Part 3
Die Tür ging auf und Gustaf trat ein. Er legte beide Hände auf den Stuhlrücken, verbeugte sich mit einem hastigen Kopfnicken, zog den Stuhl zurück und setzte sich, zugleich mit einer raschen Bewegung die Serviette über die Knie legend. Die Mutter schüttelte den Kopf und bestrafte ihn für das zu kurze Tischgebet mit einem vorwurfsvollen Blick, der Gustaf herzlich amüsierte. „Ach so, heut gibt’s wieder Fleischklöße!“ bemerkte er. Der Adjunkt war nach und nach in etwas bessere Laune gekommen. Das Appetit-Gläschen und das warme Essen hatten ihn aufgetaut, und er war eben im Begriff, etwas Lustiges von der Schule zu erzählen, was er stets im Vorrat hatte, als Gustaf sich unglücklicherweise über die Fleischklöße ausließ. Augenblicklich kamen ihm wieder die fünfzig Kronen in den Sinn, diese verwünschten fünfzig Kronen, und durch eine nicht ganz klare Ideenverbindung kam ihm dann der Gedanke, wie unzufrieden doch Kinder mit allem wären, wie ihre armen Eltern arbeiteten und sich abrackerten, und die Kinder dann das Essen bekrittelten, das die Eltern mit Mühe und Schweiß für sie erarbeitet hatten. All das sagte er auch dem Sohn, in einem väterlich-ermahnenden Ton, der den ganzen Tisch zum Schweigen brachte, aber mit einer Logik, die ein Lächeln auf des Sohnes Gesicht hervorrief.
Als der Vater geendet hatte, bemerkte Gustaf, den die Schwester vermittels Zublinseln und Grimassen vergeblich zum Schweigen zu bringen suchte: „Ich versteh nicht, was du willst, Papa. Ich hab ja doch sechs Fleischklöße auf meinem Teller!“
Selma lachte hell auf. Sie mochte den Vater gewiß nicht gern reizen, wenn er über irgend etwas ärgerlich war, und das Gezänke bei Tisch war ihr gradezu verhaßt. Aber sie konnte nicht anders. Es war ihr unmöglich, ihren Ernst zu bewahren; und so lachte sie laut auf. Die Mutter versuchte vergeblich, mit ein paar beruhigenden Worten den Sturm abzulenken. Der Adjunkt war böse und es war ihm ein Bedürfnis, die andern durch seine üble Laune herabzustimmen, -- ein Bedürfnis, das allen Menschen eigentümlich ist, die von täglichen kleinen Widerwärtigkeiten heimgesucht werden.
„Ich kann mir nicht helfen,“ brach er los, „aber es macht mir nun einmal zum mindesten einen traurigen Eindruck, wenn meine Kinder es so offenbar an Respekt mir gegenüber fehlen lassen! Daß Selma ihren Bruder noch unterstützt, wenn er sich schlecht aufführt, das hatte ich nicht erwartet; daß Gustaf gradezu unverantwortlich dreinhaut, das ist ja freilich nichts Neues.“ Gustaf sah schweigend vor sich nieder, um seinen Gesichtsausdruck zu verbergen, und murmelte etwas vor sich hin, was er nicht laut zu sagen wagte. Er wollte kein weiteres Gezänke. Im stillen grübelte er darüber nach, ob er nun Schelte gekriegt hatte, weil er die Fleischklöße bekrittelt oder weil er zu viel davon genommen hatte. Und er gelobte sich im stillen, wenn das nächste Gericht käme, würde er das mit einer so abgezirkelten Mäßigkeit genießen, daß es dem Adjunkten in der Seele weh tun müsse!
Inzwischen entkorkte der Adjunkt die Bierflasche und schenkte sich ein Glas voll ein. Den Rest ließ er für Selma und Gustaf übrig. Diese Sparsamkeit war etwas, was Gustaf tief verachtete; er leerte gewöhnlich sein Glas mit scherzhafter Anstrengung und stieß nachher ein langgezogenes „Ah“! aus, als wolle er andeuten, daß es seine schwachen Kräfte übersteige. Heute begnügte er sich damit, das Bierglas so hastig zu leeren, als wäre es nur ein Fingerhut voll. Eh er es niedersetzte, guckte er ernsthaft hinein, wie um nachzusehen, ob nicht noch etwas drin sei.
