Perlen der heiligen Vorzeit Johann Ladislav Pyrker's sämmtliche Werke (3/3)
Part 10
Groß und erhaben stand der heilige Greis in der Mitte Des, ihn umlärmenden Volk’s. Da war ein Lächeln und Zürnen, Wechselnd, in seinem Antlitz zu schau’n: der nahen Verachtung Wehrte die Milde den Weg, und herzversöhnendes Mitleid. Dräuend erhob er die Recht’, und sprach zu den Horchenden also: „Schnell hast du vergessen, o Volk, wie gütig Jehova, Dein sich von Anbeginn her erbarmend, mit deinen Erzeugern Selber sich eint’ in dem Segensbund’, und ihnen zum Eigen Gab das Gelobte-Land; wie er dich aus den schrecklichen Banden Pharao’s führt’ aus Aegypten so, wie die liebende Mutter Führt ihr strauchelndes Kind an der Hand, mit wachsamer Sorgfalt! Hat sein mächtiger Arm nicht mitten im röthlichen Schilfmeer Dir gebahnet den Pfad -- ersäuft dort Pharao’s Völker? Nicht durch die Wüste geleitet zum Ziel’, und durch Wunder genähret? Du verließest den Gott, den ewigen, wahren, und hast dir Götzengebilde gemacht. Ihr Sinnlichen, kommt, und erfahret, Was Jehova’s Rechte vermag: in sinnlichen Zeichen Sollt ihr’s schau’n, und zu ihm euch wenden mit reuigem Herzen! König, sende die Bothen voraus: versammle die Priester Baals: vierhundert und fünfzig sind’s, und die Priester Astartens, Gleich an der Zahl, die im Hain durch Unzucht -- Fluch der Verblendung, Ehren die Göttinn im schändlichen Dienst’, und vom eigenen Tisch noch Jesabel nährt! Weh’ dir, da ihr Lieblinge sind die Verruchten! Schnell versammle sie jetzt auf dem Karmel, daß sich’s erweise: Ob Jehova, ob Baal der wahr’ und ewige Gott sey?“
Eilig flogen die Bothen davon. Die unzähligen Scharen Folgten dem Könige nach und dem Seher, der ihm voranging. Ueber den Rücken des himmelemporgethürmeten Karmels Führte der Felsenpfad die Keuchenden. Frisch wie ein Jüngling Eilte der Greis: ihm stärkte die Brust und die wankenden Glieder, Heiliger Eifer für Gottes Ruhm und die Rettung des Volkes, Das er vom schändlichen Trug der götzendienenden Frevler Wieder zum reinen Altar Jehova’s zu führen gedachte. Jetzt war eine der Höh’n an des Berg’s südwestlichem Abhang Mühsam errungen im Gluthenhauch des nahenden Mittags. Dort in die Rund’ umher, sonst üppig mit Grase bewachsen, War verbreitet ein Wiesenplan, und, gränzend, umgab ihn Dunkeles Zederngehölz. Helias hielt in der Mitte Jetzt mit thränendem Blick’ am frechzerstöreten Altar Still, der, einst Jehova geweiht, nun, Jammer zu schauen, Lag zerstreut in dem Schutt durch Jesabels frevelnde Rachsucht!
