Part 2
"...und nun, ihr Lieben, Wofern ihr Freunde seid, Mitschüler, Krieger, Gewährt ein Kleines mir!"
Sie gewährten es ihm.
Es war wirklich zu schön von dem großen Thienwiebel! Aber er hatte sich jetzt tief über seinen kleinen, süßen Fortinbras, der zu so großen Hoffnungen berechtigte, gebeugt und wollte ihn nun--oh, zum ersten Mal, zum ersten Mal, seit langer, langer Zeit, Horatio! wieder auf die kleine bleiche Stirn küssen.
Aber es sollte nicht dazu kommen. Er war bereits wieder zurückgetaumelt, noch ehe er seine schöne Tat zum Austrag gebracht hatte.
"Ha!"
Seine Augen rollten, seine Fäuste hatten sich geballt, die beiden roten Troddeln hinten an seinem Schlafrock schlotterten vor Entrüstung.
"Ha!"
Das Rätsel von der alten, lieben, guten, geschäftigen Frau Wachtel von vorhin hatte sich glänzend gelöst.
Sei's Farbe der Natur, sei's Fleck des Zufalls, kurz und gut, aber der kleine Prinz von Norwegen lag wieder seelenvergnügt mitten in seinen weitläufigen Besitzungen da.
IV
Seit die schöne Frau Kanalinspektor, sorgsam in Sackleinwand genäht, endlich abgegangen war und weitere Promenaden am Hafendamm sich nicht wieder ergiebig erwiesen hatten, war jetzt auch nebenan bei dem kleinen Ole Nissen nichts mehr zu holen. Erneute Bohrversuche bei dem famosen, noblen Putthuhn hatten auch nichts gefruchtet. Seine "Alte" schien ihm nicht sonderlich imponiert zu haben. Wenigstens hatte ihr kleiner "Tintoretto" sie bei seiner letzten offiziellen Visite draußen vergeblich an den neuen, schöntapezierten Wänden gesucht. Übrigens waren die Herrschaften gerade ausgegangen. Man schien eben nicht bloß in Christiania allein undankbar zu sein.
Keine Hummern bei Hiddersen mehr, keine Ägypter mehr, keine "Mieze" mehr! Das letzte schmerzte den armen, kleinen Ole natürlich am meisten. Aber man konnte es der Kleinen wirklich unmöglich verdenken. Von aufgeweichten Brotkrusten ließ sich nicht satt werden.
Der alten, lieben, guten Frau Wachtel aber war damit ein sehr großer Stein vom Herzen gefallen. Sie hatte nämlich die niedliche kleine Mieze einmal dabei ertappt, als sie dem abscheulichen Ole grade Modell stand, und da sie hierfür wirklich auch nicht das mindeste Verständnis besaß, ein gewisses, kleines Vorurteil gegen sie gefaßt.
Ihr gutes Herz zu betätigen hatte sie in letzter Zeit leider nur zu wenig Gelegenheit gehabt. Am unzufriedensten aber war sie jedenfalls mit den dummen Thienwiebels. Was bei der alten Schlamperei dort schließlich rauskommen mußte, konnte man sich ja an den Fingern abzählen.
Der alte, alberne Kerl flözte sich den ganzen Tag auf dem Sofa rum und trieb Faxen, das faule, schwindsüchtige Frauenzimmer hatte nicht einmal Zeit, seinem Schreisack das bißchen blaue Milch zu geben, zu fressen hatten sie alle drei nichts, und die Miete--ach, du lieber Gott! Wenn man nicht wenigstens noch die paar Sparkreeten gehabt hätte...
--Ja! Es war Wermut! Sein Verstand war krank! Es fehlte ihm an Beförderung! Im Schoß des Glückes? Oh, sehr war! Sie ist eine Metze! Was gibt es Neues? Als Roscius noch ein Schauspieler in Rom war...Geharnischt, sagt Ihr? Sehr glaublich!--Ein Mann, der Stöß' und Gaben mit gleichem Dank genommen, der zur Pfeife nicht Fortunen diente, den Ton zu spielen, den ihr Finger griff, den Bettler, wie er...Nichts mehr davon!! Sprich weiter, komm auf Hekuba!
In der Tat, es ließ sich nicht mehr leugnen: er war jetzt wirklich zu bedauern, der große Thienwiebel!
