Chapter 3
Die Oberpriesterinn. Ei, wenn sie bös' euch sind, bei unsrer Göttinn, So macht sie wieder gut! Warum auch habt ihr So heftig sie im Kampfgewühl getroffen? Sagt ihnen, was geschehn wird, sie zu trösten: So werden sie nicht unerbittlich seyn.
Die erste Amazone. (zu einem gefangenen Griechen) Willst du auf weichen Teppichen, o Jüngling, Die Glieder ruhn? Soll ich von Frühlingsblumen, Denn müde scheinst du sehr, ein Lager dir, Im Schatten jenes Lorbeerbaums, bereiten?
Die Zweite. (eben so) Soll ich das duftendste der Perseröle In Wasser mischen, frisch dem Quell entschöpft, Und dir den Staubbedeckten Fuß erquicken?
Die Dritte. Doch der Orange Saft verschmähst du nicht Mit eigner Hand dir liebend dargebracht?
Die drei Amazonen. Sprecht! Redet! Womit dient man euch?
Ein Grieche. Mit nichts!
Die erste Amazone. Ihr sonderbaren Fremdlinge! Was härmt euch? Was ist's, da uns der Pfeil im Köcher ruht, Daß ihr vor unserm Anblick euch entsetzt? Ist es die Löwenhaut, die euch erschreckt?-- Du, mit dem Gürtel, sprich! Was fürchtest du?
Der Grieche. (nachdem er sie scharf angesehn) Wem winden jene Kränze sich? Sagt an!
Die erste Amazone. Wem? Euch! Wem sonst?
Der Grieche. Uns! und das sagt ihr noch, Unmenschliche! Wollt ihr, geschmückt mit Blumen, Gleich Opferthieren, uns zur Schlachtbank führen?
Die erste Amazone. Zum Tempel euch der Artemis! Was denkt ihr? In ihren dunkeln Eichenhayn, wo eurer Entzücken ohne Maas und Ordnung wartet!
Der Grieche. (erstaunt, mit unterdrückter Stimme, zu den andern Gefangenen) War je ein Traum so bunt, als was hier wahr ist?
Siebenter Auftritt.
Eine Hauptmännin (tritt auf). Die Vorigen.
Die Hauptmännin. Auf diesem Platz, Hochwürd'ge, find ich dich! --Inzwischen sich, auf eines Steinwurfs Nähe, Das Heer zur blutigen Entscheidung rüstet!
Die Oberpriesterinn. Das Heer! Unmöglich! Wo?
Die Hauptmännin. In jenen Gründen, Die der Skamandros ausgeleckt. Wenn du Dem Wind, der von den Bergen weht, willst horchen, Kannst du den Donnerruf der Königinn, Gezückter Waffen Klirren, Rosse wiehern, Drommeten, Tuben, Cymbeln und Posaunen, Des Krieges ganze ehrne Stimme hören.
Eine Priesterinn. Wer rasch erfleucht den Hügel dort?
Die Mädchen. Ich! Ich!
(Sie ersteigen den Hügel)
Die Oberpriesterinn. Der Königinn!--Nein, sprich! Es ist unglaublich-- --Warum, wenn noch die Schlacht nicht ausgewüthet, Das Fest der Rosen ordnete sie an?
Die Hauptmännin. Das Rosenfest--Gab sie Befehl denn wem?
Die Oberpriesterinn. Mir! Mir!
Die Hauptmännin. Wo? Wann?
Die Oberpriesterinn. Vor wenigen Minuten In jenes Obelisken Schatten stand ich, Als der Pelid, und sie, auf seiner Ferse, Den Winden gleich, an mir vorüberrauschten. Und ich: wie geht's? fragt' ich die Eilende. Zum Fest der Rosen, rief sie, wie du siehst! Und flog' an mir vorbei und jauchzte noch: Laß es an Blüthen nicht, du Heil'ge, fehlen!
Die erste Priesterinn. (zu den Mädchen) Seht ihr sie? sprecht!
