Pastor Hallin

Part 11

Chapter 113,817 wordsPublic domain

Eine allgemeine Bewegung entstand. Professor Kumlander brach mitten im Gespräch mit der Bürgermeisterin ab und wies mit bedeutungsvoller Miene nach dem oberen Stockwerk. Professor Eneman blieb noch eine Weile stehen und redete weiter, um zu zeigen, daß er Selbstbeherrschung besaß. Aber ganz von selbst bewegten sich seine Beine, und die Hand, die er in die Seite gestemmt hatte, machte lebhafte Gesten, wie um die Unterhaltung zu beschleunigen. Die Herren im Speisezimmer waren schon alle nach oben verschwunden, und Professor Bruhn erhob sich beim ersten Laut und sagte mit sichtbarer Erleichterung: „Na, endlich!“

Der Bischof blieb in seinem Lehnstuhl sitzen.

„Ich komme in einem Weilchen auch“, sagte er.

Nur der Bräutigam und Pastor Simonson wollten überhaupt lieber bei den Damen bleiben.

Ernst Hallin hatte sich mit einem kleinen Seufzer entschlossen, mit den Herren zu gehen. Er wußte ja, wie es da drin bei der Jugend war. Die jungen Mädchen und Herren saßen um einen Tisch und machten Gesellschaftsspiele. Sie warfen sich ein Taschentuch zu und sagten dabei ein Wort, auf das der andere einen Reim finden mußte; und wer keinen Reim fand, mußte ein Pfand geben. Oder sie machten Schreibspiele. Oder einer ging ins andere Zimmer, und die übrigen dachten sich irgend jemand. Dann wurde der Betreffende wieder hereingerufen und mußte durch Fragen erraten, an wen die andern gedacht hatten. Oder spielten sie Porträt und Motto, oder Ringsuchen, oder irgend so was Ähnliches.

Dazwischen hinein waren Pausen, in denen geschwatzt wurde, allerhand Geschichten, auch ein bißchen Klatsch. Und alle waren schrecklich vergnügt, redeten und schrien durcheinander, stießen mit ihren Wein- und Punschgläsern an und lachten und verführten ein Wesen, daß die Alten draußen manchmal verstummten, um ihnen zuzuhören.

Denn bei Professor Hallins, das wußten die jungen Leute alle, waren sie ungestört; keine Mama oder Tante kam da und guckte plötzlich zur Tür herein, um nachzusehen, was sie trieben. Sie blieben die ganze Zeit unter sich, und wenn das Abendessen serviert wurde, durften sie ihre Teller mit sich in den kleinen Salon nehmen und sich eine Flasche Sekt dazu erobern. Und dann stieg der Jubel aufs höchste.

Ernst Hallin hätte bei all dem so herzlich gern mitgetan. Er wäre ganz zufrieden gewesen, wenn es ihm vergönnt gewesen wäre, ganz still in einer Ecke zu sitzen, sich an der Freude der andern zu freuen und Eva Baumann anzusehen. Aber er brachte es nicht über sich, hineinzugehen. Der Gedanke, daß Simonson im selben Zimmer mit ihm und Eva sein sollte, war ihm unerträglich. Natürlich würde der sie beobachten. Natürlich würde er alles erraten, und würde sie mit seinen kalten Augen anblicken, daß sie gar nichts sprechen könnten.

Ernst warf einen Blick auf die Damen im Salon. Seine Mutter und Frau Pegrelli waren ins Wohnzimmer übergesiedelt; alle andern hatten sich um den großen Sofatisch zusammengedrängt. Vor dem Tisch stand der Bischof und sagte etwas, auf das alle eifrig lauschten. Gleich darauf verbeugte er sich und deutete durch ein Lächeln an, daß er sich jetzt zu den Herren droben zurückziehen wolle.

Da fiel sein Blick auf Ernst Hallin. Sofort ging er auf ihn zu.

„Nun, Herr Pastor, gedenken Sie zur Herrenseite überzugehen, oder bleiben Sie bei den Damen?“ fragte er mit einem Lächeln, das Ernst unangenehm berührte.

