Pastor Hallin

Part 10

Chapter 103,771 wordsPublic domain

„Finden Sie, daß es Frühlingswetter ist?“ Sie lachte, ein kurzes, lustiges Lachen. „Wir sind doch erst im Februar.“ „Freilich ist Frühlingswetter“, sagte er. „Merken Sie es denn nicht an der Luft? Es ist so warm in der Sonne, daß einem der Rock zu heiß wird!“

Er knöpfte den Überzieher auf und nahm den Hut ab, während er sich mit dem Taschentuch den Schweiß von der Stirn wischte.

Sie sah ihn ganz erschrocken an.

„Nehmen Sie sich in acht, Sie werden sich erkälten“, meinte sie. „Sie sind doch nicht besonders kräftig.“

Er sah sehr verwundert aus.

„Wollen Sie mich auch ermahnen?“ fragte er fast ein bißchen ärgerlich. „Alle tun es. Aber woher wissen Sie das denn eigentlich?“

„Selma und ich haben so oft von Ihnen gesprochen,“ sagte sie; sie errötete dabei und wandte das Gesicht ab.

Zusammen gingen sie zur Stadt zurück und schwatzten dabei von allem möglichen, von gemeinsamen Bekannten, von alten Zeiten, als sie sich noch auf Kinderbällen und Kindergesellschaften getroffen hatten. Sie hatte immer gefunden, Ernst wäre so sonderbar, und hatte immer Angst vor ihm gehabt, weil er so ernst war, so schrecklich ernst. Heute freilich hatte sie ihn von einer ganz anderen Seite kennen gelernt.

„Wie lustig, daß Sie so närrisch sein können, wenn Sie allein sind! Jetzt hab’ ich auch gar keine Angst mehr vor Ihnen!“ Sie beugte sich vor und blickte ihm lächelnd ins Gesicht, als wäre sie jetzt erst dahintergekommen, daß auch er ein junger Mensch von Fleisch und Blut war, wie sie.

„Sind +Sie+ denn nie unvernünftig?“ fragte Ernst. Er war ganz erstaunt über seine eigene Stimme; er kannte sie kaum wieder, so heiter und stark klang sie.

„Ich!“

Sie warf mit einem kleinen Ruck den Kopf in den Nacken und fing an, im Schnee herumzutrippeln, als habe sie die größte Lust, zu tanzen.

„Wissen Sie, wenn ich so allein daheim bin, und Tante in der Küche draußen kocht -- Sie wissen doch, ich wohne bei der Tante, wenn ich in der Stadt bin, und sie hat Schuljungens in Pension -- ah -- was die gräßlichen Jungens einen mit ihren Unarten plagen können! -- da weiß ich wahrhaftig manchmal nicht, was ich anfangen soll! Ganz verrücktes Zeug fällt einem da oft ein! Wir Mädchen haben ja doch nichts Rechtes zu tun. Und manchmal ist mir alles so zuwider, daß ich am liebsten weinen möchte. Aber manchmal bin ich so ausgelassen und wild, daß ich wollte, ich könnte auf einem so recht tollen Pferd einmal weit fortreiten. So schnell, daß ich gar nichts mehr sähe vor mir! Hüpfen und schreien könnt’ ich aus lauter Übermut, in den Wald laufen und die Abhänge herunterrollen, oder im Sommer im See baden und ins Wasser schlagen, bis ich so müd wär, daß ich gar nicht mehr könnte! Aber das ist ja alles dummes Zeug!“

Sie waren jetzt in die Stadt gekommen, und an einer Querstraße blieb sie stehen.

„Jetzt darf ich nicht weiter mit Ihnen gehen“, sagte sie. „Adieu!“

Und sie streckte ihm die behandschuhte kleine Hand entgegen. Er nahm sie und blickte ihr in die klaren Augen.

„Kommen Sie denn jetzt gar nicht mehr zu Selma?“ fragte er. Er begriff selber nicht, wo er den Mut dazu hernahm.

„Ich weiß nicht, ob ich darf, wenn ein junger Herr im Haus ist!“ erwiderte sie.

