Part 13
Als er gegangen war, wanderte Eva lange im Zimmer auf und ab, um die Tränen niederzuringen, die hervorbrechen wollten. Ernst eilte raschen Schrittes heim. In ihm stürmten die Gedanken, und nur eins fühlte er klar: er mußte die Ruhe finden, seinen eigenen Weg zu gehen. Der Weg, den Eva ihm gezeigt hatte, der war zu schwer. Den konnte er nicht gehen. Als er in seinem Zimmer war, setzte er sich an den Schreibtisch, dem Vater gegenüber, der sich eben auf den Unterricht für morgen vorbereitete. Er nahm seine Predigt hervor, um sie noch einmal durchzugehen. Und seine Augen fielen auf die Textworte: „Sprach Jesus zu Simon Petrus: Simon, Jona Sohn, liebst du mich mehr, denn mich diese lieben? Er antwortete: Ja, Herr, du weißt, daß ich dich liebhabe. Sprach er zu ihm: Weide meine Lämmer!“
Ernst versank in Gedanken. Er grübelte darüber nach, was diese Worte ihm zu sagen hatten. War es ein Trost oder eine Anklage?
Er wußte es nicht.
Vierzehntes Kapitel
Der Schlußchoral wurde gespielt, und der junge Pastor stieg von der Kanzel herab.
Über der Gemeinde lag ein Gefühl der Freude und des Friedens. Denn alle wußten, der Weinberg des Herrn hatte einen neuen Arbeiter gefunden, der die jungen Ranken lehren würde, gute Frucht zu tragen, und die alten ermahnen, daß sie besser trügen denn zuvor. An einem Punkt der Predigt hatte sich des Bischofs Antlitz umwölkt; das war, als Pastor Hallin davon sprach, was der Herr von denen fordert, zu denen er in Wahrheit sagen kann: Weide meine Lämmer! Denn der Pastor stellte gar so hohe Anforderungen, so jugendlich hohe Anforderungen. Aber des Bischofs Antlitz klärte sich doch wieder merklich, als der Pastor davon sprach, daß Gott barmherzig ist. Und von da an blickte er ruhig und sicher über die Gemeinde hin und zur Kanzel empor. Ja, als der Pastor Amen sagte, da nickte der Bischof sogar ein wenig mit dem Kopf, als könne er es nicht lassen, seinen Beifall zu erkennen zu geben.
Die Gemeinde war befriedigt. Viele hatten des Bischofs Nicken bemerkt, wenn auch seine Unruhe ihnen entgangen war. Und ein Seufzer der Befriedigung und des Behagens ging durch die Versammlung, als die Predigt zu Ende war, und viele, die dasaßen, freuten sich im stillen, daß Adjunkt Hallins Sohn es so gut gemacht hatte.
Der Adjunkt selber blickte schweigend vor sich nieder. Er dachte an seine Toten, seinen Vater und dessen Brüder, an seinen alten Großvater, den er als kleiner Knabe noch gekannt hatte. Er erinnerte sich so gut noch seiner schwarzen Strümpfe und Kniehosen, er entsann sich, wie zierlich und schmuck er, auf den alten Stock mit der goldenen Krücke gestützt, durch die Straßen gegangen war. Er fühlte, jetzt kam die Familie wieder ins rechte Geleise. Die alten Traditionen würden wieder aufleben, und in ihrem Schatten würde sein Sohn in Frieden leben und wieder sammeln, was die letzte Generation verschleudert hatte. Mit einem Seufzer dachte der Adjunkt daran, wie er selbst es hätte haben können, wenn er nicht seiner unglückseligen Lust zum Studieren nachgegeben hätte. Die alten Sprachen, die waren es, die hatten ihn zugrunde gerichtet, die hatten ihn ins Studium hineingelockt und ihm ein Leben in der Schulstube aufgezwungen, in dem er nicht einmal mehr Zeit gehabt hatte, seiner alten Liebe nachzugehen. Wäre er Pastor geworden, ja, das wäre ein ganz ander Ding gewesen. Da hätte er zwischen den Sonntagen gut Zeit gehabt, sich in seine geliebten alten Klassiker zu vertiefen. Mit einer Pfeife im Mund hätte er nachmittagelang in seinem behaglichen Studierzimmer sitzen und in ländlicher Ruhe die alte Studienzeit wieder und wieder durchleben können, bis der Tod ihn zu seinen Vätern versammelt hätte. Jetzt würde er sich auf seine alten Tage nur über den Sohn freuen können, und in das Gefühl dieser Vaterfreude mischte sich ganz unwillkürlich ein Seufzer über sein eigenes Leben.
