Perlen der heiligen Vorzeit Johann Ladislav Pyrker's sämmtliche Werke (3/3)
Part 2
Abraham fuhr zusammen: ihm bebte das Herz vor Entsetzen Ob der unendlichen Schuld der beiden Städte der Frevler; Doch in des Frommen Brust wohnt gern versöhnendes Mitleid -- Solches erfüllet’ auch ihn: er nahte dem furchtbaren Richter, Bleich vor inniger Angst, und rief mit flehendem Blick so: „Wolltest du, Herr, den Frommen zugleich mit dem Sünder vernichten? Wären in Sodom vielleicht noch fünfzig Fromme zu finden, Wie, du würdest sie nicht um der fünfzig willen verschonen? Nein, du Erbarmer, nein, das wirst du nicht thun: dem Gerechten Und dem Gottlosen ein und dasselbe Verderben bereiten So, daß es hieß’: Ein’s sey’s, ob gottlos, oder gerecht wir Leben! Nicht wirst du, o Herr, der du der Richter des Weltalls Bist, so richten im Zorn -- so wirst du nicht strafen, Erbarmer!“ Sanft entgegnet’ ihm d’rauf der Herr: „So ich fünfzig der Frommen Fänd’ in der Stadt, soll sie noch um dieser willen verschont seyn.“ Hastig trat jetzt Abraham ihm noch näher, und sagte: „Hab’ ich zuvor es gewagt -- ich, Staub und Asche, zu reden Vor dem Antlitz des Herrn, und er zürnte nicht, will ich noch einmal Flehend ihm nah’n! Wenn dort der Gerechten nur vierzig und fünf noch Lebten -- verschonst du sie nicht? So klein ist der Mangelnden Anzahl.“ „Nein,“ sprach wieder der Herr, „nicht treffe sie Fluch und Verderben, Wenn sie in ihrem Schooß der Gerechten nur vierzig und fünf zählt.“ „Auch um der Zahl von vierzigen nicht?“ rief jener mit Angst auf. „Auch um der vierzig wegen noch nicht,“ so erscholl ihm die Antwort. Abraham wandte sich jetzt, vergehend vor Schmerz, von dem Herrn ab, Stand, und zitterte. Sollt’ er noch einmal es wagen, und flehen Um Erbarmen, wo ihm schon jegliche Hoffnung dahinschwand? Dennoch, es sprach der Erhab’ne so mild! begann er, gewendet, Wieder vor ihm: „Ach, Herr, nicht zürne mir, daß ich zu reden Mich erkühnte! Vielleicht sind doch noch dreißig -- noch zwanzig Fromme daselbst: willst du auch um dieser willen verschonen?“ „Ja,“ sprach jetzt, nach einigem Zögern zu ihm der Erbarmer, „Find ich die zwanzig nur, so sey dir die Bitte gewähret!“ Abraham stand verstört. Zwei Mal erhob er die Augen, Wollte sprechen -- umsonst! Die erstarrende Zunge versagt’ ihm Jegliches Wort; doch endlich rief er mit sterbendem Laut noch: „Fändest du zehn?“ „Auch dann verschon’ ich,“ so tönte die Antwort. Jetzt schwand ihm auf immer der Muth: er ließ sich, ermattet, Nieder im Gras’, verhüllte mit beiden Händen die Augen, Und ihm rann, wie ein Strom, die Thräne herab von den Wangen. Sieh’, und als er sich wieder erhob, und forschend umhersah, Stand er allein: ihm war der Herr entschwunden im Nachtgraun!
