Perlen der heiligen Vorzeit Johann Ladislav Pyrker's sämmtliche Werke (3/3)
Part 4
Moses fuhr bei dem Wort’ in die Höh’, und zerriß an der Brust sich, Stöhnend, das Kleid.[7] Sein Aug’ entflammte sich, wie des Gewölks Nacht, Die der leuchtende Blitz durchfährt, da er fürchterlich aufschrie: „Ich, ein Abgötter, ich? Das fehlte noch! Fluch und Verwünschung Ueber mich, so ich es bin! Entfleuch, sonst nah’ ich dir schrecklich!“ Rief’s, und blickte dem Greis’ in die thränenumflossenen Augen, Die mit der rosigen Gluth auch die heilige Ruhe des Abends Spiegelten. Sieh’, er erschrack vor sich selbst, und seiner Entrüstung; Faßt’ ihm die Hand, und sprach: „Verzeih’n, ehrwürdiger Vater, Wirst du das raschere Wort dem Sohn’: ein schmähliches floh dir Von den Lippen zuvor. Wer könnte mit Ruh’ es ertragen, Der in dem glühenden Haß des Götzengräuels erwachsen, Heilige Sehnsucht nährt ihn rings von der Erde zu tilgen? Aber sie zehrt, wie Schwefel und Harz in den unteren Räumen Brennend, mir nun schon des Herzens gewaltige Kraft auf; Schon erfüllt mich die Angst und Verzweiflung: völlig verworfen Habe der Herr sein Volk, das er, wie ein Adler die Jungen Auf den Fittigen, liebend, empor in die bläuliche Luft trägt, Einst auf den Händen trug, wenn Noth und Gefahr es bedrängte. Doch“ (er ließ sich jetzt, wo er stand, gehaltener nieder) „Eben ersehnt’ ich den Mann, dem ich nun endlich des Busens Tiefverschlossenen Gram enthüllete; wunderbar nahtest Du mir jetzt. Vernimm denn, woher ich, ein irrender Fremdling, Kam; weß Stamm’s und Landes ich sey; was mich aus des Fluch’s- nicht Segens-Flur g’en Midian führt’, und Alles und Jedes, Das ich verschwieg seither, ergriffen von düsterem Unmuth. Wiss’ es, mich zeugt’ Amram, mit der trefflichen Gattinn Jochebed. Levi, Jakobs Sohn’, entsproß mein Stamm, und die Beiden Rühmten sich dessen zugleich.[8] Doch segnete nimmer der Vater, Nimmer die Mutter den Tag, an dem ein Sohn ihr geboren Ward in Goschems Gefild, des weidegesegneten Landes, Das, aus Pharao’s[9] Mild’ einst Joseph, als herrschender Pfleger, Unserem Volke verlieh: denn ach, ein grausamer Wüthrich Hielt nun Pharao’s Thron im Besitz, der Israels Knaben, Kaum geboren, empört von herzverengendem Mißtrau’n, Werfen hieß in des Nils verschlingende Tiefen. So lag ich Schon, ein Opfer der Rach’, im Korb’ von geflochtenem Schilfrohr, Wimmernd am Strom’, und mit Angst umspähte die Schwester -- ein Kind noch, Wie die Wellen verschlangen den Raub: da führte Jehova’s Huld die Königstochter[10] vorbei. Den blühenden Säugling Sah sie, bewegt, und gab ihn der Mitleid Flehenden selber, Daß sie die Amme ihm fand’, und einst hinbrachte den Knaben Ihr an den Hof. Sie trug mich heim zu der jauchzenden Mutter, Die schon zuvor mit Angst und mütterlichsorgendem Herzen Mich im dunkeln Gewölb, durch fünfzig Tage, versteckt hielt. Kräftigerblüht, fand ich, von der mildgesinneten Tochter Pharao’s so gerettet, mich dann am schimmernden Hof’ ein.