Part 7
Später kam Selma. Dann bewegte sich das Gespräch meist um die neuere Literatur, der gegenüber der Pastor gewöhnlich sehr streng war. Frau Hallin hatte, wenn Selma da war, ein sehr wachsames Auge auf die zwei jungen Leute. Sie hätte es so gern gesehen, wenn Selma sich zu einem der jungen Geistlichen hingezogen gefühlt hätte, die ins Haus kamen. Aber Selma tat leider gar nicht dergleichen. Sie verhielt sich Pastor Simonson gegenüber sehr zurückhaltend; manchmal sah es fast aus, als wären ihr die Phrasen, die er machte, geradezu unangenehm.
Frau Hallin, im Gegenteil, ertrug und duldete an diesem jungen Menschen, der Geistlicher war, manches, worein sie sich nie gefunden hätte, wenn es von profanen Lippen, zum Beispiel von denen eines der jüngeren Lehrer, gekommen wäre. Hätte einer von diesen es sich einfallen lassen, sie, wenn auch in noch so höflicher und ehrerbietiger Form, über irgend etwas zu belehren, was sie nicht wußte, -- leicht möglich, daß ihm eine ziemlich scharfe Zurechtweisung zuteil geworden wäre, und daß sie ihm recht deutlich zu Verstehen gegeben hätte, daß junge Leute sich nicht wichtig zu machen brauchen.
Aber mit jungen Geistlichen war das ganz was anderes. Denen konnte sie in größter Andacht zuhören, während sie die Nadel ruhen ließ und nur ab und zu langsam mit dem Kopf nickte, wie um die Worte ihrem Gedächtnis besser einzuprägen; wenn sie ihnen je widersprach, geschah es mit allergrößter Ehrerbietung, fast als bitte sie um Verzeihung, daß sie überhaupt anderen Sinnes sein konnte. Ihre Einsprüche lauteten oft so demütig, als wollte sie sagen, es könne natürlich gar keine Frage sein, daß Pastor Simonson recht habe, sie möchte ihn nur bitten, sich ein bißchen deutlicher auszusprechen, damit sie ihn auch gewiß richtig verstehen könne.
Eines Abends, als Mutter und Tochter nach einem solchen Gespräch allein beisammen saßen, fragte Selma die Mutter mit vor Ärger zitternder Stimme: „Wie kannst du dich nur so herabwürdigen, Mama, und in solch einem Ton mit Pastor Simonson sprechen!“
Frau Hallin sah ganz verwundert aus. Sie begriff gar nicht.
„Mich herabwürdigen! Was willst du denn damit sagen?“
Selma ward ganz rot vor Eifer.
„Ich will damit sagen,“ erwiderte sie, „daß du mit ihm redest, als wüßte er wer weiß wie viel mehr als du und hätte wer weiß wie viel mehr Erfahrung. Mir scheint, darin liegt etwas Herabwürdigendes. Er ist doch schließlich nichts weiter, als ein gewöhnlicher Vikar! Und dazu noch wirklich ein recht gewöhnlicher!“
Und der Tochter standen wahrhaftig die Tränen in den Augen.
Aber die Mutter schüttelte bloß den Kopf und sagte:
„Wir müssen das Gute, das uns geboten wird, im wahren Sinn entgegennehmen und uns nicht zu Richtern über die Menschen aufwerfen!“
Pastor Simonson selber wußte Frau Hallins Art, seinen Worten zu lauschen, wohl zu würdigen; er dachte darum auch sehr hoch von Frau Hallins Klugheit und Menschenkenntnis. Er fand es sehr lehrreich, sich mit dieser frommen Frau zu unterhalten und Blicke in ihre verborgenen Kämpfe zu tun. Es war dies um so merkwürdiger, als Frau Hallin fast nie selber sprach, sondern den jungen Geistlichen reden ließ und meist nur dasaß und andächtig lauschte.
Mit Selma dagegen kam er nicht recht vom Fleck. Sie widersprach ihm nur selten, vor allem nie in Gegenwart der Mutter. Aber wenn er so recht lang und eifrig eine Ansicht verfochten hatte, konnte sie auf eine Art dasitzen und schweigen, die ganz wie eine eigensinnige, hartnäckige Opposition aussah. Und Opposition -- das konnte der Pastor nicht vertragen.
