Chapter 6
Die Oberpriesterinn. (aus dem Gewühl der Frauen hervortretend) Nun denn, du setzest würdig, Königinn, Mit diesem Schmähungswort, muß ich gestehn, Den Thaten dieses Tags die Krone auf. Nicht bloß, daß du, die Sitte wenig achtend, Den Gegner dir im Feld der Schlacht gesucht, Nicht bloß, daß du, statt ihn in Staub zu werfen, Ihm selbst im Kampf erliegst, nicht bloß, daß du Zum Lohn dafür ihn noch mit Rosen kränzest: Du zürnst auch deinem treuen Volke noch, Das deine Ketten bricht, du wendest dich, Und rufst den Überwinder dir zurück. Wohlan denn große Tochter Tanaïs, So bitt' ich--ein Versehn war's, weiter nichts-- Für diese rasche That dich um Verzeihung. Das Blut, das sie gekostet, reut mich jetzt, Und die Gefangnen, eingebüßt um dich, Wünsch' ich von ganzer Seele mir zurück. Frei, in des Volkes Namen, sprech' ich dich; Du kannst den Fuß jetzt wenden, wie du willst, Kannst ihn mit flatterndem Gewand ereilen, Der dich in Fesseln schlug, und ihm den Riß, Da, wo wir sie zersprengten, überreichen: Also ja will's das heil'ge Kriegsgesetz! Uns aber, uns vergönnst du, Königinn, Den Krieg jetzt aufzugeben, und den Fuß Nach Themiscyra wieder heimzusetzen; Wir mindestens, wir können jene Griechen, Die dort entfliehn, nicht bitten, stillzustehn, Nicht, so wie du, den Siegskranz in der Hand, Zu unsrer Füsse Staub sie nieder flehn.
(Pause)
Penthesilea. (wankend) Prothoe!
Prothoe. Mein Schwesterherz!
Penthesilea. Ich bitte dich, bleib bei mir.
Prothoe. Im Tod, du weißt--Was bebst du, meine Königinn?
Penthesilea. Nichts, es ist nichts, ich werde gleich mich sammeln.
Prothoe. Ein großer Schmerz traf dich. Begegn' ihm groß.
Penthesilea. Sie sind verloren?
Prothoe. Meine Königinn?
Penthesilea. Die ganze junge Prachtschaar, die wir fällten?-- Sie sinds durch mich?
Prothoe. Beruh'ge dich. Du wirst sie In einem andern Krieg' uns wiederschenken.
Penthesilea. (an ihren Busen) O niemals!
Prothoe. Meine Königinn?
Penthesilea. O niemals! Ich will in ew'ge Finsterniß mich bergen!
Zwanzigster Auftritt.
Ein Herold (tritt auf) Die Vorigen.
Meroe. Ein Herold naht dir, Königinn!
Asteria. Was willst du?
Penthesilea. (mit schwacher Freude) Von dem Peliden!--Ach, was werd' ich hören? Ach, Prothoe, heiß' ihn wieder gehn!
Prothoe. Was bringst du?
Der Herold. Mich sendet dir Achilleus, Königinn, Der schilfumkränzten Nereïde Sohn, Und läßt durch meinen Mund dir kündigen: Weil dich Gelüst' treibt, als Gefangnen ihn Nach deinen Heimathsfluren abzuführen, Ihn aber auch hinwiederum Gelüst, Nach seinen heimathlichen Fluren dich: So fordert er zum Kampf, auf Tod und Leben, Noch einmal dich ins Feld hinaus, auf daß Das Schwerdt, des Schicksaals ehrne Zung' entscheide, In der gerechten Götter Angesicht, Wer würdig sei, du oder er, von beiden, Den Staub nach ihrem heiligen Beschluß, Zu seines Gegners Füßen aufzulecken. Hast du's auf solchen Strauß zu wagen Lust?
