Pastor Hallin

Part 14

Chapter 143,871 wordsPublic domain

„Was hast du gesagt?“

Der Professor hielt in seiner Promenade inne, ganz verblüfft.

„Ich glaube wohl, daß du dich jetzt nicht mehr darauf besinnst. Du kümmerst dich ja überhaupt nicht um das, was ich sage. Das weiß ich wohl. Aber hab’ ich es nicht immer gesagt, -- die Sophie ist eine gemeine Person, auf die man sich nicht verlassen kann? Hab’ ich’s nicht gesagt?“

„Doch, Schatz“, sagte der Professor sanftmütig. „Das hast du freilich. Aber was hat das damit zu schaffen?“

„Was das damit zu schaffen hat? Ich versteh’ dich nicht, Abel! Was es damit zu schaffen hat? Wär sie nicht im Haus gewesen, so wär diese ganze greuliche Geschichte gar nicht passiert. Das weiß ich. Begreifst du das denn nicht?“

Die Professorin war puterrot im Gesicht, und ihre Miene bewies deutlich, daß sie diese Logik als ganz unbestreitbar ansah. Und da der Professor von alters her wußte, daß es keinen Zweck hatte, seine Frau davon überzeugen zu wollen, daß sie unrecht habe, so begnügte er sich damit, zu erwidern: „Tja, aber liebe Aurora, es ist nun einmal geschehen. Und darum frage ich dich um deine Ansicht als Mutter, was wir in der Sache am besten tun!“

Bei diesem Appell an ihr Mutterherz sank die Professorin wieder auf das Sofa zurück und rang verzweifelt die Hände.

„Kann ich das sagen? Wie soll ich das wissen? Ich sitze da und denke an das liebe Gotteswort, das wir heut vormittag in der Kirche gehört haben, und denke an meine kleinen Lämmer, die ich geboren habe; ich dachte, Gott würde gut zu ihnen sein. Das ist schrecklich, was du da sagst, Abel. Eine Mutter kann ihrem Kind nicht den Dolch ins Herz stoßen. Das bedenk doch, Abel!“

„Nein,“ sagte der Professor, „das verlange ich auch gar nicht. Aber sie kann verhindern, daß ihre Tochter sich mit verbundenen Augen ihrem Verderben in die Arme wirft.“

Die Professorin war eine Weile ganz still. Dann schüttelte sie den Kopf und begann wieder, sich hin und her zu wiegen.

„Axel? und dabei sieht er so gut aus! Wer hätte das von ihm geglaubt!“

Jetzt kam die Reihe, den Überlegenen zu spielen, an den Professor.

„Ich“, sagte er. „Ich hab’ es geglaubt! Wer hat ihn ins Haus gezogen und die ganze Geschichte eingefädelt?“

Das hätte der Professor nicht sagen sollen.

Seine Frau krampfte sogleich wieder die Hände zusammen und verdrehte die Augen. So erregt war sie, daß sie nicht sitzen bleiben konnte, sondern aufstand und auf ihren Mann zuging. „Ich, meinst du wohl?“ sagte sie. „Kannst du ehrlich sagen, ich sei’s gewesen? Abel! Gott ist mein Zeuge -- nie hab’ ich was anderes gewollt, als meiner Kinder Wohl! Soll ich auch daran schuld sein? Du willst wahrscheinlich auch behaupten, ich sei dran schuld, daß er Sophie geküßt hat!“

Bei den letzten Worten hatte die Stimme der Professorin einen etwas profaneren Klang. Aber jetzt verlor der Professor die Geduld.

„Herrgott!“ sagte er. „Kann man denn kein vernünftiges Wort mit dir reden? Verstehst du nicht, daß das eine ernste Sache ist?“

Die Professorin ließ die Arme sinken und sah ihn mit der Miene eines Opferlammes an.

„Was willst du denn, das ich tun soll?“ fragte sie. „Du weißt doch, ich gehorche dir in allem, soweit ich’s vor Gott und meinem Gewissen verantworten kann.“

„Also“, sagte der Professor, „dann geh hinein zu Gabrielle und sprich mit ihr. Ich weiß, es ist eine kitzliche Geschichte. Und darum kann auch nur eine Mutter sie in die Hand nehmen!“ schloß er voller List.

