Perlen der heiligen Vorzeit Johann Ladislav Pyrker's sämmtliche Werke (3/3)
Part 11
Trauer erfüllte das Volk: denn Schreckliches war in dem Land dort Eben gescheh’n durch Jesabel selbst, und des Königes Mitschuld. Dicht an der Sommerburg von Jesreel grünte der Weinberg Naboths, des frommen Bewohners der Stadt. Ihm hatte der König Reichen Ersatz an Geld und Gütern für selben gebothen: Aber der Israelit verschmäht’, ein heiliges Erbgut Seiner Väter für Geld und entfremdetes Eigen, zu tauschen.[7] Achab härmte sich drob; doch Jesabel sandte des Königs Siegel[8] und Schrift, und ließ (vor Gericht sich dingend der Männer Lügenbezeugende Schar: als hab’ er Jehova gelästert, Und den König geschmäht) ihn steinigen draußen am Heerweg, Auf dem grünenden Rain des kühnverweigerten Weinberg’s. „Geh’ nun hin,“ sprach sie zu dem Könige, „dein ist der Weinberg: Naboth lebet nicht mehr.“ Er hieß anspannen die Rosse, Eilte hinaus, und labte sein Aug’ an dem schnöden Besitz nun. Doch schon kam, von Jehova gesendet, der furchtbare Richter Solchen Frevels heran. Ihm nahte Helias am Weinberg; Stand entrüstet vor ihm, und sprach mit zermalmenden Blicken: „Deine Hand ist geröthet von Blut. Wie hast du gefrevelt Jetzt an dem heiligsten Recht’, und, meuchlings, errungen das Eigen Naboths! Horch, von Jehova verkünd’ ich es: hier an dem Weinberg, Wo den Gerechten im Volk du ermordetest, sollen die Hund’ einst Lecken dein Blut; zerreißen voll Wuth, in Jesreels Zwinger Dein unmenschliches Weib, als, dort aus dem Fenster gestürzet, Unter des Rosses zermalmendem Huf’, an die Mauer ihr Blut spritzt!“ Achab zittert’, und sprach: „Hab’ ich ermordet den Bürger Jesreels? Ich vergossen sein Blut? Wann bin ich denn strafbar Vor Jehova gewandelt? Mein Feind, deß’ kannst du mich zeihen?“ „Ja, deß’ kann ich dich zeih’n, du Abgötter,“ sagte Helias Jetzt voll Zorn, „du hast, ein niedriger Sclave, dem Weib dich Feig’ ergeben, und Böses verübt vor des Ewigen Antlitz! Zitt’re vor ihm: bald wird er dich und die Deinen zerschmettern.“ Als der König die Worte vernahm, da fiel er auf’s Antlitz, Preßte die Stirne zum Staub’, und weinete laut vor Helias. Dieser begann von Neuem, und sprach: „Ich sehe die Thränen Achabs; sehe den Reuigen bald, zerreißend den Leibrock,[9] Wandeln im här’nen Gewand’, und in Buß’ aufseufzen, und fasten. D’rum, so spricht Jehova der Herr, verschon’ ich für heut noch, Wie auch sein Leben lang sein Haus; doch mit dem Erzeugten Achabs, treffe Verderben es: ja, so soll es geschehen!“
Doch wie erfüllte Jehova das Wort, von Helias verkündet? Achab zog in den Krieg mit Josaphat, König von Juda: Auf daß er Benhadad, dem syrischen König, die Freistadt Ramoth,[10] in Gileads Flur, entrisse vor allen, als Sieger. Juda’s Herrscher dienete Gott mit redlichem Herzen. Denkend des Schlachtengeschicks, des wandelbaren, begann er: „Achab, erforschen wir nicht, ob Huld uns wird von Jehova?“ Jener lieh nur Götzendienern sein Ohr, die ihm Siegsruhm Kündeten; doch der König von Juda verlangte: Jehova’s Diener rathe zum Kampf, zum Frieden, wie Gott es bestimmet. Mürrisch geboth dann Achab, daß Micha,[11] der göttliche Seher, Schnell erscheine vor ihm und Josaphat. „Künde doch Gutes,“ Sagte der Führer zu ihm, „schon haben vierhundert Propheten Sieg verheißen im Kampf den Königen.“ Micha versetzt’ ihm: „Wie Jehova gebeut, so werd’ ich enthüllen die Zukunft.“ Und er trat mit ruhigem Blick vor die mächtigen Herrscher.