Frau Hallin, die den Frieden wiederherstellen wollte, hatte inzwischen begonnen, von Ernsts Heimkehr zu sprechen. Sie fragte den Adjunkten, ob er schon daran gedacht hätte, wo Ernst wohnen solle. Sollte er in des Vaters Stube schlafen? Oder sollte man nachts eine eiserne Bettstelle im Wohnzimmer aufschlagen? Aber der Adjunkt machte bloß eine abwehrende Handbewegung und sagte: „Frag doch +mich+ nicht! +Ich+ hab doch nichts zu sagen hier im Haus!“
Nach und nach taute er aber doch ein bißchen auf. Ein Wort gab das andere; man sprach davon, wie es werden würde, wenn Ernst heimkam; man war neugierig, ob er wohl ein gutes Zeugnis mitbringen würde, ob er recht mager wäre vom vielen Studieren usw. Selma mischte sich sehr lebhaft ins Gespräch und schwatzte mit. Frau Hallin wurde ernsthaft, als das Gespräch auf den Sohn kam.
„Wann glaubst du, daß die Ordination ist?“ fragte sie ihren Mann.
Jedoch der Adjunkt war noch immer schlechter Laune. „Das ist noch nicht bestimmt“, sagte er und machte eine abweisende Handbewegung.
Aber das Gespräch war doch nach und nach lebhaft und allgemein geworden. Die Frage, wo Ernst wohnen sollte, ward eifrig erörtert. Der Vater bestand darauf, er solle im Wohnzimmer schlafen. Die Mutter erklärte sehr bestimmt, er müsse in des Vaters Zimmer schlafen; und die Geschwister stimmten ihr bei. Er mußte sich doch auf die Probepredigt und so allerlei ähnliches vorbereiten. Da konnte er ungestört arbeiten, die ganzen Nachmittage lang, solange der Adjunkt in der Schule war. Während des Gesprächs war eine friedlichere Stimmung entstanden. Der Adjunkt gab in der Frage um das Zimmer nach und begnügte sich damit, noch einmal die Besorgnis auszusprechen, es möchte doch zu umständlich sein. Frau Hallin drang eifrig darauf, daß jeder auch seine Arbeit möglichst im voraus tun sollte, damit man, wenn Ernst heimkam, ein bißchen frei wäre. Sie würde backen und noch einmal Weihnachtsbier machen. Ernst tat ihr so leid. Er hatte natürlich in Upsala kein Weihnachtsbier bekommen! Selma erklärte, sie würde sich diese Woche tüchtig hinter ihre Hefte setzen, damit sie dann frei wäre. Gustaf schwieg und sah verärgert aus. Nur als vom Weihnachtsbier die Rede war, flog ein Ausdruck der Zufriedenheit über seine Züge. Wenn es Weihnachtsbier gab -- das wußte er -- so brauchte er wenigstens nicht von den Resten aus Vaters Bierflasche zu leben!
Jetzt nahm Frau Hallin selber die Teller ab, und als sie mit dem zweiten Gericht hereinkam, leuchteten Gustafs Augen ganz merkwürdig auf. Mit triumphierender Miene packte er seinen Löffel und sah dabei ganz kannibalisch aus. Denn es gab Apfelgrütze, warme, süße, frische Apfelgrütze mit kalter Milch; das war das Lieblingsgericht der ganzen Familie. Alle nahmen sie sich große Portionen, und als Gustaf an die Reihe kam --, nun er hätte sicher neue Vorwürfe vom Adjunkten geerntet, wenn er selber nicht sich mindestens ebensoviel auf den Teller geschöpft hätte! Und eine lange Weile hörte man nichts als schmatzende Zungen, kratzende Löffel und gurgelnde Milch.