Und zu denken, daß er ohne Geldsorgen hätte leben können, wenn er es nur verstanden hätte! Nur daran zu denken!
Und dem Adjunkt wurden die Augen feucht, während er sie aufschlug und scheu über die Versammlung hinblickte, um zu sehen, was man von seinem Sohn dachte.
Da fühlte er neben sich eine Hand, die nach seiner tastete, und er drückte diese Hand und nickte gerührt auf seine Frau herab, die über das Taschentuch, das sie vors Gesicht hielt, um ihr Schluchzen zu unterdrücken, zu ihm aufschaute. Er war voller Dankbarkeit für diese arbeitsame Hand, die so treu und unablässig tätig war und nie vergaß, die seine zu suchen. Er hustete ein bißchen, drückte nochmals die Hand seiner Frau und nahm dann die Brille ab, um sich die Augen zu wischen. Dann schneuzte er sich laut und blickte mit klaren Augen um sich.
Frau Hallin beugte sich, sobald die Predigt aus war, auf ihrem Sitz vor und ließ ihren Tränen freien Lauf. Sie betete alle Gebete nach Schluß der Predigt mit dem Sohn; ihre Lippen bewegten sich eifrig. Die Worte waren dieselben, wie immer, aber ihre Gedanken gingen ihren eigenen Weg; sie betete nicht die gewöhnlichen Gebete für den König, die Kriegsmacht, sie betete für ihren Sohn, betete aus ganzer Seele und legte in das Gebet all ihre Liebe für ihr Kind, das sie auf den Armen getragen, um das sie gebangt und gesorgt hatte, sein ganzes Leben lang, seit er als schwaches, kränkliches Knäblein an ihrer Brust gelegen hatte, und der sie heute so glücklich machte, wie sie kaum je gewesen war. Sie hatte keinen Gedanken für sich selber, nur ein einziges großes Gefühl von Ruhe und Seligkeit; und sie dankte ihrem Gott.
Dann nahm sie die eine Hand vom Gesicht und legte sie in ihres Mannes Hand. Und als der erste Vers des Chorals gesungen war, richtete sie sich auf und versuchte mitzusingen. Die Buchstaben sah sie nicht; aber sie wußte die Worte auswendig. Als der Gesang aus war, erhob sich der Bischof und ging in die Sakristei.
Eine aber war da, die während der ganzen Predigt einen kalten, fast strengen Ausdruck gezeigt hatte. Diese eine war Eva Baumann. Sie saß die ganze Zeit über und fixierte den jungen Pastor. Es war ihr ganz unbegreiflich, wie dieser selbe Mann, der noch vor zwei Tagen seiner selbst so unsicher, so von Zweifeln zerrissen gewesen war, jetzt so ruhig und sicher reden konnte, daß eine ganze Gemeinde ihm lauschte und seinem Wort vertraute. Sie wog jedes Wort, das er sagte; und es war nicht allein des Bischofs Antlitz, das sich umwölkte, als Pastor Hallin von des Herrn Anforderungen an die sprach, zu denen er in Wahrheit sagen konnte: Weide meine Lämmer! Ihr war, als hasse sie diesen Mann, hasse und verachte ihn so tief, wie keinen andern auf der Welt. Als er später von Gottes Barmherzigkeit sprach, da konnte Fräulein Eva ein kleines böses Lächeln nicht unterdrücken. Denn sie stellte in der Tat hohe Anforderungen -- in allen Lebensverhältnissen. Und als er Amen sagte, da klang das Wort in ihren Ohren so falsch, daß es ihr förmlich weh tat. Sie beugte nicht das Haupt, als die Gebete gelesen wurden, sondern blieb aufrecht sitzen und sah den Pastor an und freute sich, daß er es bemerkte. Denn sie wußte, er mußte ihre Gedanken verstehen!