Achab begann: „Soll ich um Ramoth in Gilead kämpfen?“ „Sieg,“ so Micha, „verhießen dir schon die weisen Propheten; Aber Jehova sagt: Ganz Israel seh’ ich wie Lämmer Auf den Bergen umher zerstreut, die hirtenberaubt sind. Herrnlos mögen sie nun heimzieh’n, und der Ruhe gedenken.“ Achab rief voll Zorn, zu Josaphat: „Wie ich dir sagte, Stets weissagt sein Mund nur Böses: ihn treffe Verderben.“ „Wohl denn,“ sprach der Prophet, „so vernimm die Gerichte Jehova’s: Ein Gesicht, erschütternd und hehr, enthüllte die Nacht mir. Hoch in den Himmel vezückt, sah ich auf erhabenem Thronstuhl Sitzen Jehova, den Herrn, und ihm zur Rechten und Linken Stehen das ganze versammelte Heer der himmlischen Geister. Von den Stufen des Throns kam rastlos Donner und Blitz her; Ueber ihm wölbete, gleich dem siebenfarbigen Bogen, Eine schimmernde Decke sich auf, und es glänzte, verbreitet Weit, vor den Stufen die Flur, als ruht’ er auf bläulicher Meer’sfluth. Jetzo erscholl von dort, wie Brausen der stürzenden Wasser, Wie Posaunenklang und Rollen des Donners, die Stimme: „Wer bringt Achab dahin, daß er thöricht nach Gilead ziehe, Ramoth dort zu erringen im Kampf’, und erliege den Feinden?“ Links und rechts begann, wie das Rauschen der Blätter im Sturmhauch, Unter der Meng’ umher, ein unverständliches Flistern. Dann aufschwang sich ein Geist auf die glänzende Flur an dem Thronsitz. So wie ein Stern, vom Nebel umflort, nur düster herabblinkt, War sein Schimmer erbleicht. Er sah zum Boden, und sagte: „Ich bring’ Achab dahin: denn ihm weissagen Propheten, Die ich bethört’, nur Falsches. Er kämpft, und erlieget den Feinden.“ Achab bebte vor Wuth, und sagte: „Du sollest den Hohn mir Büßen in schrecklicher Haft, mit lastenden Eisen beschweret!“ Und sie führten den Lächelnden fort. Im edelen Herzen Fühlt’ er sich frei, obgleich den Leib ihm drückten die Fesseln -- Frei von Tyrannenmacht und den Banden des irdischen Lebens: Denn, erkoren vom Herrn, der tiefverborgenen Zukunft Ferne Gefilde zu schau’n, entschwang sein himmlischer Geist sich Freudig der Erdennacht, und schwelgt’ in lichteren Räumen.
Achab’s Ruf empörte die Schlacht. Der niedrige Treubruch, Weil er mit Benhadad erst jüngst den Frieden beschworen, Der vor allen auf ihn vordrängte die muthigsten Führer, Macht’ ihn feig’. Er tauschte die eiserne Wehre des Söldners Gegen die seine von Gold, jetzt um, und hoffte, vermummet, So zu entgehen des Todes Geschick’. Doch siehe, von fern her Schwirrte der Pfeil, und traf ihn fest in die Weiche des Bauches! „Führt mich heim aus der Schlacht,“ so rief er, und sank in dem Wagen Auf sein Antlitz hin, und blutete. Aber die Heer’smacht Floh, zerstreut. Wie, hirtenberaubt, die furchtsamen Lämmer Irren auf Bergen umher: so floh’n die entmuthigten Krieger. Achabs rollender Wagen hielt unferne dem Weinberg Naboths, triefend von Blut: denn dort verhaucht’ er das Leben, Und die Hunde leckten sein Blut, nach den Worten Helias.