Dies letzte Argument bewegte die Professorin.

„Ich werd’s schon tun, Abel“, sagte sie. „Aber --“ und sie ballte erbost die Hände -- „diese Sophie! Morgen muß sie mir aus dem Haus!“

„Meinethalben“, sagte der Professor. „Nur daß der Skandal nicht ärger wird, als notwendig ist!“

Darauf ging er auf sein Zimmer und holte sich eine Extrazigarre aus dem Wandschrank, die er sich zur Belohnung für den Sturm des Nachmittages leistete. Er freute sich, daß die Sache so abgelaufen war. Er konnte nur gar nicht begreifen, daß seine Frau ihm nicht noch mehr mit alten, längst verjährten Geschichten gekommen war! Gewiß hatte sie es in der Hitze des Gefechtes vergessen. Und er zündete sich umständlich seine Zigarre an.

Als sich abends die Familie zum Essen versammelte, erschien Fräulein Gabrielle nicht; und am folgenden Tag ward dem Professor der unangenehme Auftrag zuteil, den Leutnant brieflich zu benachrichtigen, daß man sich in Zukunft seine Besuche in der Familie verbäte. Er schrieb an Gabrielle. Aber der Brief wurde ihm uneröffnet zurückgeschickt.

Sophie hatte schon am Sonntag abend ihren rückständigen Lohn erhalten und zum nächsten Morgen war ihr gekündigt worden.

Das Drama in der Familie des Professor Hallin war ausgespielt. Aber das Gerücht machte doch die Runde in der Stadt, und trotz aller Vorsichtsmaßregeln ließ sich die Sache nicht totschweigen. Die Erbitterung gegen den armen Leutnant war so groß, daß er auf einen ganzen Monat Urlaub nehmen mußte, damit die peinliche Affäre in Vergessenheit geraten konnte.

Manche behaupteten, er wäre an jenem Abend betrunken gewesen und hätte vor allen -- bei Tisch -- mit dem Dienstmädchen schön getan. Andere behaupteten, es wären... Umstände ...... die ihre Entfernung dringend forderten. Alle aber waren darin einig, die Professorin wäre eine prächtige Frau, daß sie solche Energie entwickelt hätte, wo es galt, ihre Tochter zu retten. Und alle hatten großes Mitleid mit Gabrielle. Pastor Simonson sagte, sie trage ihr Unglück mit einer Ergebenheit, die deutlich zeige, daß sie bei dem wahren Tröster Trost gesucht und gefunden habe.

Professor Hallin überließ seiner Frau gern die Ehre der ganzen Geschichte. Er fand sein Verhalten in der Sache recht wenig „weltmännisch“, und der Beifall von Gammelby schmeichelte ihm nicht sehr. Er wußte, hätte es nicht gegolten, Gabrielle zu retten, er hätte über die ganze Geschichte bloß gelacht.

Aber als Frau Hallin ihrem Mann die Geschichte erzählte, sagte sie: „Es kommt doch nicht bloß aufs Geld an in der Welt!“

Sechzehntes Kapitel

Es war ein sonniger Nachmittag Anfang Mai. Auf der Landstraße, die von Gammelby zum See führte, rollte eine altmodische Kutsche, bespannt mit zwei fetten Pastorengäulen. In der Kutsche saßen Ernst Hallin und sein Vater. Sie waren auf dem Weg nach einem Pastorat, das zwei Meilen von Gammelby lag und wo Ernst seine Laufbahn als Vikar antreten sollte.