Doch wie erfüllete sich das Gottesgericht an den Städten Sodoma und Gomorra, schon heut’, am dämmernden Morgen? Beide Gefährten des Herrn (ihm dienende Geister des Himmels) Nahten in Menschengestalt den Thoren der ersteren, gestern Noch in dem Abendlicht, und fanden, im Kreise der Richter Sitzend daselbst, auch Lot.[17] Er ward ein Städtebewohner. Als er die beiden jetzt gastfreundlich zur nächtlichen Herberg Führete; d’rauf die schändlichen, gottvergessenen Städter, Schauend das holde Gesicht und die Jugendanmuth der Fremden, Schmähliches dort mit entflammter Begier zu verüben entschlossen, Stürmten das Haus mit Geschrei in todandräuender Anzahl: Da kämpft’ er mit redlichem Eifer, die wüthenden Frevler Abzuhalten von ihm, bis jene die himmlischen Bothen Blendeten so, daß alle herum im Finsteren tappend, Nicht mehr fanden die Thür’, und heim, entmuthiget, kehrten. Aber die beiden Gefährten des Herrn ermahneten dringend Lot, daß er eile sogleich mit der Gattinn vereint und den Töchtern, Nach den Bergen hinaus, und sich rette von nahem Verderben. Und da er zögerte, nahm der ein’ ihn bei’m Arm, und der and’re Führte die Frau mit den Töchtern entlang des offenen Stadtthors Wölbung, voll Hast, durch Hain und Flur nach dem winkenden Bergpfad. Sieh’, und eh’ sie ihm nahten, begann der eine der Engel: „Lot, nun rette dich schnell! Wenn dir dein eigenes Leben Werth ist, und jenes der Deinen mit ihm, so wende die Augen Nicht mehr zurück; nicht rast’ in dem Thal; erklimme die Berghöh’n.“ „Herr,“ entgegnete Lot, „nach Zoar, dem sicheren Städtchen Laß uns zieh’n, uns droht auch dort auf den Höhen Verderben!“ „Wohl, so ziehet denn hin,“ sprach jener, „bis ihr’s nicht erreichet, Kann ich die Rach’ an den fluchbeladenen Städten nicht üben.“ Laut rief er’s, und entschwand den Augen der flüchtenden Wand’rer Dann mit dem trauten Gefährten zugleich. Doch jene gedachten Seines dräuenden Wort’s, und eileten rascher den Pfad fort.
Abraham saß auf den Höh’n, wo er gestern in flehender Stellung Stand vor dem Herrn, und sah auf die dämmernden Fluren hinunter. Lieblich weht’ ihn der Frühwind an, und der herrlichste Morgen Sank vom Himmel herab, zum letzten Male die Gegend Noch um die Städte herum, zu schau’n, paradiesischer Schönheit: Ach, denn es solle sie bald unendliche Trauer umhüllen! Aber schon hob sich der junge Tag, rothwangig, in Osten Heiter empor. Wie das Kind an dem Busen der zärtlichen Mutter, Leise geküsset von ihr, erwacht, und mit glänzenden Augen Schaut, holdlächelnd, umher: so sah er, mit Rosen bekränzet, Drüben aus Osten heran. Schon glühete heller und heller Ueber ihm hoch das zarte Gewölk, bis jetzt von dem Erdrand Plötzlich ein Strahl auffuhr, und d’rauf in erschütternder Hoheit Sich die Sonn’ erhob, zu beginnen die herrliche Laufbahn. Sie begrüßte vom Feld, von dem säuselnden Hain und des Himmels Blauem Gezelt der jubelnde Ruf unzähliger Vögel, Und die Wälder, die duftende Blum’, und ein jeglicher Grashalm, Schimmernd im reichsten Schmuck von des Thau’s hellblitzenden Perlen, Beugten sich ihr in des Lüftchens Hauch, willkommend, entgegen.
Aber ach, da erscholl urplötzlich von Süden herüber, Furchtbarn Lautes, ein Sturm; da zog im brausenden Eilflug Her ein schwarzes Gewittergewölk, verhüllte der Sonne Strahlende Bahn, und umnachtete rings die Städt’ und die Fluren! Sieh’, und alsbald fuhr, wie im Sommer der prasselnde Hagel Dicht aus dem Luftraum stürzt, und die Aehrengefilde vernichtet, Blitz auf Blitz’, im Donnergetümmel, auf jene herunter -- Nimmer rastend, bis sie nicht allein zerstöret im Schutte Lagen mit allem Volk, das sie bewohnete, sondern Unterirdische Glut, genährt von Schwefel und Erdharz, Aus der berstenden Erde herauf, gleich Fluthen getrieben, Sich auf die Felder ergoß, und rings Verderben zu schau’n war! Abraham stand, an den Stamm der Eiche gelehnt, vor Erstaunen Starr, und an jeglicher Nerv’ erbebend vor Angst und Entsetzen; Hob die Hände zum Himmel empor, und wollte noch einmal Fleh’n um Erbarmen -- umsonst, ihm erstarb der Laut auf den Lippen. Als er hinab auf den Jammer starrete, wogte der Flamme Bläulicher Widerschein, erzeugt von des brennenden Schwefels Odemerstickendem Qualm, auf seinen erblasseten Wangen. Heiße Thränen umhüllten sie schon: denn Lot’s und der Seinen Schrecklicher Tod schwebt’ ihm vor den Augen; nicht war ihm die Rettung Seines Verwandten bekannt, er wähnt’ ihn verloren im Gluthmeer.