Jetzo ging der heilige Greis mit Elisa von Gilgal[12] Nach den Höhen von Gaas, in Sarone’s lieblichen Fluren. Als sie erklommen den Berg, und ruheten, blickte Helias, Staunend, um sich: er sah den unsterblichen Freund (er allein nur) Der, von Jehova gesandt, ihm rief: „Der Tag ist gekommen, Wo Jehova im Sturm und brausendem Feuer dem Erdkreis Dich entrückt -- aufnimmt in die Wohnungen seliger Geister, Die, nach vollendeter Pilgerschaft, die Krone dir reichen Ewigen Glück’s, verherrlicht, zum Trost noch später Geschlechter; Seinem Nahmen zum Ruhm, zur Ermunterung seinem Bekenner: Auszuharren treu dem Gesetz’, in der Stunde der Prüfung. Bald vernimmst du den Ruf. Doch siehe, da kommen des Königs Bothen -- Ahasja’s, der, gleich Achab, seinem Erzeuger, Götzen verehrt! Er fiel, und liegt, verwundet, im Bette. Hemmend den Lauf der Eilenden, sprich, was Jehova dir eingibt.“ Rief’s, und verschwand. Helias trat den Männern entgegen. Zorn entflammte sein Aug’; er sprach zermalmenden Lautes: „Ist dem König Jehova nicht Gott? Ihr sollet befragen Baal-Sebub, den Gott Ekrons,[13] im Thale Sephela, Ob er gesunde, ob nicht? Er wird, so richtet Jehova, Bald aushauchen den Geist, ein niedriger Götzenverehrer.“ Als er’s rief, aufthürmte sich schnell am bläulichen Himmel Schwarzes Gewittergewölk’, und umnachtete völlig den Erdkreis. Röthliche Blitze durchzuckten die Luft, und der rollende Donner Murrete dumpf umher in den tiefverstummenden Thälern.
Jene flohen zurück. Bald sandte der König der Krieger Scharen herbei mit dem Hauptmann, ihm den Helias zu fahen; Dennoch wagten sie nicht dem hochbegnadigten Seher Nah’ in die Augen zu schau’n. Sie riefen hinauf aus dem Thalgrund: „Gottes Prophete, der König gebeut, schnell komme herunter!“ „Bin ich Gottes Prophet,“ sprach jener, „so fahre der Blitzstrahl Aus den Wolken herab, und vernicht’ euch, schändliche Söldner!“ Plötzlich zerriß das Gewölk; die weitverbreitete Flamme Zischte herab; kein Donner rollt’, und siehe, die Krieger Lagen, entseelt, in dem Staub! So höhnte die folgende Kriegsschar Gottes Propheten. Auch sie verzehrte die schreckliche Flamme. Aber der Führer der dritten kam; er sank vor Helias Nieder, und sprach mit Thränen im Blick: „Verschone mein Leben, Und das Leben des Volk’s, Prophet des Ewigen, folg’ uns!“ „Folg’ ihm beherzt,“ so rief, unsichtbar, leis’ in das Ohr ihm Sein unsterblicher Freund. Er folgte den Scharen zum König: Stand mit strafendem Blick’ an dem Lager des Kranken, und sagte: „Also spricht Jehova zu dir: Nicht hast du mit Ehrfurcht Dich gewendet zu ihm, dem Ewigen, sondern vom Götzen Baal-Sebub, dem Fliegengott’ im Gefilde von Ekron, Hülfe gehofft; d’rum wirst du nicht mehr verlassen das Lager: Denn dich ereilet der Tod. Den Abgöttern dien’ es zur Warnung!“ Und Ahasja starb alsbald, wie ihm drohte der Seher.