„Ich glaube, ich gehe hinauf!“ antwortete er; gleichzeitig bemerkte er, daß die Mutter ihn und den Bischof beobachtete.

Er ward glühend rot, und als der Bischof ihn verwundert ansah, wurde er noch röter.

„Noch bin ich kein Vorgesetzter“, sagte der Bischof, der die Verwirrung des jungen Mannes mißdeutete.

Ernst warf einen fast feindlichen Blick auf des Bischofs derbes, gutmütiges Gesicht, stotterte ein paar Worte, blieb stehen, dienerte und wußte nicht, was er sagen sollte. Der Bischof verließ ihn unter dem Eindruck, der junge Hallin müsse ein wunderlicher Kauz sein, den man am besten einige Zeit aufs Land schickte, damit er sich beruhigte. Und beide Männer fühlten in diesem Augenblick eine gegenseitige Antipathie, über deren Ursache keiner von ihnen hätte Rechenschaft ablegen können.

Als der Bischof verschwunden war, folgte ihm Ernst langsam; er tat, als sähe er die Mutter, die ihm winkte, nicht.

Er war in sehr gereizter Stimmung. Der ganzen Gesellschaft war er feind. Warum mußten sie sich so idiotenhaft verteilen, die Herren in einem Zimmer, die Damen in einem andern und die Jugend für sich? Warum bin ich überhaupt hierhergegangen? dachte er. Und vor seiner Phantasie stand plötzlich die Tatsache, daß er nächsten Sonntag seine Probepredigt halten mußte. Der Text, die Einteilung der Predigt, die mit Menschen vollgepfropfte Kirche, die ganze Szene stand plötzlich leibhaftig vor ihm. Der Bischof würde in seinem Stuhl sitzen, ihn mit seiner herrischen Miene und seinen kalten Augen anblicken und das schwarze Scheitelkäppchen rücken. Und alle würden nach dem Bischof hinsehen und zu erraten suchen, was der dachte, und die Predigt danach beurteilen. Die Mutter würde dasitzen mit klopfendem Herzen. Und Eva! Vor ihr sollte er auftreten und lügen! Er fühlte den Beruf dazu gar nicht in sich, es war ihm gar kein unabweisliches Bedürfnis, Gottes Wort vor den Menschen zu verkünden! Das Ganze war eine Feigheit von ihm, eine schmachvolle, unverzeihliche Feigheit, die seine Seele in den Staub zerren und ihn ein ganzes langes, leeres, verfehltes Leben lang beschmutzen würde. Wie war denn das alles überhaupt zugegangen? Andere waren es, andere hatten ihn geleitet. Er selber hatte nie auch nur ein Wort zu sagen gehabt. Aber jetzt soll es ein Ende haben! dachte er. Es soll anders werden. Noch ist der Schritt nicht getan, noch kann ich umkehren, und ich werde es.

Er sah sich selber, wie er zum Vater ging und mutig und ruhig sagte: „Ich kann nicht Geistlicher werden“. Und in der Phantasie ward ihm so leicht ums Herz, als wäre alles schon vorüber und er ein freier Mensch.

Aber da sah er auch ein anderes Bild. Er sah sein ganzes Vaterhaus, den Vater, der sich sein Lebtag in der Schule geplackt hatte, die Mutter, die tagaus, tagein am Nähtisch saß oder in der Küche stand. Es war ein armes Heim, und reicher würde es nie werden. Viele Jahre lang hatten seine Eltern sich auf die Zeit gefreut, wenn er fertig sein würde, imstande, sich selber zu versorgen. Er wußte, wie sie es aufnehmen würden. Es würde sie nicht erzürnen. Sie würden sich nur davor beugen voller Bitterkeit, wie sie es immer, ihr ganzes Leben lang, getan hatten.

Ohne es zu wissen, hatte er sich eine Zigarre angesteckt und sich neben den Kachelofen im Rauchzimmer gestellt. Plötzlich weckte ihn eine Stimme aus seinen Gedanken.

