Perlen der heiligen Vorzeit Johann Ladislav Pyrker's sämmtliche Werke (3/3)
Part 3
Als Elieser jetzt unferne den Mauern des Städtchens Charan, den Brunnen ersah im Rosenschimmer des Abends, Hielt er, gedenkend des wichtigen Ziels, mit seinem Gefolg’ an: Denn aus dem Thore der Stadt kam ihm ein blühendes Mädchen Freundlich entgegen. Sie trug den irdenen Krug auf der Schulter Eilig einher, ihn heim, mit Wasser gefüllet, zu bringen. Schnell erhob Elieser die Recht’ und die Augen zum Himmel; Flehte zu Gott, und sprach mit lispelnder Zunge für sich hin: „Herr, so ich jetzt den Trunk verlang’, und es labt mich das Mädchen, Das dort naht; auch meine Kameel’ erquickt mit des Brunnens Milderfrischender Fluth, so dien’ es mir heute zum Zeichen: Jene sey’s, die ich such’, und zu finden mein heißester Wunsch ist!“ Sagt’ es, und staunte der hohen Gestalt der herrlichen Jungfrau: Ihrem bräunlichen Haar, das sich, gar zierlichgeflochten, Rings an der Scheitel umher aufwand, und von welchem der Locken Zween, wie die Wellen des Sees, wenn säuselnde Lüftchen sie heben, Wogten auf ihrer schneeigen Brust und dem Halse voll Anmuth; Auch der edelen Stirn’ und den hellerglänzenden Augen, Welche dennoch so mild, in dunkelbläulichem Schimmer Glüheten; dann der zartgeformten Nase, der Lippen Rosiger Gluth, und dem lieblichen Kinn, dem Zeichen der Sanftmuth. Eilig kam sie heran, und ihr Kleid, aus glänzender Wolle, Welches die stattlichen Glieder umfing, erhob sie an Huld noch Mehr vor dem prüfenden Aug’, in züchtiggeordneten Falten. Als sie hinab zur Quell’ auf den steinernen Stufen gestiegen, Und das erfüllte Gefäß, mit der Linken und Rechten die Henkeln Fassend, zum Kranz des Brunnens herauftrug, rief Elieser: „Reiche den Labetrunk, du Gute, dem dürstenden Wand’rer!“ „Trink’, mein Herr!“ so sprach sie mit holderklingender Stimme, „Nach Genügen; auch will ich dann noch den müden Kameelen Schöpfen die Fluth, bis alle sich satt getrunken.“ Sie reichte Freundlich den Krug ihm dar. Doch als er jetzo des Durstes Lechzende Gier gestillt, und den Krug ihr dankend zurückgab, Stieg sie noch oft zu der Quelle hinab, und kehrete wieder, Stets entleerend den Krug an der Tränk’ in die eichenen Rinnen, Bis die Thiere sich dort mit vollem Behagen erlabten. Freud’ erfüllte das Herz des redlichen Dieners, und dennoch Hielt er noch, klugvorschauend, an sich, zu erforschen in Wahrheit: Ob es die Jungfrau sey, die Isaak ersehnte zur Gattinn? Jetzt langt’ er Kleinode hervor, Armbänder und Kettchen, Schimmernd von Gold. „Nimm hin, die selt’nen Geschenke,“ so sprach er, „Für den gefälligen Dienst, den du mir erzeigtest, dem Fremdling. O, wie erhebend ist’s, wenn uns wohlwollende Seelen Auf des Lebens unsicherem Pfad’ begegnen, uns freundlich Reichen die Hand, und hold sich erweisen in liebender Sorgfalt! Sey dir Segen des Himmels dafür! Doch sprich: wie erfahr’ ich, Wessen Erzeugte du seyst; ob Raum in eurer Behausung Für mich selbst, und die Thiere sich find’ in der sinkenden Dämm’rung?“ Freudig erröthend nahm die werthen Geschenke das Mädchen, Hob den Krug auf die Schulter, und sprach nach dem Thore sich wendend: „Bethuels Tochter rühm’ ich mich, des Erzeugten des Nachor, Den ihm Milka gebar. Genügender Raum ist im Wohnhaus Meines Vaters für dich, und die Thier’ auch Futter die Fülle; Folge mir nach: ich künde dich nun den Meinen zur Freud’ an.“ Thränen des Danks umhüllten das Auge des redlichen Dieners, Als er der Eilenden stumm nachsah. Dann bethet’ er also: „Ewiger, Lob sey dir, weil du an deinem Verehrer, Abraham, huld- und erbarmungsvoll auch heut’ dich erwiesen Hast: mich geleitend hieher in seines Bruders Behausung!