Sinnend stand der Prophet. Er sah, nach Westen gewendet, Ueber die Zedern hinaus auf des Meer’s endlose Gewässer; Doch nun ruhte sein Aug’ im Süden am bläulichen Oehlberg, Nahe der heiligen Stadt Jerusalem; dann auf dem Hügel Golgotha’s, wo er, im Geist, die Tage der herrlichen Zukunft Sah, und Vollendung und Licht, wo jetzt nur dunkele Bilder Wiesen an sie der Gegenwart verirrte Geschlechter. Lauter pocht’ ihm die Brust, und heller flammte sein Aug’ auf, Als er die Händ’ erhob, und, entzückt, Dank blickte zum Himmel. Aber zum furchtbarn Ernst verwandelte sich des Propheten Milder Blick, da er rings, die versammelten Scharen betrachtend, Leichtsinn, Trug, Verblendung, und Schuld ersah in den Augen Tausender. Jetzt bewegt’ er das Haupt, und rief zu den Scharen: „Israels Söhne! Warum dient ihr mit wechselndem Sinne, Nun Jehova, dann Baal, zum Hohne des ersten Gesetzes, Das in den Doppelstein eingrub der göttliche Führer, Moses: „Du wirst nebst mir nicht andere Götter erkennen?“ Wer euch Gott ist: Baal? Jehova? -- dem solltet ihr dienen.“
Tief verstummte das Volk. Wohl traf die Herzen des Vorwurfs Flammengewalt; doch Achab stand unferne dem Seher, Wuthausstrahlenden Blick’s, und Tausende sah’n auf den Furchtbar’n, Der als König geboth, und die Götzen selber verehrte. Sieh’, da nahten die Priester Baals: vierhundert und fünfzig Eileten rasch, mit Gesang und Lärm, von dem Zederngehölz her; Jene des Götzenhains, hielt Jesabel, fest in der Hofburg: Denn ihr dünkte der Ruf des verhaßten Helias gefahrvoll. Jetzt umzog ihm den heiligen Mund ein bitteres Lächeln; Wahrlich, er lachte sogar leis’ auf, und rief vor den Scharen: „Seh’t, ich stehe allein! Da nah’n vierhundert und fünfzig Mächtige Priester des Baal; Betrogene selbst und Betrieger, Jauchzend heran. Sucht schnell die walddurchweidende Heerd’ auf; Holt zwei Rinder herbei. Sie sollen dann eines sich wählen: Auch ich wähle mir eins; nach Opferbrauch das Zerstückte Legen auf Holz, und rufen zu dem, der ihnen ein Gott ist. Auch ich thue wie sie; doch hört: das Feuer erflehen Wir von unserem Gott. Der Feuer uns sendet vom Himmel So, wie er dort auf Abels, nicht Kains, erhabenen Altar Sendete, der ist Gott, dem Fragenden gibt er die Antwort.“ Laut aufjauchzte das Volk: „Das soll zum Zeichen uns dienen: Weise hast du gesprochen, o Greis; wir wollen gehorchen!“ Achab winkte, verstört, dem Volk’ unwilligen Beifall. Alsbald trieben sie vom Gehölz zwei blöckende Rinder Durch das umdrängende Volk in die Nähe des ernsten Propheten, Haltend fest bei’m Horn die Sträubenden. Aber er sah jetzt, Schaudernd vor innigem Schmerz, Baals festlichgeschmückete Priester Vor dem König’, und rief, ergrimmt, den Versammelten also: „Jetzt nur muthig herbei! Ihr habt es vernommen, wie leicht hier Baal erringe den Sieg. Erbau’t den Altar, und zerstücket Eines der Rinder nach Opfergebrauch, dem Gotte zu Ehren, Den ihr verehrt. Beginnet vor mir: euch werde der Vorzug; Rufet zu ihm mit Macht, daß er spende zum Opfer die Flamme, Und ich vor euch ein Thor, als Jehova’s Diener erscheine.“
Jene standen verwirrt, und sah’n mit zweifelnden Blicken Aengstlich sich an. Da trat Asnad, der oberste Priester, Aus den Reihen hervor, und knirschte laut mit den Zähnen. Trotz umwölkt’ ihm die finstere Stirn’, und das struppige Haupthaar Hielt die Binde von Gold, mit dunkeln Zeichen beschrieben. Auch umfing ihm das schneeige Kleid ein goldener Gürtel, Das, von Wolle gewebt, ihm gefaltet zur Ferse hinabfloß. Jetzt erhob er den Stab, und geboth den zagenden Priestern, Selber nur heuchelnd den Muth, als Angst ihm füllte den Busen; „Opfert das Rind! Ruft auf zu Baal, dem mächtigen Gotte, Eifernden Laut’s, daß der thörichte Greis hier stehe, beschämt, dann!“ Rief’s; doch lächelnd still für sich hin, ließ jetzo Helias Vor Jehova’s zerstörtem Altar’, im Grase sich nieder; Stützte das Kinn auf die Hand, und sah, wie die hurtigen Priester Trugen die Steine herbei, und erhoben in Eile des Altars Viereck, oben den Bau noch mit Erd’ und Rasen bedeckend; Wie das blöckende Rind sie schlachteten, dann das Zerstückte Ordneten auf gespaltenes Holz, und das Opfer bestellten.