Das Dankgebet nach Tisch ward sehr viel fröhlicher gebetet, und als Gustaf dem Vater nach Tisch dankte, klopfte ihm der Adjunkt versöhnlich auf die Achsel, ohne daß der Sohn auch nur ein Wort zu sagen brauchte. Dann trank man im Wohnzimmer Kaffee, und der Adjunkt erzählte dort seine Schulgeschichten, die er während des Mittagessens hatte verschlucken müssen.
Eine Weile später war der Adjunkt auf seine Stube gegangen. Ein Stündchen lag er auf dem Sofa und ruhte aus -- die Zeitung auf dem Bauch. Dann saß er am Schreibtisch, und die Feder machte rote Bogen und Striche und wütete in falschen Lateinsätzen, während er selber seinen alten Cavallin im Verein mit Georges um Rat fragte. Und auf ihrem Stübchen saß Selma und tat dasselbe mit ihren französischen Aufgabeheften. Gustaf hatte sein Zimmer oben unterm Dach, eine Treppe hoch, dem des Vaters gegenüber. Es war ein kleines Zimmerchen, eigentlich nur ein Verschlag. Da saß er in seinem Schaukelstuhl und dampfte aus einer langen Pfeife, während er seine etwas geteilte Aufmerksamkeit der Repetition der griechischen Verben auf μι widmete.
Und in der Wohnstube drunten saß Frau Hallin und nähte bei der Lampe. Die Stunden verrannen; es schlug acht Uhr; und der Teetisch versammelte die zerstreuten Glieder der arbeitenden Familie wieder um sich.
Viertes Kapitel
Am folgenden Tag ging der Adjunkt zehn Minuten früher als sonst zur Schule. Er wollte gern seinen Freund Bruhn sprechen, eh die andern kamen. Von ihm konnte er ganz gewiß die fünfzig Kronen entlehnen. Bruhn war Professor und Junggesell, lebte sehr zurückgezogen und hatte stets Gelder auf der Bank, die er im Winter zusammensparte, um im Sommer reisen zu können.
Aber als der Adjunkt ins Lehrerzimmer kam, war es leer; kein Bruhn war zu sehen.
Es war kühl in dem großen Raum; das kalte Licht der Gasflammen brach sich gegen den flackernden Schein des Kachelofens. Der große Tisch mit den hochlehnigen Sesseln darum erstreckte sich durch die ganze Länge des Zimmers und gab ihm das Aussehen eines Gerichtssaals, während die Karten, die an den Wänden hingen, und die Schränke zwischen den Fenstern bezeugten, daß hier die Götter der Weisheit und Gelehrsamkeit das Szepter führten.
Der Adjunkt trat zum Ofen und wärmte sich die Hände. Dann lauschte er eifrig. Sie fingen doch nicht schon mit Orgelspielen an droben? Dann sangen sie ihren Choral, und die Morgenandacht war aus. Und dann kamen sie, einer nach dem andern, der Rektor, die Professoren, die jungen, unverheirateten Lehrer, die natürlich nicht zu begreifen vermochten, daß ein alter, verheirateter Mensch Sorgen haben konnte! Die Jungens würden nach Karten und physikalischem oder anatomischem Lehrmaterial aus- und einlaufen. Vor der Pause würde er Bruhn dann nicht mehr treffen. Und nachher kam so leicht etwas dazwischen.
Die Tür ging auf; zwei junge Lehrer traten ein. Der eine war ein kleiner, energischer Mann mit funkelnden, hellblauen Augen und einem scharfen Zug um den Mund. Er war stellvertretender Lehrer in Schwedisch und Latein. Der andere hieß Ephraim Simonson. Auch er war klein von Wuchs. Etwas Raubvogelhaftes lag in seinem Gesicht, seine Augen waren klein und beweglich und rasch und liefen eifrig hin und her, als beobachte er stets. Unten an dem spitzigen Kinn hing ein flachsfarbener Bart, und um das ganze Gesicht lief ein Rahmen dünnen Haars von derselben Farbe wie der Bart. Die Nase war schmal und gebogen und wölbte sich über ein paar dünnen Lippen, die, wenn er schwieg, sehr fest zusammengepreßt waren, sich aber, wenn er redete, rasch, mit eigentümlichem kurzem Schnalzen öffneten, während die Augen dann einen scharfen, stechenden Ausdruck erhielten. Er war Theologe und außerordentlicher Lehrer an der Schule; sein Fach war Religion.