Das erste Mädchen. (auf dem Hügel) Nichts, gar nichts sehen wir! Es läßt kein Federbusch sich unterscheiden. Ein Schatten überfleucht von Wetterwolken Das weite Feld ringsher, das Drängen nur Verwirrter Kriegerhaufen nimmt sich wahr, Die im Gefild' des Tod's einander suchen.
Die zweite Priesterinn. Sie wird des Heeres Rückzug decken wollen.
Die Erste. Das denk' ich auch.--
Die Hauptmännin. Zum Kampf steht sie gerüstet, Ich sag's euch, dem Peliden gegenüber, Die Königinn, frisch, wie das Perserroß, Das in die Luft hoch aufgebäumt sie trägt, Den Wimpern heiß're Blick', als je, entsendend, Mit Athemzügen, freien, jauchzenden, Als ob ihr junger kriegerischer Busen Jetzt in die erste Luft der Schlachten käme.
Die Oberpriesterinn. Was denn, bei den Olympischen, erstrebt sie? Was ist's, da rings, zu Tausenden, uns die Gefangenen in allen Wäldern wimmeln, Das ihr noch zu erringen übrig bleibt?
Die Hauptmännin. Was ihr noch zu erringen übrig bleibt?
Die Mädchen. (auf dem Hügel) Ihr Götter!
Die erste Priesterinn. Nun? Was giebt's? Entwich der Schatten?
Das erste Mädchen. O ihr Hochheiligen, kommt doch her!
Die zweite Priesterinn. So sprecht!
Die Hauptmännin. Was ihr noch zu erringen übrig bleibt?
Das erste Mädchen. Seht, seht, wie durch der Wetterwolken Riß, Mit einer Maße Licht, die Sonne eben Auf des Peliden Scheitel niederfällt!
Die Oberpriesterinn. Auf wessen?
Das erste Mädchen. Seine, sagt' ich! Wessen sonst? Auf einem Hügel leuchtend steht er da, In Stahl geschient sein Roß und er, der Saphir, Der Chrysolith, wirft solche Strahlen nicht! Die Erde rings, die bunte, blühende, In Schwärze der Gewitternacht gehüllt; Nichts als ein dunkler Grund nur, eine Folie, Die Funkelpracht des Einzigen zu heben!
Die Oberpriesterinn. Was geht dem Volke der Pelide an? --Ziemt's einer Tochter Ares, Königinn, Im Kampf auf einen Namen sich zu stellen? (zu einer Amazone) Fleuch gleich, Arsinoe, vor ihr Antlitz hin, Und sag' in meiner Göttinn Namen ihr, Mars habe seinen Bräuten sich gestellt: Ich forderte, bei ihrem Zorn sie auf, Den Gott begränzt zur Heimath jetzt zu führen, Und unverzüglich ihm, in ihrem Tempel, Das heil'ge Fest der Rosen zu eröffnen! (die Amazone ab) Ward solch ein Wahnsinn jemals noch erhört!
Die erste Priesterinn. Ihr Kinder! Seht ihr noch die Königinn nicht?
Das erste Mädchen. (auf dem Hügel) Wohl, wohl! Das ganze Feld erglänzt--da ist sie!
Die erste Priesterinn. Wo zeigt sie sich?
Das Mädchen. An aller Jungfrau'n Spitze! Seht, wie sie in dem goldnen Kriegsschmuck funkelnd, Voll Kampflust ihm entgegen tanzt! Ist's nicht, Als ob sie, heiß von Eifersucht gespornt, Die Sonn' im Fluge übereilen wollte, Die seine jungen Scheitel küßt! O seht! Wenn sie zum Himmel auf sich schwingen wollte, Der hohen Nebenbuhl'rinn gleich zu sein, Der Perser könnte, ihren Wünschen fröhnend, Geflügelter sich in die Luft nicht heben!
Die Oberpriesterinn. (zur Hauptmänninn) War keine unter allen Jungfrau'n denn, Die sie gewarnt, die sie zurückgehalten?