“ Und nun brach er mit seinem Gefolg nach dem Thore des Städtchens Auf. Da kam Laban, der ältere Bruder Rebekkas, Ihm entgegen, und rief: „Sey uns willkommen, o Fremdling, Den uns der Segen des Herrn beschied! Tritt ein in die Wohnung Nachors; dein harrt die freundliche Kammer, und deinen Gefährten Oeffnen die Hallen sich weit, wie auch deinen Kameelen die Ställe Mit erquickender Streu und der Menge des nährenden Futters.“ „Möge der Herr,“ sprach jener, „euch all’, ob euerer Großmuth Und erfreuender Huld, hinfort, und auf immer beglücken!“ Also betrat er das Haus mit segnenden Worten, aus welchem Er nun bald heimführen soll die erlesene Jungfrau, Seinem Gebiether zur Wonn’, und zum Glück noch spätester Nachwelt: Denn aus Abrahams Stamm kömmt ihr der Retter gesendet.
Als denn Jedes besorgt, und erfüllet das freundliche Wort war, Riefen sie nun den Fremdling zum Mahl; doch sagt’ er: nicht woll’ er Deß sich erfreu’n, so er ihnen zuvor nicht verkündet die Bothschaft Seines Gebiethers an sie. Man hieß ihn reden, und alsbald Saßen all’ um ihn her, da er muthig begann zu erzählen: Wie ihn aus Canaans Fluren heran sein hoher Gebiether, Abraham, dem der Herr unendlichen Reichthum verliehen, Sandte, daß er für Isaak, den, erst im Alter mit Sara, Seiner Gattinn, erzeugten Sohn, begehre zur Hausfrau -- Ihre aus seinem Geschlecht’ entsprossene Tochter, Rebekka; Wie, fürwahr, nach Abrahams Worten, der Ewige selber Sandte den Engel vor ihm einher, daß er glücklich nach Charan Kam; zum frohen, von Gott erbethenen Zeichen, die Jungfrau Eben am Brunnen erschien; ihn selbst, sein Gefolg’ und die Saumthier’ Labte mit kühlendem Trunk’, und endlich zur freundlichen Herberg Lud, wo ihm auch von ihnen viel Huld und Liebe geworden! „Doch,“ so sprach er nun mit bewegterem Herzen, „erklärt euch Offen noch heut’: ob ihr ihm die blühende Tochter gewähret, Oder versagt, und ich dann heimkehr’, ein Bothe des Unglücks?“ Sieh’, da rief Laban, der erfahrene Bruder der Jungfrau, Hebend die Händ’ empor zum Himmel, in freudiger Hast auf: „Ha, dieß kömmt von Gott: wir können dem Wink nicht entgegen Handeln, im thörichten Wahn’: als sey ihr ein Bess’res beschieden! Redlicher, nimm sie denn hin; hier steht Rebekka, die Schwester: Denn es entraffte der Tod uns jüngst den trefflichen Vater, Lieblich erblühet vor dir; zieh’ freudiger heim mit der Guten, Daß sie, wie Gott es gefügt, dort Isaak, als Gattin, vereint sey!“ Sagt’ es, und stellte sie ihm nun dar, bei der Rechten sie fassend; Doch sie neigte sich sanft, wie die Ros’ in knospender Fülle, Hold erröthend des Bruders Red’: ein Engel an Unschuld; Schlug die Augen zur Erd’, und weinete häufige Thränen. Auch die liebende Mutter umfaßt’ an dem Hals’ und den Schultern, Heftig, die Tochter jetzt, und drang mit thauenden Wimpern In Elieser, daß er ihr dreißig der Tage gewähre Unter den Ihren zu seyn, und dann erst beginne den Heimzug. Aber als er der Eile gedacht’, und Rebekka befragt ward, Sprach sie beherzt: „Ich reise mit ihm nach des Ewigen Rathschluß.“ Alsbald langt’ er Geschenk’ an silbern- und gold’nen Gefäßen, Und an kostbarn Kleidern hervor, und gab sie der Braut hin; And’re der Mutter dann, und den Brüdern. Nun endlich genossen Sie des köstlichen Mahls, und eilten zu ruhen die Nacht durch. Doch kaum färbte das Morgenroth den Saum des Gebirges Drüben in Osten, so zäumt’ Elieser, vereint mit den Knechten, Rasch die Kameel’, und hob die verschleierte Braut, mit der Amme Dann auf die stattlichsten; sprach den tiefbewegten Verwandten Rührende Worte des Trost’s, und trabte hinaus auf dem Feldweg; Aber sie riefen ihr dort, lautweinend, noch Segen und Glück nach.