Penthesilea. (mit einerfliegenden Blässe) Laß dir vom Wetterstrahl die Zunge lösen, Verwünschter Redner, eh' du wieder sprichst! Hört' ich doch einen Sandblock just so gern, Endlosen Falls, bald hier, bald dort anschmetternd, Dem klafternhohen Felsenriff entpoltern. (zu Prothoe) --Du mußt es Wort für Wort mir wiederholen.
Prothoe. (zitternd) Der Sohn des Peleus, glaub' ich, schickt ihn her, Und fordert dich auf's Feld hinaus; Verweig're kurz dich ihm, und sage, nein.
Penthesilea. Es ist nicht möglich.
Prothoe. Meine Königinn?
Penthesilea. Der Sohn des Peleus fordert mich ins Feld?
Prothoe. Sag' ich dem Mann gleich: nein, und laß ihn gehn?
Penthesilea. Der Sohn des Peleus fordert mich ins Feld?
Prothoe. Zum Kampf ja, meine Herrscherinn, so sagt' ich.
Penthesilea. Der mich zu schwach weiß, sich mit ihm zu messen, Der ruft zum Kampf mich, Prothoe, ins Feld? Hier diese treue Brust, sie rührt ihn erst, Wenn sie sein scharfer Speer zerschmetterte? Was ich ihm zugeflüstert, hat sein Ohr Mit der Musik der Rede bloß getroffen? Des Tempels unter Wipfeln denkt er nicht, Ein steinern Bild hat meine Hand bekränzt?
Prothoe. Vergiß den Unempfindlichen.
Penthesilea. (glühend) Nun denn, So ward die Kraft mir jetzo, ihm zu stehen: So soll er in den Staub herab, und wenn Lapiten und Giganten ihn beschüzten!
Prothoe. Geliebte Königinn--
Meroe. Bedenkst du auch?
Penthesilea. (sie unterbrechend) Ihr sollt all' die Gefangnen wieder haben!
Der Herold. Du willst im Kampf dich--?
Penthesilea. Stellen will ich mich: Er soll im Angesicht der Götter mich, Die Furien auch ruf' ich herab, mich treffen!
(Der Donner rollt)
Die Oberpriesterinn. Wenn dich mein Wort gereitzt, Penthesilea, So wirst du mir den Schmerz nicht--
Penthesilea. (ihre Thränen unterdrückend) Laß, du Heilige! Du sollst mir nicht umsonst gesprochen haben.
Meroe. Ehrwürd'ge Priesterinn, dein Ansehen brauche.
Die Oberpriesterinn. Hörst du ihn, Königinn, der dir zürnt?
Penthesilea. Ihn ruf' ich Mit allen seinen Donnern mir herab!
Erste Oberste. (in Bewegung,) Ihr Fürstinnen--
Die Zweite. Unmöglich ist's!
Die Dritte. Es kann nicht!
Penthesilea. (mit zuckender Wildheit) Herbei, Ananke, Führerinn der Hunde!
Die erste Oberste. Wir sind zerstreut, geschwächt--
Die Zweite. Wir sind ermüdet--
Penthesilea. Du, mit den Elephanten, Thyrroe!
Prothoe. Königinn! Willst du mit Hunden ihn und Elephanten--
Penthesilea. Ihr Sichelwagen, kommt, ihr blinkenden, Die ihr des Schlachtfelds Erndefest bestellt, Kommt, kommt in gräul'gen Schnitterreih'n herbei! Und ihr, die ihr der Menschen Saat zerdrescht, Daß Halm und Korn auf ewig untergehen, Ihr Reuterschaaren, stellt euch um mich her! Du ganzer Schreckenspomp des Kriegs, dich ruf' ich, Vernichtender, entsetzlicher, herbei! (Sie ergreift den großen Bogen aus einer Amazone Hand)
Amazonen. (Mit Meuten gekoppelter Hunde. Späterhin Elephanten, Feuerbrände, Sichelwagen u. s. w.)
Prothoe. Geliebte meiner Seele! Höre mich!
