Part 2
An solchen Abenden hatte er auch seine Zweifel bekannt. Fräulein Lund hörte ihn an und verstand ihn und freute sich, daß sie einer suchenden Seele von Nutzen sein durfte.
Sie saß im Sofa mit ihrem Strickzeug, und ihr ein bißchen dickliches, freundliches Gesicht lachte ihm liebevoll entgegen, als er eintrat.
„Ist Schluß für heute?“ fragte sie.
„Ja“, antwortete er und ließ sich in den einen Lehnstuhl niedersinken. „Jetzt ist Schluß.“
Als er eine Weile so gesessen hatte, nahm er vom Tisch Ibsens „Brand“.
„Wollen wir weitermachen?“ fragte er.
Die alte Dame nickte; Ernst Hallin wandte das Buch nach dem Lampenlicht und begann zu lesen.
Mit milder, wohllautender Stimme las er das gewaltige Gedicht von einem Menschen, der nicht leben kann in der Stadt. Er träumte sich selber hinein in diesen Konflikt, der unlösbar ist, er kämpfte in der Phantasie den Kampf der gewaltigen Gedanken; und er glaubte, das Urteil eines christlichen Asketen über die elenden Menschenkinder zu lesen.
Als er einen Akt gelesen hatte, legte er das Buch nieder; es ward still in dem kleinen Zimmer.
„Das ist Christentum!“ sagte er endlich.
Das alte Fräulein nickte; und sie redeten lange davon, was Ibsen mit Brand gemeint hätte.
Dann gingen sie ins Eßzimmer und tranken Tee. Ganz von selber kam das Gespräch wieder ins gewöhnliche Geleise. Sie redeten von dem bevorstehenden Examen, dem nahen Scheiden, von Gammelby und von Ernsts Elternhaus.
Zweites Kapitel
Gammelby liegt auf einer weiten Fläche; auch da, wo die Fläche jäh zum Berghang aufbiegt, geht noch die Stadt mit, und auf dem Gipfel des Hügels liegen schöne neue Häuser zwischen Gärten. Unten, am Fuß des Hügels, dehnt sie sich weit und breit verästet aus, als wäre sie zu beiden Seiten um die Große Straße ausgequollen, die vom Burghof, wo die Statthalterei liegt, sich hinüber erstreckt bis zum Tor, bei dem eine alte Brücke über den Fluß führt.
Die Stadt ist voll von kleinen Gassen und Quergassen, winkligen, wunderlichen, phantastischen Gäßchen mit langen, verwitterten Zäunen, über die dürre Apfelbäume ihre nackten Zweige strecken. Schmal sind die Gassen da; dicht unter den Fenstern sind die Rinnsteine; im Sommer, wenn es warm ist, steht da verdorbenes Wasser und stinkt, und der Geruch dringt in die niederen Häuser, die in langen Reihen, ein Stadtviertel neben dem andern, zu beiden Seiten der Großen Straße stehen.
Hier kehrt das Unglück ein in den Heimstätten der Armen; die Kinder sterben an ansteckenden Krankheiten. Und die klugen Leute sagen, dies sei das einzige und wahre Hilfsmittel der Natur gegen die Volksvermehrung.
Aber wenn der Winter kommt, liegt der Schnee dick zwischen den Häusern. Wo der Schneepflug gefahren ist, drängen dichte Wälle sich hoch gegen die Fensterrahmen, und mitten auf der Gasse läuft ein schmaler Pfad, grau getrampelt von groben Schuhen. Aus den großen Schornsteinen der kleinen Häuser steigt der Rauch; und schlecht steht’s um die, die kein Holz in ihren Herd zu schieben haben.
Hier wohnt die Bevölkerung, von der die ganze Stadt lebt. Hier wohnen die Fabrikarbeiter, die Zimmerleute, die Flößer und die Arbeiter auf den großen Holzplätzen. Hier sind die großen Höfe, auf denen Familien, vom Großvater her, seit mehr als hundert Jahren wohnen. Die Männer haben die großen Holzflöße den gewaltigen Strom hinab geleitet oder haben in der dumpfen Luft der Fabriken geschafft. Und die Weiber haben neue Arbeiter geboren, die die Alten, wenn sie gingen, ersetzen sollten. Neue Arbeiter sind herzugezogen aus anderen Gegenden des Landes, seit die Eisenbahn geht, immer lebhafter ist der Verkehr geworden, immer mehr Fabriken sind erstanden.
