Pastor Hallin

Part 9

Chapter 93,882 wordsPublic domain

„Hahaha!“ lachte Bruhn und nahm sich ein paar Lammkoteletten auf seinen Teller, die er stehenden Fußes zerschnitt und in großen Bissen mit dem Messer in den Mund schob. „Siehst du, ich seh’ wohl, daß deine Frau meine Junggesellenmanieren und meine Junggesellensprache nicht leiden kann. Es ist ganz logisch, siehst du. Wenn man sich nicht wohl fühlt im Familienleben, -- na -- so kann man ihm ja aus dem Weg gehen. Die Leute finden, daß ich nicht fein genug bin für sie. Da zieh’ ich mich ganz einfach zurück, verstehst du. Ist im übrigen auch nichts, was man nicht verschmerzen könnte.“

Der Adjunkt sagte etwas, wie, das wäre ja doch nur Einbildung.

„Nein, du!“ antwortete Bruhn. „Das bild’ ich mir nicht nur ein.“

Er nahm eine gewaltige Prise und steckte dann die Daumen in seine Armlöcher, während er sich auf den Absätzen hin und her wiegte.

„Es sind keine Einbildungen, sag’ ich dir. Ich mach’ dir und deiner Frau ja keinen Vorwurf. Wir, du und ich, können auch so zusammen sein. Und jedenfalls muß man mit seinen Besuchen den Leuten nicht zur Last fallen.“

Er faßte den Adjunkt am Arm und führte ihn, von den andern fort, in eine Ecke.

„Weiß der Kuckuck, was heut los ist mit mir“, sagte er. „Ich fühl’ mich ganz verdammt mitteilsam. Muß wohl ganz viele Grogs getrunken haben. Na -- also ich werd’ dir was erzählen. Als ich ganz jung war, war ich einmal sehr verliebt und wollte heiraten. Sie war ein nettes kleines Ding mit blauen Augen und feinem Gesicht und kleinen Händen und all so was. Ganz verdammt fein war sie. So fein war sie, daß sie eines Tages zu mir sagte, sie könne mich nicht nehmen, weil ich ihr zu ungeschliffen sei. Hahaha! Siehst du, so geht’s einem, wenn man nicht fein genug ist! Seither hab’ ich mich mit schlechter Gesellschaft begnügen müssen -- und schlechten Mädels. Aber es ist schon lang her!“ fügte er hinzu, als fürchte er, zu sentimental zu erscheinen.

Und er ging zum Tisch zurück und goß ein Glas Sherry hinunter.

Der Tisch sah recht abgegessen aus.

„Ordentlich mit Plan und Überlegung ausgeführt!“ sagte Professor Hallin zu Magister Barfoot, der durch sein Monokel aus dem linken Augenwinkel melancholische Blicke auf das Schlachtfeld warf.

Die Butterpyramide mit ihrem Gipfel von Petersilienblättern war zu einem Nichts zusammengesunken; der Kaviar zwischen den gehackten Zwiebeln war ganz verschwunden. Da und dort lagen auf einer Platte noch ein paar Scheiben kalten Fleisches, ein paar Lammkoteletten hatten sich am äußersten Rand einer länglichen Schüssel unter ein paar gedämpften Mohrrüben verkrochen; nur der Büchsenlachs und der geräucherte Aal standen noch unberührt da. Von dem frischen Lachs mit verlorenen Eiern, der vorher in feingeschnittenen Scheiben, Seite an Seite mit einem Haufen ebenfalls verschwundener Entrecotes, den Appetit herausgefordert hatte, war keine Spur mehr zu sehen. Am Rand des Tisches stand eine Schale, auf deren Grund die Überbleibsel des geschmolzenen Gefrorenen schwammen.

„Ja, essen, das kann man hier in Gammelby, dafür ist es bekannt!“ sagte Professor Bruhn.