Übrigens war Pastor Simonson in letzter Zeit seltener gekommen. Er hatte über seine Besuche in der Hallinschen Familie nachgedacht und war zu dem Schluß gekommen, wenn ein junges Mädchen im Haus wäre, müsse man, in Rücksicht auf ihren Ruf, vermeiden, Anlaß zum Klatsch zu geben. Pastor Simonson wollte gern auch aus Rücksicht auf sich selbst jedes Gerede vermeiden. Er wußte ja, wie gern man sich in einer Kleinstadt wie Gammelby grade mit der Zukunft der jungen Geistlichen beschäftigt. Er wußte auch, wie leicht ein derartiges Geschwätz das Glück zerstören kann, wenn es sich eines Tages einmal unerwartet in solider Form präsentiert. Und Pastor Simonson fand, man könne in solchen Sachen gar nicht vorsichtig genug sein.
Frau Hallin glaubte die Gründe, weshalb des Pastors Besuche in letzter Zeit seltener geworden waren, zu durchschauen und war ihm im Grund ihres Herzens dankbar für solches Zartgefühl. Aber jetzt war ja Ernst heimgekehrt, jetzt, hoffte sie, würde er wieder um so öfter kommen. Sie kannte ja ihren Ernst; sie wußte, der konnte tagelang seinen eigenen Gedanken nachhängen, ohne überhaupt von selber auf die Idee zu verfallen, unter Menschen zu gehen. Darum gab sie ihm ein paar deutliche Winke, um ihn zu veranlassen, seine alten Freunde aufzusuchen. Sie sehnte sich danach, ihren Sohn auch einmal so reden zu hören, wie Pastor Simonson so oft vor ihr geredet hatte. Und daheim, im Alltagsleben, wollte das nicht so recht gehen. Aber alle ihre Versuche in dieser Richtung scheiterten. Der Sohn schien ihre Andeutungen nicht zu verstehen oder kümmerte sich nicht darum.
Eines Nachmittags aber -- um sechs Uhr, grad wie gewöhnlich -- läutete es, und gleich darauf trat Pastor Simonson ein. Er ging, wie immer, auf Frau Hallin zu, begrüßte sie und machte sich’s dann in seinem gewohnten Stuhl bequem, während Frau Hallin das Dienstmädchen hinaufschickte, um zu fragen, ob Herr Ernst, wie er zu Hause noch immer genannt wurde, nicht herunterkommen möchte. Das Mädchen kam zurück und richtete aus: einen schönen Gruß, und ob Herr Pastor Simonson nicht ein bißchen zu Herrn Ernst auf seine Stube kommen würde. Der Adjunkt wäre ausgegangen, und so hätten sie das Reich für sich.
Frau Hallin sah etwas enttäuscht aus, beherrschte sich aber und bat den Pastor, noch eine Treppe höher zu steigen. „Bleiben Sie nicht zu lange weg!“ fügte sie hinzu.
Als Pastor Simonson in die Stube des Adjunkten kam, fand er den Freund dort auf dem Sofa sitzen. Er hatte den Kopf in die Hand gestützt, und in seiner ganzen Haltung lag etwas so Schlaffes, Zusammengesunkenes, daß der Pastor schon Unrat witterte. Sollte wirklich der Geist des Zweifels Herr geworden sein...?
„Guten Tag!“ sagte er und machte ein paar Schritte auf Ernst zu.
Ernst Hallin richtete sich auf und schaute sich mit müdem und wirrem Blick um. Langsam hob er die Hand zum Kopf und fuhr sich mit einer seltsamen Bewegung durchs Haar. Dann erhob er sich wie ein Schlafwandler und ergriff des Freundes Hand.
„Ach so, du bist’s!“ sagte er. „Ja, es ist ja wahr. Grüß Gott! Wie geht’s dir denn?“
Es kam hastig und eintönig heraus, wie eine auswendig gelernte Aufgabe.
Der Pastor sah ihn scharf an. „Mir? Danke, gut. Ich glaube, ich kann eher fragen, wie es dir geht?“
In Ernsts Gesicht kam plötzlich ein sehr klarer und bestimmter Ausdruck.