Ehe der Schlußchoral gesungen war, ging sie hinaus und direkt nach Hause. Sie mochte nicht antworten auf Fragen, wie ihr die Predigt gefallen habe.
Als der Segen gesprochen und der letzte Vers verklungen war, traten auch der Adjunkt und seine Frau aus der Kirchentür. Draußen auf dem freien Platz ergriff Frau Hallin ihres Mannes Arm, und Arm in Arm schritten die Gatten durch die Menschenmenge, die aus der Kirche strömte. Sie wollten es beide vermeiden, sich umzusehen; aber sie konnten es doch nicht lassen. Die Versuchung, zu sehen, wie andere am Erfolg des Sohnes teilnahmen, war zu groß. Sie folgten dem großen Strom der Kirchenbesucher, statt, wie sie gewollt hatten, in einen der Nebenwege abzubiegen, begrüßten erst ein paar Bekannte, dann noch ein paar. Auf dem Wege aus der Kirche schickte es sich ja nicht, so heranzustürzen und zu gratulieren. Aber Freunde und Bekannte drückten ihnen im Vorbeigehen die Hand, und alle warfen ihnen bedeutungsvolle Blicke zu und lächelten sie an. Jetzt kamen ihnen der Professor Hallin und seine Frau entgegen. Verwandte konnten einen auch an einem solchen Tag von der Kirche heimbegleiten. Eigentlich war die Begegnung der Mutter im Innersten unangenehm. Die Schwägerin war nicht der Mensch, den sie in diesem Augenblick gern sehen mochte. Aber es ließ sich nun einmal nicht vermeiden, und sie mußte sich in ihr Schicksal fügen.
Auch die Professorin empfand etwas wie Unbehagen, als sie ihren Verwandten entgegenging. Sie wußte, sie konnte sich nicht in dem religiösen Stil ausdrücken, den Frau Hallin mochte, und sie hätte es doch so gern getan. Es reizte sie, daß die Schwägerin sie so gering achtete, als ob sie nicht grade so gottesfürchtig wäre, wenn sie auch nicht reden konnte wie ein Buch.
„Liebe Ebba!“ sagte sie und drückte der Schwägerin die Hand. „Wie glücklich mußt du sein! Das war wirklich Gottes Wort, was wir heute gehört haben!“
Der Professor nahm seinen Bruder beiseite, und die beiden Herren gingen voraus.
Frau Hallin drückte ihrer weltlichen Schwägerin die Hand, so warm sie konnte; aber ihr danken -- das war unmöglich.
„Möchte er seinen Erfolg doch in der rechten Weise aufnehmen!“ sagte sie.
Aber ihre Stimmung war gestört; und als sie sich von Professors verabschiedet hatte und am Arm ihres Mannes den kurzen Weg nach Hause ging, dachte sie mehr an die Schwägerin als an den Sohn. Und sie warf sich selber vor, daß sie sich von den kleinen Widerwärtigkeiten des Lebens beeinflussen ließ.
Als Ernst Hallin in die Sakristei trat, hatte er zuerst nur ein Gefühl der Scham. Er konnte gar nichts anderes denken, als daß alle Menschen ihn durchschaut haben müßten, gesehen, was für ein Zweifler er war. Und dennoch hatte er nicht gezittert. Klar und deutlich hatte er alles ausgesprochen -- all das, was ihm und seinem Leben das Urteil sprach.
Ganz in Gedanken trat er vor den Spiegel. Er betrachtete sein Gesicht, und etwas wie Mitleid mit sich selbst überkam ihn. Ein forschender Blick kam in seine Augen, als suche er nach irgendeinem Zug, der seine geheimen Gedanken verraten könnte. Da öffnete sich die Tür und der Bischof trat über die Schwelle. Hoch und gebieterisch, den Rock bis an den Hals zugeknöpft, das Käppchen auf dem kahlen Scheitel, stand er da und betrachtete den jungen Geistlichen. Etwas Drohendes lag in seiner Erscheinung, fand Ernst. Und die Kehle ward ihm ganz trocken vor Schreck.