Die Ordination war aufgeschoben worden, weil der Bischof krank und für einige Monate außerstande war, sein Amt zu versehen. Es waren Ernst zwei Stellen als Vikar angeboten worden, und er hatte wählen können. Sobald er eingekleidet war, wollte er eine davon antreten. Es hatte nicht geringe Verwunderung hervorgerufen, als er die Vikarstelle bei dem alten Propst Boklund in Sollösa annahm. Alle Welt wußte, daß er es bei Propst Baumann weit besser gehabt hätte, und der Adjunkt hatte alles versucht, um ihn zu überreden. Aber in diesem Punkt war Ernst unbeugsam, und so hatte man ihm schließlich seinen Willen gelassen. Die Mutter zerbrach sich den Kopf darüber, was zwischen den zwei jungen Leuten vorgefallen sein könne. Denn Ernst hatte seine Besuche bei Frau Pegrelli ganz aufgegeben, und sie brachte natürlich seinen Entschluß damit in Zusammenhang.

Ernst hatte sich nicht besonders verändert in dieser Zeit. Er war nur gefühlloser oder, wie Frau Hallin sagte, ruhiger geworden. Zu Eva war er eines Nachmittags gegangen, um sich zu verteidigen, war aber nicht angenommen worden, und seither war er nicht wieder dort gewesen.

Aber er sah noch immer ihre Augen, wie er sie damals, als er auf der Kanzel stand, auf sich gerichtet gesehen hatte. Ein Feuer brannte in ihnen, das ihn noch jetzt versengte; jedesmal, wenn er daran dachte, schoß ihm das Blut ins Gesicht; er hätte wer weiß was drum gegeben, wenn er diese Augen hätte vergessen können. Aber noch konnte er es nicht, und unaufhörlich klang es in ihm: „Das ist eine Feigheit, die Sie da begehen, eine Feigheit, die sich an Ihrem ganzen Leben rächen wird“.

Ein Hohn lag in dem Blick, ein Hohn, der ihn schmerzte und folterte, ein Hohn, dem er nicht entrinnen konnte, weil er tief in seinem Innern ein Echo fand.

Vergessen konnte er nicht, nein, aber er hatte sich daran gewöhnt, wie man sich an einen unbequem sitzenden Rock gewöhnt. Man sieht den Fehler, aber man denkt nicht mehr daran, und man tröstet sich damit, daß andere meist weniger kritisch sind, als man selbst.

So hatte Ernst gelernt, seine Schmach zu tragen, ohne mehr an sie zu denken; und als er nach dem Ort hinausfuhr, wo er seine Wirksamkeit im Dienste Gottes beginnen sollte, da war ihm fast froh zumut. Er sehnte sich danach, endlich wegzukommen von allem, von der Stadt, der Ordination, den Menschen, dem Vaterhaus, vor allem dem Vaterhaus, wo man ihn ausfragte, ihn beobachtete, ihn umsorgte wie einen Kranken.

Er war noch magerer geworden als früher. Sein Blick hatte etwas Scheues, als fürchte er sich, den Menschen ins Gesicht zu sehen; und wenn er es tat, war sein Blick hart und undurchdringlich. Er hatte auch ein paar Anfälle seines alten Leidens gehabt. Der Frühling ist gefährlich für Lungenkranke, und der Frühling war dies Jahr zeitiger gekommen als sonst. Er hatte das Wasser in den großen Strömen vertieft und die Flößerei in Gang gebracht. Er hatte auf den Feldern den Schnee geschmolzen, den Landmann an die Arbeit getrieben. Hatte die Luft lau gemacht und die Erde erwärmt, und hatte blaue und weiße Leberblümchen, Schneeglöckchen und Anemonen hervorgelockt. Die Zugvögel waren in den Norden zurückgekehrt; an den Weidenbüschen schimmerte es golden. Und die Luft war voll von Gesundheit und Leben, Frische und Wärme, Duft und Vogelsang. Aber Ernst hatte den Frühling nicht gesehen. Er war gekommen, ohne seine Sinne zu wecken. Er war an ihm vorübergegangen und hatte ihn in seinen Träumen gelassen; und der junge Mann war seines Wegs gegangen, müde und gebeugt, als stecke noch der Winter in ihm. Nicht einmal die Vögel, die in den großen Ulmen vor der Kirche zwitscherten, hatte er gesehen. Er ging jetzt auch selten mehr auf den Platz vor der Kirche.