„Na, nun wollen wir lustig sein und weitermachen!“ schlug Professor Hallin vor und setzte sich. „Jetzt kommt der Kaffee und der Punsch.“

Der Kaffee kam, und der Punsch kam. Und alle wurden lustig und immer lustiger. Jetzt war die Reihe an Svartengren; jetzt wurde der amüsant. Vor dem Abendessen sagte der nie viel, und während des Abendessens war er mit Essen beschäftigt. Es war nicht zu glauben, was er alles in sich hineinaß. Dafür war er aber auch, wenn man beim Kaffee und Punsch angelangt war, der Vergnügungsmeister. Das erwartete die Gesellschaft von ihm. Er konnte Hühner und Katzen und Schweine nachmachen. Er wußte allerhand Lieder und trommelte „Hör uns, Svea!“ auf seinem Bauch, während er mit dem Mund die Klarinette dazu blies. Und noch eine Menge andere amüsante Kunststücke konnte er. Er war sich dessen auch wohl bewußt; und er schickte sich eben an, den Mund aufzutun, um ein paar einleitende Worte zu sagen, während er seinen dicken Bauch unter den Tisch schob. Da ging die Tür auf; und Professor Eneman, der ein bißchen auf die Straße gegangen war, um sich auszulüften, kam wieder herein. Er blieb mitten in der Tür stehen und winkte jemand, der im Korridor draußen wartete.

„Kommen Sie, junger Freund!“ sagte er und fuhr mit seiner runden kleinen Rechten durch die Luft. „Wir sind lauter gute Kameraden hier, und wir vermehren uns gern um einen neuen!“

Er zog den andern hinter sich her, und auf der Schwelle erschien Ernst Hallin. Er blieb verlegen stehen und legte die Hand über die Augen, als blende ihn der allzu grelle Lichtschein.

Adjunkt Hallin erhob sich sofort und trat auf den Sohn zu. Es lag eine gewisse aufgeräumte Würde in der Art, wie er es tat; und er fühlte sich stolz und froh, daß er den Kollegen den eben heimgekehrten Sohn vorführen konnte. Gleichzeitig erwachte aber auch eine unbehagliche Erinnerung in ihm. Ob seine Frau wohl zu Bett gegangen war, oder ob sie noch auf war und auf ihn wartete? Aber er scheuchte den Gedanken von sich und schüttelte dem Sohn herzlich die Hand. Professor Hallin tat es dem Bruder nach, und beide standen sie vor dem jungen Mann und plauderten mit ihm, während er seinen Überzieher ablegte. Eine Vorstellung war nicht nötig. Alle, die in dem kleinen Wirtszimmer saßen, waren Ernst Hallins frühere Lehrer. Er grüßte ziemlich linkisch und hatte dabei ein Gefühl wie ein Schuljunge, worüber er sich ein bißchen ärgerte. Dann holte er sich einen Stuhl und setzte sich. Man fragte ihn, was er trinken wolle.

„Ein Glas Punsch, wenn ich bitten darf!“

Und der Doktor der Philosophie, Svartengren, fuhr fort, wo er eben aufgehört hatte. Er wollte ein Lied singen.

Ernst betrachtete seine alten Lehrer mit einem wunderlichen Gefühl. Er war spazieren gegangen, über ein Stunde lang, als Professor Eneman ihn draußen fand und mit sich schleppte. Wilde, stürmische Gedanken hatten seine Seele erfüllt. Er wußte gar nicht, woher sie ihm gekommen waren.

Der Punsch, den er trank, wirkte belebend auf sein müdes Gehirn, und er fühlte eine wohltuende Wärme seinen ganzen Körper durchdringen. Er sah alle die Männer, die da um ihn hersaßen, der Reihe nach an und lächelte -- ein Lächeln, das ihm selber fremd war. Wie sonderbar sie aussahen. Als hätte die Sonne nicht auf sie geschienen, der Sturm nicht in ihren Haaren gewühlt, der Regen nicht frisch und feucht ihr Antlitz bespült -- viele, viele Jahre lang. Er sah Herren mit braunen oder grauen Bärten, mit Brillen und Kneifern, runde, dicke, fröhliche Lebemänner, magere, gelbe Bücherwürmer; eine Physiognomie, wie die eines alten Seemanns neben einer, die aussah wie die eines Pastors. Und der Trieb des Schuljungen, alles, was „Schulmeister“ heißt, zu foppen, erwachte in ihm, gleichzeitig mit einer Art von Scheu; er fand, es sei doch komisch, daß er hiersaß und mit seinen alten Lehrern Punsch trank, statt wie früher in eins der Klassenzimmer zu treten. Er hätte Lust gehabt, sich wieder auf eine Schulbank zu setzen, und wenn der Lehrer hereinkäme, ihm gemütlich zuzunicken und zu sagen: So, da bin ich wieder. Mach mit mir, was du magst. An mir ist die Schulluft nicht hängen geblieben! Das Leben hat mir frische, starke Gefühle, lebendige Interessen, Willen und Kraft gegeben. Grau ist alle Theorie, doch grün des Lebens goldner Baum. Komisch von dem alten Goethe, einen goldnen Baum grün zu nennen. Aber das beweist nur, daß er selber so lang wie möglich grün sein wollte. Ja, wenn er so was Ähnliches zu ihnen sagen würde! Das wäre ein feiner Anfang für seine geistliche Laufbahn!

