Chapter 9
Die ganze Küche war angefüllt mit seinen Gevattern, die von ihren verschiedenen Hütten herbeigeeilt waren und sich hineingedrängt hatten, um das Resultat der Tagesbegebenheiten zu hören. Jetzt hatte Sam's glorreiche Stunde geschlagen. Die Geschichte des Tages wurde mit jeder möglichen Ausschmückung wiederholt, die dazu dienen konnte, den Effekt zu erhöhen; denn Sam, gleich einigen unserer modernen Dilettanti, ließ nie eine Erzählung an ihrer Vergoldung dadurch verlieren, daß sie durch seine Hände ging. Brüllendes Gelächter begleitete den Bericht, und wurde von der jüngern Brut, welche in verschiedenen Gruppen auf dem Erdboden und in allen Ecken umher lag, aufgenommen und fortgesetzt. Sam hingegen bewahrte während dieses Tumultes und Gelächters den unerschütterlichsten Ernst, nur von Zeit zu Zeit seine Augen aufrollend und seinen Zuhörern unaussprechlich komische Blicke zuwerfend, ohne jedoch seinen salbungsreichen Ton zu verlassen.
»Seht, Landsleute,« sagte Sam, während er eine Entenkeule mit großer Energie aufhob, -- »Ihr seht nun, dieses Kind grade -- wie das ist ein Schutz geworden für Euch alle, -- ja, Euch alle, denn wer einen von unsern Leuten versucht zu langen, ist eben so gut, als wenn alle: Ihr seht, das =Princip= 's dasselbe, -- das ist klar. Und jeder von diesen Treibern, der da kommt hier herum schnüffeln nach unsern Leuten, ja, er soll mich treffen in seinem Wege; -- =ich= bin der Kerl, mit dem er anbinden muß, -- =ich= bin der Kerl, zu dem Ihr alle kommen müßt, Brüder, -- ich will aufstehen für Eure Rechte, -- ich sie vertheidigen bis zum letzten Hauch!«
»Aber Sam, erst diesen Morgen sagtest Du mir, daß Du Master helfen wolltest, Lizy zu fangen, -- scheint mir doch, 's hängt nicht recht zusammen, was Du sagst,« bemerkte Andy.
»Ich will Dir sagen, Andy,« entgegnete Sam mit dem Ausdrucke einer furchtbaren Ueberlegenheit, »mußt nicht sprechen, von was Du gar nicht verstehst, -- Burschen wie Du, Andy, meinen's gut, aber können nicht die großen Princips von Handlungen colludiren.«
Andy machte eine verlegene Miene, besonders in Folge des gewichtigen Wortes »colludiren,« welches alle die jüngeren Mitglieder der Gesellschaft als entscheidend in der Sache ansahen, während Sam fortfuhr:
»Das war =Gewissen=, Andy; -- als ich dachte drauf Lizy zu verfolgen, glaubt' ich, Master sitze den Weg; als ich fand, Missis saß den andern Weg, das war Gewissen =noch mehr=, -- denn 's immer besser für unser Einen auf Missis Seite halten, -- so Du siehst also, ich bin persistent auf jedem Wege, und halte auf Gewissen -- und auf Princips. Ja, Princips,« sagte Sam, einem Gänsehalse einen enthusiastischen Stoß versetzend, -- »wozu sind Princips gut, wenn wir nicht persistent sind, ich möchte wissen? -- Da, Andy, kannst den Knochen hier haben, -- 's ist noch was dran.«
Da Sam's Zuhörer mit offenem Munde an seinen Worten hingen, so konnte er nicht anders als fortfahren.