Als er jetzt auf der breiten Straße dahinfuhr, die sich auf dem steilen Hang nordöstlich über den See von Gammelby windet, da fühlte er zum erstenmal deutlich und bewußt den Duft von Erde, Wasser, Blumen und neuerschlossenen Blättern, der im Frühling die Luft erfüllt. Er holte tief Atem und schloß die Augen, als gedächte er der Gefühle und Eindrücke vergangener Tage. Alles, was einst gewesen, schien ihm wie ein Traum, ein qualvoller, schmerzlicher, langer Traum. Und er seufzte auf, als wäre er eben erst erwacht, mit einem Seufzer der Erleichterung und Befreiung.

Da merkte er, daß der Wagen über eine Brücke fuhr. Er sah auf und erblickte ein niederes Brückengeländer, ein paar alte Tannen und einen tiefen Graben, in dem das Eis geborsten war und das Wasser braun einherschäumte. Eine Erinnerung wachte in ihm auf; eine Erinnerung, vor der er gleichsam verging. Der Ernst Hallin, der einst hierstand und diese selbe Landschaft betrachtete, der war ein Jüngling gewesen. Der, der jetzt hiersaß, war ein alter Mann, der kaum mehr etwas mit dem andern gemein hatte.

Er sah Eva, wie sie auf der Brücke stand, rosig, lächelnd, frisch wie ein Wintertag. Ihre klaren Augen strahlten ihm entgegen, als wollten sie ihm ein gesundes, kraftvolles, freudiges Leben bieten, ein Leben, das von keiner Lüge oder Feigheit befleckt war.

Ihm war, als täte die Stelle ihm weh in den Augen; er schloß sie und lehnte sich in den Wagen zurück.

Als er wieder aufblickte, ergriff ihn wieder das vorige Gefühl. Der Frühling nahm ihn gefangen, und er überließ sich mit einer Art Wollust dem Gefühl von Freiheit und Leben, das über ihn hereinflutete und ihm Vergessenheit brachte. Das andere war wieder nichts als ein böser Traum, der entschwunden war, und die rüttelnde Bewegung des Wagens, die frische Luft, das muntere Traben der Pferde, das Peitschenknallen, die Gegend, durch die sie fuhren -- alles gab ihm ein großes, fast unbeschreibliches Gefühl von Ruhe, in dem alle Gedanken einschliefen. Er fühlte sich körperlich müde von der Bewegung und der Luft, und er genoß diese Müdigkeit wie ein Ausruhen.

Der Adjunkt hatte auf ein paar Tage Urlaub genommen. Er war heiter und gesprächig und hätte am liebsten immerfort geschwatzt. Wieder einmal hinaus aufs Land zu kommen, Landmilch zu trinken und Landluft zu atmen, mit dem Propst von der Ernte reden und im Wald spazieren gehen, der um das Pastorat lag, das war für ihn ein Vergnügen, das er nicht oft zu kosten bekam.

Er hätte so gern recht heiter mit dem Sohn geplaudert. Aber er wagte es nicht. Wenn der Sohn so gedankenvoll war, so fürchtete der Adjunkt immer, er könnte ihn stören. Es war fast, als wäre ihm bang vor etwaigen Entdeckungen, die er lieber nicht machen mochte. So saßen Vater und Sohn nebeneinander, jeder in seiner Wagenecke, als wüßte der eine nichts von der Gegenwart des andern.

„Merkwürdig, wie alles schon ausgeschlagen hat!“ sagte der Adjunkt schließlich, gleichsam als Versuch, eine Unterhaltung in Gang zu bringen.

„Ja, die Birken haben schon große Knospen“, antwortete Ernst.