Die Hauptmännin. Es warf ihr ganzes fürstliches Gefolge Sich in den Weg ihr: hier auf diesem Platze Hat Prothoe ihr Aeußerstes gethan. Jedwede Kunst der Rede ward erschöpft. Nach Themiscyra sie zurückzuführen. Doch taub schien sie der Stimme der Vernunft: Vom giftigsten der Pfeile Amors sei, Heißt es, ihr jugendliches Herz getroffen.
Die Oberpriesterinn. Was sagst du?
Das erste Mädchen. (auf dem Hügel) Ha, jetzt treffen sie einander! Ihr Götter! Haltet eure Erde fest-- Jetzt, eben jetzt, da ich dies sage, schmettern Sie, wie zwei Sterne, auf einander ein!
Die Oberpriesterinn. (zur Hauptmänninn) Die Königinn, sagst du? Unmöglich, Freundinn! Von Amors Pfeil getroffen--wann? Und wo? Die Führerinn des Diametengürtels? Die Tochter Mars, der selbst der Busen fehlt, Das Ziel der giftgefiederten Geschosse?
Die Hauptmännin. So sagt des Volkes Stimme mindestens, Und Meroe hat es eben mir vertraut.
Die Oberpriesterinn. Es ist entsetzlich!
Die Amazone. (kehrt wieder zurück)
Die erste Priesterinn. Nun? was bringst du? Rede!
Die Oberpriesterinn. Ist es bestellt? Sprachst du die Königinn?
Die Amazone. Es war zu spät, Hochheilige, vergieb. Ich konnte sie, die von dem Troß der Frauen Umschwärmt, bald hier, bald dort erschien, nicht treffen. Wohl aber Prothoe, auf einen Augenblick, Traf ich, und sagt' ihr, was dein Wille sei; Doch sie entgegnete--ein Wort, nicht weiß ich, Ob ich in der Verwirrung recht gehört.
Die Oberpriesterinn. Nun, welch ein Wort?
Die Amazone. Sie hielt, auf ihrem Pferde Und sah, es schien, mit thränenvollen Augen, Der Königinn zu. Und als ich ihr gesagt, Wie du entrüstet, daß die Sinnberaubte Den Kampf noch um ein einzeln Haupt verlängre, Sprach sie: geh hin zu deiner Priesterinn, Und heiße sie daniederknieen und beten, Daß ihr dies eine Haupt im Kampf noch falle; Sonst keine Rettung giebt's, für sie und uns.
Die Oberpriesterinn. O sie geht steil-bergab den Pfad zum Orkus! Und nicht dem Gegner, wenn sie auf ihn trifft, Dem Feind' in ihrem Busen wird sie sinken. Uns alle reißt sie in den Abgrund hin; Den Kiel seh' ich, der uns Gefesselte Nach Hellas trägt, geschmückt mit Bändern höhnend Im Geiste schon den Hellespont durchschäumen.
Die erste Priesterinn. Was gilt's? Dort naht die Unheilskunde schon.
Achter Auftritt.
Eine Oberste (tritt auf) die Vorigen.
Die Oberste. Flieh! Rette die Gefangnen, Priesterinn! Das ganze Heer der Griechen stürzt heran.
Die Oberpriesterinn. Ihr Götter des Olymps! Was ist geschehn?
Die erste Priesterinn. Wo ist die Königinn?
Die Oberste. Im Kampf gefallen, Das ganze Amazonenheer zerstreut.
Die Oberpriesterinn. Du Rasende! Was für ein Wort sprachst du?
Die erste Priesterinn. (zu den bewaffneten Amazonen) Bringt die Gefangenen fort!
(Die Gefangenen werden abgeführt.)
Die Oberpriesterinn. Sag an: wo? wann?
