Perlen der heiligen Vorzeit Johann Ladislav Pyrker's sämmtliche Werke (3/3)
Part 1
################################################################## Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der 1855 erschienenen Buchausgabe erstellt. Satzzeichen wurden stillschweigend korrigiert, dabei wurde die Setzung der Anführungszeichen so weit wie möglich sinvoll ergänzt. Inkonsistente Schreibweisen (z.B. Wagen/Wägen, usw.) wurden, ausgenommen in den Anmerkungen, stets beibehalten. Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Bearbeiter der Übersichtlichkeit halber eingefügt.
Im Anhang wurde für den lateinischen Ausdruck 'et' in der Abkürzung für 'et cetera' verschiedentlich die tironische Note 'et' verwendet, allerdings nicht durchgängig. In diesem Text wurde einheitlich die Bezeichnung 'etc.' verwendet.
Die folgenden Stellen wurden korrigiert bzw. bedürfen des Kommentars:
S. 23: 'an'dre' --> 'and're' S. 127: 'Phinees' --> 'Phineas' S. 150: 'des Ensetzens' --> 'des Entsetzens' S. 155: Der Titel 'Helias der Thesbit' (statt 'Thesbite') wurde beibehalten. S. 199: 'Eilsa' --> 'Elisa' S. 205: 'entflamte' --> 'entflammte' S. 227: 'erschüttternder' --> 'erschütternder' S. 239: 'Srafe' --> 'Strafe'; Fußnotenanker [5] --> [6] S. 240: 'Futhen' --> 'Fluthen' S. 253: 'Johova' --> 'Jehova' S. 305: 'Sper' --> 'Speer' S. 344: 'im petraischen Arabien' --> 'im peträischen Arabien' (vereinheitlicht) S. 351: 'Aron' --> 'Aaron'
Der Originaltext wurde in Frakturschrift gesetzt. Verschiedene Schriftschnitte werden in diesem Text durch die folgenden Sonderzeichen dargestellt:
kursiv: _Unterstriche_ fett: =Gleichheitszeichen= gesperrt: +Pluszeichen+ Antiqua: ~Tilden~
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Johann Ladislav Pyrker’s
sämmtliche Werke.
Neue durchaus verbesserte Ausgabe.
Dritter Band.
Stuttgart und Tübingen.
+J. G. Cotta’scher Verlag.+
1855.
Buchdruckerei der +J. G. Cotta’+schen Buchhandlung in Stuttgart und Augsburg.
Perlen der heiligen Vorzeit.
Inhalt
An die Harfe 3
Abraham 6
Moses 52 Erster Gesang 52 Zweiter Gesang 75 Dritter Gesang 103
Samuel 136
Helias der Thesbit 155 Erster Gesang 155 Zweiter Gesang 173 Dritter Gesang 192
Elisa 213 Erster Gesang 213 Zweiter Gesang 232
Die Makkabäer 250 I. Mathathias 250 II. Eleazar 280 III. Die Mutter mit den sieben Söhnen 292 IV. Judas Makkabäus 319
Anmerkungen zu den Perlen der heiligen Vorzeit 335 Abraham 335 Moses 340 Samuel 352 Helias der Thesbite 354 Elisa 358 Die Makkabäer 361
An die Harfe.