„Mir geht es ganz gut!“ sagte er kurz. „Magst du dich nicht setzen?“
Der andere setzte sich rasch, ohne dabei den Blick vom Gesicht des Freundes zu wenden. Ernst hatte sich in der letzten Zeit sehr verändert. Die Wangen waren eingefallen, die Augen lagen tief in ihren Höhlen, und der dunkle Rand um sie war breiter und dunkler als je zuvor. In seinem Gesicht lag ein Ausdruck, als fürchte er sich vor dem andern. Pastor Simonson merkte, wie Ernst ihn von der Seite beobachtete und wie es um seine Mundwinkel zuckte, während er schweigend dasaß. Keine Sekunde konnte er seine Hände ruhig halten. Die langen, schmalen Finger liefen in fieberhafter Hast auf der Sofalehne hin und her; ein paarmal lachte er auch, nervös, kurz, als wolle er die Tränen zurückhalten.
Dann erhob er sich plötzlich und begann im Zimmer auf und ab zu gehen. Manchmal blieb er stehen und betrachtete Simonson mit einem Ausdruck, in dem dieser etwas Spöttisches zu lesen glaubte. Doch sagte er nichts, sondern setzte seine Wanderung fort und blieb nur manchmal stehen, um den Pastor zu betrachten und die Finger durch den weichen Bart zu ziehen.
„Du hast mich gebeten, heraufzukommen“, sagte der Pastor.
„Ich dachte, du wolltest was von mir. -- Es ist lang her, seit wir uns zuletzt gesehen haben!“ fuhr er dann fort, da der andere nicht antwortete.
Ernst brach ganz unmotiviert in ein heiteres Lachen aus, wurde dann aber plötzlich wieder ernst.
„Ja, es ist lang her!“ sagte er mit Betonung. „Und in einem Jahr kann sich viel ereignen. Früher haben wir uns ja gekannt. Waren es wirklich vier volle Jahre, daß wir täglich miteinander zu Mittag aßen?“
Pastor Simonson hatte fast ein Gefühl von Angst. Er begriff nicht, worauf der andere hinauswollte; und so fragte er zögernd: „Was soll das heißen: früher haben wir einander gekannt? Kennst du mich etwa jetzt nicht mehr?“
Er blickte an sich herunter und sah den schwarzen Gehrock. Und er errötete. Es war eine seiner Schwächen, daß er gern einen hochschließenden, doppelreihigen Gehrock trug, der dem Pastorenrock so ähnlich wie möglich war. Einesteils glaubte er, daß der Rock ihn gut kleide. Und dann verlieh er ihm eine gewisse Würde; und darauf legte der Pastor Wert.
Ernst sah, wie er errötete, und schwieg eine Weile lächelnd. Es sah aus, als amüsiere er sich.
„Doch, natürlich kenn’ ich dich!“ sagte er dann, das letzte Wort leicht betonend und mit einem Versuch, in seine Stimme Herzlichkeit zu legen.
Aber beide Männer fühlten in diesem Augenblick, daß etwas Feindliches zwischen sie gekommen war, und wußten, es war gekommen in dem Augenblick, in dem sie sich beide -- jeder nach seiner Seite hin -- entwickeln mußten. Es war, als wenn verschiedene Lebensmächte sie beherrschten, und als wenn jeder fürchtete, in dem ehemaligen Freund einen gefährlichen Gegner zu finden. Das Widerstreben gegen seine Persönlichkeit, das Pastor Simonson hinter dem seltsamen Wesen des andern ahnte, erfüllte ihn mit Verwunderung. In ihrem ganzen Kreis war immer er es gewesen, der das Wort geführt hatte. Auch wenn sie beide allein gewesen waren, hatte immer Pastor Simonson geredet, und Ernst hatte zugehört. Einen Augenblick kam Simonson ein ganz merkwürdiger Gedanke. Jawohl, so war es, tatsächlich! Ihm war es ja nie in den Sinn gekommen -- aber Ernst Hallin hatte ihm überhaupt nie sein Vertrauen geschenkt; sondern wenn der Freund nicht widersprach, hatte er, Simonson, immer einfach angenommen, daß er ihm beistimme. Aber den Gedanken schob er denn doch von sich. Es war ihm ganz unmöglich, ihn festzuhalten. Hallin, der weiche, stille Hallin, den er immer nur in den Vorhof stellte, wenn er ihn mit sich selber verglich -- Ernst Hallin, den er eigentlich nur als seinen Jünger betrachtete --, der sollte in den fünf Jahren in aller Stille und Verschlossenheit seine eigenen Wege gewandelt sein? Nein, nie und nimmer konnte er das glauben! Aber er beschloß doch, vorsichtig und aufmerksam zu sein.
