Perlen der heiligen Vorzeit Johann Ladislav Pyrker's sämmtliche Werke (3/3)
Part 16
Ha, schon eilte der Feurige vor, und sagte mit Nachdruck: „Frage mich nicht! Ich will -- doch nein, wir alle, vereint hier, Wir, Makkabäer genannt in Israels Jubelgesängen, Wollen erdulden die Qual und den Tod, mit welchem du drohest: Denn vom ererbten Gesetz’ und dem heiligen Glauben der Väter, Weichen wir nie: so wahr Jehova der einige Gott ist!“ Laut erscholl sein Ruf auf dem Markt. Den muthigen Worten Bebt’ Antiochos; dann erhob er sich rasch von dem Purpur, Und geboth voll Wuth, daß ihm schäumten die zitternden Lippen: „Foltert den Frechen zu Tod’; euch lohn’ ich’s mit reichlichen Gaben.“ Und sie griffen nach ihm. Allein, welch’ schrecklicher Laut dringt Jetzt aus der Ferne heran -- der Liebenden Angst und Verzweiflung Tönend aus zarter Brust nach der Stätte des Jammers herüber? Heftig erschrack Salomone dem Ruf; sie sah den Erzeugten Aengstlicher an, und dacht’: „O hätte Jehova mit Taubheit Ihn geschlagen zuvor, eh’ solcher sein’ Ohren erreichte, Und zerfleischte sein Herz!“ Doch Makab wandte sich, stöhnend, Nach der Gegend, woher der herzerschütternde Laut kam. Todesbläss’ und glühendes Roth durchzuckt’ ihm die Wangen, Wechselnd; die Lippen, geöffnet zum Schrei, erzitterten leis’ ihm. Wohl gedacht’ er der liebenden Braut, Sarone, mit Wehmuth, Und des täuschenden Traum’s von seligen Tagen der Zukunft; Doch er eilete vor, und both sich den Henkern zum Opfer, Als die Unglückliche dort, vor Schmerz vergehend, im Staub lag! Aber die Mutter sah in tieferschütternder Hoheit Ihrem ältesten nach. Wie die eisige Stirne des Gletschers Farblos ragt: so war ihr Gesicht, da er auf zu Jehova Blickte mit festem Vertrau’n, und dem schrecklichen Tode sich hingab. Sie verstümmelten ihn; doch als er in dampfender Pechgluth, Sterbend, lag, da ermahnten sich noch mit Thränen die Brüder: Muthig zu steh’n im Kampf für Jehova’s heiligen Nahmen.
Jetzo war es gescheh’n. In der schauernden Brust Salomone’s Wühlete, siebenschneidig, das Schwert; zugleich mit dem Sohn dort Traf ein jeglicher Streich das Herz der zärtlichen Mutter, Unter welchem sie ihn neun Monden mit Liebe getragen. Was ein Mensch zu erdulden vermag, das hatte sie standhaft Hier erduldet für Gott: geseh’n des Sohnes Verstümmlung. Aber noch sechsmal sollte sie, ach! in der Prüfung bestehen? Wer erhöhte die Kraft der sanftgesinneten Mutter, Daß sie bestand? Jehova selbst, ihr Gott und Erbarmer: Denn, als jetzo der Sieger des Herrn das Leben verhauchte, Naht’, unsichtbar dem Volk’, und allein der edelsten Mutter Sichtbar, der himmlische Freund, der gestern am dämmernden Abend Ihr erschien, und verschwand im Glanz’ unsterblichen Lebens; Both dann sieben, vor Gottes Thron nie welkende Kränz’ ihr, Die der achte umfing, aus Edens duftenden Zweigen, Lächelte mild, und haucht’ ihr Kraft, Vertrauen und Muth ein! Alsbald hob sie den Blick empor zu dem Vater im Himmel, Dankt’ ihm stumm, und ermahnete jetzt die weinenden Brüder: „Kinder, weint um den Seligen nicht! Schon schmückt ihm die Scheitel Jener unsterbliche Kranz, den euch Jehova bereitet. Ringet auch ihr nach dem Kranz’. Ein Augenblick ist der Schritt nur Von dem Leben zum Tod -- dem Frommen zur ewigen Wonne: Folgt dem Bruder, beherzt, für Gott zu sterben, entschlossen, Daß Jehova, der Herr, sich eurer, wie Moses gesungen Hatt’ in dem heiligen Lied’, als seiner Diener erbarme!“[1]