[11] Was Aegypten an Weisheit, Kunst, und Wissenschaft seither Hagt’ in dem Schooß, ward mir von erlesenen Meistern enthüllet: Zauberer nannte das gläubige Volk die betrog’nen Betrieger, Die, nur selber sich fröhnend im Land, des Wahren und Falschen Achtlos, auf Irrwege das Volk verleiteten; aber Mein aufstrebender Geist erkannte das goldene Fruchtkorn Unter nichtiger Spreu, das noch aus den Tagen der Unschuld, Bei dem gefall’nen Geschlecht sich erhielt, und, herüber gerettet Von den acht, in der Arche Noah’s erhaltenen, Seelen, Mitten im Dornengefild des sinneschmeichelnden Irrthums Und unendlichen Trugs festwurzelte. Glühend vor Wißgier, Las ich es sorglich mir auf. Von den Höhen und Tiefen der, ureinst Freierschaffenen, hehren Natur: wie im dunkelen Schooß sie Wirket, und schafft: nun bindet und lös’t, nun hemmt und beweget; Aus Verwesung das Leben ruft; das Leben in Staub wirft; Wie in dem Sturme sie braus’t; im Lüftchen säuselt; im Donner Rollt; anzieht, abstößt; unzählig erleuchtete Welten Schweben heißt in dem Aethergefild’; im unendlichen Eilflug Sendet das Licht umher aus den rastloskreisenden Sonnen, Und in Allem der Allmacht Werk so erhaben und groß ist: Davon sagte die Schule mir viel; gar Vieles erkannt’ ich, Ahnend im Geist, und verschloß es im heimlichen Busen mit Sorgfalt. Also reift’ ich zum Manne heran; doch, mitten im Zauber Eines üppigen, Geist- und Sinne bethörenden Hofes, Flammte mir stets noch heiß in dem Herzen die Ehre Jehova’s, Und die Liebe des Volks, des erkorenen, dem ich entrückt ward. Aber der Wüthrich sah die schnellvermehreten Stämme Israels -- sah’s, und zürnt’ in dem feigerbebenden Herzen, Das der Schranze noch mehr verschüchterte. Daß sie nicht heimisch Würden im Land, verdrängten sogar die Kinder Aegyptens Aus dem ererbten Besitz’, und unterjochten als Sklaven: Hieß er sie peitschen zur Frohne gesammt mit eherner Geißel, Und berauben des Muths in lebenerschöpfender Arbeit. Sohn der Wüste! Mit Staunen würdest du seh’n in dem Land dort Blühende Städt’, erbaut im blutigen Schweiße der Kinder Israels; seh’n die Pracht der götzengeweiheten Tempel, Wo das säulengetragene Dach, unendlich an Umfang, Dunkle Hallen bedeckt, und nichtige Götter beherbergt; Seh’n wie sie, nach dem Wink werkkundiger Meister, vollbrachten Räthselgestalt:[12] in ihr den Leib der ruhenden Löwinn, Launenhaft, mit des Weib’s huldschönem Gesichte vereinend, Daß sie, in dräuender Zahl, an den Thoren bewachten des Tempels Heiligthum -- sie, wie die Götter selbst, ein todtes Gebild nur; Auch in Reihen vor ihm Spitzsäulen[13] erhöhten, auf welchen Bilderschrift das Gesetz in den Schleier der Irrthümer hüllet; Seh’n, wie sie aus dem finstern Basalt Grabmäler der Herrscher[14] Hoben empor zum Gewölk, die, sich vierseitig verjüngend, Schau’n in der Welt umher; doch, unvergänglichen Baues Trotzend der Zeit, nicht schirmen den sterblichen Leib vor Verwesung: Wie sie formten den fetten Lehm, und in glühenden Oefen Backten zum Stein, da stets die thürmenden Städte sich mehrten; Hattest du solches geseh’n: gebrochen wäre das Herz dir Schnell in der fühlenden Brust, und verhaßt