Die Fahrt ging in gemütlichem Tempo. Es waren des Propstes eigene Kutsche und des Propstes eigene Pferde, mit denen sie fuhren, und die Pferde waren nicht gewöhnt, sich zu überanstrengen. Fett und glänzend und braun standen sie winters und sommers in ihrem Stall und fraßen ihren Hafer und ihr Heu. Mußten sie einmal eine Meile oder zwei laufen, so ging der Propst immer erst selber in den Stall hinunter und fragte Johann, ob sie in der letzten Zeit viel hätten laufen müssen, und wenn Johann grade bei guter Laune war, so antwortete er: „Nein, sie können’s schon leisten“. War er aber aus irgend einem Anlaß schlechter Laune, so machte er alle nur möglichen Einwendungen. Entweder mußte das eine Pferd frisch beschlagen oder der Wagen geschmiert werden, oder auch hatte er einen ganzen Tag lang Wasser geführt und die Pferde mußten rasten. Dann mußte der Propst parlamentieren und Johann gut zureden. Denn Johann war schon lang auf dem Hof und hatte seinen eigenen Kopf. Und in dieser Sache hatte er fast ebensoviel zu bestimmen, als der Propst.

Diese Fahrt hauptsächlich war ihm ein Dorn im Auge. Der Propst hatte nämlich angedeutet, er müsse am Sonntagabend wieder nach der Stadt zurückfahren. Und Johann fand, das wären allzu große Umstände wegen eines armen Vikars. Von so einem machte man doch sonst kein so großes Wesen, meinte er. Der Propst hatte ihm ja freilich erklärt, der Vater des jungen Pastors sei ein alter Freund von ihm, und er besuche ihn nur auf seinen, des Propstes, ausdrücklichen Wunsch. Aber Johann hatte diese Erklärung nicht gelten lassen. Er glaubte steif und fest, es wäre nichts als eine Laune des neuen Vikars. Und darum fuhr er den ganzen Weg in möglichst sachtem Tempo und ließ die Pferde jede kleinste Steigung Schritt gehen. Als sie eine Meile gefahren waren, hielt Johann mitten in einem Wald an und fütterte die Pferde.

„Es ist zuviel für sie, wenn sie zwei Tage hintereinander vier Meilen machen müssen!“ sagte er.

Der Weg führte jetzt durch Waldgegend. Von den Tannen kam ein frischer Duft und die Sonne schien warm auf das feuchte Moos unter den Bäumen.

Plötzlich brach Ernst das Schweigen.

„Bist du hier schon einmal gewesen, Papa?“ fragte er.

„Nein“, sagte der Adjunkt. „Aber ich habe dir ja gesagt, daß du nicht zu Fremden kommst. Vor zeiten saß ein Bruder meines Großvaters hier als Propst bis zu seinem Tod.“ Ernst seufzte. Es irritierte ihn stets, wenn der Gymnasiallehrer von der Familie sprach, dieser entsetzlichen Familie, der er zum Opfer gebracht wurde. Und eine unerklärliche Angst bemächtigte sich seiner.

„Ist es noch weit?“ fragte er.

„Knapp eine Viertelmeile noch,“ lautete die Antwort vom Kutschbock.

Knapp eine Viertelmeile noch! Fünfzehn Minuten! Fünfzehn armselige Minuten! Wenn sie vorüber waren, so würden sie dort sein. Er erinnerte sich plötzlich, daß er vor ein paar Tagen beschlossen hatte, er wolle hier auf diesem langen Weg, wo er so gut Zeit hatte, offen mit dem Vater reden und ihm alles gestehen. Er blickte zum Wagen hinaus. Und er fühlte, daß ihm die Kraft dazu fehlte. Und jetzt war die Zeit vorbei. Ein großes von Wald umgebenes Ackerfeld lag vor ihm.

„Das gehört wahrscheinlich schon zum Pastorat. Dort zwischen den Bäumen seh’ ich ein großes rotes Gebäude“, sagte der Vater.

Ernst blickte hinüber; gleichzeitig ertönte lautes Hundegebell. Der Wagen fuhr durch ein offenes Gatter und hielt vor der Treppe eines rot angestrichenen zweistöckigen Hauses mit weißen Ecken und Fensterrahmen. Auf der Schwelle stand ein kleiner alter Mann mit rötlichem Gesicht und einem Filzhut auf dem Kopf und begrüßte sie. Die Hunde verstummten sogleich. „Willkommen“, sagte der kleine Mann. Und seine kleinen, etwas schrägstehenden Augen blinzelten freundlich. „Willkommen bei uns in Sollösa!“

Auch seine Beine standen ein bißchen schräg; er bewegte ungeschickt die Hände und hustete oft. Fast nach jedem zweiten Wort kam ein kurzes Husten, das klang, als bäte er um Entschuldigung, daß er geboren sei.