Aber der Feldherr rief, von dem Muth des ersten erbittert, Nun den anderen Sohn der Edlen hervor, und begann so: „Abir, komme heran: er opfere hier an dem Altar Zeus, des Olympiers, schnell, und verzehre die Speise mit Ehrfurcht. Wisset es all’: ihm würde die Haut von dem Leibe gerissen, Wenn er thörichtgesinnt, wie Makab, verschmähte die Großmuth Seines Königs und Herrn, der streng die Meuterer strafet.“ Abir gehorcht’, und kam: da wollt’ ein Schrei Salomone’s Lippen entfliehen. Sie eilete vor; dann stand sie, beherrschend Wieder des Herzens Angst, und lispelte, leise, vor sich hin: „Gott, wie ertrüg’ er die Qual? Von zartester Jugend durch Krankheit Lebenerschöpft, nährt er im schmächtigen Leibe den Geist zwar Stark- und männlich gesinnt -- ach, habt Erbarmen, ihr Henker, Tödtet ihn schnell! Du stärk’ ihn, Herr, in der Stunde des Todes!“ Lispelt’ es leise für sich, und drückte das Herz mit der Rechten. Abir sah die Umstehenden an. Die Lilienblässe Seiner Wangen -- sein Aug’, ätherischlächelnder Sanftmuth, Weckt’ in dem Volk’, in den Henkern sogar herzinniges Mitleid; Doch der Jüngling begann: „Wie soll’ ich gehorchen? Den wahren, Einigen Gott verschmäh’n, verehren die nichtigen Götzen? Nein, unmöglich, nie! Vollendet nur, was ihr begonnen!“ Jetzt erfülleten sie der Rach’ entsetzliche Drohung, Wüthend, an ihm. Er rief noch, sterbend, hinauf zu dem König: „Grausamer Wüthrich, du raubst uns zwar das irdische Leben; Doch der König der Welt wird uns erwecken vom Tod einst: Denn wir sterben für sein Gesetz und den heiligen Glauben -- Wecken zum seligen Tag der Auferstehung, in Wonne!“ Also verhaucht’ er den Geist, und es tobte der Scharengebiether Ob des Königs verhöhneter Macht, und des eigenen Anseh’ns.
Machir schritt nun vor, von den Heldenbrüdern der dritte. Sinnend wiegte die Mutter das Haupt, als jetzo der Jüngling Nahte dem Ziel. Des Vaters Liebling war er, von Jugend Auf. Mit dem feurigen Blut’ und dem hochaufstrebenden Herzen, Uebt’ er schon frühe den Arm, des Kriegers Waffe zu führen. Lächelnd rief dann oft Salomonen der Vater, und sagte: „Liebe, gedenke des Worts: der wird ein Schrecken der Heiden! Ha, wie er führet das blinkende Schwert, wie er spannet den Bogen, Schleudert die Lanze, den Speer, und den weit hinsausenden Wurfstein: Sicher wird er, als Führer des Heer’s in brausender Feldschlacht Niederschmettern den Feind, und dem Vaterlande die Freiheit Schaffen -- Israels Ruhm; mein Stolz im grauenden Alter!“ Solches erwog Salomon’ im Geist’, und dachte: wie fern oft Irre des Menschen Sinn von Gottes verhülleten Wegen! Als ihn Chusim ersah, da rief er, ergrimmt, zu den Henkern: „Hau’t, ihr Knechte, die Zung’ ihm ab, und die Hand mit den Füßen, Eh’ er zu reden beginnt: der Meuterer würde noch lästern!“ Glühender strahlte der Blick und die Wange des muthigen Jünglings; Alsbald streckt’ er die Hand und die Zunge den nahenden Henkern Selbst freiwillig dar, und sprach mit gewaltiger Stimme: „Diese Glieder empfing ich vom Herrn. Ich gebe sie freudig Wieder für sein Gesetz in der seligen Hoffnung: er wird sie Mir ersetzen am Tag der Auferstehung für immer!“ Chusim fuhr, erblassend, zurück. Mit seiner Umgebung Saß der König erstarrt: er entsetzte sich über des Jünglings Heldenmuth, der, schauend den schrecklichsten Tod, ihn verhöhnte; Bebte zugleich vor Zorn, daß solcher Muth in dem Volk noch Wohnete, das er so gern von dem Antlitz der Erde vertilgte. Aber die Mutter hing mit sanftverkläreten Augen An dem Erzeugten, und sprach: „Er ist ein Held, wie der Vater Solches verkündet’: er kämpft den schwereren Kampf, und erliegt nicht.“ Und in schrecklicher Qual verhauchte der Tapf’re das Leben.