Er blickte wieder nach Ernst hinüber. Der gespannte Ausdruck in des Freundes Gesicht war gewichen; er lächelte.
„Ja -- jetzt muß man sich also seine milchende Kuh verschaffen -- zum Lohn für die Studienjahre!“ sagte er.
Pastor Simonson sah ihn forschend an. Er wußte absolut nicht, ob der andere ironisch sprach oder ernsthaft.
Ernst Hallin schien das gar nicht zu bemerken.
„Darauf läuft’s ja doch hinaus“, fuhr er fort. „Sieh bloß meinen Vater an. Wie ein Sklave hat er gearbeitet. Achtundzwanzig Jahre oder mehr steht er jetzt im Dienst der Schule, hat geschuftet und geochst, und Hefte korrigiert und den Jungens lateinische Grammatik eingetrichtert. Fast sechzig Jahr ist er jetzt. Und ich weiß, noch immer hat er Schulden, die nicht abbezahlt sind. Ich weiß es!“ wiederholte er heftig, als hätte der andere ihm widersprochen, und sein Gesicht zuckte. „Was sagst du dazu?“ Er blieb vor Simonson stehen.
„Ach, das ist ja bei dir was ganz anderes“, sagte der. „Du bist ja doch Theologe.“
Ernst verzog keine Miene, sondern fuhr im selben Ton fort: „Ja freilich, da hast du recht. Ich werd’ Geistlicher. Die haben’s leichter, ihre Schulden zu zahlen. Und man ist ein rangierter Mann, eh man’s überhaupt ahnt! Ich hab’ daran gar nicht gedacht!“
Er setzte sich neben den andern ins Sofa und gab ihm einen freundschaftlichen Klaps aufs Knie.
„Na, wie geht’s dir denn hier? Gut?“
Pastor Simonson sah ganz erleichtert aus. Wenn er von sich selber sprechen konnte, so fand er sich immer besser zurecht.
„Freilich. Mir geht’s gut hier“, sagte er. „Es geht einem immer gut, wenn man seine geordnete Arbeit hat. Ich glaube, ich darf wohl sagen, meine Vorgesetzten sind zufrieden mit mir. Ein paarmal hab’ ich auch gepredigt. Und meine letzte Predigt hat Aufsehen erregt. Der Bischof fand, es wäre gut, wenn ich sie drucken ließe. Überhaupt hat er mir viel Freundlichkeit erwiesen.“
„So, so!“ sagte Ernst zögernd. „Das freut mich.“
Aber er blickte dabei zur Seite, und über sein Gesicht flog eine hastige Röte.
„Wollen wir hinuntergehen?“ fragte er dann plötzlich.
Drunten im Wohnzimmer hatte der Adjunkt eben einen kleinen Streit mit seiner Frau gehabt.
Er hatte am Nachmittag seinen Bruder, den Professor, besucht, und als die Brüder eine Weile beieinander gesessen hatten, war der Professor aufgestanden und hatte mit seinem alten gassenjungenhaften Ton gesagt: „Du, Erker! Wie wär’s, wenn wir uns heut einen vergnügten Abend machten? Ich hab’ eine ganz verwünschte Lust dazu!“
Und er zog an seinem wohlgepflegten Backenbart und schnitt eine Grimasse, die dem Adjunkten unwillkürlich ein Lachen ablockte.
„Na, was meinst du dazu?“
Der Adjunkt lächelte -- ein bißchen gezwungen, wie es dem Bruder schien.
„Ich weiß nicht recht...“
Der Professor kannte dies Lächeln. Er verstand den Bruder.