Oh, welch ein Schurk' und niedrer Sklav' er war!! War's nicht erstaunlich? War's zu glauben? War's möglich? War's nur durch Angewohnheit, die den Schein gefäll'ger Sitten überrostet, war's Übermaß in seines Blutes Mischung: kurz und gut, aber er kam jetzt immer wieder auf sie zurück: auf nichts, auf Hekuba!
Wozu sollten Gesellen wie er zwischen Himmel und Erde herumkriechen? Dem Staub gepaart, dem er verwandt, so rings umstrickt mit Bübereien...nicht doch, mein Fürst!! Die Mausefalle? Und wie das? Metaphorisch! Ich bitte, spotte meiner nicht, mein Schulfreund; Du kamst gewiß zu meiner Mutter Hochzeit!
Armer Yorick! Denn wenn die Sonne Maden aus einem toten Hunde ausbrütet, eine Gottheit, die Aas küßt...Armer Yorick!
Sein Wahnsinn war des armen Hamlet Feind.--
Amalie, die endlich ihre Drohung wahrgemacht und in der Tat seit einiger Zeit etwas zu tun angefangen hatte, was sie Trikottaillen nähen nannte, ließ alles getrost über sich ergehen. Es hatte ja keinen Zweck! Es war ja alles egal! So oder so.
Der gute, kleine Ole Nissen war unendlich zarter besaitet. Da Frau Wachtel so freundlich gewesen war und ihm nach so vielen andern geliebten Gegenständen kürzlich auch noch seine schönen leberwurstfarbenen Pantalons ins Leihhaus getragen hatte, war er jetzt dazu verdammt, die ganzen Tage über in seinem Bett zu liegen und durch die dünnen Bretterwände durch die ganze Wirtschaft mit anzuhören.
"Ha! Büberei! Auf, laßt die Türen schließen! Verrat! Sucht, wo er steckt! Du betest schlecht! Ich bitt dich! Laß die Hand von meiner Gurgel! Kennst du diese Mücke?!"
Armer, kleiner Ole! War es Angst oder nur Langeweile? Aber der Schweiß brach ihm oft tropfenweis durch die Stirn.
Der große Thienwiebel schien es ordentlich auf ihn abgesehn zu haben! Alle Nachmittag Punkt fünf Uhr versäumte er es jetzt nie, sogar seine "Bude" zu inspizieren. Diese war freilich noch erbärmlicher als seine eigene, aber sie besaß dafür den Vorzug, daß man aus ihrem Fenster bequem unten auf das breite, platte, geteerte Nachbardach klettern konnte, von dem man dann eine erfreuliche Aussicht auf die verschwiegenen Brandmauern mehrerer Hinterhäuser genoß. Ein kleines anspruchsloses Pflaumenbäumchen, dessen verkrüppelte Ästchen von Raupen und Spatzen nur so wimmelten, vervollständigte das Idyll. Der arme kleine Ole spürte die verhängnisvolle Zeit schon immer eine ganze Weile vorher in seinen Knochen. Der große Thienwiebel beliebte es dann nämlich immer, gewisse Unterhaltungen mit ihm anzuknüpfen, die so geistvoll, ideentief und farbenreich waren, daß dem kleinen Ole, den seine ewigen Brotkrusten schon ohnehin arg mitgenommen hatten, nur so der Kopf danach brummte.
"Ich will hier im Saale auf und ab gehn, wenn es Seiner Majestät gefällt; es wird jetzt bei mir die Stunde, frische Luft zu schöpfen. Laßt die Rapiere bringen."
Die "Rapiere" waren zwei Leiterstücken, die man zusammenlegen und von draußen her in das Fensterkreuz einhaken konnte.
Wenn sie "gebracht" worden waren, endete die Geschichte natürlich stets damit, daß man sie auch richtig einhakte und an ihnen hinabkletterte.
"Hic et ubique! Ändern wir die Stelle!"
Dann war man in "Helsingör" und promenierte auf der "Terrasse". Der große Thienwiebel in Fez und Schlafrock, der kleine Ole in Havelock und Unterpantalons.
Ich will die Lieb' Euch lohnen, lebt denn wohl, Horatio! Auf der Terrasse zwischen elf und zwölf besuch ich Euch ... Nicht wahr? Ihre...seid ein--Fischhändler?!"
Scham, wo war dein Erröten!