erschien’ dir das Leben! Doch mich trieb’s zu entsetzlicher That: am dämmernden Abend Sah ich auf einsamer Bahn den Vater unmündiger Kinder Hingesunken im Staub’, und blutend den schrecklichen Hieben. Ha, nicht ruhte der Frohnvogt noch: der schallenden Geißel Tönte Gestöhn matt nach! Ein Rächer des Mords ist Jehova Seit dem ersten, bis hin zu dem letzten, am Ende der Zeiten; Blut versöhne das Blut, vergossen in kalter Verachtung Schützenden Menschenrechts und Geboths der Mild’ und der Schonung; Doch mir sagt noch heute das Herz: des Lebens und Todes Herr ist Jehova: er gibt es, und nimmt’s -- er drängte mich: „Tödt’ ihn!“ Ich erschlug, und begrub ihn im Sand’, und trug auf der Schulter Dann den Mißhandelten heim zu den Seinen.[15] Es regte den Busen Jetzt ein großer Gedanke mir auf: der Tag sey gekommen, Wo Jehova sein Volk aus der Hand unmenschlicher Gegner Führen würd’ in Freiheit hinaus, und ihm geben zum Erbtheil Dann das verheißene Land auf ewige Zeiten, wie solches Er, voll Huld, verhieß an Abraham, Isaak und Jakob; Würdig werde das Volk der Freiheit seyn, und der Knechtschaft Fessel kühn abschütteln, auf ihn, den Ewigen bauend; Ja, mir brannte das Herz, ihm ein Führer zu werden... Entsetzlich: Nacht umhüllet den Geist des Sterblichen; täuschender Schimmer Führet ihn oft, abseit von dem Pfade des Wahren, zum Irrgang! Werth der Freiheit hielt ich mein Volk? Ach, dauernde Knechtschaft Hatt’ ihm den Nacken gebeugt: es kroch im niedrigen Staub gern! Also geschah’s, daß einer aus ihm mir drohte: dem König Woll’ er verrathen die That, da ich ihm verwies sein Vergehen. Bald erreicht’ ich dein Zelt, ein Flüchtiger. Wohl hat Jehova Dich gesegnet und mich in dem häuslichen Bunde des Lebens; Doch was frommte die That, die blutige, mir und dem Volk dort? Bald verlor sich der Strahl, dem ich voll Hoffnung gefolgt bin, Und ich stehe allein, gequält von nächtlichen Zweifeln: Völlig verwirkt, durch eigene Schuld unwürdigen Lebens, Habe mein Volk vor ihm des verheißenen Segens Gewährung: Denn er schweigt, und der Jahre vierzig, seit ich der Antwort Harrete, sind mir entfloh’n, auf den einsamen Triften der Wüsten.“
Jethro stand, erschüttert im Herzen, vor ihm, und begann so: „Furchtbar klang’s, was du aus der Nacht entschwundener Zeiten Mir enthülltest, und noch beklemmt Entsetzen die Brust mir; Aber dich rief Jehova, so sprachst du? Folg’, und vertrau’ Ihm. Täusche dich nicht. Gott trau’: er helfe dir jetzt und für immer!“ Sagt’ es, und eilte den Sandpfad fort, in der sinkenden Dämm’rung Heimzukehren, und bald erhob sich vor ihm aus den Zelten Bläulicher Rauch. Der Schafhund lief, laut bellend, herüber; Sprang an ihm auf, und folgt’ ihm dann an der Fers’. In dem Hofraum Kam ihm die Schar der Kinderchen, die dort sieben der Töchter, Trefflichen Schwiehern vermählt, gebaren, entgegen. Die Kleinen Faßten ihm schmeichelnd die Hand, und fragten zugleich nach dem Vater, Nach dem Bruder und Freund, der fernhin weidet die Schäflein; Aber er schwieg, und ging, von den Lieben umringt, nach dem Zelt heim.