Penthesilea. (sich zu den Hunden wendend) Auf, Tigris, jetzt, dich brauch' ich! Auf Leäne! Auf, mit der Zoddelmähne du, Melampus! Auf, Akle, die den Fuchs erhascht, auf Sphynx, Und der die Hirschkuh übereilt, Alektor, Auf, Oxus, der den Eber niederreißt, Und der dem Leuen nicht erbebt, Hyrkaon!
(Der Donner rollt heftig)
Prothoe. O! Sie ist ausser sich--
Erste Oberste. Sie ist wahnsinnig!
Penthesilea. (kniet nieder, mit allen Zeichen des Wahnsinns, während die Hunde ein gräßliches Geheul anstimmen) Dich, Ares, ruf' ich jetzt, dich Schrecklichen. Dich, meines Hauses hohen Gründer, an! Oh!--deinen erznen Wagen mir herab: Wo du der Städte Mauern auch und Thore Zermalmst, Vertilgergott, gekeilt in Straßen, Der Menschen Reihen jetzt auch niedertritst; Oh!--deinen erznen Wagen mir herab: Daß ich den Fuß in seine Muschel setze, Die Zügel greife, durch die Felder rolle, Und wie ein Donnerkeil aus Wetterwolken, Auf dieses Griechen Scheitel niederfalle! (sie steht auf)
Die erste Oberste. Ihr Fürstinnen!
Die Zweite. Auf! Wehrt der Rasenden!
Prothoe. Hör, meine große Königinn, mich!
Penthesilea. (indem sie den Bogen spannt) Ei, lustig! So muß ich sehn, ob mir der Pfeil noch trifft. (sie legt auf Prothoe an)
Prothoe. (niederstürtzend) Ihr Himmlischen!
Eine Priesterinn. (indem sie sich rasch hinter die Königinn stellt) Achill ruft!
Eine Zweite. (eben so) Der Pelide!
Eine Dritte. Hier steht er hinter dir!
Penthesilea. (Wendet sich) Wo?
Die erste Priesterinn. War ers nicht?
Penthesilea. Nein, hier sind noch die Furien nicht versammelt. --Folg' mir, Ananke! Folgt, ihr Anderen!
(ab mit dem ganzen Kriegstroß unter heftigen Gewitterschlägen)
Meroe. (indem sie Prothoe aufhebt) Die Gräßliche!
Asteria. Fort! Eilt ihr nach, ihr Frauen!
Die Oberpriesterinn. (leichenbleich) Ihr Ew'gen! Was beschloßt ihr über uns?
(Alle ab)
Einundzwanzigster Auftritt.
Achilles, Diomedes (treten auf. Späterhin) Ulysses (zuletzt) Der Herold.
Achilles. Hör', thu mir den Gefallen, Diomed, Und sag' dem Sittenrichter nichts, dem grämlichen Odyß, von dem, was ich dir vertraue; Mir widersteht's, es macht mir Übelkeiten, Wenn ich den Zug um seine Lippe sehe.
Diomedes. Hast du den Herold ihr gesandt, Pelide? Ist's wahr? Ists wirklich?
Achilles. Ich will dir sagen, Freund: --Du aber, du erwiederst nichts, verstehst du? Gar nichts, kein Wort!--Dieß wunderbare Weib, Halb Furie, halb Grazie, sie liebt mich-- Und allen Weibern Hellas ich zum Trotz, Beim Styx! beim ganzen Hades!--Ich sie auch.
Diomedes. Was!
Achilles. Ja. Doch eine Grille, die ihr heilig, Will, daß ich ihrem Schwerdt im Kampf erliege; Eh' nicht in Liebe kann sie mich umfangen. Nun schickt' ich--
Diomedes. Rasender!
Achilles. Er hört mich nicht! Was er im Weltkreis noch, so lang er lebt, Mit seinem blauen Auge nicht gesehn, Das kann er in Gedanken auch nicht fassen.
Diomedes. Du willst--? Nein, sprich! Du willst--?
Achilles. (nach einer Pause)--Was also will ich? Was ist's, daß ich so Ungeheures will?