Der arme, kleine Ole wußte zuletzt selbst nicht mehr: war eigentlich er verrückt, oder Nielchen.
Aber er hätte sich nicht so zu härmen brauchen. Der große Thienwiebel wußte nur zu gut, was er tat. Er war nur "toll aus Methode". Er war nur toll bei Nordnordwest; wenn der Wind südlich war, konnte er sehr wohl einen Kirchturm von einem Leuchtenpfahl unterscheiden.
Die ewige Aktsteherei unten in der alten, dummen Akademie war ihm eben nachgerade langweilig geworden, und da er der alten, lieben, guten Frau Wachtel doch unmöglich zutrauen durfte, daß sie ihn noch länger gratis beherbergte, wenn er sich jetzt die "Quelle köstlicher Dukaten" so sans facon wieder zustopfte, war er eben eines schönen Tages auf die großartige Idee verfallen, sich hier in dieser herben Welt voll Müh' nach und nach für wirklich übergeschnappt auszugeben.
"Ha! Heisa Junge! Komm, Vögelchen! Komm! Ich Muß nach England; wißt Ihr's? Himmel und Erde! Es ist nur eine Torheit, aber es ist eine Art von schlimmer Vorbedeutung, die vielleicht ein Weib ängstigen würde.
Was? Eine Ratte? Die Spitze auch vergiftet! Nein! Nein, schöne Dame! Nicht nur mein düstrer Mantel, gute Mutter, noch die gewohnte Tracht von ernstem Schwarz, noch stürmisches Geseufz beklemmten Odems: nein: auch die Schmeichelsalb'! Ich hab's geschworen! Weglöschen von der Tafel der Erinnerung will ich all jene törichten Geschichten! Nie beuge sich dieses Knies gelenke Angel, wo Kriecherei Gewinnn bringt! Ich trotze allen Vorbedeutungen: es waltet eine besondere Vorsehung über dem Fall des Sperlings. In Bereitschaft sein ist alles. Wetter! Dankt ihr, daß ich leichter zu spielen bin als ein Flöte? Nennt mich, was für ein Instrument ihr wollt! Ihr könnt mich zwar verstimmen, aber nicht auf mir spielen..."
Ha! Was? Ein königliches Bubenstück!
Dem kleinen Fortinbras schien dieses königliche Bubenstück am wenigsten zu imponieren. Ja, aus gewissen Anzeichen glaubte sein großer Papa manchmal sogar schließen zu dürfen, daß er noch nicht einmal recht Notiz von ihm genommen hatte.
Am auffälligsten zeigte sich dies aber regelmäßig dann, wenn es sich um die "ersten Elemente der Gesangskunst" handelte. Denn der "arme Yorick" war durchaus nicht gewillt, seinem schrecklichem Wahnsinn zuliebe auch die seltnen Talente seines zu so großen Hoffnungen berechtigenden Söhnchens verkümmern zu lassen.
Es war ausgemacht! Es war ausgemacht, o reizende Ophelia! Ja! Sagen wir Ophelia! Teufel! Warum sollten wir nicht Ophelia sagen? Kurz und gut: es war ausgemacht. Es sollte ihn und seine Sache den Unbefriedigten erklären...Den Unbefriedigten!...
Sobald er daher nur irgendwie merkte, daß der kleine Ole nebenan wieder einmal eingeschlafen und die gute Frau Wachtel wieder mal ausgegangen war und so "die beiden, denen er wie Nattern traute," eine Zeitlang wieder "unschädlich" gemacht waren, ging der Tanz los.
Seines Kummers "Kleid und Zier" war dann plötzlich wie abgefallen von dem großen Thienwiebel.
Seine "Einbildungen, schwarz wie Schmiedezeug Vulkans", hatten den armen Yorick verlassen, er war wieder "zahmer Herr!"
"Höhrt doch! Ich bin wieder zahm, Herr! Sprecht! Ich bin wieder zahm!"
Aber der kleine, verstockte Fortinbras wollte nicht. Er hatte sich wieder nur in Ermangelung eines Gummipfropfens, dem ihm die reizende Ophelia verbummelt hatte, seinen großen Zeh in den Mund gestopft und sog nun, daß es ihm aus dem kleinen, mattrosa Mundwinkelchen nur so tropfte. Die ersten Elemente der Gesangskunst ließen ihn heute augenscheinlich noch kälter als sonst.