Jetzo führten sie Juda heran. Mit eilenden Schritten Lief ihm Achas nach: denn Zwillinge waren die beiden. „Wie das Zwillingsgestirn,“ so sprach zu dem Volke die Mutter, „Flammend im Sternenzelt’, auf nie getrenneter Bahn zieht, So die Zwillinge, die ich gebar: denn, innigverbunden, Liebten sie sich schon seit den Tagen der zartesten Kindheit. Einst verlief sich mein Juda im Wald. Vom duftenden Geißblatt Lag er betäubt, und schlummerte. Schrei’n, und Rufen, und Forschen Waren umsonst: da lief mein Achas ihm nach, und die Neigung Diente dem frommen Kind zur Leiterinn. Ferne vom Dickicht, Das den Vermißten uns barg, rief schon der jüngere, freudig: „Dort zur Laube hinauf, wo mein der Liebende harret!“ Also lebten sie stets, und jetzt vereint sie der Tod noch.“ Schauend die Beiden vor sich, begann der erboßtere Feldherr: „Kommt, ihr, Natterngezücht, mit heiterem Blicke, verschlungen Arm in Arm, mir Hohn zu sprechen -- zu trotzen in’s Antlitz? Ha, ihr sollet mir in dem flammenden Kessel es büßen!“ Also geschah’s. Da rief, aufschauend zum Könige, Juda: „König, du wirst nicht ersteh’n, gleich mir, zum ewigen Leben: Besser, daß ich, durch dich, den Tod erleid’, und die Hoffnung Baue auf Gott, der, gütig und mild, sie erfüllet im Himmel!“ Aber der jüngere sprach, wie jener, mit Muth in den Augen: „König, auch du bist Staub, und der grau’numhüllten Verwesung Unterthan, gleich uns, obschon du noch herrschest nach Willkühr Jetzt im irdischen Glanz’, und mit Lust nur Böses verübest! Nähre nicht eitelen Wahn: verlassen sey von Jehova Unser Volk; bald wirst du es seh’n, wie mächtig der Herr ist, Deß’ allmächtiger Arm dich selbst und die Deinen zerschmettert.“ Rief’s, und sie starben zugleich -- den +Unzertrennlichen+ ähnlich: Lieblichen Sängern des Walds, die, schon vom wärmenden Nest’ an, Bis zu dem Tode vereint, auf dem nähmlichen Aste sich wiegen, Singen, und fliegen, und ruhen gepaart, und sinket das Weibchen Todt vom Aste herab, so sinket das Männchen ihm todt nach: So verhauchten den Geist die beiden, sich liebenden Brüder.
