Chapter 13
Mr. Wilson's Geist war einer von denjenigen, die nicht unpassend mit einem Ballen Baumwolle verglichen werden können, -- sanft, weich, nachgiebig und verworren. Er bedauerte wirklich Georg von ganzem Herzen, und hatte sogar eine dunkle, nebelichte Ahnung von dem Gefühl, welches diesen erfüllte: aber er hielt es für seine Pflicht, beharrlich mit seinen =guten= Vorstellungen fortzufahren.
»Georg, das ist unrecht. Ich muß es Dir sagen, als Dein Freund, Du weißt, Du thätest besser, Dich mit solchen Ideen nicht zu beschäftigen; die sind ganz unpassend, Georg, ganz unpassend für Burschen in Deinem Verhältniß.« Und Mr. Wilson setzte sich nieder und begann in heftigster Aufregung an dem Knopfe seines Schirmes zu kauen.
»Nun sehen Sie hier, Mr. Wilson,« sagte Georg, indem er zu ihm herantrat und sich mit entschiedenem Wesen dicht vor ihn setzte; -- »sehen Sie mich jetzt an. Sitze ich hier nicht vor Ihnen als ein Mensch in jeder Beziehung grade so gut wie Sie? Schauen Sie in mein Gesicht, auf meine Hände, auf meinen Körper,« und bei diesen Worten hob sich der junge Mann stolz auf, »bin ich nicht ein Mensch so gut wie Einer? Wohl, Mr. Wilson, hören Sie, was ich Ihnen sagen will. Ich hatte einen Vater, -- er gehörte zu Ihren Kentucky'schen Gentlemen, -- der sich nicht so viel aus mir machte, daß er mich dagegen sicherte, mit seinen Pferden und Hunden nach seinem Tode verkauft zu werden. Ich sah meine Mutter zum Verkaufe ausgestellt mit ihren sieben Kindern. Sie wurden alle, eins nach dem andern, vor ihren Augen an verschiedene Herren verkauft; und ich war das jüngste. Sie kam und sank vor meinem alten Master zu Füßen und flehte ihn an, sie mit mir zu kaufen, damit sie wenigstens ein Kind bei sich habe; -- und er stieß sie mit dem Hacken zur Seite. Ich sah es, als er es that; und das Letzte, was ich von ihr hörte, war ihr Stöhnen und Schreien, als ich an den Hals seines Pferdes gebunden wurde, um mit ihm fortgeschleppt zu werden.«
»Nun, also?«
»Mein Herr kaufte später meine älteste Schwester von dem Manne, der sie erstanden hatte. Sie war ein frommes, gutes Mädchen, -- und so schön wie ihre arme Mutter gewesen war. Sie war gut erzogen worden, und wußte sich gut zu benehmen. Anfangs freute ich mich, daß sie gekauft worden war, denn ich hatte nun eine Freundin in meiner Nähe; aber bald bereute ich es. Ich habe an der Thür gestanden und gehört, wie sie gepeitscht wurde, während jeder Schlag mein entblößtes Herz zu treffen schien, und konnte ihr nicht helfen; und sie wurde gepeitscht, Herr, blos deshalb, weil sie ein sittliches, christliches Leben führen wollte, ein solches, wie Ihre Gesetze einem Sklavenmädchen nicht erlauben zu führen; und endlich sah ich sie geschlossen in dem Trupp eines Sklavenhändlers, um nach New-Orleans auf den Markt gebracht zu werden, -- dort hingeschickt blos deshalb, weil sie -- und das ist das Letzte, was ich von ihr weiß. -- Ich selbst wuchs auf, -- lange, lange Jahre, -- keinen Vater, keine Mutter, keine Schwester, kein menschliches Wesen bei mir, das sich um mich mehr als um einen Hund kümmerte; nichts als gepeitscht, geschimpft werden, und Hunger leiden. Ich bin oft so hungrig gewesen, daß ich froh war, die Knochen zu finden, die den Hunden vorgeworfen wurden; und dennoch war es nicht der Hunger, nicht der Schmerz der Peitschenhiebe, weshalb ich oft als ein kleiner Knabe lange Nächte wachend und weinend auf meinem Lager zubrachte. Nein, Herr, es war meine Mutter und meine Schwestern, um die ich weinte, -- es war, weil ich keinen Freund auf Erden hatte, der mich liebte. Ich habe nie gewußt, was Friede und Annehmlichkeiten des Lebens waren; nie wurde ein freundliches