Jetzt kommt das Urteil! dachte er. Und gleichzeitig empfand er eine Art dumpfer Ruhe. Es war ihm alles im Grunde so gleichgültig. Mochte denn kommen, was kommen wollte.
Er sah auf und begegnete dem Blick des Bischofs.
Der war aber ganz klar und ruhig, und Ernst glaubte sogar Zufriedenheit darin zu lesen.
„Ich wollte Ihnen Glück wünschen!“ sagte der Bischof. Und er streckte seine Hand aus und schüttelte die des jungen Geistlichen.
„Solche junge Kräfte können wir brauchen -- wir brauchen sie, um den Kampf gegen all das Schlimme zu führen, das sich in unserer Zeit regt.“
Es dauerte eine Weile, ehe Ernst Hallin sich von seiner Überraschung erholte. Aber nach und nach begriff er doch, daß er sich über die Absichten des Bischofs getäuscht hatte. Er begriff, daß er einen Erfolg gehabt hatte, daß dieser Tag für ihn ein Tag des Triumphes war, und daß der, der ihm das jetzt sagte, der Oberste im ganzen Stift war.
Er verbeugte sich tief; eine lebhafte Röte färbte seine Wangen. Fast gegen seinen Willen überschlich ihn ein Gefühl der Befriedigung, fast des Stolzes. Er begann, sich selber über die Antipathie zu wundern, die er erst gegen den Bischof gehegt hatte. Der war ja ein so guter, freundlicher Mensch, gar kein „Prälat“, zum mindesten nicht hier, unter vier Augen.
Er sah auf und begegnete wieder dem Blick des Bischofs, der durchdringend auf ihm ruhte.
„Sie sind wahrscheinlich recht müde, Herr Kandidat“, sagte der Bischof. „Sonst möchte ich gern ein paar Worte über die Predigt sagen!“
Er setzte sich und machte eine Handbewegung, die den andern aufforderte, Platz zu nehmen.
„Da war eine Stelle in Ihrer Predigt, Herr Kandidat,“ begann er, „die mich zuerst beunruhigte. Das war, als Sie von den Anforderungen sprachen, die an die Ehrlichkeit der Diener Gottes gestellt werden. Sie waren streng, Herr Kandidat, die Jugend ist immer streng; und das schadet auch nichts, wenn man es nur in der rechten Art ist. Man muß sich, sagten Sie, ehe man sich entschließt, ein Verkünder des Gotteswortes zu werden, genau bedenken, ob man den Herrn mehr liebt als jene. Mit ‚jenen‘ meinten Sie die andern Menschen, Herr Kandidat. Das ist ganz richtig gesagt. Aber was die Hauptsache ist in unserer Zeit -- man darf die Menschen nicht von der Kirche, vom Dienst der Kirche, zurückschrecken. Es wäre z. B. eine übertriebene Gewissenhaftigkeit, wenn ein junger Mann, der sich dem Herrn weihen will, davon abstünde, weil er sich in seiner Jugend seines Glaubens nicht so ganz sicher fühlt, daß er ohne Bedenken den Priestereid schwören kann. Glauben Sie mir, Herr Kandidat, viele von denen, die heute zu den Ersten der Kirche gehören, sind mit Furcht und Zittern in ihren Dienst getreten. Aber es ist etwas Großes, die Gewißheit, daß der Herr dem, der ihm dient, Kraft verleiht.“
Ernst fühlte sich jammervoll gedemütigt und klein. Es kam ihm vor, als ahne der Bischof doch etwas von dem, was in ihm vorging, und als er in das herrische Gesicht blickte, hatte er die Vorstellung, daß da der Versucher vor ihm saß, der Macht über ihn hatte. Er fühlte selbst, wie er sich vor diesem kalten Blick beugte. Und doch hätte er gleichzeitig am liebsten widersprochen, hätte frei herausgeredet, laut und offen erklärt, daß das falsch sei. Es brannte geradezu in ihm. Aber er schwieg, und in ihm erwachte aufs neue das alte Gefühl feindseligen Mißtrauens.