Jetzt verstummte der Sturm; die Wolken entschwanden; der Donner Schwieg. Vom bläulichen Aether herab sah wieder die Sonne Strahlenden Blick’s; doch ach, sie erhellt’ auf Sodomas Fluren Und Gomorras nur qualerregende Schau der Zerstörung! Dort, wo sonst die goldenen Halm’ im Hauche des Lüftchens Wogten im Feld, die Gärten, mit Edens Reizen geschmücket, Voll fruchttragender Bäum’ und gewürzreichduftender Blumen Schimmerten, und auf der Weid’ unzählige Heerden, dem Eigner Inner den Mauern der Städte zur Lust, sich letzten, bedeckte Jetzt ein schwärzlicher See die Gefild’, um welchen sich rings her, Völlig verödet und kahl, die versengeten Ufer erhoben. Nie durchschwimmt die muntere Schar von gleitenden Fischen Sein Gewässer: ein _todtes Meer_[18] genennet der Nachwelt Noch, wo, bebend, der Wanderer einst die Spuren der Strafen Gottes: am seichteren Strand aufragende Mauern und Pfeiler Jener versunkenen Stadt’, umhüllt von harzigem Salzschlamm, Schaut; im dürren Gefild von kränklichen Zweigen die Frucht bricht, Die in der Hand alsbald in Staub und Asche zerstiebet, Und nicht weilet daselbst in der weitumherrschenden Stille: Denn er fühlt sich ergriffen von Angst und heimlichem Schauder, Denkend der schrecklichen Schuld und der schweren Gerichte des Himmels.
Schon gedachte der Greis der Heimkehr, als er, verwundert, Einen ergrauten Mann im Gefolg zwo blühender Mädchen, Gegen sich kommen sah auf dem Seitenpfade der Felshöh’n. „Wie,“ so begann er, und rieb sich noch mit den Fingern die Augen, Klarer zu schau’n, da jen’ ihm naheten, „Lot -- und die Töchter Lot’s, errettet vom Herrn? O, Preis ihm auf immer und ewig!“ Sagt’ es, und ließ sich dann, vor Freude zitternd, im Sandstaub Nieder, sie dort zu erwarten, bereit, mit Gruß und Umarmung. Doch nun setzten auch sie, mit zögernden Schritten genahet, Sich vor ihm hin, und Lot, ergriffen von schrecklichem Herzleid, Streuete Staub auf sein grauendes Haupt, und weinte; die Töchter Weinten mit ihm, ihr Aug’ im erhobenen Schleier verbergend. Aber nach dauerndem Schweigen begann jetzt Abraham also: „Jammer und Noth ist das Los des Sterblichen hier auf des Lebens Dornenpfad’. Wohl ihm, so er schuldlos duldet -- und dennoch Muß er obsiegen dem Schmerz mit gottergebenem Herzen: Dann ist der Trost ihm gewiß, und sicher des Ewigen Beifall. Zwar ereilte vor uns die sündigen Städtebewohner Dort entsetzliche Straf’; doch laßt uns gebeugt in dem Staub hier Ehren die hohen Gerichte des Herrn, und rein uns bewahren Von Vergehung und Schuld, daß uns nicht ein Gleiches geschehe. Seine Macht errettete dich mit den Töchtern; nur seh’ ich Deine Gattinn noch nicht: wird sie mit den Eidamen folgen?“ Furchtbarer schwieg nun Lot; doch endlich kündet’ er, schluchzend Erst, dann, steigenden Grimm’s, dem Abraham Alles und Jedes, Was sich mit ihm begab vor Sodoma’s grauser Zerstörung Wie er die Fremden (die Bothen des Herrn: sie erschienen als Engel Später ihm erst) gastfreundlich auf, in sein räumiges Haus nahm; Wie die unendliche Schmach an ihnen das Volk zu verüben Droht’, und er muthig sie schirmt’ in der Nacht, bis selbes geblendet Heimzog; wie sie ihn mahnten, dem Gottesgericht zu entfliehen, Schnell mit der