Diomedes. Du hast sie in die Schranken bloß gefordert, Um ihr--?
Achilles. Beim wolkenrüttelnden Kroniden, Sie thut mir nichts, sag' ich! Eh' wird ihr Arm, Im Zweikampf gegen ihren Busen wüthen, Und rufen: "Sieg!" wenn er von Herzblut trieft, Als wider mich!--Auf einen Mond bloß will ich ihr, In dem, was sie begehrt, zu Willen sein; Auf einen oder zwei, mehr nicht: das wird Euch ja den alten, meerzerfreßnen Istmus Nicht gleich zusammenstürzen!--Frei bin ich dann, Wie ich aus ihrem eignen Munde weiß, Wie Wild auf Haiden wieder; und folgt sie mir, Beim Jupiter! ich wär' ein Seeliger, Könnt' ich auf meiner Väter Thron sie setzen.
Ulysses. (kommt)
Diomedes. Komm her, Ulyß, ich bitte dich.
Ulysses. Pelide! Du hast die Königinn ins Feld gerufen; Willst du, ermüdet, wie die Schaaren sind, Von Neu'm das oftmißlung'ne Wagstück wagen?
Diomedes. Nichts, Freund, von Wagestücken, nichts von Kämpfen; Er will sich bloß ihr zu gefangen geben.
Ulysses. Was?
Achilles. (das Blut schießt ihm ins Gesicht) Thu mir dein Gesicht weg, bitt' ich dich!
Ulysses. Er will--?
Diomedes. Du hörst's, ja! Ihr den Helm zerkeilen Gleich einem Fechter, grimmig sehn, und wüthen; Dem Schild aufdonnern, daß die Funken sprühen, Und stumm sich, als ein Überwundener, Zu ihren kleinen Füssen niederlegen.
Ulysses. Ist dieser Mann bei Sinnen, Sohn des Peleus? Hast du gehört, was er--?
Achilles. (sich zurückhaltend) Ich bitte dich, Halt deine Oberlippe fest, Ulyß! Es steckt mich an, bei den gerechten Göttern, Und bis zur Faust gleich zuckt es mir herab.
Ulysses. (wild) Bei dem Kozyth, dem feurigen! Wissen will ich, Ob meine Ohren hören, oder nicht! Du wirst mir, Sohn des Tydeus, bitt' ich, jetzt, Mit einem Eid, daß ich auf's Reine komme, Bekräftigen, was ich dich fragen werde. Er will der Königinn sich gefangen geben?
Diomedes. Du hörst's!
Ulysses. Nach Themiscyra will er gehn?
Diomedes. So ist's.
Ulysses. Und unseren Helenenstreit, Vor der Dardanerburg, der Sinnentblößte, Den will er, wie ein Kinderspiel, weil sich Was anders Buntes zeigt, im Stiche lassen?
Diomedes. Beim Jupiter! Ich schwör's.
Ulysses. (indem er die Arme verschränkt) --Ich kann's nicht glauben.
Achilles. Er spricht von der Dardanerburg.
Ulysses. Was?
Achilles. Was?
Ulysses. Mich dünckt, du sagtest was.
Achilles. Ich?
Ulysses. Du!
Achilles. Ich sagte: Er spricht von der Dardanerburg.
Ulysses. Nun, ja! Wie ein Beseßner fragt' ich, ob der ganze Helenenstreit, vor der Dardanerburg, Gleich einem Morgentraum, vergessen sei?
Achilles. (indem er ihm näher trit) Wenn die Dardanerburg, Laertiade, Versänke, du verstehst, so daß ein See, Ein bläulicher, an ihre Stelle träte; Wenn graue Fischer, bei dem Schein des Monds, Den Kahn an ihre Wetterhähne knüpften; Wenn im Pallast des Priamus ein Hecht Regiert', ein Ottern- oder Ratzenpaar Im Bette sich der Helena umarmten: So wär's für mich gerad' so viel, als jetzt.
Ulysses. Beim Styx! Es ist sein voller Ernst, Tydide!