»Dieser Gegenstand von Persistenz, Brüder Niggers,« sagte Sam mit einer Miene, als wolle er auf ein höchst abstraktes Thema eingehen, -- »ist ein Ding nicht ganz klar für manchen Einen. Seht, wenn ein Mensch ist ganz einen Tag und Nacht für eine Sache, und den nächsten für 'ne andre, die Leute sagen (natürlich genug) er ist nicht persistent; -- Andy, reich' mir das Stück Kornkuchen da. -- Aber wollen's näher anschauen. Ich hoffe, die Herren und die Damen vom schönen Geschlecht werden 'ne ordinäre Gleichung entschuldigen. Hier! ich will hinauf steigen den Heuhaufen. Gut, ich setze meine Leiter diese Seite, -- 's geht nicht; -- dann, versteht sich, ich setze meine Leiter just die andere Seite, -- bin ich nicht persistent? Ich bin persistent, weil ich irgend eine Seite hinauf steigen will, wo meine Leiter ist; -- seht Ihr nicht das alle?«
»'S ist das Einzige, wo Du je bist persistent in, Gott weiß!« murmelte Tante Chloë, welche allmählig anfing aufsätzig zu werden, da die Fröhlichkeit des Abends für sie -- nach einem biblischen Gleichnisse -- »wie Essig auf der Kreide« war.
»Ja, wirklich!« sagte Sam, erfüllt von Abendessen und Ruhmgefühl, zu einer letzten Anstrengung sich erhebend. »Ja, meine Mitbürger und Damen vom andern Geschlecht im Allgemeinen, ich habe Princip's, -- bin stolz zu bekennen, -- sind vortrefflich in dieser Zeit und aller Zeit. Ich habe Princips, und halte fest dran wie vierzig; -- ja, Alles was ich denke, ist Princip, ich gehe hinein; -- ich fragte nicht, wenn sie mich verbrennen wollten lebendig, ich ging grade 'nauf an den Scheiterhaufen, ich wollte, -- und sagte, hier ich komme, mein Blut zu gießen für meine Princips, mein Vaterland, und die gemeinen Vortheile der menschlichen Gesellschaft.«
»So,« sagte Tante Chloë, »ich denke, eins von Deinen Princips wird sein, endlich zu Bett zu gehen, und nicht alle Welt aufzuhalten bis 'n frühen Morgen. Nu, Ihr da, Jungens, wenn Ihr nicht 'was an den Kopf haben wollt, macht fort, -- mächtig schnell!«
»Niggers! Ihr alle!« sagte Sam, sein Palmblatt mit Wohlwollen schwenkend, »ich gebe Euch allen meinen Segen; -- geht zu Bett und seid gute Jungens!«
Und nach dieser pathetischen Benediktion zerstreute sich die Versammlung.
Neuntes Kapitel.
Worin es sich zeigt, daß ein Senator nur ein Mensch ist.
Der Schein eines behaglichen Feuers fiel auf den Teppich eines kleinen, bequemen Wohnzimmers, und schimmerte auf den Seiten der Theetassen und der blank geputzten Theekanne, als Senator Bird sich seine Stiefeln auszog, als Vorbereitung dazu, seine Füße in ein Paar neuer, schöner Pantoffeln schlüpfen zu lassen, welche seine Frau für ihn während seiner Abwesenheit in seinen Geschäften als Senator gefertigt hatte. Mistreß Bird, ein Bild innerer Wonne in diesem Momente, war beschäftigt, das Arrangement des Tisches zu treffen, während sie dabei von Zeit zu Zeit ermahnende Bemerkungen an eine Zahl fröhlicher Kleinen ergehen ließ, welche sich mit allerhand Arten nicht zu beschreibender, muthwilliger Streiche belustigten, die je Mütter seit der Sündfluth in Erstaunen gesetzt haben.
»Tom, laß den Thürknopf los, es kömmt ein Mann! -- Marie! Marie! zupfe die Katze nicht an dem Schwanz, -- armes Thierchen! Dim, Du mußt nicht auf den Tisch klettern, -- nein! -- Ach, Du kannst nicht glauben, mein Lieber, wie Du uns Alle überrascht hast, Dich heut Abend noch hier zu sehen!« sagte sie, als sie endlich einen Augenblick Zeit gefunden, auch ein paar Worte an ihren Mann zu richten.
»Ja, ja, ich dachte, ich wollte grad 'mal hinunterlaufen, eine Nacht hier zubringen und mich zu Hause pflegen. Ich bin todtmüde und mein Kopf thut mir weh.«
Mrs. Bird warf einen Blick nach der Kampferflasche, welche in dem halb geöffneten Wandschranke stand, und verrieth die Absicht, sie holen zu wollen, allein ihr Mann verhinderte es.
