Pastor Hallin

Part 5

Chapter 53,778 wordsPublic domain

Professor Hallin hatte ein flottes Junggesellenleben geführt, manche behaupteten, ein zu flottes, und wenn er von seinen Ferienreisen im Ausland zurückkam, die er „der Sprachen wegen“ machte und zu denen er sich irgendwie immer die Mittel zu verschaffen wußte, brachte er einen Hauch vom Luxus und von der Eleganz der großen Welt mit, die ihn zum Löwen der kleinen Stadt machten. Wenn er gewollt hätte, er hätte wer weiß wie oft heiraten können.

Er gehörte zu denen, die „Glück haben“. Alles, was er wollte, erreichte er auch ganz merkwürdig rasch. Er nahm das Leben leicht; Sorgen -- wenn er überhaupt solche hatte -- schüttelte er ab wie eine Möve, die ins Wasser taucht und ihre Schwingen schüttelt, so daß auch nicht ein Tropfen an dem glänzenden Gefieder hängen bleibt. Er machte Schulden über Schulden, ohne auch nur daran zu denken, die immer höher anwachsenden Summen einmal zurückzubezahlen, und als er volle vierzig Jahre alt war und die Gläubiger zu drängen begannen, verlobte er sich ganz plötzlich mit einem der reichsten Mädchen in der Stadt, einer Großkaufmannstochter. Der Schwiegervater bezahlte die Schulden, und die Neuvermählten zogen nach der Hochzeit in ein neues Steinhaus an der Langen Straße, das der Konsul Bergmann dem jungen Paar überließ.

Nach der Hochzeit änderte sich das Verhältnis zwischen den zwei Brüdern in gewissem Sinn. Nicht als ob ihre Freundschaft Einbuße erlitten hätte. Aber die beiden Schwägerinnen kamen von Anfang an nicht miteinander aus, und, wie das meist so ist, -- die Antipathie zwischen ihnen nahm mit den Jahren eher zu als ab. Darum entlehnte auch der Adjunkt nicht gern Geld von seinem Bruder, sondern benützte ihn, wenn es nötig war, lieber als Bürgen. Das brauchte dann die Schwägerin nicht zu wissen.

Die Frau des Adjunkten hatte im Grunde niemals die „Schwäche ihres Mannes für seinen Bruder“, wie sie es nannte, verstehen können. Sie sah in ihm eine verlorene Seele, ein Weltkind, und im Anfang ihrer Ehe, als der Adjunkt noch jung war, hatte sie große Angst, der Professor könne einen bösen Einfluß auf ihren Erik haben. Denn er war der einzige, dem es ab und zu gelang, den Adjunkt zu einem fröhlichen Junggesellenabend zu verlocken. Er kam manchmal nachmittags zum Bruder auf seine Stube, und sie hörte ihn dort lachen, mit seinem lustigen, schallenden Gelächter, sie hörte, wie die zwei Brüder miteinander kicherten und flüsterten; und dann kam der Adjunkt und sagte, er würde ausgehen und würde wahrscheinlich zum Abendbrot nicht nach Hause kommen. Frau Hallin sah den Professor so ziemlich für den leibhaftigen Bösen an! --

Als er dann eine so reiche Heirat machte -- er heiratete zwei Jahre später als der Adjunkt -- da konnte sie es nicht lassen, immerwährend Vergleiche zu ziehen zwischen dem reichen, wohlversorgten Haushalt des Schwagers und ihren eigenen, dürftigen und bedrückten Verhältnissen; und sie verwunderte sich manchmal darüber, daß Gott seine Gaben so ungleich unter die Menschen verteilt. Ihr war, als könne ihr Mann gar nicht anders, als auch vergleichen und bereuen, daß er es nicht gerade so gemacht hatte, wie der Bruder. Vor allem aber beklagte sie den Schwager. Hätte der eine weniger weltliche und oberflächliche Frau bekommen, so wäre auch er vielleicht durch den stillen Einfluß des Weibes zum Herrn gezogen worden.

