Perlen der heiligen Vorzeit Johann Ladislav Pyrker's sämmtliche Werke (3/3)

Part 12

Chapter 123,674 wordsPublic domain

Moabs tapferer Fürst entboth die erlesensten Scharen: Kühn zu begegnen der Macht der drei verbündeten Fürsten. Zahllos standen umher an den Marken die rüstigen Männer Moabs; aber auch wankende Greis’ und Jünglinge harrten, Kampfgefaßt, und bereit zum Sieg’ und zum Tode, des Feindes. Als in dem Morgenroth den wachebesorgenden Kriegern Dort die röthliche Fluth ein See von gährendem Blut schien, Griffen die Jünglinge, Männer, und Greis’, im Lärm und Getümmel Schnell zu den Waffen, im Wahn: die jüngst verbündeten Scharen Hatten, entzweit, sich gemordet im Kampf’, und drüben das Blachfeld Also bedeckt mit Blut. Sie rannten heran an das Lager, Rufend: „Moab, dein ist der Sieg, nun sammle die Beut’ ein!“ Aber Juda, vereint mit Israel, brach auf die Gegner Los mit des Sturmes Gewalt, und so, wie er wüthet im Eichwald, Zahllos schleudernd herab von der Wurzel die krachenden Stämme: Also warf das verbündete Heer mit der Schärfe des Erzes Tausende hin: entsetzlich war der Getödteten Anblick. D’rauf verfolgten sie mit empörterer Wuth die Verzagten Rasch durch Moabs Flur; verstopften die rieselnde Quelle; Deckten den Acker mit Sand und Gestein, und zerhieben des Gartens Fruchterzeugenden Baum, wie Elisa, der Seher, verkündet. Kir-Hareseth,[3] die Königsstadt (unzählige lagen Schon verwüstet im Schutt) von ragenden Mauern umfangen, Barg in dem Felsenschooß die Flüchtigen. Mesa, der König, Both den Schleuderern Trotz, und schlug die stürmenden Scharen Muthig zurück; doch jetzt, so viele der Gegner auch sanken, Schwand ihm jegliche Hoffnung dahin. Im nächtlichen Dunkel Sucht’ er mit tapferem Volk, das kühn dem Tode sich weihte, Durchzubrechen -- umsonst! Da trübt’ ihm den Geist die Verzweiflung: Denn nicht dienend dem Herrn, Jehova, dem einigen Gotte, War das Gesetz ihm fremd des Ewigen. Kostbares Blut nur Könne die Götter allein, so wähnt’ er thöricht, versöhnen: Nahm den einzigen Sohn, den Erben des Throns, und erwürgt’ ihn, Opfernd, im Angesicht des umlagernden Heer’s, auf der Mauer. Josaphats mildes Herz erbebte dem gräßlichen Anblick; Gimal schäumte vor Zorn: sich schnell von Israels König, Der sie entboth zu dem furchtbarn Kampf’, und den Jammer herbeirief, Trennend, zogen sie heim, und Moab athmete freier.

Freudig ging Elis’ aus Sunems[4] lachenden Fluren Nach dem Karmel hinauf. Er hatte der Witwe so eben Rettung verschafft, da zwei holdblühende Söhne der Schuldherr Ihr entriß, auf dem Markt sie feil zu biethen, entschlossen: Denn kaum faßten die Krüg’ die unendliche Menge des Oehles, Das, von Jehova erfleht, der Dürftigen schaffte die Lösung. Aber in Sunem fand der Prophet stets freundliche Herberg’ Bei dem redlichen Paar, das dort Jehova mit Ehrfurcht Dienete; nur vermißt’ es im Glück sich mehrenden Wohlstand’s, Noch den Erben, betrübt. Nun wurde der Wunsch ihm gewähret: Denn Elisa erbath den überseligen Aeltern Von Jehova den Sohn, der blühender Schönheit heranwuchs.