»Nein, nein, Marie, nicht doktern, eine Tasse guten, heißen Thees und etwas von unserer guten Hauskost ist Alles, was ich brauche. 's ist ein ermüdendes Geschäft, -- diese Gesetzgebung!«
Und der Senator lächelte, als wenn er sich in dem Gedanken gefiele, sich als eine Art Opfer für sein Vaterland anzusehen.
»Nun,« sagte seine Frau, als die Geschäfte am Theetische allmählich nachzulassen schienen, »was ist denn im Senate verhandelt worden?«
Es war eine ganz ungewöhnliche Erscheinung bei der sanften, kleinen Mistreß Bird, daß sie sich jemals den Kopf mit dem beschwerte, was im Senatshause vorging, indem sie weislich bedachte, daß sie genug mit ihren eigenen Geschäften zu thun habe. Mr. Bird schlug deßhalb seine Augen verwundert auf und sagte nur:
»Nicht viel von Bedeutung.«
»Aber ist es denn wahr,« fuhr seine kleine Frau fort, »daß ein Gesetz erlassen worden ist, was verbietet, den armen farbigen Leuten, die manchmal des Weges kommen, zu essen und zu trinken zu geben? Ich hörte davon reden, daß ein solches Gesetz im Vorschlage sei; aber ich konnte mir nicht denken, daß irgend eine christliche Gesetzgebung es wirklich erlassen könne!«
»Wie, Marie, Du wirst ja förmlich ein Politiker, -- mit einem Male,« sagte Mr. Bird lächelnd.
»Nein, Thorheit! Ich kümmere mich für gewöhnlich nicht im Geringsten um Eure Politik, aber dieses würde ich für etwas durchaus Grausames und Unchristliches halten. Nicht wahr, lieber Mann, ein solches Gesetz ist nicht erlassen worden?«
»Es ist allerdings ein Gesetz erlassen worden, mein Kind, welches verbietet, den von Kentucky herüber kommenden flüchtigen Sklaven fortzuhelfen. So weit haben es diese rücksichtslosen Abolitionisten getrieben, daß unsere Brüder in Kentucky in gewaltiger Aufregung sind, und es sowohl nothwendig wie christlich und billig zu sein scheint, daß von Seiten unseres Staates Etwas geschehe, um diese Aufregung zu stillen.«
»Und worin besteht das Gesetz? Es verbietet uns doch nicht, diesen armen Kreaturen ein Nachtlager zu geben, und ihnen etwas zu essen und ein paar alte Kleidungsstücke zu reichen, und sodann ruhig wieder fortzuschicken? -- oder thut es das?«
»Allerdings, meine Liebe, das würde helfen und begünstigen sein, -- verstehst Du?«
Mrs. Bird war eine furchtsame, scheue, kleine Frau, ungefähr vier Fuß groß, mit sanften, blauen Augen, einem Gesichtchen, so zart wie eine Pfirsichblüthe, und einer weichen, sanften Stimme. Was ihren Muth betraf, so war es bekannt, daß ein mäßiger Truthahn sie durch sein erstes Kollern oft in die Flucht gejagt hatte, und ein gewöhnlicher Haushund sie durch bloßes Zähnefletschen zur Unterwürfigkeit bringen konnte. Ihr Mann und ihre Kinder waren ihre Welt, und in dieser herrschte sie mehr durch Bitte und Ueberredung, als durch Gründe und Befehle. Es gab nur eine Art von Veranlassung, die sie zu Heftigkeit aufreizen konnte, und diese war gerade gegen ihr sanftes, mitfühlendes Gemüth gerichtet; -- jede Art von Grausamkeit versetzte sie in heftige Leidenschaft, die um so auffallender und unerklärlicher war, als sie mit der gewöhnlichen Sanftmuth ihres Gemüthes in so grellem Widerspruche stand. Obgleich sie für gewöhnlich die nachsichtigste Mutter und so sehr leicht zu erbitten war, so bewahrten ihre Söhne dennoch ein sehr ehrfurchtsvolles Andenken an eine strenge Züchtigung, die sie ihnen einst ertheilt hatte, als sie in Verbindung mit einigen gottlosen Buben der Nachbarschaft ein hülfloses Hühnchen gesteinigt hatten.