Es wäre vielleicht zu viel gesagt, wollte man behaupten, daß Frau Hallin ihre Schwägerin um ihren Reichtum geradezu beneidete. Aber ganz frei von einem derartigen Gefühl war sie doch nicht. Sie bildete sich immer ein, die Schwägerin sehe auf sie alle herab, ganz besonders auf sie, und es quälte sie, wenn sie wußte, daß ihr Mann sich in irgend einer Sache an seinen Bruder gewandt hatte. Die Professorin ihrerseits meinte wieder, die Schwägerin wolle sich ihr überlegen zeigen. Sie redete immerzu von den Kindern, und von der Freude, die sie ihr machten, und die Professorin hatte ganz den Eindruck, als solle das ein Hieb sein auf sie. Denn die Kindererziehungsmethode der Professorin war tatsächlich nicht gerade die beste. Dafür hegte sie auch einen stillen, aber tiefen Haß gegen die Frau des Adjunkten. Einerseits wußte sie, daß ihr jene in vielem überlegen war, und andererseits fühlte sie, sobald die beiden Schwägerinnen einmal nachmittags allein beieinander saßen, die unausgesprochene und darum um so aufreizendere Kritik der anderen.

Und wenn sich das manchmal zu einem ziemlich lauten Meinungsaustausch zwischen den zwei Frauen steigerte, so drehte sich das Gespräch sicher um Kindererziehung oder Religion.

Professor Hallin versuchte stets, diesen Verhältnissen gegenüber ein Auge zuzudrücken. Er lud die Familie des Bruders bei jeder nur möglichen Gelegenheit ein, und obgleich es für Frau Hallin ein Kummer war, so vertraut in einem Haus verkehren zu müssen, in dem alles so ganz das Gepräge der Weltlichkeit trug, wollte sie ihren Mann doch nicht durch Absagen betrüben. Sie versuchte bloß, wenigstens die Kinder so viel wie möglich von der Familie des Bruders fernzuhalten, vielleicht, weil sie ahnte, daß dort manches von dem vorhanden war, was sie daheim vermißten.

Professor Hallin hatte schon in jungen Jahren recht viel Anlage zur Rundlichkeit gehabt; und während sein Bäuchlein immer mehr wurde, begann das Haar über der Stirn immer weniger zu werden. Mit den Jahren ward das Bäuchlein immer runder und das Haar immer spärlicher, und schließlich war er ein korpulenter, kahlköpfiger Mann, der sich an der Natur dadurch rächte, daß er beständig über seine eigene Trägheit und Korpulenz scherzte. Denn mit den Jahren machte seine Korpulenz ihn tatsächlich immer träger. Besonders viel Energie hatte er überhaupt nie besessen. Aber einen guten Vorrat von Lebensluft hatte er gehabt, und als er ein paar Jahre verheiratet war, nahm er seine frühere Gewohnheit des Reisens wieder auf, erst in Gesellschaft seiner Frau, dann allein. Er behauptete, es geschehe, um das Stillsitzen im Winter auszugleichen und dann natürlich „der Sprachen wegen“.

Wenn er im Herbst heimkam, war er meist ziemlich abgemagert. Er sah jünger aus, und in seinem ganzen Wesen lag etwas von dem früheren Schwerenöter. Aber wenn’s auf den Winter zuging, ward er wieder der Alte. Fast immer gutgelaunt wanderte er zur Schule und wieder zurück, gab seine Stunden, lebte sein Familienleben und ließ sich seine Mahlzeiten schmecken. Und wenn sich die Gelegenheit bot, konnte er ein Bonmot loslassen, über das alle Welt lachte, das die Frau des Adjunkts aber nie anhören konnte, ohne das heitere, rötliche Gesicht des Schwagers und seine fette, unförmliche Figur, die aussahen, als wären sie immer vollgepfropft mit gutem Essen, verstohlen und mit einem Gefühl der Verachtung zu betrachten.

„Wenn man schon nicht liegen kann -- dann wenigstens sitzen!“ hatte der Professor einmal gesagt, als irgend jemand ihm einen Stuhl anbot. Und das Wort war in der ganzen Stadt sprichwörtlich geworden.