Wort zu mir gesprochen, bis ich in Ihre Fabrik kam. Mr. Wilson, Sie haben mich gut behandelt, Sie haben mich ermuthigt, gut zu sein, lesen und schreiben zu lernen, und etwas aus mir selbst zu machen; und Gott weiß es, wie dankbar ich Ihnen dafür bin. Dann fand ich meine Frau; Sie haben sie gesehen, -- Sie wissen, wie schön sie ist. Als ich sah, daß sie mich liebte, als ich sie heirathete, konnte ich kaum glauben, daß ich wirklich lebe, so glücklich war ich; und sie ist ebenso gut wie schön. Aber was kam nun? -- Mein Master kommt und nimmt mich von meiner Arbeit fort, von meinen Freunden und Allem, was ich lieb hatte, um mich in den Staub zu treten! Und weshalb? Weil ich, wie er sagt, vergessen habe, was ich sei, um, wie er sagt, mir zu lehren, daß ich nichts als ein Neger sei! Endlich tritt er auch zwischen mich und mein Weib, und verlangt, ich solle sie aufgeben und mit einem andern Weibe leben. Und zu allen diesen Handlungen geben ihm Ihre Gesetze Macht und Vollkommenheit, trotz Gott und Menschen. Mr. Wilson, hören Sie! Es ist hier nicht =eine einzige= Handlung unter allen diesen, die die Herzen meiner Mutter, meiner Schwester, meines Weibes und mein eignes gebrochen haben, welche Ihre Gesetze nicht billigten, und jedem Manne in Kentucky ohne Widerspruch erlaubten! Nennen Sie nun diese die Gesetze =meines= Vaterlandes? Nein, Herr, ich habe nicht mehr ein Vaterland, als ich einen Vater habe. Aber ich bin im Begriffe, eins zu erlangen. Ich verlange nichts von =Ihrem= Vaterlande, als daß es mich in Frieden lasse und mir erlaube, ruhig hinaus zu gehen; und wenn ich nach Kanada komme, wo die Gesetze mich anerkennen und mich beschützen werden, so soll dies mein Vaterland sein, und ich will seinen Gesetzen gehorchen. Aber wenn Jemand versuchen sollte, mich aufzuhalten, so mag er sich vorsehen, denn ich bin verzweifelt. Ich werde kämpfen für meine Freiheit bis zum letzten Hauche. Sie sagen, Ihre Vorväter thaten dasselbe; wohl, wenn es für sie recht war, so ist es auch für mich recht.«
Diese Rede, welche von ihm, theils am Tische sitzend, theils im Zimmer auf und ab gehend, gesprochen wurde, mit Thränen, funkelnden Augen und verzweifelnden Geberden, war für den guten alten Mann zu viel, an den sie gerichtet war, und der inzwischen ein großes, gelbes Taschentuch herausgezogen hatte und sein Gesicht damit herzhaft wischte.
»Laß sie alle zum Henker gehen!« brach er plötzlich hervor. »Habe ich's nicht immer gesagt, -- die verdammten Hallunken! -- Ich habe doch nicht geflucht, jetzt? -- Gut, Georg, geh' zu, geh' zu! aber sei vorsichtig, mein Junge; schieße Keinen todt, Georg, wenn's nicht -- ja, -- aber noch besser, Du schießest gar nicht, denk' ich; wenigstens würde ich Niemandem Schaden zufügen, verstehst Du? -- Wo ist Dein Weib, Georg?« fügte er hinzu, während er heftig erregt aufstand, und im Zimmer auf und ab zu gehen begann.
»Fort, fort, mit ihrem Kinde im Arme, Gott weiß, wohin, -- dem Nordstern nach, und wann wir uns wieder sehen, und ob wir uns je wieder in dieser Welt, kann Niemand sagen.«
»Ist es möglich! unglaublich! fort von einer so guten Familie?«
»Ja, aber gute Familien gerathen in Schulden, und die Gesetze =unseres= Vaterlandes erlauben ihnen, das Kind von der Mutterbrust weg zu verkaufen, um die Schulden des Herrn zu bezahlen,« sagte Georg mit bitterem Tone.
»Gut, gut,« sagte der brave alte Mann, in seiner Tasche herum fühlend. »Ich glaube vielleicht, ich folge hier nicht ganz meinem Verstande, -- aber, laß Alles gehenkt werden, ich will ihm nicht folgen!« fügte er plötzlich hinzu; »also hier, Georg!« diesem eine Rolle Banknoten hinreichend, die er aus seiner Brieftasche genommen hatte.