Jetzo begann, dem Ohr’ entsetzlich zu hören, der Priester Baals vereintes Geschrei. Sie wütheten, tobten vor Unsinn, Hüpfend um den Altar, und schreiend: „Baal, du, erhör’ uns!“ So bis zur Stunde des Mittags schrie’n, und lärmten die Priester Rastlos fort; doch Niemand war, der höret’, und Antwort Gab vom Himmel herab in Flammen und Donnergetümmel. Dort erhob sich der Greis, und rief den eifernden Priestern, Die schwer athmend, und triefend von Schweiß, ihm horchten, noch laut zu: „Nun wie kommt es, daß Baal nicht höret, nicht sieht, und verstummet? Ist er vielleicht vertieft in Betrachtungen? Ist er auf Reisen? Durch Geschäfte zerstreu’t? Ruft laut zu dem Mächtigen. Oder, Schläft er vielleicht? Ach, ruft zu dem Gott, daß er endlich erwache!“ Höhnte sie so, und lehnte mit vorgebogenem Leib sich Dann auf den knotigen Stab, die empörteren Priester betrachtend: Denn sie geberdeten sich gleich Rasenden; riefen, und lärmten Fort mit erneueter Wuth. Doch ach, nun ritzten die Thoren Sich mit Messern und Pfriemen den Leib, daß er grauenerregend, Blutete:[1] so, nach dem Brauch der Götzendiener im Land dort. Aber schon rückte die Stunde heran, wo Jehova’s Verehrer, Nach dem Gesetz’, im Tempel das Abendopfer zu weihen Pflegten,[2]und sieh’, noch kam von Baal nicht Stimme, nicht Antwort.
Jetzt entbrannte der Greis: er warf den knotigen Stab hin; Winkte dem Volk’, und es trat voll banger Erwartung ihm näher. Schweigend, mit Thränen im Blick, las er zwölf Steine zusammen Von dem zerstörten Altar des Herrn (so viele der Stämme Hatte Jehova erwählt, aus Jakobs Söhnen, und hieß sie Israels Volk) und ordnete sie zum Opfer mit Sorgfalt. Rüstige Männer bewegte sein Wink: sie zogen den Graben Rings so breit, daß der Raum des kornerfülleten Scheffels Viertheil faßte zur Saat. Er ordnete kundig das Holz dann Auf dem Altar; zerstückte das Rind, und legt’ es darauf hin. Jetzt nach vollendetem Werk’ erhob er die Stimme gebiethend: „Holt vier Kübel Wassers herbei -- dann zweimal so viel noch, Und begießt den Altar, das Holz, und das Opfer Jehova’s.“ Also geschah’s. Da floß von dem Opfer, dem Holz’, und dem Altar, Strömend, das Wasser hinab in den dunkelen Graben, und füllte Voll ihn zum Rand’: ein Staunen ergriff die umdrängenden Menschen. Als die heilige Zeit des Abendopfers genaht war, Trat Helias, mit Würd’ und ernstumwölketen Augen Hin zum Altar’; erhob die Hände zum Himmel, und flehte: „Künde, Jehova, du, Gott Abrahams, Isaaks, und Jakobs -- Ihnen der ein’- und ewige Gott, und Allen und Jeden, Die mit redlichem Sinn dich suchen, erkennen, und lieben: Künd’, allmächtiger Gott, dem Volke dich heut’ in des Feuers Urkraft an, daß es dir, von den Flammen der Liebe durchdrungen, Diene hinfort, und jetzt nicht zweifle, was ich begonnen, Sey dein heiliger Wink! Erhöre, Jehova, erhör’ mich Flehenden, daß es zu dir sich bekehre mit redlichem Herzen!“
Sieh’, in dem Augenblick’ ein Blitz, ein Feuer, unendlich, Furchtbar, allbetäubend umher im Donnergetümmel Leuchtete, krachte herab: des Karmels Scheitel erbebte; Schauernd wogte der Grund; laut heulten die schwankenden Wälder -- Rauschte das Meer! O, Wunder: verzehrt vom rollenden Feuer War Brandopfer, und Holz, und Stein, und Erde; das Wasser Leckte sein Flammenhauch aus dem tiefgehöhleten Grund’ auf! Bleich, und bebend vor Schreck, stand lange das Volk, und besann sich, Was da gescheh’n? Doch jetzt warf sich die Menge zum Boden; Achab beugte die Knie’; Baals Priester sah’n sich voll Angst an; Lautes Weinen erscholl, und Israels Kinder bekannten: „Herr, Jehova, du bist alleiniger Gott, und Erbarmer!“