„Wenn man nicht liegen kann -- dann wenigstens sitzen!“

Nichts war dem Professor Hallin in seiner Eigenschaft als Schulmann auch so peinlich, als das Frühaufstehen am Morgen. Und nie war er so schlechter Laune, als wenn er früh morgens, den Schlafrock um die rundliche Gestalt gezogen, eine Kerze in der Hand, sich aus dem Schlafzimmer in seine Stube verfügte, um sich anzukleiden und zur Schule zu gehen. Ganz besonders schlimm war es an den Tagen, an denen er um sieben Uhr zur Schule mußte und bis neun Uhr Stunde hatte. An solchen Tagen nahm er gleich nach dem Mittagessen seine Kaffeetasse mit sich auf sein Zimmer, und zwei Minuten nachdem er die Tür geschlossen hatte, hörte man aus dem sogenannten Studierzimmer derbe Nasenlaute, die den Bewohnern des Hauses unzweifelhaft mitteilten, daß der Professor der wohlverdienten Ruhe genoß. „Papa schläft!“ sagte dann Mama zu den kleinen, unbändigen Mädchen. Und die unbändigen kleinen Mädchen gingen auf den Zehen durchs Zimmer, und so oft ein Streit entstehen wollte, so oft jemand an einen Stuhl stieß oder unvorsichtig aufschrie, war sogleich eins der Kleinen bei der Hand, hob drohend den Finger auf und sagte flüsternd und feierlich: „Papa schläft! Schsch! Papa schläft!“

Und Mama, die im Sofa saß und nähte, sagte: „So ist’s recht! Denkt daran, daß Papa schläft! Der arme Papa! Er hat es so nötig! Arbeitet und plagt sich für uns alle!“

Und Fräulein Gabrielle, die verlobt war, flüsterte dem Bräutigam ins Ohr: „Axel, jetzt schläft Papa!“ Und ihre Augen, die wie kleine scharfe Nadeln glänzten, liebkosten mit einem Blick den weichen Leutnantsschnurrbart, der sich über vollen Lippen wölbte. Er schlang dann resigniert den Arm um ihre Taille, und sie schlichen heimlich in ihr kleines Mädchenstübchen. Der Leutnant setzte sich in das schmale Sofa, sie hüpfte auf sein Knie, und -- die Arme um seinen Hals geschlungen -- die Lippen auf seinen Mund gepreßt, flüsterte sie: „Papa schläft!“

Es ist nicht so unmöglich, daß der Leutnant Papa manchmal beneidete. Seine geliebte Gabrielle oder Gabby, wie er sie in zärtlichen Augenblicken nannte -- so hatte sich nämlich Gabrielle in den unschuldigen Kindheitstagen selber genannt -- hatte eine große Schwäche für Zärtlichkeiten. Ihrem Axel anderthalb Stunden lang auf dem Schoß zu sitzen, das hielt sie für etwas ganz Normales und Natürliches. Der Professor pflegte manchmal -- zum Entsetzen seiner Frau -- zu sagen, diese Art Vergnügen könne dem Leutnant unmöglich besonders angenehm sein. Für Gabrielle sei es ja etwas anderes. Für sie habe es doch mehr den Reiz der Neuheit.

Im übrigen genossen die Kinder des Professors Hallin in gewisser Beziehung recht reichlich die Vorteile, die die Kinder des Adjunkten entbehrten. Ihre Freiheit hatten sie, vielleicht mehr, als ihnen gut war, und ihre kindliche Freude wurde nur selten durch ungebührliche Eingriffe seitens der Eltern gestört.

Es kam ganz darauf an, wie der Tag gerade war.