Welch Getümmel der Freud’ erschallt um Abrahams Zelt her? Siebenzig Pfannen mit Pech und brodelndem Oehle gefüllet, Tragen die Jüngling’ auf Stäben von Holz, und es leuchtet die Flamme Hoch empor in die Nacht. Gesang, dem Getöne der Zither Lieblichvereint, erschallt aus der Ferne; des Zeltes Bewohner Eilen heraus auf den Rain, die jauchzenden Gäste zu schauen: Denn vom Gehöft Eliesers führt, hochzeitlichgekleidet, Isaak die herrliche Braut nach Abrahams, seines Erzeugers, Wohnung heran. Schon war sie vor zehn entflohenen Tagen Angelangt dort mit dem Treu’n aus der fernentlegenen Heimath, Und verweilte bei ihm, der frommen Sitte gehorchend.[25] Doch nun schritt sie im Kreis’ der Gespielinnen, brautlichgeschmücket Erst mit der Kron’ auf dem Haupt’ und dem antlitzhüllenden Schleier, Nach dem Geliebten einher; auch ihn umgab der Gefährten Blühende Schar, und erblickend am Thor des hellen Gezeltes Abraham, der schon zitternd vor Freud’ und inniger Sehnsucht, Ihrer harrete, sank sie vor ihm auf die Knie’, und umfaßte Sie mit den Armen in glühender Hast und mit thränenden Augen. Mild erhob der Greis die Weinende; drückte sie zwei Mal Fest an die Brust, und begann vor den schnell verstummenden Scharen: „Seht, wie erhaben und groß, barmherzig und gütig der Herr ist! Jegliches wurd’ erfüllt, was seine unendliche Weisheit Ueber mich und die Meinen verhängt’ in den Tagen der Prüfung. Freudig gewahr’ ich vor mir die künftige Mutter der Kinder Meines Erzeugten -- des Sohn’s der himmlischen, hohen Verheißung. Ach, daß Sara, die sein’, ein solches Glück nicht erlebte! Doch du, Gute,“ so sprach er zu ihr, „verließest die Mutter, Von Elieser gedrängt, in Trauer: nicht gönnt’ er im Eifer Ihr die ersehnete Zeit der Brautausstattung zu denken. Groß ist der liebenden Mutter Müh’ und Sorg’ um die Tochter, Von dem Tag der Verlobung zu jenem, wo sie sich auf immer Mit dem Erwählten vereint. Geschäftig schafft zu dem Haushalt Sie das Ein’ und das And’re herbei, und rastet, und ruht nicht, Bis nicht im Ueberfluß ein Jedes, genügend, erscheinet; Dennoch, kömmt nun die Stunde heran, wo draußen im Hofraum Laut der Gesang der Hochzeitgäst’ erschallt, und die Tochter, Noch vor dem einenden Spruch ihr naht mit Thränen des Dankes Abschied zu nehmen, und dann zu gehören dem Manne für immer: Wendet sie sich, wie entrüstet, von ihr, und schluchzet im Stillen, Daß sie von ihr sich trennt, und die weinende Mutter zurückläßt. Ach, daß Sara für uns solch glücklichen Tag nicht erlebte: Denn sie wär’ auch dir die liebende Mutter geworden! Doch, nun tretet herbei: ihr sollt für immer vereint seyn!