Sieh’, auf den einsamen Höh’n des gottgeheiligten Berges Saß noch Moses im sinnenden Ernst: da däucht’ ihn, zur Linken Lodere Flamm’ empor. So war’s. Ein ragender Dornbusch Brannte vor ihm. Vielleicht, daß erst ein Blitz im Gewitter Ihn entzündet’, und jetzt die Glut anfachte der Nachtwind? Lange sah er nach ihm, und jetzo mit wachsendem Staunen, Daß der brennende Busch nicht, mattverglimmend, in Staub sank. Schnell erhob er sich, ging, umforschete wieder, und nahte Schon dem Wundergesicht: da scholl’s -- der +Engel+ Jehova’s, Der ihn sendete, rief aus dem Busch mit erschütterndem Laut’ ihm:[16] „Halte dich fern’; entblöße die Füß’: auf heiligem Erdreich Stehst du allhier. Ich spreche zu dir, Gott deines Erzeugers, Abrahams, Isaaks, Jakobs Gott, die Vater ihm waren.“ Moses sank auf die Knie’, und beugte die Stirne zum Boden, Schaudernd. Der Herr fuhr fort: „Ich schaue den Jammer der Kinder Israels dort in dem Joch des Frohnvogts; höre den Wehruf Meines erlesenen Volks erschallen vom Land der Aegypter; Will es erretten, und leiten zurück in die herrlichen Fluren Kanaans,[17] wie ich’s verhieß: du sollst ein Führer ihm werden. Eile, von mir gesandt, zu Pharao, heische den Abzug.“ „Ich, Herr, ich?“ so stammelte jener, „vor Pharao stehen -- Führer werden des Volks, ich langvergessener Fremdling?“ Gott sprach: „Rüsten werd’ ich mit Kraft und Stärke dich, daß du Jedes vollbringst, und so, wie ich dich nun sende, so wahrhaft Sollet ihr auch bald, hier auf dieses geheiligten Berges Höh’n mit freudigem Muth Dankopfer mir bringen.“ Und Jener: „Herr! Jahrhunderte lebte dein Volk in dem Land der Aegypter -- Hörte von Göttern dort, nicht von dir, dem Ewigen, Einen, Sprechen: wie künd’ ich es ihm, welch’ Nahme der dein’ ist?“[18] Und Gott rief: „Der dich sendet, bin Ich, der +war+, und +seyn+ wird auf immer: Abrahams, Isaaks, Jakobs Gott, so spricht es +Jehova+: Denn so heißt er hinfort auf ewige Zeiten. Verkünd’ es Also dem Volk, und d’rauf, mit den Aeltesten, eilend zum Thronsitz Pharao’s, sprich: er lass’ euch fort in die Wüste hinauszieh’n, Drei Tagreisen entfernt, daß ihr Dankopfer mir bringet. Zehnfach trifft zwar ihn und das Land entsetzlicher Jammer, Eh’ er euch selber entläßt, und drängt zum eiligen Abzug; Aber euch werden zugleich, so will ich es, reichliche Spenden Von den Aegyptern zu Theil an dem huldbezeichneten Tag dort, Auf daß die Eueren deß’ noch fern in der Zukunft gedenken.“ „Ach, sie kennen mich nicht,“ so sprach mit bangendem Herzen Moses vor Gott, „noch glauben sie je, daß Jehova mich sende!“ Aber da hieß ihn der Herr, den Wanderstab in der Rechten Schleudern zur Erd’, und sieh’ zur Schlange von gräulichem Anblick Ward er! Er bebte zurück; doch fassen mußt’ er das Unthier; Faßt’ es, und hielt, wie zuvor, den Stab in der Hand. In den Busen Sollt’ er sie bergen: er that’s, und weiß von schrecklichem Aussatz Ward sie;[19] doch, auf Jehova’s Geboth, hervor aus dem Busen Zog er sie wieder gesund. Da sprach, verweisend, Jehova: „Sahst du’s? Wer kann so aus dem Todten das Lebende rufen -- Heilen Unheilbare, wer? Jehova allein! Und erkennen Als den Gesendeten, trotz der zween erschütternden Wunder, Sie dich noch nicht, so geuß von den Fluthen des Nils an dem Ufer Wasser umher auf den glühenden Sand, und es wird sich urplötzlich Wandeln in Blut, zum Zeichen: es sey der Eine, Jehova, Er, der allmächtige Gott, der Herr des heiligen Strom’s auch, Wie ihn dieß Volk benennt, das ihm, im kläglichen Irrthum,[20] Huldigt als Gott, und ihn noch mit andern Göttern bevölkert, Und ob solcher Gewalt entläßt euch Pharao schnell dann.