»Ich sage Dir,« pflegte Bill zu sagen, »ich war ganz erschrocken damals. Mutter kam auf mich zu, als wenn sie rasend wäre, und peitschte mich, und warf mich in's Bett, ohne Abendbrod, ehe ich nur zur Besinnung kommen konnte; und nachher hörte ich Mutter'n vor der Thüre weinen, was mir noch mehr weh that, als alles Andere. Ich sage Dir, wir Jungens haben nie wieder ein Huhn gesteinigt!«
Bei der gegenwärtigen Veranlassung erhob sich Mrs. Bird schnell mit hoch gerötheten Wangen, die ihre ganze Erscheinung verschönerten, ging mit einer ganz entschlossenen Miene auf ihren Mann zu und sagte zu ihm in entschiedenem Tone:
»Nun, John, ich möchte wissen, ob Du solch ein Gesetz für recht und christlich hältst?«
»Du wirst mich doch nicht todt schießen, Marie, wenn ich ja sage?«
»Ich hätte es nie von Dir gedacht, John; -- nicht wahr, Du hast nicht dafür gestimmt?«
»Ganz gewiß habe ich, mein schöner, kleiner Politiker.«
»So solltest Du Dich schämen, John! Arme, heimathlose, obdachlose Geschöpfe! Es ist ein schändliches, schlechtes, abscheuliches Gesetz, und ich will bei der ersten Gelegenheit, die sich mir darbietet, es übertreten; und ich hoffe, daß sich mir eine darbieten wird, gewiß! Es ist weit gekommen, wenn eine Frau nicht mehr ein warmes Abendbrod und ein Bett solchen verkümmernden Kreaturen geben kann, gerade deßhalb, weil sie Sklaven sind, und ihr ganzes Leben lang mißhandelt und gedrückt worden sind!«
»Aber, Marie, höre mich nur einmal an. Deine Gefühle sind ganz wahr und achtungswerth, und ich liebe Dich um ihrer willen; aber, meine Theuerste, wir dürfen unser Urtheil nicht mit unsern Gefühlen davon laufen lassen; bedenke, es hat nichts mit unsern Privatempfindungen zu thun, -- es handelt sich hier um große, allgemeine Interessen, -- es herrscht und steigert sich täglich eine so allgemeine Aufregung, daß wir unsere Privatempfindungen bei Seite setzen müssen.«
»Höre, John, ich verstehe nichts von Politik, aber ich kann meine Bibel lesen; und die sagt mir, daß ich Hungrige speisen, Nackte kleiden und die bekümmerten Herzens sind, trösten soll; und meiner Bibel bin ich zu folgen entschlossen.«
»Allein in Fällen, in denen eine solche Handlungsweise von Deiner Seite große allgemeine Nachtheile zur Folge haben würde --«
»Gott gehorchen kann nie allgemeine Uebel herbei führen; ich weiß, es kann nicht. Es ist immer am sichersten, überall das zu thun, was =Er uns gebietet=!«
»Höre mich nur einmal an, Marie, und ich kann Dir einen ganz klaren Beweis geben, daß --«
»O Thorheit, John! Du könntest die ganze Nacht sprechen, es würde Dir doch nicht gelingen. Ich frage Dich, John, könntest Du ein armes, frierendes, hungriges Wesen von der Thür jagen, weil es ein entlaufener Sklave ist? Könntest =Du= es thun?«
Um die Wahrheit zu sagen, unser Senator hatte das Unglück, ein Mann von ganz besonders menschenfreundlichem, zugänglichem Gemüthe zu sein, und Jemanden von sich zu stoßen, der sich in Noth und Elend befand, war nie seine starke Seite gewesen; und was die Verlegenheit, in welche ihn dieses Argument versetzte, noch vermehrte, war das, daß seine Frau es wußte, und also einen Angriff auf einen ganz unzuvertheidigenden Punkt machte. Er nahm deßhalb zu den unter solchen Umständen gewöhnlichen Mitteln, Zeit zu gewinnen, Zuflucht: er sagte »hm« und hustete mehrmals, und nahm sein Taschentuch heraus, um seine Brillengläser abzuwischen. Mrs. Bird inzwischen, die den vertheidigungslosen Zustand des feindlichen Gebietes erkannte, war gewissenlos genug, ihren Vortheil noch weiter zu verfolgen.