Und es ist, als nähme der reinliche, reiche Teil der Stadt seine Schmuckheit und seinen Wohlstand von diesem schmutzigen Stadtteil.
Neben der Großen Straße und um den Markt herum liegen die feinen Gebäude, grade, starre Steinhäuser mit schön geschmückter Front, Seite an Seite mit den alten, gemütlichen Holzbauten, die gleichsam bucklig vor Alter dastehen und mit großen, dunklen Fensteraugen auf den steifen Baustil hinausstarren, der sie mit all seinen Neuzeits-Bequemlichkeiten verdrängen will.
Hier sind die Straßen gut gehalten, die Trottoirs sind mit glatten Steinen gepflastert, winters sind sie gefegt, und die Arbeiter führen in großen Karren den überflüssigen Schnee fort.
Auch ihr kleines Villenviertel hat die Stadt. Droben am Hang, wo die Birken schlank und weißstämmig und licht mit langen, fließenden Zweigen in der Frühlingssonne stehen, liegen kleine Häuschen im Schweizerstil und blinken fröhlich durch das Laubwerk. Daneben sieht man große, lustige Holzhäuser mit Terrassen und Erkern, die aussehen, als wären sie tatsächlich bloß dazu da, um recht wunderlich auszusehen. Zu oberst, auf einsamer Höhe, liegt eine Steinvilla, die einen viereckigen Aussichtsturm mit einer Flagge darauf hat.
Hier wohnen die reichen Kaufleute mit ihren Familien, die wohlhabenden Fabrikbesitzer, der Bankdirektor; nicht bloß alte, ehrwürdige Familien wohnen hier, sondern auch manch junger Haushalt hat zwischen den Alten Platz genommen. Die reichen Familien haben untereinander geheiratet, sich mit einander assoziiert gegenseitig für einander gebürgt, so daß der ganze Geldhaufen sich auf ein paar Wenige gesammelt hat, die ihn nun gemeinsam besitzen; und diese Wenigen halten gut zusammen; denn sie wissen, Einigkeit macht stark.
Diese Wenigen sind es aber auch, die der Stadt das geschenkt haben, was man ihren Wohlstand nennt; von ihnen kommen die Möglichkeiten zu einem kleinen, wohlgeordneten Gemeinwesen. Zu Tausenden haben sie Bretter, gewaltige Holzflöße hinausgeschifft, haben Sägewerke gebaut, Fabriken angelegt, die Eisenbahn zustande gebracht. Daß all dies auf Kosten anderer geschah, das war eine Sache, über die sich in Väterzeiten niemand den Kopf zerbrach. Man gab jedem das Seine und behielt ohne Skrupel die großen Überschüsse des allgemeinen Verdienstes. Und aus diesen Überschüssen bildeten sich die großen Reichtümer der Familien.
Es ging fröhlich zu in den großen Kaufmannshäusern der alten Tage, und die Vornehmen, die sich in der Residenz des Landshöfdings versammelten, mochten gern ihren Kreis für sich bilden. In den alten Kaufmannsfamilien wurden dafür große, fröhliche Feste abgehalten, bei denen drei Tage lang gegessen und getrunken ward. An Weihnachten zogen die Feste von einem Haus zum andern, und altes Weihnachtsbier wechselte ab mit Wein aus den großen Fässern, die tief in den reichen Kellern verborgen lagen.
Aber in der letzten Zeit hatte viel sich geändert. Ein neues Geschlecht wuchs auf mit neuen Gedanken über das Leben und neuen Forderungen. Das neue Geschlecht legte Gas- und Wasserleitung an, schaffte eine Heizvorrichtung für die Kirche, rief Eisenbahngesellschaften und Aktienbanken ins Leben. Und die neuen Lebensbedingungen brachten eine neue Lebensweise mit sich.