Er sah so hilflos niedergeschlagen aus, daß sie lachen mußte.

„Es kann schon sein, daß ich doch komme!“ sagte sie ermutigend.

Dann zog sie ihre Hand aus der seinen und nickte ihm kurz zu, bog in die Querstraße ein und entfernte sich mit kleinen, munteren, trippelnden Schritten.

Er stand und sah ihr nach. Es war, als höre man Musik, wenn man sie gehen sah. Alles ward so ruhig in einem.

Und Ernst ging schnurstracks heim und schrieb bis zum Mittagessen an seiner Predigt.

Zwölftes Kapitel

Am 20. März war bei Professor Hallins große Abendgesellschaft; alle Honoratioren der Stadt waren geladen. Es war ihr Hochzeitstag, und in ihrem ganzen Bekanntenkreis war es zur Gewohnheit geworden, daß man an diesem Tag abends bei Hallins war. Landshöfdings waren da und Bischofs, ein paar von den reichen Kaufmannsfamilien, die Professoren vom Gymnasium mit ihren Familien und ein paar von den Lehrern.

„Geht Ernst heut abend mit?“ fragte Frau Hallin, als die Familie nach Tisch um den Kaffeetisch versammelt war.

„Ja natürlich“, sagte der Adjunkt. „Warum sollte er nicht mitgehen?“

„Meinst du, es macht sich gut, wenn er abends ausgeht in der Woche, eh er seine Probepredigt hält?“ fragte Frau Hallin in ihrem allerernstesten Ton.

„Ach, was tut denn das!“ erwiderte der Adjunkt.

Aber ein Blick seiner Frau ließ ihn verstummen, und er wandte sich direkt an seinen Sohn.

„Was sagst du selbst dazu?“ fragte er.

Ernst sah unschlüssig aus. Er war so gewöhnt, andere für sich entscheiden zu lassen, daß es ihm schwer ward, einen Entschluß zu fassen, der irgendwie die Wünsche anderer durchkreuzte. Aber er antwortete doch, wenngleich etwas zögernd:

„Ja, ich wollte eigentlich gehen.“

Frau Hallin äußerte nur: „Selbstverständlich mußt du in einer solchen Sache tun, wie du willst.“

Aber die ganze Familie fühlte die Gewitterwolke, die über ihnen schwebte, ohne sich zu entladen, und Ernst fing schon an, sich Gewissensbisse zu machen.

Die Sache verhielt sich nämlich so: Selma hatte ihm vor dem Essen anvertraut, es würden heut abend auch junge Leute kommen. Sie hatte es von Gabrielle gehört, die sie auf dem Weg zur Schule getroffen hatte. Sicher würde da auch Eva Baumann kommen. Denn ihre Tante verkehrte bei Professor Hallins. Und das hatte Ernst bestimmt. Er mußte gehen, koste es, was es wolle.

Er hatte in den letzten zwei Wochen ein ganz neues Leben gelebt. Seit der Begegnung an der Brücke war er ein ganz anderer. Guter Laune, heiter in der Familie, zärtlich gegen die Mutter. Und, was das Allermerkwürdigste war -- er hatte seine Predigt geschrieben. Und zwar ganz ohne Anstrengung, ohne Grübelei, leicht wie ein Spiel!

Frau Hallin fing schon an, ihren bösen Ahnungen unrecht zu geben.

Daß er heut abend in die Gesellschaft gehen würde, war für ihn eine ganz abgemachte Sache. Die Mutter mochte sagen, was sie wollte. Er machte frühzeitig Toilette und war vor den anderen drunten im Wohnzimmer.

In Professor Hallins großem Salon waren die Möbelüberzüge entfernt, das weiße gestickte Tischtuch lag zierlich auf dem großen Sofatisch ausgebreitet, der Schein der Lampe widerstrahlte hell von dem Weiß, und in dem bronzenen Kronleuchter brannten alle Lichter.