Aber in Westen sank die wolkenumhüllete Sonne Tiefer hinab, und sah nur zuweilen mit röthlichem Antlitz Durch den finsteren Qualm, der, donnerschwer in den Lüften Gohr. Verstummend ging nach des Jordans schimmernden Fluthen Mit Elisa Helias hinab. Schon nahte der Zeitraum, Wo er, der Erd’ entrückt, im Sturm und Donnergewitter Scheiden sollte von ihm. Dem treuergebenen Schüler Wollte der mildgesinnete Greis ersparen der Trennung Bittere Qual. Er stand, hinsinnend, und sagte dann eilig: „Kehre nach Bethel zurück, zu besuchen die Schulen der Jugend, Die zu Lehrern des Volk’s erlesene Männer erziehen: Denn, Jehova gebeut -- g’en Jericho muß ich mich wenden.“ Jener begann: „So wahr Jehova der einige Gott ist, Will ich von dir nicht weichen, o Greis!“ Da liefen aus Bethel Ihnen die Jünglinge nach, und seitwärts führend Elisa, Fragten sie ihn: „Weißt du, daß Jehova noch heute Helias, Deinen Herrn und Meister, von uns und der Erde hinwegnimmt?“ „Ja,“ sprach er, „ich weiß es; doch schweigt!“ und eilte von neuem Hinter Helias einher. Vor Jericho sagte der Greis ihm: „Bleibe du hier -- mich ruft Jehova’s Geboth an des Jordans Rauschende Fluthen hinab.“ Sogleich entgegnete jener: „Bei dem lebendigen Gott, mein Herr, ich weiche von dir nicht!“ Jünglinge standen am Weg’, und fragten, und hörten die Antwort, Jenen gleich, die heut’ an Elisa sich drängten vor Bethel. Doch an der Zahl wohl fünfzig, folgten den Beiden zum Jordan, Schweigend, nach, und erklommen voll Hast dort einen der Hügel, Der sein grünendes Haupt hoch über die Fluthen emporhebt: Zeugen zu seyn, wie Gott den erhabnen Propheten hinwegnahm.
Jetzo stand am Gestad des lautaufrauschenden Stromes Er mit dem Schüler still, und sah mit flehenden Blicken Himmelempor. Dann rollt’ er den Mantel zusammen, und legt’ ihn Nieder; schlug in den Strom -- o Wunder: da theilten die Fluthen Links und rechts sich entzwei; gleich festgefügten Mauern Starrten die grünlichen Wände des Stroms, und, trockenen Fußes, Wanderten Beide hinab in’s tiefgehöhlete Flußbett, Und dann jenseits wieder hinauf zum ragenden Ufer. Hinter dem eilenden Fuß der Wanderer stürzten die Fluthen Wieder zusammen. So, wie segelnde Nebel des Morgens, Weitgetrennet von Windeshauch, die Tiefe des Himmels Zeigen im dunkleren Blau; dann schnell vom brausenden Sturmwind Wieder vereint, fortzieh’n an dem weitumkreisenden Erdball: Also stürzten auch hier die Fluthen zusammen, und eilten Rastlos fort in des ewigen Meer’s verschlingende Tiefen.
Glühend, leuchtete durch das Gewölk die sinkende Sonne; Hohl her brüllte der Sturm, und, empörend ringsum die Fluren, Peitscht’ er die Fluth, die blutigroth aufschäumt’, und die Wogen, Wirbelnd, von einem zum andern Gestad fortschleuderte grimmvoll. Feurige Blitze zischten umher, und der furchtbare Donner Rollete nah’ und fern’. Im Aufruhr gohr noch die Schöpfung, Als der erhabene Greis am östlichen Ufer des Jordans Bethend, stand. Doch über ihm, hoch in den Lüften, erglänzte, Nun das dunkle Gewölk’, und der dumpfummurrende Donner Scholl dort hell, mit ehernem Laut, wie in nächtlichen Stunden Schallt der Stämme Gekrach, die ein Sturm hinstreckt in dem Waldthal. Jetzt ergriff er die Hand des theuern Gefährten, und rief ihm, Schneller athmend vor Hast und Erschütterung, also zum Abschied: „Segen mit dir, Elisa, mein Sohn! Du wandeltest redlich Vor den Augen des Herrn. Ermüde nicht, muthig zu kämpfen, Und zu streiten für ihn -- zu verbreiten des einigen Gottes Heiligen Dienst. Lebt dir ein Wunsch noch im Herzen, so künd’ ihn Schnell und offen mir an. Gott ruft. Wir sehen uns wieder!“ Jener begann: „In dir, du herrlicher, wohnte Jehova’s Mächtiger Geist: o würd’ er in doppeltem Maße doch jetzo Mir Verlass’nem, zu Theil, daß ich kämpfte für ihn, wie Helias!“ „Wahrlich, du forderst viel,“ entgegnete jener, „so höre: Wirst du mich seh’n, da ich scheide von hier, dann soll es geschehen!“