Also versöhnete Volk und Land vor Jehova Helias. Seinem furchtbarn Blick zu entkommen, schlichen die Priester Baals sich in Eile davon; doch schrecklich entflammte sein Aug’ sich, Als er die Recht’ erhob, und rief mit zermalmenden Worten: „Haltet die Schändlichen fest! Hier steh’ ich im Nahmen Jehova’s Richtend, vor euch, der über den Tod und das Leben gebiethet. Gottes erlesenes Volk seyd ihr, und Achab, der König, Nur der Gesalbte vor ihm. Warum verleiten die Frevler, Höhnend Jehova’s Gesetz, zur Meute, zur Wuth, und Empörung Also das Volk -- verleitend zu Baals unheiligem Dienst hier? Aber nicht sollen sie künftig mehr euch Lehren des Unsinns Pflanzen in’s Herz. Ergreift, und führt sie hinab an den Kison; Würgt sie gesammt, daß ihr Blut mit den rauschenden Fluthen verrinne!“ Achab winkt’ ihm Beifall zu. Da braus’te des Volkes Menge den Priestern nach, und that, wie Helias gebothen. Aber, zu Achab gekehrt, begann er ermunternden Blickes: „Hast du bereuet die Schuld? Wohl dir! Jetzt eile hinüber Nach dem Gehölz; dort halte das Mahl mit erheitertem Herzen: Denn mich däucht, schon rauscht fernher gewaltiger Regen, Und der schreckliche Fluch wird nun von dem Lande genommen.“
Als sich der König entfernt’, da stieg Helias des Karmels Höhen empor. Er ließ auf dem moosigen Felsen sich nieder; Senkte das Haupt auf die Knie’, und rief dem Knechte Hakima: „Schaue vom Felsenrande hinaus auf des Meeres Gewässer, Während ich bethe, mein Knecht, und künde mir, was du gesehen.“ Sechsmal sendet’ er schon den Knecht, zu erforschen die Meerfluth; Stets kam dieser, und sprach: „Ich gewahrete nichts, mein Gebiether!“ Aber zum siebenten Mal, vernehmend die Stimme Helias, Sprang er heran, und rief: „Ich sah aus den Fluthen des Meeres Steigen ein winzig Gewölk, wie die Faust des Mannes an Umfang.“ „Nun,“ gab jener zurück, „nun eile hinunter zu Achab: Möge er spannen die Ross’ an den Wagen, und denken der Heimkehr, Sonst ereilet ihn noch auf dem Weg’ unendlicher Regen.“
Kaum lief dieser dahin, so stieg empor an dem Himmel Schwarzumnachtendes Wettergewölk. Des Windes Vermögen Braus’te heran. Nicht lange, so stürzen des Himmels Gewässer Nieder im prasselnden Flug’, und tränken die dürstenden Fluren. Achab schirrte die Ross’, und eilte gen Jesreels Mauern,[3] Flüchtend, hinab. Helias sann, aufschürzend den Leibrock, Ihn mit begeisterndem Sang vor allem Volke zu ehren, Weil er sich abwandte von Baal, dem nichtigen Götzen. Freudig sah er zuvor, des sanftherrauschenden Regens Fluthen betrachtend, hinaus nach Bethlehems Hügel, und rief so: „Groß sind deine Erbarmungen, Gott, Jehova, mein Retter, Dein’ Erbarmungen groß! Du tränkst den lechzenden Boden Wieder, und lässest ihm das Gras und die Saaten zur Wohlfahrt Deiner Geschöpf’ entkeimen, und blüh’n, und Früchte gewinnen. Auch des Sünders gedenkst du mit Huld! Ich schaue die Hügel Bethlehems dort, und möcht’ ausrufen in jauchzender Wonne: „Thauet, ihr Himmel, sanft! Strömt, Wolken, herab den Gerechten![4] Oeffne dich, Erde, dem Keim’: ihm entsprieße der Retter Ihr Stämme Israels, streckt die Zweige nur aus, und blühet, und traget Köstliche Frucht: der Tag des Herrn ist nahe!“ So ruft einst Laut ein Seher im Volk von Israel. Glühend verlang’ ich Seine Tage zu schau’n -- verklärt ihn am Tabor zu schau’n, ich, Seliger! Doch Jahrhunderte flieh’n noch dunkel vorüber, Eh’ er zerstöret das Reich der Sünd’ und des ewigen Todes; Gründet des Lichtes Reich, und, der Wahrheit Segen verbreitend, Völlig vernichtet den Götzendienst. Wie lechzen die Frommen Glühend nach ihm! Was stillt den Hunger und Durst nach Erfüllung Seiner Verheißungen? Sie -- der qualbeladenen Menschheit Milde Trösterinn, sie, des Himmels Segen: die +Hoffnung+!“
Dritter Gesang.