Als der Adjunkt die beiden erblickte, bewölkte sich sein Gesicht und er machte eine ungeduldige Bewegung mit den Schultern. Aber Simonson war ein Studienkamerad von Ernst, und den andern mochte er ganz gern wegen seines jugendlichen Wesens und seiner frischen Upsalageschichten. Er konnte nichts anderes machen, als freundlich grüßen. Die Herren schüttelten einander die Hand, und Simonson sagte etwas vom Wetter. Der Adjunkt bemerkte, es sei kalt im Lehrerzimmer, und so sei es gewesen in all den achtzehn Jahren, seit er hier wäre. Der Stellvertretende stand schweigend da und führte ein paarmal die Hand zum Munde, um das Gähnen zu verbergen.
Jetzt kam Bruhn. Er war ein großer, breitschultriger Mann, von einem Äußern, das unwillkürlich die Aufmerksamkeit auf sich zog. Sein Gesicht war ganz durchfurcht von Linien, er war kahl, aber der nackte Teil seines Kopfes sah aus, als wäre er nur eine Fortsetzung der Stirn, und mitten auf der Stirn war eine große, unförmliche Beule, die im Verein mit den tiefliegenden Augen und starken Augenbrauen dem ganzen Gesicht ein Gepräge kolossaler Gedankenkraft gaben, einer Kraft, die sicher und fest verschlossen war. Das ganze Äußere war höchst ungepflegt. Über einer abgetragenen Weste, die bedenklich ins Grüne spielte, hing ein zottiger, graugesprenkelter Bart, in dem sich sehr deutlich Schnupftabaksreste bemerkbar machten. Der Rock war an den Nähten sehr verschossen, ein paar Knöpfe waren, wie es schien, gewaltsam abgerissen, und unten an den Hosen hatten die großen, schiefgetretenen Stiefel einen ganzen Saum von Wollfäden ausgefranst, die um ihn her hingen und schleiften.
Nachdem er ins Zimmer getreten war, zog er mit einer eckigen Bewegung den Überzieher aus und hängte -- oder schmiß -- ihn auf den Kleiderständer, warf dann den Hut mit einem Klatsch auf einen Sessel und nickte den Anwesenden zu, ohne ihnen die Hand zu geben. Pastor Simonson machte eine Grimasse, sobald er den Professor erblickte. Der Ankömmling ging zum Ofen, spreizte die Beine und stellte sich mit dem Rücken gegen das Feuer. Die Hände hatte er in die Hosentaschen gesteckt; den einen Rockschoß hielt er unterm Arm. Als er eine Weile so dagestanden hatte, zog er eine silberne Schnupftabaksdose heraus und schnupfte geräuschvoll, daß der Tabak in langen Streifen über Bart und Weste rann. Worauf er wieder seine Lieblingsstellung einnahm.
„Hat jemand von den Herren gestern die Zeitung gelesen?“ bemerkte er schließlich. „Ich möchte wohl wissen, +ob’s+ in Rußland irgendwas Neues gibt!“
Der Stellvertretende hatte die Zeitung gelesen und belehrte ihn, daß nichts darin stünde.
„So, also lebt er noch!“ sagte der Professor und wechselte die Füße vor dem Feuer. „Es interessiert mich, das Land!“ Eine Weile war es still im Zimmer. Niemand schien so früh am Morgen Sinn für Politik zu haben.
Plötzlich hörte man vom Oberstock her den singenden, eintönigen Laut der Orgel; er ward stärker und stärker, spann sich zum Akkord, zu kunstvollen Läufen aus und endete in einem Choral, in den die schrillen Stimmen der Kleinen bis zu den rauhen Mutationsstimmen der Großen energisch einstimmten.
Professor Bruhn machte eine sonderbare Bewegung mit Körper und Gesicht, die aussah wie eine einzige große Grimasse.
„Satansmusik!“ äußerte er.