»Ich möchte Dich das wohl thun sehen, John, -- wahrlich! Zum Beispiel, ein Weib in ein Schneegestöber hinausstoßen; oder vielleicht würdest Du sie aufnehmen und dann in's Gefängniß abliefern, -- nicht wahr? Das wäre ganz was für Dich!«
»Es würde natürlich eine sehr unangenehme Pflicht für mich sein,« begann Mr. Bird in gemäßigtem Tone.
»Pflicht, John! gebrauche nicht diesen Ausdruck! Du weißt, es ist keine Pflicht, es kann keine Pflicht sein! Wenn Leute wollen, daß ihre Sklaven nicht davonlaufen, so mögen sie sie gut behandeln, -- das ist meine Ansicht. Wenn ich Sklaven besäße (was, ich hoffe, nie geschehen wird), so möchte ich wohl sehen, ob sie mir oder Dir davonlaufen würden, John. Ich sage Dir, sie laufen nicht davon, wenn sie glücklich sind; und wenn sie entfliehen, -- die armen Wesen! -- so haben sie genug an Kälte, Hunger und Furcht auszustehen, auch wenn sie nicht von Jedermann feindlich behandelt und verfolgt werden; Gesetz oder nicht, ich will es nimmer thun, so helfe mir Gott!«
»Marie! Marie! Meine Liebe, laß mich mit Dir aus Gründen streiten,« sagte Mr. Bird.
»Ich hasse dieses Streiten aus Gründen, John, -- besonders über solche Gegenstände. Ihr Politiker habt eine Weise, eine einfache, richtige Sache gänzlich zu verdrehen, und wenn es zum Handeln kömmt, so glaubt Ihr selbst nicht dran. Ich kenne Dich zu gut, John, Du hältst es ebenso wenig für recht wie ich, -- und Du würdest es ebenso wenig thun wie ich.«
In diesem kritischen Momente steckte der alte Cudjoe, der einzige schwarze Diener des Hauses, seinen Kopf in die Thür und bat, »daß Missis in die Küche kommen möchte;« und unser Senator, ziemlich erleichtert, schaute seiner kleinen Frau mit einer komischen Mischung von Vergnügen und Aerger nach, und setzte sich sodann in den Lehnstuhl und begann die Zeitungen zu lesen.
Wenige Augenblicke nachher wurde die Stimme seiner Frau in einem hastigen, eifrigen Tone an der Thür gehört: -- »John! John! bitte, komm' einen Augenblick hierher!«
Mr. Bird legte die Zeitungen bei Seite und ging nach der Küche, wo er über den Anblick erschrack, der sich ihm darbot. Ein junges, schlank gebautes Frauenzimmer, mit zerrissenen und gefrorenen Kleidungsstücken, nur mit einem Schuhe bekleidet, während von dem andern verwundeten und blutenden Fuße der Strumpf herabgerissen war, befand sich in einer todtenähnlichen Ohnmacht auf zwei Stühlen liegend. Der Ausdruck des verachteten Geschlechtes lag auf ihrem Gesichte, aber jeder Umstehende fühlte unwillkührlich die rührende, traurige Schönheit desselben, während die steinerne Schärfe, der kalte, starre, todtenähnliche Anblick einen feierlichen Schauer über Jeden ausgossen. Mr. Bird hielt den Athem an und stand schweigend da. Seine Frau und deren einzige farbige Dienerin, die alte Tante Dinah, waren eifrigst bemüht, wiederbelebende Mittel zur Anwendung zu bringen, während der alte Cudjoe den Knaben auf seinem Schooße hielt, ihm die Schuhe und Strümpfe auszog und die kalten kleinen Füße zu erwärmen versuchte.