Aber schließlich waren das nichts als Worte. Ach nein, er würde so was ja doch nie sagen! Er hatte ja nie etwas anderes gekannt, als Schulluft.

Bücherwürmer? War nicht er selber ein Bücherwurm, ärger als jeder andere, trotzdem er so jung war?

Doktor Svartengren hatte sein Lied gesungen, ein parodistisch-sentimentales Studentenlied mit lateinischen Brocken:

„Stand bei der Ecke am Tore Jung-Daphnis ~titiens amore~. Du böse Zauberin Natur, Was schufst du sie so lieblich nur!“

Ernst hatte dies selbe Lied von den Freunden in Upsala gehört, und es kam ihm komisch vor, es hier, unter alten, gesetzten Männern, von denen die meisten schon graues Haar hatten, wiederzuhören. Gleichzeitig aber fing er doch an, sie mit andern Augen anzusehen, menschlich und weniger mit Studentenkritik. Sie gefielen ihm in ihrer Fröhlichkeit; er begann die unterdrückte Lebenslust zu verstehen, die sich hier zwischen vier Wänden Bahn brach, in einer engen, verrauchten Kneipe, weil die schwere Arbeit ums tägliche Brot sie hinderte, die Freude täglich zu Gast zu laden.

Professor Bruhn, den er so oft verspottet hatte, war sicher ein prächtiger Kerl. Und Svartengren, der ihm gegenübersaß, voll Befriedigung über den Beifall für sein Lied, und sich eben anschickte, ein zweites zu singen -- wie seine Augen strahlten durch die Rauchwolken, die um ihn her qualmten!

Und sein Vater! Wie frei er aussah, wie lebhaft er sich bewegte, wie jugendlich seine Rede klang! Ohne sich zu besinnen, erhob Ernst sein Glas und trank mit einem Lächeln dem Vater zu. Aber im gleichen Augenblick errötete er über das Gefühl, das ihn dazu antrieb.

Der Adjunkt trank sein Glas aus und nickte dem Sohn auch zu. „Prosit, mein Junge! Das ist nett, daß du gekommen bist!“

Bis nach zwölf Uhr saß die Gesellschaft beisammen. Anekdoten wurden erzählt, Lieder gesungen. Als man endlich ans Aufbrechen dachte, erhob sich Professor Bruhn, der sonst nie eine Rede hielt, und bat die Anwesenden, den frohen Anlaß, der sie zusammengeführt hatte, nicht zu vergessen.

„Ich hoffe, alle Anwesenden werden sich mir anschließen und ein Hoch ausbringen auf Kumlander, und ihm danken, daß er so liebenswürdig war, uns den Anlaß zu diesem frohen Abend zu verschaffen!“

Das Hoch wurde jubelnd ausgebracht. Eine Viertelstunde darauf drehte die Kellnerin in dem leeren Zimmer das Gas aus.

Durch die dunkeln Straßen strebten einsame Gestalten ihren Wohnungen in den verschiedenen Teilen der Stadt zu. Und diejenigen, die um sieben Uhr am nächsten Morgen heraus mußten, schüttelten sich und hasteten vorwärts, um möglichst bald zu Bett zu kommen.