+Liebe.+
Aus zerrißnem Gewölk’, am schimmernden Thore des Abends, Sah die scheidende Sonne heran, und hellte die Zinnen Jesreels, als das Gespann des Königs durch räumige Hallen, Donnernd, fuhr, und die stille Burg aufregte zum Leben. Achab kam verstört vor Jesabel. Herrscherinn war sie Ueber den Herrscher des Volks -- er, feig’ ergeben den Launen Des so grausamen Weibes, und leicht zum Bösen zu lenken. Zwar erschütterte heut’ auf den Höh’n die Stimme Jehova’s, Sprechend im Donnerruf, sein Herz, und der fromme Helias Hoffte für Israels Volk heilbringende Tage der Zukunft. Doch nur am Irdischen klebt das Herz des Irdischgesinnten, Sündig, fest. Wie die leuchtende Sonn’ auf den Höhen des Nordpols Von dem erstarrten Gefild nicht die Rinde des Eises hinweg schmelzt: So nicht wärmt, nicht belebt sein Herz der himmlischen Wahrheit Strahlendes Licht, bis ganz für das Ewig’ es stirbt, und erstarret. Jesabel wüthete, als sie vernahm, daß Helias die Priester Baals erwürgen ließ an dem Felsengestade des Kison. „Ha, mich strafen die Götter,“ so rief sie vor ihrem Gefolg’ auf, „Wenn ich an ihm nicht dort ein Gleiches mit Gleichem vergelte Morgen im Abendlicht, zur Stunde des schändlichen Frevels!“
Furcht ergriff Helias, den Greis. Er wandte sich, flüchtend, Nun g’en Berseba,[1] wo er den treuen Hakima zurückließ; Dann nach der Wüste hinaus, wo Arabia’s Steppenbewohner, Frei in dem freien Gefild, des Städters Sitte verachtet. Dort im lastenden Alter, erschöpft von der Hitze des Tages -- Jeglicher Nahrung beraubt, ausruht’ er im lieblichen Schatten Eines Genistbaums;[2] sah, nach dem Tode sich sehnend, zum Himmel; Rang die Hände zu Gott, ein Flehender, auf, und begann so: „Nimm mich, Jehova, zu dir! Genug ertrug ich des Schlimmen -- Habe schon lange gelebt, und erreichet die Jahre der Väter: Bin ich besser denn sie? Laß hier mich sterben, Jehova, Du, mein Gott -- hinüberschlummern in’s bessere Leben, Wo ich, auf immer entrückt den Wüth’richen, wonnegesättigt, Ruh’ in Abrahams Vaterschooß’, in ewigem Frieden!“ Sprach’s; dann legt’ er sich dort im Schatten des dunklen Genistbaums Nieder, und schlummerte sanft. Nun fächelten himmlische Lüftchen Kühlung ihm zu, und ein höheres Licht erhellt’ ihm die Wangen Und die erhabene Stirn’: denn sieh’, auf des rosigen Morgens Fittigen war ihm jetzt der Unsterbliche wieder genahet, Der schon einst von der waldumschatteten Höhle des Bergstroms Karith, zieh’n ihn hieß g’en Sidon, zur Witwe Benaja’s! Sanft berührt’ er sein Haupt, und lispelt’ ihm leis’ in die Ohren: „Hebe dich auf, Helias, und iß!