Draußen im Aehrenfeld’, umgeben von fröhlichen Schnittern, Saß der Vater im Schatten des Baums, und blickte mit heißem, Innigem Dank’, empor zu dem Ewigen. Goldener Aehren Fülle wogte vor ihm, und heiter lachte die Zukunft. Siehe, da lief der muntere Knab’ in der Schwüle des Mittags, Sehnlich, zum Vater hinaus; er drückte die glühenden Wangen Ihm an die Brust, und der Vater wiegt’ ihn mit Lieb’ auf den Knieen! Plötzlich entfuhr: „Weh’ mir!“ den erblassenden Lippen des Knaben, Und er sank, wie entseelt im Schooße des Vaters zusammen. „Trage sogleich,“ geboth er dem Knecht’, „ihn heim zu der Mutter: Denn der Knab’ erkrankte, vom Strahl der glühenden Sonne Schwer getroffen am Haupt’: er wird in der Kühle gesunden.“ Alsbald eilte der Knecht mit der theuren Last zu der Mutter, Heim. Dem Bebenden schien: nicht athme das liebliche Kind mehr.

Bleicher, denn ihr verblichener Sohn, und stumm vor Entsetzen, Hob ihn die Mutter sofort auf den Arm, und mit zitternden Knieen Stand sie, gefoltert von Angst, die noch die Thränen zurückhielt; Starrete bald auf das Kind, und bald, um Erbarmen und Rettung Flehend, empor zum schweigenden Himmel. Die Augen verglommen Ihr, wie die Stern’ im Herbst, die ein fliehender Nebel verhüllet, Als sie voll Angst dort stand; doch plötzlich flammten sie hell auf. Ihres Jammers Nacht durchfuhr ein leuchtender Blitzstrahl: Rufen wollte sie laut, und die bebenden Lippen bewegten Sich nur leis’. Im Geist’ ermuthiget, flog sie die Treppen Aufwärts nach dem Gemach’ im Obergebäude des Hauses, Das dem Propheten sie einst erbaut’, und mit schicklichem Hausrath Selber versah. Sie legte das Kind mit verwendeten Blicken Auf sein Lager; verschloß die Thür’, ermuthigt, und eilte Schnell nach dem Aehrenfeld, wo ihr Gatt’ in den Reihen der Schnitter Schaltete. „Heiß’ mir den Knecht,“ sprach sie mit verhaltenen Thränen, „Eilig das Saumthier jetzt aufsatteln: denn zum Propheten Drängt mich ein wichtig’ Geschäft; bald kehr’ ich wieder von dort heim.“ Jener staunte dem Wort: nur im Neumond, oder am Sabbath, Ging sie sonst, aus dem Mund des Propheten, die Worte des Heiles Von Jehova dem Herrn und seinem Gesetze, zu hören; Winkte dem Knecht’, und bald empor den ragenden Karmel Trabte das Saumthier hin, geleitet vom redlichen Diener Sorglich am Zaum’, und tragend die Frau zur Wohnung Elisa’s.

„Siehe, die Sunemitinn kommt,“ so sprach zu Ghiesi, Seinem Knecht, der Prophet, „lauf’ ihr entgegen, und frage: Steht es noch gut mit dir, mit dem Gatten, und gut mit dem Knaben?“ Hurtig nahte der Knecht, und stellte dem Weibe die Fragen; Doch sie, die erst zuvor den emsigen Führer des Saumthiers Rastlos fort zum ersehneten Ziel, des frommen Propheten Wohnung, eilen hieß, vernehmend die schrecklichen Fragen: „Steht es noch gut mit dir, mit dem Gatten, und gut mit dem Knaben?“ Dachte zu sterben vor Schmerz, und dennoch heftete fester Sie die Blicke zur Erd’, und sprach mit erzwungenem Laut: „Gut.“ Jetzt erreichend die Höh’n, wo im Schatten des säuselnden Ahorns, Dicht an Felsen gelehnt, die Hütte des frommen Propheten Ruhete, sprang sie vom Sattel herab, und stürzte, vergehend, Hin in den Staub; umfaßte die Knie’ Elisa’s, und schluchzte. Aber Ghiesi (wie oft die Diener der besten Gebiether, Hart und grausamgesinnt, vor Flehenden schließen der Großmuth Milderöffnetes Thor) sprang näher, und wollte mit Unmuth Sie wegdrängen von ihm. „Laß’ sie,“ so rief ihm Elisa, Zürnend, „ihr Mutterherz beschwert unendlicher Jammer. Zwar enthüllete mir Jehova’s heilige Stimme, Was da gescheh’n, noch nicht; doch Schreckliches kündet ihr Aug’ an.“ „Ach!“ so jammerte laut die Unglückliche, „hast du den Sohn mir Selber nur darum erbethen von Gott, daß ich, elende Mutter, Seiner so frühe beraubt, vergehe vor schrecklichem Herzleid? Weh’, nun liegt er entseelt! Wer rettet vor Angst und Verzweiflung?“ Schweigend ging Elisa von ihr in die trauliche Hütte; Weilete nicht, und kam, in der Rechten tragend das Stäbchen, Von Tamariskenzweig geschnitzt, und gedörret mit Vorsicht Dann an der Gluth, daß es, leicht, aufflog im Hauche des Windes. Dieses reicht’ er dem Knecht’, und sprach mit gebiethender Stimme: „Gürte dich schnell; dann rastlos fort in die Mauern von Sunem! Wohl ist des Grüßens und Dankens kein End’ auf bewanderten Pfaden: Stets von neuem beginnt der Wanderer, gehet, und kehret Wieder zurück’, und grüßt, und dankt, der Sitte geziemend;[5] Aber nicht wollest du jetzt des Grußes und Dankes gedenken, Bis du erreichest das Haus der tiefbekümmerten Mutter. Dort auf das schlummernde Kind dann legst du den Stab, und bemerkest: Ob er, leicht, wie ein schwebender Flaum, auf dem Herzen des Kindes Steiget, und sinkt, und ob er, vom Hauche des Mundes beweget, Noch das Zeichen dir gibt vom tiefverborgenen Leben?“