„Über was denkt man denn da so eifrig nach?“

Es war Professor Bruhn, der mit dem dampfenden Grogglas in der einen, der brennenden Zigarre in der andern Hand vor ihm stand. „Wollen wir nicht ein Gläschen miteinander trinken?“

Ernst sah sich um. Er hatte gar nicht daran gedacht, wo er sich befand. Hastig nahm er ein Glas Punsch von einem Tablett und stieß mit Bruhn an.

„Auf gestern abend!“ sagte er lächelnd.

„Ja, das war ein verdammt lustiger Abend“, sagte Bruhn.

„Es macht mir aber auch immer Spaß, die Leute in einer Abendgesellschaft wie heute zu sehen. Da nehmen sie sich recht anders aus! Gesetzt und geschniegelt und ernst, als gäb es überhaupt im ganzen Haus kein Herrenzimmer. Und sobald bloß das Wort Punsch erwähnt wird, verschwindet der ganze Haufe, als brennte ihnen der Boden unter den Füßen.“

Er sog eine Weile an seiner Zigarre. Ernst Hallin sah zerstreut vor sich hin.

„Wie ist dir denn zumut vor deiner Predigt?“ sagte Bruhn. Ernst wich den scharfen Augen aus, die ihn durchbohrend ansahen.

„Na -- -- so -- --“ sagte er achselzuckend.

Professor Bruhn lachte.

„Ich hab’ auch einmal Pastor werden wollen“, sagte er. „Aber es ist nichts draus geworden. Es widerstand mir. Und das war recht gut. Denn später bin ich der Freidenker geworden, der ich jetzt noch bin. Und das ist eine mißliche Geschichte, wenn man dann das Pech hat, Pfarrer zu sein!“

Ernst fühlte einen Stich im Herzen; einen Augenblick lang überkam ihn die Lust, all die Gedanken, die ihn bewegten, auszusprechen. Er hatte die Empfindung, als müsse dieser barsche, eckige Mensch ihn verstehen und ihm raten oder ihm wenigstens ein teilnehmendes Wort sagen können. Aber während er überlegte, wie er anfangen sollte, schwand ihm die Lust, und er erwiderte irgend etwas Nichtssagendes.

„Wollen wir uns nicht setzen?“ meinte Professor Bruhn.

Sie nahmen Platz an einem Tisch, um den eine Gruppe von Herren saß und, die Groggläser vor sich, schwatzte.

Über dem ganzen Raum lag eine graue Tabakswolke, durch die die Lichter der Lampen und Leuchter mit gedämpften Flammen schienen. Mitten im Zimmer standen vier Spieltische, die alle besetzt waren. An dreien wurde Preference gespielt, am vierten Skat. An dem Tisch, an dem Ernst Hallin Platz genommen hatte, saßen ein paar Herren von der Schule und Großhändler Andersson, einer der reichsten Holzfürsten von Gammelby, mit seinem dichten Schnurr- und Backenbart, seinem goldenen Kneifer und seiner Perücke, die nie sitzen wollte.

Im innern Zimmer saß vor einem Glas Punsch der Bischof und unterhielt sich mit Rektor Ahlkvist und Professor Eneman. Der Bischof saß so, daß er durch die Tür die ganze übrige Gesellschaft überblicken konnte.

Zwischen den Tischen ging Professor Hallin umher, elegant und unermüdlich. Er unterhielt sich mit allen, stieß mit allen an, war für alle da und sah zu, daß nichts fehlte.

Es war ganz ähnlich wie vor ein paar Wochen im Ratskeller. Aber die rechte Stimmung wollte sich nicht einstellen. Das erwartete auch niemand. Die Herren unterhielten sich, tranken einander zu, rauchten und erzählten Anekdoten. Aber die Gesellschaft kam nicht recht in Zug. Man hielt sich im Zaum. Man war gesetzt, steif. Und auch das lauteste Lachen hatte gleichsam einen andern Klang.

„Man darf nicht über die Schnur hauen, damit man nachher noch präsentabel ist für die verflixten Frauenzimmer!“ sagte Professor Bruhn.

Und einförmig und träg schleppte der Abend sich hin.

Um halb neun kam der Landshöfding, ein kleiner zierlicher Mann mit glattgekämmtem Haar und Backenbart. Er war äußerst elegant gekleidet und hatte in seinem ganzen Wesen etwas vom alten Hofmann.

