Part 17
Und noch immer läuteten die Glocken hoch über den Köpfen der Menschen, und ihr Klang schwebte in die Weite auf der klaren, blauen Sommerluft.
Vor dem Altar stand der Bischof selbst. Das war eine Seltenheit in Gammelby, die viele in die Kirche lockte. Der Bischof las die Messe ganz ausgezeichnet. Es war eine wahre Lust, seine mächtige Stimme, die alten Choralmelodien singen zu hören, daß die Töne voll und stark durch die hohe Wölbung klangen; jedes seiner Worte war in der entferntesten Ecke des großen Domes zu verstehen.
Der junge Hilfsprediger von Gammelby predigte heute. Er war nicht beliebt als Prediger. Er hatte ein ganz mittelmäßiges Rednertalent, und die Frommen in der Gemeinde hielten ihn nicht für wahrhaft christlich gesinnt. Aber man war auch gar nicht der Predigt wegen in die Kirche gekommen; und stärker als gewöhnlich erklang darum der Seufzer der Befreiung, als ein langgedehntes Amen endlich die glücklicherweise recht kurze Predigt beschloß. Während der Gebete öffneten sich da und dort die Bänke; ein paar der Kühneren schlichen sich sachte vor in den Chor, um sich zeitig einen Platz zu sichern, von wo aus man die feierliche Handlung bequem mit ansehen konnte. Als der Schlußchoral begann, öffneten sich alle Kirchenstühle; alle strebten vor zum Chor, wo das Gedränge schon sehr stark war. Nur ein paar alte Leute, die nicht so lang stehen konnten, blieben zurück und versuchten später, in den spannendsten Augenblicken der Zeremonie, sich auf die Zehen zu stellen, um wenigstens einen Schimmer von dem zu erhaschen, was im Chor vorging.
Vorn gingen die Meßner eifrig und geschäftig umher, trieben die drängenden Volksmassen zurück und stellten sie in geordneten Reihen auf.
„Nicht so nah zum Altar. Platz für die Prozession und den Bischof!“
Dann hängten sie die vier Meßgewänder in geziemenden Zwischenräumen an den Altarschranken auf.
Plötzlich ward es ganz still in der Menge; der Weg zum Altar verbreiterte sich, die Hintenstehenden stellten sich auf die Zehen, um besser zu sehen, und durch die niedere Sakristeitür betrat die kleine Prozession die Kirche.
Zuerst kam der Bischof, hoch und gebieterisch, die goldene dreieckige Mitra auf dem Kopf, den goldenen Stab in der Hand. Um seine mächtige Gestalt hing das weite, in Seide und Gold gestickte und in allen Regenbogenfarben schimmernde Bischofsornat. Am Hals sah das faltige weiße Meßhemd hervor.
Hinter ihm kamen die Hilfsgeistlichen, je zwei und zwei. Vorn der Professor der Theologie Kumlander, neben ihm der Konsistorialnotar. Die Geistlichen im Ornat, der Konsistorialnotar in Frack und weißer Halsbinde. Nach ihnen kamen die vier, die ordiniert werden sollten, voraus Simonson und Ernst Hallin, alle in weißen Meßgewändern, die um die Mitte anschlossen und bis auf die Füße herunterreichten.
Unter den Klängen der Orgel schritten sie leise durch die Volksmenge und stellten sich um den Altar auf. Die vier Kandidaten in ihren weißen Gewändern beugten das Knie.
Als der letzte Akkord des Chorals verklang, wandte sich der Bischof der versammelten Menge zu. In der einen Hand hielt er das Meßbuch, in der andern ein langes feines Battisttaschentuch.
„Im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes!“ begann er.
Über der großen Menschenmenge lag vollkommenes Schweigen. Nicht ein Flüstern war hörbar, nicht ein Laut. Die jungen Kandidaten hatten sich erhoben und standen aufrecht in einem Halbkreis um den Altar.