Aber eins blieb sich doch gleich. Das waren die großen Feste. Das lag an der kargen Natur hoch oben im Norden, die als Gegengewicht gegen den langen traurigen Winter forderte, daß im Haus Freude sein müsse um jeden Preis! Darum wird auch in den Städten des Nordens mehr gegessen und getrunken als in der ganzen übrigen zivilisierten Welt. Denn die unmäßigen Schmausereien sind nichts anderes als ein gewaltsamer Versuch, dem Menschen um jeden Preis die Freude zu schaffen, die die Natur ihm zu versagen scheint. Der Winter, der lange, dunkle Winter hat sie gelehrt, sich zu berauschen, weil ja doch übergenug Zeit da ist, den Rausch auszuschlafen. Der Winter, der lange, kalte, hat sie gelehrt, wochenlang beim Mahl zu schwelgen, weil die Arbeit ja doch ruhen muß. Der Winter mit seinem Frost und Schnee setzt den Nordländer neben dem Bewohner des Südens zurück. Denn tatsächlich können wir drei Jahre leben, solange er eins lebt.
Aber im Winter wie im Sommer steht die Kirche offen; und winters drängt sich das Volk ins Gotteshaus, und des Priesters düstre Lehre gewinnt Seelen zu Tausenden; und die Menschen, die auf Erden alles missen, verträumen die Erinnerung an ihr Leid und ihr Entbehren im Gedanken an das Land der Seligkeit, das sie dereinst, wenn der Tod die gefürchteten Tore der Befreiung geöffnet hat, aufnehmen wird.
Einsam liegt die alte gotische Domkirche auf dem großen grünen Platz, das Rathaus auf der einen Seite, das Gymnasium auf der andern; in der Kirche versammeln sie sich alle, vornehm und gering, arm und reich. Dorthin gehen die Armen, Männer und Weiber, die Männer in dunkeln Röcken, mit roten oder blauen wollenen Tüchern um den Hals und schwarzen, wunderlichen Zylindern oder dicken Mützen, die Weiber in Hauben oder schwarzseidenen Tüchern, das abgenutzte Gesangbuch, das sie in Händen halten, fromm in das saubere Baumwolltaschentuch eingewickelt. In langen, dunkeln Reihen sitzen sie da, auf der einen Seite die Weiber, auf der andern die Männer, und wenn der Name Gottes oder Jesu genannt wird, so neigen sich die Frauen, wenn sie stehen, oder beugen das Haupt, wenn sie sitzen. Weiter vorn in der Kirche und in der Mitte muß man sich seinen Platz kaufen; da sitzen die feinen Damen und einige wenige Herren. Denn die feinen Herren gehen nicht oft in die Kirche. Aber Damen und Herren halten sich streng unter sich abgeschlossen, ganz wie ihre Häuser an der großen Hauptstraße der Stadt oder droben am Waldsaum, wo die Villen hervorschauen. Da sind die Bänke des Bischofs, des Landeshöfdings, die Bank des Dompropstes, die Bänke der Landeskanzlei, der Geistlichen, der Lehrer, die Bänke des Bürgermeisters und der Stadträte. Und an hohen Festtagen ist alles voll von feinen Röcken und Pelzen, von kahlen oder wohlfrisierten Köpfen, davor auf der Bank eine lange Reihe von schwarzen Hüten. Hier sitzen Herren und Damen durcheinander. An gewöhnlichen Sonntagen freilich ist es mager bestellt mit Herren, und die feinen Damen mit ihren Töchtern sitzen ziemlich vereinsamt in den Bänken, an denen der Name des Inhabers auf einem weißen Schild angeschlagen steht.
Und die Zeit geht ihren Lauf, mit kurzen Sommern und langen Wintern, mit Arbeit, Kirchenbesuch und Gastereien.