Professor Hallin wanderte in Frack und weißer Krawatte durch die Zimmer und besah sich das ganze Arrangement. Niemand hätte es ihm angesehen, daß er schon über sechzig Jahre alt war. Der Bart war freilich grau und der Schädel kahl. Aber unter die grauen Haare mischten sich noch viele braune, und bei festlichen Gelegenheiten trug er seine Korpulenz mit einer Elastizität, als wäre sie bloß der Ausdruck jugendlicher Gesundheit und Kraft. Sein Gesicht war fast faltenlos, die Jahre schienen über ihn hinweggegangen zu sein, ohne ihn alt gemacht zu haben, und in seinen Augen blitzte eine Frohlaune, die ihn ordentlich verjüngte.

Er warf einen flüchtigen Blick über die Zimmerreihe -- er wußte, bei einer solchen Gelegenheit konnte er sich auf seine Frau verlassen -- und stieg dann die Wendeltreppe hinauf, die zu den Rauchzimmern führte.

Diese beiden Zimmer, ein großes und ein kleines, waren sein Stolz, der größte Luxus, den er sich selbst gestattet hatte. Er sah sich um in diesem Komfort, den er im stillen „europäisch“ nannte, und ein Gefühl von Eitelkeit beschlich ihn beim Gedanken, daß in ganz Gammelby etwas Ähnliches nicht zu finden war. Er blickte auf die Spieltische, auf denen neue, ungebrauchte Karten lagen. In den Leuchtern an den Wänden brannten neue, dicke Kerzen, und durch die Portiere, die schräg über der Tür hing, schimmerte der lichtgrüne Schein der großen Laterne, die in der Mitte des kleineren Zimmers hing.

Der alte Herr besah sich die Kognaketiketten und hielt die Punschkaraffen gegen das Licht, um zu sehen, ob sie auch ganz blank und klar wären. Dann zählte er die Gläser und machte eine Zigarrenkiste auf, die er zwischen die Mundstücke und Meerschaumpfeifen auf dem eleganten Rauchtisch setzte. Darauf stellte er sich vor einen Pfeilerspiegel, der von der Decke bis zum Fußboden reichte, und gönnte sich einen Überblick über seinen äußeren Menschen.

Er schlug den Frack zurück und drehte sich seitwärts, um zu sehen, ob sein Bauch dicker geworden wäre, seit er den Frack zuletzt angehabt hatte, glättete den Bart und rückte die Krawatte zurecht. Die flotte Art, wie der Professor eine Krawatte zu binden verstand, war sein Stolz. Dann nickte er seinem Spiegelbild zu und summte gedankenlos eine französische Operettenmelodie.

Mit geradem Rücken und weichen, geschmeidigen Schritten stieg er die teppichbelegte Wendeltreppe wieder hinab und trat in den Salon.

Dort stand seine Frau, mit der großen Lampe beschäftigt, die zu hoch hinaufgeschraubt war.

Die Professorin trug ein schwarzseidenes Kleid mit langer Schleppe. Es war am Hals mit einer großen goldenen Brosche geschlossen, in deren Mitte ein Stiefmütterchen aus Juwelen funkelte; am rechten Arm funkelte ein mit Perlen besetztes goldenes Armband. Die kurzen, halboffenen Ärmel ließen ein Paar volle Arme sehen, die noch die ganze weiße Weichheit der Jugend zeigten.

Als sie den Professor erblickte, ging sie zu ihm hin und legte ihm die Arme um den Hals.

„Abel!“ sagte sie.

Der Professor küßte sie flüchtig auf die Stirn und schob sie sachte von sich. Er kannte diese Gefühlsausbrüche, grad eh die Gäste kommen mußten.

„Ja, lieber Schatz,“ sagte er, „die Zeit vergeht!“

Und er warf einen Blick in den Spiegel, um zu sehen, ob auch die Hemdenbrust oder die Krawatte keinen Schaden gelitten hätten. Die Professorin segelte durch das Zimmer -- mit dem eigentümlichen Gang, den kleine dicke Frauen an sich haben, besonders wenn sie Seide tragen.

„Gabrielle!“ rief sie zur Tür hinaus.

„Ja, Mama!“ klang es von einem Nebenzimmer zurück.

„Beeile dich!“ sagte die Mutter. „Ich höre Axel schon auf der Treppe.“

Professor Hallin hatte ganz plötzlich noch etwas im Rauchzimmer zu tun.