Angst erfüllete jetzt die Brust der erhabenen Mutter. Areth sollte besteh’n die entsetzliche Prüfung -- für ihn nur Zitterte sie. Nicht bösgesinnt erwies sich der Jüngling; Aber er hatte sich oft durch eigenwilliges Streben, Mitten im selbsterkorenen Lauf von den Brüdern gesondert, Und sie verhöhnt, von Trotz und neckender Laune getrieben. Jetzt auch regt’ er die Furcht in ihrer sorgenden Brust auf: Denn die Stufen hinan des ragenden Götzenaltares Stieg er zuvor mit verschränketen Armen, und sah zu dem Steinbild Lange mit zweifelerregendem Blick’ (bald wies er Verehrung, Bald nur Hohn) empor; erforschte mit sinnigen Mienen Opferspeis’ und -geräth’, und eilte dann wieder hinunter. Auch, als jetzo der Feldherr noch mit freundlicher Stimme Ihn zu ermahnen begann: des Königs Wink’ zu gehorchen; Weise zu seyn; zu erwägen das Glück, das, edelgesinnet, Ihm der König beschied: da stand er noch lange, verschlossen, In sich gekehrt, und sah mit finsterer Stirne zum Boden. Schon erhob Salomone die Hände, gefaltet, zum Himmel -- Flehte voll Angst um Hülf’ in der Noth, die schrecklich ihr drohte: Da trat Areth hervor: sah lächelnd hinauf zu dem Standbild Zeus, des Olympiers, noch, und fragete, kalt, und verhöhnend: „Ha, das wär’ ein Gott? Erzählt mir! Als in dem Anfang Gott den Himmel, die Erd’, und Alles und Jedes erschaffen, Heißt es: Gott, der ewige Gott, der eine -- Jehova That es allein; wo war denn Zeus Kronion verborgen? Habt ihr des Gottes Wiege geseh’n? Von hohem Geschlecht war Ihm die Amme vielleicht, die ihn säugte? Wer lehret’ ihn lallen? Thoren ihr, da ihr wähnt: euch sey der Ewige selber, Den kein sterbliches Aug’ auf des Erdrunds Pfaden erseh’n kann; Doch, den jeder erkennt, so er will, im redlichen Herzen: Wie er im Brausen des Sturm’s, im Säuseln des schwärmenden Lüftchens, Und auf den Flügeln der Morgenröth’, allmächtig, einherfährt; Alles erschuf, und erhält, und leitet mit ewiger Weisheit, Ha, daß dieser unendliche Gott euch Heiden bekannt sey, Die ihr von Göttern sprecht, und, den Unsichtbaren verkennend, Eigener Hände Werk verehret in todten Gebilden! Aufschrien jetzt um ihn her, mit wilden Geberden die Heiden, Und sie führten ihn schnell zu dem Tod’ in unsäglichen Qualen. Aber, auch sterbend rief dem Antiochos Areth noch laut zu: „König! Wähnst du vielleicht: du könntest Israels Kinder So zermalmen nach Lust durch Herrschers Gewalt, und nach Willkühr? Ach, ob unserer Sünden allein hat Gott in der Zeit noch Ueber uns Leiden verhängt -- dir Macht gegeben, zu siegen! Dennoch, wehe dir einst: dein harren die schrecklichsten Strafen, Weil du dich kühn erfrechst, selbst gegen Jehova zu streiten!“
Als nun Areth verhauchte den Geist, da nahte die Mutter Eilig, stand, und beugete tief, mit verbreiteten Armen, Ueber die Leichen sich hin. Nur Trümmer des einstigen Reichthums Lagen vor ihr, ob welchem das Volk sie selig gepriesen. Aber nicht trauernd, nein, mit erhabener Ruh’ in den Augen, Die nur die Freudenthrän’ umhüllt’, erhob sie die Stimme: „Muthig habt ihr gekämpft das herrliche Ziel zu erringen, Und ihr habt es errungen mit Gott. Die Kränze der Sieger Seh’ ich auf euerem Haupt’, und die Brust erbebt mir vor Wonne: Denn, wer gab euch die Kraft, so schreckliche Qualen zu dulden? Eure Gestaltung im Mutterleib war Wunder auf Wunder: Wer begriff’s? Nicht hab’ ich euch Geist und Seele gegeben -- Euere Glieder zusammengefügt. Der, mächtig, die Welt schuf; Der des Menschen Geschick’ und den Lauf der Gestirn’ in dem Luftraum Lenket, gab euch die Kraft, und wird, barmherzig und gnädig, Euch erwecken am Tag der Auferstehung hienieden: Weil ihr, treu dem Gesetz, mit heiterem, festen Vertrauen Eher den Tod, als die Sünde, der Uebel größtes, erwählt habt.“