Gattinn vereint, mit den Töchtern und ihren Verlobten, Und ihn d’rauf, als dies’, ungläubig, verhöhnten die Mahnung, Faßten am Arm, und die Gattinn zugleich mit den weinenden Töchtern, Führten hinaus auf das Feld, und dort urplötzlich verschwanden. „Doch, eh’ solches gescheh’n,“ so sprach er nach einigem Zögern, „Warnten sie uns zwei Mal mit tieferschütterndem Laut noch, Daß wir, fliehend, die Blicke nicht mehr zurück nach den Mauern Wenden, an welchen der Herr, mit all den frechen Bewohnern Sich zu rächen beschloß, schon jetzt, ob schändlichem Frevel. Glücklich erreichten wir bald, Zoars, des sicheren Städtchens, Marken auf eiliger Flucht: ach, da gedachte die Mutter Meiner Kinder der Eidame noch, und des Goldes und Silbers Das sie zu retten vergaß, und wandte die Schritte zur Stadt hin! Plötzlich fuhr im brausenden Sturm ein Donnergewitter Von dem Himmel herab: der Erd’ entströmte des Schwefels Feuriger Brodem, vermengt der trübaufschäumenden Salzfluth; Ueberall barst der Boden entzwei, und, wehe, die Gattinn Sank, vom Verderben ereilt, in eine der Gruben; die Salzfluth Brandet’ an ihr empor, und umzog mit harzigen Krusten Rings die Entseelete so, daß sie, der Säule von Marmor Gleichend, am Strande des Sees noch jetzo mit Schrecken zu schaun ist!“ Jetzo begann, erneut, vor Abraham Klagen und Weinen; Aber er rief: „Der Wille des Herrn gescheh’!“ und erhob sich Von dem Boden, die drei unglücklichen, theuren Verwandten Heim in das eigene Zelt mit gastlicher Sorgfalt zu leiten, Doch sie folgten dem Liebenden nicht. Geschreckt von dem Jammer Unten auf ebener Flur, gedachten sie eine der Höhlen Auf den felsigen Höh’n zu bewohnen in einsamer Stille. Ach, nicht ahneten sie’s, daß dort der Erde gezeuget Würden die Völker Moab und Ammon, in grauser Umarmung! Abraham schritt dann schweigend und ernst nach seinem Gezelt heim.
Schon entfloh ihm ein Jahr, seit er der hohen Verheißung Worte vernahm; doch heut, was reget so laut, so geschäftig Auf die dienende Schar in des Zeltes dunkelen Räumen? Emsig eilen die Mägd’ und die Knecht’, in festlichen Kleidern Alle, heraus und hinein, und stellen so manches Geräth dort, Reingescheuert am Quell, zurecht; besorgen zum Gastmahl Jeden Bedarf, und geben mit vielgesprächigen Zungen Unter sich frohen Bescheid im Winke der lächelnden Augen. Doch der ergrauete Hirtenfürst sitzt draußen im Schatten Auf der niederen Bank, an den Stamm des mächtigen Eichbaums Lehnend den Rücken, im Festgewand’, und heftet die Augen, Sinnenden Ernstes, hinab auf den Boden. Zuweilen erhebt er Sie, und ein Lächeln erhellt sein leis’erröthendes Antlitz Dann, geweckt von des seligen Herzens Empfindung; zuweilen Schaut er dankend empor zu dem gütigen Vater im Himmel Und es drängt sich die Freudenthrän’ ihm schnell aus den Wimpern. Ha, was bewegt ihn so in dem lauten Gezelt mit den Seinen? Wahrlich das höchste Glück für die überseligen Aeltern: Denn ein Sohn ward heut den kinderlosen geboren! Isaak nannt’ er ihn d’rauf, beschnitt ihn, der Worte gedenkend Seines Herrn, an dem achten Tag, zum Zeichen des Bundes, Den er geschlossen mit ihm, inmitten der blutenden Opfer, Und bereitet’ ein herrliches Mahl, als der Säugling entwöhnt ward.