“ „Herr!“ rief Moses mit steigender Angst vor Jehova, „nicht lös’t sich Leicht das gefällige Wort von der Zunge mir; schwer und unlenksam Träge, blieb sie mir stets: nicht würd’ ich als Redner bestehen.“ „Thörichter!“ also der Herr, „wer hat die Zunge dem Menschen, Wer der Zunge die Macht lauttönender Worte gegeben? Wer macht sehend und blind? wer, redend und stumm? -- nicht Jehova? Siehe, mein Hauch, wenn du vor Pharao stehest, entfahre Deinem Mund mit erschütterndem Laut’: ich werde dir beisteh’n!“
Moses stand hell angestrahlt von des heiligen Dornstrauchs Röthlicher Flamm’, und den Blick, verklärt, g’en Himmel erhebend. Hehres erfüllt’ ihm die Brust: er dachte Vergangenheit, Zukunft Also, im schwindenden Augenblick’, erschüttert im Herzen: „Groß ist der Herr in seiner Erbarmungen Fülle: den Retter Wies er dem Menschengeschlecht, dem gefallenen, schon in des Edens Blühendem Hain’, der einst der feindlichen Schlange zertreten Solle das furchtbare Haupt![21] Er wies auf dem Holz’ +ihn+, auf welches, Still gehorsam dem Ruf, den Ungehorsam zu sühnen, Selbst den einzigen Sohn der mildgesinnete Vater Heftete, dann das Messer erhob[22]... o dunkeles Vorbild! Schont er des +Kommenden+ auch? Denn Abraham hörte des Trostes Himmlische Wort’: aus seinem Geschlecht entsprieße des Segens Zweig, der uns erlöst von der Schuld, und allen zum Heil wird.“[23] Solches sann er im Geist’, und rief dann flehenden Blickes: „+Jenen+ send’, o Herr, den du zu senden gewillt bist!“[24]
Jetzt aufflammte der Busch, und, gleich gewaltigen Donnern, Scholl die Stimme des Herrn, da er sprach: „Wer wagt es, den Vorhang, Welcher der Zeit erhabenstes Ziel umhüllt, zu erheben?... Doch, schon seh’ ich, daß Aaron dir mit erschütternden Worten Beisteh’n wird vor Israels Volk’ und vor Pharao selber, Mächtig als Redner durch mich! Bald kommt der treffliche Bruder Dir mit freudigem Blick’ und froher Umarmung entgegen. Also vereint, sollt ihr Gewaltiges wirken. Du sollst dann Lenker ihm seyn, und er künde, was du ihm zu reden gebothen. Auf, ergreife den Stab’, und führ’ ihn zum Ruhme Jehova’s!“
Moses lag noch dort, und heftete, schreckenbetäubet, Seine thauende Stirn’ in den Staub. Doch langsam erhob er Jetzt sich, und faßte den Stab: ihn umfing im dunkelen Schleier, Schweigend, die Nacht. Nur über ihm, hoch im Gewölbe des Himmels Flammten die Sternenheer’, und zogen die endlose Bahn fort. Wie er auch forschte, nicht brannt’ in dem Feld der heilige Dornstrauch Mehr, der jetzt, gewiegt von des Lüftchens Hauch’, in dem Dunkel Säuselte. Schnell entfloh er, von heimlichen Schauern ergriffen; Faßte sich, stand, und rief, die Hände zum Himmel erhebend: „Einer -- Jehova ist Gott! O, diese beglückende Wahrheit Soll mein freigewordenes Volk, von andern geschieden, Bis zur Fülle der Zeit mit eifernder Treue bewahren! Hell ist das Ziel, zu welchem Jehova mich ruft, und ich folg’ ihm.“ Sagt’ es, und eilte dahin, wo dichtgelagert die Schafheerd’ Schnob auf dem Sand, vom Schlummer umfangen. Er kehrete, rufend Oft, und drängend zugleich, mit ihr zu den Seinen, bewegt, heim.
