete Meeresfluth schnell wieder vereinte, Und das unzählige Heer, die Wagen, die Ross’, und die Reiter Pharao’s, dort verschlang: da hob aus den seligen Herzen Sich kein jubelnder Laut herauf; es beugten, mit einmal, All’ die Geretteten hier die Stirne zum Staub’, und benetzten Ihn mit den Thränen des Danks: Jehova, den Retter, den starken, Gütigen Gott verehrend im Staub’, in erschütternder Stille!