Jener gürtete sich, und ging. Da stürzte die Mutter Aengstlicher denn noch zuvor, zu den Füßen des Sehers; umschlang ihm, Weinend, die Knie’, und rief: „So wahr Jehova, des Weltalls Gott, uns siehet, und hört, ich weiche von dir nicht, erwählter, Machtbegabter Prophet, bis du nicht, erbarmend, mir folgest!“ Rief es, und hob die Augen zu ihm mit erschütternder Angst auf. Aber er gürtete sich, und folgte der weinenden Mutter Schnell nach Sunem hinab. Da kam, unferne dem Stadtthor, Ihm, unmuthigen Blick’s, Ghiesi entgegen, und sagte: „Siehe, was half mein Laufen herab in die Wohnung des Todes So, daß der Athem mir stockt’, und in Strömen der glühende Schweiß rann? Was der Stab, auf den Todten gelegt, und all das Erforschen: Ob er, leicht, wie ein schwebender Flaum, auf dem Herzen des Kindes Steiget, und sinkt, und ob ihn des Mundes Hauch noch beweget? Denn da war kein Laut, kein Leben, Gefühl und Empfindung!“

Finster blickte der Seher nach ihm, und eilte die Stufen Aufwärts, schnell zu der Kammer hin, wo auf wolligen Decken Lag das verblichene Kind, in todannahender Ohnmacht. Jetzo verschloß er die Thüre, daß ihn die erschütterte Mutter Nicht im Gebeth zu Jehova, dem mild Erbarmenden, störe; Sank auf die Knie’, und rief: „Ach, Herr, nicht verschmähe das Flehen Deines Dieners im Staub! Lass’ wiedergenesen das Kindlein, Liebenden Aeltern zum Trost’, und deinen Verehrern zur Stärkung Hier in dem Glauben an dich, den gütigen Vater im Himmel!“ Rief’s, und streckte, wie ihn sein liebender Meister gelehret, Auf den Knaben sich aus. Er preßte den Mund auf den Mund ihm; Auf das Auge das Aug’, und hielt die erstarreten Händchen, Mitten im heißen Gebeth’ und vertrauendem Muth zu Jehova, Fest in die Hände gedrückt, bis er dort auf dem Lager erwärmt war. Siehe, da löste das Band des gehirnumstrickenden Uebels, Durch Jehova’s Huld, zur Wonne des heiligen Sehers, Plötzlich sich auf: denn siebenmal laut nieste das Kind jetzt; Oeffnete, lächelnd, die Augen, und sah in der dämmernden Kammer, Staunend, umher, erhob sich, und saß auf den Knieen Elisa’s. Aber er herzte das Kind, und rief in die Halle: „Ghiesi, Leite die Sunemitinn herauf in die Wohnung des Lebens!“ Und mit geflügeltem Schritt, von Angst und Hoffnung getrieben, Stürzte die Mutter herein in die Kammer. Sie schrie, zu dem Himmel Hebend die zitternden Händ’ empor, den jauchzenden Dankruf, Als den Sohn sie erweckt, im blühenden Leben erblickte; Drückt’ ihn fest an die Brust, und küßt’ ihn, und sank zu den Füßen Seines Erretters hin, und weinete selige Thränen. D’rauf, der Stimme beraubt vor Wonn’, und der Kammer enteilend, Trug sie ihn auf dem Arm dem kehrenden Vater entgegen.