Jetzt erbraus’te der Sturm, und wirbelte hoch in den Luftraum Staub vom Gefild’ umher. Des schwarzumnachteten Himmels Thor flog auf, ein Blitz -- wohl tausend Blitze mit einmal, Tausend Donnern vereint, herstürzten im prasselnden Eilflug: Faßten, und hoben Elias vor ihm, wie im feurigen Wagen Durch gluthschnaubende Ross’, empor. Da sah ihn Elisa, Jauchzenden Rufes, und lief, und schrie: „Helias, mein Vater, Israels Heer’smacht, du uns entrückt? Der Blitz und der Sturmwind Sind dir Wagen und Ross’. O Preis dem Lenker Jehova!“ Sagt’ es, und eilte zurück. Da sah er den Mantel Helias Liegen im Staub’. Er nahm, und küßt’ ihn mit heiliger Ehrfurcht; Schlug in den wogenden Strom, und, sieh’, dem erkor’nen Propheten Wich gehorsam die Fluth, daß er trockenen Fußes hinüber Wanderte! Dort umringten ihn jetzt die Jünglinge, jauchzend, Weinend vor Freud’ und Schmerz: weil Jehova den Frommen, verherrlicht, Auf in die ewigen Wohnungen nahm. Elisa begann so: „Preiset Jehova, den Herrn, in lauten Jubelgesängen; Ihn mit des Wortes geflügeltem Laut -- mit des pochenden Herzens Heißem, innigem Dank! Barmherzig, und gnädig, und gütig Ist Jehova. Sein mächtiger Arm erhöhet den Schwachen; Wirft den Stolzen in Staub. Wie die liebende Mutter des Säuglings Sich erbarmt, und ihn pflegt mit Liebe: so hat sich Jehova Seines Volkes erbarmt: verzieh’n Verblendung und Undank. Habt ihr geseh’n, wie furchtbar groß und erhaben der Herr ist? Rief dem flammenden Blitz’ und dem brausenden Sturm, und, gehorsam Seinem Ruf’, entrückten sie schnell den hohen Propheten Hier mit erschütternder Macht dem armen Leben hienieden. Mögen die Flammen, die ihr geseh’n, euch mahnen auf immer An die Liebe des Herrn. Die irdische wird in des Menschen Brust ein Feuer, verzehrenden Grimms, und, ähnlich des Samums[14] Glühendem Hauch versengt sie den Keim all’ ewigen Glückes. Aber der göttlichen Lieb’ uns milderwärmender Lichtstrahl, Läutert von Schlacken das Herz; verscheucht die finsteren Schatten Völlig aus ihm, und erhellt es mit nievergehender Klarheit. Einst, o seliger Tag, wird Gott die läuternden Flammen Senden vom Himmel herab, gleich feurigen Zungen gestaltet, Auf sein neues Geschlecht, das er, von Anbeginn liebend, Sich erkor! Das Alte vergeht, und alles erneut sich Hier in dem heiligen Reich’ der allerbarmenden +Lieb’+ einst!“
Elisa
+in zwei Gesängen.+
Erster Gesang.
+Tod.+
Welch’ ein Getümmel erschallt auf Edoms sandigen Fluren? Nächtliche Schatten umhüllen die Erd’, und es strömt aus dem Lichtmeer Zahlloser Stern’ ihr nur ein schwachumleuchtender Schimmer, Heute noch zu: denn weit erhellen den wölbenden Himmel Lagerfeuer umher; das Wiehern der Ross’, und der Krieger Lautes Geschrei durchfährt die gesonderten Heere mit Schauder. Doch wie nahet dem wilden Gewirr’ umlagernder Gegner Jetzt in der Stille der Nacht Elisa, der Seher Jehova’s?
Als Helias der Erd’, im wetternden Feuer entrissen, Ihm der Prophetenwürd’ erlesenes Zeichen, den Mantel, Gab an dem Jordan, zuvor: da erfüllt’ urplötzlich die Brust ihm Heilige Gluth für Jehova’s Ruhm, und er eilte von dannen, Sein verirretes Volk auf die früheren Pfade des Heiles Wieder zu führen durch Lehr’, und mächtiger Thaten Vollendung. Drüben zu Jericho gab er zuerst der schädlichen Quelle Fruchtbarkeit und Geschmack: nur weniges Salz mit dem Wasser Mengend, und blickend empor mit festem Vertrau’n zu Jehova, Und erflehte von ihm die Straf’ auf die Knaben vor Bethel, Die mit unbändigem Trotz’ ihn verhöhneten: grimmige Bären Eilten vom Walde heran, und zerrissen Jehova’s Verächter: Freunde des Bilderdienst’s, und darum die Feinde des Sehers.
