Perlen der heiligen Vorzeit Johann Ladislav Pyrker's sämmtliche Werke (3/3)

Part 15

Chapter 153,625 wordsPublic domain

Tief in des Gartens Schooß’, im Schatten der säuselnden Palmen, Saß Eleazar, der Greis, und lächelte: heilige Wonne Fühlend über die Stelle des Buch’s, die er eben gelesen. Aber die Stelle hieß: „Und Abraham lud auf den Rücken Isaaks das Opferholz, und hieß die Knechte verziehen. Als er den Berg bestieg, in den Händen tragend das Messer Selbst mit der Gluth: da folgt’ ihm sein Sohn, erkoren zum Opfer, Keuchend unter der Last. Sie gingen zusammen, und schwiegen. Doch nun rief ihm der Sohn: „Mein Vater!“ Und dieser: „Ich höre.“ Isaak begann: „Da seh’ ich die Gluth und das Messer, und nirgend Wies das Opfer sich noch -- wo findest du solches, o Vater?“ Abraham drängte die Thräne zurück’, und sagte beklommen: „Still, mein Sohn: schon wird sich der Herr erlesen das Opfer!“ Aber er sah nicht zurück’, und sie stiegen empor auf Moria. „Himmlische Unschuld,“ dachte der Greis, „ein glänzendes Vorbild Meines Erlösers seh’ ich in dir! Wie selig die Menschen, Welch’, erwählt, zu leiden für ihn, mit heiteren Blicken Wandeln die Dornenbahn zu den Wonnegefilden des Himmels!“ Gar nicht ahnt’ er es noch, wie sein’ die schrecklichsten Leiden Harreten, die er ertrug, ein Held, für den heiligen Glauben Und das hohe Gesetz der gottgefälligen Wahrheit. Sieh’, da kamen die Krieger, gesandt, und pochten gewaltig Fort an die Thüre des still- und einsamlebenden Greises. Freundlich öffnet’ er sie, und begann vor den Staunenden also: „Waffen seh’ ich gezückt, und des Kriegers drohende Mienen? Doch was sollen sie hier, in des Friedens stiller Behausung? Den ihr sucht, ist ferne vielleicht: ihr habt ihn verfehlet.“ „Nein, wir suchen dich, Eleazar!“ so sagte der Hauptmann, Der den Kriegern geboth, „Antiochos, Asia’s König -- Deiner denn auch? entsendet uns selbst, daß wir dich gefesselt Brachten vor seinen Thron und des Volk’s versammelte Scharen. Dort, wie Zeus dein Los mit dem ewigwaltenden Schicksal Ordnete, wird es dir geh’n; verhüllt ist der Himmlischen Rathschluß.“ Lächelnd, sprach Eleazar zu ihm: „Mich willst du, gefesselt, Hin zu Antiochos Thron und des Volk’s versammelte Scharen Schleppen, mich, den zitternden Greis? Ich folge dir willig.“

Also führten sie ihn auf den Markt, wo Syriens König, Sitzend auf goldenem Thron’ im Kreise bewaffneter Krieger Und unzähligen Volk’s, den olympischen Göttern zu Ehren, Opfer zu bringen, geboth, und ihnen durch Spiel’ an dem Festtag Huldigte: denn er gab dem siegenden Lenker des Wagens; Dem, der weit vor allen die lastende Scheibe geworfen; Der mit dem Pfeil, von der Sehne geschnellt, das ragende Ziel traf; Der in dem Faustkampf Gegner besiegt’, und dem hurtigsten Läufer -- Jeglichem gab er den Preis mit eigenen Händen zum Lohn hin. D’rauf begann er, und rief: „Ruhm sey den unsterblichen Göttern Von den Völkern gezollt; gestürzt, und auf immer vernichtet Sey Jehova’s Altar; verflucht, wer diesen verehret, Und dem Tode geweiht in den schrecklichen Qualen der Folter!“