»Nu sicher, ist's nicht ein schrecklicher Anblick zu sehen!« sagte die alte Dinah mitleidig; »'s scheint, sie ist von der Hitze ohnmächtig geworden. Sie war ziemlich munter als sie hereinkam, und fragte, ob sie sich hier ein Bißchen wärmen könnte; und ich wollte sie just fragen, wo sie her käme, als sie gradezu ohnmächtig niederfiel. Hat nie viel harte Arbeit gethan, vermuthe, nach ihren Händen.«
»Armes Wesen!« sagte Mrs. Bird mitleidig, während das Frauenzimmer langsam ihre großen, schwarzen Augen aufschlug, und gedankenlos um sich schaute. Plötzlich fuhr ein schmerzhafter Zug über ihr Gesicht, und sie sprang auf mit den Worten: »O mein Harry! Haben sie ihn?«
Der Knabe, als er dies hörte, sprang von Cudjoe's Schooß, und lief an ihre Seite, indem er seine Arme zu ihr hinaufstreckte. »O, da ist er! da ist er!« rief sie.
»O Madame,« fuhr sie in wilder Aufregung fort, »ich bitte Sie, beschützen Sie uns! lassen Sie sie ihn mir nicht nehmen!«
»Niemand soll Dir hier ein Leid zufügen, armes Weib,« sagte Mrs. Bird, ihr Muth einflößend. »Du bist hier sicher; fürchte nichts.«
»Gott segne Sie!« sagte das Weib schluchzend und ihr Gesicht bedeckend, während der Knabe, als er seine Mutter weinen sah, auf ihren Schooß zu steigen versuchte.
Durch manche sanfte, weibliche Zusprache, die Niemand besser verstand als Mistreß Bird, wurde das arme Weib allmählig ruhiger. Ein einstweiliges Bett wurde für sie auf den Sitz am Feuer aufgeschlagen; und nach kurzer Zeit fiel sie mit dem Kinde in einen festen Schlaf, welches, nicht weniger ermüdet, ebenfalls in tiefen Schlummer versank, während sie es in ihrem Arme hielt; denn die Mutter widerstand mit fieberhafter Angst jedem, auch dem freundlichsten Versuche, es ihr abzunehmen, und selbst während des Schlafes preßte sich ihr Arm mit krampfhaftem Drucke um dasselbe, als könne sie selbst dann nicht in ihrer wachsamen Hut betrogen werden.
Mr. und Mistreß Bird waren nach ihrem Zimmer zurückgegangen, wo, so sonderbar es erscheinen mag, von keiner Seite irgend eine Erwähnung der vorangegangenen Unterhaltung gemacht wurde, indem Mrs. Bird eifrig zu stricken begann, und Mr. Bird sich den Anschein gab, als lese er die Zeitungen.
»Ich möchte wissen, wer und was sie ist!« sagte endlich Mr. Bird, das Blatt niederlegend.
»Wenn sie aufwacht und sich erholt hat, können wir es hören,« entgegnete Mrs. Bird.
»Höre, Frau!« sagte Mr. Bird, nachdem er wieder eine Weile über seinen Zeitungen gebrütet hatte.
»Was, lieber Mann?«
»Sie könnte wohl keins von Deinen Kleidern tragen, wenn Du einen Saum ausließest, oder so etwas? Sie scheint etwas größer zu sein als Du.«
Ein stilles Lächeln schimmerte über Mistreß Bird's Gesicht, während sie antwortete: »Wir wollen sehen.«
Nach einer neuen Pause brach Mr. Bird von Neuem hervor: »höre Frau!«
»Was denn nun?«
»Sieh, da ist der alte Mantel von Bombasin, den Du besonders aufhebst, um ihn über mich zu breiten, wenn ich mein Nachmittagsschläfchen mache, -- den könntest Du ihr wohl geben, -- sie braucht neue Kleidung.«
In diesem Augenblicke schaute Dinah in die Thür mit der Anzeige, daß die Frau erwacht sei, und Missis zu sehen wünsche.
Mr. und Mistreß Bird gingen nach der Küche, von ihren beiden ältesten Söhnen gefolgt, während die jüngere Brut vorher schon in ihre Betten sicher niedergelegt worden war.
Die Frau saß jetzt aufrecht auf dem Sitze am Feuer, unverwandt in die Gluth mit einem ruhigen, schmerzlichen Ausdrucke schauend, der von ihrer vorherigen, wilden Aufregung sehr verschieden war.
»Hast Du nach mir verlangt?« sagte Mrs. Bird in sanften Tönen. »Ich hoffe, Du fühlst Dich jetzt wohler, arme Frau.«
Ein tiefer, bebender Seufzer war die einzige Antwort; aber sie schlug ihre dunklen Augen auf, und heftete sie auf die Fragende mit einem so trostlosen, flehenden Blicke, daß der kleinen Frau augenblicklich die Thränen in die Augen traten.