Wenn zum Beispiel der kleine achtjährige Erik draußen auf dem Hof in jugendlichem Übermut eines von Mamas Kücken in einer Weise mißhandelt hatte, wie es die Natur des Tierchens eben nicht aushielt, und Papa Miene machte, dem Sohn eine gelinde Züchtigung zu verabfolgen, so konnte es geschehen, daß die Professorin sehr energisch dazwischentrat und mit einer Stimme, die vor Bewegung zitterte, sagte: „Abel! Und du willst ein Vater sein? Antworte mir, Abel! Du.. willst.. ein.. Vater.. sein?“

„Ja, Schatz,“ antwortete dann der Professor in liebenswürdigstem Ton. „Ich hoffe doch, mich darin nicht zu irren!“

„Abel!“ erwiderte die Professorin mit Aplomb, „ich verbitte mir derartige unanständige Illusionen!“ Die Professorin war keineswegs ganz zuverlässig in der Anwendung von Fremdwörtern.

„Wenn ich wäre wie du,“ fuhr sie fort, „so wäre ich vielleicht meiner Sache nicht so ganz sicher. Weißt du noch, warum Marie im Frühjahr vor einem Jahr weg mußte?“ Dies kam im Flüsterton, damit der kleine Erik es nicht hören sollte. „Freilich, +du+ weißt es nicht mehr. Aber ich weiß es noch. Und ich erlaube nicht, daß meine Kinder von ihrem unnatürlichen Vater mißhandelt werden! Ich bin die Mutter! Merk dir das: Und so lange ich lebe, sollen meine Kinder unter dem Schutz einer Mutter stehen! Wenn ich einmal tot bin, kannst du sie ja schlagen; ich weiß wohl, du wirst’s auch tun! Aber noch lebe ich!“ und die Professorin warf den Kopf in den Nacken mit einer Bewegung, die schlecht zu ihrem vorhergehenden Pathos stimmte.

Dann antwortete der Professor: „Ja, lieber Schatz, daran habe ich nie gezweifelt!“

Aber er war doch geschlagen, und Erik konnte Mamas Kücken in Ruhe weiter ins Jenseits befördern.

Ein andermal konnte es geschehen, daß es Erikchen gelungen war, ein Loch in die neuen Hosen zu reißen. Die Professorin hatte sich just in der Sofaecke zurechtgesetzt und hoffte, wenigstens fünf Minuten lang in Ruhe an ihrer weißen Decke weiterhäkeln zu können. Im selben Augenblick kommt Klein Erik ins Zimmer, und das wachsame Mutterauge entdeckt unten, wo der Kittel aufhört, einen Streifen nackter Haut, der neben etwas Weißem herausschimmert. Mit resignierter Miene legt sie ihre Arbeit hin und befiehlt dem Kleinen, näherzukommen. Der Junge, der nichts ahnt, kommt; weil aber im Gesicht der Mutter etwas Drohendes liegt, wird er bedenklich und beguckt sich verstohlen von oben bis unten. Immerhin geht er zur Mutter hin und pflanzt sich vor ihr auf.

„Dreh dich um!“ sagt die beleidigte Mutter mit ihrer feierlichsten Stimme.

Klein Erik beginnt zu ahnen, von welcher Seite die Gefahr droht; doch dreht er sich gehorsam um. Dann hört er, wie die Mutter hinter seinem Rücken die Hände zusammenschlägt; und unwillkürlich blickt er sich erschrocken um.

„Steh still, Junge!“ kommt es aus dem gefühlvollen Mutterherzen; und dabei packt sie ihn am Arm, daß die Gelenke krachen. „Kannst du nicht still stehen, damit ich nachsehen kann?“ Einen Augenblick lang verstummt sie, während ihre Finger den Riß untersuchen.

„Herrgott im Himmel! Und ganz neue Hosen! Hab ich dir nicht gesagt, du sollst nicht wie ein Wilder herumtollen? Wie oft hab ich dir’s nicht gesagt! Antworte, Junge!“

Klein Erik weiß nichts zu antworten. Er steht bloß und schweigt, blickt abwechselnd auf seine Mutter und schielt nach dem Ende seines Rückgrats, bis ihn die Mutter plötzlich von sich schiebt, zu ihres Mannes Zimmer hinüber geht, die Tür öffnet und ruft: „Abel, komm einmal her!“

Der Professor kommt, im Schlafrock, in der einen Hand eine Zigarre, in der anderen einen französischen Roman. Die Professorin packt den Missetäter am Schlafittich, zerrt ihn mitten ins Zimmer und kehrt sein Hinterteil dem Oberhaupt der Familie zu.