Schauder ergriff das Volk von Jerusalem, als auf dem Marktplatz Dort ertönte des Schreckens Ruf. Schon opferte mancher, Scheuend Folter und Tod, als Feiger, den nichtigen Götzen; Mancher, dem wahren Gott’ Abtrünniger, wurde die Geißel Seines Volks. So Jason, ein Mann unbändiger Ehrsucht, Der des Hohenpriesterthums Würd’ um sündiges Geld nur Sich erst jüngst von dem König erkauft’. In grauser Verwildrung Wüthet’ er gegen das Vaterland und den Glauben der Väter. Dieser haßt’ Eleazar schon lang, deß’ leuchtende Tugend Seiner Seel’ entsetzliche Nacht und die ganze Verruchtheit Seines Gemüth’s noch mehr, noch erschütternder, furchtbarer, zeigte -- Allwärts auch des Würdigen Feind der unwürdige Mensch ist. Aber, von Rach’ empört, weil ihn Eleazar verworfen Von dem Gesetz’, und unwürdig des Hohenpriesterthums nannte, Gab er Antiochos kund: „Eleazar schmähe des Königs Herrschaft laut, und ihn selber, da er hellenische Sitten Rings in dem Land von Israel, er, ein Syrer, gebiethe!“

Jetzt durch drängende Haufen heran auf den wimmelnden Marktplatz Führten die Krieger den Greis, und überall wich ihm, voll Ehrfurcht, Aus die Meng’, und seufzt’: erwägend das schreckliche Schicksal Solch’ ehrwürdigen Mann’s, dem keiner in Israel gleich kam. Jason stand auf den Stufen des Thron’s, und lächelte grimmig Hohn der Höll’ ihm entgegen, und doch vergab ihm der Dulder.

Abgewandten Gesicht’s, des tiefaufgährenden Herzens Wuth zu bergen, und stützend den Arm auf den goldenen Armstuhl, Saß Antiochos dort auf dem Thron’. Er winkte, gebiethend, Jason, dem Frevler, und sprach: „Er opfere jetzt an dem Altar Zeus, dem Beherrscher der Erd’ und des Himmels, dem mächtigsten Gotte, Hier vor dem harrenden Volk’; auch allen unsterblichen Göttern Zoll’ er, anbethend, Ruhm, so wird ihm noch heute vergeben. Säumt’ er, unserem Herrscherwink zu gehorchen in Demuth: Dann auf die Folter mit ihm: in Qualen verhauch’ er das Leben.“ Und sie führten sogleich den Helden des Herrn auf den Kampfplatz.

Gegenüber dem Thron’, auf sieben Stufen erhöhet, Wies sich das Steingebild des Olympiers. Ueber ihm wölbte Eine Kuppel sich auf, von Marmorsäulen getragen. Von dem runden Altar’, an dem Fußgestelle des Götzen Dampfte der Opferrauch empor, und erfüllte den Marktplatz Doch mit der goldenen Bind’ um die Stirn’, und in festlichen Kleidern, Standen die Priester umher, und sangen die Hymne des Opfers. Sieh’, nun stieg der heilige Greis in erschütternder Hoheit, Allen sichtbar, dort auf die oberste Stufe des Tempels; Wandte den Flammenblick, voll unaussprechlicher Anmuth, Nach der starrenden Menge hinab, und es preßte das Mitleid Thränen ihm aus, die schnell von seinen gerötheten Wangen Nach dem Busen hinab in schimmernden Tropfen sich drängten. Doch nun fuhr er betroffen zurück: die geöffneten Lippen Bebten ihm; bald verlosch, bald flammte sein Auge nur heller: Wie der Mond, den, flugs, ein schwindendes Wölkchen verhüllet; Jetzt umschwebt’ ihm den Mund ein Himmelslächeln: er starrte Vor sich hin in die bläuliche Luft -- so däucht’ es dem Volk dort: Denn vom Erbarmer gesandt, war ihm der Himmlischen einer, Uriel, liebend, genaht. Auf goldenen Fittigen schwebt’ er, Eilend, herab. Er trug herbei zwei goldene Becher; Nahte dem staunenden Greis’, und lächelt’ ihm mild in die Augen; Dann begann er, und sprach: „Eleazar, der Jahre schon neunzig Sind dir entfloh’n, und nur zehn erübrigen dir vor dem Grab’ noch! Sieh’, in der Linken dahier die Macht, das irdische Leben Weit hinaus zu dehnen nach Wunsch, und hier in der Rechten Nahen und schrecklichen Tod, doch kommenden Menschengeschlechtern Noch zum Heil und begeisterndem Trost. Was wählst du von beiden?“ Weit vorbog sich der Greis, und zitterte -- bebte vor Sehnsucht Nach dem seligen Augenblick des unsterblichen Lebens. Viel zu gering’ ein Leben voll Schmach -- zu nichtig die Qualen Achtend, und höher schon nichts als den Tod im Segen Jehova’s, Griff er schnell nach des Engels Recht’; entriß ihr den Becher, Hob ihn zum Mund’, und trank, und fühlte sich wundergestärket: Freudig zu kämpfen den Kampf, zu vollenden die herrliche Laufbahn, Und zu erringen am Ziel die lohnenden Kränze des Siegers. Doch der Engel umschlang in höherem Glanz’ Eleazars Nacken, und rief mit erhebendem Blick’: „Ich werde dir nahen, Mutheinhauchend, im Kampf’, und versüßen die Stunde des Todes.“ Also rufend entschwand er schnell in den höheren Räumen.