Er erwiderte nichts, sondern senkte nur schweigend das Haupt. Und der Bischof dachte bei sich selbst, daß hier der Same zu einem guten Arbeiter im Weinberge des Herrn läge. Aber noch war dieser Geist stolz und mußte gebrochen werden, noch waren seine Gedanken unstet und bedürften der Beruhigung; darum mußte er fort -- irgendwohin, wo er sich sammeln konnte. Am liebsten aufs Land, wo er volle Ruhe hatte.
Der Bischof lächelte und nahm seinen Hut.
„Ich sehe, Sie sind müde, Herr Kandidat“, sagte er. „Sie sehen blaß aus. Wie steht’s mit Ihrer Gesundheit?“
„Ich habe immer eine schwache Brust gehabt“, sagte Ernst.
Beide Herren erhoben sich. Der Bischof lächelte freundlich und klopfte dem jungen Mann väterlich auf die Schulter.
„Wir müssen irgendeinen ruhigen Platz auf dem Land für Sie ausfindig machen. Das wird Ihnen körperlich gut tun -- und auch seelisch“, fügte er hinzu.
Ernst versuchte einen Dank hervorzustottern; aber die Worte wollten ihm nicht über die Lippen. Der Bischof schüttelte ihm ruhig die Hand und ging.
Als Ernst allein war, zog er hastig den Überzieher an und eilte hinaus, um heim zu kommen, ehe die Leute aus der Kirche strömten.
In seinem Zimmer setzte er sich ans Fenster und blickte auf den Domplatz hinab. Die Glocken fingen an zu läuten, Menschen gingen in Scharen, lebhaft plaudernd, unter den hohen Bäumen hin, und auf den schmelzenden Schnee schien warm die Sonne.
Lange blickte er auf die Aussicht, die er so wohl kannte. Wie oft hatte er diese selben Menschen in ganz derselben Weise so daherkommen und auf der Straße um die Ecke verschwinden sehen. Jetzt sprachen die alle von ihm. Er zog sich vom Fenster zurück, hinter die Gardine, damit niemand ihn sehen sollte. Aber er fuhr fort, hinauszuschauen, als wolle er gierig nachzählen, wie viele von seinen Bekannten da wären.
Da sah er Vater und Mutter, die vom Onkel und seiner Frau Abschied nahmen und dann unter dem Fenster, wo er stand, vorübergingen. Sie blickten suchend herauf. Und Ernst trat hastig ins Zimmer zurück. Er hielt den Atem an und lauschte.
Jetzt traten sie unten ins Haus. Es war ganz still; er wußte, daß sie ihn suchten.
Zuletzt hörte er des Vaters Stimme auf der Treppe: „Bist du droben?“
Und dann Schritte, die sich näherten.
Die Tür ging auf und die Eltern traten ein. Beider Gesichter strahlten; der Mutter sah man es an, daß sie geweint hatte.
„Warum bist du denn hier?“ fragte sie. „Allein, wie gewöhnlich. Wir haben drunten überall nach dir gesucht.“
Sie umarmte ihn, während ihr die Tränen aus den Augen strömten.
„Laß mich dich ansehen“, sagte sie. „Ich kann es noch gar nicht fassen!“
Nach ihr kam die Reihe an den Vater.
„Du hast deinen Eltern eine große Freude gemacht, mein Junge. Gott segne dich!“
Und die Hand, mit der er die des Sohnes drückte, zitterte.
Ernst fühlte sich ganz unbeschreiblich glücklich. Fast kamen ihm Zweifel, ob er auch an dies Glück glauben dürfe. Aber vor allem brauchte er Ruhe, er mußte wenigstens ein paar Augenblicke ungestörte Ruhe haben. Die Freude der Eltern machte ihn seiner selbst so sicher.
Als die erste Erregung sich etwas gelegt hatte, fragte die Mutter: „Nun, und was hat der Bischof gesagt?“
„Der Bischof war sehr zufrieden“, erwiderte Ernst.
Und der Adjunkt seufzte erleichtert auf.