Empört hatte sich jetzt der große Thienwiebel wieder in die Höhe gerückt. Die beiden roten Troddeln hinten an seinem Schlafrock zuzubinden hatte er natürlich wieder vegesssen.
"Amalie! Ich bemerke soeben zu meinem größten Erstaunen, Fortinbras ist störrisch!"
Amalie, die jetzt ihre kleine, mollige Fußbank der Trikottaillien wegen zu ihrem großen Leidwesen vom Ofen ans Fenster hatte verlegen müssen, war gerade dabei, sich ihre erste Nadel für heute einzufädeln. Sie hatte wieder so lange inhalieren müssen...
"Störrisch?"
"Wie ich dir sage, Amalie! Störrisch!"
"Ach, nich doch!"
"Amalie? Ich sage dir noch einmal- störrisch! Fortinbras ist störrisch. Stör-risch!!"
"Ach, red doch nich! Wie soll er denn störrisch sein!"
"Amalie?!"
Amalie sah sich nicht einmal um. Sie zuckte kaum mit den Achseln.
"So! So! Also glaubst du mir nicht mehr, wenn ich dir etwas sage! Du mißtraust mir! In der Tat! In der Tat! Ich hätte mir das denken können! Sag's doch lieber gleich! Wozu die Umstände! Du bedauerst, daß ich mich nicht noch schneller aufreibe!"
Amalie nieste. Sie wollte ihren Schnupfen gar nicht mehr loswerden. Mitten im Sommer.
"Natürlich! Wie sollte man auch nicht! Man vertreibt sich die Zeit mit--Niesen! Man trinkt Kaffee und vertreibt sich die Zeit mit--Niesen! In der Tat! In der Tat! Andre Leute mögen unterdes zusehn, wie sie fertig werden!...Aber, ich werde es dir beweisen, Amalie! Hörst du? Ich werde es dir beweisen, daß Fortinbras störrisch ist!--Du! Sag a...a...Nun? Wird's bald?...Na?...A!...Du Schlingel! A!...A!!...Ha! Siehst du?! Wie ich dir sagte, wie ich dir sagte, Amalie! Der Lümmel brüllt, als wenn ihm der Kopf abgeschnitten wird! Er ist störrisch! Habe ich recht gehabt?!--Willst du still sein, du Zebra?! Gleich bist du still!"
Jetzt endlich war Amalie an ihrem Fenster plötzlich etwas aufmerksamer geworden.
"Du willst ihn doch nicht etwa--schlagen?"
"Gewiß will ich das, Amalie! Ein Kind darf nicht eigenwillig sein! Ein Kind bedarf der Erziehung, Amalie! Eine leichte Züchtigung..."
"Niels!?"
"Ach was! Aus dem Weg! Aus dem Weg, sage ich! ... Da, du in-famer Schlingel! Da, du in...Amaaalie!"
"Gewiß, du alter Esel! Du glaubst wohl, du kannst hier am Ende tun, was du Lust hast? Du gehörst ja in die Verrücktenanstalt! Wie kann man denn 'n Kind von 'nem halben Jahr so malträtieren?! Wie kann man es schlagen !"
"Amaaalie!!"
War's möglich?! War es zu glauben?! War das seine Backe?!
"Amaaalie!!!..."
V
"Wirtschaft, Horatio! Wirtschaft! Das Gebackne vom Leichenschmaus gab kalte Hochzeitsschüsseln. E--doch, um auf der ebenen Heerstraße der Freundschaft zu bleiben: was macht Ihr auf Helsingör?"
Der große Thienwiebel hatte wieder gut auf der ebenen Heerstraße der Freundschaft zu bleiben; was sollte der kleine Ole groß machen auf Helsingör? Was er nun schon seit Wochen machte: Firmenschilder pinseln! Das rentierte sich. nämlich famos, weißt du!
Abel Gröndal: Materialwarenhandlung, auch Heringe-Lars Brodersen: Canariensieen und Hanfsamen--Jacob Lorrensen: Alle Sorten Rauch-, Schnupf- und Kautabak-etc. pp. Hä? Was? Noble Putthühner!!
Die schönen Leberwurstfarbenen waren wieder zu Ehren gekommen, die prachtvollen Ägypter wurden wieder nur so pfundweis verpafft, die verteufelte kleine Mieze ließ die arme, liebe, alte, gute Frau Wachtel kaum mehr vom Schlüsselloch wegkommen.