Jason naht’, ein Stück unrein geachteter Nahrung Ihm in den Mund, mit Gewalt zu drängen, und sagte: „Verzehr’ es, All’ den unsterblichen Göttern zum Ruhm, so will ich dich retten!“ Aber er faßt’ ihn am Arm, und stieß ihn die Stufen hinunter. Als er im schrecklichen Zorn nun flucht’, und tobte vor Ingrimm, Kam Nikanor heran, Feldoberst’ in Syriens Heersmacht, Dem Eleazar einst, huldflehend, am Throne genaht war. Dieser führt’ ihn beiseit’, und sagte mit ängstlichen Blicken: „Herrlicher Greis, gedenke der Zeit, wo wir uns im Burghof König Antiochos, den die Welt den Großen genannt hat, Sahen, und der dich, Gesandten des Volk’s von Israel, ehrte; Denke der Tage denn auch, die uns dort in traulicher Einung Selig entfloh’n, als ich, Eleazars Freund, vor dem König Selber, die Rechte des Volk’s von Israel, wegen des Freundes, Kühn und muthig vertrat, und jenem erwirkte die Freiheit Von unendlichem Druck, von Schmach, und zermalmender Knechtschaft: Solches bedenk’, o Greis, und schone dein Leben, so theuer Deinem Volk, dem Könige selbst, und deinem Nikanor! Schaue den Rettungsweg, und folg’ ihm. Wie das Gesetz dir Gönnet des Fleisches Genuß, laß solches dir holen, und koste Hier, am Altare des Zeus davon -- so handelnd zum Schein nur: Denn der Ruf: du habest der Opferspeise genossen, Macht den König dir hold, und du bist gerettet auf immer. Folge mir. Sieh’, mir rinnet der Schweiß in glühenden Tropfen Von der Stirne herab! Ich weiß es, mit ernster Gesinnung Haltest du fest am ererbten Gesetz... doch will ich dich retten. Schone dein Haupt, das allerverehrete; habe doch Mitleid Mit dir selber, dem Volk’, und dem treugesinneten Freund hier.“