“ Er blickte verwundert Um sich her, und ersah den Aschenkuchen, des Landes Sitte gemäß, im Schooß der glühenden Asche gebacken,[3] Und den Krug, voll blinkenden Wassers zum Haupt ihm gestellet. Alsbald aß er, und trank, und legte sich nieder, zu schlummern. Aber ihn rührte sanft der Unsterbliche wieder am Haupt’ an, Rufend: „Hebe dich auf, Helias, und labe dich nochmals: Denn nicht kurz ist der Weg in vierzig Tagen und Nächten, Fern’ in der Wüst’ umher, zu besuchen die heiligen Stellen Alle, wo Israels Volk der Herr durch Wunder erhöhte. So wird Jesabels mordender Stahl dich nimmer erreichen.“ Jener gehorchte dem Wort’. Er aß, und trank, und ermuthigt Wurde sein Herz, und die Wunderspeis’ erfüllt’ ihm die Glieder Schnell mit dauernder Kraft, zu ertragen die Mühe der Wand’rung. D’rauf erhob er sich rasch; ging weiter, und wanderte rastlos, Bis er den Horeb[4] erreichte, den Berg, der „Gottes“ genannt wird: Ob der Erscheinung des Herrn auf ihm in den Tagen der Vorzeit. Doch an dem Fuße des Berg’s, wo hochaufragend, die Felswand Ueber den Pfad sich bog, ersah er die Höhle, vor welcher Einst in dem brennenden Dornstrauch Gott dem erhabenen Führer Israels, Moses, erschien. Schon zitterte goldener Schimmer, Als die Sonn’ in den Schooß des Abendhimmels hinabsank, Durch die Gebüsch’, und schaurig wehte der Wind aus den Thälern. Freundliche Herberg schien die Felsenhöhl’ ihm zu biethen. Rings verstummte die Welt. Er trat voll heiliger Ehrfurcht Ein, und ließ auf dem Felsenblock sich nieder, zu ruhen. Als er im Abendlicht hinstarrte zum Boden, und Bilder Längstentschwundener Zeit ihn umflatterten: siehe, da scholl ihm Plötzlich die Stimm’ an das Ohr, erschütternd und lieblich zu hören: „Wie, Helias, du kommst, verlassend Israels Fluren, Wo der Thaten so viel’ dein harreten, Gottesgesandter, Hier in der Wüste zu ruh’n -- für Jehova zu streiten, ermüdet?“ Aber er sprach: „Ich habe für Gott, Jehova, des Weltalls Herrn, gestritten im Kampf’, und die Götzenverehrer gezüchtigt, Als ich in Israel rings gebrochen sein heiliges Bündniß, Sein’ Altäre zerstört, und seine Propheten ermordet Sah mit empörtem Gemüth’. Ich Einziger lebe von diesen, Glücklich entronnen dem Meuchelschwert; doch fürder gebricht mir, Altersmüdem, die Kraft, dem Strom des Verderbens zu wehren.“ Sein unsterblicher Freund umschwebte den frommen Propheten, Unsichtbar, und begann: „Tritt nun aus der Höhle, Helias: Denn Jehova, dein Gott, barmherzig und gnädig, erscheint dir Draußen am Berge, wie einst des Volk’s erhabenem Führer!“ Doch Helias erbebte vor Angst -- er sollte vor Gott steh’n!