»Du brauchst Dich nicht zu fürchten, wir sind Freunde hier, arme Frau! Sage mir, woher Du kommst, und was Du willst?« sagte sie.
»Ich kam von Kentucky,« entgegnete die Frau.
»Wann?« fragte Mr. Bird, das Verhör fortsetzend.
»Diesen Abend.«
»Auf welche Weise kamst Du herüber?«
»Ich ging über das Eis.«
»Ueber das Eis?« wiederholten alle Umstehenden.
»Ja,« entgegnete die Frau langsam. »Gott half mir, und ich ging über das Eis; denn Jene waren hinter mir, -- dicht hinter mir, -- und es gab keinen andern Weg!«
»O Herr!« rief Cudjoe, »Missis, das Eis ist lauter Stücke und Blöcke, -- geht auf und nieder in dem Wasser!«
»Ich wußte das, -- ich wußte es!« sagte sie wieder mit lebhafter Aufregung; -- »aber ich that es! Ich hätte nicht gedacht, daß ich's könnte, -- ich dachte nicht, daß ich hinüber kommen würde, aber 's war mir gleich! ich konnte nur sterben, wenn's nicht gelang. Der Herr half mir; -- o Niemand weiß, wie groß die Hülfe des Herrn ist, bis er's versucht,« sagte die Frau mit flammendem Auge.
»Warst Du Sklavin?« fragte Mr. Bird.
»Ja, Herr, ich gehörte einem Manne in Kentucky.«
»War er hart gegen Dich?«
»Nein, Herr, er war ein guter Herr.«
»Oder war Deine Mistreß hart gegen Dich?«
»Nein, o nein! meine Mistreß war immer gut gegen mich.«
»Was hat Dich denn aber veranlaßt, eine gute Heimath zu verlassen, und davon zu laufen, um Dich solchen Gefahren auszusetzen?«
Die Frau schaute auf zu Mrs. Bird mit einem scharfen, forschenden Blicke, und es entging ihr nicht, daß diese in tiefe Trauer gekleidet war.
»Madame,« sagte sie plötzlich, »haben Sie jemals ein Kind verloren?«
Die Frage kam unerwartet, und war ein Stoß auf eine frische Wunde; denn erst einen Monat zuvor war ein Lieblingskind der Familie in's Grab gelegt worden.
Mr. Bird wandte sich um und ging an's Fenster, und Mrs. Bird brach in Thränen aus; aber ihre Stimme wieder sammelnd, sagte sie:
»Warum fragst Du mich das? -- ja, ich habe ein Kind verloren.«
»Dann werden Sie für mich empfinden. Ich habe zwei verloren, eins nach dem andern, -- ich ließ dort ihre Gräber zurück, als ich fortging, -- und hatte nur dieses Eine noch. Ich schlief nie eine Nacht ohne ihn; er war Alles, was ich besaß. Er war mein Trost und mein Stolz, Tag und Nacht! und, Madame, sie wollten ihn mir nehmen, -- ihn verkaufen -- verkaufen nach Süden hinunter, -- das Kind, das noch nie in seinem Leben seine Mutter verlassen hatte! -- Ich konnt' es nicht tragen, Madame. Ich wußte, daß ich nie wieder zu etwas tauglich sein würde, wenn sie es thaten; und als ich deßhalb wußte, daß die Papiere unterzeichnet waren, und daß er verkauft war, nahm ich ihn und entfloh in der Nacht; und sie verfolgten mich, -- der Mann, der ihn gekauft hatte, und einige andre von Masters Leuten, -- und sie kamen dicht hinter mir, und ich hörte sie. Da sprang ich auf's Eis, -- und wie ich hinüber kam, weiß ich nicht, -- das Erste, was ich mich besinnen kann, war, daß mir ein Mann das Ufer hinauf half.«
Das Weib schluchzte nicht und weinte nicht; es war bis zu einem Stadium gelangt, wo Thränen versiegen. Aber alle Umstehenden verriethen, je nach der ihnen eigenthümlichen Weise, das innigste Mitgefühl.