Also sprach er, bewegt, und sein Aug’ umhüllten die Thränen; Doch Eleazar ergriff ihn am Arm’, und führt’ ihn hinüber Nach dem Platz, wo er heute zu steh’n von Jehova erwählt war: Denn er trat zu dem Bild des Olympiers; stand, und bedachte Jetzo den Adel seines Geschlechts; den erhabenen Vorzug, Den sein Alter ihm gab, im Schmuck des grauenden Haupthaars, Und die Jahre gesammt des frommen, unsträflichen Lebens -- Dacht’ es im freudigen Muth’, und sprach zu den Seinen gewendet: „Israels Volk, merk’ auf! Mir both unedeles Mitleid Rettung von Qualen, vom Tod’: Erlaubtes sollt’ ich zum Schein nur Kosten, und mir erheucheln damit ein schmähliches Leben? Ich den Frevel begeh’n? Eleazar, der Lehrer des Volkes, Er, der neunzigjährige Greis, erkaufe sich feig hier Einige Jahre vielleicht, um solchen Preis der Verdammniß? Weise damit der Jugend den Pfad der niedrigen Falschheit, Arger Verstellung und List, und der Wahrheit freche Verachtung Lehre dem zartaufblüh’nden Geschlecht durch sündiges Beispiel, Daß Verwünschung und Fluch im dunkelen Grab’ ihn noch treffe? Nein, ich wähle den Tod von eurem geschwungenen Mordbeil: Denn nicht brächte mir solches Gewinn, so ich jetzo der Menschen Henkergewalt entrönn’, und mich des erheuchelten Lebens Freuete, da ich nicht hier im irdischen Leben, nicht jenseits Gottes furchtbarer Hand entrönn’, ein frevelnder Sünder! Fort in den Tod! Der Abend des heiterentschwundenen Lebens, Und der Himmel im rein- und schuldlospochenden Herzen, Werd’ auch jetzt nicht getrübt durch seelenverderbende Thorheit. Jünglingen will ich zum Muster steh’n, daß sie, fürchtend Jehova’s Zorn allein, nicht fürchten den Trotz des sterblichen Menschen, Der heut’ wüthet, und lärmt, und morgen, verstummt, in dem Grab liegt; Daß sie wandeln die herrliche Bahn, die ich ihnen voranging: Für das Gesetz, das Vaterland, und den Glauben der Väter Freudig aushauchend den Geist im heldenmüthigen Tod nur!“ Sagt’ es, und eilte herab, in den Tod zu gehen, entschlossen. Jason sah mit höhnendem Blick nach dem Helden Nikanor, Der ihm Rettung ersann; doch plötzlich wurde sein Mitleid Umgewandelt in Haß, und sein Erbarmen zur Blutgier Gegen den heiligen Greis, der sein’, so wähnte der Syrer, Spottete. D’rauf erforscht’ er schnell den Willen des Königs, Der im empörten Gemüth’ ihm längst nur Folter und Tod sann, Und jetzt wüthender rief: „In den Tod mit dem Frevler! Zermalmt ihn!“ Alsbald, von dem Altare hinaus zum dunkelen Stadtthor Führten sie ihn, und lautaufweinend, eilte das Volk nach. Doch Eleazar sah auf dem Todeswege vor sich hin Starr, mit flammendem Blick, und höherer Gluth auf den Wangen: Denn der Unsterbliche ging vor ihm her. Nach dem Greise herüber Hatt’ er die huldausstrahlenden Augen gewendet, und streute Himmlische Rosen vor ihm auf den Weg, voll wonnigen Duftes.

Draußen warfen die Wüthriche jetzt Eleazar zu Boden; Streckten die Glieder ihm aus, und schlugen mit eisernen Stäben Ihm die Glieder entzwei. Er rief, vertrauend, zu Gott auf: „Jenseits leid’ ich nicht mehr. Allmächtiger, stärke den schwachen, Bebenden Greis! Du weißt es: nicht wählt’ ich des niedrigen Treubruch’s Schmählichen Rettungsweg -- ich wählte den Tod des Gerechten! Lös’, o, gütig das Band des seel’umengenden Fleisches, Daß sie sich schwing’ empor, und dir auf immer vereint sey!“ Doch der Unsterbliche beugte sich jetzt nach dem sterbenden Greis’ hin, Und ein zitternder Tropfen sank ihm herab aus den Augen, Deß’ ätherischer Glanz des Mitleids innige Wehmuth Spiegelte; kühlt’ ihm sofort die Gluth der thauenden Wangen Sanft mit dem fächelnden Schwung der goldenen Flügel, und haucht’ ihm Muth und Vertrau’n auf den Herrn, in das angsterschütterte Herz ein. Wie von dem Alpengebirg des Morgens schimmernder Nebel Auf g’en Himmel sich schwingt, und schnell in den bläulichen Luftraum Fortzuschweben, sich sehnt; doch hält ihn des ragenden Felsens Scheitel noch fest: er haftet mit zartem Fuß’ auf den Höhen: Also schwebte sein Geist, nun los- von dem Leibe sich ringend, Leis’ empor, da stets ermattender’n Schlages sein Herz schlug, Jetzo nur schwach mehr zitterte, stand -- und ruhte für immer. Doch nun stürzte der himmlische Freund an die selige Brust ihm; Drückte den Seelenkuß, zum Pfand des unsterblichen Lebens Ihm auf den Mund. Sie standen, entzückt, in hehrer Umarmung, Und entschwebten, vereint, den düstern Gefilden des Erdballs.