Nachdem er die Damen begrüßt hatte, ging er hinauf zu den Herren und nahm an einem Spieltisch Platz. Ruhig und korrekt vertiefte er sich in seine Karten, mit einer Miene, als säße er auf seiner Kanzlei.

Um halb elf fing einer um den andern an, nach der Uhr zu sehen. Als es dreiviertel war, entstand eine merkbare Bewegung unter den Herren. Man erhob sich von den Spieltischen, putzte sich die Nägel, brachte seine Toilette in Ordnung und legte die Zigarren weg.

Ab und zu verschwand einer nach der Region der Damen zu, einen Duft von Tabak und Alkohol mit sich führend, der bei den Damen ein Naserümpfen hervorrief. Mit etwas spitzer Höflichkeit sprach man seinen Dank aus, daß überhaupt jemand so liebenswürdig war und sich um „uns Damen“ kümmerte.

„Ein bißchen was zu essen soll einem schon schmecken jetzt!“ sagte Professor Kumlander und schmunzelte den Bischof, der neben ihm stand, aufgeräumt an.

Der Bischof sah auf ihn nieder mit einem Lächeln, als verzeihe er ihm die weltlichen Lüste, sei aber selber hoch erhaben über alle derartigen Schwachheiten.

„Ich glaube fast, ich fange auch an, ein wenig Hunger zu verspüren“, erwiderte er.

Einen Augenblick lang war es ganz still im Zimmer.

Plötzlich hörte man Schritte auf der Wendeltreppe und gleich darauf kam der kleine Erik gesprungen und flüsterte dem Vater laut die frohe Botschaft ins Ohr: „Mama läßt sagen, das Souper sei fertig!“

Unter den Herren entstand eine Bewegung, so lebhaft und augenfällig, daß der Professor kaum nötig gehabt hätte, die Aufforderung zu wiederholen. Aber um der Form willen tat er es doch: „Meine Herren -- ein Gläschen und ein Butterbrot! Darf ich Sie bitten, die Damen zu Tisch zu führen!“

Ein geschäftiger, beherrschter Tumult erfüllte jetzt die beiden Rauchzimmer, wie einen Haufen Barsche, unter die man eine Angelschnur mit dem Köder wirft. Wer noch saß, stand auf, zog die Weste herunter, streckte die Beine. Alles drängte unwillkürlich nach der Treppe. Dann hielten alle plötzlich wieder inne. Die Rangordnung mußte eingehalten werden. Ein kurzer Streit entstand zwischen dem Bischof und dem Landshöfding. Beide Herren bekomplimentierten sich gegenseitig.

„Die weltliche Macht muß immer vor der Kirche zurückstehen!“

„Das war in früheren Zeiten... Ich bitte doch...“

Aber der kleine, zierliche Landshöfding schob den großen Bischof behende vor; und als die beiden auf der Treppe verschwunden waren, ward die Bewegung droben mit einemmal lebhaft und ungezwungen.

„Teufel, was ich hungrig bin!“

„Wer erst sein Schnäpschen ~intus~ hätte!“

Und einer dicht hinter dem andern eilten die hungrigen Herren im Gänsemarsch die Wendeltreppe hinab. Wer gewandt war und ein ausgeprägtes Selbstgefühl besaß, eilte ins Wohnzimmer und bot einer Dame den Arm. Die andern drängten sich in den Türöffnungen zusammen. Von allen Seiten strömte es in den Speisesaal, Damen, Herren und Jugend, und einen Augenblick war es so still, daß man einen Engel durchs Zimmer hätte fliegen hören können. In stummer Bewunderung vor den Gaben Gottes faltete die ganze Gesellschaft die Hände, die Damen machten einen kleinen Knix, die Herren neigten das Haupt. Und unter der Tür zum Vorzimmer stand der junge Gustaf Hallin und zeigte durch ein verschmitztes Lächeln, wie er sich an der allgemeinen Andacht erfreute.