Grade in solchen Städten findet man leicht einen kleinen Kreis, der gleichsam eine Welt für sich ausmacht. Das ist der Kreis, der sich aus den „akademisch Gebildeten“ zusammensetzt, aus Männern der Schule und der Kirche, die manchmal auch gern einen oder den andern Auserwählten aus andern Lagern unter sich aufnehmen. Und hier wie anderswo möchte dieser Kreis gern eine Art Bildungsaristokratie innerhalb der größeren Gesellschaft bilden, was sich hier, wie anderswo, bei näherer Beobachtung meist ein bißchen komisch ausnimmt.
Dieser Kreis lebt von Erinnerungen an die Universität; seine Mitglieder haben ihre besten Jahre in Lund oder Upsala verbracht; dort haben sie geschwärmt, haben große Träume geträumt von einem Leben im Dienste des Geistes, von dort sind sie übergesiedelt in irgendeine Kleinstadt, wo -- bestenfalls -- die ersten zehn Jahre zur Bezahlung der Jugendschulden verwendet wurden; und die Wissenschaft war vergessen und das Alter kam, eh sie nur merkten, daß die Jugend entflohen war.
Kaufleute, Industrielle hegen eine heimliche Bewunderung für sie, ihrer „Gelehrsamkeit“ wegen. Aber in praktischen Fragen verachten sie ihr Urteil und nennen sie Bücherwürmer.
Innerhalb dieser Kreise entstehen und entwickeln sich Menschen, die an jedem andern Ort als in einer nordischen Kleinstadt unmöglich wären. Die Söhne gehen aus der Kleinstadt auf die Universität und kommen oft von dort wieder zurück, um ein Leben zu leben, das ganz dem ihrer Väter gleicht. Die Töchter bleiben meist daheim; ist das Glück ihnen hold, so heiraten sie. Und wie dieser ganze Kreis von Kirchen- und Schulmännern, die in solchen kleinen Städten noch eng zusammenhalten, sich durch eben diese Kleinstadtverhältnisse, in denen er lebt, bildet, so bilden sich auch die einzelnen Persönlichkeiten durch diesen Kreis, in dem sie leben und sich entwickeln.
Zwei Elemente sind’s, die sie, zusammenwirkend, hervorbringen und formen: die Kleinstadt, und daß sie innerhalb dieser Kleinstadt einer besonderen Kaste angehören. Und die meisten von ihnen sind ihr ganzes Leben lang von der Armut gefesselt gewesen, die ein Gemeingut der großen Masse unserer sogenannten „Standespersonen“ ist.
Drittes Kapitel
Der Gymnasiallehrer „Adjunkt“ Hallin gab Latein in der Untersexta, der untersten Klasse der alten Lateinschule, die in das neue, stattliche Gymnasium übergesiedelt war. Die Fragen kamen scharf, wie Stockschläge; die Antworten schlängelten sich vorsichtig kriechend einher wie schwanzwedelnde Hunde.
„Hör mal, Lundberg! Das ist doch zu merkwürdig, daß du dir nie den Unterschied zwischen ~cado~ und ~caedo~ merken kannst! Wie war das? ~Cado, cecidi, casum -- casum~, sag’ ich -- ~cadere~. Also -- sprich es nach. Wie war es?“
Der Delinquent Lundberg war ein kleines, schweräugiges, schläfriges Individuum von vollen einundzwanzig Jahren, das sich aus irgend einem unbekannten Grund darauf steifte, noch sein Maturum zu machen. Er warf einen raschen, forschenden Blick nach dem Katheder, um zu erspähen, ob der Adjunkt schlechter Laune war oder nicht. Und als er nichts besonders Beunruhigendes entdeckte, antwortete er phlegmatisch und mit leiser Stimme: „~Cado, cecidi, casum, cadere.~“
„Lauter!“ schrie der Adjunkt. „Kannst du nicht laut sprechen? Ich rede die ganze Stunde und muß schreien, daß ich ganz heiser werde. Und du kannst dich keine fünf Minuten lang anstrengen. Noch einmal! Und lauter!“
Lundberg wiederholte mit lauter Stimme.
„Na also! Jetzt war’s recht. Weiter. Wie ist’s mit ~caedo~?“
Lundberg packte mit verzweiflungsvollem Griff die Lehne der Bank und schielte seitwärts, um die Nachbarn zum Einblasen aufzumuntern.