Aber der Knabe gedieh, und wuchs in blühender Schönheit Munter heran. Einst fing er im Angesichte der Mutter, Die dem Spielenden oft mit Wonn’ im Blick, vor dem Zeltthor Zusah, jauchzend ein Täubchen auf, wie es eben verwundet Durch den grausamen Weih’, im Flug’ aus den Lüften herabsank. Aber er sah, daß es blutete. Schmerz ergriff ihn; er eilte, Rasch nach dem ragenden Zelt’, und holte die Milch aus der Kammer, Ihm, hinknieend im Gras’, die blutende Wunde zu kühlen. Siehe, da kam mit wildem Gejauchz’ sein finsterer Bruder, Ismael, aus dem Hain gesprungen, herbei, und ersehend Isaaks fromme Sorg’ um das Thier, verhöhnt’ er den Knaben Frech; naht’ ihm, und zertrat es mit stampfendem Fuß in dem Staub dort! Isaak strebte das Täubchen vor ihm zu schützen -- vergeblich: Denn schon lag es zermalmt in dem Staub. Da fing er zu weinen An mit so kläglichem Laut, daß Sara, die liebende Mutter Bebend vor Schreck, hersprang, und des Stiefsohns Frevel gewahrend, Unaussprechlichen Zorns, dem nahenden Abraham zurief: „Wehe, daß ich mir selbst mit der Magd den Jammer bereitet Hab’, im verzeihlichen Wunsch, dir endlich den Erben zu geben: Denn nun siehst du ihn dort, den Störer des häuslichen Friedens, Wie er mit dunkelem Aug’ umspäht, und im brauneren Antlitz Kenntlich als Sohn der Aegypterinn, die Wuth in dem Herzen Nährt, zu betrüben vor mir mein zartgesinnetes Kind da! Wahrlich, so du nicht bald vertreibest die Magd mit dem Knaben, Denkend als Gatt’ und Vater der Pflicht um die Deinen, so bricht mir Sicher das Herz, und mich tödtet mit unserm Erzeugten der Kummer!“
Glühender Schmerz durchzuckte die Brust des ehrwürdigen Greises, Abraham, als er die Worte vernahm. Er sollte den Knaben, Hagars Sohn, mit der Mutter zugleich auf immer entlassen, Und er war ihm doch auch, gleich jenem der hohen Verheißung, Isaak, ein theuerer Sohn, von der ewigen Huld ihm gewähret? Aber er schwieg, und ging in des Abends sinkender Dämm’rung Nach dem räumigen Zelt, in der einsamen Kammer zu ruhen. Dort erweckt’ ihn der Herr alsbald mit den tröstenden Worten: „Abraham fasse nur Muth, und erfülle Saras Verlangen Ohne Verzug: denn so wie ihr Sohn unzähligen Volkes Stammherr wird, so sollen auch Ismaels Enkeln sich mehren Sonder Zahl, und ihr Muth auf der Jagd und im Kampfe bewährt seyn.“ Solches vernahm er im Geist. D’rauf reicht’ er am dämmernden Morgen Hagar zur Nahrung Brot; umhing ihr den Schlauch mit dem Wasser, Und entließ, gefaßt, die Weinende dann mit dem Knaben, Daß sie wandle hinaus in das Land im Segen des Himmels. Bald verirrten sie sich, durch die Wüste Berseba ziehend.[19] Leer war schon von erfrischender Fluth der Schlauch; in dem Sandstaub Nirgend der rieselnde Bach, nicht der kühlige Brunnen zu schauen, Und kein schattender Baum both ihnen Erholung. Verschmachtend Lag der Knabe im Sand vor der lautaufheulenden Mutter. Doch sie riß sich, ergrimmt, von ihm auf, und sagte für sich hin: „Nein, nicht kann ich den schrecklichen Tod des theuern Erzeugten Schauen dahier: so weit ein Pfeil von der Sehne geschleudert Fleugt, will ich, hinsinkend im Staub’, in Verzweifelung harren Selber des Hungertod’s, da mir denn solcher bestimmt ist!“ Aber ihr scholl von des Himmels Höh’n, die Stimme des Engels: „Hagar, was sinnest du da? Erhebe dich! Ismaels Thränen Wurden im Himmel gezählt: führ’ ihn nach der Wüste von Pharan Jetzo zuerst; erlies ihm dann, in den reiferen Jahren, Selber, nach freier Gewalt, wie die fromme Sitt’ es erheischet,[20] Sorgend für ihn mit Mutterhuld, die liebende Gattinn: Denn er werd’ als Jäger berühmt, und gepriesen als Vater Eines mächtigen Volk’s, das weithin herrscht in den Wüsten!“ Als die Stimme verscholl, da sah mit frohem Erstaunen Hagar die rieselnde Quelle vor sich: ein Wunder der Allmacht, Ihr zur Rettung gewährt. Sie labte sogleich den Erzeugten; Füllete dann den Schlauch, und sie wallten fort auf des Lebens Wechselndem Pfad, geschirmt von des Herrn allmächtiger Rechten; Denn alljegliches wurd’ erfüllt nach den Worten des Engels.