„Was sagst du dazu, Abel? Die neuen Hosen, die er gestern zum erstenmal angehabt hat!“

„Verwünscht noch Eins!“ sagt der Professor.

„Abel“, sagt die Professorin, „verschon mich mit deinem Fluchen in Gegenwart der Kinder. Ich dachte, du hättest denn doch was anderes zu sagen, wenn du siehst, wie dein Kind sich seiner Mutter gegenüber aufführt! Aber +du+ kümmerst dich natürlich um nichts! +Du+ brauchst sie ja nicht zu flicken. Herrgott, was das dir gut täte, wenn du auch nur ein einziges Mal seine Hosen flicken müßtest! Da würdest du dich schon drum kümmern, wenn er sie zerreißt!“

„Vielleicht kann er gar nichts dafür!“ sagt der Professor. „Man kann die Jungens ja doch nicht am Strick führen!“

Die Professorin schreitet majestätisch zum Sofa und setzt sich. „Erik“, sagt sie, „geh ins Kinderzimmer und sag Ida, sie soll dir die Samthosen anziehen. Die kannst du ja dann auch zerreißen, wenn du willst! Du hörst doch -- Papa sagt es ja. Jedenfalls bring mir die, die du jetzt anhast; vielleicht kann ich sie flicken, eh du die andern kaputt gerissen hast!“

Erik geht ab. Die Professorin sitzt mit gefalteten Händen im Sofa und wiegt sich hin und her.

„Glaubst du, daß dies die richtige Art ist mit den Kindern?“ fragt der Professor.

„Abel!“ antwortet die gekränkte Gattin. „Ich weiß ja wohl, was ich tue, ist überhaupt nie recht. Aber ich meine, ein bißchen energischer könntest du denn doch auftreten, wenn deine Kinder so wenig Rücksicht für ihre Mutter zeigen. Ich bin ja eine Null hier im Hause, Abel, das weiß ich wohl, wenn du auch das bißchen, was wir haben, mir zu verdanken hast! Und was aus meinen armen Kindern werden soll, wenn sie nicht einmal lernen sollen, was Zucht und Ordnung heißt, das weiß der liebe Gott. Und der weiß auch, wie schwer es eine arme Mutter hat, wenn sie die Sorge für die Erziehung der Kinder ganz allein tragen muß. Ich wollte bloß, ich könnte mehr leisten. Aber ich fühl’s, es zehrt an meiner Kraft, und ich kann nur jeden Abend zu Gott beten, Abel, daß dir nicht noch einmal die Reue kommt, wenn es zu spät ist!“

Die Professorin weint und der Professor geht auf sein Zimmer und macht die Tür hinter sich zu.

Wenn die Kinder Streit haben, schreit wohl manchmal eins in überquellender gerechter Entrüstung: „Wart du nur, ich sag’s der Mama!“

Aber die Drohung hat keine besondere Wirkung. Das andere antwortet bloß: „Ach was, die Mama!“

So ganz unmöglich ist es nicht, daß die Frau Adjunkt am Ende doch recht haben könnte, wenn sie sagt: „Was ich besonders mißbillige an Aurora ist ihre Art mit ihren Kindern. Sie sind von einer Eigenwilligkeit, daß einem wild und weh wird vom bloßen Mitansehen. Wenn das nur gut geht!“

Einmal aber war der Konflikt zwischen den Ehegatten doch schärfer als gewöhnlich. Das war, als Gabrielle heim kam, und den Eltern mitteilte, Leutnant Hagelin habe ihr einen Antrag gemacht.

Der Professor fragte bloß: „Hast du ihn lieb?“

Und Gabrielle antwortete: „Ich weiß nicht, Papa. Aber ich glaube.“

Sie wurde auf ihr Zimmer geschickt, und die Ehegatten blieben allein zurück.