Hinter dem fernen Gebirg verglomm der freundlichen Sonne Allbelebender Strahl; der Puls des geschäftigen Lebens Ruhete; Grau’n der Nacht umhüllte die schweigenden Fluren Rings, und der hohe Prophet sah lang’ aus der einsamen Kammer Nach den Sternen empor. Ernstweckende Todesgedanken Regten den Busen ihm auf. Jetzt rief er in wechselnder Stimmung: „Tag, und Nacht, wie Leben, und Tod. Zur dunkelen Grabsnacht Sinkt das Leben hinab, und ewige Schauer umhüllen Seinen schnellverlöschenden Glanz. Doch, ewige Schauer? Nein! Mein Heiland lebt, ich weiß es: am jüngsten der Tag’ einst, Werd’ ich erstehen vom Staub’, im hellverkläreten Leib’ ihn Anzuschaun, ihn selbst, auf den ich gehofft, den Erbarmer![6] Wäre das nicht? -- wie schrecklich! Noch heut, wie hüpft in den Adern Mir das kreisende Blut, wie leicht bewegen die Glieder Sich umher, wie schau’ ich so munter hinaus in des Lebens Buntes Gewirr, wie erfüllet mein Ohr der lieblichste Laut noch; Aus der Brust so kräftig, so hell erschallet des Wortes Völkerbewegende Macht, und morgen?... liegt auf dem Bahrtuch Starr, und weiß, und erkaltet die Leich’, und bald, wie entsetzlich Anzuschau’n, zerfällt sie in grausenumhüllter Verwesung!“ Nun verstummt’ er wieder, und sann; doch endlich begann er: „Hohes erringet des Menschen Geist auf dem Pfade des Lebens, Schauend in sich, um sich her, und empor zu dem ewigen Urlicht, Und es erfüllen sein Herz die Empfindungen heiliger Tugend, Wenn von jenem erhellt, nach jeglichem Guten und Wahren Strebt hienieden Vernunft und Wille in würdiger Freiheit... Dieses von ihm, dem verwesenden Fleisch, verschiedene Wesen: Seele, unsterblicher Geist, wohin entflieht es -- und kehret Nimmer, nimmer zurück’, uns Sterblichen Kunde zu bringen Von dem furchtbarn Jenseits, das in Dunkel gehüllt ist? Einst, o Seligkeit, wird der Erstgeborne der Todten[7] Ruh’n drei Tag’ in dem Felsengrab’, und am dritten erstehen! Dann erschallt ein Ruf, daß des Erdballs Vesten erzittern! „Ha, vernichtet im Sieg’ ist der Tod, vernichtet auf immer: Wo ist dein Sieg, o Tod? dein grausamer Stachel, o Tod! wo?“[8]

Zweiter Gesang.

+Unsterblichkeit.+

Schaurig wehte der Morgenwind, als, kehrend, Elisa Gilgals dunkeles Thor durchwanderte, heute die Schüler Wiederzuseh’n, ihr stets voll Huld annahender Meister. „Kinder,“ so sprach er im traulichen Kreis’, „ich finde doch Vorrath? Kühl ist des Morgens Hauch, den Wanderer quälet der Hunger.“ Traurig entgegneten sie: „Du weißt, erhabener Lehrer, Daß wir darben im Land der Götzendiener! Versucht uns Etwa dein Wort? Ein Gericht bereiten wir freilich am Feuer. Seltsam ist es indeß. Ein Rüstiger brachte vom Saatfeld Koloquinten uns heim, so viel ihm faßte der Mantel. Hunger geboth es. Versuch’ auch du die dürftige Nahrung.“ Und sie brachten den Topf, und kosteten einigen Aufrufs: „O der unseligen Frucht voll bitter’n, giftigen Saftes!“ Auf zu Jehova sah, voll Trost und Hoffnung, Elisa; Nahm des Mehles, so viel er hielt in der segnenden Rechten, Warf’s in den Topf, und sprach: „Nun esset davon, und erquickt euch.“ Sieh’, und das Giftgewächs, in köstliche Speise verwandelt, Labte die hungernde Schar: sie pries die Güte Jehova’s!