Achilles. Beim Styx! Bei dem Lernäersumpf! Beim Hades! Der ganzen Oberwelt und Unterwelt, Und jedem dritten Ort: es ist mein Ernst; Ich will den Tempel der Diana sehn!
Ulysses. (halb ihm ins Ohr) Laß ihn nicht von der Stelle, Diomed, Wenn du so gut willst sein.
Diomedes. Wenn ich--ich glaube! Sei doch so gut, und leih' mir deine Arme.
Der Herold. (trit auf)
Achilles. Ha! Stellt sie sich? Was bringst du? Stellt sie sich?
Der Herold. Sie stellt sich, ja, Neridensohn, sie naht schon; Jedoch mit Hunden auch und Elephanten, Und einem ganzen wilden Reutertroß: Was die beim Zweikampf sollen, weiß ich nicht.
Achilles. Gut. Dem Gebrauch, war sie das schuldig. Folgt mir! --O sie ist listig, bei den ewigen Göttern! --Mit Hunden, sagst du?
Der Herold. Ja.
Achilles. Und Elephanten?
Der Herold. Daß es ein Schrecken ist, zu sehn, Pelide! Gält' es, die Atreïden anzugreifen, Im Lager vor der Trojerburg, sie könnte In keiner finstrern Gräuelrüstung nahn.
Achilles. (in den Bart) Die fressen aus der Hand, wahrscheinlich--Folgt mir! --O! Die sind zahm, wie sie.
(ab mit dem Gefolge)
Diomedes. Der Rasende!
Ulysses. Laßt uns ihn knebeln, binden--hört ihr Griechen!
Diomedes. Hier nah'n die Amazonen schon--hinweg!
(Alle ab.)
Zweiundzwanzigster Auftritt.
Die Oberpriesterinn (bleich im Gesicht) mehrere andere Priesterinnen und Amazonen.
Die Oberpriesterinn. Schafft Stricke her, ihr Frauen!
Die erste Priesterinn. Hochwürdigste!
Die Oberpriesterinn. Reißt sie zu Boden nieder! Bindet sie!
Eine Amazone. Meinst du die Königinn?
Die Oberpriesterinn. Die Hündinn, mein' ich! --Der Menschen Hände bänd'gen sie nicht mehr.
Die Amazonen. Hochheil'ge Mutter! Du scheinst ausser dir.
Die Oberpriesterinn. Drei Jungfraun trat sie wüthend in den Staub, Die wir geschickt, sie aufzuhalten; Meroe, Weil sie auf Knien sich in den Weg ihr warf. Bei jedem süssen Namen sie beschwörend, Mit Hunden hat sie sie hinweggehetzt. Als ich von fern der Rasenden nur nahte, Gleich einen Stein, gebückt, mit beiden Händen, Den grimmerfüllten Blick auf mich gerichtet, Riß sie vom Boden auf--verloren war ich, Wenn ich im Haufen nicht des Volks verschwand.
Die erste Priesterinn. Es ist entsetzlich!
Die Zweite. Schrecklich ist's, ihr Fraun.
Die Oberpriesterinn. Jetzt unter ihren Hunden wüthet sie, Mit schaumbedeckter Lipp', und nennt sie Schwestern, Die heulenden, und der Mänade gleich, Mit ihrem Bogen durch die Felder tanzend, Hetzt sie die Meute, die mordathmende, Die sie umringt, das schönste Wild zu fangen, Das je die Erde, wie sie sagt, durchschweift.
Die Amazonen. Ihr Orkusgötter! Wie bestraft ihr sie!
Die Oberpriesterinn. Drum mit dem Strick, ihr Arestöchter, schleunig Dort auf den Kreuzweg hin, legt Schlingen ihr, Bedeckt mit Sträuchern, vor der Füsse Tritt. Und reißt, wenn sich ihr Fuß darin verfängt, Dem wuthgetroffnen Hunde gleich, sie nieder: Daß wir sie binden, in die Heimath bringen, Und sehen, ob sie noch zu retten sei.