Welches Getümmel erschallt ringsher, urplötzlich auf Erden? Brausend nahet ein Sturm -- hilf Gott: er zertrümmert die Felsen, Spaltet die Berg’ entzwei! Wohl brauste der Sturm vor Jehova Mächtig einher, doch war Jehova im brausenden Sturm nicht. Jetzo wankte der Berg, und bebte der Fels, und die Waldung Schauderte: Staub flog auf -- einstürzten die berstenden Hügel. Wohl erschütterte rings des Kommenden Nähe den Erdkreis; Doch nicht im qualmenden Staub, nicht im Erdbeben war noch Jehova. Finst’res Gewölk umhüllet die Welt; der rollende Donner Nah’t im Flug’ -- ein Blitz, dann tausende, fahren, vereint ihm Nieder, und d’rauf, urschnell, auch tausendfältiger Donner Kracht, und wüthet, und tobt, als sollte zerstieben das Weltall. Wohl ging Donner und Blitz einher vor Jehova, und noch war Nicht in dem Wettergewölk, nicht im Blitz und Donner, Jehova. Stille herrschte darauf. Und jetzt, ein wehendes Lüftchen, Wie nach Gewitterregen im Lenz, es die thauenden Wälder Sanft bewegt, erklang mit lieblichem, holdem Gesäusel. Als Helias das Säuseln vernahm, verhüllt’ er sein Antlitz Schnell mit dem Mantel, und trat aus der Höhle mit pochendem Herzen, Stand an dem Felseingang, und harrete. Sieh’, ihm erschollen Wieder die Worte: „Warum weilst du hier einsam, Helias?“ Aber er sprach: „Ich habe für dich, Jehova, des Weltalls Herrn, gestritten im Kampf mit den Frevlern; doch jetzo gebricht mir, Lebensmüdem, die Kraft, dem Strom des Verderbens zu wehren.“ „Kehre,“ so rief ihm der Herr, „nun heim durch die Wüste Damaskus; Schütte das Salböhl aus auf Hasaels Scheitel, und Jehu’s: Jenem Syriens Thron, und Israels diesem verheißend. Weih’ Elisa darauf, Sohn Saphats von Abel-Mehola,[5] Ein in des Sehers Amt: sie werden die Sünder vertilgen. Tausende dienen mir noch in Israel -- beugten die Knie’ nicht, Flehend, vor Baal, und verehrten ihn nie mit frevelnden Küssen;[6] D’rum verschon’ ich es noch, dieß Volk; barmherzig und gütig, Gnädig und mild, langmüthig und treu ist Jehova, sein Gott ihm.“
Tief zum Staube gebückt, anbethete jetzo Helias; Dann ergriff er den Stab, und wanderte fort durch die Wüsten, Bis er grünende Fluren ersah, g’en Abel-Mehola. Dort an dem herbstlichen Tag ging eben der rüstige Pflüger, Für die ernährende Frucht sein Ackerfeld zu bestellen, Lenkend die Stiere, gepaart, mit weitumschallender Stimme, Hinter dem Pflug’ einher. Das regsame Leben erweckte Freud’ in der Brust des wandernden Greises nach langer Entbehrung. Doch welch’ mächtiger Landmann ist’s, der, nahe dem Heerweg, Pflüget sein Feld? Ihm zieh’n eilf Männer gesonderte Furchen Emsig voraus; er zieht die zwölfte, mit schaltendem Ernst nach. Ist er den eilfen Gebiether und Herr? Er ist es: Elisa! Schweigend, blickte Helias nach ihm -- er, schweigend, nach diesem Hin, der jetzo genaht, ihm seinen gewaltigen Mantel Rasch um die Schultern hing. Elisa erkannte das Zeichen Hohen Prophetenamt’s; hieß kehren die Pflüger, und eilte Hinter dem Greis’ einher. Doch jetzt begann er mit Ehrfurcht: „Gönne es mir, mein Herr, daß ich erst von Vater und Mutter Scheide mit freundlichem Gruß; dann will ich dir folgen für immer!“ „Wohl,“ sprach jener, „es sey; doch mögen dir häusliche Sorgen Nicht entrücken das Ziel, das ewige! Denke, was ich dir Eben verlieh’n, der erhabenen Würde des Amt’s der Propheten!“ Sagt’ es, und ging. Elisa kehrte mit eilendem Schritt heim; Rief die Freunde herbei, daß sie schlachteten eines der Rinder, Welche durchpflügten das Feld, und briet das Fleisch an dem Pflug dann, Den er gelenkt, zerbrach, und zum Feuer aufhäuft’ in dem Hofraum: Also entsagend dem Pflug und den Sorgen des häuslichen Lebens. D’rauf genoß er das Mahl mit den Seinigen; drückte die Hand noch Allen umher zum Abschiedsgruß’, und eilte Helias Nach, dem er sich geweiht, ein treunachfolgender Schüler.