Sieh’, jetzt naht’, ein Tag für Abraham, wo er, im Glauben Vor dem Herrn geprüft, der Zukunft herrliches Vorbild Weis’ in seinem Geschlecht, zur Rettung der sündigen Menschheit! „Abraham, höre!“ so rief ihm der Herr, und mit inniger Demuth Sprach er sogleich: „Hier bin ich; gebiethe mir nur: ich gehorche!“ „Wohl, denn,“ fuhr der Ewige fort, „so nimm den Erzeugten Isaak, welchen du liebst, und opf’re ihn mir auf dem Altar Von geschichtetem Holz, auf dem Berg’ in Morrias Gefilden.“[21] Abraham stand, erschüttert im Geist’, und ihm bebten die Glieder All’ im plötzlichen Schreck; doch bald bezwang er des Herzens Odemberaubendes Weh’; er warf mit hehrem Vertrauen Sich auf die Knie’, und bethete leise die Wege des Herrn an. Jetzo, nach schlafloser Nacht, erweckt’ er am dämmernden Morgen Isaak mit Vorsicht, daß ihn die liebende Mutter nicht höre; Ließ auch das Saumthier schnell von zwei verschwiegenen Knechten Satteln; es dann mit gespaltenem Holz zu dem Opfer, beladen, Und begab mit dem Sohn’ und den beiden Knechten, verstummend, Sich auf die Reis’ in Morrias Gefild zu dem winkenden Ziel hin.
Dort an dem Fuße des Berg’s, nach drei erschöpfenden Tagen Angelangt, ließ er die Knechte zurück mit dem weidenden Saumthier; Lud das gespaltene Holz auf die Schultern des Sohnes; ergriff dann Schnell das Geräth’: in der Linken die Gluth, in der Rechten das Messer Tragend, und stieg mit dem Sohn’ aufwärts zu den ragenden Höhen. Immer schwieg er noch still; da begann, tiefathmend im Aufgang Unter der Last, der fromm- und mildgesinnete Jüngling: „Vater!“ Und er: „Ich höre, mein Sohn!“ „Wohl seh’ ich das Messer, Sehe die Gluth,“ fuhr jener noch fort, „doch nirgend ein Opfer?“ Abraham hielt sich die Brust mit der Rechten, und sagte beklommen: „Still, mein Sohn: das wird sich der Herr schon selber erlesen!“ Und sie erstiegen die Höh’n Morria, des heiligen Berges. Dort errichtete nun, mit Thränen im Auge, der Vater Einen Altar von dem Holz’, und der Sohn -- errathend der Thränen Quell’, und, lesend im Auge des Vaters des Ewigen Rathschluß, Both nun tief, wie ein Lamm verstummend, das auf der Schlachtbank Liegt, und ergeben dem Willen des Herrn, die Hände den Banden, Daß er, den Opfern gleich, gebunden, lieg’ auf dem Holz dort. Schauernd ruhten die Lüft’ umher; durch Wolken verhüllet War das hehre Gezelt des bläulichen Himmels; die Fluren Bebten verstummt, und feierlich schwiegen die Hain’ und die Wälder, Als der erhabene Augenblick des Opfers genaht war. Abraham griff nach dem Stahl’, erhob ihn... da scholl aus den Wolken Plötzlich der herzerschütternde Laut auf Abraham nieder: „Halte das Messer zurück. Genug ist gethan: denn bewähret Hat sich dein Glaub’ an mich in demuthvoller Ergebung, Weil du aus Liebe zu mir den eigenen Sohn nicht verschontest. Dunkel liegen die Wege des Herrn vor Sterblicher Augen; Nicht verschonet er einst des eigenen Sohnes, nur _Er_ kann Sühnen unendliche Schuld vor dem Richterstuhle des einen, Wahren, unendlichen Gott’s, und erretten die sündige Menschheit. Zahllos, wie an dem Strande des Meers gehäufet der Sand liegt, Und an dem Himmels-Gewölb die funkelnden Sterne sich weisen, Sollen aus dir die Enkeln blüh’n, und Großes vollbringen; Doch in dem _Einen_ allein ihr Heil die Völker erlangen.