So dort über die sechs, für Jehova geopferten Kinder Rief die Mutter ihr Segenswort: da bebte sie, schauernd Wieder zurück; noch war das jüngste von allen, ihr Salem, Uebrig. Sie hatt’ ihr Auge von ihm gewendet mit Absicht All’ die schreckliche Zeit, als jen’ erwürgte der Wüthrich: Unerschüttert zu steh’n im Grau’n der entsetzlichen Prüfung. Leise rang sie die Händ’, und bethete: „Sende, Jehova, Deinen Engel ihm zu, daß er ach, nicht erliege den Schrecken!“ Aber der Kleine saß in dem Staub’, und verhüllete, schweigend, Bei dem entsetzlichen Mord der Brüder, das Haupt mit dem Mantel. Jetzt erhob er sich schnell, und Tausende starrten nach ihm hin, Schauend das Engelgesicht des holdgestalteten Knaben. Staunend, geboth Antiochos selbst, daß er nahe dem Erker; Hob sich vom Stuhl’, und rief die schmeichelnden Worte herunter: „Knabe! Du weißt, Salomone verschmäht die Worte der Großmuth, Die ich gesprochen zuvor, euch mahnend: die Satzungen Mose’s, Die nur Verachtung und Haß euch wecken im Herzen der Völker, Abzuschwören vor Zeus, und allen unsterblichen Göttern! Doch voll Wuth aufreizte sie noch zu frecher Empörung Deine Brüder gesammt, die in Qualen ihr Leben verhauchten. Dich zu retten, verschon’ ich sie: denn wirst du gehorchen, Siehe, da sollest du reich an Gold und Silber, an Waffen, Wägen, und Rossen seyn, und in prächtigen Kleidern, dem Sohn gleich, Stets an der Seite mir steh’n: verehrt, und erhoben vor allen!“ Und er winkte noch freundlich herab mit den Händen und Augen, Daß er bewegte das Herz des stillhinbrütenden Knaben. Aber umsonst: denn laut begann er, und sagte mit Nachdruck: „König, ich folge dir nicht: mein Herr und Gott ist Jehova!“ Solches gesagt, enteilt’ er, und stand, von der Mutter gesondert, Schweigend, allein. Da hieß Antiochos nahen die Mutter, Und ermahnete sie, mit sanftertönenden Worten: „Weib, bedenke das Los, das deinen Erzeugten zu Theil ward Ob Empörung und Trotz und deiner unbändigen Wildheit, Die sie drängte, den Tod, von Qualen umdräut, zu verachten! Noch ist dein jüngstes -- ein liebliches Kind, ein Eros an Schönheit, Uebrig; rette dieß Kind, eh’, schuldlos, solches der Krieger Wildempöreter Wuth hinsinkt, von der Mutter geopfert. Pflegen will ich’s mit Königshuld; ein liebender Vater Will ich ihm seyn, und es hoch erheben, dem eigenen Sohn gleich -- Dich erheben mit ihm, daß jeglicher glücklich dich preise. Eil’, und rette den Sohn! Er koste die Speise der Sühnung Vor dem harrenden Volk. Das nur, das Einzige heisch’ ich Wegen des Volk’s. O, Mutter! Wie, du könntest noch zaudern?“ Als er geendet das Wort, da sprach Salomone mit Nachdruck: „Wohl, ich lege dem Sohn’ an das Herz, wo ihm blühe des Glückes Sam’ allhier, und herrliche Frucht ihm verheiße die Zukunft!“
