Chapter 7
»Natürlich,« sagte Sam, »Master kann thun, was er will; -- gehen den graden Weg, wenn Master hält's für's Beste, -- uns Alles einerlei. Ja, wenn ich so drüber studire, denk' ich auch, der grade Weg ist am Besten, -- ohne Zweifel.«
»Sie wird natürlich einen einsamen Weg gewählt haben,« sagte Haley, laut denkend, und Sam's Bemerkung nicht beachtend.
»Läßt sich da nichts sagen,« fuhr Sam fort; -- »Weiber immer sonderbar, -- Weiber immer thun, was Ihr denkt, -- gewöhnlich grade 's Gegentheil. Weiber von Natur entgegen, -- und so, wenn Ihr denkt, sie sind gegangen =den= Weg, 's ist gewiß, Ihr thut am Besten und nehmt den andern, -- dann findet Ihr sie ganz sicher. Hier nun ist meine Meinung, Lizy hat den Holzweg genommen, -- also wäre 's am Besten, den graden zu nehmen.«
Diese gründliche, geschlechtliche Ansicht über die weibliche Natur schien Haley nicht sonderlich für den chaussirten Weg bestimmen zu können, und er erklärte seinen festen Entschluß, den andern zu wählen, und fragte Sam, wann sie diesen erreichen würden.
»Ein Stückchen weiter hinauf,« sagte Sam, indem er Andy einen Wink mit dem Auge der ihm zugewendeten Seite seines Kopfes gab, und fügte dann im ernstesten Tone hinzu: »aber ich habe drüber nachgedacht und 's ist mir ganz klar, wir sollten nicht diesen Weg gehen. Bin nie diesen Weg gekommen, 's ist ein verzweifelt einsamer, -- könnten uns leicht verlieren, -- Gott weiß, wo wir hinkommen könnten.«
»Thut nichts,« sagte Haley, »ich will dennoch diesen Weg gehen.«
»Nun ich nachdenke drüber,« fuhr Sam fort, »ist mir's, als hätt' ich hören sagen, daß der Weg ganz abgesperrt ist durch Dämme und Zäune, und so -- nicht wahr, Andy?«
Andy wußte es nicht gewiß; er hatte nur »reden hören« von dem Wege, aber war ihn nie selbst gegangen. Mit einem Worte, er hielt sich ganz neutral.
Haley, gewohnt, das Gewicht der Wahrscheinlichkeiten zwischen größeren und geringen Lügen gehörig abzuwägen, nahm an, daß dasselbe sich zu Gunsten des erwähnten Holzweges neige. Er glaubte, daß die erste Erwähnung desselben von Seiten Sam's unwillkührlich gewesen sei, und seine verwirrten Versuche, ihm davon abzurathen, hielt er für verzweifelte Lügen, die aus späterem Nachdenken und der Absicht hervorgingen, Elisa außer Gefahr zu bringen. Als Sam deßhalb den bewußten Weg anzeigte, nahm er mit entschiedener Wendung seine Richtung in denselben, während Sam und Andy ihm folgten.
Dieser Weg war in der That ein alter, der früher zum Flusse geführt hatte, aber seit vielen Jahren, nach Errichtung der Chausseestraße verlassen worden war. Ungefähr eine Stunde weit zu reiten war er offen, aber nachher durch verschiedene Zäune und Farmgebäude abgesperrt. Sam wußte dies alles ganz genau -- und der Weg war in der That schon seit so langer Zeit unfahrbar geworden, daß Andy niemals davon gehört hatte. Er ritt deßhalb mit der Miene pflichtschuldiger Ergebung weiter, und nur von Zeit zu Zeit ließ er einzelne Ausrufe hören, wie, »daß es sehr holpriger Weg« und »sehr böse für Jerry's Fuß« sei.
»Na denn, ich will Euch was sagen,« begann Haley plötzlich, »ich weiß, was Ihr wollt mit all dem Geschwätze, -- Ihr wollt mich von dieser Straße abbringen, aber 's hilft Euch nichts, -- also thut Ihr besser, Ihr haltet 's Maul.«
»Master will seinen eigenen Weg gehen!« sagte Sam mit dem Ausdrucke schmerzlicher Ergebung, gleichzeitig jedoch Andy sehr bedeutungsvoll zuwinkend, dessen Entzücken jetzt nahe daran war loszubrechen.