»Nein, nein, mein guter, guter Herr!« sagte Georg; »Sie haben so viel für mich gethan, und dies könnte Sie in Verlegenheit bringen. Ich habe Geld genug, hoffe ich, um mich so weit zu bringen, wie ich nöthig habe.«
»Nein, aber Du mußt, Georg. Geld ist eine große Hülfe überall; -- man kann nicht zu viel haben, wenn's ehrlich gewonnen ist. Nimm es, -- bitte, nimm es, nun, -- nimm es, mein Junge!«
»Unter der Bedingung, daß ich es später zurückzahlen darf, will ich es annehmen,« sagte Georg.
»Und nun, Georg, wie lange denkst Du auf diese Weise zu reisen? -- nicht lange oder weit, hoffe ich. 'S ist gut angefangen, aber zu dreist. Und der schwarze Bursche, -- wer ist das?«
»Ein treuer Mensch, der länger als vor Jahresfrist nach Kanada ging. Nachdem er dorthin gelangt war, hörte er, daß sein Herr über sein Entlaufen so zornig geworden sei, daß er seine arme alte Mutter gepeitscht habe; und er ist deshalb den ganzen Weg zurückgekommen, um sie zu trösten und sie mit fortzunehmen.«
»Hat er sie?«
»Noch nicht; er ist lange Zeit um den Ort herum geschlichen, aber hat noch keine Gelegenheit gefunden. Inzwischen will er mich bis nach Ohio begleiten, um mich zu Freunden zu bringen, die ihm geholfen haben, und dann will er wieder hierher zurückkehren.«
»Gefährlich, sehr gefährlich!« sagte der alte Mann.
Georg richtete sich auf und lächelte stolz.
Der alte Mann betrachtete ihn von Kopf bis zu Füßen mit einer Art unschuldiger Verwunderung.
»Georg, irgend Etwas hat Dich erstaunlich verändert. Du trägst Deinen Kopf, und sprichst und bewegst Dich grade wie ein anderer Mensch,« sagte Mr. Wilson.
»Weil ich ein =freier Mensch= bin,« sagte Georg stolz. »Ja, Herr, ich habe zum letzten Male zu irgend einem Menschen >Master< gesagt. =Ich bin frei!=«
»Sieh Dich vor! Du bist noch nicht sicher, -- Du könntest wieder gefangen werden.«
»Alle Menschen sind frei und gleich im Grabe, wenn es dahin kommen sollte, Mr. Wilson,« entgegnete Georg.
»Ich bin vollständig erstarrt vor Deiner Dreistigkeit!« sagte Mr. Wilson, -- »grade hierher in das nächste Wirthshaus zu kommen!«
»Mr. Wilson, es ist =so= dreist, und dieses Wirthshaus ist =so= nahe, daß Niemand je daran denken wird; man wird mich weiter voraus suchen, und Sie selbst würden mich nicht kennen. Jim's Master wohnt nicht in dieser Gegend; es kennt ihn hier Niemand. Ueberdies ist er längst vergessen; Niemand sucht ihn mehr, und Niemand wird mich nach der Bekanntmachung erkennen, glaube ich.«
»Aber das Zeichen an Deiner Hand.«
Georg zog seinen Handschuh aus und zeigte eine frisch geheilte Wunde an seiner Hand.
»Das ist ein Liebeszeichen, was Mr. Harris mir zum Abschiede gegeben hat,« sagte Georg spöttisch. »Vor ungefähr vierzehn Tagen kam es ihm in den Kopf, mir dies zu geben, weil er, wie er sagte, glaubte, daß ich dieser Tage davon laufen werde. Sieht es nicht interessant aus?« fügte er hinzu, indem er seinen Handschuh wieder anzog.
»Ich versichere Dich, Georg, mein Blut wird kalt wie Eis, wenn ich daran denke, -- an Deine Lage und Deine Gefahren!« sagte Mr. Wilson.
»Das meinige ist manches lange Jahr kalt gewesen; -- jetzt ist es ungefähr im Siedepunkte,« entgegnete Georg.
»Und nun, mein guter Herr,« fuhr Georg nach einer Pause von wenigen Minuten fort, »ich bemerkte, daß Sie mich erkannten; und so dachte ich, es wäre am besten, wenn ich eine Unterredung hier mit Ihnen hätte, damit mich Ihre verwunderten Blicke nicht verrathen möchten. Ich reise morgen früh, vor Tagesanbruch, wieder ab, und gedenke morgen Abend in Ohio in Sicherheit zu schlafen. Ich werde bei Tage reisen, in den besten Gasthöfen logiren, und mit den Herren des Landes an einer Tafel speisen. Also leben Sie wohl, lieber Herr; und wenn Sie hören sollten, daß ich gefangen worden bin, so können Sie als gewiß annehmen, daß ich todt bin!«
Georg stand wie ein Fels, und streckte seine Hand mit der Miene eines Fürsten aus. Der gutmüthige, kleine alte Mann drückte sie herzlich, und nahm sodann vorsichtig seinen Regenschirm und suchte tappend seinen Weg zum Zimmer hinaus.