Hehr, und bewunderungswürdig erschien die erhabene Mutter Rings dem versammelten Volk’, als jetzt, zu dem letzten Erzeugten, Kehrend, mit flammendem Blick’ und mit höhergerötheten Wangen, Sie hinschritt durch die Reih’n, nach ihr umschauender Krieger. Sonst so zart und so mild (ein Weib im edelsten Sinne, Uebend der Gattinn und Mutter Pflicht, und der sorglichen Hausfrau Tausendfältig’ Geschäft mit stets erheiternder Sanftmuth) Hatte sie nun, voll Kraft, den Tod der Söhne getragen, Und mit männlichem Muth des brechenden Herzens Empfindung Mächtig beherrscht, daß all’ umher anstaunten die Heldinn. Jetzo beugte sie sich zu dem Knaben hinunter, und sagte: „Sohn, erbarme dich mein, der Mutter, die unter dem Herzen Dich neun Monden trug, dich gesäugt und mit Liebe genährt hat Seither! Höre mich an, mein liebes, mein einziges Kind du! Hebe die Blicke zum Himmel empor -- betrachte die Erd’ auch: Sieh’, was dort, was hier, dein staunendes Auge gewahret, Ist des Allmächtigen Werk, der Alles und Jedes erschaffen -- Auch den Menschen erschaffen aus Nichts, und geordnet mit Huld hat! Fürchte darum, mein Kind, des Wüthrichs schmeichelnde Reden, Aber fürchte die drohenden nicht! Erweise dich würdig Deiner Brüder: zu leiden wie sie, und entgegen zu gehen Muthig dem Tode wie sie, daß ich einst, am Tag des Gerichtes, Dich mit jenen zugleich in seliger Wiedervereinung Drück’ an dieß Mutterherz, und ewige Freude mich lohne!“ „Mutter!“ so rief, einfallend, das Kind, „was ängstiget also, Wegen des jüngsten Sohnes, dein Herz? Ich folge Jehova’s Worten allein: dem Gesetz, das unseren Vätern sein Diener, Moses, verkündet’ am Berg’ im feurigen Donnergewitter, Und in steinerne Tafeln grub, daß auf ewige Zeiten, Wir Jehova, den Herrn, und nicht andere Götter verehren. Komm’, und hör’s nun selbst, du hochgesinnete Mutter, Wie zu dem König dort dein, dir ergebenes Kind spricht!“ Freudig bebte die Mutter zurück. Der Unsterbliche strahlte Plötzlich im Himmelsglanz’ an der Seite des Knaben, und führt’ ihn, Sanft an der Rechten, hervor aus dem Kreis’ unmenschlicher Krieger, Gegen den Erker hin. Er stand, und Salem begann so: „Ha, du, den nicht Weisheit ziert, nicht Milde, nicht Großmuth, Dein unzähliges Volk, und mein’s, das, waffenbezwungen, Dir gehorcht auf einige Zeit, zu beglücken als Herrscher, Zittre vor dem Gericht’ und der schrecklichen Wage: der Schalen Eine schnellt leer auf, und die andere schleudert die Bosheit Deines Gemüthes hinab zu dem Abgrund ewigen Jammers! Zitt’re, du bist der Hand des Ewigen noch nicht entronnen! Wahrlich, erschöpft hast du schon die Wuth an Hewilas Erzeugten -- Hast die Brüder erwürgt; doch, treu dem einigen Gotte Waren die Frommen gesinnt, und sind in das bessere Leben Eingegangen, das Jehova, voll Huld, uns verheißen! Auch ich theile das Los der Gemordeten -- opf’re das Leben, Freudig, für Gott. O, möchte sein Zorn, der schwer auf den Unsern Lastete, jetzt, versöhnt durch unsere Leiden, sich legen!“ Lächelnd entschwand der Unsterbliche nun den Augen der Mutter; Doch sie stürzte heran; umschlang den Nacken des Sohnes Fest mit den zitternden Armen, und schrie zu Jehova den Dankruf, Jauchzend, empor. Wild tobt’ Antiochos, daß ihn das Kind selbst So verhöhnt’ auf dem Markt’: er hieß es, ergrimmteren Blickes, Foltern zu Tod’, und eilt’ unmuthig nach seinem Pallast heim.