Dort erweckt’ er zuvor die muthigen Knechte, gebiethend: „Auf, nicht gesäumt, und sattelt mir zehn Saumthiere, mit Allem, Was die dauernde Reis’ erheischt an wolligen Tüchern, Speise- geräth und -bedarf, an Zelt- und Gewanden, beladen! Harret des Winkes am Thor’: ich gehe, die Gattinn zu wecken.“ Rief’s hinschreitend. Sie staunten dem Wort’, und thaten in allem, Wie’s der Ernste geboth. Doch er durcheilte das Vorzelt,[25] Das zur rauheren Nachtzeit oft den zarteren Lämmern Obdach gab, und d’rauf, erhebend den hüllenden Vorhang, Schritt er hin in dem mittleren Raum, den, über den Pfahl sich Wölbend, deckte das Tuch, aus Ziegenhaaren gewoben (Sein, und der Männer Gemach) bis er jetzt erreichte die Frau’nhuth, Wo Zipora, zugleich mit dem Sohn’ und den dienenden Mägden Schlummerte. Dort erhob er wieder den scheidenden Vorhang An dem Gezelt’, und rief der Gattinn mit freundlicher Stimme: „Treue, erhebe dich schnell mit dem Sohn! Die Stimme Jehova’s Heißt uns fort, aus dem einsamen Weidegefild nach Aegyptens Fluren ziehen, wo mein der Bruder harrt mit der Schwester, Und mein Volk des Retters bedarf aus unsäglichem Jammer.“ Sagt’ es, und Weh’ erscholl in dem dunkeln Gezelt’. Um die Hausfrau Weinte die Schar der Mägd’, und sie schluchzete leise, der Trennung Von dem liebenden Vater, den liebenden Schwestern gedenkend. Doch sie that nun jegliches schnell nach dem Willen des Gatten, Der nach Jethro’s Zelt, das, mitten im Schooße des Dörfchens, Sich vor den andern erhob, enteilete. Siehe, nicht grüßt’ er Dort die Schwäger, und nicht die Schwestern der Gattinn zum Abschied: Denn eintretend, voll Hast, in das Zelt des schlummernden Greises, Rührt’ er ihm leise die Schulter, und sprach, im Busen beklommen: „Vater, ich ziehe, so will es der Herr, nach den Fluren Aegyptens Jetzt mit dem Kind’ und der Gattinn hinab, daß ich grüße die Brüder Dort, und erforsch’: ob mir die Freund’ und Verwandten noch leben? Gib des Vaters Segen uns mit: er ruht auf den Kindern, Wie auf der schmachtenden Flur die thauende Wolke des Himmels! Ruft mich gebieth’risch die That, da send’ ich dir wieder die Tochter Und die Kinder zurück: sie trägt jetzt unter dem Herzen, Nährend, die Frucht -- ein Söhnchen wohl? +Jehova wird helfen!+ Also heiß’ er dereinst; du pflegst sie mit liebender Sorgfalt.“ Sagt’ es, erweicht. Der Greis erhob sich, bewegt, auf dem Lager, Streckte die Händ’ empor, und bethete Worte des Segens. D’rauf ergriff er des Sohnes Hand; ließ schnell, wie ergrimmt sie Wieder fahren, und als er sofort sich zur Wand des Gezeltes Wendete, barg er sein Haupt in das Kissen, und weinte dann leis’ fort. Moses enteilte dem Zelt mit tief erschüttertem Herzen.
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Ein -- allmächtiger Gott! Die Sternenheer’ in dem Luftraum, Zeugen von dir -- von dir auf Erden unzähliger Wesen Wundergestalt, Natur, und Eigenheit: aber vor allen Zeuget der Mensch: begabt mit Vernunft und Willen, in Freiheit Sich empor zu schwingen zu dir, dem einigen Gotte! Ach! entsetzliche Schuld des ersten erschaffenen Paares, So verlocktest du jen’ im Grau’n endloser Verirrung, Daß sie den +Einen+ nicht mehr erkannt’, und nichtigen Götzen Huldigte, selbst in dem Schooß einst hochgefeierter Völker? Doch, der Ewige wählt’ in seiner Erbarmungen Fülle Israels Volk: durch ihn hinüber zu retten den Glauben An den einigen Gott zum Tag der hohen Erlösung, Als der Verheißene kam, und im Lichte der himmlischen Wahrheit Ihm auf immer den Sieg errang. O, Preis dem Erretter, Der aus des Todes Grau’n uns führt’ auf strahlenden Lichtpfad: Denn er führt’ uns zu +Gott+, dem Ewigen, Wahren, und Einen!
Zweiter Gesang.