Die Oberste. Laß kurz das Ungeheuerste dir melden! Achill und sie, mit vorgelegten Lanzen, Begegnen beide sich, zween Donnerkeile, Die aus Gewölken in einander fahren; Die Lanzen, schwächer als die Brüste, splittern: Er, der Pelide, steht, Penthesilea, Sie sinkt, die Todumschattete, vom Pferd. Und da sie jetzt, der Rache preisgegeben, Im Staub sich vor ihm wälzt, denkt jeglicher, Zum Orkus völlig stürzen wird er sie; Doch bleich selbst steht der Unbegreifliche, Ein Todesschatten da, ihr Götter! ruft er, Was für ein Blick der Sterbenden traf mich! Vom Pferde schwingt er eilig sich herab; Und während, von Entsetzen noch gefesselt, Die Jungfraun stehn, des Wortes eingedenk Der Königinn, kein Schwerdt zu rühren wagen, Dreist der Erblaßten naht er sich, er beugt Sich über sie, Penthesilea! ruft er, In seinen Armen hebt er sie empor, Und laut die That, die er vollbracht, verfluchend, Lockt er ins Leben jammernd sie zurück!
Die Oberpriesterinn. Er--was? Er selbst?
Die Oberste. Hinweg, Verhaßter! donnert Das ganze Heer ihm zu; dankt mit dem Tod' ihm, Ruft Prothoe, wenn er vom Platz nicht weicht: Den Treffendsten der Pfeile über ihn! Und mit des Pferdes Huftritt ihn verdrängend, Reißt sie die Königinn ihm aus dem Arm. Indeß erwacht die Unglückseelige, Man führt sie röchelnd, mit zerrißner Brust Das Haar verstöhrt vom Scheitel niederflatternd, Den hintern Reih'n zu, wo sie sich erholt; Doch er, der unbegriff'ne Doloper-- Ein Gott hat, in der erzgekeilten Brust, Das Herz in Liebe plötzlich ihm geschmelzt-- Er ruft: verweilet, meine Freundinnen! Achilles grüßt mit ew'gem Frieden euch! Und wirft das Schwerdt hinweg, das Schild hinweg, Die Rüstung reißt er von der Brust sich nieder, Und folgt--mit Keulen könnte man, mit Händen ihn, Wenn man ihn treffen dürfte, niederreißen-- Der Kön'ginn unerschrocknen Schrittes nach: Als wüßt' er schon, der Rasende, Verwegne, Daß unserm Pfeil sein Leben heilig ist.
Die Oberpriesterinn. Und wer gab den wahnsinnigen Befehl?
Die Oberste. Die Königinn! Wer sonst?
Die Oberpriesterinn. Es ist entsetzlich!
Die erste Priesterinn. Seht, seht! Da wankt, geführt von Prothoe, Sie selbst, das Bild des Jammers, schon heran!
Die Zweite. Ihr ew'gen Himmelsgötter! Welch ein Anblick!
Neunter Auftritt.
Penthesilea (geführt von) Prothoe und Meroe. Gefolge (treten auf)
Penthesilea (mit schwacher Stimme) Hetzt alle Hund' auf ihn! Mit Feuerbränden Die Elephanten peitschet auf ihn los! Mit Sichelwagen schmettert auf ihn ein, Und mähet seine üpp'gen Glieder nieder!
Prothoe. Geliebte! Wir beschwören dich--
Meroe. Hör' uns!
Prothoe. Er folgt dir auf dem Fuße, der Pelide; Wenn dir dein Leben irgend lieb, so flieh!
Penthesilea. Mir diesen Busen zu zerschmettern, Prothoe!-- Ist's nicht, als ob ich eine Leier zürnend Zertreten wollte, weil sie still für sich, Im Zug des Nachtwinds, meinen Namen flüstert? Dem Bären kauert' ich zu Füssen mich, Und streichelte das Pantherthier, das mir In solcher Regung nahte, wie ich ihm.
Meroe. So willst du nicht entweichen?
Prothoe. Willst nicht fliehen?
Meroe. Willst dich nicht retten?
Prothoe. Was kein Name nennt, Auf diesem Platz hier soll es sich vollbringen?