Es war aber auch ein glänzendes Souper. An beiden Enden des Tisches war ein Butterbrottisch gedeckt, einer für die Herren, einer für die Damen. Da gab’s Kaviar, Anchovis, Sardellen, Zunge, rohen Lachs, verlorene Eier mit Krebsschwänzen, gebratene Kartoffeln, holländischen Hering, gebackenen Aal, Gänseleberpastete, gespickte Rebhuhnbrust.

Mitten auf dem Tisch thronte eine gewaltige Konfektschale mit Jahreszahl und Datum des wichtigen Tages. In langen Reihen glänzten die geschliffenen Gläser auf dem weißen Damasttuch, glatte hohe Rotweingläser ohne Fuß, rote Weißweingläser mit milchweißem Fuß, flache feine Sektkelche und geschliffene Sherrygläser.

Professor Hallins Soupers waren berühmt und die Kochkunst der Professorin hatte einen ausgezeichneten Ruf. Da gab’s Lachs und junge Hühner mit Tomaten, Champignonomelette, Prager Schinken mit Kastanienpuree, Krebse mit verlorenen Eiern, Blumenkohl in Butter und junges Geflügel.

„Ich kenn’ das Menü von Gustafva Björklund her“, flüsterte die Bürgermeisterin Rundlund der Rektorin Ahlkvist zu.

„Ich auch,“ erwiderte die; „aber es ist gut.“

„Als ob es eine Kunst wäre, ein gutes Souper zustande zu bringen, wenn man nicht fragen braucht, was es kostet!“ gab die Bürgermeisterin zurück und warf den Kopf in den Nacken.

Die Bischofin trat mittlerweile auf die Professorin zu.

„Aber Aurora!“ sagte sie. „Du machst zu viel Umstände für deine Gäste! Diese Unmasse von Gerichten!“

Die Professorin strahlte. Das war ihr glückseligster Augenblick. Denn nicht nur, daß es viel zu essen gab, es gab auch gut zu essen. Das wußte sie. Sie hatte jedes Gericht selber gekostet und wußte, sie brauchte sich nicht zu schämen.

Die Gäste zeigten aber auch, daß sie das Essen zu würdigen verstanden. Die späte Stunde im Verein mit den vielen Süßigkeiten, die die Damen, und dem vielen Alkohol, den die Herren vorher genossen hatten, hatte den Hunger zu unnatürlicher Höhe gesteigert.

„Ißt du dich auch satt, Erker?“ sagte der Professor, indem er dem Bruder ein Glas Rotwein zutrank.

Der Gymnasiallehrer nickte und lachte.

„Das gibt morgen ein nettes Aufstehen!“ meinte er.

Es war ein langer Streit gewesen zwischen dem Ehepaar Hallin, ob man Professor Bruhn einladen solle oder nicht. Die Professorin hatte ärgerlich erklärt, da könne man lieber gleich die ganze Geschichte bleiben lassen. Denn wenn Professor Bruhn dabei wäre, könne man sicher sein, daß er irgendeinen Skandal mache. Aber der Professor bestand darauf, Bruhn müsse eingeladen werden, und so wurde er eingeladen.

Im Verlauf des Abends sah es ganz so aus, als sollte die Professorin unrecht behalten. Professor Bruhn führte sich ganz exemplarisch auf. Er aß und trank, ließ die Damen in Frieden, und als er nach der Anstrengung des Essens ausruhte, stand er meist ganz für sich in irgendeiner Ecke, wiegte sich auf den Absätzen hin und her und drehte sich dazwischendurch mal nach der Wand, um zu schnupfen.

Er schien selber zu fühlen, daß er auf der Hut sein müsse. Jetzt eben hatte sich ein Kreis von Damen grade vor Bruhn versammelt. Es waren dieselben, die vor dem Essen von dem Basar gesprochen hatten.

Ein anderes Thema war jetzt auf dem Tapet. Pastor Simonson hatte den Vorschlag aufgebracht, man solle alle Geistlichen in Gammelby für eine gemeinsame Bibelstunde im großen Saal des Gymnasiums interessieren. Pastor Simonson selber stand mitten unter den Damen und redete mit trockener Stimme und lebhaften Gebärden. Die Damen lauschten andachtsvoll. Und niemand achtete auf Bruhn, der jedes Wort hörte und die entsetzlichsten Grimassen schnitt, um seine Haltung zu bewahren.