Der Bischof begann mit seiner Rede, die er von einem Papier ablas, das er im Meßbuch vor sich hatte. Mit kraftvoller Stimme sprach er die einleitenden Worte der Schrift: „Und Jesus sprach zu Petrus: Simon Jona, liebst du mich mehr, denn mich diese lieben? Petrus antwortete: Ja, Herr, du weißt, daß ich dich lieb habe. Sprach er zu ihm: Weide meine Lämmer!“
Es war kein Zufall, daß der Bischof grade diesen Text gewählt hatte, über den Ernst Hallin vor zwei Monaten seine Probepredigt gehalten hatte. Im Gegenteil -- schon damals war dem Bischof der Gedanke gekommen, gerade diesen Text zu wählen, der sich so gut eignete für die jungen Leute, die das schwere Amt eines Geistlichen antreten wollten. Er wollte über diesen Text sprechen, daß er zu einem ernsten Wort der Erweckung, aber auch zu einem Wort der Milde und Versöhnung ward, einem Wort, das die Schwachen tröstete und die Widersetzlichen beruhigte. Denn welchem wenig gegeben ist, von dem soll man nicht viel fordern. Und der Herr fordert heutzutage weit weniger von seinen Dienern, als er dereinst von Petrus forderte.
Ernst Hallin hatte den ganzen Tag über in sich eine Ruhe gefühlt, die ihn fast froh machte. Denn er hatte diese Ruhe, die ihm so wohltat, als Zeichen angesehen, daß der innere Friede, auf den er geharrt, um den er gebetet hatte, ihm endlich zuteil geworden war. Als er sich in der Sakristei in das weiße Meßgewand kleidete, war ihm, als lege er damit alles weltliche Wesen, alle aufrührerischen Gedanken ab und kleide sich in die reine Rüstung, die ihn zu einem wahren Streiter des Herrn machen sollte.
Aber als diese Textworte ihm entgegenklangen, kehrten alle seine alten Gedanken zurück. Die Erinnerung an den Tag, an dem er Eva Baumann gebeichtet hatte, erwachte mit doppelter Stärke in ihm; und wieder hörte er ihre Worte: „Es ist eine Feigheit, die Sie begehen wollen...“ Die Worte des Bischofs klangen leer an seinem Ohr vorüber. Er stand wie in einem Nebel, durch den die Laute nur dumpf hindurchklangen, durch den er die ganze Umgebung nur in unbestimmten Umrissen erblickte. Er wußte kaum, träumte er oder wachte er. Er war wie in einer Halluzination -- sein ganzer Körper glühte im Fieber.
Seine Augen schweiften durch den Chor; die Sonne fiel durch die gemalten Fenster und bildete einen bunten Strahlenweg über dem Haupt des Erlösers, der mit dem Kelch in der Hand auf dem Altar stand, bis hinab auf den Fußboden. Die Strahlen funkelten auf den Goldstickereien am Ornat des Bischofs; der Stab, der in der Ecke lehnte, glitzerte und blinkte wie ein strahlenvoller, wärmender Quell des Lichts.
Es war seine Kirche, seine alte Kirche; und er dachte der Frühlingsabende, an denen er hier gestanden und gesehen hatte, wie die Sonne durch die gemalten Glasscheiben über Pfeiler und Fußboden flutete.
Der Bischof redete weiter; die Leute, die sich um den Chor drängten, warfen neugierige Blicke auf die vier jungen Männer, die im Halbkreis vor dem Altar standen.
Ernst hörte die Worte des Bischofs gar nicht mehr. Er stand wieder als Knabe in seiner alten Kirche, an eine Bank unter der Empore gelehnt, und träumte wundersame Träume, während sich sein Blick auf das Spitzgewölbe heftete, das sich gleich betenden Riesenhänden nach dem lebendigen Gott emporstreckte. Die Menschenmenge war fort. Die Kirche war leer. Nur des klaren Himmels Sonnenstrahlen spielten durch die Fenster.
Sie glitten an den grauen Wänden entlang, schmiegten sich weich und bunt um die mächtigen Pfeiler und lagen in schimmernder Ruhe auf den verwitterten Grabsteinen des Fußbodens. Ein Zittern war in ihrem Spiel, als arbeiteten sie, und es war, als schwankten die Steine, wo ihr strahlender Weg sich Bahn brach.