Penthesilea. Ist's meine Schuld, daß ich im Feld der Schlacht Um sein Gefühl mich kämpfend muß bewerben? Was will ich denn, wenn ich das Schwerdt ihm zücke? Will ich ihn denn zum Orkus niederschleudern? Ich will ihn ja, ihr ew'gen Götter, nur An diese Brust will ich ihn niederziehn!
Prothoe. Sie ras't--
Die Oberpriesterinn. Unglückliche!
Prothoe. Sie ist von Sinnen!
Die Oberpriesterinn. Sie denkt nichts, als den Einen nur.
Prothoe. Der Sturz Hat völlig ums Bewußtsein sie gebracht.
Penthesilea (mit erzwungener Fassung) Gut. Wie ihr wollt. Sei's drum. Ich will mich fassen. Dies Herz, weil es sein muß, bezwingen will ich's, Und thun mit Grazie, was die Noth erheischt. Recht habt ihr auch. Warum auch wie ein Kind gleich, Weil sich ein flücht'ger Wunsch mir nicht gewährt, Mit meinen Göttern brechen? Kommt hinweg. Das Glück, gesteh' ich, wär mir lieb gewesen; Doch fällt es mir aus Wolken nicht herab, Den Himmel drum erstürmen will ich nicht. Helft mir nur fort von hier, schafft mir ein Pferd, So will ich euch zurück zur Heimath führen.
Prothoe. Geseegnet sei, o Herrscherinn, dreimal Ein Wort, so würdig königlich, als dies. Komm, alles steht zur Flucht bereit--
Penthesilea (da sie die Rosenkränze in der Kinder Händen erblickt, mit plötzlich aufflammendem Gesicht) Ha, sieh! Wer gab Befehl, die Rosen einzupflücken?
Das erste Mädchen. Das fragst du noch, Vergeßene? Wer sonst, Als nur--
Penthesilea. Als wer?
Die Oberpriesterinn.--Das Siegsfest sollte sich, Das heißersehnte, deiner Jungfraun feiern! War's nicht dein eigner Mund, der's so befahl?
Penthesilea. Verflucht mir diese schnöde Ungeduld! Verflucht, im blutumschäumten Mordgetümmel, Mir der Gedanke an die Orgien! Verflucht, im Busen keuscher Arestöchter, Begierden, die, wie losgelaßne Hunde, Mir der Drommete erzne Lunge bellend, Und aller Feldherrn Rufen, überschrei'n! Der Sieg, ist er erkämpft mir schon, daß mit Der Hölle Hohn schon der Triumph mir naht? --Mir aus den Augen! (sie zerhaut die Rosenkränze)
Das erste Mädchen. Herrscherinn! Was thust du?
Das Zweite. (die Rosen wieder aufsuchend) Der Frühling bringt dir rings, auf Meilenferne, Nichts für das Fest mehr--
Penthesilea. Daß der ganze Frühling Verdorrte! Daß der Stern, auf dem wir athmen, Geknickt, gleich dieser Rosen einer, läge! Daß ich den ganzen Kranz der Welten so, Wie dies Geflecht der Blumen, lösen könnte! --O Aphrodite!
Die Oberpriesterinn. Die Unseelige!
Die erste Priesterinn. Verloren ist sie!
Die Zweite. Den Erynnien Zum Raub ist ihre Seele hingegeben!
Eine Priesterinn (auf dem Hügel) Der Peleïd', ihr Jungfrau'n, ich beschwör' euch, Im Schuß der Pfeile naht er schon heran!
Prothoe. So fleh' ich dich auf Knieen--rette dich!
Penthesilea. Ach, meine Seel' ist matt bis in den Tod! (sie setzt sich)
Prothoe. Entsetzliche! Was thust du?
Penthesilea. Flieht, wenn ihr wollt.
Prothoe. Du willst?--
Meroe. Du säumst--?
Prothoe. Du willst--?
Penthesilea. Ich will hier bleiben.
Prothoe. Wie, Rasende!
Penthesilea. Ihr hört's. Ich kann nicht stehen. Soll das Gebein mir brechen? Laßt mich sein.