Aber man mußte ein bißchen vorsichtig sein. Denn Punkt zwölf Uhr nachts kam der Laternenmann und löschte die gelben flackernden Flammen aus, eine um die andere, die ganze Lange Straße hinunter. Es wurde dunkel; nur der Ruf des Nachtwächters störte noch das Schweigen in der schlafenden Stadt.

Elftes Kapitel

Es war wie ein stummes Übereinkommen zwischen Ernst und dem Vater, daß Frau Hallin nicht zu wissen brauchte, wo Ernst am Abend gewesen war. Das heißt, keinem von beiden wäre es eingefallen, ihr die Sache mitzuteilen. Aber als Ernst morgens zum Frühstück herunterkam, war er doch ein bißchen verlegen, fast, als hätte er etwas Verbotenes getan. Er merkte, daß die Augen der Mutter sich mit einem ängstlich fragenden Ausdruck ihm zuwandten, und er entsann sich plötzlich wieder des Auftritts zwischen ihnen vom Abend zuvor. Er hatte die ganze Nacht gut geschlafen und als er aufwachte, dachte er bloß an das Zusammensein vom gestrigen Abend. Ein angenehmes, heiteres Gefühl erfüllte ihn; und als er aufstand und zum Fenster hinausschaute, schien die Sonne über die Schneewehen auf dem Domplatz und der Himmel lachte so blau zwischen den Zweigen der Ulmen herab. Da ward ihm noch viel leichter ums Herz; er summte ein paar heitere Melodien vor sich hin, während er die Weste zuknöpfte und vor dem Spiegel seine Krawatte band.

Als er jetzt dem Blick der Mutter begegnete, fiel ihm auf einmal der ganze vorhergehende Abend ein. Seine heitere Stimmung verschwand und machte derselben Unruhe und Reizbarkeit Platz, die ihn den ganzen gestrigen Tag über beherrscht hatten. Er dachte wieder an den Unwillen, den er Simonson gegenüber plötzlich empfunden hatte, an seine Heftigkeit gegen die Mutter und wie rasch er dann das alles beim Glase vergessen hatte. Er wich dem Blick der Mutter aus und zwang sich, Gutenmorgen zu sagen, als wäre nichts geschehen. Dann setzte er sich allein zu seinem Frühstück. Man versammelte sich dazu nicht im Hallinschen Haus, sondern jeder kam und ging nach eigenem Belieben.

Schweigend nahm er seine Mahlzeit ein. Als er fertig war, hatte er einen unbestimmten Drang nach Einsamkeit; und mit einem Gefühl der Ungeduld dachte er an sein kleines Zimmer in Upsala, wo er wußte, er konnte immer ungestört sein. Er erhob sich und ging nach der Tür.

„Wo gehst du hin?“ hörte er die Mutter aus dem Wohnzimmer rufen.

„Auf Papas Zimmer“, erwiderte er und blieb unschlüssig stehen.

„Willst du nicht vorher zu mir kommen?“

„Doch, gern.“

Er ging ins Wohnzimmer und setzte sich.

„Ich möchte wohl wissen, wie’s mit deiner Probepredigt geht“, sagte Frau Hallin.

Seiner Probepredigt? Herrgott! Sollte das Schreiben und Studieren schon wieder losgehen? Er war ja doch eben erst von Upsala gekommen.

„Es ist ja noch ein voller Monat, bis ich die halten muß“, sagte er widerwillig.

Frau Hallin sah auf ihre Arbeit.

„Aber du wirst doch jedenfalls schon daran gedacht haben. Ich möchte so gern ein bißchen wissen, wie du den Text auslegen willst. Ich habe ihn schon so oft durchgelesen“, fügte sie hinzu. Es lag etwas Bewegliches in ihrer Stimme.

Ernst sah verlegen aus. Ein ungeduldiger Ausdruck flog über sein Gesicht.

„Ich habe schon darüber nachgedacht“, sagte er. „Aber ich kann nicht gut über so was reden, eh’ ich’s aufs Papier gebracht habe.“

Frau Hallin sah auf und nickte. Etwas Altes kam in ihr Gesicht, das dem Sohn weh tat.

„Ich werde warten, bis du selber davon sprechen magst“, sagte sie einfach.