Der Adjunkt Hallin warf dem Kollegen -- der beiden jungen Lehrer wegen -- einen warnenden Blick zu. Pastor Simonson mißbilligte durch seine ganze Haltung, seinen ganzen Gesichtsausdruck die unpassende Äußerung; der andere Lehrer schien es komisch zu finden; man sah es seinem Gesicht an, wie er sich über den wunderlichen Kauz am Kachelofen amüsierte.
Professor Bruhn kümmerte sich keineswegs um die Warnung, die im Blick des Adjunkten lag; ruhig fuhr er in seinen Bemerkungen fort.
„Eine Satansmusik! sag ich! Ist’s etwa ein Verbrechen, wenn man das sagt? Ist vielleicht die Orgel, die da droben in dem alten Saal steht, und vor der Petterson sitzt und aus Haeffners Choralbuch spielt, so was ganz besonders Heiliges? Spielt man vielleicht jetzt Gottes Wort? Und wird es etwa heiliger darum, daß die Jungens hinter ihren Choralbüchern dazu grinsen?“
Pastor Simonsons Nasenflügel bebten. Er hegte eine Antipathie gegen Bruhn; denn er ahnte instinktiv in ihm den Gegner und hielt ihn außerdem für roh und ungeschliffen. Auch führte er lieber selber das Wort.
„Für mich“, sagte er, „hat der Ton der Orgel immer etwas Ehrwürdiges, auch wenn man sich -- in künstlerischer Hinsicht -- eine vollendetere Ausführung vorstellen könnte.“
Professor Bruhn schneuzte sich.
„O!“ sagte er ruhig. „Das ist ja eine sehr interessante Erklärung!“
Der junge Lehrer lachte laut auf, und Pastor Simonson sah aus, als ertrage er mit christlicher Geduld eine unerhörte Verunglimpfung.
Plötzlich verstummte die Orgel oben. Eine kleine Weile herrschte Schweigen.
„Glauben Sie, daß die Jungens jetzt beten, Herr Pastor? Wenn sie auch ihre Choralbücher unter der Nase haben?“ fragte Professor Bruhn und nahm eine gewaltige Prise.
„Ja“, erwiderte der junge Pastor mit einer Stimme, die vor Verdruß bebte. „Ich +möchte+ es zum mindesten glauben.“
„Ach so“! sagte Professor Bruhn. „Na -- ich nicht!“
Inzwischen hörte man von droben das Scharren von Bänken, die zur Seite geschoben, das Trampeln von Füßen, die ungeduldig ausgestreckt wurden und den Boden stampften. Man hörte, wie die großen Doppeltüren aufgerissen wurden, hörte den taktfesten Schritt der kleinen Füße der unteren Klassen, der immer ungeregelter wird. Eine heitere Knabenstimme drang ab und zu ins Lehrerzimmer, ein helles Lachen, das durch den Korridor klang und ein Echo weckte. Mehr wurden es, immer mehr, und als sich schließlich noch der feste Schritt der älteren Jungens mit dem der Kleinen mischte, da ging bald alles über in ein unordentliches, wirres Geräusch von Stimmen, Trampeln, Lachen, Schreien, Gedränge, Gepuffe, Türzuwerfen. Als die Schar am Lehrerzimmer vorbeikam, ward es stiller, aber als sie an der gefahrvollen Stelle vorüber waren, nahm der Lärm wieder zu. Und durch all das Unwesen hörte man die Stimme des Religionslehrers, der an der Treppe mit seinem Stock aufs Geländer schlug und rief: „Wollt ihr wohl Ordnung halten, ihr da drunten!“
Und während all des Unwesens stand der Professor Bruhn und lachte in sich hinein, ein glucksendes, sarkastisches Lachen, als wollte er sagen: jetzt nehmen sie wieder Schaden an ihrer Seele -- nach all dem Gebet und Choralsingen!
Pastor Simonson merkte das freilich nicht. Er hatte Professor Bruhn den Rücken zugewandt und redete mit ein paar älteren Lehrern, die inzwischen gekommen waren.