„Julie,“ rief er ins Haus, „sie sind da!“

Eine stattliche, ziemlich dicke Dame zeigte sich in der Tür. Sie ging den Herren lächelnd entgegen und reichte ihnen der Reihe und Ordnung nach eine weiße, fette Hand mit langen Fingern. Wie sie so neben dem kleinen Propst stand, sah er noch kleiner aus als vorher und sie noch größer.

„Treten Sie ein“, sagte sie und ging den Herren voraus. „Bitte, treten Sie doch ein!“

Und sie traten ins Haus, während der Wagen langsam dem Stall zu rollte.

Es lag eine eigentümliche Stille über dem alten Haus, eine Stille, die aus dem Hause selbst zu kommen schien und sich von da über den ganzen Hof, die Nebengebäude, bis zu den Feldern und dem Wald hin verbreitete. Sie lag und brütete gleichsam hinter den dichten Gardinen und grünen Holzjalousien, schlich sich von da in die Küche, wo nie die Kasserollen rasselten, wo die Mädchen nie keiften, hinaus in den Stall, in dem die fetten Pferde friedlich ihren Hafer kauten, während große Fliegen sie schläfrig umsummten. Stille lag schwer und schläfrig über dem alten Obstgarten, wo die Äpfel-, Birn- und Pflaumenbäume im Herbst voll von Obst standen, das in Stille gereift war, über fetten Gemüseländern, wo im Sommer Erbsen wuchsen und Kohl, große runde Kohlköpfe, und wo der alte Johann das Regiment führte, während die Pferde einsam kauend im Stall standen.

Bis zum Viehstall hin breitete sich die Stille. Die Kuhmagd sang nicht, wenn sie melkte, sie schrie nicht durch den Wald, wenn sie die Kühe zusammentrieb, sondern diese kamen ganz von selber, fromm und sittig, stellten sich am Gatter auf und ließen geduldig ihre vollen Euter in den dampfenden Kübel leeren. Still standen sie auch im Stall, wedelten in einförmigem Takt mit den Schwänzen, kauten melancholisch das trockene Heu oder lagen wiederkäuend da und starrten mit großen glänzenden Augen nachdenklich die Holzbalken der Decke an. Sogar der Stier schien sich das Brüllen abgewöhnt zu haben, und wenn ab und zu ein Hahn krähte, so klang das so störend schrill in die allgemeine Stille hinein, daß die Propstin von ihrem Stuhl im Wohnzimmer, wo sie saß und häkelte, auffuhr und sich die Ohren zuhielt.

Ebenso still ging es draußen auf Feld und Wiese zu. Die Knechte schrien die Ochsen, die am Pflug gingen, nicht an, und ein Fluch wäre hier ebenso undenkbar gewesen wie ein Mord. Schweigsam und ruhig zogen sie an den Zügeln, oder gebrauchten ärgerlich und wortlos die Peitsche; und die geduldigen Tiere beugten den Nacken unter dem Joch und zogen den Pflug durch die langen graden Furchen oder die Holzfuhre vom Wald heim oder die Heuwagen vor die Tür der großen, geräumigen Scheuer.

Denn dies Haus war ein heiliges Haus, und die darinnen wohnten, waren Diener des Herrn. Es lag keinerlei Heuchelei in ihrer Frömmigkeit; sie hatte nur dem ganzen Pastorat ein Gepräge aufgedrückt, als wären das Haus und seine Bewohner nicht von dieser Welt; und wenn die Bauern etwas mit dem Propst zu reden hatten und durch das grüne Gatter traten, so gingen sie immer mit sachten, zögernden Schritten über den Hof, und mancher gebeugte, grauhaarige Alte zog auf der Treppe die schweren Schuhe aus, eh er es wagte, vor die weiß angestrichene Türe zu treten, die sich so still in ihren wohlgeölten Angeln drehte.