Georg schaute ihm gedankenvoll nach, als der alte Mann die Thüre schloß. Ein Gedanke schien plötzlich in ihm aufzusteigen; er eilte zur Thüre, öffnete sie und sagte:
»Mr. Wilson, noch auf ein Wort!«
Der alte Herr kehrte in's Zimmer zurück, und Georg schloß, wie zuvor, die Thür ab, und stand dann einige Augenblicke lang still, unschlüssig auf den Boden schauend. Endlich seinen Kopf mit plötzlicher Anstrengung erhebend, sagte er:
»Mr. Wilson, Sie haben sich mir in der Behandlung, die ich von Ihnen erfahren habe, als ein Christ gezeigt, -- ich wollte Sie um einen letzten christlichen Liebesdienst bitten.«
»Gut, Georg, was ist's?«
»Was Sie vorher sagten, -- ist wahr; ich setze mich einer entsetzlichen Gefahr aus. Es gibt auf der ganzen Erde keine lebende Seele, die sich darum kümmert, wenn ich umkomme,« sagte er mit schwerem Athem und mit großer Anstrengung, -- »man wird mich mit dem Fuße auf die Seite stoßen und wie einen Hund einscharren, und kein Mensch wird den folgenden Tag mehr daran denken, -- nur =mein armes Weib=! Arme Seele! sie wird trauern und sich abhärmen. -- Wenn es Ihnen nur möglich wäre, Mr. Wilson, ihr diese Busennadel zu senden. Sie gab sie mir einst zum Weihnachtsgeschenke, das arme Wesen! Geben Sie sie ihr, und sagen Sie ihr, daß ich sie bis zum letzten Augenblicke lieben würde. Wollen Sie? =wollen= Sie es thun?« fügte er dringend hinzu.
»Ja, sicher, -- mein armer Junge!« sagte der alte Herr, die Nadel nehmend, mit nassen Augen und einem melancholischen Zittern seiner Stimme.
»Sagen Sie ihr dieses Eine noch,« fuhr Georg fort; »es ist mein letzter Wunsch, -- nach Kanada zu gehen, wenn sie irgend hinkommen könne. Gleichviel, wie gut ihre Mistreß sei, -- gleichviel, wie sehr sie an ihrer Heimath hänge; bitten Sie sie, nicht dahin zurückzukehren, -- denn Sklaverei endet immer in Elend. Sagen Sie ihr, sie solle unser Kind zu einem freien Menschen erziehen, dann werde er nicht das erdulden müssen, was ich erduldet habe. Sagen Sie ihr dies, Mr. Wilson, -- wollen Sie?«
»Ja, Georg, ich will es ihr sagen; aber ich hoffe, Du wirst nicht sterben; fasse Muth, -- bist ja ein braver Bursche. Vertraue auf Gott, Georg. Ich wünschte nur, Du wärest erst glücklich durch, -- das ist mein Wunsch.«
»Gibt es einen Gott, auf den man vertrauen kann?« sagte Georg in einem Tone so bitterer Verzweiflung, daß der alte Mann dadurch in seiner Rede stockte. »O ich habe mein ganzes Leben lang so viele Dinge gesehen, die in mir das Gefühl erzeugt haben, daß es keinen Gott geben könne. Ihr Christen wißt nicht, wie uns diese Dinge erscheinen. Für Euch gibt es einen Gott, -- aber nicht für uns.«
»O nein, sprich nicht so -- nicht so, mein Junge!« sagte der alte Mann beinahe schluchzend; »laß nicht solche Gedanken aufkommen. Es gibt -- es gibt einen Gott; Wolken und Dunkel ist um ihn her, aber Gerechtigkeit und Gericht ist seines Stuhles Festung. Es lebt ein Gott, Georg! -- glaube an Ihn, vertraue auf Ihn, und Er wird Dir sicher helfen. Er wird Alles in Ordnung bringen, wenn nicht in dieser, doch in einer anderen Welt.«
Die wahrhafte Frömmigkeit und Güte des schlichten, alten Mannes verlieh ihm momentan, während er sprach, eine Art Würde. Georg hielt in seinem verzweifelten Laufe das Zimmer auf und nieder inne, blieb einen Augenblick gedankenvoll stehen und sagte dann ruhig:
»Ich danke Ihnen für das, was Sie mir gesagt haben, mein guter Freund; -- ich will =daran denken=!«
End of Project Gutenberg's Onkel Tom's Hütte, by Harriet Beecher Stowe