Sam schien in besonders guter Laune zu sein und that, als wenn er sich außerordentliche Mühe gebe, die Gegend scharf zu beobachten, indem er bald ausrief, daß er »einen Weiberhut« auf der Spitze einer entfernten Höhe sehe, und bald Andy fragte, »ob das nicht Lizy sei -- da unten in dem Hohlwege,« und dabei diese und ähnliche Ausrufungen immer grade dann erschallen ließ, wenn sie sich an einer besonders rauhen Stelle des Weges befanden, wo das schärfere Antreiben der Pferde für alle Theile besonders unangenehm war, so daß Haley dadurch in einem Zustande fortwährender Aufregung erhalten wurde.
Nachdem sie auf diesem Wege etwa eine Stunde lang geritten waren, lief derselbe plötzlich in einen Ackerhof aus, welcher zu einer bedeutenden Farmbesitzung gehörte. Keine Seele war daselbst sichtbar, da alle Arbeiter auf dem Felde beschäftigt waren; allein da das nächste Scheunengebäude klar und deutlich quer über dem Wege stand, so konnte kein Zweifel darüber obwalten, daß ihre Reise in dieser Richtung zu einem entschiedenen Ende gelangt sei.
»War's das nicht, was ich Euch vorher gesagt habe?« sagte Sam mit der Miene beleidigter Unschuld. »Warum denken fremde Herren mehr zu wissen von der Gegend, als die, die drin geboren und erzogen sind?«
»Du Schuft!« sagte Haley, »Du hast das Alles vorhergewußt.«
»Hab' ich's denn nicht gesagt, daß ich's =wußte=, und Ihr wolltet mir nicht glauben! Ich sagte Master, daß Alles wäre gesperrt und daß ich nicht dächte, wir könnten durchkommen -- Andy hat's gehört.«
Es war Alles zu wahr, als daß es hätte in Abrede gestellt werden können, und der unglückliche Mann mußte seinen Aerger mit so viel Anstand niederbeißen, als er konnte. Alle drei nahmen dann ihre Wendung zur Rechten, in gerader Richtung nach der Landstraße.
In Folge aller dieser verschiedenen Verzögerungen war es ungefähr drei Viertelstunden später, nachdem Elisa ihr Kind in der Dorfschenke zur Ruhe niedergelegt hatte, als die Gesellschaft auf dasselbe Gebäude zugeritten kam. Elisa stand am Fenster, nach einer andern Richtung blickend, als Sam's scharfes Auge ihrer gewahr wurde. Haley und Andy waren einige Schritte weit hinter ihm zurück. In diesem kritischen Momente gelang es Sam, seine Kopfbedeckung zu verlieren, als wenn der Wind sie ihm abgeweht hätte, in Folge dessen er einen lauten, ihm eigenthümlichen Schrei ausstieß, durch welchen Elisa auf ihn aufmerksam wurde. Sie zog sich schnell vom Fenster zurück, an dem der ganze Zug vorüber ging, um an den Haupteingang zu gelangen.
Tausend Leben schienen in diesem Augenblicke in Elisa concentrirt zu sein. Ihr Zimmer gewährte durch eine Seitenthür einen Ausgang nach dem Flusse. Sie raffte ihr Kind auf und sprang die zum Ufer hinabführenden Stufen hinunter. Der Sklavenhändler bekam sie deutlich zu Gesicht gerade in dem Augenblicke, als sie unter dem Ufer verschwand, und indem er sich vom Pferde hinab warf, und Sam und Andy ihm zu folgen zurief, sprang er hinter ihr her wie ein Hund hinter einer gejagten Hirschkuh. In diesem schwindelnden Momente schienen Elisa's Füße kaum den Boden zu berühren und ein Augenblick brachte sie an den Wasserrand des Flusses. Dicht hinter ihr folgten Jene, und -- wie gestählt von einer Kraft, wie sie Gott nur den Verzweifelnden verleiht, und mit einem wilden Schrei und flugartigen Sprunge, flog sie über den trüben Strom am Ufer hin bis auf die nächste Eisscholle. Es war ein unbegreiflicher Sprung, -- der nur in Wahnsinn oder Verzweiflung gemacht werden konnte, und Haley, Sam und Andy schrieen instinktmäßig wie aus einem Munde auf und hoben ihre Hände auf, als sie ihn gewahrten.