Tön’st du, o heilige Harf’, im goldnen Schimmer des Abends Dort an der Wand schon wieder mit herzerschütterndem Wehlaut? Wer entlockt’ ihn dir in der Stund’ ersehneter Stille? Ach, mir fließet die Thräne herab an den Wangen! Erbebend Schau’ ich nach dir, und horche dem leis’umsäuselnden Lüftchen: Ob mich nicht mit erbarmender Huld, aus den öden Gefilden Nächtlicher Gegenwart, auf die Pfade der schöneren Vorwelt Führ’ ein himmelnentschwebender Freund, und die Trauer verscheuche, Die mir den Busen beklemmt? Wie im Hauch des brausenden Nordwinds, Der den herbstlichen Hain durchwüthete, früherer Winter Nah’t, und sogleich, umhüllt von stöberndem Schnee, in den Fluren Rings das regsame Leben erstirbt: so haben die Menschen Auch, in der letzten unseligen Zeit, voreilend, gealtert. Zeit voll Graun’s -- du entflohst! Ein Schimmer der besseren Zukunft Hob uns die Brust; doch schnell, wie zuweilen am nächtlichen Himmel, Flammt, und fleugt, und entschwindet ein täuschendes Licht: so entschwand er Wieder. Zu lange, zu laut erhob gottlästernde Frechheit Ihren empörenden Ruf; zu oft wechselte Stolz und Vertrauen, Angst und Verzweiflung, bei Glück und Verlust, im Busen der Menschen; Wandte den Sinn von Gott nach dem Irdischen; pflanzt’ in die Herzen Liebe zu schnödem Gewinn, und Empfindungen niedriger Selbstsucht So, daß ein Gottesmann, wie Abraham selber, der Vater Seines Volk’s; wie Moses, der herrliche Führer des Volkes; Samuel dann, und mit ihm Helias, und auch Elisaus, Glühend all’ für Jehovas Ruhm und das Beste der Menschheit, Kommen sollten vom Himmel herab in Feuer und Flammen, Sie zu erwärmen für Gott und die heilige Tugend; die Mutter Kommen, der Sieben, die Makkabäerinn, himmlischer Kraft voll, Ihnen im Kreis’ der heldenmüthigen Söhne zu dräuen, Daß sie, erschüttert im Geist, entsagten dem schmählichen Kaltsinn Und aufstrebten zu Gott: in ihm zu beginnen des Lebens Weise, die uns erfüllet mit Muth und Eifer, zu wirken Jegliches Gute und Schön’ in freudiger Herzensempfindung. Euch, ihr Seligen, nannte mein Mund? Wie ergreift mich die Wonne Euch zu weih’n dieß Lied, daß erschüttert im Busen, die Menschen Aufschau’n wieder zu Gott, und wandeln die Wege des Heiles, Die er gelehrt! Helltönende Harfe, herab von der Wand dort: Meng’ in den Weihegesang melodischen Laut, und erhebe Allen das Herz, die dir aus Liebe zum Ewigen hold sind!
Abraham.
Verheißung.
Nahe dem bräunlichen Zelt, das kühlumschattet von Mamres[1] Luftigem Hain, sich erhob, ruht’ Abraham aus in des Mittags Stund’, und blickte zurück auf das Land voll weidender Heerden, Wo er sich eben erging, und Segen gewahrte die Fülle. Thränen des Danks umschimmerten hell ihm die Augen; er hob sie Freudig zum Himmel empor, und lispelt’ ein leises Gebeth hin. Doch nun wandt’ er das Haupt: er sah, mit wachsendem Staunen, Kommen den Hügel herab drei Fremd’ in männlicher Schönheit, Eng’ verschlungen am Arm, und jetzt noch einen dem andern Aehnlich an Höhe, Gestalt, und Gesicht, als wäre nur Einer Von des Glases gebrochenem Strahl dem Auge verdreifacht. Schwebend däucht’ ihn ihr Gang, und es wichen der Hain und die Fluren Hinter den Hohen zurück, wie ein Nebelgewölk in des Sturmes Brausendem Hauch. Doch so, wie im Abendschein vor dem Westwind Eilend im Fluge dahin, das Gewölk bald purpurn erglänzet, Bald in dunkelen Schatten verglimmt: so schwand von den Beiden, Die an der Seite des Herrn[2] als dienende Männer erschienen, Plötzlich der Hoheit Strahl, und nur er, in der Mitte der Beiden, Heischte Verehrung durch Huld und Ernst in den herrschenden Blicken. Abraham fuhr in die Höh’, da es schien, als gingen die Pilger Eilig vorüber an seinem Gezelt’. Ehrwürdigen Anseh’ns Schritt er einher, der Hirtenfürst, dem, rings in den Fluren Canaans, Jung und Alt annahte mit kindlicher Ehrfurcht. Unter dem schneeigen Bund, gewebt aus der Wolle des Baumes, Der ihm die Stirn’ und die Scheitel umgab, erglänzten die Augen Ihm so mild, und der Bart in braun gekräuselten Wellen, Hüllt’ ihm die Brust umher, von welcher herab zu den Füßen Sank das häusliche Unterkleid in räumigen Falten. Doch nun beugt’ er sich tief zum Staub vor den nahenden Fremden, Stand dann flehenden Blicks, und sprach voll Trauer zu ihnen: „Winkte nicht Wanderern stets der Eingang meines Gezeltes Freundlich willkommen zum Gruß, und ihr denkt vorüber zu ziehen, Ungelabt, jetzt in der Hitze des Tags? O, kommt, und erholt euch Dort im Schatten des Baum’s! Bald soll im Becken des Wassers Silberfluth die ermüdeten Füß’ euch, reinend, umspülen,[3] Und erquicken euch noch, eh’ ihr weiterreiset, ein Stückchen Brot, mit freudigem Herzen gereicht: denn wahrlich, ein Segen Ist es von oben, ihr Herrn, daß ihr an dem einsamen Zelt hier Eueres Dieners vorüber kommt: so mußt’ es sich treffen!“ D’rauf begann der Ein’ in der Mitte der Beiden: „Du ladest Uns gastfreundlich zu dir: wir folgen dem Rufe mit Freuden. Stets beglücke dich selbst und die Deinen der Segen des Himmels!“ Also der Fremd’, und eilte sogleich mit seinen Gefährten Nach dem Gezelt. Sie ruhten im Schatten des säuselnden Eichbaum’s.