“ Sagt’ es, und legte die Rechte des Sohn’s in jene Rebekkas; Hob die Händ’ empor, und rief mit umschallender Stimme: „Komme der Segen des Herrn in nieversiegender Fülle Ueber euch, daß ihr, wandelnd vor ihm mit redlichem Herzen, Spät im grauenden Alter noch die glücklichen Enkeln Eurer Erzeugten schaut, und auf sie den Segen vererbet!“ Lauter Jubel erscholl ringsher aus den wimmelnden Scharen. Dann ergötzten sich all’ an dem Hochzeitmahl’ in des Zeltes Schimmerndem Raum; nur Rebekka enthielt sich der Speis’ und des Trunkes, Schweigend, und hold verschämt, bis jetzt nach dem heiteren Festmahl Isaak mit ihr, umjauchzt, entschwand in die brautliche Kammer.
Jahr’ entfloh’n; da saß im sinkenden Schatten des Abends Abraham vor dem Gezelt’, und sah, bald auf zu des Himmels Funkelndem Sternenheer’, und bald nach dem Sand auf dem Boden, Thränenden Blickes, hinab. Er dachte der hohen Verheißung, Welch’ ihm ward: daß ein Volk, gleich diesem, und jenem, unzählbar, Seinen Lenden entsprieß’ in der endlosdauernden Zukunft; Daß die Völker ihr Heil durch +Einen+ aus seinem Geschlecht nur Finden dereinst, und, daß gütig der Herr ihm jeglichen Segen Spendete so, daß er überbeglückt noch am Rande des Grabes Schaue vergnügt zurück’ auf das wonnegesättigte Leben. Jetzt erhob sich der volle Mond an des Himmelsgewölbes Oestlichem Rand’, und beschien, stets heller schimmernd im Nachtgrau’n, Abrahams milde Stirn und seine erblassenden Wangen; Doch er streckte dem freundlichen jetzt -- sein Ende gewahrend, Weit die zitternden Händ’ entgegen, und stammelte sterbend Noch ein Dankgebeth mit brechendem Auge für sich hin, Als er gesenkt das Kinn an die Brust, verhauchte das Leben. Isaak begrub mit Ismael ihn an der Seite der Mutter, Sara, im Felsengrab nach den Tagen unsäglicher Trauer.
Vater von Israels Volk, du wandeltest selig hinüber Nach dem ewigen Reich der göttlichen Huld und Erbarmung: Denn wie ein Blitz auffuhr vor deinen entschleierten Augen, Ehe du schiedst, das Bild der Rettung der sündigen Menschheit, Und du sah’st, entzückt, den +Einen+, den Sohn der Verheißung, Kommen aus deinem Geschlecht als huldvollwaltenden Mittler Zwischen dem ernsten Richter und uns, und, schuldlos ihn sterben Auf dem Holz, um uns all’ von dem ewigen Tod zu erretten! Aus Gehorsam verschonetest du den einzigen Sohn nicht, Hatte der Herr ihn nicht selber verschont; doch ein rührendes Vorbild War er von ihm auf dem Holz’, erhöht zum Opferaltar dort, Das er geduldig selbst auf den Schultern getragen. O, Heil, dir, Edeler Greis! Den Glauben an Gott, den wahren und einen, Mußte bewahren dein Volk bis hin zu der Fülle der Zeiten, Wo der Verheißene kam im Siegesrufe der Rettung!
Moses
+in drei Gesängen.+
Erster Gesang.