Aber es war eine alte Geschichte -- Einblasen gab’s nicht bei Adjunkt Hallin. Er sagte das auch selber, und es war sein beliebtester Zeitvertreib während der einförmigen Stunden, irgendeinen zu erwischen, der so unvorsichtig war, einem andern zu helfen oder mit den Augen um Hilfe zu flehen. Er war im Grunde voller Freude, wenn er seine Detektivfähigkeiten zeigen konnte; aber er unterdrückte das Lächeln, das um seine Lippen spielte, und äußerte in mildem, leisem Ton: „Hör mal, Lundberg, findest du wirklich so ganz was besonders Interessantes an dem kleinen Petterson da neben dir links?“
Allgemeines Gekicher in der ganzen Klasse. Die vorderen Bänke drehen sich um und betrachten sich den unglücklichen Lundberg, der mit niedergeschlagenen Blicken dasteht und das Lächeln zu verbergen sucht, das um seine Mundwinkel spielt. Denn nun wußte die ganze Klasse mit Sicherheit: der Adjunkt war guter Laune.
„Na,“ fährt der Adjunkt fort, „kannst du nicht antworten? Findest du was Interessantes an Petterson? Wie? Nicht? Na! Willst du dann vielleicht gütigst versuchen, dein an Petterson gescheitertes Interesse auf das unglückselige Verb ~caedo~ zu übertragen? Mit ~ae~.“
Lundberg legte die Hände auf den Rücken und antwortete schwerfällig: „~Caedo, cecídi, caesum, caedere.~“
„Na also, es geht ja. Siehst du. Weiter jetzt! Das dritte in der Reihe!“
Auch dies ward abgetan, worauf der Adjunkt einen großen Seufzer ausstieß, als sei ihm eine ungeheure Last vom Herzen gefallen.
„Setzen, Lundberg! Und vergiß das nicht, bis wir uns nächstesmal wiedersehen! Der Nächste. Flott jetzt, übersetz’ den letzten Paragraphen, damit wir fertig werden, eh es läutet. Vorwärts! Es ist ein langer Satz. ~Qui quum~ usw.“
Und der Nächste übersetzte, rein und fließend, mit Hilfe des alten Kalmodin, zog Subjekt und Prädikat aus und konjugierte die Verben, leicht, rasch, sicher und ruhig.
Und grade als er fertig war, hörte man von Korridor zu Korridor auch das Bimmeln der Glocke; der Adjunkt erhob sich, und im Nu entstand ein unerhörter Lärm. Pultdeckel wurden auf- und zugeschlagen, Bücher zugeklappt, auf den Boden geworfen, wieder aufgehoben und in Riemen zusammengeschnallt. Am Kleiderständer herrschte ein wildes Gedränge; Mäntel und Mützen wurden heruntergerissen, mit der vollkommensten Mißachtung des Futters und der Aufhänger. Droben am Katheder stand ein dienernder, dicker Bauernjunge und half dem Adjunkt in den Mantel. Er hatte das das ganze Semester durch getan, damit er am Schluß ein gutes Zeugnis kriegen und versetzt werden sollte.
Plötzlich, eben als die Ersten Hals über Kopf zur Tür hinaus stürzen wollten, schlug der Adjunkt das spanische Rohr auf den Tisch, daß das Tintenfaß hüpfte und alle Jungens mit der Mütze in der Hand stehen blieben.
„Eine neue Seite zum nächstenmal!“ rief er.
„Und nicht zu vergessen -- wer ~cado~ oder ~fallo~ nicht kann, kommt Sonntag vormittag zu mir nachhaus!“
Damit nahm der Adjunkt seinen Hut und ging mit raschen Schritten durchs Zimmer. Vor ihm rasten schon sechs, acht Stück der Allerhungrigsten die Treppe hinunter, hinaus auf die Lange Straße, die sich von der Schule durch die ganze Stadt bis hinaus zum Tor erstreckte.