Jetzo gewahrt’ er im Feld die Umlagernden. Israels Herrscher, Joram, einte sein Heer mit Josaphats, Königs von Juda, Scharen, und Gimals krieg’rischem Volk, der Edom beherrschte, Daß er, im furchtbarn Bund, zerschmett’re die Völker von Moab,[1] Die, von Mesa, dem König’, empört, den Tribut von den Heerden Ihm verweigerten, kühn gesinnt, und zum Kampfe gerüstet. Erst an des Todten-Meer’s von Trauer umhüllten Gestaden, Zog das verbündete Heer g’en Edom, und eilete rastlos Vorwärts, bis es, verirrt in den Sandgefilden der Wüsten, Und verschmachtend vor Durst, nach siebentägiger Wand’rung Laut um Rettung schrie zu den Königen. Joram, der Herrscher Israels, rief, verzweifelnd, zuerst mit jammerndem Laut’ auf: „Weh’, im furchtbaren Zorn hat uns Jehova verleitet, Durch die Wüste zu zieh’n, wo wüthende Feinde, vor Rachsucht Tobend, uns weitumher die Spuren der Quellen zerstörten; Wo kein Strom sich ergießt, kein Bach im sanften Gemurmel Netzt, und kühlet den glühenden Sand: daß Menschen und Thieren Schwinde der Muth und die Kraft, und wir, ein elendes Opfer, Fallen durch Moabs Schwert im schmachgebärenden Kampf hier!“ „Wie,“ so entgegnete Josaphat ihm, „du sprichst von Jehova? Wer ist zur Hand, der uns im Nahmen des Ewigen künde, Was er im Geiste vernahm -- ein gotterleuchteter Seher?“ Eben brachten in sorglicher Hast edomitische Krieger Einen Fremdling heran, der fern’ an der äußersten Vorhuth, Schweigend, vorüberging. Ein Späher schien er von Anseh’n, Von dem Feinde gesandt, in geheim zu erforschen das Lager; Aber geführt in Jorams Zelt, wo im wichtigen Kriegsrath Saßen die Fürsten, vereint mit den Feldherrn, sah er die Augen Aller gewendet nach ihm. Wie er stand, mit den feurigen Blicken: Klein von Gestalt, ergraut und kahl in der Blüthe des Lebens: Denn ihm kocht’ in den Adern das Blut, und sein Feuer verzehrt’ ihn, Rief, ein Staunender, Josaphat aus: „Ha! seh’ ich Elisa, Saphaths Sohn, vor mir? Dich leitete Gott in das Zelt her.“ Aber Joram begann, voll Hast und Ungeduld, also: „Sprich, gerühmter Prophet, was hat Jehova beschlossen, Welchem du dienst? Wird Moabs Volk uns erliegen im Schlachtfeld? Oder entbrannte sein Zorn, und liefert er jetzo den Feinden Uns in die Hand? Erforsche den Gott, und verkünde die Wahrheit.“
Finster blickt’ Elisa nach ihm, und sagte, voll Unmuths: „Wie, du fragst, du Abgötter, mich, den Diener Jehova’s, Nicht die Propheten Baals, die schon dein herrschender Vater, Achab, emsig befragt’, und Jesabel nährt’ in der Hofburg, Sie, die Mutter dir ist, und rathersinnende Freundinn? Stünde nicht Josaphat hier, der, treu dem Schöpfer des Weltalls, Keine Götzen verehrt, fürwahr, nicht würd’ ich dir Antwort Geben, o Fürst! Nun hört: ich komme, gesandt von Jehova! Schafft den Harfner herbei, daß er eine die Töne der Saiten Meinem heil’gen Gesang’. Ich künde Jehova’s Gericht’ euch.