Aber er saß verkläreten Blick’s: aus der heiligen Zukunft Wies ein hehres Gesicht ihm weit erhabnere Wunder. „Dort auf den luftigen Höh’n des grasumwucherten Berges Saß, im traulichen Kreis’ zwölf eifernder Schüler, der Meister (Göttlich zu schau’n) und, rings, an der Zahl viertausend gerechnet, Hungriges Volk, das ihm, dem Lehrer zu horchen, gefolgt war. Einer der Schüler enthüllte den Korb, und sagt’ ihm bekümmert: „Nur fünf Brote darinn mit zwei gerösteten Fischen.“ Aber der Göttliche hieß das gesegnete Brot mit den Fischen Theilen unter die Schar der Hungernden. Sieh’, und gesättigt Wurden sie alle, nach Herzenslust! Zwölf muntere Knaben Eilten mit Körben umher, und sammelten, was noch erübrigt.“[1] Ihm ein Vorbild, sah Elisa, mit Demuth im Herzen, Jetzt in die Halle hinaus. Der Ruf erscholl in dem Land dort, Daß er in Gilgals Mauern erschien, die Schüler zu trösten. Alsbald bracht’ in dem Reisesack ein redlicher Landmann, Aehren herbei, die er erst von den grünenden Halmen geschnitten -- Zwanzig Gerstenbrote zugleich, als Geschenk dem Propheten. Aus den Straßen der Stadt nachfolgten ihm hundert der Armen, Bis in die Hall’, und harreten; doch der heilige Seher, Schauend die hungernde Schar, geboth dem Knechte Ghiesi: „Röste die Aehren mit Oehl’ auf der Gluth, nach der Sitte des Landes, Und vertheile sie gleich mit dem Brot’ an das dürftige Volk da.“ Mürrisch sagte darauf der hartgesinnete Diener: „Herr! wie soll ich das Brot an hundert Menschen vertheilen, Selbst mit den Aehren, geröstet in Oehl? Kaum reicht es für zeh’n hin.“ „Thue,“ so sprach Elisa erzürnt, „wie ich sagte: Jehova’s Stimme geboth’s. Gesättiget wird das Volk aus der Halle Gehen; erübrigen noch des Vorraths, und preisen Jehova.“ Also geschah’s: denn sie aßen, erübrigten, priesen Jehova.

Eilenden Schrittes begab sich zur Königsstadt Samaria Jetzo der Seher hinauf, wo ihm Sulmal, Jehova’s Verehrer, Stets ein freundliches Obdach both. Da scholl auf dem Heerweg, Dumpf der Wägen Geroll’, und des Rosses eiserner Hufschlag Tönte die drönenden Straßen entlang: denn Hunderte nahten Heute zum Ehrengefolg dem syrischen Helden, Naeman, Den der König von Syrien hoch vor jeglichem ehrte, Weil er Israels Macht gebändiget. Aber sein Leib war, Lange vom Aussatz[2] weiß wie der Schnee, und Syriens Aerzt’ all’ Wußten nicht Hülfe, nicht Rath, so viel er des Goldes gespendet. Sieh’, da sprach die Magd, ein israelitisches Mädchen, Das er gefangen geführt nach Syrien, so zu Naemans Gattinn: „Ginge mein Herr nur nach Samaria, zum Seher, Wahrlich, er würde geheilt von der abscheuweckenden Krankheit!“ Solches vernehmend, kam, mit reichlichen Schätzen versehen, Nach Samaria, der Königsstadt, Naeman gezogen; Brachte vom König die Schrift dem Könige: daß er vom Aussatz Heile den Liebling ihm. Da schrie, betroffen, der Herrscher Israels, sich an der Brust zerreißend das Kleid vor Entsetzen, Laut auf: „Bin ich denn Gott? -- allmächtig über des Menschen Leben und Tod? Ach, ich ihn heilen vom schrecklichen Aussatz? Gott vermag es allein! Ihr seht, daß Syriens König, Sinnend von neuem nur Krieg und Verderben, uns also verhöhne.“ „Mög’ er kommen,“ so sprach Elisa, den Jammer vernehmend, „Und erfahren, daß ein Prophet in Israel lebe, Den Jehova’s Huld verherrlichet: sagt es dem König.“ Aber der Feldherr kam, und hielt vor der Wohnung Elisa’s: Hier in dem Land’ +unrein+, von den Reinen geschieden, durch Satzung.[3] „Eile hinaus,“ so rief der Herr zu Ghiesi, „und sage: Daß in des Jordans heilige Fluth sich tauche der Fremdling Siebenmal -- er werde genesen vom schrecklichen Aussatz.“