Seine sterbliche Hülle, vom Staub’ und Blut’ an dem Waldbach Reinigend, trug das Volk mit Thränen hinaus an den Heerweg, Und bestattete sie in dem festummauerten Grab dort.

III.

Die Mutter mit den sieben Söhnen.

+Hingebung.+

„Sage, du Holde mir an: wo weilt Salomone, Hewilas Witwe, die, gesegnet von Gott, als glückliche Mutter Sieben treffliche Söhne gebar, und der Guten sich rühmet?“ Also der Fremdling, der, wie im Flug, zur Thüre hereintrat. Doch Salomone erschrack: sie hielt die Thüre verschlossen Heute wie sonst -- wer öffnete sie? So erregten des Fremdlings Worte nur Furcht und Angst in ihrem erschütterten Herzen.

Unten im stillen Gemach’, in des Abends sinkender Dämm’rung Saß sie allein, fortwebend am Tuch’ aus schimmernder Wolle Für die Braut des ältesten Sohn’s, die sie, nach der Sitte, Selbst ihm erlas, das Herz errathend des schüchternen Jünglings. Jetzt erhob sie sich schnell, und trat dem staunenden Fremdling In erhab’ner Gestalt, voll Würd’, entgegen, und sagt’ ihm: „Sey willkommen in Gott, Salomonen, der Witwe Hewilas; Aber verzeih’, ich rufe dir einen der Söhne zum Dienst her.“ Sagt’ es, und wollt’ entflieh’n, der Männer Gesellschaft vermeidend. Jener begann mit lächelndem Blick: „Zur Lese der Trauben Sandtest du heute die Söhne gesammt nach dem fröhlichen Weinberg; Bald erblickst du sie wieder daheim, und erfreust dich der Guten. Fürchte dich nicht, Salomone! Ich bin ein Diener Jehova’s, Der mich gesandt. Vernimm ein Wort der ernsten Betrachtung Ueber der Gegenwart Verderben dräuende Zeichen, Daß du, mächtig in Gott, ermuthigest dich und die Deinen. Seit hier Syriens Fürst, Antiochos, jeglichen Frevel Wider Israels Volk geboth: Jehova’s Verehrung Schmähend, nur Götzendienst, nur Aberglauben und Unsinn Lehret durch Folter und Schwert, erbebten gar viele der Schwachen; Ließen ab von Jehova dem Herrn, und huldigten, treulos Nichtigen Göttern: zur Angst und Verwirrung der Redlichen selber, Die das Laster erhöht, und die Tugend erniedrigt im Staub, sah’n. Zwar entflammte das Volk der Muth Mathathias, des edeln; Einst, o Tage des Sieg’s, entflieht vor seinen Erzeugten Syriens Macht, und, gerächt an den Wüthrichen, athmet das Land frei! Zwar erhob Eleazars Tod, des redlichen Greises, Tausender Herzen zu Gott, und erweckte Vertrau’n in den Schwachen; Aber nicht rastet der Feind. Noch größ’re Verfolgung bedrohet Israels Reich, bis endlich das Maß des Jammers erfüllt ist, Das Jehova bestimmt’ ob all’ dem Frevel des Volkes. O, wer schirmet es jetzt, wenn wildentbrannt in dem Herzen, Ihm Antiochos Tod und Vernichtung drohet: zum Abfall Von dem Gesetz, von Gott und dem Glauben der Väter es reizend?! Einst erhoben sich wohl hochherzige Männer, und standen, Ihres Volks Erretter, mit Kraft und Muth in Gefahren. Ja, du weißt, auch in deinem Geschlecht, dem zarteren, flammte, Dort noch der Heldenmuth: als Deborah, Judith, und Esther Uebten für Gott und das Vaterland ruhmwürdige Thaten; Doch wo fände sich nun solch’ hoher Sinn und Entschluß noch, Israels Heil durch Hingebung, Muth, und erhebendes Beispiel, Das auch And’re zu Thaten entflammt, und rettet, zu wirken?“