Das Heer der Amazonen. (außerhalb der Scene) Triumph! Triumph! Triumph! Achilleus stürzt! Gefangen ist der Held! Die Siegerinn, Mit Rosen wird sie seine Scheitel kränzen!
(Pause)
Die Oberpriesterinn. (mit freudebeklemmter Stimme) Hört' ich auch recht?
Die Priesterinnen und Amazonen. Ihr hochgeprießnen Götter!
Die Oberpriesterinn. War dieser Jubellaut der Freude nicht?
Die erste Priesterinn. Geschrei des Siegs, o du Hochheilige, Wie noch mein Ohr keins seeliger vernahm!
Die Oberpriesterinn. Wer schafft mir Kund', ihr Jungfraun?
Die zweite Priesterinn. Terpi! rasch! Sag' an, was du auf jenem Hügel siehst?
Eine Amazone. (die während dessen den Hügel erstiegen mit Entsetzen) Euch, ihr der Hölle grauenvolle Götter, Zu Zeugen ruf' ich nieder--was erblick' ich!
Die Oberpriesterinn. Nun denn--als ob sie die Medus' erblickte!
Die Priesterinnen. Was siehst du? Rede! Sprich!
Die Amazone. Penthesilea, Sie liegt, den grimm'gen Hunden beigesellt, Sie, die ein Menschenschooß gebahr, und reißt,-- Die Glieder des Achills reißt sie in Stücken!
Die Oberpriesterinn. Entsetzen! o Entsetzen!
Alle. Fürchterlich!
Die Amazone. Hier kommt es, bleich, wie eine Leiche, schon Das Wort des Gräuel-Räthsels uns heran. (sie steigt vom Hügel herab)
Dreiundzwanzigster Auftritt.
Meroe (trit auf) Die Vorigen.
Meroe. O ihr, der Diana heil'ge Priesterinnen, Und ihr, Mars reine Töchter, hört mich an: Die afrikanische Gorgone bin ich, Und wie ihr steht, zu Steinen starr' ich euch.
Die Oberpriesterinn. Sprich, Gräßliche! was ist geschehn?
Meroe. Ihr wißt, Sie zog dem Jüngling, den sie liebt, entgegen, Sie, die fortan kein Name nennt-- In der Verwirrung ihrer jungen Sinne, Den Wunsch, den glühenden, ihn zu besitzen, Mit allen Schrecknissen der Waffen rüstend. Von Hunden rings umheult und Elephanten, Kam sie daher, den Bogen in der Hand: Der Krieg, der unter Bürgern ras't, wenn er, Die blutumtriefte Graungestalt, einher, Mit weiten Schritten des Entsetzens geht, Die Fackel über blühnde Städte schwingend, Er sieht so wild und scheußlich nicht, als sie. Achilleus, der, wie man im Heer versichert, Sie blos ins Feld gerufen, um freiwillig Im Kampf, der junge Thor, ihr zu erliegen: Denn er auch, o wie mächtig sind die Götter! Er liebte sie, gerührt von ihrer Jugend, Zu Dianas Tempel folgen wollt' er ihr: Er naht sich ihr, voll süsser Ahndungen, Und läßt die Freunde hinter sich zurück. Doch jetzt, da sie mit solchen Gräulnissen Auf ihn herangrollt, ihn, der nur zum Schein Mit einem Spieß sich arglos ausgerüstet: Stutzt er, und dreht den schlanken Hals, und horcht, Und eilt entsetzt, und stutzt, und eilet wieder: Gleich einem jungen Reh, das im Geklüfft Fern das Gebrüll des grimmen Leu'n vernimmt. Er ruft: Odysseus! mit beklemmter Stimme, Und sieht sich schüchtern um, und ruft: Tydide! Und will zurück noch zu den Freunden fliehn; Und steht, von einer Schaar schon abgeschnitten, Und hebt die Händ' empor, und duckt und birgt In eine Fichte sich, der Unglückseel'ge, Die schwer mit dunkeln Zweigen niederhangt.