Mit einem Gefühl der Reue ging Ernst auf des Vaters Stube. Es bedrückte ihn unsagbar, daß er der Mutter nicht hatte anders antworten können.

Er verstand ja, daß sie seit Tagen, seit Wochen darauf wartete, daß er etwas über die Sache sagen sollte. Seit der Tag für die Predigt bestimmt war, dachte die Mutter unaufhörlich an ihn, das wußte er, und machte sich vielleicht große Vorstellungen von dem reichen geistigen Leben, das solch ein wichtiger Entschluß in ihm wecken müßte. Sie hatte kaum an etwas anderes gedacht, hatte den Text für sich durchgelesen, hatte versucht, sich auszudenken, wie er, so wie sie ihn kannte, diesen Text auffassen würde. Sie sah in ihm nur noch den zukünftigen Verkünder der Heiligen Schrift; sie erwartete von ihm, er müsse ein Streiter für die Sache Gottes werden, ein gewaltiger Erwecker, der die Gemüter bewegen und die Seelen für Gottes Reich gewinnen würde. Und es hatte sie danach verlangt, daß er von selber kommen und mit ihr reden würde, so stark danach verlangt, daß sie es nicht lassen konnte, ihn zu fragen, obwohl sie begriff, daß ihm das unangenehm sein mußte.

Er sah das alles, ganz deutlich, als ob sie selbst es ihm erzählt hätte, und trotzdem konnte er seine Unlust, daß sie ihn hatte ausfragen wollen, nicht überwinden. Er war so daran gewöhnt, einsam, nur mit seinen Gedanken, zu leben, daß er jeden Versuch, in ihn einzudringen, fürchtete.

Was hätte er ihr auch sagen sollen?

Ungeduldig ging er im Zimmer auf und ab.

Was sollte er sagen?

Er hatte ja die ganze Zeit her gar nicht an derartiges gedacht; und das beunruhigte ihn jetzt. An alle möglichen gleichgültigen Dinge dachte er. Alles, was er sah, interessierte ihn, fremde Menschen, mit denen er bekannt wurde, die Geschwister daheim, die Eltern, die Menschen in Gammelby, das Wetter, das Leben auf den Straßen, die Umgebung der Stadt, in der er täglich seinen Spaziergang machte. Alles interessierte ihn. Alles, bloß nicht Bücher.

Es war, als könne er sich überhaupt nicht dazu zwingen, ein Buch zu öffnen. Ganz sonderbar fremd fühlte er sich, wenn er nur etwas Gedrucktes sah. Er hatte auch lang genug studiert und gelesen. In der Schule schon hatte er seine freien Stunden zum Lesen benützt.

Und dann auf der Universität!

Bei der Tante in Upsala hatte er ja ungefähr so gelebt, wie in den letzten Jahren seiner Schulzeit. Seine einzige Zerstreuung im Lauf des Tages hatte in den zwei regelmäßigen Spaziergängen bestanden: der eine auf der Flusterpromenade nach dem Frühstück, der andere nachmittags auf den Karolinenhügel. Nun er endlich mit Studieren fertig war, da war’s, als dränge alles, was er früher in sich verschlossen, zum Schweigen gebracht hatte, hervor und wolle sich Gehör erzwingen. Durch alle Bücher hindurch, ihnen zum Trotz!

Er blieb am Fenster stehen. Draußen funkelte die Sonne auf dem Schnee, der dick über dem weiten Platz lag und um die Stämme der Ulmen runde Vertiefungen bildete. Auf das Dach brannte sie so stark, daß der Schnee, der dortlag, zu schmelzen begann und sachte an den Eiszapfen, die an den Rinnen hingen, herabtropfte.

Ohne weiteres Besinnen griff Ernst Hallin zu seinem gewöhnlichen Mittel, wenn er seine Gedanken verscheuchen wollte. Er beschloß, einen Spaziergang zu machen, und nahm sich fest vor, dabei an seine Predigt zu denken.

Er schlug den Weg ein, der am Villenviertel vorbei die Anhöhe hinaufführte, die sich von Norden her nach Gammelby heruntersenkt. Rasch schritt er aus; im Sonnenschein, der ihm warm entgegenglitzerte, verschwanden seine zweifelnden Gedanken; er vergaß alles, außer dem, was grade vor ihm lag.