Aber droben unter der hohen Wölbung ruhte die Dämmerung. Es war, als wage kein Sonnenstrahl das heilige, tausendjährige Dunkel zu stören.
Ernst schaute und schaute. Er wußte nicht, was er dachte, wußte nicht, was er wollte. Er sah bloß den mächtigen Dom, der sich um ihn wölbte und badete in einem Meer von regenbogenfarbig schimmernden Sonnenstrahlen.
Da war ihm plötzlich, als bräche ein ganzes Bündel Sonnenstrahlen sich einen Weg durch die oberste Wölbung. Er wußte gleich, daß das nur eine Phantasie war. Aber die Phantasie war so mächtig in ihm, daß er es sah wie etwas Wirkliches. Die Strahlen funkelten durch das tausendjährige Dunkel, funkelten in einem Glanz, der das dunkle Gewölbe droben mit tausendfach stärkerem Licht erleuchtete als die ganze übrige Kirche. Dann ward der Glanz matter, bis er nur noch war wie alles Sonnenlicht in der Kirche, und Ernst sah jetzt deutlich, daß die Decke droben geborsten war und das klare Tageslicht durch die dämmerige Wölbung der Domkirche hereinleuchtete.
Und während er sich über das, was er erblickte, wunderte, sah er, wie der Spalt sich weitete und das Licht droben breiter ward. Und doch erschrak er nicht. Er fürchtete auch nicht, daß herabstürzende Steine ihn zerschmettern könnten. Denn sie fielen gar nicht herab, sie schmolzen nur gleichsam hinweg, Stück für Stück, vor der siegenden Kraft der Sonne. Er fühlte sich so ruhig und froh; ihm war, als habe er bisher gar nicht gewußt, was es heißt, zu atmen!
Durch einen seltsamen Gedankensprung dachte er plötzlich, was wohl der Bischof sagen würde, wenn er sähe, daß seine Kirche zerstört war. Denn niemand konnte ja mehr darin sein, wenn das Dach weg war und der Regen jederzeit eindringen und das Heiligtum im Wasser ertränken konnte.
Aber er sollte nicht erfahren, was der Bischof dazu sagen würde.
Er vernahm ein Getöse, als wäre die Erde geborsten, und als er sich umschaute, waren die Wände fort, der Altar mit dem Christusbild und dem Abendmahlskelch versank vor ihm, zu seinen Füßen sproßten Blumen und Gras, als ob nie Steinplatten dagewesen wären, um sein Gesicht spielten frische Lüfte und über sich hörte er den Gesang der spielenden Sonnenstrahlen:
„Es ist vollbracht. Die Arbeit von Jahrtausenden ist vollbracht. Das Leben zieht ein und erobert die Welt. Die Sonne hat gesiegt.“
Er seufzte tief auf und ward plötzlich aus seinen Gedanken durch einen Puff in die Seite aufgerüttelt.
Es war Simonson, der mit undurchdringlich ernster Miene ihn darauf aufmerksam machte, daß jetzt der Notar vortrat, um die Glaubensartikel vorzusprechen.
Ernst Hallin wiederholte die Worte, wie sie ihm in den Mund gelegt wurden.
„Ich glaube an Gott Vater den Allmächtigen...“
„Ich glaube an Jesum Christum...“
„Ich glaube an den Heiligen Geist...“
Er war blaß vor Gemütsbewegung; kalter Schweiß bedeckte seine Stirn. „Die Sonne hat gesiegt!“ klang es in ihm. Was waren das für sonderbare Gedanken, die manchmal in ihm erwachten und ihn nicht einmal jetzt in Ruhe ließen! Was waren das für Gedanken?