-- Inzwischen schritt die Königinn heran, Die Doggen hinter ihr, Gebirg' und Wald Hochher, gleich einem Jäger, überschauend; Und da er eben, die Gezweige öffnend, Zu ihren Füssen niedersinken will: Ha! sein Geweih verräth' den Hirsch, ruft sie, Und spannt mit Kraft der Rasenden, sogleich Den Bogen an, daß sich die Enden küssen, Und hebt den Bogen auf und zielt und schießt, Und jagt den Pfeil ihm durch den Hals; er stürzt: Ein Siegsgeschrei schallt roh im Volk empor. Jetzt gleichwohl lebt der Aermste noch der Menschen, Den Pfeil, den weit vorragenden, im Nacken, Hebt er sich röchelnd auf, und überschlägt sich, Und hebt sich wiederum und will entfliehn; Doch, hetz! schon ruft sie: Tigris! hetz, Leäne! Hetz, Sphynx! Melampus! Dirke! Hetz, Hyrkaon! Und stürzt--stürzt mit der ganzen Meut', o Diana! Sich über ihn, und reißt--reißt ihn beim Helmbusch, Gleich einer Hündinn, Hunden beigesellt, Der greift die Brust ihm, dieser greift den Nacken, Daß von dem Fall der Boden bebt, ihn nieder! Er, in dem Purpur seines Bluts sich wälzend, Rührt ihre sanfte Wange an, und ruft: Penthesilea! meine Braut! was thust du? Ist dies das Rosenfest, das du versprachst? Doch sie--die Löwinn hätte ihn gehört, Die hungrige, die wild nach Raub umher, Auf öden Schneegefilden heulend treibt; Sie schlägt, die Rüstung ihm vom Leibe reissend, Den Zahn schlägt sie in seine weiße Brust, Sie und die Hunde, die wetteifernden, Oxus und Sphynx den Zahn in seine rechte, In seine linke sie; als ich erschien, Troff Blut von Mund und Händen ihr herab. (Pause voll Entsetzen) Vernahmt ihr mich, ihr Fraun, wohlan so redet, Und gebt ein Zeichen eures Lebens mir.
(Pause)
Die erste Priesterinn. (am Busen der Zweiten weinend) Solch eine Jungfrau, Hermia! So sittsam! In jeder Kunst der Hände so geschickt! So reizend, wenn sie tanzte, wenn sie sang! So voll Verstand und Würd' und Grazie!
Die Oberpriesterinn. O die gebahr Otrere nicht! Die Gorgo Hat im Pallast der Hauptstadt sie gezeugt!
Die erste Priesterinn. (fortfahrend) Sie war wie von der Nachtigall gebohren, Die um den Tempel der Diana wohnt. Gewiegt im Eichenwipfel saß sie da, Und flötete, und schmetterte, und flötete, Die stille Nacht durch, daß der Wandrer horchte, Und fern die Brust ihm von Gefühlen schwoll. Sie trat den Wurm nicht, den gesprenkelten, Der unter ihrer Füsse Sohle spielte, Den Pfeil, der eines Ebers Busen traf, Rief sie zurück, es hätte sie sein Auge, Im Tod gebrochen, ganz zerschmelzt in Reue, Auf Knieen vor ihn niederziehen können!
(Pause)
Meroe. Jetzt steht sie lautlos da, die Grauenvolle, Bei seiner Leich', umschnüffelt von der Meute, Und blicket starr, als wär's ein leeres Blatt, Den Bogen siegreich auf der Schulter tragend, In das Unendliche hinaus, und schweigt. Wir fragen mit gesträubten Haaren, sie, Was sie gethan? Sie schweigt. Ob sie uns kenne? Sie schweigt. Ob sie uns folgen will? Sie schweigt, Entsetzen griff mich, und ich floh zu euch.
Vierundzwanzigster Auftritt.
Penthesilea.--Die Leiche des Achills (mit einem rothen Teppich bedeckt).--Prothoe und Andere.