Abraham trat nun schnell in das Zelt, und sagte der Gattinn: „Theuere, nimm drei Maß des feinsten Mehles, und backe, Wie du’s trefflich gelernt, das Brot für die Fremdlinge draußen, Die uns der Herr gesandt: denn stets willkommen erscheinet Uns der Reisend’ allhier, und ihn zu bewirthen, ist löblich. Aber ich selbst enteile zur Heerd’,[4] und wähle mit Vorsicht Dort das fetteste Kalb aus der Zahl der andern, daß solches Dann der wohlerfahrene Knecht bereite zur Nahrung: Schürend gehörig die Gluth in der Grub’, und, kundig zerstücket, Legend die saftige Brust und die Schenkel voll reichlichen Fettes, Auf Steinplatten umher, wo verhüllt, im eigenen Dunst noch Schneller sich brate das Fleisch zur herzerfreuenden Mahlzeit.[5] Liebe, nicht soll es dann auch an der labenden Milch uns gebrechen!“ Also enteilt’ er zur Heerd’, und trieb den blöckenden Säugling Bald in den Hofraum ein, der hinter dem Zelt sich erstreckte, Wo der treffliche Knecht und die sorgsamwaltende Gattinn Seines Herrn, mit den Mägden vereint, Alljedes bestellten, Wie er es ihnen geboth. Er trug nun selber die Speisen: Käse mit Brot, im zierlichgeflochtenen Korb’, und den Braten Vor den Fremdlingen auf, und ging, und kehrete wieder, Bringend im hölzernen Napf die süß’ und geronnene Schafmilch Eilig zum labenden Trunke heran, und rief dann ermunternd: „Möchte doch euch, ihr Herrn, es gefallen, von eueres Dieners Gaben euch nun zu erquicken nach Lust, und zu ruh’n in des Baumes Schatten allhier, bis uns die heisseren Stunden entfliehen, Abendkühl’ uns die Stirn’ umweht, und ermüdeten Pilgern Freudige Kraft einhaucht zur eilegebiethenden Wand’rung.“ Sagt’ es, und ließ sich am Zelteingang vor den Schweigenden nieder.
Als nun diese von Speis’ und Trank, stillschweigend, genossen, Sprach der Ein’ in der Mitte der Beiden zu Abraham also: „Trefflich hast du uns heut’ in der einsamen Steppe bewirthet, Redlicher! Doch verkünd’ uns jetzt: weß Stamm’s und Geschlechtes Du dich rühmest, und ob du schon lang’ hier wohnest, ein Fremdling? Heiß ist der Tag; gern weilen wir noch im lieblichen Schatten.“ Jener begann alsbald: „Mit Freuden verkünd’ ich, weß Stammes Und Geschlechts ich mich rühm’, und woher ich gekommen ein Fremdling: Denn ich preise dadurch des Ewigen Huld und Erbarmung. Noch ist die Erde nicht alt; wir schau’n zu den Tagen der Schöpfung Noch hinauf;[6] doch ach, mit herzbeklemmender Trauer: Denn nicht ertrug das erst’ erschaffene Paar in des Edens Himmlischen Auen sein Glück, und ward durch arge Verführung, Ungehorsam und stolz, und mit allen kommenden Menschen, Wie der Sünde, so auch der Strafe der Sünde: dem Tod selbst Unterthan! Weh’ ihm, so der Herr nicht selber den Retter Ihm aus seinem Geschlechte verhieß![7] Schon blutete Abel, Sterbend von Bruders Hand; entsetzlich erhob sich auf Erden Frechheit, Mord, und Verrath, und es tilgte die schreckliche Sündfluth Bald das Menschengeschlecht ob seiner Vergehungen schnell hin. Sieh’, und ob auch der Herr den siebenfarbigen Bogen Hebend empor an des Himmels Gewölb, zum ewigen Zeichen Seiner