Mit schwacher Stimme und niedergeschlagenen Augen beantwortete er des Bischofs Fragen; und als das Gelübde abgelegt werden mußte, das entsetzliche Gelübde, vor dem er sich so lang gefürchtet hatte, sprach er es ganz gedankenlos, ohne daß die Worte ihm einen tieferen Eindruck machten als jede beliebigen andern Worte:
„Ich, Ernst Hallin schwöre bei Gott und seinem heiligen Evangelium, zu dessen Verkündigung ich hiermit berufen und ausersehen werde, daß ich stets bei der reinen evangelischen Lehre verbleiben will, so wie sie im Worte Gottes, den heiligen Schriften des Alten und Neuen Testaments offenbart und durch das Augsburgische Glaubensbekenntnis und den Beschluß des Konzils zu Upsala im Jahre 1593 angenommen und verkündigt worden ist, also daß ich dawiderstreitende Lehren weder offenbarlich verkünden noch heimlich fördern will.“
Klar bewußt, was eigentlich vor sich ging, ward er sich erst, als der Bischof nach Ablegung des Gelübdes mit starker und gebieterischer Stimme die Worte sprach:
„Kraft der Vollmacht, die mir aus Gottes Gnaden von seiner Gemeinde anvertraut ist, erteile ich euch hiermit das Predigeramt, im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.“
Als diese Worte gesprochen waren, wandte Ernst Hallin sich hastig um und blickte über die Kirche hin. Er hatte das Bedürfnis, hinaufzuschauen in das Gewölbe, um mit eigenen Augen zu sehen, daß da oben noch immer Dunkel lag. Als er sich davon überzeugt hatte, daß alles war wie zuvor, fühlte er sich etwas ruhiger. Zugleich aber hatte er das Gefühl, daß seine alte Kirche ihn gerichtet hatte.
Und mechanisch beugte er die Knie, während die Töne der Orgel über sein Haupt hinbrausten. Das gestickte Meßgewand, das neben ihm lag, ward ihm über die Schultern gehängt, eine Hand legte sich auf sein Haupt und er vernahm die Stimme des Bischofs, die das Vaterunser sprach.
Eine Weile darauf schritten der Bischof und die Hilfsgeistlichen in die Sakristei zurück, gefolgt von den vier jungen Männern, auf deren Schultern zum erstenmal die silbergestickten Meßgewänder hingen.
Unter denen, die zuvorderst standen, war Gustaf Hallin. Mit gespannter Aufmerksamkeit war er der Zeremonie gefolgt. Das Ganze hatte ihm einen fast unheimlichen Eindruck gemacht; so oft es ihm möglich war, hatte er des Bruders Gesicht beobachtet. Zuerst, als er hereinkam, in das weiße Meßhemd gekleidet, glattrasiert, blaß, verlegen unter all den Blicken, die auf ihn gerichtet waren. Dann als er sich umwandte und an die Decke hinaufblickte. Schließlich, als er in vollem priesterlichem Ornat mit seinen Amtsbrüdern wieder hinausging.
Gustaf kannte seinen Bruder nicht, kannte keinen einzigen von den Gedanken, die Ernst beschäftigten; dennoch verurteilte er ihn mit der ganzen Raschheit der Jugend, als wäre er Schritt für Schritt mit ihm gegangen. Sein Instinkt sagte ihm, daß etwas hier nicht stimmte; und ihm war, als habe er dem Bruder für immer Lebewohl gesagt.
Sein gewöhnlich so sorgloses Gesicht hatte einen schmerzlichen Ausdruck. Die Nasenflügel bebten, und nur mit Mühe vermochte er die Tränen zurückzuhalten.
Als alles aus war, bahnte er sich hastig einen Weg durch die Menge und ging schnurstracks nach Hause, ohne irgendeinen von den vielen Bekannten zu begrüßen, die er unter den Zuschauern sah.
Draußen schien die Sonne, vom Turm klangen fröhlich die Glocken zum Zeichen, daß die Feier zu Ende war, und Scharen von Menschen strömten auf den Platz mit den Ulmen heraus. Sie plauderten heiter miteinander; alle hatten es sehr eilig. Es hatte heute lang gedauert, und Punkt 2 Uhr wartete daheim das Mittagessen.