Prothoe. Verlorenste der Frau'n! Und der Pelide, Er naht, du hörst, im Pfeilschuß--
Penthesilea. Laßt ihn kommen. Laßt ihn den Fuß gestählt, es ist mir recht, Auf diesen Nacken setzen. Wozu auch sollen Zwei Wangen länger, blüh'nd wie diese, sich Vom Korb, aus dem sie stammen, unterscheiden? Laßt ihn mit Pferden häuptlings heim mich schleifen, Und diesen Leib hier, frischen Lebens voll, Auf offnem Felde schmachvoll hingeworfen, Den Hunden mag er ihn zur Morgenspeise, Dem scheußlichen Geschlecht der Vögel, bieten. Staub lieber, als ein Weib sein, das nicht reizt.
Prothoe. O Königinn!
Penthesilea (indem sie sich den Halsschmuck abreißt) Weg ihr verdammten Flittern!
Prothoe. Ihr ew'gen Götter dort! Ist das die Fassung, Die mir dein Mund so eben angelobt?
Penthesilea. Vom Haupt, ihr auch--was nickt ihr? Seid verflucht mir, Hülflosere, als Pfeil und Wangen, noch! --Die Hand verwünsch' ich, die zur Schlacht mich heut Geschmückt, und das verrätherische Wort, Das mir gesagt, es sei zum Sieg, dazu. Wie sie mit Spiegeln mich, die Gleißnerinnen, Umstanden, rechts und links, der schlanken Glieder In Erz gepreßte Götterbildung preisend.-- Die Pest in eure wilden Höllenkünste!
Griechen. (ausserhalb der Scene) Vorwärts, Pelide, vorwärts! Sei getrost! Nur wenig Schritte noch, so hast du sie.
Die Priesterinn. (auf dem Hügel) Diana! Königinn! Du bist verloren, Wenn du nicht weichst!
Prothoe. Mein Schwesterherz! Mein Leben! Du willst nicht fliehn? nicht gehn?
Penthesilea. (die Thränen stürzen ihr aus den Augen, sie lehnt sich an einen Baum)
Prothoe. plötzlich gerührt, indem sie sich neben ihr niedersetzt) Nun, wie du willst. Wenn du nicht kannst, nicht willst--sei's! Weine nicht. Ich bleibe bei dir. Was nicht möglich ist, Nicht ist, in deiner Kräfte Kreis nicht liegt, Was du nicht leisten kannst: die Götter hüten, Daß ich es von dir fordre! Geht, ihr Jungfrau'n, Geht; kehrt in eure Heimathsflur zurück: Die Königinn und ich, wir bleiben hier.
Die Oberpriesterinn. Wie, du Unseel'ge? Du bestärkst sie noch?
Meroe. Unmöglich wär's ihr, zu entfliehn?
Die Oberpriesterinn. Unmöglich, Da nichts von außen sie, kein Schicksal, hält, Nichts als ihr thörigt Herz--
Prothoe. Das ist ihr Schicksal! Dir scheinen Eisenbanden unzerreißbar, Nicht wahr? Nun sieh: sie bräche sie vielleicht, Und das Gefühl doch nicht, das du verspottest. Was in ihr walten mag, das weiß nur sie, Und jeder Busen ist, der fühlt, ein Räthsel. Des Lebens höchstes Gut erstrebte sie, Sie streift', ergriff es schon: die Hand versagt ihr, Nach einem andern noch sich auszustrecken. Komm, magst du's jetzt an meiner Brust vollenden. --Was fehlt dir? Warum weinst du?
Penthesilea. Schmerzen, Schmerzen--
Prothoe. Wo?
Penthesilea. Hier.
Prothoe. Kann ich dir Lindrung--?
Penthesilea. Nichts, nichts, nichts.
Prothoe. Nun, faße dich; in Kurzem ist's vollbracht.
Die Oberpriesterinn. (halblaut) Ihr Rasenden zusammt--!