Es war mittlerweile fünf Minuten über Sieben geworden; alle machten sich fertig, in ihre Klassenzimmer zu gehen. Der Religionslehrer kam pustend vor Zufriedenheit ins Lehrerzimmer. Fünf Schüler aus den obersten Klassen hatte er entdeckt, die beim Beten gefehlt hatten. Derartige Beweise von Scharfsinn bildeten seinen Stolz und seine Freude im Leben. Er wußte die ganze Liste auswendig, und während einer von den älteren Schülern das Gebet las, stand er, den Hut vor den Augen, und rechnete die ganze Zeit über nach, ob auch alle da wären. Da es in der Schule etwa zweihundert Schüler gab, mußte er wohl oder übel eine gewisse Fertigkeit im Rechnen entwickeln. Er lernte auch täglich seine Aufgabe besser, und es war sein höchster Ehrgeiz, daß er die ganze Schule, die Kleinsten mitinbegriffen, inspizieren konnte, eh das Frühgebet zu Ende war. Die Abwesenden behielt er treulich im Gedächtnis, und nach beendeter Andacht ging er stets in die Klassenzimmer, aus denen ein Unglücksvogel gefehlt hatte, schnüffelte mit seiner langen Nase herum und fragte den Delinquenten wohlwollend: „Wo warst du denn heute?“ Der Angeredete versuchte dann immer, beschämt auszusehen; aber es glückte nur selten. Denn die ganze Schule wußte, welch einen Genuß diese Inquisitionsbesuche dem Professor Kumlander bereiteten. Heute war er ganz besonders zufrieden. Er hatte fünfe erwischt, von denen einer bis jetzt noch nie zu spät gekommen war, und mit dem alten Norbeck in der Tasche schlurfte er zufrieden und krummbucklig davon, um in der Siebenten seine Stunde zu geben.
Adjunkt Hallin war der einzige, der es nicht besonders eilig hatte. Sonst war er immer einer von den ersten, die in ihre Klasse gingen. Heute aber saß er ganz eigensinnig da und guckte in ein Exemplar des Cavallinschen Lexikons. Er wartete darauf, daß Professor Bruhn sich auf den Weg machen sollte, damit er eine Gelegenheit erwischte, mit ihm zu reden. Aber der Professor hatte es auch gar nicht eilig; er stand noch immer vor dem Ofen und wärmte sich; und Adjunkt Hallin wurde nachgerade nervös. Denn der Rektor war keineswegs liebenswürdig, wenn er merkte, daß die Lehrer die Zeit für die Stunden nicht pünktlich einhielten.
Dennoch -- er mußte sich die Geschichte vom Hals schaffen. Er seufzte tief auf und sah einen Augenblick lang aus, wie ein ganz alter, lebensmüder Mann. Aber er blieb sitzen und wartete, bis die letzten fort waren. Und noch immer stand der Professor in derselben Stellung am Kachelofen. „Daß er sich auch hat mit dem verwünschten Pastor zanken müssen!“ dachte der Adjunkt. „Jetzt ist er natürlich schlechter Laune!“
„Gehst du nicht in deine Klasse?“ sagte er laut. Es wurde ihm immer schwer, eine derartige Angelegenheit einzuleiten.
„Meine verdammte Lauffrau hat mich eine Stunde zu früh geweckt! Schließlich kann ich ja grad so gut hier philosophieren, wie anderswo!“ lautete die Antwort.
Und Bruhn machte eine ungeduldige Bewegung mit den Achseln und warf den Kopf herum.
Adjunkt Hallin saß eine Weile ganz still da und blätterte im Cavallin. Es wurde doch mit jedem Jahre schwerer, um Geld zu bitten, wenn auch manche behaupteten, der Anfang wäre das schlimmste. Schließlich legte er das Buch weg, erhob sich und sagte mit gedämpfter Stimme, als wolle er eine lange Einleitung machen: „Ich möchte dich um einen Gefallen bitten.“
Professor Bruhn ließ den Rockschoß fallen und holte die Schnupftabaksdose heraus, die er von nun an unaufhörlich zwischen den Fingern drehte.