Als Naeman die Worte vernahm, da ergrimmt’ er im Herzen: Schon entrüstet zuvor, weil ihm vor dem Volke der Seher Nicht, wie er solches gehofft, der allumschmeichelte Günstling, Huldigte. Jetzt fuhr er mit stolzem Gefolg’ aus den Mauern Von Samaria, der Königsstadt, und erblickend den Jordan, Hielt er nahe dem Strom’, und rief mit empörterem Unmuth: „Ha, wie war ich ein Thor nach Israels Landen zu ziehen, Hoffend, der Seher erscheine vor mir, ein mächtiger Helfer; Lege die Hände mir auf, und dann zugleich zu Jehova Flehend, zu seinem Gott, mir erwirke die holde Genesung? Nein, er sprach: in den Jordan soll ich mich tauchen. Wie thöricht! Ist Pharphars und Amana’s Fluth,[4] unferne Damaskus, Minder heilsam denn sein’? Ach, grausam täuschte die Hoffnung!“ Also rief er, ergrimmt. Da sprach ein redlicher Diener, Flehend, zu ihm: „Gehorche dem Wink des erhab’nen Propheten; Steig’ in die Fluthen hinab! Wohl Schwereres hätt’st du erduldet, Wenn sein Mund es geboth, ob freudiger Wiedergenesung.“ Jener besann sich, stieg in den Jordan hinab, und, die Glieder Siebenmal mit neuerregtem Vertrau’n in die Wellen Tauchend, ward er rein. Wie die Glieder des blühenden Säuglings Glänzen, so wurd’ er gereint in dem Jordan, und völlig geheilet. Freudig kehrt’ er mit seinem Gefolg zur Wohnung Elisa’s; Naht’ ihm thränenden Blick’s, und sprach: „Fürwahr, ich erkenne: Nur Jehova ist Gott, in seiner unendlichen Allmacht, Dessen Wege du lehrst, und zu dem du Verirrte geleitest! Nimm dieß Geschenk von deinem Knecht’, erhabner Prophet, an!“ Aber so dringend er bath, Elisa nahm das Geschenk nicht.

Sinnend stand Naeman vor ihm, und sagte zum Abschied: „Gebt mir Erde von hier, der heiligen, daß ich den Altar Baue Jehova daheim, und auf ihr ihm opfere. Mög’ er Mir nicht zürnen, da ich dem Könige folg’ in dem Tempel Rimmons[5] auch hinfort, und die Hand ihm biethe, sein Feldherr, Wann auf das Antlitz geworfen, er dort anbethet den Götzen.“ „Wehe dir,“ dacht’ Elisa im Geist, „daß unseren Staubes Du, Jehova zu opfern, bedarfst, und die ehrende Stelle Wichtiger als sein Ruhm dir ist -- noch irrst du im Dunkeln!“ Dacht’ es, und wandte sich schnell, und rief, abgehend, ihm laut zu: „Kehre beglückter heim; dich leite Jehova im Segen!“