Zuletzt aber ward es ihm zuviel. Er machte einen Schritt auf die schwatzende Gruppe zu und hustete. Aller Augen wandten sich ihm zu. Der Professor hatte gar nicht beabsichtigt, etwas zu sagen; da aber alle schwiegen, so hielt er es für seine Pflicht, sich zu äußern und sagte: „Ich für mein Teil finde, es wäre schade, den einzigen Abend zu verhunzen, den man die ganze Woche über für sich hat“.

Der Professor fand, er habe sich ganz passend und maßvoll ausgedrückt. Daß eine Bibelstunde nichts Amüsantes wäre, das, fand er, war doch sonnenklar. Er war darum nicht wenig verwundert, als er merkte, welch eine Verstimmung er hervorgerufen hatte.

Zum Glück hatten bloß wenige von der Gesellschaft seine Indiskretion beachtet. Die Professorin Hallin hatte aufgepaßt und schickte jetzt ihren Mann zu Bruhn, indem sie ihre Freude darüber aussprach, daß sie doch recht gehabt hätte.

Aber auf dem Tisch standen Braten und Geflügel. Und über dem Geflügel vergaß man Bruhn.

Es war ein Essen ohne Maß und Ziel. Man überlegte es sich in guter Ruh, man aß der Reihe und Ordnung nach alle Gerichte durch, sicher, daß man überall herumkommen würde. Und obgleich alle wußten, daß sie am folgenden Tag über heut abend jammern würden, so fiel es doch keinem ein, auf dies Morgen irgendwelche Rücksicht zu nehmen.

Am meisten schwelgten wohl Gustaf Hallin und der Leutnant. Letzterer bediente seine Braut und stieß heimlich ein paarmal mit ihr in der Fensternische an, wohin sie sich geflüchtet hatten, um sich in den Pausen wieder einmal zu küssen. Später aber verzog er sich von der Damenseite und stürzte sich mit einem Eifer auf die Fleischgerichte, der zu beweisen schien, daß die Liebe einen gradezu aushungernden Einfluß auf den Menschen haben müßte. Und daneben zeigte er in ganz unverkennbarer Weise, wie wohl er des Schwiegervaters Weinkeller zu schätzen wußte.

Gustaf Hallin war erst spät gekommen. Er hatte seiner Mutter erklärt, er würde heute abend einmal seine Aufgaben recht ordentlich lernen, weil er ja doch nicht früh zu Bett gehen dürfte. Zum Essen käme er dann schon früh genug und hätte auch so noch ein paar langweilige Stunden zu ertragen.

Während des Essens hielt er sich an den Leutnant; er wußte, auf die Art würde er am sichersten das Beste erwischen. Der Leutnant ließ sich diesmal Gustafs Gesellschaft auch ganz gern gefallen. Er brauchte jemand, dem er zutrinken konnte; es sah schlecht aus, wenn man so ganz für sich allein trank. Im übrigen verachtete er den „Schuljungen“ ebenso tief, wie der Schuljunge die „säbelrasselnde Zuckerpuppe“ verachtete, „die zu nichts andrem gut war, als Gabrielle abzuschlecken“.

Der einzige, der nicht aß, war Ernst Hallin. Er war zu nervös und gereizt. Den ganzen Abend hatte er an Eva Baumann denken müssen. Und dennoch hatte er sich nicht überwinden können, hinunterzugehen, um sie zu sehen, sondern war wie festgenagelt bei den Herren sitzen geblieben und hatte zugehört, wie Kumlander und Svartengren ihre Studentenanekdoten erzählten.

Jetzt sah er sie. Sie stand ganz allein an einem Wohnzimmerfenster und aß Eis. Ihm war, als blicke sie nach der Seite hin, wo er stand, und mit einer plötzlichen Kraftanstrengung zwängte er sich durch die Schar von essenden und trinkenden Gästen und gelangte bis zu ihr hin.