Fünfzehntes Kapitel
Professor Hallin hatte nach der Entdeckung im Vorzimmer einen harten Kampf mit seiner natürlichen Gutmütigkeit zu bestehen, ehe er sich dazu entschloß, unter diesen Verhältnissen dem ihm verhaßten Schwiegersohn denn doch den Abschied zu geben.
Einerseits schämte er sich gewissermaßen bei dem Gedanken, daß er zu seiner Frau von dieser Entdeckung sprechen sollte. Denn er war sich wohl bewußt, daß er keineswegs derjenige war, der das Recht hatte, den ersten Stein zu werfen; und wäre sein Schwiegersohn ein Kerl gewesen, den er hätte leiden mögen, ein frischer, tüchtiger, strammer Kerl, und die Professorin hätte etwa die fatale Entdeckung gemacht und sie zu einem Bruch ausnützen wollen, so würde der Professor zweifellos geantwortet haben: „Lieber Schatz, warum soll man das Mädel damit beunruhigen? Nimm dir den Jungen unter vier Augen vor und lies ihm ordentlich die Leviten, wenn du willst. Aber mach’ um Gottes willen keinen Skandal. Die ganze Sache ist nichts weiter als eine Bagatelle, über die man nur lachen kann. Du bist doch selber lang genug verheiratet, und müßtest dich auf die Männer verstehen!“ Außerdem fürchtete der Professor auch ganz im Ernst das Gerede, das die Geschichte in Gammelby herausfordern würde.
Aber andrerseits dachte der Professor doch, wenn er seine Tochter auf irgendeine Art davor bewahren könnte, ihr Leben lang an diesen widerwärtigen Menschen gekettet zu sein, an den sie ihr junges, vielleicht nicht ganz unschuldiges Herz gehängt hatte, so wäre es wohl der Mühe wert, daß man darum einen kleinen Skandal aushielte. Und schließlich -- er wollte gern sein Gewissen mit ein bißchen Jesuitenmoral beschweren, wenn er nur diesen verwünschten Leutnant zukünftig nicht mehr zu sehen brauchte.
So wartete er denn auf eine Gelegenheit, diese ernsthafte Unterredung mit seiner Frau anzuschneiden. Es sah aus, als ließe sich diese Gelegenheit recht schwer finden. Denn zwei volle Tage vergingen, ohne daß der Professor auch nur eine Andeutung hätte anbringen können; und inzwischen kam und ging der Leutnant nach wie vor im Hallinschen Haus ein und aus. Es war seltsam -- sooft der Professor von der Sache anfangen wollte, blieb ihm das Wort im Halse stecken. Denn er hörte schon im Geist die Anspielungen, die seine Frau anläßlich dieser heiklen Geschichte machen würde.
Am Sonntag kam der Leutnant, wie gewöhnlich, zum Essen; und dem Professor machte es ordentlich Vergnügen, während des Essens die aufgeregte Miene des Zimmermädchens zu beobachten, wenn sie servierte. Der Leutnant dagegen war heiter und unbekümmert und saß, sooft er nicht Löffel oder Gabel in Gebrauch hatte, mit Gabrielles Hand in seiner am Tisch. Nach dem Essen zog Gabrielle ihren Axel mit sich in den kleinen Salon, wo sie vor dem Kaffee ihr Schäferstündchen miteinander feierten.
Der Professor blickte ihnen ergrimmt nach.
„Heute muß es sein!“ dachte er. „Heute oder nie!“
Glücklicherweise war der Leutnant nachmittags nicht frei und verabschiedete sich zu des Professors Freude zeitig; und Gabrielle, die jeden derartigen selbständigen Schritt seitens ihres Leutnants als eine persönliche Kränkung empfand, zog sich augenblicklich in ihr Zimmer zurück, wo sie sich aufs Sofa setzte, ihr Taschentuch zerbiß und schmollte. Nicht einmal einen Kuß hatte sie ihm gegeben, als er ging. Und er war trotzdem gegangen. Und das ärgerte sie.
Die Professorin begriff nicht, weshalb ihr Mann im Wohnzimmer sitzen blieb, statt, wie gewöhnlich, auf sein Zimmer zu gehen; sie dachte eben darüber nach, wie sie ihm ein paar freundliche Worte für diese Aufmerksamkeit sagen sollte, als der Professor ganz plötzlich aufstand und sich neben sie aufs Sofa setzte. Sein Gesicht zeigte einen ungewöhnlich feierlichen Ausdruck, und er legte ihr die Hand auf den Arm.