Als Naeman jetzt auf dem Heerweg ferne dahinschwand, Eilte Ghiesi ihm nach. „Mein Herr,“ so sprach er für sich hin, „Nahm die Geschenke Naemans nicht: ich werde sie nehmen.“ Ihn erblickend, sprang aus Ehrfurcht für den Propheten Syriens Feldherr schnell aus dem Wagen, und fragte betroffen: „Steht noch Jegliches wohl?“ „So steht es,“ entgegnete jener, „Aber von Ephraims rauhem Gebirg’ anlangten so eben Zween, mit Jammer und Noth hartkämpfende Schüler. Elisa Sendet mich, flehend, zu dir: du mögest für beide, des Silbers Ein Talent, und zugleich zwei Wechselkleider ihm spenden.“ „Nimm hier doppelt so viel,“ begann mit Freude Naeman, Und geboth alsbald, daß zween der rüstigen Krieger Trugen vor ihm einher die Geschenke zur Wohnung Elisas; Aber der Falsch’ entließ die rüstigen Männer im Thalweg; Barg die Geschenk’ im Haus’, und ging dem Seher zu dienen: Lügend die heitere Stirn’, als sey kein Frevel geschehen. Aber Elisa’s Blick durchdrang die Seele des Heuchlers. Als er begann: „Wo warst du?“ und er: „Ich -- wo?“ mit Erstaunen Fragt’, und that, als sey er daheim gewesen die Zeit her, Ha, da sprach Elisa zu ihm: „Hab’ ich nicht im Geist’ erst Einen geseh’n, der schnell vom Wagen sprang, und entgegen Eilte dem Knecht? Das also die Zeit, um Gelder und Kleider Sich zu schaffen durch Trug, und dafür zu erlangen den Hausrath Dann mit dem Hause zugleich, um den üppigen Lüsten zu fröhnen? Siehe, weil du Jehova’s Ruhm vor den Heiden verhöhnt hast, Und des Falschen mich ziehst, ein Heuchelnder, sollst du vom Aussatz Schwellen -- die Deinen mit dir: zur Strafe der schändlichen Läst’rung.“ Jener eilte davon, mit dem furchtbar’n Uebel behaftet.

Aber Elisa ging an des Jordans rauschenden Fluthen, Einsam, nach Dothan[6] hinab, der Stadt, die auf Felsen erbaut war. Dort an dem Ufer, im Hain, hinstreckten so eben die Schüler Schlanke Stämme zum Bau des verfallenen Hauses, und riefen, Lächelnden Blick’s, jetzt auch den nahenden Meister zur Arbeit. Einer der Schüler hieb mit verstärkter Kraft in des Baumes Wurzel: da flog das Beil vom Stiel’, und sank in das Wasser. „Wehe,“ so rief der Dürftige laut, „das Beil ist verloren, Das ich geborgt: ich darb’, und Ersatz gebühret dem Eigner!“ Schnell erfüllte die Brust des Sehers ein heiliges Mitleid Wegen des armen: er hob die flehenden Blicke zum Himmel; Faßte den Wipfel des Baums, entblößt’ ihn rings von den Aesten, Schleudert’ ihn tief in den Strom, und, siehe, die wirbelnden Fluthen Wälzten das Beil von dort nach dem sanftaufsteigenden Ufer! Aber der Seher ergriff’s, und gab es dem jubelnden Schüler: Immer bedacht, Vertrau’n und innige Liebe zum wahren, Einigen Gott in der Brust trostdürftiger Menschen zu wecken.

Bald ergoß sich Benhadads Macht, des syrischen Fürsten, Ueber Israels Reich; doch Joram, der König, empörte Seine Völker zum Widerstand’, und häufiges Blut floß. Heimlichen Ueberfall geboth im nächtlichen Kriegsrath Seinen Erwählten der Hort von Syrien. Aber Elisa Warnte Joram, und sprach: „Bei Dothan werden sie kommen.“ D’rauf von diesem und jenem Ort, wo Gegner Verderben Brüteten, gab er zuvor errettende Winke dem König. Wüthend vor Zorn, erhob Benhadad also die Stimme: „Wer von den Unseren gibt von allem, was ich beginne, Sichere Kunde dem Feind’? Ihr kennet den Falschen, und schweiget?“ Da sprach Bertazan, sein Rath: „Ich kenne den Mann wohl: Alles was du, o König, beginnst, und heimlich beschließest Im verborg’nen Gemach’, enthüllt ein mächtiger Seher Israels, der Elisa sich nennt, dem feindlichen Feldherrn.“ Aber der König schrie: „So strebt den Mann zu erhaschen: Sey’s durch List, durch off’ne Gewalt, und grause Verheerung.“ D’rauf, vernehmend, daß heut’ Elisa g’en Dothan gewandert, Sandt’ er ein mächtiges Heer, Streitwägen, Reiter, und Fußvolk, Nächtlich dahin, die Stadt umlagernd, den Seher zu fahen.