+Gott!+
Abendlich ruhte die Flur, als pfeilschnell über des Horebs Höhn[1] sich Wettergewölk’ aufhob, und nächtliches Dunkel Ueber das Thal sich ergoß. Aus seinem gährenden Schooß her Ras’te der Sturm, und zuckte der Blitz, und krachte der Donner, Schlag auf Schlag, daß gebeugt in dem ringsergossenen Gluthmeer Seufzten die Wälder, und Angst die hochaufragenden Berghöh’n Schüttelte, bis zu den Vesten hinab, unendlich und furchtbar. Aber nicht bebte der Mann, der erst mit der blöckenden Schafheerd’, Längs der Seite des Bergs hinzog, und jetzt vor dem Aufruhr Sich in der Felsschlucht barg, vom wölbenden Schiefer umhüllet. Vorn’ an dem Eingang saß er, und sah nach den leuchtenden Blitzen, Sinnend, hinaus. Sein Bart, ob er auch der Jahre schon achtzig Zählete, war nur wenig ergraut, und floß ihm in Wellen Tief in den Busen hinab, den über dem räumigen Kleid noch, Dichten Gewebes, der Mantel umwand, nach der Sitte des Ostlands. Herrschend war die Gestalt des Sitzenden; doch so er aufstand Erst, und im Kreise des Volks mit feurigen Blicken umhersah, Faßte Schauer die Brust auch des kühngesinneten Mannes. Jetzo sah er mit steigendem Ernst’ in die Schrecken der Sturmnacht. Finsterer Groll, wie er oft nach furchtbarn Schlägen des Schicksals: Trug, Verrath, und Verlust des Theuersten sich in des Menschen Antlitz gräbt, zog ihm die Brau’n an der Stirne herunter, Und, zum Bogen gekrümmt, erzitterten leis’ ihm die Lippen. Ha, da riß ein Wetterstrahl, dem plötzlicher Donner Nachfuhr, weit die Wolken entzwei: sie barsten, und alsbald Stürzte die Regenfluth mit lautem Geprassel herunter -- Rauschten auch schon unzählig-aufschäumende Bäch’ an der Bergwand Nieder, und deckten die Flur, wie ein See, mit trüben Gewässern. Endlich verhallte der Sturm; nicht schlug der prasselnde Regen Mehr; empor in des Himmels Blau, der freundlicher wieder Lächelte, schwamm das zerriss’ne Gewölk, und hob in des Abends Gold’nem Strahl sein thürmendes Haupt, verklärt, in die Luft auf. Frischer grünte der Wald und die Flur; mit sanftem Gesäusel Schüttelte dort vom Laub das Lüftchen gewichtige Tropfen, Hier enttroff das glänzende Naß dem Vließe der Lämmer, Die mit frohem Geblöck’ umhüpften den einsamen Hirten.
Schweigend saß er noch da. Der Allmacht herrliches Walten Weckte zuvor sein Herz zur Anbethung, Lieb’, und Ergebung Aus den Nachtgesichten des tiefgenähreten Grams auf. Heiße Thränen umhüllten sein Aug’, und er blickte, verlangend, Rings um sich her: ob ihm nicht ein Sterblicher jetzt, wie gerufen, Nahete, der ihm erhellte das Grau’n beklemmender Zweifel. Siehe, da kam sein Schwieher heran, Sohn Reguels, Jethro,[2] Der vom nächtlichen Traum, voll Wundergesichte, getrieben, Ob des Eidams besorgt, sich erhob, und herüber den Sandweg Wanderte: noch ein rühriger Greis, dem silbern das Haupthaar, Wie auch der Bart, die röthlichen Wangen umgab! Von Gestalt klein, Schaltet’ er selbst, und immer mit Fug und Geschick, in dem Haushalt, Und aneiferte stets das Gesind zu erneuertem Mühen. Durch Erfahrungen weis’, erhob er die Tage der Vorzeit, Rühmend, und schalt die Jugend im vielgesprächigen Alter.