Es war aber auch wirklich schrecklich, was es jetzt alles dort drinnen zu sehn gab. Die vielen weißen Salbentöpfe, in die die Farben nur so wie Butter reingequetscht waren, die merkwürdig großen Maurerpinsel, die der geschäftige' kleine Ole kaum zu dirigieren vermochte, die schönen, dicken, mannslangen Bretter, auf denen man jetzt die wunderbarsten Sachen zu lesen bekam, und vor allen Dingen auch jener große, geheimnisvolle, grüne Wandschirm dicht neben dem Ofen, hinter dem sich immer die schändliche, kleine Mieze versteckt hielt, das alles interessierte die alte, liebe, gute Frau Wachtel auf das lebhafteste. Noch nie hatte sie sich mit ihrer Stellung als Zimmervermieterin so zufrieden gefühlt. Die drückendsten alten Rückstände waren wieder ausgeglichen, für die dösigen Thienwiebels brauchte ihr jetzt auch nicht mehr so bange zu sein, ja, ja! Der liebe Herrgott!
Die reizende Ophelia war wieder in ihren alten Stumpfsinn zurückverfallen. Sie bereute ihre Untat aufs tiefste. Das einzige, was ihr so schließlich noch vom Leben übriggeblieben war, war ihr Salbeitopf.
Ihr großer Gatte verachtete sie nur noch...Geschrieben--e...hatte man ihm zwar unterdessen bereits, aber--e...wie kam's daß sie umherstreiften? Ein fester Aufenthalt war vorteilhafter für ihren Ruf als ihre Einnahme! Kurz und gut, es war eben nur eine umherziehende Truppe gewesen, und der große Thienwiebel hatte sich zu degradieren gefürchtet. Solange noch der kleine Ole da nebenan da war...kurz und gut: er tat, was Ihm Beruf und Neigung hieß! Denn...e...jeder Mensch hat Neigung und Beruf!
Am schlimmsten erging es jedoch entschieden dem kleinen Fortinbras. Seine Zähnchen hatten ihm seinen schönen Gummipfropfen ganz verleidet. Er hatte an nichts mehr Freude; nicht einmal am Schreien mehr.
Er war ein vollendeter Pessimist geworden. An seinem künftigen Beruf, seinen großen Vater den Unbefriedigten zu erklären, schien ihm nur noch. wenig zu liegen. Sein kleines Züngchen war dick belegt, seine Händchen sahen weiß wie Kuchenteig aus, er schlief jetzt oft ganze Tage lang.
Nur heute abend war er auffallend munter.
Die beiden hellen Lampen auf dem Tische, die vielen Leute, der Skandal, der merkwürdig große Zuckerkringel, den man ihm so unerwartet in die Hand gesteckt hatte: er begriff das alles nicht. Nu bloß noch'n bißchen Streupulver!
Die Damen hatten auf dem Sofa Platz genommen, die kleine Mieze, die sich zu den Mannsleuten rechnete, saß dem kleinen Ole vis-a-vis, der große Thienwiebel präsidierte. Die großartige Gans mitten auf dem Tisch in deren knusprigen Prachtrücken er eben energisch seine blitzende Bratengabel gestoßen hatte, roch durch das ganze kleine Zimmer. Die beiden Lampen rechts und links brannten durch ihren Dampf wie durch einen Nebel. Frau Wachtel, die sich in ihrer Sofaecke wie auf einem Präsentierteller vorkam, atmete schwer. Sie hatte heute ihr "Seidnes". an.
"Willkommen, all ihr Herrn! Wir wollen frisch daran, wie französische Falkoniere, auf alles losfliegen, was uns vorkommt! Beim Himmel! Den mach ich zum Gespenst, der mich zurückhält!...Ha! Seid Ihr tugendhaft, schöne Dame?"
"Thienwiebelchen?"
Der kleine Ole , der sich eben über seinen pompösen Flügel hergemacht hatte, blinzelte vor Entzücken. Die kleine Mieze war heute mal wieder ordentlich zum Anknabbern!
"Thienwiebelchen?!"
Das reizende Grübchen in ihrem rosa Fingerchen kam jetzt so recht zur Geltung.
"Thienwiebelchen? Es gibt was!"