„So -- muß der noch +vor+ den andern kommen?“

Seine Frau warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu und ging in die Küche, damit die Kinder sich ungestört begrüßen konnten. Die paar Minuten konnte man ihnen wenigstens gönnen!

Gabrielle kam im Sturm herausgelaufen. Sie trug ein Kleid von weißem Tüll mit rosa Schleifen. Schelmisch stellte sie sich hinter die Tür und wartete, bis der Bräutigam draußen klingelte.

Er ließ auch nicht lange auf sich warten. Fräulein Gabrielle öffnete mit behenden Fingern und sprang dann ein paar Schritte zurück, um die Wirkung zu beobachten, den ihr Anblick auf den Verlobten machen mußte. Sie verzog ungeduldig den kleinen Mund; ihre Augen glänzten unter den gebrannten Locken. Der Leutnant trat ein. Er war in Uniform. Rasch warf er den Mantel ab und stand in voller Gala, mit funkelnden Achselstücken, den Degen an der Seite, vor seiner Braut. Beide standen einen Augenblick ganz still, wie um ihr gegenseitiges Entzücken zu genießen. Gabrielle verschlang ihn förmlich mit den Blicken. Dann warf sie sich mit einem kleinen Schrei, mit einer eigenwilligen Bewegung an seine Brust und überhäufte ihn mit Küssen.

„Du bist süß, süß, süß!“ flüsterte sie dazwischen durch. „Komm auf mein Zimmer, da können wir eine Weile in Frieden sein, eh die andern kommen!“

„Meine kleine Gabby!“ sagte der Leutnant, während er ihr folgte.

Aber die unartigen kleinen Schwestern, die gehört hatten, wie Mama rief, „Axel“ sei da, waren schon fertig in ihren hellen kurzen Kleidern, weißen Strümpfen und offenen Haaren und warteten nur darauf, daß Mama in die Küche gehen sollte, um sich sachte in das kleine Eckzimmer zu schleichen, wo die Tür zu Gabrielles Zimmer halboffen stand.

„Sei still!“ sagte die zwölfjährige Elin zu der zehnjährigen Anna.

Und dann horchten sie auf die zärtlichen Liebesworte und Liebkosungen. Und wenn es so still war, daß sie diese ewigen, langen, dummen Küsse nur ahnen konnten, zwickten sie einander in den Arm und verbissen das Lachen.

„Herrje, sind die albern!“ sagte Anna.

Elin war neugieriger. Sie wollte sie auch sehen und schielte vorsichtig durch die offene Tür.

„Denk mal, sie sitzt auf seinem Schoß!“ sagte sie zu der Schwester.

Dann warteten die zwei kleinen Unschuldswürmer noch ein Weilchen, um schließlich mit lautem Lärm und dem vereinten Ruf: „Kuckuck!“ in Gabrielles Zimmer zu stürzen.

Gabrielle fuhr auf und rief außer sich:

„Herrgott, die so ungezogenen Rangen!“

Und die Professorin kam eilig aus der Küche gesegelt, um Frieden zu stiften.

„Schämen solltet ihr euch, heut, wo Gäste kommen! Hab’ ich euch nicht gesagt, ihr sollt Gabrielle nicht immer ärgern?“ Im selben Augenblick ertönte draußen die Klingel. Elin wurde hinausgeschickt, um das Zimmermädchen zu rufen, die im Korridor sein mußte. Die Professorin eilte in den Salon, um zum Empfang bereit zu sein, und Gabrielle hing sich noch einmal an den Hals des Verlobten und warf dabei einen ganz extra schwesterlichen Blick über seine Schulter nach „den ungezogenen Rangen!“

Jetzt kamen die Gäste. Im Vorzimmer herrschte ein Gedränge. Damen und Herren lösten einander vor dem Spiegel ab. Solide alte Damen in Haube und falschen Locken, alte Herren mit grauen Perücken oder glänzenden Platten und grauem Bart, mittelalterliche Herren, die meisten mit kahler Stirn und blühender Farbe, elegante junge Herren mit gradem Scheitel und Kneifer, mittelalterliche Damen mit schlichtem Haar und einer schwarzen Schleife auf dem Kopf, mit strengem, steifem Gesicht, die die Welt und alles, was von der Welt war, verachteten, und die nur kamen, um zu zeigen, daß sie sich in dieser Welt, die sie verachteten, auch ebensogut bewegen konnten. Und schließlich fröhliche, rosige Mädchengesichter, die lang vor dem Spiegel standen und ihn endlich mit dem Lächeln verließen, das verlangt wurde, wenn man zu einem Hochzeitstag gratulieren mußte.