Gericht’ ihm wies, so verleitet’ es wieder der Dünkel Bald zu erneuerter Schuld! Es wurden die stolzen Erbauer Eines g’en Himmel ragenden Thurms verwirrt, und auf Erden Rings zerstreut umher: die Väter unseliger Kinder. Aber es zeugte noch Adam den Seth; aus dem Samen des Frommen Kam dann Noah zur Welt, der Erhalter der Menschen im Fluthschiff; Dessen Erzeugter war Sem, und diesem entsproß mein Erzeuger Terach. Fern in Chaldäas Flur erblickt’ ich mit Nachor, Und mit Haran, den Brüdern, das Licht der freundlichen Sonne, Ward gesegnet an Hab’, und mächtig umher in dem Land dort, Bis der Herr mir geboth: „Zieh’ aus von dem Erbe der Väter, Aus von dem traulichen Kreis’ der theuern Verwandten: ich will dir Geben ein herrliches Land zum Besitz, dich erhöhen als Vater Eines erlesenen Volk’s, und mit dauerndem Segen beglücken: Denn er komme durch dich auf alle Völker auf Erden!“ Schnell gehorcht’ ich dem Herrn, und zog mit Sara, der Gattinn, Allen Genossen des Hauses, und Lot, dem Sohne des Bruders Haran, nach Canaan her, und errichtet’ ihm, früher zu Sichem, Am Terebinthen-Hain, dann Bethel, zu Ehren, den Altar.“[8]
„Doch einst drückte die Hungersnoth das Land, und wir eilten Nach Aegypten hinab, als Fremdlinge Rettung zu suchen. Schwester vom Vater her war mir die Gattinn: ich hieß sie Schwester im fremden Gebieth’, und als der Ruf von der Schönheit Sara’s in Pharaos[9] Ohren erscholl, ward sie nach des Herrschers Hofe geführt, ihm dort als Gattinn die Rechte zu reichen. Aber der Herr verhängte zuvor erschütternde Strafen Ueber Pharaos Haupt, daß er schnell sie wieder zurückgab, Und ich kehrte mit ihr und den Meinen nach Canaans Fluren, Reich an Silber, an Gold, und landdurchweidenden Heerden. Nimmer reichte für jene des Lot, und die meinen, des Grases Menge mehr hin, und wir trennten uns: er bewohnte des Jordans Wasserreiches Gefild bis Sodomas Marken hinunter; Mir ward kargeres Land, bei Hebron, am Terebinthen-Hain von Mamre, zu Theil; doch lohnte mich reichlicher Segen.“ „Drauf entspann sich im Land’ ein Krieg. Die Fürsten[10] verheerten Sodom, die Stadt, auch Gomorra, und führten Lot mit den Seinen Schmählich gefangen mit fort. Ich waffnete meine Genossen Dreihundert an der Zahl, und eilte den Feinden im Nachtgraun Rastlos nach, bis ich sie, im Lager vom Schlafe bezwungen, Fand, mit Geschrei angriff, und besiegt’. Erfreuende Kriegsbeut Sammelt’ ich dann, und gab auch Lot und den Seinen die Freiheit. Da kam Melchisedek, der König von Salem, und Priester Gottes, des wahren und einigen; trug herbei in den Händen Brot und Wein, und begann: „Gesegnet sey von dem Höchsten, Von dem einen, allmächtigen Herrn der Erd’ und des Himmels, Abram;[11] doch der Unendliche sey gelobt, daß er jetzt ihm Gegen die Feinde den Sieg verlieh, auf immer und ewig!“ Schaudernd vor Ehrfurcht sah ich dem Greis’ in die Augen; mich däuchte: Vor mir stehe, verklärt, ein Vorbild künftiger Zeiten, Deutend auf Huld zur Rettung der schuldbelasteten Menschheit. Aber ich gab ihm den zehnten Theil der Beute zum Eigen!“