„Freilich, Ebbas strenge Grundsätze -- na, usw. usw. Aber wart’ einmal. Da, stell dich hinter die Tür, so sollst du mal hören, wie das ein alter Diplomat macht!“
„Zu was soll ich mich denn hinter die Tür stellen?“
Der Professor kratzte sich am Kopf und lachte, daß sein Bauch wackelte.
„Zu was du dich hinter die Tür stellen sollst? Du bist doch ein unverbesserlicher Schafskopf! Oder ein Idiot -- wie man das heutzutag nennt! Um was zu lernen, verstehst du? Also sei mal still!“
Sein wohlgenährter Körper verschwand geschmeidig durch die Tür, die er halb offen ließ.
Der Adjunkt sah recht kläglich aus, wie er so dastand. Aber neugierig war er doch. Darum blieb er und horchte. Erst war eine ganze Weile lang alles still. Er dachte schon, der Bruder hätte seine Frau gar nicht getroffen. Endlich hörte er ein Husten, das anscheinend vom Bruder kam. Dann eine sanfte Stimme, die sagte: „Du bist recht lieb, daß du mir Gesellschaft leistest!“
„Ja, siehst du, ich wollte eigentlich heut abend ein bißchen ausgehen. Eine Verabredung... ein paar Kollegen...“
Dann ein Flüstern, das nicht zu verstehen war. Und darauf die Stimme der Professorin: „Laß schon, Abel! Du weißt, ich mag keine Judasküsse! Geh nur mit deinen Kollegen! Du weißt ja, ich schlaf’ doch nicht, eh du daheim bist!“
Und dann des Professors Stimme: „Adieu, lieber Schatz! Halt gut Haus, solang ich fort bin! Schlafen wirst du schon, paß nur auf, -- wenn du nur erst zu Bett bist!“
Im nächsten Augenblick witschte der Professor wieder ins Zimmer, den Finger auf die Lippen gedrückt.
„So, jetzt weißt du, wie man’s macht! Jetzt rasch, geh heim, und nachher treffen wir uns im Ratskeller! Bruhn ist auch da und Kumlander und noch ein paar. Heut abend ist was ganz Besonderes los, mußt du wissen!“
Der Adjunkt ging sehr eilig nach Hause an solchen Abenden. Er machte kleine, rasche Schritte; sein Gesicht hatte einen ganz besonders belebten Ausdruck. Für einen Abend wollte er einmal den Schulzwang und die Familienbürde von sich werfen! Wollte sich einmal wieder ledig fühlen und frei! Er war auch ganz sicher -- seine Frau würde ihn verstehen und ihm die Freude durch kein saures Gesicht stören. Sie wußte ja, wie nötig er’s hatte, einmal so recht herauszukommen!
Mit behutsamen Schritten trat er ins Wohnzimmer, in dem seine Frau saß. Er hatte noch den Mantel an und den Stock in der Hand. Und ohne weitere Vorbereitung brachte er sein Anliegen vor; so sicher, wie vorhin auf der Straße, fühlte er sich freilich nicht mehr.
Frau Hallin sah eigensinnig auf ihre Arbeit. Um ihren Mund legte sich ein strenger Zug.
„Pastor Simonson war hier; und ich hab’ ihn auf heut abend eingeladen!“ sagte sie.
„Er hat ja Ernst!“ meinte der Adjunkt eifrig.
Frau Hallin blickte von ihrer Arbeit auf und sagte ernsthaft: „Um unsres Sohnes willen müßtest du das nicht tun!“
Ein ziemlich lebhafter Wortwechsel entspann sich. Aber der Adjunkt bestand auf seinem Recht. Er wollte ausgehen, und er würde ausgehen. Außerdem hatte er es schon versprochen. Was ging ihn überhaupt Pastor Simonson an? Es war doch gewiß keine Sünde, wenn man einmal abends ausging!
Frau Hallin setzte ihre allerverstockteste, vorwurfsvollste Miene auf und bat ihn, doch ja zu gehen. Sie hatte getan, was sie konnte! +Ihrethalben+ konnte es die ganze Stadt wissen, daß Pastor Hallins Vater abends in den Wirtschaften hockte -- in der allerschlechtesten Gesellschaft.