Gustaf ging, ohne nach rechts oder links zu blicken, nach Hause und hinauf in sein Zimmer. Es war eine kleine Dachstube, kaum größer als ein Kämmerchen, das nur Platz hatte für ein Bett, eine Kommode, einen Tisch, einen Bücherständer und zwei Stühle. Das Waschbecken stand auf einem Stuhl hinter der Tür.
Es war ein kleines Zimmerchen, aber es war +ein+ Zimmer, und er wußte, hier war er ungestört. Nachdenklich setzte er sich ans Fenster und sah auf den kleinen Garten hinunter, der grade unter seinem Fenster lag.
Es war ihm so seltsam zumut -- so einsam. Es war das erste Mal, daß er jemand von den Seinen im Verdacht hatte, eine schlechte Handlung begangen zu haben, eine jener häßlichen Handlungen, die dem ganzen Leben ihr Brandmal aufdrücken. In ihm selbst brannte und schmerzte es von all der Empfindlichkeit und Unversöhnlichkeit der Jugend. Und in die Gedanken an den Bruder mischten sich unruhige Gedanken an sein eigenes Leben, das ihn dereinst auch auf einen Weg führen würde, von dem er nicht mehr zurück konnte.
So saß er, bis er zum Essen gerufen wurde.
Eine feierliche Stimmung lag über der ganzen Familie. Der Gedanke, daß Ernst nun bald wegreisen würde, mischte sich mit den Eindrücken der Ordination. Niemand redete viel. Alle waren in ihre eigenen stillen Gedanken versunken. Und in allen war eine Bewegtheit, die keins auf andere Art hätte ausdrücken können, als durch Tränen, Freudentränen bei den einen, bei den andern Tränen ganz anderer Art. Aber Tränen paßten nicht zu diesem festlichen Tag. Darum schwieg man, um sie nicht hervorzurufen.
Ruhig und still verging der Nachmittag. Jedes war in seiner Weise vom Tag erschüttert; so war es natürlich, daß man jetzt ruhte.
Ernst quälte es nur, daß er der Mutter nichts zu sagen wußte. Er sah, wie ihre Augen ihm folgten, wie sie sich hie und da abwandte, um die Tränen zu verbergen, die sie allein nicht zurückzuhalten vermochte. Er wußte, sie erlebte heute den Tag, zu dem ihr ganzes Leben nur eine Vorbereitung gewesen war, den Tag, für den sie gelebt hatte, seit er überhaupt geboren war. Aber er fand kein Wort für sie. Und damit dieser Tag ihr doch nicht zum Schmerz werden möchte statt der Freude, bezwang er sich, ging zu ihr hin, schlang den Arm um ihren Hals, beugte sich zu ihr nieder und küßte sie auf die Stirn.
Sie drückte ihm dankbar die Hand. Den ganzen Nachmittag hatte sie sich über des Sohnes Schweigsamkeit und Verschlossenheit gewundert. Sie fand, der Tag war so ganz anders, als sie sich ihn oft vorgestellt hatte, so alltäglich, so trocken.
Aber jetzt war alles wieder gut. Alles Große, was sie sich von diesem Tag erträumt hatte, war zu dieser einzigen kleinen unbedeutenden Handlung zusammengeschrumpft. Und dennoch war sie zufrieden und sagte sich, es wäre alles so, wie es sein sollte. Sie wußte ja, hätte der Sohn sie nicht mit gutem Gewissen küssen können, so hätte er es nicht getan. Und herzlich nickte sie ihrem Mann zu, der ihr gegenüber im Schaukelstuhl saß, und dankte in ihrem Herzen Gott, daß er ihr Kind behütet hatte. Freilich war sie ein bißchen traurig, als Ernst später am Nachmittag sagte, er wolle eine Weile ausgehen, um mit seinen Gedanken allein zu sein; aber sie ließ sich nichts anmerken und ließ ihn ohne eine Frage gehen.
Noch einmal wollte er seinen alten Abendspaziergang um die Domkirche machen.
Zwei Tage darauf reiste Pastor Hallin ab, sein Amt in Sollösa anzutreten.