„Jahr’ entfloh’n -- da schwebten mir hehre Gesichte vorüber. Leise verscholl des Tages Geräusch’, und nächtliche Stille Sank auf die schlummernde Flur, als ich, vor dem einsamen Zeltthor Sitzend, mit Trauer im Blick empor zu den schimmernden Sternen Sah, und zuweilen laut aufseufzte vor inniger Wehmuth: Denn mein Haar ergraut’, und mir fehlte der Erbe noch immer. Plötzlich erscholl mir die Stimme des Herrn, erschütternd im Nachtgraun: „Fürchte dich nicht! Geschirmt von meiner gewaltigen Rechten Lebst du im Frieden allhier, und sieh’, noch größere Wohlthat Soll dir werden: du wirst die Völker der Erde beglücken!“ „Herr!“ entgegnet’ ich d’rauf mit tiefbekümmertem Herzen, „Was erfüllete mir jetzt mehr die Brust an des Lebens Neige mit Trost? Scheid’ ich doch kinderlos von hienieden, Und mein Erbe wird dann Elieser, der redliche Diener.“ Wieder erscholl die Stimme des Herrn mit erhebendem Laut mir: „Nein, nicht dieser -- du irrst: dich beerbe dein eigner Erzeugter. Hebe die Augen empor zu dem leuchtenden Himmel: unzählbar Siehst du die Stern’ erglüh’n: so zahllos werden die Scharen Seyn des erlesenen Volk’s, das deinen Lenden entsprießet, Und dir geb’ ich dieß Land auf immer zum reichen Besitz hin.“ „Herr,“ rief ich, „welch’ Zeichen bestätiget mir die Verheißung?“
„Sieh’, ein Gewittergewölk’ aufthürmte sich plötzlich im Westen, Endlos; rasch durchfuhr zuweilen der röthliche Blitzstrahl Seinen dunkelen Schooß, erhellte des rauschenden Bergstroms Fluthen im weitumschlängelnden Lauf’, und der furchtbare Donner Rollte dumpf, bald nah’, bald fern’ im Gewölbe des Himmels. Da geboth mir der Herr: ich solle die Ziege, den Widder, Und die Kuh’, dreijährig sie all’, als Zeichen des Bundes Mitten entzwei getheilt, an dem Pfad hinlegen, und diesen, Unzerstückt, noch die Taub’ und die Turteltaube vereinen: Wie es zum Sinnbild dient, seit lange, den Bundesgenossen, Die, inmitten der blutenden Thier’ auf dem Pfad sich begegnend, Sollten sie freveln am Wort, zu gleicher Strafe sich weihen.[12] Also geschah’s. Ich setzte mich nun, und verjagte mit Sorgfalt Von den Geschlachteten dort Raubvögel in wimmelnder Anzahl. Plötzlich sank ich, verzücket, dahin: es wandelte furchtbar Sich der Abend in Nacht; noch schrecklicher flammte der Blitzstrahl -- Krachte der Donner umher, und Angst und Beben ergriff mich, Als die Stimme des Herrn erscholl aus den wetternden Wolken: „Sieh’, es sollen am Nil dein’ Enkeln als Fremdlinge wohnen Vierhundert Jahr’ entlang, und, in Sklavenbanden mißhandelt, Dienen dem Herrscher selbst und dem grausamgesinneten Volk dort; Aber ich will mich an ihm verherrlichen; reich an Geschenken Werden sie dann auszieh’n mit ihrem erlesenen Führer.[13] Doch dir wird in dem spätesten Alter ein Grab in dem Land hier, Das ich dir geben will, und den Deinen, nach meiner Verheißung.“ Als er gesprochen das Wort, da fuhr, wie aus finsteren Essen, Qualmender Rauch empor, und die Opferstücke durchbraus’te, Flammend, die Gluth. Ich erwacht’, und sah noch den Rauch und die Flamme: Mir zum Zeichen des Bund’s, und unendlicher Huld und Erbarmung.