Frau Hallin war böse, und zwar ganz ernstlich. Es regte sie immer auf, wenn der Adjunkt abends fort war. Sie hatte es ja, Gott sei Dank, dahin gebracht, daß es nicht mehr oft vorkam. Daß er aber grad heute, wo Pastor Simonson da war, ausgehen wollte -- das reizte sie. Denn sie war ganz sicher -- der Pastor würde die Geschichte weitererzählen. Und den ganzen Abend lang würde es sie quälen, daß das grade in ihrem christlichen Haus passieren mußte!
Als auf der Treppe Schritte laut wurden, verschwand der Adjunkt. Frau Hallin hatte auf jeder Backe einen kleinen roten Fleck, als sie die Herren in Empfang nahm.
Aber sie sagte nichts, eh man zu Tisch ging. Während sie dann die Herren bat, ins Eßzimmer zu gehen, sagte sie mit einer Stimme, der sie vergeblich einen gleichgültigen Ausdruck zu geben versuchte: „Papa ist aus heut abend!“
Pastor Simonson warf einen raschen Blick auf ihr Gesicht und verstand mit einmal, weshalb die Stimmung den ganzen Abend so gedrückt war. Man führte ein sündhaftes Leben in Gammelby -- mit Schwelgen und Prassen! Und er beugte in einer Art diskreten Mitleidens das Haupt.
Ernst dagegen setzte seine Mutter höchlich in Erstaunen dadurch, daß er in die Hände klatschte und heiter rief: „Das ist nett, daß Papa sich auch mal ein Vergnügen gönnt! Er hat’s nötig!“
Neuntes Kapitel
Als das Abendbrot vorüber war, versammelten sich alle im Wohnzimmer. Eine gewisse Verstimmung lag in der Luft, und keiner hatte Lust, ein Gespräch anzufangen. Ab und zu sagte jemand ein paar Worte, wie um pflichtschuldigst zur allgemeinen Unterhaltung beizutragen. Ernst sah überhaupt ganz geistesabwesend aus, und Gustaf gähnte unverhohlen.
Frau Hallin erhob sich und ging auf einen Augenblick hinaus. Als sie zurückkam, hatte sie Bibel und Andachtsbuch bei sich, die sie beide vor Ernst hinlegte, während sie mit einem forschenden Blick sagte: „Vielleicht liest du heute das Abendgebet, da Papa fort ist!“
Ernst fuhr zusammen. Er sah so erschrocken aus, als mute ihm die Mutter das halsbrecherischste Wagestück zu; und er blickte sich nach allen Seiten um, als erwarte er Hilfe und Unterstützung von den andern.
„Meinst du?“ fragte er halblaut. „Grad heute abend?“
„Ich meine, wir sollten auch heut abend nicht auseinandergehen, ohne Gottes Wort miteinander gelesen zu haben!“ antwortete Frau Hallin ebenfalls in einem Ton, der nicht für die andern berechnet war.
„Wir sind ja aber nicht allein!“ fuhr Ernst widerwillig fort.
„Pastor Simonson hat unserer Andacht schon öfter beigewohnt“, erwiderte Frau Hallin, indem sie sich dem jungen Pastor zuwandte.
Ernst Hallin erhob sich. Sein Antlitz war düster; er schob die Bücher von sich.
„Ich kann nicht!“ sagte er mit leiser Stimme, die aber durchs ganze Zimmer zu hören war. „Quäl’ mich nicht!“
Eine Weile hatten ihm seine Gedanken Ruhe gelassen. Jetzt brachte die Mutter sie ihm wieder so recht handgreiflich in Erinnerung. Er, der so gar nicht wußte, was er eigentlich glaubte oder dachte, er, der selber ein Suchender war, ein Tastender, ein Ringender, er sollte seinen Beruf ausüben und andern, die Suchende waren, gleich ihm, predigen?
Er entfernte sich vom Tisch, auf dem die Lampe stand, und setzte sich in den dunkelsten Winkel des Zimmers.
Pastor Simonson trat vor und nahm die Bücher an sich.
„Gestatten Sie, daß ich ein Kapitel aus der Bibel lese, Frau Hallin?“ sagte er. Es lag eine fast unmerkliche Betonung auf dem „ich“.
Frau Hallin warf ihm einen dankbaren Blick zu; aber es tat ihr weh, daß sie die Stimme eines Fremden statt der ihres Sohnes hören mußte; und Tränen flossen in ihr Taschentuch, während sie das Haupt beugte.