„Guten Abend, Fräulein Eva!“ sagte er verlegen. Ihm war, als müsse sie es ihm ansehen, wie er sich nach ihr gesehnt hatte. Sie aber grüßte ganz kühl und reichte ihm nicht einmal die Hand. Ruhig schlürfte sie ihr Eis und sagte mit einer Stimme, aus der Ernst eine absichtliche Bosheit herauszuhören glaubte: „Haben Sie sich gut amüsiert heut abend?“

Er sah sie mit flehenden Augen an, wie ein Hund seinen Herrn, wenn er dessen Gedanken zu erraten sucht und für sich bitten möchte.

„Wie können Sie das glauben?“ sagte er, als hätte sie ahnen müssen, wie ihm zumute war.

Es wäre Ernst Hallin ja nie in den Sinn gekommen, zu denken, daß es Eva Baumann, der hübschen, stolzen Eva Baumann, den ganzen Abend grade so zumut gewesen sein könnte, wie ihm. Hätte er eine Ahnung davon gehabt, so wäre er vielleicht trotz allem in das Zimmer gegangen, in dem sie saß, trotz aller neugierigen Blicke, trotz Pastor Simonson, der ganzen Welt zum Trotz. Aber er wußte es nicht, hörte nur, wie sie antwortete: „Sonst wären Sie ja doch vielleicht auf den Gedanken geraten, einmal herunterzukommen!“

Vor seinen Ohren sauste es. Den Grund ahnte er nicht, aber er begriff, daß sie böse auf ihn war; und mit einem Gefühl der Zerknirschung über seine eigene Unwürdigkeit blickte er in die dunkeln Augen, die ihm entgegenstrahlten. Nie war sie ihm so schön erschienen, wie heute. Sie trug ein schwarzseidenes Kleid mit durchbrochenen Ärmeln; die ausgeschnittene Bluse ließ einen wunderbar weißen Hals sehen. Ihre Lippen bogen sich ein bißchen verächtlich und ihre Augen blickten zornig drein. Er beugte sich zu ihr vor.

„Ich weiß nicht, warum!“ sagte er. „Aber ich konnte nicht. Nicht vor all diesen Menschen.“

Seine Stimme zitterte; Tränen standen in seinen Augen. Über Evas Antlitz flog eine heftige Röte und färbte Hals, Wangen und Stirn bis hinauf zum Haaransatz; auch ihre Stimme war nicht mehr ganz so sicher, als sie erwiderte: „Still! Jetzt kommt die Rede!“

Ernst Hallin wandte sich um. Draußen im Speisezimmer hatte der Bischof ans Glas geklopft, und die Gäste hatten sich alle um den Tisch aufgestellt. Professor Hallin stand neben seiner Frau, die schon das Taschentuch an die Augen führte, und Gabrielle war an die Seite ihres Bräutigams geeilt und hatte ihren Arm durch den seinen geschoben.

„Meine Damen und Herren!“ begann der Bischof, und in dem großen Zimmer ward es ganz still.

Der Bischof sah mit tiefsinniger Miene in sein Glas, in dem die Sektperlen unaufhörlich zum Rand emporstiegen und verschwanden.

„Meine Damen und Herren!“

Er schlug die Augen auf und blickte über die Gesellschaft hin mit der Sicherheit, die seine Vorträge auf der Kanzel kennzeichnete.

Dann begann er über die Ehe zu sprechen, die Gott selbst eingesetzt habe. Er redete vom Heim, vom Heim des Nordens und zitierte die Dichterworte:

Was auf der Erde ist so wert, So traut, als Haus und Herd?

Besonders verweilte er bei einer Schilderung des Hallinschen Heims.

„Es ist nicht das erstemal,“ schloß er, „daß ich an diesem Tag in diesem Haus die Freude habe, ein solches Hoch auszubringen. Aber mit jedem Jahr wird dies Hoch bedeutungsvoller. Denn jedes Jahr, das vergeht, knüpft die Bande fester zwischen diesem Paar, das heute die Wiederkehr der Stunde feiert, da sie gelobten, in Treue miteinander durchs Leben zu wandern.“

„Bravo!“ rief Professor Eneman und überflog die ganze Gesellschaft mit einem funkelnden, triumphierenden Blick.