Nun lag aber die Sache so: die Professorin war schon längst darauf bedacht gewesen, ihre erste Mutterpflicht zu erfüllen, das heißt, für ihre unerfahrene Tochter einen Mann auszuwählen. Leutnant Hagelin, der finanziell sehr schlecht stand, und der gehört hatte, daß, wer die Tochter haben will, der Mutter den Hof machen muß, hatte in seinem Verkehr mit der Professorin diese goldene Regel nach Kräften befolgt. Die Folge davon war, daß der Leutnant, nach einer kurzen Debatte zwischen der Professorin und ihrem Mann, der den Leutnant nicht ausstehen konnte, zum Abendbrot zu Hallins eingeladen wurde, und nach ein paar Wochen bei den Eltern um Gabrielle anhielt.

Als nun die Gatten allein waren, um zu beraten, faßte sich der Professor ein Herz, warf seiner besseren Hälfte in scharfen Worten vor, sie habe den Leutnant ins Haus gezogen, und gab dazu eine auf Tatsachen begründete Schilderung seines Charakters, die mit Leichtsinn begann und mit der Geldheirat schloß.

Die Professorin schlug nur die Augen nieder und sagte: „Sag mal aufrichtig, lieber Abel, hättest du mich geheiratet, wenn ich kein Geld gehabt hätte?“

Auf dies blieb der Professor die Antwort schuldig; und die Professorin fuhr im selben weichen Ton fort: „Siehst du, lieber Abel! Eine Ehe kann glücklich werden, auch wenn die Frau Geld hat und der Mann keins. Oder ist unsere Ehe etwa nicht glücklich gewesen?“

Doch, natürlich war sie glücklich gewesen. Das konnte der Professor unmöglich leugnen. So stand denn seine Frau auf, schlang ihre Arme um seinen Hals und sagte mit Tränen in den Augen: „Du wirst es doch unserer geliebten Gabby nicht mißgönnen wollen, daß sie gerade so glücklich wird, wie ihre Mutter!“ Nein, das konnte der Professor ihr nicht mißgönnen, und so kriegte Gabrielle ihren Leutnant. Der Leutnant kam täglich ins Haus, Gabrielle war überglücklich, und die Schwiegermama schwebte im siebenten Himmel. Nur die kleinen Schwestern ärgerten die große Schwester ab und zu und störten sie, wenn sie allein sein wollte.

Und Papa konnte manchmal in seiner brutalen Art vor sich hinfluchen und sagen: „Pfui Teufel, was ist das ekelhaft, dies ewige Geschleck immer mit ansehen zu müssen!“

Siebentes Kapitel

Die Sonne schien durchs Wohnzimmerfenster; ihre Strahlen glitzerten zwischen den Nippes auf der Etagere. Es waren ihre allerletzten Strahlen, die hereinguckten und Abschied nahmen. Denn es war schon vier Uhr Nachmittag; binnen kurzem würde Dämmerung sich über die kleine Stadt senken, um Fünf war es dunkel; dann brannte die Lampe auf dem Tisch und sammelte alle Glieder der Familie um den Ehrengast des Tages. Denn um zwei Uhr heute war Ernst heimgekommen, und obgleich nur ein Jahr verflossen war, seit er zuletzt zuhause gewesen, hatten sie doch alle ein Gefühl, als hätte man sich lange, lange nicht mehr gesehen.

Die Familie war um den Sofatisch im Wohnzimmer versammelt. Die Kaffeemaschine blitzte, blank und frisch geputzt; und der Adjunkt ging heiter und geschäftig eben selber ins Eßzimmer, um vom Buffet die Kognakflasche und Gläser zu holen.

Der junge Theologe war den Seinen fast ein bißchen fremd geworden. Er war unruhig, als quäle es ihn die ganze Zeit über, daß er nichts zu sagen hatte. Unter einer rahmenlosen Brille glänzten ein Paar große, etwas matte Augen hervor, die einen nach innen gekehrten, aber doch nicht abwesenden Blick hatten; unter den Augen lagen dunkle Schatten, die ihnen einen Ausdruck von Müdigkeit gaben. Die Stirn war weiß und wohlgeformt; vom Scheitel, der mitten über den Kopf lief, fiel das braune Haar schlicht und glatt zu beiden Seiten nieder. Jetzt eben hatten seine Augen etwas Forschendes, als läge hinter allem, was er tat oder sagte, der Gedanke: Wie hat das Leben sich hier gestaltet, solange ich fort war? Wie hat diese Zwischenzeit sie verändert?