Hell erglänzte der Blick der Horchenden; röthliches Feuer Hob sich von ihrer Lilienbrust auf die blässeren Wangen, Und, die Augen hinab zur Erde geheftet, begann sie: „Gott ist gnädig und mild: weit steh’ ich den heiligen Frauen Nach an Würdigkeit und Verdienst, die jetzo mit Ehrfurcht Nannte dein Mund; nicht wagt’ ich, so den grausen Gefahren Selber entgegen zu steh’n -- zu vollführen das Kühne mit Mannssinn; Aber Gott verläugne ich nicht, und sollte des Henkers Mordbeil über dem Haupte mir schweben, und fallen! O Fremdling, Oft aufjubelte mir das Herz, wenn ich in der Mitte Meiner Kinderchen ging, und das Volk in den Straßen mir nachrief Segen und Heil -- mit den Fingern wies auf die glückliche Mutter! Wahrlich, ich bin’s! Mein Stolz, mein Alles, stehen Hewilas Söhne, des Guten, vor mir. Fromm sind die Kinder geworden, Die ich einst unter dem Herzen trug, dann säugte mit Sorgfalt, Und im Gesetz’ erzog, vor Gott unsträflich zu wandeln; Aber ich weihe sie freudig dem Tod, wenn die Ehre Jehova’s, Und die Rettung des Volkes es heischt, und wäre nur elend, Stürben sie nicht, getreu dem Gesetz, mit Muth und Ergebung.“

Jener trat zu ihr hin. Er sah mit verkläreten Blicken Ihr in das Aug’, das schnell erblindete; faßte die Recht’ ihr, Mächtig, daß Himmel und Erd’ ihr schwanden, und sagte mit Nachdruck: „Halte, o Treffliche, Wort: wir sehen uns wieder im Lichtreich, Wenn, Jehova getreu, dein Geist von der Erde sich aufschwingt.“ Rief es in Hast, und entschwand. Nun ging Salomone, vor Schrecken Stöhnend, gegen die Thür’, und öffnete sie, noch erblindet Vor dem Strahlenblick des Unsterblichen: aber es sank ihr Dort von den Augen der dunkele Flor. Sie suchte den Fremdling Rings mit ängstlichem Blick’, und nirgend war er zu schau’n mehr.

Sieh’, da kehreten, Arm in Arm, die Söhne Hewilas Von dem Lande zurück’, und umringten die stattliche Mutter, Sie liebkosend mit Gruß und Kuß, und den zärtlichsten Nahmen! Doch sie erwiederte nicht die Zeichen der Lieb’ und Verehrung Ihrer Erzeugten; nicht sah die Erschütterte jetzo den Jüngsten, Ihren Liebling, noch an, und forschte, voll Hast, nach dem Fremden, Welcher so eben das Haus verließ, und ihnen begegnet’? Aber sie sah’n mit Staunen nach ihr, die Frage verneinend. Langsam ging sie zurück’ im Kreise der schweigenden Kinder, Schweigend selber, und d’rauf in der dämmernden Stube begann sie: „Wunderbar sind die Wege des Herrn! Er sandte den Engel: Denn kein Sterblicher war’s, uns, sein’ Erwählten, zu warnen, Und zu stärken im Kampf für Israels Heil, und im Tod selbst Für das Gesetz und das Vaterland, wenn solcher uns drohet. Eilt, ihr Lieben, zur Ruh’. Ich will nun wachen, und bethen.“ Und sie entzog sich, bewegt, den Augen der trauernden Kinder.