Zwanzigstes Kapitel
Ein Jahr verging. Ein Jahr mit Geburten und Todesfällen, Hochzeiten und Begräbnissen, Freud und Leid, Arbeit, Kirchgang und Einladungen ging still über Stadt und Stift Gammelby hin. Und wie alle Jahre veränderte es in seinem Lauf Menschen und Verhältnisse, trug zu der steten Umbildung der Charaktere und Gemüter bei, die nie aufhört, eh der Tod dem Spiel der Leidenschaften seine Grenze setzt, formte Sitten, Gebräuche und Verhältnisse um, in seiner unmerklichen Weise, die wir Menschen immer erst sehen, wenn es geschehen ist.
Professor Hallin und seine Frau haben keinerlei merkliche Wandlung durchgemacht. Aber in ihrem Haus hat es eine ziemlich große Veränderung gegeben. Gabrielle hat sich wieder verlobt, und es heißt, der Professor sei mit dem zweiten Bräutigam noch weniger zufrieden als mit dem ersten, ja er wünsche sich manchmal den Leutnant geradezu zurück.
Der neue Bräutigam ist Pastor Simonson.
Pastor Simonson hatte nämlich gemerkt, daß er für seine Karriere in Gammelby einer kräftigeren Stütze bedurfte, als eine einfache Hilfslehrerstelle an der Schule, und ab und zu die Erlaubnis, gratis in der Domkirche zu predigen. Die Stelle eines Domkirchenverwalters war zu besetzen, und er wußte, er würde seine älteren Mitbewerber leichter aus dem Feld schlagen, wenn er zu der persönlichen Gewogenheit des Bischofs noch das Gewicht persönlicher zarter Bande in die Wagschale legen konnte, die ihn unwiderruflich mit der Stadt und ihren Interessen verknüpften.
Gewiß war Gabrielle keineswegs die Gattin, die er sich als Hüterin des häuslichen Herdes in einem ernsten priesterlichen Heim geträumt hatte. Aber da sie in anderer Hinsicht den Forderungen, die er an eine Frau stellte, entsprach, und da sie vor allem -- dank der zurückgegangenen Verlobung -- aller Wahrscheinlichkeit nach zu haben war, so hielt er um sie an, und war nicht im geringsten überrascht, daß er das Jawort erhielt.
Fräulein Gabrielle ihrerseits betrachtete im Anfang den neuen Bräutigam mit ein bißchen sonderbaren Blicken, als wolle sie Vergleiche ziehen. Aber nach und nach gewöhnte sie sich an ihn; und außerdem waren sie und ihre Mutter aufrichtig froh, daß sie wieder verlobt war. Denn was gibt es Schlimmeres für ein junges Mädchen, als wenn die ganze Welt weiß, daß sie einmal verlobt gewesen ist, ohne daß die Verlobung zu etwas geführt hat?
Frau Hallin verlor nach diesem Ereignis ihr Interesse für Pastor Simonson. Sie schrieb ihrem Sohn, der Pastor habe sich sehr verändert, sei verweltlicht, und es sei unbegreiflich, daß der Bischof eine solche Persönlichkeit begünstige.
Bei Adjunkts waren die Veränderungen größer und einschneidender.
Der Adjunkt selbst unterrichtete nach wie vor in seinen Klassen, arbeitete und sparte, quälte sich mit unaufhörlichen Sorgen ums Geld, das nie reichen wollte, und hatte seine Anfälle von schlechter Laune, die regelmäßig zusammen mit der Geldnot auftraten.
Frau Hallin war gealtert in diesem Jahr. Ihr Gesicht zeigte mehr Runzeln und der Mund noch ausgeprägter als zuvor den eingegrabenen Ausdruck von Wachsamkeit, den Frauen leicht haben, wenn sie fast immer mit dem Gedanken beschäftigt sind, an den Ausgaben zu sparen, damit des Mannes kleines Einkommen für den Haushalt ausreicht.
Trotzdem hatte das sie nicht alt gemacht. Alt war sie geworden, weil sie immer mehr fühlte, wie ihre Kinder sich von ihr loslösten.