„Aurora,“ sagte er, „es ist eine recht böse Geschichte, über die ich heut’ mit dir sprechen muß.“
Sie sah auf und erschrak über ihres Mannes feierliches Aussehen.
„Gott, Abel, was ist denn?“
„Beruhige dich“, sagte der Professor. „Es ist eine unangenehme Geschichte, aber wenn wir sie nur klug angreifen, so wird noch alles gut. Und ich verlaß mich ganz auf meine verständige, gute kleine Frau.“
Er machte einen Versuch, den Arm um sie zu legen, aber sie entglitt ihm und faltete nervös die Hände.
„Was ist es, Abel?“ fragte sie. „Quäl mich nicht länger. Du jagst mir einen solchen Schreck ein, daß ich ganz verrückt werde. Sag’ mir doch um Gottes willen, was es ist.“
Der Professor heftete die Augen auf die gegenüberliegende Wand und sah ungeheuer ernsthaft aus.
„Es betrifft unsere Kinder, Aurora“, sagte er.
„So denk, daß ich die Mutter bin! Herrgott im Himmel, was du herzlos bist!“
„Tja“, sagte der Professor und ging mit einem Ruck grade auf die Sache los. „Eine angenehme Geschichte ist es nicht, weiß Gott. Aber Gabrielle muß mit dem Leutnant brechen. Wenigstens seh’ ich keinen andern Ausweg.“
„Sie muß mit dem Leutnant brechen?“
Die Professorin fuhr im Sofa herum und sah ihren Mann an, als wolle sie ergründen, ob er im Ernst spräche. Da sein Gesichtsausdruck keinerlei Zweifel hierüber zuließ, griff sie zu dem Mittel, daß sie immer anwandte, wenn sie nichts zu sagen wußte. Sie fing an zu weinen und stammelte unter Tränen und Schluchzen abgerissene Worte und Sätze hervor, die so gefühlvoll und herzbeweglich klangen, daß sie selber immer gerührt ward über ihre Weichheit, die nicht für diese harte Welt geschaffen war. Aber auf den Professor hatte das leider keine Wirkung. Er hatte im Lauf der Jahre erfahren, daß diese stürmischen Ausbrüche keineswegs so ganz ohne Berechnung erfolgten.
„Wein’ doch nicht, Aurora,“ sagte er gereizt, „sondern hör’ auf das, was ich sage.“
„Du weißt doch, ich bin kein Held, Abel. Ich ertrage nicht viel... Und was soll dann aus Gabrielle werden?... Mein Kind... unser Kind... Sie überlebt es nicht... und ihre arme Mutter wird ihr bald genug folgen...“
Das Schluchzen ward übermächtig, und die Professorin weinte so bitterlich, daß sie keinen Ton mehr herauszubringen vermochte.
Der Professor ging ruhig im Zimmer auf und ab. Er wußte, wenn sie sich müde geweint hatte, würde sie von selbst still werden, und unbewegt wartete er auf die Gelegenheit zu sprechen, die ja bald kommen mußte.
Als das Getue im Sofa ein bißchen nachließ, sagte er darum kaltblütig:
„Ich habe ihn am Donnerstag nach der Gesellschaft dabei überrascht, wie er das Zimmermädchen küßte.“
Die Professorin setzte sich im Sofa auf. Der Tränensturm war mit einem Male gänzlich verrauscht.
„Du bist doch sonst nicht so streng in solchen Dingen, Abel“, sagte sie giftig.
„Aha, nun kommt’s!“ dachte der Professor.
Laut sagte er: „Ich kann doch nicht glauben, daß du dein Kind einem Mann überlassen möchtest, der es schon vor der Hochzeit hintergeht.“
„Nein, natürlich, dir wäre es sympathischer, wenn er bis nach der Hochzeit wartete. Aber hab’ ich es nicht immer gesagt? Hab’ ich’s nicht immer gesagt?“