Warum hab’ ich es nur nicht tun können? fragte Ernst Hallin sich. Warum hab’ ich es nicht tun können? Es kam ihm selber ganz unbegreiflich vor. Er saß ganz stumm da und rang in Gedanken mit sich selbst, um der Sache auf den Grund zu kommen. Warum nur nicht! Es war doch sonderbar!
Er ward aus seinen Gedanken gerissen durch Pastor Simonsons Stimme, die leise und scharf die Einleitungsworte sprach: „Im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.“
Er las darauf ein Kapitel aus der Bergpredigt; die milden Worte hatten einen seltsam fremden Klang. Leblos und kalt fielen sie von seinen Lippen, als hätten sie nie eine Seele gehabt, als wären sie nie von Lippen gefallen, die von Liebe zur Menschheit, von Trauer über ihren Fall zitterten. Korrekt und starr kamen sie heraus, als trockene, dogmatische Sentenzen, die man bei der Hand haben muß, wenn es drauf ankommt.
Ernst empfand ein unsägliches Unbehagen, eine rein körperliche Qual, die für ihn ebenso unleidlich wie neu war. Als Simonson zu Ende gelesen hatte, dankte die Mutter ihm. Ernst saß in der Sofaecke. Niemand konnte sein Gesicht sehen.
Dann sagten alle Gutenacht. Pastor Simonson zog seinen Überzieher an und Gustaf begleitete ihn, um ihn zur Haustür hinauszulassen. Selma ging auf ihr Zimmer.
Ernst trat zur Mutter, um ihr Gutenacht zu sagen. Sie sah ihn einen Augenblick lang ernsthaft an, ohne ein Wort zu sprechen. Dann sagte sie: „Ernst, mit dir geht etwas vor. Aber ich weiß nicht, was.“
„Mit mir?“ erwiderte Ernst. „Nein.“
Er ging von ihr fort und durchs Zimmer.
„Ich versichere dich, Mama, es ist nichts!“ sagte er. „Was sollte es auch sein?“
Bei sich aber dachte er: Was kann sie nur damit meinen? Mit mir vorgehen? Was soll denn mit mir vorgehen? Etwas muß es ja freilich sein. Seit ich aus Upsala zurück bin, ist es in mir wie eine Unruhe. Ich muß Zeit haben -- ich muß zu mir selber kommen. So kann das nicht weitergehen. Ah -- was die Menschen alle mich quälen! Und ganz besonders Mama mit ihrem Inmichdringen! Wenn ich mich doch verstecken könnte, irgendwohin, wo keiner mich sieht, und wo ich keinen sehe! Unerträglich ist es hier!
Aber die Mutter ließ sich so leicht nicht abweisen. Sie ging ihm nach und legte ihm die Hand auf die Achsel.
„Sag’ mir, was es ist!“ bat sie.
Jetzt wurde Ernst heftig.
„Laß mich in Frieden!“ rief er. „Was hab’ ich denn getan? Ich hab’ die Abendandacht nicht lesen wollen. Ich weiß selber nicht, warum. Es war mir zuwider. Simonson hat es ja an meiner Statt getan. Und das war ja ebensogut. Warum läßt man mich nicht in Frieden? Siehst du denn nicht, daß ich grade das brauche, Mama? Ich ertrag’ es nicht, daß man so um mich herumgeht und lauert und mich überwacht, als wüßt’ ich selber nicht, was ich wollte! Ich bitt’ dich ganz ernstlich, Mama, laß das!“
Und mit einem freundlicheren Gesichtsausdruck als zuvor bog er sich nieder zu ihr, küßte sie und wollte gehen.
Frau Hallin blickte ihm bekümmert nach.
Er blieb stehen.
„Wenn du bloß nichts tust, was gegen Gottes Willen ist!“ sagte sie.
Ein Lächeln flog über sein Antlitz.
„Was ist das -- gegen Gottes Willen?“ fragte er.
„Ernst!“ erwiderte Frau Hallin, und in ihren Augen blitzte es. „Das weißt du nicht?“
„Doch, doch!“ sagte er rasch. „Ich wollte ja nur sagen, daß ich mich davor in acht nehme!“