Aber der große Thienwiebel, der sich jetzt auch die Serviette unter sein blaues Doppelkinn gestopft hatte, fühlte sich wieder durchaus auf der Höhe der Situation.
"Meint Ihr, ich hätte erbauliche Dinge im Sinn? Ein schöner Gedanke, zwischen den..."
"Nielchen!!"
Der kleine Ole hat es für die höchste Zeit gehalten.
Er hatte sich jetzt auch seinen prachtvollen Porter eingeschenkt und schwenkte ihn nun fidel gegen die neue Lampe.
"Putthuhn Nro. 25!"
Sein schönes Jubiläum sollte nicht so ohne weiteres zu Wasser werden.
"Putthuhn Nro. 25!"
Die kleine Mieze war jetzt ganz rot vor Vergnügen. Die beiden kleinen, silbernen Ringe in ihren Ohrläppchen blitzten, ihr Stumpfnäschen sah wie aus Marzipan aus.
"Bravo, Dickchen! Es soll leben! Putthuhn Nro. 25!" Sie hatte ausgelassen mit ihm angestoßen.
Frau Wachtel räusperte sich jetzt. Ihr Seidnes hatte sich eben etwas geklemmt.
"Etwas--etwas Soße gefällig, Frau Thienwiebel?"
Amalie nickte. Ihr Teller schwamm zwar schon, aber: es war ja alles egal. So oder so.
Ihr großer Gatte drüben suchte eben wieder einzulenken.
"Nun, nun, schöne Dame! Denn--e--wenn die Sonne Maden aus einem toten Hund ausbrütet, eine Gottheit, die ... Ha! Wilde Hölle! Wer ist, des Gram so voll Emphase tönt?!"
Es war der kleine Fortinbras. Sein Zuckerkringel, war ihm eben über den Korbrand weg auf die Stuhlkante gefallen, dort entzweigeschlagen und lag nun in kleine Stücke zerbröckelt unten auf den schmutzigen Dielen.
Ha, mördrischer, blutschändrischer, verruchter Däne! Trink diesen Trank aus! Ich will den Wanst ins nächste Zimmer schleppen!"
Aber die besorgte kleine Mieze hatte ihre Gabel schon schnell wieder auf ihren Teller klappen lassen.
"Ach! Nicht doch, Thienwiebelchen! Nicht doch!"
Sie war aufgesprungen und bückte sich jetzt zierlich über den plumpen Korbrand.
"0 mein Zuckerpüppchen! Mein Schatz! So ein niedliches kleines Kerlchen! Nicht wahr, du willst auch was haben? Ach, mein Liebchen!!"
Sie hatte sich jetzt den kleinen Fortinbras auf den Schoßgesetzt und küßte ihn nur so.
"Auch was haben, Dickerchen?" Kuß!--"Auch was haben, Dickerchen?" Kuß! Kuß, Kuß, Kuß, Kuß!!
Der kleine Fortinbras juchzte. Er hatte noch nie so etwas erlebt. Er zappelte jetzt, daß es nur so eine Art hatte. Er lachte aus vollem Halse! "Grrr...grrr...grrr...äh! Grrr...äh!"
Der große Thienwiebel saß da. Die Weste unten aufgeknöpft, die Augenbrauen tragisch in die Höhe gezogen.
"Wie keck der--e--Bursch ist!...Wahrhaftig, Horatio! Ich habe seit diesen drei Jahren darauf geachtet. Das Zeitalter wird so spitzfindig, daß der Bauer dem Hofmann auf die Fersen tritt!"
Aber der kleine Ole beachtete ihn kaum. Die kleine Mieze war ihm jetzt weit interessanter. Sie sah jetzt ordentlich wie eine kleine Hausmutter aus.
"Na, Dickerchen?"
Auch Frau Wachtel machte jetzt große Augen. Amalie pappte.
"Ja, mein Junge! Sie essen alle, und mein Dickerchen soll gar nichts haben! Wie?--Aber das läßt er sich nicht gefallen! Wie?--Ach, bitte, Frau Thienwiebel! Reichen Sie mir doch das bißchen Biskuit da von der Kommode her. Auch die Milch, bitte!"
Frau Thienwiebel erhob sich schwerfällig und brachte das Verlangte.