Im Wohnzimmer mit seinen weißen Läufern, überzogenen Möbeln und halb herabgelassenen Gardinen saßen jetzt Ernst Hallin und sein Vater mit dem Propst, während die Propstin in der Küche ihre Befehle gab. Die drei Herren warteten auf das Mittagessen; sie schwiegen so lang, daß man das Ticken der alten Standuhr zählen konnte, die auf der Marmorplatte vor dem hohen Wandspiegel stand.

„Ja, es ist still und ruhig hier“, sagte der Propst endlich. „Aber der Friede des Herrn wohnt bei uns.“

Kaum ein Geräusch war im ganzen Haus vernehmbar. Durch die geschlossene Eßzimmertür drang nur ein undeutliches Klappern von Tellern, die leise aufeinander gestellt, und von Silber, das auf das Tischtuch gelegt wurde.

Der Propst hustete; denn keiner von den Herren antwortete.

„Hier wohnt der Friede des Herrn!“ sagte er ein zweites Mal. Der Adjunkt beeilte sich, die Worte durch ein Kopfnicken zu bekräftigen; Ernst hob die Gardine ein wenig und sah auf den Hof hinaus.

Vier Hunde lagen da und wärmten sich in der Sonne. Es waren zwei Hühnerhunde und zwei kolossale Hofhunde, von jeder Sorte ein Paar.

„Ja, die bewachen das Haus“, sagte der Propst und hustete. „Es ist nur schwer, ihnen das Bellen abzugewöhnen.“

„So“, sagte Ernst und fuhr fort, hinauszusehen. Der Adjunkt und der Propst fingen eine Unterhaltung über die letzten Veränderungen im Stift an.

Ernst beobachtete inzwischen, wie der Hühnerhund dalag und die große Hündin anblinzelte. Aber er wagte sich augenscheinlich nicht an sie, weil er vor dem großen Hofhund Angst hatte.

Die große Hündin blinzelte zurück; zuletzt erhob sie sich, gähnte laut auf, streckte sich und verschwand gemächlich hinter dem einen Nebengebäude.

Jetzt erhob sich auch der Hühnerhund, warf einen forschenden Blick auf den anscheinend schlafenden Hofhund, gähnte, streckte sich und verschwand ebenfalls hinter demselben Nebengebäude, aber in der entgegengesetzten Richtung.

Die verlassene Hühnerhündin und der große Hofhund lagen jetzt einsam auf dem sandigen Hofplatz.

Der Hofhund hob langsam den Kopf und blickte sich um. Er knurrte, das Fell sträubte sich auf dem kraftvollen Rücken, und mit majestätischen Schritten verschwand auch er hinter dem Nebengebäude, auf derselben Seite wie die Hündin.

Mit einer gewissen Spannung wartete Ernst auf den Tumult, der jetzt gleich die quälende Stille unterbrechen mußte.

Aber es entstand kein Tumult. Der Hühnerhund und die große Hündin kamen mit hängenden Ohren jedes von seiner Seite des Nebengebäudes und legten sich auf ihre alten Plätze in den Sand, gähnten und blinzelten ins Leere, als hätten sie nie andere als die allerunschuldigsten Absichten von der Welt gehabt.

Zuletzt kam auch der große Hofhund wieder, einsam und majestätisch, und legte sich auf seinen Platz vor der Treppe. Einmal noch hob er den Kopf und knurrte den Hühnerhund an. Dann glättete sich das Fell auf seinem Rücken, der Kopf sank zwischen die gewaltigen Vordertatzen und die Augen schlossen sich.

Ernst unterdrückte ein Lachen.

„Beißen sie sich nie?“ fragte er und errötete selbst über seine kindische Frage.

„Nein“, erwiderte der Propst und schüttelte den Kopf. „Die beißen sich nie.“

Wieder hörte man das gleichmäßige Ticken der Uhr durch die Stille. Von der Eßzimmertür zum Fenster lief ein langer Streifen von Staubwirbelchen, die in allen Regenbogenfarben spielten.

Nun öffnete sich leise die Tür; ein Dienstmädchen in schlichter Kleidung mit glattgestrichenem Haar verkündete, das Essen wäre bereit.