„Moses!“ scholl es durch Wald und Gebüsch, und „Moses!“ in Horebs Schluchten umher, wie er nahete, bis ihm das Blöcken der Lämmer Jene verrieth, wo er saß, in hohe Betrachtung versunken. „Ha,“ so rief er, „dem Ewigen Dank, der hier in Gefahren Dich mit der Heerde beschirmt’! Ich eilte herüber -- zu schrecklich Tobte der Sturm, im Drang des angstergriffenen Herzens.“ Aber ihn sah der Hirt’ mit tieferforschendem Blick’ an; Neigte das Haupt, und begann: „Ich danke dir; gütig besorgst du Stets der Deinigen Wohl; es erblüh’t unendlicher Segen Um dich her, und du rühmst dich den glücklichsten Vater und Gatten. Dennoch dünkt es mich fast, ganz andere Sorgen bewegten Deine Füß’ im Grau’n des entsetzlichen Donners herüber.“ „Nun,“ so entgegnete Jethro schnell, „Tollkühner, zu warnen Kam ich: denn welch ein Grund, den du zur Weide gewählt hast?[3] Hieß nicht der Horeb „Gottes Berg“ in der heiligen Vorzeit Schon, weil Gott sich auf ihm einst offenbarte dem Volk hier? Keiner wagt’ es zuvor -- auch der frömmsten und mächtigsten Hirten Keiner vor dir, Vermessener, ihm mit der Heerde zu nahen; Doch erwäge die Schuld, und reize den Herrn nicht zur Rach’ auf!“
Moses schwieg. Wohl winkt’ ihm Jethro drei- und auch viermal, Antwort heischend; er schwieg. Da sprach, sich ereifernd, der Greis so: „Du verstummst, daß ich jetzt, ob solchem Frevel bekümmert, Dich zur Rede gestellt? Ich werde so lange nicht weichen, Bis du nicht öffnest die Brust, die verschlossene: denn nicht verhehl’ ich’s, Was mich heran durch Sturm und Wetter getrieben. Entfloh’n sind Vierzig der Jahr’, seit du, der scheuumirrende Fremdling, Midians[4] Fluren betratst. Da waren der Töchter mir sieben -- Ach, versagt blieb mir der männliche Sproß’, in des Abends Kühlerem Hauch die Heerd’ im Felde zu tränken, beschäftigt. Sie zu verdrängen, erschien die Hirtenschar von den Söhnen Amalek’s, die den Brunnen erspähten zuvor, und die Weiber Bebten vor Angst; doch dir, Gewaltigem, mußten die Hirten Weichen: sie floh’n! Du, füllend sofort zur Tränke die Rinnen, Labtest die Heerde mit kühliger Fluth, vor den staunenden Töchtern. Daß ich sie schalt, die allein heimkehrten, und nicht auch den Fremdling Riefen zum gastlichen Mahl; daß dir der dankbare Vater D’rauf zur Gattinn sein liebliches Kind, die holde Zipora, Ohne Geschenk,[5] Kaufgeld, und Habe gegeben -- des Priesters Tochter, um welche im Land die erlesensten Jünglinge freiten, Weißt du. Ha, sie gebar dir zwar den einzigen Sohn nur:[6] Denn die Mutter wirft ja dem Leu’n die Jungen nur einmal! Aber er wächst dir, blühend, heran, und mit Reichthum gesegnet Ward ich, seit in dem Feld’ und daheim mit emsigem Mühen Du die Sorge getheilt, die auf mir, dem Reichen an Jahren, Lastete. Sieh’, und dennoch trübte noch stets in des Lebens Stillumkreisendem Lauf, wie den heiteren Himmel im Herbst oft Nebelgewölk umflort, ob deiner ein heimlicher Kummer Meine von Angst ergriffene Brust! Du staunest? Nicht hast du Mir noch entdeckt: woher du, ein irrender Fremdling, gekommen? Nicht, weß’ Landes und Stammes du sey’st? Was dich von Aegyptens Fruchtbaren Auen zu uns, g’en Midian, führte? Vielleicht nur Schreckliche Schuld? Entflohst du dort den dräuenden Strafen? Oder, bist du sogar, tollkühner Hirt an des Horebs Berghöh’n, auch ein Abgötter noch im heimlichen Herzen: Obgleich lange geprüft, du fromm erscheinest, und schuldlos?“