Prothoe. (eben so) Schweig bitt' ich dich.
Penthesilea. Wenn ich zur Flucht mich noch--wenn ich es thäte: Wie, sag', wie faßt ich mich?
Prothoe. Du giengst nach Pharsos. Dort fändest du, denn dorthin wieß ich es, Dein ganzes Heer, das jetzt zerstreut, zusammen. Du ruhtest dich, du pflegtest deiner Wunden, Und mit des nächsten Tages Strahl, gefiehl's dir, Nähmst du den Krieg der Jungfrau'n wieder auf.
Penthesilea. Wenn es mir möglich wär--! Wenn ichs vermöchte--! Das Aeußerste, das Menschenkräfte leisten, Hab' ich gethan--Unmögliches versucht-- Mein Alles hab' ich an den Wurf gesetzt; Der Würfel, der entscheidet, liegt, er liegt: Begreifen muß ich's--und daß ich verlor.
Prothoe. Nicht, nicht, mein süßes Herz! Das glaube nicht. So niedrig schlägst du deine Kraft nicht an. So schlecht von jenem Preis nicht wirst du denken, Um den du spielst, als daß du wähnen solltest, Das, was er werth, sei schon für ihn geschehn. Ist diese Schnur von Perlen, weiß und roth, Die dir vom Nacken rollt, der ganze Reichthum, Den deine Seele aufzubieten hat? Wie viel, woran du gar nicht denkst, in Pharsos, Endlos für deinen Zweck noch ist zu thun! Doch freilich wohl--jetzt ist es fast zu spät.
Penthesilea. (nach einer unruhigen Bewegung) Wenn ich rasch wäre--Ach es macht mich rasend! --Wo steht die Sonne?
Prothoe. Dort, dir grad' im Scheitel, Noch eh' die Nacht sinkt, träfest du dort ein. Wir schlössen Bündniß, unbewußt den Griechen, Mit den Dardanischen, erreichten still Die Bucht des Meer's, wo jener Schiffe liegen; Zur Nachtzeit, auf ein Merkmal, lodern sie In Flammen auf, das Lager wird erstürmt, Das Heer, gedrängt zugleich von vorn und hinten, Zerrissen, aufgelöst, ins Land zerstreut, Verfolgt, gesucht, gegriffen und bekränzet Jedwedes Haupt, das unsrer Lust gefiel. O seelig wär' ich, wenn ich dieß erlebte! Nicht ruh'n wollt' ich, an deiner Seite kämpfen, Der Tage Glut nicht scheuen, unermüdlich, Müßt' ich an allen Gliedern mich verzehren, Bis meiner lieben Schwester Wunsch erfüllt, Und der Pelid' ihr doch, nach so vielen Mühen, Besiegt zuletzt zu Füssen niedersank.
Penthesilea. (die während dessen unverwandt in die Sonne gesehen) Daß ich mit Flügeln weit gespreizt und rauschend, Die Luft zertheilte--!
Prothoe. Wie!
Meroe.--Was sagte sie?
Prothoe. Was siehst du, Fürstinn--?
Meroe. Worauf heftet sich--?
Prothoe. Geliebte, sprich!
Penthesilea. Zu hoch, ich weiß, zu hoch-- Er spielt in ewig fernen Flammenkreisen Mir um den sehnsuchtsvollen Busen hin.
Prothoe. Wer, meine beste Königinn?
Penthesilea. Gut, gut. --Wo geht der Weg? (sie sammelt sich und steht auf)
Meroe. So willst du dich entschließen?
Prothoe. So hebst du dich empor?--Nun, meine Fürstinn, So sei's auch wie ein Riese! Sinke nicht, Und wenn der ganze Orkus auf dich drückte! Steh, stehe fest, wie das Gewölbe steht, Weil seiner Blöcke jeder stürzen will! Beut deine Scheitel, einem Schlußstein gleich, Der Götter Blitzen dar, und rufe, trefft! Und laß dich bis zum Fuß herab zerspalten, Nicht aber wanke in dir selber mehr, So lang ein Athem Mörtel und Gestein, In dieser jungen Brust, zusammenhält. Komm. Gieb mir deine Hand.