Ein ganzes Jahr lang war er nicht daheim gewesen. Und damals hatte sein Besuch bloß ein paar Tage gedauert. Es war nicht anders möglich, als daß er sich ein klein bißchen fremd fühlte unter diesen Menschen, die für ihn die nächsten waren. Selma war alt geworden, fand er -- auf dem besten Weg zur alten Jungfer. Gustaf war gewachsen und sah manchmal sogar ganz männlich aus. Seine Flegelei war eigentlich nur noch eine Maske, die er vornahm, weil man an sie gewöhnt war und sie sozusagen von ihm erwartete. Der Vater hatte ein paar graue Haare mehr und ging vielleicht ein bißchen mehr gebückt. Aber die Mutter! In ihre Züge war etwas Scharfes gekommen, das Ernst früher nie bemerkt hatte.

Er saß neben der Mutter, und ein paarmal beugte er sich vor und streichelte wie in Gedanken ihre Hand. Und jedesmal merkte er, wie sie, ängstlich und voll Furcht, daß man es bemerke könnte, in seinen Zügen forschte.

„Na also, erzählt doch ein bißchen!“ sagte Ernst schließlich. „Wie ist es euch ergangen im letzten Jahr? Sagt doch was!“ Frau Hallin lächelte.

„Eigentlich ist das Erzählen an dir!“ meinte sie. „Du kommst aus der großen Welt, in der sich alles mögliche ereignet. Hast viel gesehen und viel gehört. Hier passiert nichts. Du weißt ja, wie es hier ist. Vater hat seine Arbeit, und Selma auch, und Gustaf auch, und ich hab auch meine Arbeit -- drunten in der Küche und mit euren zerrissenen Kleidern. Hier ist nichts passiert, seit Gabrielle sich verlobt hat. Das war gerade vor Weihnachten.“

Ernst verzog den Mund. Ein humorvoller Zug kam in sein Gesicht. „Na, ist sie immer gleich befriedigt von ihrem Leutnant?“ Der Adjunkt lachte, und Gustaf stieß einen kurzen Laut aus, der den allerhöchsten Grad von Ekel und Verachtung ausdrücken sollte. Aber Frau Hallin nahm mit ungewöhnlichem Eifer das Wort: „Ja, freilich, es ist auch heut noch dasselbe Getue mit dem Leutnant. Weißt du, ich glaube, eigentlich ist es Mama Aurora, die in ihn verliebt ist, und nicht Gabrielle. Sie küssen sich ja freilich reichlich viel. Aber schließlich kriegt man auch das satt. Du sollst bloß Aurora sehen! Wie die vor ihm scherwenzelt und dienert! Ganz extra gekocht wird, wenn diese Perle zum Essen da ist, und wenn er nicht genug ißt, so vergießt Aurora fast Tränen. Äh! der versoffene Kerl! Er sieht aus, als müßte er jeden Augenblick bersten vor Fett!“ Sie schwieg einen Augenblick und fuhr dann, als wäre ihr plötzlich etwas eingefallen, fort: „Aber was wissen wir Menschen? Wenn es Gottes Wille ist, so kann auch dies ihnen zum Besten dienen.“

Verstohlen blickte sie nach Ernst hin, wie um seine Gedanken zu erraten. Der aber sah fort und schien ihre letzte Äußerung gar nicht gehört zu haben.

Gustaf ergriff sein Kognakglas und hielt es dem Adjunkten zum Füllen hin.

„Nein, Junge -- zwei Kognaks zum Kaffee -- das gibt’s nicht vor Maturitas!“ lachte der Adjunkt.

Gustaf stellte das Glas auf den Tisch und setzte eine gleichgiltige Miene auf.

„Wenn das Geschleck nicht wäre, möcht ich ganz gern an des Leutnants Stelle sein“, bemerkte er.