Als er auf dem Gipfel des Abhangs angelangt war, erblickte er einen zugefrorenen See, auf dem aufrechtstehende Tannenzweige einen Fahrweg bezeichneten, der fern hinter einer Landzunge verschwand. Frischgewaschen vom Schnee, der von den Zweigen abgetropft war, mit Eiszapfen, die da und dort durch die dunkelgrünen Nadeln in der Sonne funkelten, standen die Tannen und Fichten auf den Hängen, den kleinen Inseln und Landzungen, die auf allen Seiten vorsprangen und das weiße Schneefeld des Sees unterbrachen. Ganz hinten, in der Ferne, blickte man in eine endlose Perspektive von Ufer und Wald, die im Schatten lag, während das große offene Schneefeld in den glitzernden Strahlen der Sonne glänzte.

Im Wald, auf der andern Seite der Straße, sah er ein paar Dompfaffen, die mit ihren roten Brüstchen lustig durch den Schnee flatterten; über einen hohen Stein huschte eben ein graugesprenkeltes Eichhörnchen und verschwand zwischen den dämmerigen Tannen.

Es kam ihm der Gedanke, wie ganz anders als andere Menschen er doch eigentlich sein müsse. Andere Menschen bekamen ihre Arbeit zugeteilt, griffen zu, ohne weiteres Besinnen, mit beiden Händen, und taten ihre Pflicht. Und damit war’s fertig.

Und er? Er lief herum, wochenlang, grübelte über seine Arbeit nach, bis er halb krank war, und konnte doch zu keinem Entschluß kommen. War es denn um seine Arbeit etwas so Besonderes? Predigten hatte er schon öfter geschrieben und auch selbst gepredigt. Und hatte sich dabei doch nicht so aufgewühlt, so unruhig, so zerrissen gefühlt. Er hatte sogar ganz gut gepredigt, wenn er erst in Zug gekommen war. Das wußte er.

Und daß seine Auffassung der Dogmen, der Dreieinigkeit und Versöhnung, mehr zu der Waldenströms als zu der der Kirche neigte -- was tat das? Das wußte er ja schon längst. Dies bißchen Freidenkertum war eine Seelenarbeit, die ihn in einsamen Stunden stets beschäftigt hatte. Es war ein Geheimnis, auf das er fast stolz war. Er hatte es „Entwicklung“ genannt, hatte es als einen großen, ernsten Gärungsprozeß empfunden. Aber Waldenström selber war ja doch im Dienst der Kirche geblieben. Sollte er da nicht auch eintreten können?

Aber der Eid? Der Priestereid? Er schwor ja doch auf die Symbole und auf das Augsburger Bekenntnis. Bah! War es +sein+ Fehler, daß kein Mensch Gottes Wort verkünden durfte, ohne diesen Eid zu schwören? Sollte sein Gewissen denn so viel empfindlicher sein als das der anderen? Wie oft hatte er das nicht mit Simonson besprochen, und Simonson hatte so gute Gründe angeführt, so überzeugende, klare, unwiderlegliche Gründe.

Zum Beispiel, Gottes Wort könne man ja wohl verkünden, aber man könne davon nicht leben, wenn man keine Anstellung habe. So sagte Simonson. Was für ein Mensch war das eigentlich, Simonson?

Er blieb unten am Abhang, wo eine Brücke über einen breiten Graben führt, stehen. Auf beiden Seiten des Grabens standen ein paar alte Tannen; der Graben war so tief, wie ein schmaler Bach. Dünne Eisschollen wuchsen zu beiden Seiten der Grabenränder; auf den Steinen unter der Brücke lag Schnee. Aber unter der Eisdecke murmelte und sprudelte Wasser, das sich Bahn brechen wollte, und da, wo das Eis Löcher hatte, sah man die lehmgelbe Flut unter dem Eis durcheilen; in der Mitte war eine lange Rinne, durch die das Wasser aufsprudelte und mit dem geschmolzenen Schnee einen großen schwarzen Fleck bildete.