Alle, die in den Salon traten, alt und jung, Herren und Damen, behielten die Handschuhe an, wie zu einem Ball; einige der Herren, die in Stockholm gewesen waren und wußten, was sich gehört, hielten den Chapeau claque unterm Arm, während sie drin mit den Damen plauderten, in einer Salonecke oder einem Türrahmen standen oder in eleganter Haltung Staffage in den bunten Räumen bildeten. Und alle kamen sie zum Gratulieren. Sie dienerten und verbeugten sich, Worte flogen hin und her, so herzlich, so heiter, als fiele es keinem im Traum ein, daß je ein Wölkchen auch nur eine Sekunde lang den heitern Himmel dieser Musterehe verschattet haben könnte. Die Damen nahmen die „liebe, liebste Aurora“ in die Arme und küßten sie auf Mund oder Wange, wie sich’s nun eben traf. „Ach Aurorachen!“ „Du siehst wahrhaftig aus wie deine eigene Tochter!“ „Seid ihr wirklich schon ganze zwanzig Jahre verheiratet?“ „Ja, wenn die Kinder nicht wären -- man könnt’ es überhaupt nicht glauben!“ „Und die liebe kleine Gabrielle! Wenn man bedenkt, daß sie auch schon verlobt ist!“ „Teure Aurora, wie lieb von dir, uns einzuladen!“ „Es tut mir so leid, daß ich nicht einmal ein paar Blumen habe für dich! Aber alle meine Blumen gedeihen diesen Winter so schlecht!“ -- Dies letztere war die Bischofin.

Jedoch auch ernsthaftere Glückwünsche gab es, die sich in langen, bedeutungsvollen Händedrücken, in leise geflüsterten Worten äußerten: „Gott segne dich, Aurora, und laß es dir wohl ergehen!“ Während die Herren ihre Gefühle bei dieser Gelegenheit etwas einförmiger ausdrückten: „Habe die Ehre!“ „Beste Glückwünsche!“ „Hoffe, daß noch viele frohe Jahre...“ „Hm... Hm...“ usw., „Hoffe, noch viele Jahre die Freude zu haben...“ „Hm... Hm...“ usw.

Die Professorin empfing alle Glückwünsche und bemaß ihre Erwiderungen nach der Anrede. Sie lächelte den Fröhlichen fröhlich zu und war wehmütig mit den Wehmütigen. Und während immer mehr Gäste hereinströmten, bewegte sie sich voll Eifer zwischen Sofa und Tür, wies allen ihre Plätze an und vergaß weder die verschiedenen Rangstufen noch die verschiedenen Antipathien.

Professor Hallin strahlte vor Vergnügen. Aufrecht und elegant schob er seine korpulente Gestalt zwischen den Schleppen der Damen und den Möbeln des Salons durch, ohne auf die einen zu treten oder an die anderen zu stoßen. Für die alten Damen hatte er artige und verbindliche Worte, für die jungen Mädchen galante Blicke und ein väterliches Achselklopfen oder Wangenstreicheln. Dem Bischof, mit dem er auf Du stand, machte er eine Verbeugung, respektvoll, wie sie sich für den Ephorus des Gymnasiums gebührte, und begleitete sie mit einem heitern Blinzeln, das dem Duzfreund galt; für seine Kollegen hatte er die zwanglose Heiterkeit, die sich kein anderer als Professor Hallin in einem Salon hätte gestatten dürfen. Er schnitt ihnen Grimassen, puffte sie in den Rücken und schlug ihnen auf die Achsel, daß es auf dem feinen Fracktuch nur so klatschte. Und für all diese harmloseren Verbrechen gegen die Schicklichkeit wie für Vergehen ernsterer Art hatte ganz Gammelby nur +ein+ Urteil: „Herrgott, ja, es ist eben Professor Hallin!“