Das riesige, grüne Eisstück, auf welchem sie Fuß faßte, krachte und senkte sich, als ihre Last darauf nieder fiel, aber sie hielt nicht einen Augenblick an. Unter wilden Schreien und mit verzweifelnder Kraft sprang sie auf ein anderes und wieder ein anderes Eisstück, während sie bald stolperte, bald sprang, bald ausglitt, und wieder aufsprang! Ihre Schuhe waren zurückgelassen -- ihre Strümpfe von den Füßen geschnitten, -- und jeder Fußtritt war mit Blut gezeichnet; aber sie sah nichts, sie fühlte nichts, bis nebelartig, wie im Traume, die Ohio-Seite des Flusses vor ihre Blicke trat und ein Mann ihr das Ufer hinauf half.
»Bist eine brave Dirne, wahrhaftig, wer Du auch immer sein magst!« sagte der Mann mit einem Schwure.
Elisa erkannte die Stimme und das Gesicht eines Mannes, welcher nicht weit von ihrer alten Heimath eine Farm besaß.
»O Mr. Symmes! -- retten Sie mich -- bitte, retten Sie mich, -- verbergen Sie mich!« rief Elisa flehend.
»Wie, was ist das?« sagte der Mann. »Ist denn das nicht Shelby's Dirne?«
»Mein Kind! -- dieses Kind! -- er hat es verkauft! Dort ist sein Herr!« sagte sie, nach dem Kentucky-Ufer hindeutend. »O Mr. Symmes, Sie haben auch ein Kind!«
»Das habe ich,« sagte der Mann, während er rauh, aber gütig sie das steile Ufer hinaufzog. »Ueberdieß bist Du eine brave Dirne. Ich achte Muth, wo ich ihn auch immer finde.«
Als Beide die Höhe des Ufers erreicht hatten, stand der Mann still.
»Ich möchte gern was für Dich thun,« sagte er, »aber ich weiß keinen Ort, wo ich Dich hinbringen könnte. Das Beste, was ich thun kann, ist, daß ich Dir rathe, =dort= hinzugehen,« sagte er, auf ein großes, weißes Gebäude deutend, welches isolirt an der Hauptstraße des Dorfes stand. »Geh dort hin; das sind gute Leute. Dort ist keine Gefahr für Dich, -- die werden Dir helfen, -- die sind in solchen Fällen immer bereit.«
»Gott segne Sie!« rief Elisa inbrünstig.
»Keine Ursache, gar keine Ursache,« sagte der Mann. »Was ich gethan habe, hat gar nichts zu bedeuten.«
»O, und nicht wahr, Herr, -- Sie werden's Niemanden sagen?«
»Geh' zum Donnerwetter, Mädchen! Wofür hältst Du Einen? Versteht sich -- nein,« sagte der Mann. »Komm nun, geh' zu, wie eine brave, vernünftige Dirne, was Du bist. Hast Dir Deine Freiheit gewonnen und sollst sie behalten, so weit ich's helfen kann.«
Elisa wickelte ihr Kind dichter an ihren Busen, und schritt fest und eilig weiter. Der Mann blieb stehen und schaute ihr nach.
»Shelby wird dies vielleicht nicht gerade für 'nen sehr nachbarlichen Dienst halten, -- aber was soll ein Mensch thun? Wenn er eine von meinen Dirnen auf demselben Striche findet, so mag er mir zurückzahlen. Hab's nie mit ansehen können, wie die armen Kreaturen rennen und keuchen, um sich zu retten, und dann die Hunde hinten drein. Weiß auch überhaupt nicht, warum ich für andere Leute jagen und fangen soll.«
So sprach dieser arme, heidnische Mann von Kentucky, welcher über seine constitutionellen Beziehungen und Verpflichtungen nie aufgeklärt worden war, und sich deßhalb verleiten ließ, in einer Art christlichen Weise zu handeln, welche er, wenn er sich in größerem Wohlstande befunden und mehr Aufklärung genossen hätte, -- sich schwerlich erlaubt haben würde.