Erlösung.
Schon umhüllt Aegyptens Gefild’ in der Helle des Tages Finstere Nacht. Wie sank sie jetzt, urplötzlich, am Mittag Von dem Himmel herab, als über ihr herrlich der Sonne Strahlendes Antlitz glüht, die Welt umher, und vor allen Goschem, Israels Land, das einst voll Huld ihm zum Antheil Pharao gab, als Jakobs Sohn ihm Segen gespendet,[1] Freundlichen Blickes erhellt? Wer ist’s, der, göttlicher Macht voll, So den Lüften gebeut, und das Licht verwandelt in Nachtgrau’n? Moses, der Herrliche, that’s mit dem Wunderstabe Jehova’s.
Siehe, dem Horeb nicht fern, lief ihm sein älterer Bruder, Aaron, entgegen im Feld, da er jüngst von Arabiens Steppe Her mit den Seinen vereint, nach Aegyptens prunkender Stadt kam. Freudig umarmten sich dort die lange Getrennten, und Moses Kündigte nun Jehova’s Geboth’, und wirkte die Wunder Alle vor Israels Volk’ und dem Könige: heischend den Abzug. Aber umsonst, denn Pharao’s Herz, von eitelem Schimmer, Herrschsucht, Eigendünkel und Stolz, gleich Felsen, verhärtet, Horchte der Stimme des Warnenden nicht, und sah von dem Thronstuhl Kalt auf den Jammer herab, der achtmal schon auf Aegypten Lastete. Wie, unmenschlicher Fürst, so konntest du fühllos Schauen die Noth, als Blut durchwogte die Ström’, und die Fisch’ all’ Tödtete? Schau’n, daß unzählige Frösch’ und gräuliche Kröten Füllten die Stadt und das Land’ mit Gestank des Pfuhles; der Mücken Rastlos quälenden Schwarm, und die Plag’ erbitterter Fliegen? D’rauf Viehseuch’ in dem Land umher; der schwärenden Beulen Schreckliche Qual; im Donnersturm hersausenden Hagels Wüthen, und endlich den Zug verheerender Heuschrecken? Immer Wandtest du zwar die Noth des Land’s: verheißend den Abzug Israels Volk’. Aufdrang zu Jehova die flehende Stimme Seines erlesenen Horts, und frei, wie Goschem geblieben, Ward es davon; doch nie erfülltest du dann die Verheißung: Eilend entgegen dem Sturz’ in die Nacht entsetzlichen Todes. Furchtbarer wurde der Grimm des Herrn nach jeglichem Wortbruch. Jetzt, als wieder getäuscht in Sclavenbanden das Volk blieb, Senkt’, urplötzlichen Flugs, die Finsterniß sich auf des Landes Reiche Gefilde herab, da Goschem noch in der Sonne Heiterem Strahl, geschirmt von der Huld Jehova’s, erglänzte. Nicht das Dunkel der Nacht, nein, schwarzumschleiernder Schatten, Dampf, und fühlbarer Qualm, dem’s Licht verlischt in dem Bergschacht, War’s, das drei entsetzliche Tag’ und Nächt’, auf Aegyptens Fluren lag. Da hielt inmitten der Furche der Pflüger Sein Gespann, und der Sclav’ an der Mühle den sausenden Stein an; Fest an die Stelle, wo ihn auf der Flur Entsetzen ereilte, Stand der Hirte, gebannt, mit der blöckenden Heerde; der Weidmann Hemmte den Spürer, und sank in das Gras. Auf dem lärmenden Marktplatz, Wo das unzählige Volk, gleich Wogen, hinauf und hinunter Fluthete; so in dem hallenden Thor, wo die Aeltesten saßen, Recht zu sprechen dem Volk’, als erwählete Richter; im Umkreis Hoher Palläst’, in der Hütte zugleich und der emsigen Werkstatt -- Ueberall senkte die Angst auf den Fittigen finsteren Nachtgrau’ns Sich auf die Menschen herab. Das Wort erstarb in des Redners Mund; der rasch Hineilende stand, und das Leben verstummte Ringsum, gräßlich dem Ohr’ und dem Aug’, in des Todes Umschattung.