Adjunkt Hallins kamen etwas spät. Frau Hallin hatte ziemlich ausführlich Toilette gemacht, aus Rache, wie der Adjunkt vermutete, weil Ernst nicht hatte auf das Mitgehen verzichten wollen. Als sie nun aber in den Salon trat, war sie eitel Sonnenschein, küßte die Schwägerin auf beide Backen, drückte ihr die Hände und flüsterte: „Liebe, gute Aurora!“ Die Schwägerin erwiderte ihre Zärtlichkeit mit Tränen in den Augen. Sie wußten beide, daß alle Damen im Zimmer sie beobachteten. Denn ganz Gammelby wußte, daß die Schwägerinnen sich nicht gut standen. Der Gymnasiallehrer umarmte seinen Bruder herzlich. „Alles Gute, alter Kain!“ sagte er innig.

Der Professor zupfte ihn lustig am Bart und erwiderte: „Du, auf alten Bäumen wächst Moos!“

Ernst Hallin fühlte sich ein bißchen verlegen, als er in diesen Salon voller Menschen trat. Er paßte im allgemeinen nicht in große Gesellschaften. Ungeschickt und eckig, das fühlte er selbst, wünschte er dem Onkel und der Tante Glück, verbeugte sich steif vor den Damen, begrüßte einige der Herren, zog sich dann in eine Ecke zurück und sah sich um. Ein Mädchen bot auf einem Tablett Tee an, hinter ihr kam eine zweite mit einem Tablett voll Kuchen. Nicht weniger als vierzehn verschiedene Sorten, rechnete Frau Hallin aus.

Auf dem Sofa saß die Bischofin, auf ihrer einen Seite die Rektorin Ahlkvist, auf der andern die Bürgermeisterin Rundlund. Sie sprachen von einem Basar, der kürzlich abgehalten worden war zugunsten eines Magdalenenheims in Gammelby, und es wurde erzählt, als Nettogewinn wären nicht mehr als fünfundsiebzig Kronen eingegangen. Die drei Damen redeten eifrig durcheinander; die Rektorin und die Bürgermeisterin beugten sich beide zur Bischofin hin, die mit ihrer Teetasse in der Hand dasaß und bekümmert das Haupt schüttelte, während sie ihre Aufmerksamkeit zwischen dem projektierten Magdalenenheim und einem Vanillebrötchen teilte, das sie eben aß.

Die Bischofin war eine kleine magere Dame von völlig weltlichem Aussehen und völlig weltlichen Interessen. Sie sah immer aus, als stünde sie nur zum Scherz einem bischöflichen Haushalt vor; und ihr Mann nahm auch nicht die geringste Rücksicht auf sie, um so weniger, als sie noch dazu bedeutend jünger war als er. Schokoladefrühstücke vormittags waren ihr ganzes Entzücken, und sie war immer darauf bedacht, sich, sobald als nur möglich, zur Jugend zu gesellen. Ja, es konnte vorkommen, daß sie manchmal wagte, in allergrößter Heimlichkeit mit einem von den jüngeren Herren zu kokettieren, dem es grade gefiel, sich auf Kosten der „kleinen Bischofin“ ein bißchen zu amüsieren.

Ein Stück weit davon saß Frau Hallin und unterhielt sich mit Frau Pegrelli. Nicht als ob Frau Hallin eine besondere Vorliebe für Frau Pegrelli gehabt hätte. Sie war langweilig und pedantisch und sprach von nichts anderem als ihrem eigenen religiösen Leben. Aber sie stand in dem Ruf einer sehr frommen Frau, und man sagte, der Dompropst halte viel auf ihr Urteil und ziehe sie in vielen Dingen, die die Gemeinde betrafen, zu Rate. Und das Urteil des Dompropsts über einen Menschen war für alle Kinder Gottes in Gammelby maßgebend. Darum blickte Frau Hallin zu Frau Pegrelli auf als zu einer Seele, die weiter gediehen war in der Gnade Gottes als sie.