Haley hatte einen förmlich erstarrten Zuschauer der Scene abgegeben, bis Elisa am gegenüberliegenden Ufer verschwunden war, worauf er sich mit einem leeren, fragenden Blicke nach Sam und Andy umwandte.
»Das war kein übles Stückchen,« sagte Sam.
»Ich glaube, das Weibstück hat sieben Teufel im Leibe!« sagte Haley, »Gerade wie 'ne wilde Katze sprang sie!«
»Ja, nu,« sagte Sam, sich in den Haaren kratzend, -- »hoffe, Master wird uns entschuldigen -- von dem Wege da. -- Denke, habe nicht Courage genug -- dazu!« mit einem heiseren Lachen hinzufügend.
»Du lachst!« sagte Haley brummend.
»Gott helf mir, Master, ich kann nicht anders -- nun,« sagte Sam, seinem lange zurückgehaltenen Entzücken vollen Lauf lassend. »'s sah so curios aus -- wie sie sprang und hüpfte, -- und nun, krack -- das Eis -- und plump! und platsch! -- Spring' Du und -- o Herr!« -- und Sam und Andy lachten, daß ihnen die Thränen an den Backen hinunter liefen.
»Wart', ich will Euch auf 'ne andere Weise lachen machen!« sagte Haley, indem er mit der Reitpeitsche um ihre Köpfe schlug.
Beide duckten sich und rannen schreiend und jauchzend das Ufer hinab, und waren bei ihren Pferden, ehe er ihnen nachkommen konnte.
»Guten Abend, Master!« rief Sam mit großem Ernste. »Vermuthe sehr, Missis wird um Jerry besorgt sein. Master Haley wird uns nicht länger brauchen, -- Missis möcht' 's nicht gerne hören, wenn wir die Thiere über Lizy's Brücke ritten -- heute Abend noch!« und, Andy muthwillig in die Rippen stoßend, trabte er, von Letzterem gefolgt, in voller Eile davon, während der Wind ihr fernes, lautes Gelächter zu Haley zurücktrug.
Achtes Kapitel.
Ein würdiges Trio.
Die Dämmerung begann gerade herein zu brechen, als Elisa ihren verzweifelten Rückzug über den Fluß unternahm. Die grauen Abendnebel, welche langsam vom Flusse aufstiegen, umhüllten sie, als sie am jenseitigen Ufer verschwand, und der angeschwollene Lauf des Stromes mit den wogenden Eismassen bildete eine hoffnungslose Schranke zwischen ihr und ihrem Verfolger. Haley kehrte deßhalb langsam und mißmuthig nach dem kleinen Wirthshause zurück, um darüber nachzudenken, was weiter zu thun sei. Die Wirthsfrau öffnete die Thür eines kleinen Zimmers, dessen Boden mit einem Fragmente von Teppich bedeckt war, und in welchem ein Tisch mit einer glänzend schwarzen Wachstuchdecke, sowie verschiedene schlanke, hochlehnige Holzstühle standen, während über dem Kamine und oberhalb eines schwellenden, dampfenden Feuers mehrere Papierbilder mit hellen und grellen Farben die Wand bedeckten. Ein langer, harter, hölzerner Sitz breitete seine unbequeme Länge vor dem Kamine aus, und hier ließ Haley sich nieder, um über die Unbeständigkeit menschlichen Glückes und menschlicher Hoffnungen im Allgemeinen zu reflektiren.
»Wozu brauchte ich den verdammten kleinen Balg nun?« sagte er zu sich selbst, »daß ich mich wie einen Affen habe behandeln lassen müssen, -- was ich bin!« und erleichterte sein Herz sodann dadurch, daß er eine nicht sehr ausgewählte Litanei von Verwünschungen und Schimpfnamen gegen sich ausstieß, welche, obgleich jeder mögliche Grund vorhanden ist, sie als passend zu erachten, wir hier des guten Geschmackes halber unerwähnt lassen wollen.
Aus diesen Selbstbetrachtungen wurde er durch eine laute und unharmonische Stimme eines Mannes erweckt, welcher vor der Thür des Hauses abzusteigen schien. Er eilte an das Fenster.