„Sara, die Gattinn, gebar noch nicht. Nach Kindern verlangend Wünschte sie selbst, daß Hagar, ihr’ ägyptische Sklavinn, Fruchtbarer etwa denn sie, mir gebe den Sohn der Verheißung. Und sie gebar mir nun den Ismael, als sie vertrieben Erst von der zürnenden Hausfrau, fern aus den einsamen Wüsten Heim von dem Engel geleitet ward mit freundlichem Zuruf. Doch der Hehre verkündet’ ihr dort: ein schrecklicher Krieger Würd’ er seyn mit allen von ihm abstammenden Völkern.[14] D’rauf erscholl mir die Stimme des Herrn von neuem, gebiethend: Alle vom Männergeschlecht, nebst mir und Ismael selber, Freie und Knecht’, und Jung und Alt der Genossen des Hauses Soll ich beschneiden, und dieß sey dann ein heiliges Denkmaal Des mit mir geschlossenen Bund’s, auf ewige Zeiten.[15] Schnell gehorcht’ ich dem Rufe des Herrn, der jetzt mir den Nahmen _Abraham_ gab, daß ich heiss’: „ein erhabener Vater der Völker.“[16] Seht, so naht’ ich dem hundertsten Jahr’ des beseligten Lebens!“
Nun erhob sich der Herr mit den beiden Gefährten, und sagte: „Sprich: wo ist Sara, dein Weib?“ Und Jener: „Sie ruhet im Zelt dort.“ „Wohl,“ so begann dann wieder der Herr, „kehr’ ich nach dem Zeitraum Eines Jahres zurück, dann soll dir Sara den Knaben -- Ihn, den Sohn der Verheißung und Huld, zur Freude gebären!“ Sara, vernehmend das Wort, dicht hinter der hüllenden Zeltwand, Lachte für sich leis’ auf, und dacht’ im zweifelnden Herzen: „Meinem bejahrten Gemahl werd’ ich, die bejahrte, gebären?“ Aber, verweisend, rief der Erhabene jetzt nach dem Zelt hin: „Sara lachte? Warum denkt sie, noch zweifelnd: wie könnte Solches gescheh’n, da neun- und neunzig der Jahre sie zählet -- Dir schon hundert entfloh’n? Was wäre vor Gott denn unmöglich? Ja, ich betheure es dir, erneut: eh’ im rollenden Lauf noch Euch entschwindet ein Jahr, wird sie den Erben dir geben!“ Jetzo winkt’ er voll Ernst den beiden Gefährten. Sie beugten Schweigend das Haupt, und zogen den Pfad g’en Sodomas Mauern, Eilenden Schrittes, hinab. Doch Abraham trat in das Zelt ein, Warf den Mantel behend’ um beide Schultern und Lenden, Faßte den Stab, und kam, nach der Sitte des heiligen Gastrechts, Auch das Ehrengeleit dem Fremdling zu geben. Sie schritten Langsam erst, dann rasch den Sandpfad fort an dem Berg’ auf, Der in das herrliche Land am Jordanstrome hinabschaut.
Als sie erreichten die Höh’n, da sah die leuchtende Sonne, Scheidend, noch einmal mit sanfterglühendem Blick von des Abends Goldenem Thore heran, und sank hinunter am Erdrand. Röthlicher Duft umhüllte die Erd’; aufwogte des Jordans Silberstrom in dem Widerschein des rosigen Aethers; Aus den Zweigen umher, aus dem Wolkenreich, und dem Saatfeld Tönete jubelnder Ruf der befiederten Lüftebewohner, Und unendlicher Staub hob sich aus den weiten Gefilden, Wirbelnd, empor: denn heim von der ferneren Weide getrieben, Eilte die blöckende Heerd’, im Gebell des muthigen Schafhund’s Und im Gesang’ und Schalmeiengetön der fröhlichen Hirten. Doch nun saßen sie dort, und ruheten. Plötzlich erhob sich Von dem Boden der Herr, und sah auf Abraham nieder. Dieser fuhr, erst staunend, und dann von Schauder ergriffen, Rasch in die Höh’, er wollt’ aufschreien -- vermocht’s nicht, und beugte Nun, auf die Kniee gesunken, die Stirn’, erbebend, zum Boden: Denn er erkannte den Herrn an dem Blick voll himmlischer Klarheit. „Abraham,“ also erscholl des Ewigen Stimme dem Frommen, „Richte dich auf, und horch! Was ich zu vollbringen gesonnen Bin -- wie sollt’ ich es nun vor Abraham bergen, dem Vater Eines unzähligen Volk’s, in dem der Erde Bewohner Ehren des Retters Stammherrn einst, und auf den ich vertraue, Daß er den Seinen mit Ernst einprägen wird: die Gesetz’ all’ Ihres Gottes zu halten; zu thun, was gut und gerecht ist, Und ich erfüllen könn’ an ihm das Wort der Verheißung.“ „Abraham,“ fuhr er dann fort mit erschütternder Stimme, „betrachte Sodomas Mauern noch und Gomorras drüben im Blachfeld: Wie sie ragen empor, erhellet vom Schimmer des Abends, Wie die Gefild umher so schön, so blühend und fruchtbar Lächeln, als hätte sich dort die Pracht des einstigen Eden Wieder erneut... und morgen soll, zur Strafe, Zerstörung Tilgen die beiden Städt’, und die Fluren verwandeln in Wüsten, Schrecklich anzuschau’n noch kommenden Menschengeschlechtern: Denn laut schrie von jenen die Sünd’ empor zu dem Himmel, Und ich gehe nun hin, an den Frevlern Rache zu üben!“