Es war ein windiger, kalter Januartag; der Adjunkt trug einen dicken Winterüberzieher, den er bis zum Halse hinauf zugeknöpft hatte. Auf dem Kopf hatte er seine Pelzmütze, die tief in die Stirn gezogen war, in der Hand das unvermeidliche spanische Rohr und unter dem Arm einen Haufen blauer, mit einer Schnur umwickelter Hefte.
Langsam bog er um die Ecke des Schulhauses in eine Straße ein, die zu dem freien Platz um die Domkirche führte. Als er auf den Platz gelangte, stand er einen Augenblick still und holte tief Atem. Er machte ein paar unbewußte Bewegungen mit den Schultern, als wolle er seine Brust dehnen; dann senkte er den Kopf noch tiefer als zuvor. Mit langsamen, ein bißchen schleppenden Schritten ging er weiter, indem er mit dem Stock Furchen in den Schnee zog, und seine Lippen bewegten sich, als spräche er mit sich selber.
Wohl zum hundertstenmal während der letzten Wochen beschäftigte ihn der Gedanke, wo er die fünfzig Kronen hernehmen sollte, die seine Frau zu einem neuen Mantel brauchte. Für vierzig Kronen bekam er vielleicht einen ganz guten. Aber wenn er vierzig beschaffen konnte, konnte er grade so gut auch fünfzig beschaffen, und für fünfzig Kronen bekam man doch einen viel besseren.
Weihnachten hatte schrecklich viel gekostet. Man hatte ja freilich ausgemacht, man wollte einander keine Geschenke machen. Aber als die Ferien anfingen, als man zu backen und scheuern und rüsten begann, als alle Menschen einander frohe Weihnachten wünschten und Weihnachtsgedanken und Weihnachtsjubel sich in jedes Gemüt zu schleichen begannen, da sagte der Adjunkt Hallin einen Tag vor dem heiligen Abend zu seiner Frau: „Ernst sitzt jetzt in Upsala, ganz allein vor dem Examen. So ganz ohne Gruß von daheim kann man ihn doch nicht lassen? Und Gustaf macht im Frühling übers Jahr auch sein Maturitas. Wer weiß, wie lang wir sie noch an Weihnachten daheim haben werden? Wollen wir nicht doch ein paar Überraschungen kaufen, damit die Kinder doch wissen, daß Weihnachten ist?“ Und so kaufte man denn eine feine Reisetasche für Ernst und ein neues Kleid für die zweiundzwanzigjährige Selma, die Lehrerin an der städtischen Mädchenschule war. Und Gustaf erhielt sein eigenes Konversationslexikon, damit er das von Papa nicht mehr zu benützen brauchte.
Als man erst im Zug war, wurde auch noch mehr gekauft -- bloß ein „paar Kleinigkeiten, nur so viel, daß man überhaupt Pakete zum Auspacken hatte!“ Papa kaufte ein paar Sachen für Mama und Mama für Papa. Und ein paar Flaschen Wein mußten doch auch da sein, und ein Weihnachtsschinken und Konfekt und Mandeln und Rosinen und Christbaumschmuck und Nüsse und Feigen und Punsch.
Wenn schon mal Weihnachten war, so mußte es auch gefeiert werden. Und niemand war froher als der Adjunkt. Er schrieb Verse auf die Weihnachtspakete, tat wer weiß wie geheimnisvoll und war überhaupt von morgens bis abends in Tätigkeit.
Aber dann kam der erste Januar. Die Miete mußte bezahlt werden, und die Rechnungen liefen ein. Es blieb ihnen recht wenig zum Leben übrig, bis der Adjunkt sein nächstes Quartalgehalt bekam. Dazu sollte Ernst in diesen Tagen sein Examen machen und dann heimkommen, um daheim in der Stiftsstadt seine Ordination zu feiern; da mußte es zu Hause immerhin ein bißchen besser zugehen, als sonst, damit der große Junge auch gewiß nichts entbehrte. Und zu allem hin hatte der Adjunkt erfahren, daß seine Frau notwendig einen neuen Wintermantel brauchte. Vor Weihnachten hatte sie nichts sagen mögen. Man hatte ja so wie so so viele Ausgaben. Und er hatte gar nichts davon gemerkt, daß der alte so schlecht war; er verstand sich ja so wenig auf Frauenkleider. Darum kam es jetzt auch wie ein Unglück über ihn, daß er auch noch diese fünfzig Kronen beschaffen sollte. An all das dachte er, während er über den Kirchplatz nach seiner Wohnung ging.