»Beim Himmel! nun, wenn das nicht gerade so was ist, was die Leute Vorsehung nennen,« sagte Haley. »Glaube wahrhaftig, das ist Tom Locker.«
Haley eilte hinaus. Am Schenktische, in der Ecke des Zimmers, stand ein fleischiger, muskulöser Mann, volle sechs Fuß hoch und im Verhältniß ebenso breit. Er trug einen Rock von Buffalohaut, mit der rauhen Seite nach Außen, was ihm ein wildes Aeußere verlieh, welches mit dem ganzen Ausdrucke seiner Physiognomie in vollem Einklange stand. In seiner Kopf- und Gesichtsbildung zeigte sich jedes Organ, welches Rohheit und rücksichtslose Gewaltthätigkeit verrieth, in der höchst vollkommensten Ausbildung. In der That, wenn sich unsere Leser einen Bullenbeißer in menschlicher Gestalt, mit einem Rock und Hut umherwandelnd denken könnten, so würden sie keine unrichtige Vorstellung von der Erscheinung und dem Eindrucke seiner Körperbildung haben. An seiner Seite befand sich ein Reisegesellschafter, welcher in verschiedenen Beziehungen ein vollständiges Gegenstück zu ihm bildete. Er war klein und schlank, und geschmeidig wie eine Katze in seinen Bewegungen, und hatte einen lauernden Ausdruck in seinen stechenden, schwarzen Augen, mit denen jeder Zug seines Gesichts im Einklang zu stehen schien. Seine schmale, lange Nase lief in einer solchen Richtung aus, als wolle sie sich in die Natur aller Dinge im Allgemeinen einbohren; sein glattes, dünnes, schwarzes Haar war sorgfältig nach vorn zusammen gelegt, und alle seine Wendungen und Bewegungen drückten eine trockene, vorsichtige Schärfe aus. Der große, dicke Mann schenkte ein Bierglas halb voll mit reinem Branntwein ein und stürzte es hinunter, ohne ein Wort zu sagen. Der kleine Mann stand auf den Zehen, und nachdem er seinen Kopf zuerst nach der einen, und dann nach der andern Seite vorgestreckt, und in allen Richtungen nach den verschiedenen Flaschen gerochen hatte, bestellte er endlich mit einer dünnen, zitternden Stimme und mit besonders vorsichtiger Miene ein Glas Sodawasser. Als er es eingeschenkt hatte, betrachtete er es mit scharfem, wohlgefälligem Blicke, wie ein Mann, der der Meinung ist, das Rechte gefunden und den Nagel auf den Kopf getroffen zu haben, und schritt sodann dazu, es in langsamen und wohlbedachten Schlückchen zu leeren.
»Wahrhaftig, wer hätte das gedacht, daß ich's so gut treffen sollte? Sieh da, Locker, wie geht's Euch?« sagte Haley vortretend und seine Hand dem großen Manne entgegen streckend.
»Der Teufel!« war die höfliche Antwort. »Was bringt Euch denn hierher, Haley?«
Der Mann mit dem lauernden Blicke, welcher den Namen Marks führte, hielt sofort mit seinem Schlürfen inne und streckte seinen Kopf vor, und betrachtete scharf und neugierig die neue Bekanntschaft, so wie eine Katze zuweilen ein wehendes, trockenes Blatt oder irgend einen andern ähnlichen Gegenstand der Verfolgung betrachtet.
»Na, ich sage, Tom, das ist der glücklichste Zufall in der Welt. Ich bin in 'ner teufelsmäßigen Patsche, und Ihr sollt mir 'raushelfen.«
»Uf! so? -- wahrscheinlich!« grunzte sein höflicher Freund. »Man kann sicher auf so 'was rechnen, wenn Ihr Euch freut, Einen zu sehen, daß Ihr ihn zu irgend 'was braucht. Was gibts denn nun?«
»Ihr habt 'nen Freund hier?« sagte Haley, etwas zweifelhaft auf Marks blickend, -- »vielleicht ein Compagnon?«
»Ja,« entgegnete Jener. »Hier, Marks! hier, das ist der Kerl, mit dem ich in Natchez zusammen war.«
»Werde mich freuen, seine Bekanntschaft zu machen,« sagte Marks, seine lange, dünne Hand wie eine Rabenklaue ausstreckend. »Vermuthe, Mr. Haley?«
»Derselbe,« sagte Haley. »Und nun, meine Herren, da wir hier so glücklich zusammen getroffen sind, so denke ich, ich kann hier 'ne Kleinigkeit zum Besten geben, hier da, in der Wirthsstube. Also nun, alter Affe,« sagte er zu dem Manne hinter dem Schenktische, »bring' uns heißes Wasser und Zucker und Cigarren, und 'ne gute Quantität >ächten Stoff<, und dann wollen wir 'mal lustig sein.«
Der Anordnung gemäß wurden die Lichter angezündet, das Feuer zur hellen Flamme aufgestört, und bald saßen unsere drei Ehrenmänner um den Tisch, welcher mit den vorher aufgezählten Erfordernissen guter Kameradschaft reichlich bedeckt war.