Die kleine Mieze hatte den Biskuit jetzt auf geweicht und fing nun an, den kleinen Fortinbras damit zu füttern. Von ihrem Teller, auf dem neben den drei gebratenen Äpfeln nur noch ein paar kleine fettriefende Hautstückchen lagen, naschte sie kaum.
Der kleine Fortinbras stöhnte vor Behagen.
"He? Willst du noch mehr, Dickerchen? Noch mehr?"
Der kleine Ole hatte sich jetzt neugierig über den Tischrand gebogen. Sein Schnurrbärtchen duftete nach chinesischer Tusche.
"Nein! Nein! Nu sieh doch bloß, Dickerchen! Wie es dem Balg schmeckt!--Was?! Noch mehr?!--No! No! Nur nicht gleich schreien!--So!"
Frau Wachtel war jetzt ordentlich bis zu Tränen gerührt. Und wenn sie bis zu Tränen gerührt war, vergaß sie es auch nie, von ihrer verstorbenen Pflegetochter zu erzählen. Und das kam ziemlich oft vor.
"Ja, sehn Sie! Sie war ein Engel, Frau Thienwiebel! Ein Engel!"
Frau Thienwiebel kaute.
Frau Wachtel beschrieb jetzt ausführlich die Krankheit des Engels, und wie er dann gestorben war. Er hatte Malchen geheißen und war dabei so himmlisch geduldig gewesen.
"Ja, sehn Sie, Herr Nissen! Sie war mein Einz'ges! Sie tröstete mich noch, als schon der Tod kam. Sie war ein Engel!"
Sie hatte sich jetzt auch auf ihr Taschentuch besonnen und drückte es sich nun abwechselnd in die Augen.
"Ach, wein doch nicht, Mutterchen! Wein doch nicht! Nun komm ich ja zum lieben Gott!"
Sie weinte jetzt, daß ihr die Tränen nur so auf ihr Seidnes kullerten!
Der kleine Ole war bereits eine ganze Zeit lang verlegen auf seinem Stuhl hin und her gerutscht. Er hatte es unten auf das kleine, niedliche Füßchen unterm Tisch abgesehn gehabt und war dabei eben auf die alten, phlegmatischen Filzpantoffeln der reizenden Ophelia gestoßen.
Er war ordentlich rot darüber geworden.
"Ja! Sehn Sie! Sie war mein Einziges!"
Der kleine Fortinbras plantschte vor Wonne.
"Grrr...grrr...grrr..."
Dieses freundliche, frische Gesicht mit den hellen Augen und den blonden Löckchen über ihm--er kam gar nicht mehr raus aus dem Lachen! Sogar sein Streupulver hatte er vergessen!
"Grrr...grrr...grrr...Aeh!"
Seine Händchen hatten jetzt in die Höhe gegrapscht, die kleine Mieze ließ von ihm ihre Stirnlöckchen zausen.
"Nein, Dickchen! Nu sieh doch bloß! Nu sieh doch bloß!"
Der kleine Ole schneuzte sich. Er war wie mit Blut übergossen.
"Ja! Das glaub ich! Das hast du wohl noch nicht so gut gehabt, Dickerchen! Wie?"
Jetzt hatte sich endlich auch Frau Wachtel über ihn gebückt. Ihr Taschentuch lag wieder sauber ausgefältelt auf ihrem Schoß, sie kitzelte ihn wohlwollend unterm Kinn.
"Ach, mein Putteken! Ach, mein Mäuseken! Hab'n se dir so lange hungern lassen!"
Ihre Stimme zitterte, sie sah noch ganz verweint aus.
Amalie tunkte gerade ihre Soße auf.
Der große Thienwiebel aber hatte sich nunmehr rücklings in seinen Stuhl zurückgelehnt und starrte jetzt, die Hände in den Hosentaschen, erhaben oben in die beiden gelben Lichtkleckse, die die Lampen zitternd an die Decke malten.
Denn, was ein armer Mann wie Hamlet ist... Nichts mehr davon!
Der Rest war Schweigen ...
Endlich war alles wieder abgeräumt. Frau Wachtel, die nicht Skat spielte, hatte sich mit ihrem Seidnen, ihrem Taschentuch und ihrer zweiten Lampe wieder hinten in ihre Küche zurückgerettet, Amalie kauerte wieder auf ihrem Fußbänkchen neben dem Ofen. Sie hatte sich noch nachträglich eine kleine Bratenschmalzstulle geschmiert.