„So!“ sagte er. „Und was denn?“
„Weihnachten hat recht viel gekostet heuer.... Und in ein paar Tagen kommt Ernst heim.... Am ersten habe ich die Miete bezahlen müssen.... Ich hätt’ mich ja ganz gut einrichten können.... aber es kamen unerwartete Ausgaben.... könntest du mir fünfzig Kronen leihen bis zum nächsten Quartal?“
Der erste Teil der Rede ward langsam, in eigentümlich scharfem Ton, leise und mit beinah zitternder Stimme gesprochen. Der letzte Satz dagegen kam heftig und überstürzt heraus, ungefähr, wie wenn man eine schlechtschmeckende Arznei nimmt.
Professor Bruhns Gesichtsausdruck veränderte sich ganz plötzlich. Er brach in ein gutmütiges, geräuschvolles Lachen aus und machte die fürchterlichsten Grimassen, während die Schnupftabaksdose wie ein Ball in seinen Händen tanzte.
„Bist +du+ ein verdammt komischer Kerl, Hallin!“ sagte er. „Gehst wie die Katze um den heißen Brei herum und mühst dich ab und schwitzst, wegen fünfzig Kronen! Selbstverständlich kannst du sie haben; mir liegen sie ja bloß da. Ich geh gleich und hole sie; dann hast du sie in der Pause.“
Und Professor Bruhn lachte immer lauter vor seinem Kachelofen, trampelte mit beiden Füßen auf den Boden, wand sich aus purer guter Laune und wiederholte in einem fort: „So ein komischer Kauz! Fünfzig Kronen! Hahaha! Das kommt davon, wenn man verheiratet ist! Jawohl!“ Und dabei sah er aus, wie ein vergnügter Tanzbär.
Adjunkt Hallin fühlte sich plötzlich wie ein ganz anderer Mensch. Er war froh, daß es so leicht und gut abgelaufen war. Er hatte seine fünfzig Kronen und war wieder ein freier Mann. Und er lachte und schüttelte Bruhn freundschaftlich am Arm.
„Dank dir, Kamerad“, sagte er. „Aber sag, warum warst du denn gegen unsern jungen Kollegen, den Pastor, so ausfällig?“
Professor Bruhn hielt plötzlich mitten in seiner Frohlaune inne; sein Gesicht sah auf einmal ganz anders aus. Die Augen hatten einen fast grimmigen Ausdruck und er schlug mit der rechten Hand in die Luft, daß man fürchten mußte, der Arm würde aus dem Schulterblatt gehen.
„Kollege!“ sagte er. „Meinst du, so einen jungen Hund nehm’ ich als Kollegen? Noch vor fünf Jahren war er mein Schüler. Er taugte nichts, verstand nichts, wußte nichts. Dann ist er fünf Jahre lang in Upsala gewesen und hat es zu einem jämmerlichen Examen gebracht. Und dann kommt er hierher und legt los, als hätt’ er mittlerweile alle Weisheit der Welt mit Löffeln gefressen! Meinethalben -- ich gönn ihm ja seinen Glauben! Mag er ein Idiot sein -- meinethalben! Aber aus +meinem+ Bereich soll er wegbleiben. Hab ich nicht recht? War die Musik nicht unter der Kanone? Na also, warum braucht er mit mir anzubändeln? Kann ich dafür?“
Professor Bruhn war keineswegs gut auf Pfarrer zu sprechen und versagte es sich im allgemeinen nicht, seiner Antipathie sehr freien Lauf zu lassen. Besonders wenn er ärgerlich war bediente er sich einer fast affektierten, regelrechten und grammatikalischen Redeweise, die ihm gleichsam zur zweiten Natur geworden war. Diese Redeweise klang um so komischer, als er sie immer mit den kräftigsten Flüchen vermischte. Er redete heftig und lange und ging schließlich zu einem stillen, inwendigen Gebrumm über.
Der Adjunkt sah ein bißchen geniert aus.
„Mein Sohn ist ja auch Theologe!“ sagte er endlich.
„Ja -- aber der ist aus ganz anderem Stoff!“ sagte der Professor heftig. „Freilich -- er kann sich ja auch verändert haben. Man kann ja nie wissen.“
Er schwieg, wie beschämt ob seiner eigenen Grobheit.