Die erste Amazone. Seht, seht, ihr Frau'n!--Da schreitet sie heran, Bekränzt mit Nesseln, die Entsetzliche, Dem dürren Reif des Hag'dorns eingewebt, An Lorbeer-Schmuckes statt, und folgt der Leiche, Die Gräßliche, den Bogen festlich schulternd, Als wärs der Todfeind, den sie überwunden!
Die zweite Priesterinn. O diese Händ'--!
Die erste Priesterinn. O wendet euch ihr Frauen!
Prothoe. (der Oberpriesterinn an den Busen sinkend) O meine Mutter!
Die Oberpriesterinn. (mit Entsetzen) Diana ruf' ich an: Ich bin an dieser Gräuelthat nicht schuldig!
Die erste Amazone. Sie stellt sich grade vor die Oberpriesterinn.
Die Zweite. Sie winket, schaut!
Die Oberpriesterinn. Hinweg, du Scheußliche! Du Hades-Bürgerinn! Hinweg, sag' ich! Nehmt diesen Schleier, nehmt, und deckt sie zu. (sie reißt sich den Schleier ab, und wirft ihn der Königinn ins Gesicht)
Die erste Amazone. O die lebend'ge Leich'. Es rührt sie nicht--!
Die Zweite. Sie winket immer fort--
Die Dritte. Winkt immer wieder--
Die Erste. Winkt immer zu der Priestrinn Füssen nieder--
Die Zweite. Seht, seht!
Die Oberpriesterinn. Was willst du mir? hinweg, sag' ich! Geh' zu den Raben, Schatten! Fort! Verwese! Du blickst die Ruhe meines Lebens todt.
Die erste Amazone. Ha! man verstand sie, seht--
Die Zweite. Jetzt ist sie ruhig.
Die Erste. Den Peleïden sollte man, das wars, Vor der Diana-Priestrinn Füßen legen.
Die Dritte. Warum just vor der Diana-Priest'rinn Füssen?
Die Vierte. Was meint sie auch damit?
Die Oberpriesterinn. Was soll mir das? Was soll die Leiche hier vor mir? Laß sie Gebirge decken, unzugängliche, Und den Gedanken deiner That dazu! War ich's, du--Mensch nicht mehr, wie nenn' ich dich? Die diesen Mord dir schrecklich abgefordert?-- Wenn ein Verweis, sanft aus der Liebe Mund. Zu solchen Gräuelnissen treibt, so sollen Die Furien kommen, und uns Sanftmuth lehren!
Die erste Amazone. Sie blicket immer auf die Priestrinn ein.
Die Zweite. Grad' ihr ins Antlitz--
Die Dritte. Fest und unverwandt, Als ob sie durch und durch sie blicken wollte.--
Die Oberpriesterinn. Geh', Prothoe, ich bitte dich, geh', geh', Ich kann sie nicht mehr sehn, entferne sie.
Prothoe. (weinend) Weh mir!
Die Oberpriesterinn. Entschließe dich!
Prothoe. Die That, die sie Vollbracht hat, ist zu scheußlich; laß mich sein.
Die Oberpriesterinn. Fass' dich.--Sie hatte eine schöne Mutter. --Geh, biet' ihr deine Hülf' und führ' sie fort.
Prothoe. Ich will sie nie mit Augen wiedersehn!--
Die zweite Amazone. Seht, wie sie jetzt den schlanken Pfeil betrachtet!
Die Erste. Wie sie ihn dreht und wendet--
Die Dritte. Wie sie ihn mißt!
Die erste Priesterinn. Das scheint der Pfeil, womit sie ihn erlegt.
Die erste Amazone. So ist's, ihr Fraun!
Die Erste. Wie sie vom Blut ihn säubert! Wie sie an seiner Flecken jeden wischt!
Die Dritte. Was denkt sie wohl dabei?
Die Zweite. Und das Gefieder, Wie sie es trocknet, kräuselt, wie sie's lockt! So zierlich! Alles, wie es sich gehört. O seht doch!