“ Sagt’ es, und ließ sich am Zelteingang’ auf den wolligen Teppich Nieder, harrend daselbst des hochgefeierten Harfners, Der, ein Greis, in den Jahren unendlichen Jammers erblindet, Schwermuth nährt’ in der wunden Brust, und im Haufen des Volkes So, wie im traulichen Kreis’ der Freund’, ein Schweigender, weilte: Denn ihm raffte der Tod die Gattinn und blühende Kinder Frühe hinweg; er stand, verlassen im einsamen Leben! Jetzo trat er in’s Zelt. Die Schulter des leitenden Knaben Hielt er fest mit der Linken, und trug die Harfe mit Sorgfalt Unter dem Arm, gesenkt in die Höhle der zitternden Rechten. Sitzend dort auf der Bank, durchfuhr er mit prüfenden Fingern, All’ die goldenen Saiten zugleich, und in Milde verkläret Ward sein Gesicht, da er leis’ aufhorchte dem schwebenden Wohllaut. Dann ertöneten hell und gedämpft, vereinet und einzeln, Von der Linken und Rechten durchwühlt, die Saiten -- es pochte Allen das Herz in der Brust, bis jetzt, wie lieblicher Westwind Folgt dem brausenden Nord, und melodisch säuselt am Abend, Immer sanfterentwirrt aus vielverschlungenen Tönen, Sich auflös’te dem Ohr die Weise des hehren Gesanges.
Erst aufhorchte dem Harfenklang der heilige Seher, Ruhigen Blicks; doch jetzt entflammt’ er sich: glühender Purpur Färbte sein blasses Gesicht; er hob in schwebender Haltung Von dem Boden sich auf, und begann in hoher Begeist’rung: „Groß ist Jehova, der Herr: denn Himmel und Erde verkünden Seine Macht! Du hörst sie im brausenden Sturm’, in des Waldstroms Lautaufrauschendem Ruf’, in des grünenden Waldes Gesäusel; Sieh’st sie in wogender Saaten Gold’, in lieblicher Blumen Glühendem Schmelz’, im Glanz des stern’erhelleten Himmels. Furchtbar tönt sie im Donnergeroll, und flammt in des Blitzes Schnellhinzuckendem Flug; doch kündet das pochende Herz dir, Fühlbarer noch, Jehova’s Macht, des ewigen Gottes, Blickst du, flehend, empor, und hoff’st von ihm Huld und Erbarmen!“
„Höret Jehova’s Wort, verbündete Völkerbeherrscher! Grabt nun Gruben im Thal’, und Gruben auf Gruben im Blachfeld: Denn nicht höret ihr rauschen den Wind;[2] nicht seht ihr den Himmel, Schwarzumflort vom Gewölk, das dauernden Regen im Schooß trägt: Dennoch sollt ihr das Thal, und sollet das Lager erfüllet Seh’n von gewaltiger Fluth, dem Menschen und Thiere zur Labung. Moab fällt euch besiegt; doch weh’, ihr grausamen Sieger! Ist’s nicht genug zu verwüsten die Städt’, und zerstören die Vesten? Soll von eurem geschwungenen Beil noch jeglicher Fruchtbaum Stürzen gefällt, in den Staub, und sollen die kühligen Brunnen Voll mit Sande gefüllt, den Wanderer nimmer erquicken? Wollt ihr, erboßt, auch noch die reichernährenden Felder Ueberdecken mit Sand und Gestein, und in Wüsten verwandeln? Also wüthet ihr bald, getrieben von schrecklicher Rachgier.“ Tief verstummte Jehova’s Prophet; die tönenden Saiten Schwiegen: er kehrte zurück -- dorthin, wo am Rande des Himmels, Schimmernd in Wolkenhöh’n, ihm winkte der bläuliche Karmel.
Fern’, an des Ostens Thor erhob sich der dämmernde Morgen, Glühendroth: Verkündiger so des unendlichen Regens, Oder des erdumbrausenden Wind’s. Doch hatte die Nacht durch Weder gestürmt der Wind, noch schütteten schwangere Wolken Dort auf die Erd’ ersehnete Fluth, und sieh’, in des Morgens Heiliger Opferstunde begrub aufquellendes Wasser, Klar und kühl, wie Elisa zuvor verhieß von Jehova, Rings das Gefild’, und labte das schmachtende Volk in dem Lager!