Sie hatte überdies heute abend ein ganz besonderes Interesse an der Unterhaltung mit dieser Frau. Frau Pegrelli war Eva Baumanns Tante, bei der das junge Mädchen ein paar Wintermonate lang wohnte, um Musikstunden zu nehmen. Und Frau Hallin wußte, daß ihr Sohn Frau Pegrelli in letzter Zeit oft besucht hatte. Zweimal war er sogar zum Abendbrot dort geblieben. Frau Hallin wollte darum ihre Mutterpflicht erfüllen und versuchen, zu ergründen, was ihr Sohn eigentlich dort triebe. War es denn möglich, daß er, der jetzt an so Ernstes zu denken hatte, den Verliebten spielte? Daß er Eva Baumann wahrhaft lieben könnte, das kam Frau Hallin gar nicht in Sinn, so wenig sie sich das bei irgendeinem andern jungen Mädchen ihres Bekanntenkreises denken konnte.

Deshalb saß sie nun neben Frau Pegrelli und unterhielt sich mit ihr über dies und jenes, über ihren Sohn, und dankte ihr für die Freundlichkeit, mit der sie ihn bei sich aufgenommen hatte. Aber sie fühlte sich durch diese Unterhaltung nur noch mehr beunruhigt.

Ernst Hallin sah, daß seine Mutter mit Frau Pegrelli sprach; er fühlte, wie er rot wurde. Er schickte sich eben an, in das kleine Zimmer zu gehen, in dem die jungen Leute versammelt waren; da hörte er Simonsons scharfe Stimme und blieb unschlüssig stehen.

Der Tee war umhergereicht worden. Herren und Damen saßen oder standen in dem großen Salon herum. Im Wohnzimmer saßen ein paar Vereinzelte, die Anekdoten erzählten und lachten, und im Speisezimmer wanderten ein paar Herren auf und ab und politisierten.

Es lag eine stille Erwartung in der Luft. Jeder saß oder stand auf seinem Platz, wie man sitzt oder steht, wenn man weiß, daß man nicht lange bleiben wird. Man hörte, wie die Damen sich ab und zu ironisch bedankten, daß die Herren ihnen so lange die Ehre ihrer Gesellschaft erwiesen. Auf den Gesichtern mancher Herren spiegelte sich deutlich eine gewisse Unruhe. Sie wechselten oft den Platz, flüsterten sich im Vorübergehen ein paar Worte ins Ohr, und einer und der andere sah heimlich auf die Uhr.

Ganz besonders unruhig sah Professor Kumlander aus. Er war von der Bürgermeisterin in ein Gespräch verwickelt worden und stand nun vor ihr und schmunzelte und verbeugte sich.

Seine Frau hätte leider noch nicht kommen können. Sie wäre noch nicht ganz so weit. Aber es ginge, Gott sei Dank, den Umständen angemessen... recht gut... hm ja... recht gut... Die Bürgermeisterin legte den Kopf auf die eine fette Schulter und lächelte kokett zu ihrem ältlichen Kavalier auf:

„Ob ihr Männer je lernen werdet, was ihr uns Frauen alles zu verdanken habt!“

Professor Eneman hatte sich zur Rektorin durchgelotst. Er stand mit gekreuzten Beinen da, die eine Hand in die Seite gestemmt, die andere auf die Sofalehne gestützt. Sein Gesicht glänzte, die gelben Zähne blitzten, während er redete und dabei unaufhörlich seine Blicke über die ganze Gesellschaft hinschweifen ließ.

Professor Bruhn saß einsam an einem kleinen Tisch im Wohnzimmer, blätterte in einem Album und schnupfte.

Endlich kam Professor Hallin die Wendeltreppe herab. Er flüsterte den Zunächststehenden lächelnd etwas ins Ohr und ging dann auf einen Haufen Herren in der Mitte des Salons zu: „Ist’s den Herren gefällig, daß wir zu dem solideren Teil des Abends übergehen?“