Es war, als wecke ihn dies Sprudeln aus seinen Gedanken. Seine Nasenflügel weiteren sich, seine Brust schwoll, mit blitzenden Augen blieb er stehen und lauschte auf dies kleine Zeichen von Leben, das sich da durch das Schweigen des Waldes vorwärtsarbeitete. Er lehnte sich ans Brückengeländer und blickte hinab auf den dunkeln Streifen Wasser, der sich immer weiter in den Schnee hineinsaugte. Eine Lust überkam ihn, zu helfen, und mit ganz ungewohnter Lebhaftigkeit sprang er den Abhang hinunter und begann mit seinem Stock Löcher in das Eis zu hauen, damit das dunkle Wasser unbehindert aufschwellen könnte. Er arbeitete, daß er schwitzte; die helle Röte stieg ihm ins Gesicht. Er hieb Löcher um große Stücke Eis, drückte sie dann ins Wasser hinunter, brach mit den Händen große Klumpen los und warf sie ans Ufer, und fühlte die ganze Zeit über ein solches Interesse an der Sache, als beschäftige er sich mit der allerernsthaftesten und nützlichsten Arbeit. Eben wollte er einen großen Stein aufheben und ihn mitten in die Eisrinne werfen, wohin er mit dem Stock nicht reichte, als er plötzlich von der Brücke oben einen Laut vernahm; er fuhr zusammen und blickte auf.

Droben stand ein junges Mädchen und sah ihm bei seiner Arbeit zu. Als der junge Mann sie erblickte, errötete sie und schickte sich zum Gehen an. Dann besann sie sich und brach in ein helles, klingendes Lachen aus.

„Entschuldigen Sie!“ sagte sie. „Aber ich kann nicht anders! Sie haben zu komisch ausgesehen!“

Und wieder lachte sie, daß zwei kleine Grübchen in ihren Wangen sichtbar wurden; ihre Augen glänzten schalkhaft und klar, und die Zähne blitzten verführerisch zwischen den roten Lippen.

Ernst Hallin fühlte sich recht beschämt. Es war Eva Baumann, eine Freundin seiner Schwester, die er seit seiner Heimkehr noch nicht wiedergesehen hatte. Ohne ein Wort herauszubringen stand er da und sah sie an. Wie hübsch und lieb sie aussah, wie sie sich so über das Brückengeländer beugte! Die kurze Jacke umschloß eng ihre schlanke Gestalt, an der rechten Hand, die sie aus dem Muff gezogen hatte, trug sie einen schwarzen Handschuh, und zwischen dem und dem Ärmel guckte ein rundes kleines Handgelenk hervor.

Verwirrt zog er endlich den Hut und grüßte. Das junge Mädchen neigte den Kopf und lächelte wieder. Dann richtete sie sich aus ihrer gebückten Stellung auf und steckte die Hand in den Muff.

„Adieu, Herr Hallin!“ sagte sie. „Pastor Hallin müßte ich eigentlich sagen.“

Seine Verlegenheit war plötzlich verschwunden. Sie sah so unwiderstehlich lieblich aus, wie sie dastand und die Sonnenstrahlen in den ungebärdigen Nackenlöckchen spielten.

„Warten Sie doch, daß ich Sie begrüßen kann!“ rief er und kletterte den Rain hinauf. Er trat zu ihr hin und faßte ihre Hand.

Daß er das früher gar nicht bemerkt hatte, wie hübsch sie war mit ihrem frischen Lächeln und den tiefen, warmen Augen!

„Ich gehe immer diesen Weg“, sagte sie wie zur Erklärung. „Natürlich konnt’ ich ja nicht denken, daß ich Sie hier treffen würde. Willkommen wieder daheim!“ fügte sie dann hinzu.

„Danke!“

„Was machten Sie denn eigentlich da drunten?“ fuhr sie fröhlich fort.

„Nichts“, erwiderte er, indem er neben ihr herschritt. Eine Weile schwiegen sie beide. Ernst sah zu, wie sie mit kleinen, raschen, gleitenden Schritten neben ihm herging.

„Das Frühlingswetter hat mich zum Narren gehalten!“ sagte er.