Haley begann einen pathetischen Vortrag seiner eigenthümlichen Unglücksfälle, welchem Locker mit geschlossenem Munde und finsterer, mürrischer Aufmerksamkeit zuhörte. Marks, welcher mit großer Aengstlichkeit und Sorgsamkeit und sehr lebhaften Bewegungen beschäftigt war, sich ein Glas nach seinem eigenen, besonderen Geschmacke zu bereiten, blickte von Zeit zu Zeit von seiner Beschäftigung auf, und indem er sodann seine lange, scharfe Nase und Kinn bis beinahe in Haley's Gesicht steckte, schien er der ganzen Erzählung die gespannteste Aufmerksamkeit zu widmen. Der Schluß derselben schien ihn außerordentlich zu belustigen, denn er schüttelte schweigend seine Schultern und Seiten, und preßte seine dünnen Lippen mit dem Ausdrucke großen inneren Vergnügens zusammen.
»Also richtig angeführt, -- nicht so?« sagte er, -- »he, he, he, he! -- 's war gut gemacht!«
»Der verdammte Kinderhandel macht Einem unmenschliche Umstände im Geschäfte,« sagte Haley mit sehr verdrießlicher Miene.
»Wenn wir 'ne Brut Dirnen ausfinden könnten, die nach ihren Jungen nichts fragen, -- ich sage Euch, 's würde der größte moderne Fortschritt sein, den ich kenne, -- nicht wahr?« sagte Marks, indem er seinen Scherz mit einem stillen und wohlgefälligen Lächeln begleitete.
»Ganz recht,« sagte Haley, -- »ich hab's nie begreifen können; Junge machen ihnen doch 'ne schreckliche Menge Umstände; man sollte doch denken, sie müßten froh sein, wenn sie sie los würden, -- aber nein. Und je mehr Umstände solch' ein Junges macht, und je weniger es nütze ist im Allgemeinen, desto mehr hängen sie dran.«
»Ja, Mr. Haley,« sagte Marks, -- »just reicht mir das heiße Wasser, -- ja, Ihr sagt just das, was ich denke, und wir Alle. Einmal kauft' ich 'ne Dirne, als ich noch im Geschäfte war, -- und 's war ein strammes, nettes Mensch, und die hatte ein Junges, ein elendes, kränkliches Ding, bucklich, und wer weiß was Alles. So gab ich's also weg an 'nen Mann, der's versuchen wollte und 's aufziehen, -- kostete nichts, natürlich; -- dachte nimmer, wißt Ihr, daß sie was darnach fragen würde, -- aber, o Herr, nun hättet Ihr sehen sollen, wie sie los ging. Wahrhaftig, mir kam's vor, als wenn sie 's Balg gerade darum lieber hätte, just weil's so elend war und immer schrie und sie plagte; -- und sie wollt' sich's nicht beibringen lassen und wollt's nicht glauben, und schrie und lief umher, als wenn sie Alles verloren hätte. 's ist meiner Seel' drollig, daran zu denken. Ja, was die Weiber für Begriffe haben, -- da ist kein Ende dran!«
»Just so mit mir,« sagte Haley. »Vorigen Sommer, unten am Flusse, kriegt' ich 'ne Dirne mit in den Handel, die hatte ein Kind, und 's sah ganz gut aus, und hatte Augen so hell wie Eure; aber, wie ich's näher besah, fand ich, 's war stockblind. So, wißt Ihr, dacht' ich, 's hätte weiter nichts auf sich, wenn ich's so mit weg gäbe in den Handel, ohne weiter was davon zu sagen; -- und wurd's auch richtig los für ein Faß Whisky; aber wie 's von der Dirne los kriegen? -- die war grade wie ein Tieger. Es war just ehe wir abgingen, und ich hatte meinen Trupp noch nicht zusammen gekettet; so -- was hat sie zu thun? -- sie springt auf 'nen Ballen Baumwolle wie 'ne Katze, und reißt einem von den Schiffsleuten ein Messer weg, und jagt 'ne Minute lang Alles in die Flucht, bis sie endlich sah, es half ihr nichts; und dann -- dreht sie sich herum, und mit dem Kopf zuerst, und ihr Junges im Arm, stürzt sie sich in den Fluß, und, plump, -- ging sie unter, und kam nie wieder herauf.«
»Pah!« sagte Tom Locker, der diese Erzählungen mit schlecht verhehltem Widerwillen mit angehört hatte, -- »Dummköpfe, alle beide! =meine= Dirnen machen mir solche Streiche nicht, -- das sag ich Euch!«
»Wirklich! und wie macht Ihr's denn?« fragte Marks dreist.