“ Also der Herr. Da beugte sich Abraham bethend zum Boden, Und, ersehend im Strauch den am Horn gefangenen Widder, Opfert’ er ihn dem Herrn auf dem erst errichteten Altar; Faßte den Sohn an der Hand, und kehrte mit ihm in das Zelt heim.
Sara erreichte ihr Lebensziel in Arba[22], dem Städtchen Canaans. Dort erschien jetzt Abraham, sie, auf dem Boden Sitzend im Schmerz, zu beweinen durch sieben Tage der Trauer. Dann begrub er die theuere Leich’ an dem Felsen des Haines Machpela, bei Hebron, den er von dem Volk der Chetiten Kaufte zum Eigenthum, und zum Grabe für sich und die Seinen.[23]
Doch schon fühlt’ er, gebeugt, des jahrebelasteten Alters Schwindende Kraft stets mehr, und sann für den Sohn der Verheißung, Isaak, die liebliche Braut, mit väterlichsorgender Weisheit Selbst auf Jegliches achtend, zu frei’n. O seliges Bündniß, Wenn in der Rosenzeit des blühendentfalteten Lebens, Von dem liebenden Herzen gedrängt, der treffliche Jüngling Sich die Hold’ erkies’t im Schmucke der Schönheit und Unschuld, Und sie auf immer dann zu glücklicher Ehe sich einen! Also gedacht’ er, für ihn Rebekka, die Enkelinn Nachors, Seines Bruders, zu frei’n, in Chaldäas blühender Landschaft, Die er als Knabe geliebt.[24] Er rief in geheim Elieser, Seines Gehöft’s Verwalter, herbei, und sprach zu ihm also: „Redlicher, horch: du zieh’st in den reichen Gefilden Chaldäas Eilig nach Charan hinab, wo meine Verwandten noch leben -- Nachor mit seinem Geschlecht’, um dort für meinen Erzeugten, Um die ersehnete Braut, aus jenem, gebührend, zu werben; Aber schwöre mir erst bei Gott, dem wahren und einen, Daß du mir jen’ allein, nicht eine von Canaans Töchtern, Götzenverehrern entsprossene Brut, uns allen zum Unglück Heimbringst!“ Als der Treue den Eid, laut bethend, geschworen, Schüttelt’ er sinnend das Haupt, und begann: „So ich aber die Jungfrau Nicht bewegte zur Reise hieher, soll ich den Erzeugten Dir hinführen, daß er um sie werb’, ein glücklicher Freier?“ „Nein,“ rief Abraham laut, „nicht darf er aus Canaan zieh’n mehr: Also will es Jehova, der Herr, der mir, und den Meinen Selbes zum Eigen verhieß auf immer und ewige Zeiten. Seinen Engel wird er vor dir her senden, und Segen Dir gewähren, daß du zu uns her die Ersehnte geleitest.“ Sagt’ es, und übergab dem Treuen an Gold und an Silber Reiche Geschenke, die er auf zehn Kameele mit Allem, Was an Bedarf die Reis’ in die Fern’ erheischte, geladen Hatte zuvor, und entließ ihn dann mit den Knechten im Segen.