Besonders heiter sah er nicht aus, wie er so langsam mit seinen vierundzwanzig Heften unterm Arm durch den Schnee stapfte. Sein Vollbart war grau; tiefe Falten lagen um die lebhaften Augen, die durch eine goldene Brille blinkten. Ohne aufzusehen ging er zu seiner Haustüre hinein, und mit sehr zerstreuter Miene erschien er am Mittagstisch.
Grade vor ihm war Selma heimgekommen. Sie kam aus der Mädchenschule, wo sie am Vormittag drei Stunden gegeben hatte, und auch sie hatte einen Haufen blaueingebundener Hefte mit sich. Als der Adjunkt ins Zimmer trat, ging sie ihm entgegen und gab ihm einen Kuß.
„Wie geht’s heut, Papa?“
„Danke, gut, Kleine! Ich bin bloß schrecklich hungrig!“ Gleich darauf erschien in der Tür zum Eßzimmer Frau Hallins Kopf.
„Ist Gustaf noch nicht da? Die Fleischklöße werden ganz kalt.“ Im selben Augenblick hörte man ein heftiges Türzuschlagen, und ein aufgeschossener, blonder junger Mensch mit roten Wangen und lebhaften grauen Augen stürzte herein. Er war mager, das hellbraune Haar lag in einer dicken Locke auf seiner Stirn, sein ganzes Gesicht sah außergewöhnlich aufgeweckt aus, und um die Lippen lag ein Zug frühreifer Ironie, der aber doch absolut nichts Anmaßendes hatte.
„Na, da bist du ja!“ sagte der Adjunkt. „Geh rasch auf dein Zimmer und wasch dich. Mama sagt, das Essen wird kalt!“
Gustaf ging langsam auf seine Stube, nachdem er die Vermutung ausgesprochen hatte, das Essen würde ihm ja doch nicht zuerst angeboten werden, weshalb er ja auch grad so gut ein bißchen nach den andern kommen könne.
Das war eines der ständigen Streitobjekte zwischen Vater und Sohn. Den Vater kränkte es, wenn zu Tisch nicht alle versammelt waren, weil er es als einen Beweis für die verhaßte Selbständigkeit der Jugend ansah, wenn die Kinder zu spät kamen. Aber er hatte sich daran gewöhnt, und nur wenn er wegen irgendetwas anderem schlechter Laune war, beachtete er es überhaupt noch.
Heute nun lagen ihm die fünfzig Kronen und der Mantel im Sinn. Vater, Mutter und Tochter standen mit gefalteten Händen um den Tisch.
„Ich glaube, es hat keinen Zweck, daß wir auf Gustaf warten,“ sagte Frau Hallin.
Der Adjunkt bewegte ungeduldig die Achseln, legte wie ein Märtyrer den Kopf auf die Seite und faltete die Hände, zum Zeichen, daß man anfangen sollte zu beten. Eine Weile standen alle mit gesenkten Häuptern da; dann setzten sie sich.
Es war ein kleiner runder Tisch. Der Adjunkt saß seiner Frau gegenüber; zwischen ihnen saßen die Kinder, sodaß das Ganze eine Art Viereck bildete. Das Tischtuch war nicht ganz tadellos weiß; mitten auf dem Tisch stand ein alter Aufsatz von schwarzem Holz mit einem Salzfaß auf jeder Seite. Vor jedem Gedeck stand ein Trinkglas -- die Gläser waren alle sehr klein -- vor dem Platz der Mutter eine Flasche Wasser, vor dem des Adjunkten eine kleine Flasche Bier und eine Schnapsflasche. Der Adjunkt goß sich ein Gläschen voll ein, aß eine Scheibe Brot ohne Butter, leerte sein Glas und nahm sich dann von den Fleischklößen, die das Mädchen eben herumbot.