»Machen? was, -- wenn ich 'ne Dirne kaufe, und sie hat ein Junges, das loszuschlagen ist, so geh' ich zu ihr 'ran, und halt' ihr meine Faust unter's Gesicht, und sage: >Gieb Acht, nun, wenn Du mir ein Wort hören läßt aus Deinem Munde, so zerschmettr' ich Dir 's Gesicht. Kein Wort will ich hören, -- nicht den Anfang davon.< So sag' ich zu ihr, und: >das Junge da ist mein, und nicht Dein, Du hast nichts damit zu thun; -- ich verkaufe 's an den Ersten besten, und merke Dir, daß Du mir keine Streiche machst, oder Du sollst wünschen, daß Du nie geboren worden wärest.< Sage Euch, sie merken's bald, s' ist kein Spaß zu machen, wenn ich sie habe. Ich mache sie so stumm wie Fische; und wenn eine anfängt, und schreit los, und dann --;« und Mr. Locker ließ seine Faust mit einer solchen Gewalt auf den Tisch niederfallen, daß der unausgesprochene Schluß seiner Rede sich vollständig daraus erklären ließ.
»Das ist, was Ihr =Nachdruck= nennen könnt,« sagte Marks, indem er Haley in die Seite stieß, und wieder in ein leises Kichern verfiel. »Ist Tom nicht ein kurioser Kerl? he, he, he! Tom, ich glaube, Ihr bringt's den Negerköpfen bei, -- Euch verstehen sie, Tom, ohne Zweifel. Wenn Ihr nicht der Teufel selbst seid, so seid Ihr wenigstens sein Zwillingsbruder, -- so viel sage ich!«
Tom nahm das Compliment mit angemessener Bescheidenheit auf, und begann eine so leutselige Miene anzunehmen, wie es, nach John Bunyan's Worten, »mit seiner hündischen Natur möglich war.«
Haley, welcher von den Vorräthen des Abends in reichem Maße zu sich genommen hatte, fühlte seine moralischen Fähigkeiten angeregt und gehoben, -- was unter ähnlichen Umständen bei Männern von ernster und schweigsamer Natur kein ungewöhnliches Phänomen ist.
»Na, hört, Tom,« sagte er, »Ihr seid wirklich zu schlecht, wie ich's immer gesagt habe. Ihr wißt, Tom, Ihr und ich haben öfters über diese Dinge gesprochen in Natchez, und ich habe Euch immer bewiesen, daß wir grade eben so viel machten und wären wohl auf in dieser Welt, wenn wir sie gut behandelten, und hätten außerdem mehr Aussicht endlich in's Himmelreich zu kommen, wenn Staub geht zu Staub, und dann nichts mehr zu holen ist, -- Ihr wißt?«
»Pah!« sagte Tom, »weiß ich nicht? -- macht mir nicht übel mit Eurem Unsinn, -- mein Magen ist so nicht in Ordnung;« -- und Tom schüttete ein halbes Glas reinen Brandwein hinunter.