Penthesilea. Geht's hier, geht's dort?
Prothoe. Du kannst den Felsen dort, der sichrer ist, Du kannst auch das bequemre Thal hier wählen. Wozu entschließen wirst du dich?
Penthesilea. Den Felsen! Da komm' ich ihm um soviel näher. Folgt mir.
Prothoe. Wem, meine Königinn?
Penthesilea. Euren Arm, ihr Lieben.
Prothoe. Sobald du jenen Hügel dort erstiegen, Bist du in Sicherheit.
Meroe. Komm fort.
Penthesilea. (indem sie plötzlich auf eine Brücke gekommen, stehen bleibt) Doch höre: Eins eh' ich weiche, bleibt mir übrig noch.
Prothoe. Dir übrig noch?
Meroe. Und was?
Prothoe. Unglückliche!
Penthesilea. Eins noch, ihr Freundinnen, und rasend wär' ich, Das müßt ihr selbst gestehn, wenn ich im ganzen Gebiet der Möglichkeit mich nicht versuchte.
Prothoe. (Unwillig) Nun denn, so wollt' ich, daß wir gleich versunken! Denn Rettung giebt's nicht mehr.
Penthesilea. (erschrocken) Was ist? Was fehlt dir? Was hab' ich ihr gethan, ihr Jungfrau'n, sprecht!
Die Oberpriesterinn. Du denkst--?
Meroe. Du willst auf diesem Platze noch--?
Penthesilea. Nichts, nichts, gar nichts, was sie erzürnen sollte. Den Ida will ich auf den Ossa wälzen, Und auf die Spitze ruhig blos mich stellen.
Die Oberpriesterinn. Den Ida wälzen--?
Meroe. Wälzen auf den Ossa--?
Prothoe. (mit einer Wendung) Schützt, all' ihr Götter, sie!
Die Oberpriesterinn. Verlorene!
Meroe. (schüchtern) Dies Werk ist der Giganten, meine Königinn!
Penthesilea. Nun ja, nun ja: worinn denn weich' ich ihnen?
Meroe. Worin du ihnen--?
Prothoe. Himmel!
Die Oberpriesterinn. Doch gesetzt--?
Meroe. Gesetzt nun du vollbrächtest dieses Werk--?
Prothoe. Gesetzt was würdest du--?
Penthesilea. Blödsinnige! Bei seinen goldnen Flammenhaaren zög' ich Zu mir hernieder ihn--
Prothoe. Wen?
Penthesilea. Helios, Wenn er am Scheitel mir vorüberfleucht!
Die Fürstinnen. (sehn sprachlos und mit Entsetzen einander an)
Die Oberpriesterinn. Reißt mit Gewalt sie fort!
Penthesilea. (schaut in den Fluß nieder) Ich, Rasende! Da liegt er mir zu Füssen ja! Nimm mich-- (sie will in den Fluß sinken, Prothoe und Meroe halten sie)
Prothoe. Die Unglückselige!
Meroe. Da fällt sie leblos, Wie ein Gewand, in unsrer Hand zusammen.
Die Priesterinn. (auf dem Hügel) Achill erscheint, ihr Fürstinnen! Es kann Die ganze Schaar der Jungfrau'n ihn nicht halten!
Die Amazone. Ihr Götter! Rettet! Schützet vor dem Frechen Die Königinn der Jungfrau'n!
Die Oberpriesterinn (zu den Priesterinnen) Fort! Hinweg! Nicht im Gewühl des Kampfs ist unser Platz.
Die Oberpriesterinn mit den Priesterinnen und den Rosenmädchen (ab.)
Zehnter Auftritt.
Eine Schaar von Amazonen (tritt mit Bogen in den Händen auf) Die Vorigen.
Die erste Amazone. (in die Scene rufend) Zurück, Verwegner!
Die Zweite. Er hört uns nicht.