Als von dem östlichen Himmelsthor die freundliche Sonne Hell in die Kammer schien, da sah’n die Erwachten die Mutter Draußen im Laubengang des weitverbreiteten Gartens Steh’n, umringt von der Schar bewaffneter Krieger, und stürzten Alle zur Thüre hinaus, die Theure zu retten, entschlossen. Aber sie rief alsbald mit erheitertem Blicke zu ihnen: „Höret mich! Uns gebeut Antiochos Wille, des Königs, Heut noch vor dem Gericht zu entsagen den Satzungen Moses: Also dem heiligen Bund des einigen Gottes, Jehova, Daß abtrünnig von ihm, wir huldigen nichtigen Götzen, Und verhöhnen die Treu’ und den Glauben, die Tugend und Wahrheit. O, ich seh’ in dem Flammenblick von Hewilas Erzeugten Schimmern den Heldenentschluß, der, hier das Leben verachtend, Lieber sich wählet den Tod, als daß er noch fröhnte dem Laster! Knieet zu mir! O laßt uns jetzt in des heiteren Morgens Sanftumströmendem Hauch’ und im Licht der strahlenden Sonne Fleh’n zu Jehova, dem Herrn: „Errett’ uns, Gott, aus dem Jammer; Oder gib uns den Muth, zu erdulden die Qual und den Tod selbst Mit Ergebung, eh’ wir, den Schwachen zum sündigen Beispiel, Treulos weichen von dir, und erwählen die Pfade der Hölle!“ Und die Söhn’ aufschrieen zugleich: „So sey es, Jehova!“

Also betheten sie; doch jetzt erhoben sich alle, Heiteren Blick’s, und gingen im Kreise bewaffneter Krieger Eilig, die Wandelbahn entlang, nach der Straße hinunter. Als Salomon’, im Vorübergeh’n, die Kammer erblickte, Wo sie die Kinder gebor’n, und gesäugt, und mit Liebe so Vieles Duldete, dort die hülfebedürftigen Kleinen zu warten; Wo ihr auch mit dem Gemahl, dem redlichen, selig des Lebens Jahr’ entfloh’n: da umhüllten ihr Aug’ untadlige Thränen; Doch sie trocknete schnell ihr Aug’, und schritt nach dem Markt hin.

Staunend ersah das Volk die Herrliche: denn sie verließ nur Selten das Haus, seit ihr der geliebte Gatte gestorben -- Staunend, die Söhne gesammt, in der Mitt’ unmenschlicher Krieger. Stets verengten sich mehr die volkdurchwimmelten Straßen. Tausende folgten der heiligen Schar auf den tosenden Markt nach, Wo Antiochos selbst auf dem festlichprangenden Erker, Sitzend im Feiergewand, der Kommenden harrte mit Sehnsucht: Denn er hörete jüngst, da er nächtlich die Straßen, vermummet, Durchzog, rühmen die Mutter zugleich und die frommen Erzeugten, Die, des Vaters beraubt, mit inniger Treu’ und Ergebung, Hingen an ihr, und die Muttersorg’ ihr liebevoll lohnten.

Aber, o welch ein Anblick schreckt die umdrängenden Menschen? Hier Zeus Altar; dort Werkzeug’ entsetzlicher Folter: Räumige Kessel, mit Pech und brodelndem Oehle gefüllet, Hängend über der Gluth, auch hellroth glühende Zangen, Und an dem ragenden Pfahl die schmählichen Band’ und die Geißel. Chusim begann, der Feldherr, jetzt im Nahmen des Königs: „Hört es, Bewohner der Stadt, wie huldvoll Asia’s Herrscher Sich den verblendeten Frevlern erweist! Preiswürdige Männer Klagen die Mutter hier, und die Söhne, gesammt, vor Gericht an: Daß Antiochos Ruhm sie lästerten, welchem die Götter Weisheit und Macht verlieh’n vor allen sterblichen Menschen. Nun, da er Israels Volk aus Schmach zu erheben gedenket, Das ob Moses Gesetz verachtet, und allen verhaßt ist, Will er noch ein- und zum letztenmal den sträflichen Söhnen Und der Mutter Vergebung und Huld aus der Fülle der Großmuth Spenden: wenn sie dort dem Vater der Götter und Menschen, Ihm, dem olympischen Zeus Kronion, zugleich mit uns andern, Weihrauch streu’n auf die Gluth, und ihn anbethen, knieend, in Demuth. Sollten sie nicht? dann -- seht die Peiniger, werden die Thoren Hier aus der Zahl der Lebenden, heut noch, entsetzlich, getilget! Makab, Erstgeborener, komm’, und opf’re dem Gotte Freudigen Muth’s! Du sollst den jüngeren geben ein Beispiel Schuldiger Treu’ und Folgsamkeit, vor dem Könige selber. Fragen will ich dich nur, ob Trotz und Empörung dir Vortheil...“