Nach der Ordination hatte sie einen Auftritt mit ihrer Tochter gehabt.
Selma kam eines Abends bleich und erregt herein. Ihre große, kräftige Gestalt zitterte, und sie drehte krampfhaft das Taschentuch zwischen den Fingern, um nicht in Tränen auszubrechen.
„Ich habe mir eine Stellung in Stockholm gesucht und sie bekommen“, sagte sie.
Frau Hallin war so niedergeschmettert und so böse, daß sie erst gar nichts zu sagen wagte. Sie fühlte, sie konnte nicht sprechen, ohne sich zu vergessen. Sie beugte sich nur tiefer über ihren Nähtisch, als beuge sie ihren Rücken unter einem Schlag.
„So“, sagte sie einsilbig.
„Ich konnte nicht anders!“ sagte die Tochter.
„Du konntest nicht anders?“
Frau Hallin sah wieder auf.
„Du hättest wenigstens so viel Vertrauen zu deinen Eltern haben können, daß du nicht hinter ihrem Rücken gehandelt hättest.“
„Ihr hättet es nicht zugelassen.“
Hastig und hart kam das heraus. Beide schwiegen eine Weile. Die Mutter konnte nichts antworten. Sie wußte, daß die Tochter recht hatte. Aber der Zorn gärte in ihr und in den Zorn mischte sich das Bewußtsein, besiegt zu sein.
„Ich konnte nicht anders!“ wiederholte Selma.
Und sie richtete ihre kräftige Gestalt auf, während brennendes Rot ihr Gesicht bis zu den Haarwurzeln färbte.
„Ich fange an, alt zu werden“, fuhr sie mit einem nervösen Zittern in der Stimme fort. „Vielleicht sterb’ ich als alte Jungfer, ohne je geliebt zu haben, ohne auf meinen Armen ein Kind gehalten zu haben, das ich mein nennen kann. Aber wenn ich das muß, so will ich wenigstens arbeiten lernen, lernen, mein eigenes Leben zu leben, so gut und so tüchtig werden, als mir möglich ist. Armselig genug wird es ja auch so. Aber wenn ich hier bleibe, werd’ ich ein schlechter Mensch!“
Die Mutter sah sie erstaunt an. Sie schämte sich geradezu, daß ihre Tochter solche Wünsche aussprechen konnte; und Selma verließ hastig das Zimmer, noch eh Frau Hallin ein Wort der Erwiderung hatte finden können.
Im Herbst zog Selma nach Stockholm und hinterließ im Vaterhaus das bittere Gefühl, daß sie sich dort nicht hatte wohl fühlen können.
Gustaf war jetzt noch allein daheim. Aber im Frühling machte er sein Abiturientenexamen, und dann ging auch er. Er hatte die Seinen mit der Erklärung überrascht, daß er auf eine Ackerbauschule wolle, und mit einem Seufzer gab der Adjunkt seine Einwilligung. Er war in einer Art froh darüber. Denn das war billiger, als wenn der Sohn auf der Universität gewesen wäre. Aber es kränkte ihn doch, daß sein Sohn nur ein einfacher Landwirt werden sollte.
„Wird nur ein tüchtiger Mann aus ihm, so ist das übrige ja gleichgültig!“ pflegte er zu sagen, wenn von der Sache die Rede war.
Aber Frau Hallin wußte, daß sie auch diesen Sohn verloren hatte, wie die Tochter. Und sie fühlte immer mehr, wie die Jahre auf ihr lasteten, die Jahre und die Einsamkeit.
Aber ihren ältesten Sohn wenigstens hatte sie noch; und der Gedanke an ihn genügte, ein Gefühl der Freude in ihr zu wecken, selbst wenn sie sich noch so niedergeschlagen fühlte. Er hatte seine Reizbarkeit und seine Grübeleien überwunden. Das letzte Jahr in Sollösa hatte einen ganz anderen Menschen aus ihm gemacht, und man prophezeite ihm allgemein eine Zukunft im Dienst der Kirche.