Als auch die zarteste Blume den Duft des blühenden Lebens Unter der blutigen Hand der grausamen Würger verhauchte: Da stand plötzlich die Mutter, erblaßt. Ertragen mit Starkmuth Und Ergebung in Gott, den Einigen, hatte sie heut hier Unaussprechlichen Schmerz bei dem furchtbarn Tod der Erzeugten; Doch nun war das Opfer gebracht; des bitteren Kelches Letzte Hefen geleert: nun rissen im Herzen der Mutter All’, im Todeskampf mit Kraft gestähleten Saiten Leise, mit brennendem Wehe sich los. Der glänzenden Augen Flamme verlosch, und die Wangen umzog die Blässe des Todes; Mit eröffneten Lippen, den Blick zum Himmel erhebend, Preßte sie matt an das Herz die gefalteten Hände; sie wankte, Zitternd an jeglicher Nerv’, und sank, vergehend, in Ohnmacht. Einer der Krieger durchstieß mit unmenschlicher Rechte das Herz ihr, Und der selige Geist flog auf mit tönenden Flügeln -- Auf zu dem Ewigen, wo die wiedergefundenen Söhn’ all’ Ihrer harrten mit jubelndem Ruf. Sie knie’ten am Thron jetzt Seligvereint, und weineten dort nur Thränen der Wonne.
Schweigend, mit düsterem Blick verlor sich die Menge vom Marktplatz. Nicht geschreckt, empört war jetzo das Herz in dem Busen Tausender. Muth erweckte der Tod solch’ herrlichen Weibes, Solch’ unschuldiger Söhne Geduld in entsetzlichen Leiden, Hier in dem Herzen des Volk’s. Des Zieles verfehlte der Wüthrich. Heimgekehrt, erzählt’ es der Gatte der Gattinn; die Mutter Sagt’ es den Kindern, bewegt; hinaus auf den stäubenden Heerweg, In die entlegenste Stadt, und die einsamgelegenen Hütten Wälzte der Schreckensruf, wie sturmgeschaukelter Wogen Schwall zum entfernten Gestade, sich fort, und überall hob sich Tapferer Männer Verein, von Juda, dem Makkabäer, Siegbeherrscht in dem Feld: die vaterländischen Sitten Mit dem Gesetz’, und in ihm den Glauben der Väter zu schirmen. Also ward in dem Tod des edeln Geschlechtes Jehova’s Ruhm: der Glaub’ an den Einigen Gott, bei den Menschen verherrlicht.
+Hingebung+-- o, vor allem erhabene, große Gesinnung! Größer, erhabener noch, wenn sie zur muthigen That wird; Freudig der Mensch für den heiligen Zweck sein Alles auf Erden Hingibt; achtet für Nichts das eigene Leben -- auch jenes, Das ihm theuer noch mehr, denn sein’s, hienieden geworden, Opfert, der Pflicht getreu, mit stillverblutendem Herzen, O wer priese sie würdig genug, die erhebende Tugend? Aber vor ihm, des Menschen Sohne, wie schwindet ihr Glanz hin, Der die Gottheit barg in des Menschen sterbliche Hülle; Sich freiwillig selbst erniedrigte so, daß er anzog Knechtes Gestalt; voll Huld, erbarmend, unsere Schwachheit Trug bis zum Tod, gehorsam, zum Tod des erlösenden Kreuzes! O wie undenkbar groß die Hingebung dort vor dem Vater, Die nur der Seraph denkt, und anbethend stammelt in Ehrfurcht. Heil dem herrlichen Greis’, +Eleazar+! Heil auch der +Mutter+ Mit den +Erzeugten+: wie glänzt ihr Nahm’ in dem Buche des Lebens!
IV.
Judas Makkabäus.
+Sieg.+